V. Der Siegeszug der Moderne

Lite­ra­tur: Dou­glass C. North, Insti­tu­ti­ons, Insti­tu­tio­nal Chan­ge and Eco­no­mic Per­for­mance, Cam­bridge 1990; Nathan Rosenberg/L. E. Bird­zell, How the West Grew Rich. The Eco­no­mic Trans­for­ma­ti­on of the Indus­tri­al World, New York 1986; dies., Indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on und Pro­spe­ri­tät, Spek­trum der Wis­sen­schaft, Janu­ar 1991, 108–120; Keníchi Tomi­na­ga, Max Weber and the Moder­ni­za­ti­on of Chi­na and Japan, in: Mel­vin L. Kohn (Hg.), Cross-Natio­nal Rese­arch in Socio­lo­gy, New­bury Park 1989, S. 125–146; Max Weber, Gesam­mel­te Auf­sät­ze zur Reli­gi­ons­so­zio­lo­gie, Bd. 1, 1920.

Die moder­ne Gesell­schaft erhielt ihre Prä­gung durch die soge­nann­te indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on, die alle Struk­tu­ren ver­än­dert und nicht zuletzt jene Arbeits­tei­lung oder funk­tio­na­le Dif­fe­ren­zie­rung her­vor­ge­bracht hat, von der bei Durk­heim die Rede ist. Vor allem aber hat die Indus­tria­li­sie­rung den Reich­tum der west­li­chen Indus­trie­na­tio­nen begrün­det und damit das wirt­schaft­li­che Ungleich­ge­wicht ver­ur­sacht, das sich zwi­schen den Natio­nen, zwi­schen Ost und West, Nord und Süd, seit etwa 250 Jah­ren ent­wi­ckelt hat. Die Fra­ge, war­um die moder­ne Indus­trie­ge­sell­schaft sich zunächst nur in einem Teil der west­li­chen Welt ent­wi­ckelt hat, gibt noch immer Rät­sel auf. Frag­los waren natur­wis­sen­schaft­lich-tech­ni­sche Kennt­nis­se eine wesent­li­che Vor­aus­set­zung. Aber sie kön­nen nicht allein ent­schei­dend gewe­sen sein. Sol­che Kennt­nis­se ver­brei­ten sich schnell und kön­nen daher nur zu einem zeit­lich begrenz­ten Vor­sprung ver­hol­fen haben.

Natür­li­che Res­sour­cen, ins­be­son­de­re Boden­schät­ze, sind kaum als Ursa­che oder auch nur als Vor­aus­set­zung der Moder­ni­sie­rung anzu­se­hen. Japan besitzt weit weni­ger Boden­schät­ze als etwa Indo­ne­si­en, Mexi­ko oder Russ­land. Den­noch ist sei­ne Wirt­schaft viel stär­ker gewach­sen. Erst recht spricht die Ent­wick­lung der Stadt­staa­ten Hong­kong und Sin­ga­pur — oder frü­her Vene­digs — dage­gen, natür­li­chen Reich­tum als Ursa­che der wirt­schaft­li­chen Pro­spe­ri­tät anzu­se­hen. Auch die ver­brei­te­te Vor­stel­lung, der Reich­tum der west­li­chen Welt habe sei­ne Ursa­che in aus­beu­te­ri­scher Kolo­ni­sa­ti­on, ist so nicht halt­bar. Por­tu­gal und Spa­ni­en, einst die größ­ten Kolo­ni­al­mäch­te, sind in ihrer wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung erheb­lich hin­ter ande­ren west­li­chen Natio­nen zurück­ge­blie­ben. Deutsch­land, Frank­reich und Ita­li­en erreich­ten wirt­schaft­li­che Pro­spe­ri­tät, bevor sie zu Kolo­ni­al­mäch­ten wur­den. Ande­re pro­spe­rie­ren­de Län­der wie Nor­we­gen und die Schweiz haben sich nie als Kolo­ni­al­mäch­te betä­tigt. Allen­falls die The­se, dass der Impe­ria­lis­mus west­li­cher Indus­trie­na­tio­nen die Ent­wick­lung ande­rer Län­der behin­dert habe, lässt sich ver­tre­ten. Eben­so wenig kann das all­ge­mei­ne kul­tu­rel­le Niveau – wenn es so etwas denn gibt – ent­schei­dend gewe­sen sein. Man kann dem Euro­pa des 18. Jahr­hun­derts kaum eine ela­bo­rier­te­re Kul­tur zuschrei­ben als etwa dem Chi­na der glei­chen Zeit. Auch die ara­bi­sche Kul­tur war sicher­lich in kei­ner Wei­se rück­stän­dig.

