III. Die Entwicklungstheorien von Luhmann und Habermas

1)                          Positivierung des Rechts als Kennzeichen einer modernen Gesellschaft

Lite­ra­tur: Luh­mann, Evo­lu­ti­on und Geschich­te, in: ders., Sozio­lo­gi­sche Auf­klä­rung Bd. 2, 150 ff.; ders., Sys­tem­theo­rie, Evo­lu­ti­ons­theo­rie und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­rie, in: ders., Sozio­lo­gi­sche Auf­klä­rung Bd. 2, 193 ff.; ders., Dif­fe­ren­tia­ti­on of Socie­ty, Cana­di­an Jour­nal of Socio­lo­gy 2, 1977, 29 ff.; ders., Evo­lu­ti­on des Rechts, in: ders., Aus­dif­fe­ren­zie­rung des Rechts, 1981, 7 ff.; ders., Aus­dif­fe­ren­zie­rung des Rechts­sys­tems, in: ders., Aus­dif­fe­ren­zie­rung des Rechts, 1971, 35 ff.; vgl. fer­ner die Lite­ra­tur vor § 46.

Schon der frü­he Luh­mann hat­te auf der Grund­la­ge der funk­tio­nal-struk­tu­rel­len Sys­tem­theo­rie eine Evo­lu­ti­ons­theo­rie ent­wor­fen. Ihr gro­ßes The­ma ist die Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Gesell­schaft in immer neue sozia­le Sys­te­me und damit ver­bun­den eine immense Stei­ge­rung ihrer Kom­ple­xi­tät (vgl. § 46, 2). Luh­mann nimmt an, dass sich Evo­lu­ti­on in drei Schrit­ten voll­zieht, die er Varia­ti­on, Selek­ti­on und Sta­bi­li­sie­rung nennt. Varia­ti­on ist die durch Zufall oder wie auch immer erzeug­te Mög­lich­keit neu­er For­men oder Alter­na­ti­ven. In der Bio­lo­gie spricht man von Muta­tio­nen. Aus einer Viel­zahl sol­cher Neue­run­gen wer­den die­je­ni­gen aus­ge­wählt, die den Anfor­de­run­gen der Umwelt am bes­ten ange­paßt sind. Dar­win sprach vom Über­le­ben im Kampf um das Dasein (sur­vi­val of the fit­test). Der Sozio­lo­ge redet abs­trak­ter von Selek­ti­on. Schließ­lich müs­sen die so aus­ge­wähl­ten Neue­run­gen zur Nor­ma­li­tät wer­den. In der Bio­lo­gie geht es um die Repro­duk­ti­on der brauch­ba­ren For­men, also um Ver­meh­rung. Für die Gesell­schaft spricht Luh­mann von der Sta­bi­li­sie­rung neu­er Mög­lich­kei­ten im Sys­tem. Im Rechts­sys­tem soll­te die Varia­ti­on auf der Norm­ebe­ne statt­fin­den, die Selek­ti­on in insti­tu­tio­nel­len Struk­tu­ren, ins­be­son­de­re Ver­fah­ren, und die Sta­bi­li­sie­rung durch begriff­lich dog­ma­ti­sche Ver­fes­ti­gung. Die­se drei Schrit­te der Evo­lu­ti­on tref­fen auf den ver­schie­de­nen Ent­wick­lungs­stu­fen der Gesell­schaft auf unter­schied­li­che Vor­aus­set­zun­gen, aus denen sich jeweils spe­zi­fi­sche Pro­ble­me der Rechts­ent­wick­lung erge­ben sol­len.

Archai­sche Gesell­schaf­ten, in denen Seg­men­tie­rung das domi­nan­te Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zip der Gesell­schaft ist, haben das Pro­blem, über­haupt Alter­na­ti­ven im Sin­ne neu­er Norm­vor­stel­lun­gen zu erzeu­gen. Die Stel­lung des ein­zel­nen in der Gesell­schaft ist durch Ver­wandt­schaft und Alter vor­ge­ben. Was man von ande­ren zu erwar­ten hat, bestimmt in die­sem Rah­men allein die Tra­di­ti­on. Es fehlt ein aus­ge­präg­tes Zeit­ge­fühl. Man lebt in der Gegen­wart. Ver­gan­gen­heit und Zukunft sind magi­schen Mäch­ten aus­ge­lie­fert. Man kommt gar nicht erst auf neue Ide­en, so dass die­se sich auch nicht durch­set­zen und fest­ge­schrie­ben wer­den müs­sen.

Varie­tät stellt sich erst nach einer ers­ten Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Gesell­schaft ein. Mit der Her­aus­bil­dung einer hier­ar­chi­schen Ord­nung ent­ste­hen Herr­schafts­zen­tren, die zu einer Wil­lens­bil­dung fähig sind. Wei­te­re Ansät­ze zu neu­en Norm­vor­stel­lun­gen fol­gen aus der Aus­dif­fe­ren­zie­rung beson­de­rer Ein­rich­tun­gen zur Pfle­ge der Reli­gi­on und aus den ein­set­zen­den Han­dels­strö­men. Luh­mann meint, in die­ser Pha­se — die letzt­lich bis ins 18. oder gar 19. Jahr­hun­dert gedau­ert hat — habe der Eng­paß der Ent­wick­lung in der unzu­rei­chen­den Kapa­zi­tät von Ent­schei­dungs­ver­fah­ren gele­gen. Es gab allen­falls Ansät­ze sol­cher Ver­fah­ren. Noch im Mit­tel­al­ter wur­den Neue­run­gen oft als Wie­der­ent­de­ckung älte­ren Rechts, not­falls mit Hil­fe von Urkun­den­fäl­schun­gen, aus­ge­ge­ben. Unter die­sen Umstän­den konn­te man sich noch nicht vor­stel­len, dass alles Recht änder­bar ist. Das Natur­recht, das in der zwei­ten Hälf­te die­ser Epo­che sei­ne Blü­te­zeit erleb­te, hat­te sei­ne Funk­ti­on dar­in, die Gren­zen des Änder­ba­ren fest­zu­le­gen.

In der Neu­zeit ist die Varia­ti­on der Anfor­de­run­gen an das Recht gren­zen­los gewor­den. Wir leben in einer plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft, in der jeder ande­re Vor­stel­lun­gen dar­über hat, wie das Recht sein soll­te. Nun­mehr gibt es aber auch Ent­schei­dungs­ver­fah­ren, die eine Aus­wahl aus der Fül­le der Norm­zu­mu­tun­gen tref­fen kön­nen. Die gro­ße Leis­tungs­fä­hig­keit des moder­nen Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens beruht nach Mei­nung Luh­manns vor allem dar­auf, dass es den Vor­gang der Rechts­set­zung von der Rechts­an­wen­dung im Ein­zel­fall getrennt und auf Gesetz­ge­bung und Geset­zes­voll­zug durch Recht­spre­chung und Ver­wal­tung ver­teilt hat. Wir leben in der Zeit des posi­ti­ven Rechts, in der Recht nur kraft Ent­schei­dung gilt und alles Recht geän­dert wer­den kann (vgl. § 47, 2).

Der Eng­paß die­ser jüngs­ten Ent­wick­lung — so Luh­mann — liegt bei dem drit­ten Evo­lu­ti­ons­schritt, der Sta­bi­li­sie­rung der selek­tier­ten Lösun­gen. Die­se — so sei­ne Vor­stel­lung — geschieht mit Hil­fe der juris­ti­schen Dog­ma­tik. Die vor­han­de­ne Dog­ma­tik ist aber noch zu sehr auf Rechts­an­wen­dung zuge­schnit­ten, ent­spricht also dem her­kömm­li­chen Sub­sum­ti­ons­mo­dell. Sie kon­zen­triert sich ganz auf die Anwen­dung schon vor­han­de­ner Nor­men und hin­dert damit das Ent­ste­hen eines »ler­nen­den Rechts«. Was nach Luh­mann fehlt, ist eine »eigent­lich rechts­po­li­ti­sche Begriff­lich­keit, die es gestat­te­te, ver­schie­de­ne Pro­blem­lö­sun­gen in ihren Kon­se­quen­zen zu ver­glei­chen, kri­ti­sche Erfah­run­gen zu machen, Erfah­run­gen aus ver­schie­de­nen Rechts­be­rei­chen zu ver­glei­chen, kurz: zu ler­nen« (Evo­lu­ti­on des Rechts S. 19). Es geht dar­um, den Pro­zeß der Nor­men­se­lek­ti­on, also ins­be­son­de­re den Pro­zeß der Gesetz­ge­bung, zu ratio­na­li­sie­ren, so wie im 19. Jahr­hun­dert der Pro­zeß der Rechts­an­wen­dung ver­wis­sen­schaft­licht wur­de. Luh­mann fährt fort:

»Infol­ge­des­sen führt die moder­ne Gesetz­ge­bung zur unüber­sicht­li­chen Anhäu­fung von kon­kre­ten, ad hoc sinn­vol­len Rege­lun­gen und zur lau­fen­den Arbeit an auf­ge­tre­te­nen Män­geln, ohne dass die sie lei­ten­de Begriff­lich­keit eine sach­li­che Kon­trol­le in Rich­tung auf Ver­bes­se­rung ermög­lich­te. Das wie­der­um macht einen sehr kon­kre­ten, fast noch archai­schen Stil von Poli­tik unver­meid­lich, der sich auf per­so­na­le Herr­schafts­ap­pa­ra­te, Bezie­hun­gen und wech­sel­sei­ti­ge För­de­rung hand­greif­li­cher Inter­es­sen stützt.« (a. a. O. S. 31)

An ande­rer Stel­le ist inso­weit von »tri­ba­len Ver­hal­tens­mus­tern« die Rede. Wie genau die­se For­mu­lie­rung die poli­ti­sche Wirk­lich­keit trifft, hat 1984 das Ver­hal­ten der FDP bei der Behand­lung des geplan­ten Amnes­tie­ge­set­zes für Steu­er­sün­der gezeigt, als ein Lan­des­ver­band nach dem ande­ren der Par­tei­spit­ze die Gefolg­schaft ver­sag­te. Ein Bei­spiel, wie die neue Begriff­lich­keit aus­se­hen könn­te, mit der sich sol­che Ver­hält­nis­se über­win­den lie­ßen, gibt Luh­mann nicht. Mit ihm wäre die Lösung aber auch schon greif­bar, der Eng­pass kein sol­cher mehr.

Gleich­zei­tig mit dem Rechts­sys­tem selbst ent­wi­ckelt sich auch sei­ne Umwelt. Inter­es­san­ter als die rechts­in­ter­ne Ent­wick­lung ist eigent­lich die Fra­ge, wie das Recht auf Ver­än­de­run­gen in sei­ner Umwelt reagiert. Die struk­tu­rell-funk­tio­na­le Theo­rie Luh­manns war umwelt­of­fen, d. h., sie nahm an, dass Ver­än­de­run­gen in ande­ren Teil­sys­te­men der Gesell­schaft unmit­tel­bar auf das Recht ein­wir­ken. Mit der sog. auto­po­ie­ti­schen Wen­de (seit 1984) hat Luh­mann jedoch die ver­schie­de­nen Teil­sys­te­me der Gesell­schaft von­ein­an­der abge­schot­tet. Damit wer­den die Sys­te­me den Arten in der Natur ver­gleich­bar. Sie ändern sich lau­fend. Sie kön­nen sogar unter­ge­hen und auch neu ent­ste­hen. Aber sie behal­ten doch über einen lan­gen Zeit­raum ihre Iden­ti­tät, auch wenn sich um sie her­um vie­les oder alles ändert. Die Auto­po­ie­se des Sys­tems wirkt als Gren­ze der Evo­lu­ti­on. Auto­po­ie­se bedeu­tet ja, dass sich das Sys­tem lau­fend aus sei­nen eige­nen Bestand­tei­len erneu­ert. Ver­än­de­run­gen in der Umwelt wir­ken also nicht umit­tel­bar, son­dern wer­den nach sys­tem­ei­ge­nen Gesichts­punk­ten gefil­tert.