Die Moder­ne ver­dankt ihre Ent­ste­hung wohl einer spe­zi­fi­schen Kon­stel­la­ti­on von wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Neue­run­gen und gesell­schaft­li­chen Rahmen­bedingungen (Rosenberg/Birdzell 19861991). Dafür bie­tet Max Webers Sozio­lo­gie immer noch die bes­te Erklä­rung. Sei­ne Reli­gi­ons-, Wirt­schafts- und Rechts­so­zio­lo­gie berück­sich­tigt Ost und West, oder, wie Weber es aus­drückt, Ori­ent und Okzi­dent, ins­be­son­de­re im Ver­gleich des moder­nen Euro­pa mit dem tra­di­tio­nel­len Chi­na. Für sein Werk ist die evo­lu­tio­nä­re The­se zen­tral, dass sich die west­li­chen Gesell­schaf­ten in Rich­tung auf ratio­na­le sozia­le Struk­tu­ren ent­wi­ckelt haben, und dass die ratio­na­li­sier­tes­te Wirt­schafts­form der Kapi­ta­lis­mus ist, wel­cher wie­der­um untrenn­bar mit der moder­nen büro­kra­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on als ratio­na­li­sier­tes­ter Herr­schafts­form ver­bun­den ist. Für Weber ist Moder­ni­tät eine ein­zig­ar­ti­ge Ent­wick­lung in der west­li­chen Geschich­te. Sei­ne zen­tra­le Fra­ge war:

»Wel­che Ver­ket­tung von Umstän­den hat dazu geführt, dass gera­de auf dem Boden des Okzi­dents, und nur hier, Kul­tur­er­schei­nun­gen auf­tra­ten, wel­che doch — wie wir uns wenigs­tens gern vor­stel­len — in einer Ent­wick­lungs­rich­tung von uni­ver­sel­ler Bedeu­tung und Gül­tig­keit lagen?« (Weber 1920:1).

Weber ant­wor­tet mit einer lan­gen Auf­zäh­lung von Merk­ma­len, die er in moder­nen west­li­chen Gesell­schaf­ten fand, aber im tra­di­tio­nel­len Chi­na ver­miss­te. Tomi­na­ga (1989) hat die Lis­te auf vier Haupt­ka­te­go­ri­en gekürzt:

  • der Geist der Wis­sen­schaft­lich­keit als Motiv wis­sen­schaft­lich-tech­ni­scher Moder­ni­sie­rung,
  • der Geist des Kapi­ta­lis­mus als Motiv wirt­schaft­li­cher Moder­ni­sie­rung,
  • der Geist der Demo­kra­tie als Motiv poli­ti­scher Moder­ni­sie­rung,
  • der Geist der Ratio­na­li­tät als Motiv der sozio-kul­tu­rel­len Moder­ni­sie­rung.

Es war die­se spe­zi­fi­sche Kom­bi­na­ti­on von Umstän­den, die zusam­men die »Moder­ni­sie­rung« west­li­cher Gesell­schaf­ten zur Fol­ge hat­ten. Der Geist des Pro­tes­tan­tis­mus, den Weber als Trieb­fe­der der kapi­ta­lis­ti­schen Ent­wick­lung in Eng­land und in den USA ent­deck­te, genüg­te dazu allein nicht. Er erklärt nur den inter­nen Aspekt des Unter­neh­mer­tums. Ein Aspekt, den Weber nicht hin­rei­chend aus­ge­ar­bei­tet hat, ist aus heu­ti­ger Sicht die pho­ne­ti­sche oder buch­sta­ben­schrift, die sich etwa seit dem 8. vor­christ­li­chen Jahr­hun­dert in Grie­chen­land ent­wi­ckel­te. Sie ist ver­mut­lich die Mut­ter jener ratio­na­lis­ti­schen Welt­sicht, die den Angel­punkt der Rechts­so­zio­lo­gie Max Webers bil­det.[1]

Dass der Geist des Pro­tes­tan­tis­mus in unter­neh­me­risch wirt­schaft­li­cher Betä­ti­gung – und nicht etwa in Wis­sen­schaft oder Kunst – sei­nen Aus­druck gefun­den hat, bedarf einer zusätz­li­chen Erklä­rung: Die Ent­ste­hung eines frei­en Mark­tes hat­te bereits den Weg für die indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on geöff­net. Seit dem 12. Jahr­hun­dert hat­te in West­eu­ro­pa ganz all­mäh­lich der Über­gang zu frei­en Märk­ten begon­nen. Mehr und mehr wur­de der wirt­schaft­li­che Aus­tausch, der bis dahin nor­ma­tiv nach mehr oder weni­ger fes­ten Regeln gelenkt wor­den war, frei­en Ver­trags­be­zie­hun­gen über­las­sen. Nicht zuletzt die wis­sen­schaft­li­che Auf­klä­rung und ihre poli­ti­sche Schwes­ter, der revo­lu­tio­nä­re Ruf nach Frei­heit und Gleich­heit, dräng­ten die stän­di­schen Struk­tu­ren zuguns­ten des Mark­tes zurück, der dann im Ver­ein mit Wis­sen­schaft und Tech­nik sei­ne bis dahin unge­ahn­ten Kräf­te ent­fal­ten konn­te.