»Das Auf­tre­ten von Auto­po­ie­se bedeu­tet für das Recht­sys­tem eine Ver­la­ge­rung der Evo­lu­ti­ons­funk­ti­on nach innen, einer Inter­na­li­sie­rung der Mecha­nis­men für Varia­ti­on, Selek­ti­on und Reten­ti­on in das Recht selbst. Die­se Inter­na­li­sie­rung ver­la­gert die Dyna­mik der Evo­lu­ti­on aus der Umwelt in das Sys­tem und ord­net sie der Logik der Auto­po­ie­se unter« mit der Fol­ge, »dass exter­ne Mecha­nis­men nur noch ›modu­lie­rend‹ auf Rechts­ent­wick­lun­gen ein­wir­ken kön­nen …« (Teub­ner 1989, S. 72)

An die Stel­le einer direk­ten Anpas­sung des Rechts an sei­ne Umwelt tritt die Coevo­lu­ti­on des Rechts­sys­tems mit den Sys­te­men in sei­ner Umwelt.

Die­sem spe­zi­el­len sys­tem­theo­re­ti­schen Ansatz fol­gen heu­te ins­be­son­de­re Amstutz, Teub­ner und Ves­ting. Er pro­du­ziert höchst ela­bo­rier­te For­mu­lie­run­gen, fin­det aber kaum zu Sach­aus­sa­gen, die nicht auch ohne den theo­re­ti­schen Über­bau ein­sich­tig wären.

Die Bei­spie­le, mit denen Teub­ner (1989, S. 72 ff.) das Gegen­teil demons­trie­ren möch­te, über­zeu­gen mich nicht. So erfah­ren wir hier, die ver­brei­te­te Kla­ge über die »Ent­eig­nung von Kon­flik­ten« (u. § XXX < Chris­tie, 1976) erklä­re sich nicht dar­aus, dass der Streit der Par­tei­en in die Fach­spra­che der Juris­ten über­setzt wer­de; viel­mehr wür­den die sozia­len Kon­flik­te »im Rechts­sys­tem auto­nom als Rechts­kon­flik­te, als Kon­flikt diver­gie­ren­der Rechts­be­haup­tun­gen oder diver­gie­ren­der Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen rekon­stru­iert« (S. 74). Gegen Behaup­tung Hay­eks, Varia­ti­ons- und Selek­ti­ons­pro­zes­se der kul­tu­rel­len Evo­lu­ti­on garan­tier­ten, »dass spon­ta­ne Ord­nun­gen ange­mes­se­ne Rechts­re­geln her­aus­bil­de­ten, wäh­rend poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen der sozia­len Ord­nung ihre Regeln kon­struk­ti­vis­tisch auf­ok­troy­ier­ten, wen­det Teub­ner ein, die sys­tem­theo­re­ti­sche Ver­si­on der Evo­lu­ti­ons­theo­rie zei­ge bei Hay­ek eine »gro­tes­ke Über­be­wer­tung von Gewohn­heits­recht und ähn­lich ›spon­tan› gebil­de­ten Ord­nun­gen und eine unge­recht­fer­tig­te Abwer­tung poli­ti­scher Nor­mie­run­gen«. Mit die­sem Ergeb­nis bin ich durch­aus ein­ver­stan­den. Die Sys­tem­theo­rie hin­dert Teub­ner und ande­re Anhän­ger aber nicht, ihrer­seits spon­ta­ne Ord­nung etwa im Inter­net oder im trans­na­tio­na­len Bereich »gro­tesk« zu über­trei­ben.

Immer­hin rückt die sozio­lo­gi­sche Theo­rie so ein Stück näher an die bio­lo­gi­sche Evo­lu­ti­ons­theo­rie, weil sie im Sys­tem eine Ana­lo­gie für die Arten gefun­den hat. Damit kann sie auch die Unter­schei­dung zwi­schen Phy­lo­ge­ne­se und Onto­ge­ne­se über­neh­men. Die phy­lo­ge­ne­ti­sche Ent­wick­lung bezieht sich dann auf die funk­tio­na­len Teil­sys­te­me der Gesell­schaft, die Onto­ge­ne­se fin­det auf der Ebe­ne der kon­kre­ten kom­mu­ni­ka­ti­on oder Inter­ak­ti­on statt (Teub­ner 1989, S. 76).

2)                          Stufen der Entwicklung von Staat und Recht

Lite­ra­tur: Eder, Die Ent­ste­hung staat­lich orga­ni­sier­ter Gesell­schaf­ten, 1980; Eder/Habermas, Zur Struk­tur einer Theo­rie der sozia­len Evo­lu­ti­on, in: Zwi­schen­bi­lanz der Sozio­lo­gie. Ver­hand­lun­gen des 17. Deut­schen Sozio­lo­gen­ta­ges 1976, S. 37 ff.; Haber­mas, Legi­ti­ma­ti­ons­pro­ble­me im Spät­ka­pi­ta­lis­mus, 1973 (3. Aufl. 1975); ders., Zur Rekon­struk­ti­on des his­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus, 1976 (3. Aufl. 1982); ders., Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns, 2 Bde., 1981

Lite­ra­tur neu: Han­nes Wim­mer, Theo­ri­en zur Ent­ste­hung des Staa­tes und des Rechts, in: Ernst-Joa­chim Lam­pe (Hg.), Zur Ent­wick­lung von Rechts­be­wußt­sein, 1997, 214–252

In § 33 ist Kohl­bergs Modell der mora­li­schen Ent­wick­lung beim Kin­de vor­ge­stellt wor­den. Kohl­berg selbst hat nicht den — metho­disch höchst pro­ble­ma­ti­schen[1] — Ver­such unter­nom­men, sein Sche­ma der indi­vi­du­el­len Ent­wick­lung auf die gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung zu über­tra­gen. Das haben ande­re an sei­ner Stel­le getan, ins­be­son­de­re Haber­mas, der die­ses Sche­ma als heu­ris­ti­sches Modell für eine evo­lu­ti­ons­theo­re­ti­sche Rekon­struk­ti­on von Staat und Recht benutzt. In die­sem Modell erscheint das Recht als insti­tu­tio­nel­le Ver­kör­pe­rung einer his­to­ri­schen Fol­ge von prä­kon­ven­tio­nel­len, kon­ven­tio­nel­len und post­kon­ven­tio­nel­len Ratio­na­li­täts­struk­tu­ren.

Ein­ge­bet­tet in eine all­ge­mei­ne Evo­lu­ti­ons­theo­rie hat Haber­mas eine Theo­rie der Staats­ent­ste­hung ent­wi­ckelt. Er sucht den Motor der Evo­lu­ti­on in den Aus­tausch­be­zie­hun­gen zwi­schen Gesell­schafts­sys­tem und Per­sön­lich­keits­sys­tem, indem er fragt: Wel­che Steue­rungs­pro­ble­me im Gesell­schafts­sys­tem sind inno­va­tiv gelöst wor­den? Durch wel­che Lern­kom­pe­ten­zen sind sol­che Inno­va­tio­nen mög­lich gewor­den? Der Theo­rie liegt die all­ge­mei­ne Annah­me zugrun­de, dass im Per­sön­lich­keits­sys­tem lau­fend Lern­pro­zes­se statt­fin­den. Dar­auf stützt sich die wei­te­re Grund­an­nah­me, dass kom­mu­ni­ka­ti­ver Fort­schritt dem gesell­schaft­li­chen gewis­ser­ma­ßen vor­an­läuft. »Gesell­schaf­ten kön­nen evo­lu­tio­när ler­nen, indem sie die in Welt­bil­dern ent­hal­te­nen kogni­ti­ven Poten­tia­le für die Umor­ga­ni­sa­ti­on von Hand­lungs­sys­te­men nut­zen. Für die sozia­le Evo­lu­ti­on haben mit­hin Lern­pro­zes­se im Bereich des mora­lisch-prak­ti­schen Bewußt­seins Schritt­macher­funk­ti­on.« (1976, S. 176). Haber­mas meint, die fol­gen­de Rei­he ent­wick­lungs­lo­gisch nach­kon­stru­ie­ren zu kön­nen:

Vor­hoch­kul­tu­rel­le Gesell­schaf­ten: In den archai­schen oder pri­mi­ti­ven Gesell­schaf­ten der Jäger und Samm­ler wird die Sozi­al­in­te­gra­ti­on durch den alles umfas­sen­den Fami­li­en- und Ver­wand­schafts­ver­band bewirkt. Kon­kre­te Hand­lun­gen und Hand­lungs­fol­gen wer­den nach dem Lust-Unlust­prin­zip gelernt und beur­teilt. Die Legi­ti­mi­tät der gesell­schaft­li­chen Ord­nung hängt an dem sta­tus quo ante. Kon­flik­te wer­den unter Gesichts­punk­ten eines mora­li­schen Rea­lis­mus gere­gelt, näm­lich durch Bewer­tung von Hand­lungs­fol­gen und Kom­pen­sa­ti­on ent­stan­de­nen Scha­dens. Es ent­ste­hen Steue­rungs­pro­ble­me, wenn Bevöl­ke­rungs­um­fang und -dich­te so zuneh­men, dass die fami­lia­le Orga­ni­sa­ti­on Tausch und Koope­ra­ti­on nicht mehr hin­rei­chend kon­flikt­frei regeln kann.