Der Markt ist aber nur die Kehr­sei­te des Rechts. So ist es kein Zufall, dass die Ent­ste­hung des Mark­tes genau mit jenen Ent­wick­lungs­schrit­ten ver­bun­den ist, die für Weber an der Rechts­tra­di­ti­on des Wes­tens ein­zig­ar­tig waren. Dies sind die streng begriff­li­che Denk­wei­se des römi­schen Rechts und des auf ihm auf­bau­en­den west­li­chen Rechts, die Her­aus­bil­dung eines auto­no­men Rechts­staats, der moder­ne Staat als ein poli­ti­scher Zusam­men­schluss mit einer ratio­nal kon­zi­pier­ten Ver­fas­sung, die schritt­wei­se Erset­zung par­ti­ku­la­ren Rechts (bestimm­ter Grup­pen oder Regio­nen) durch ein­heit­li­che natio­na­le Regeln, eine an ratio­nal erlas­se­nen Geset­zes­re­geln ori­en­tier­te Ver­wal­tung, voll­zo­gen von aus­ge­bil­de­ten Beam­ten, und der Auf­stieg des Zweck­ver­trags als Mit­tel, den frei­en Aus­tausch von Waren und Arbeit zu gestal­ten.

Mit Webers Theo­rie für den Auf­stieg des Wes­tens, der um 1400 noch weit hin­ter der Ent­wick­lung in Chi­na zurück­lag, kon­kur­riert die Erklä­rung des Wirt­schafts­his­to­ri­kers Dou­glass North (der dafür den Nobel­preis erhal­ten hat). Er ver­mu­te­te, ein wesent­li­cher Grund für den Auf­stieg der west­li­chen Welt sei im poli­tisch-mili­tä­ri­schen und im wirt­schaft­li­chen Wett­be­werb der Staa­ten in Euro­pa zu suchen. In die­sem Wett­be­werb hät­ten die­je­ni­gen einen Vor­sprung gewon­nen, die durch die Ent­wick­lung oder Nach­ah­mung geeig­ne­ter Insti­tu­tio­nen die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung am bes­ten för­der­ten. Im Gegen­satz dazu ten­dier­ten gro­ße Ein­heits­rei­che wie das chi­ne­si­sche, das per­si­sche oder das römi­sche nach anfäng­li­cher Kon­so­li­die­rung zur Sta­gna­ti­on.

Wenn wir Max Weber fol­gen und anneh­men, dass die Ent­wick­lung des moder­nen west­li­chen Rechts mit der Her­aus­bil­dung der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se ein­her­geht, so müss­ten wir heu­te, nach­dem Indus­tria­li­sie­rung und frei­er Markt sich bei­na­he über­all durch­ge­setzt haben, die glo­ba­le Domi­nanz west­li­chen Rechts beob­ach­ten kön­nen. Natür­lich ist dies eine sehr wei­te und all­ge­mei­ne Hypo­the­se. Es scheint fast aus­ge­schlos­sen, sie in die­ser Form empi­risch zu tes­ten. Des­we­gen dürf­te es ertrag­rei­cher sein, auf sol­che Ent­wick­lun­gen zu ach­ten, die nicht ins Bild pas­sen. Max Weber hat­te sein Eng­land-Pro­blem, weil Eng­land die Wie­ge des Kapi­ta­lis­mus war, obwohl eng­li­sches com­mon law nicht den Stan­dards »ratio­na­len« Rechts ent­sprach. Die for­ma­le Ratio­na­li­tät als sol­che ist jedoch in ers­ter Linie eine inter­ne Qua­li­tät des juris­ti­schen Den­kens. Die Ent­ste­hung des Kapi­ta­lis­mus setz­te dage­gen als Kal­ku­la­ti­ons­grund­la­ge Rechts­si­cher­heit vor­aus. Die­se kann aber, wie Weber selbst her­vor­hob, durch ein Prä­ju­di­zi­en­recht glei­cher­ma­ßen, wenn nicht sogar bes­ser gewähr­leis­tet wer­den. Heu­te gilt unter Juris­ten Eng­land als der wirt­schafts­freund­li­che­re Stand­ort, weil »ratio­na­le« Über­re­gu­lie­rung auf dem Kon­ti­nent zu Rechts­un­si­cher­heit geführt hat. In der japa­ni­schen Erfolgs­sto­ry stellt sich das Eng­land-Pro­blem von heu­te.

Der Markt ist sozu­sa­gen gegen das Recht ent­stan­den. Heu­te kann er nur noch durch das Recht auf­recht­erhal­ten, oder, wo er noch nicht oder nicht mehr exis­tiert, durch das Recht instal­liert wer­den. Das moder­ne Recht ist frei­lich von ande­rer Art. Im Gegen­satz zu dem tra­di­tio­nel­len, plu­ra­lis­ti­schen Recht, das der Markt ver­drängt hat, ist das moder­ne Recht, das den Markt pflegt oder gar erst ein­rich­tet, ein regu­la­ti­ves, monis­tisch-staat­li­ches Recht.



[1] Vgl. dazu Jack Goody/Jan Watt, Kon­se­quen­zen der Lite­ra­li­tät, in: Goody/Watt/Kathleen Gough (Hg.) Ent­ste­hung und Fol­gen der Schrift­kul­tur, 1986, 63–122, S. 118.

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