Archai­sche Hoch­kul­tu­ren: In die­ser Situa­ti­on führt ein ent­wick­lungs­lo­gisch nach­kon­stru­ier­ba­rer Lern­schritt zur Ent­ste­hung der archai­schen Hoch­kul­tu­ren. Die Gesell­schafts­mit­glie­der neh­men die struk­tu­rel­le Über­for­de­rung des (archai­schen) Rechts durch sich häu­fen­de Kon­flik­te wahr und ler­nen, zwi­schen kon­kre­ten Hand­lun­gen und Nor­men zu dif­fe­ren­zie­ren. Da es nun mög­lich wird, Kon­flik­te unter dem Gesichts­punkt gel­ten­der Nor­men zu beur­tei­len, kann eine Füh­rungs­rol­le mit Recht­spre­chungs­funk­tio­nen aus­ge­stat­tet und unter geeig­ne­ten Rand­be­din­gun­gen sta­bi­li­siert wer­den. Die Rol­le des Herr­schers avan­ciert zum Schritt­ma­cher der Evo­lu­ti­on, sobald ihr die Funk­ti­on der Recht­spre­chung zuwächst. Men­schen aus ver­schie­de­nen Abstam­mungs­li­ni­en kön­nen sich nun­mehr als zu einer Gesell­schaft gehö­rig begrei­fen. Die Iden­ti­tät des Zusam­men­hangs wird durch die Rol­le des Füh­rers oder Königs reprä­sen­tiert, der Recht spre­chen kann, ohne an den kon­kre­ten Erwar­tungs­kon­text gebun­den zu sein. Mythi­sche Deu­tungs­mus­ter über­neh­men gleich­zei­tig über ihre kogni­ti­ve Erklä­rungs­funk­ti­on hin­aus prak­tisch poli­ti­sche Recht­fer­ti­gungs­funk­ti­on. Im alten Grie­chen­land war der Name der The­mis, der Gat­tin des Zeus, gleich­be­deu­tend mit Recht. Das genea­lo­gi­sche Erklä­rungs­sche­ma legi­ti­miert den Herr­scher. Die Pha­rao­nen lei­te­ten ihre Her­kunft von den Göt­tern ab. Als Neben­fol­ge der Aus­dif­fe­ren­zie­rung von Herr­schafts­po­si­tio­nen ergibt sich die Mög­lich­keit, die Orga­ni­sa­ti­ons- und Ver­tei­lungs­pro­ble­me im Bereich der gesell­schaft­li­chen Arbeit von den Struk­tu­ren des Ver­wandt­schafts­sys­tems abzu­kop­peln. Sobald Koope­ra­ti­on und Tausch auf der Grund­la­ge insti­tu­tio­na­li­sier­ter Herr­schaft neu gere­gelt wer­den, ent­ste­hen sozia­le Klas­sen. Die­se erlau­ben erst die Lösung des ursprüng­li­chen Steue­rungs­pro­blems. Denn die Klas­sen­struk­tur ermög­licht durch Arbeits­tei­lung den gere­gel­ten Ein­satz von ver­füg­ba­ren, aber bis­her nicht sys­te­ma­tisch aus­ge­nutz­ten Pro­duk­tiv­kräf­ten, der Ent­wick­lung des gesell­schaft­li­chen Reich­tums, der zuneh­mend ungleich ver­teilt wird, so dass die Schich­tung sich wei­ter ver­fes­tigt.

Ent­wi­ckel­te Hoch­kul­tu­ren: Noch vor der Zei­ten­wen­de ent­ste­hen ent­wi­ckel­te Hoch­kul­tu­ren. Sie unter­schei­den sich von frü­hen Hoch­kul­tu­ren durch ihre Grö­ße und Kom­ple­xi­tät. Der Grad der Aus­dif­fe­ren­zie­rung von gesell­schaft­li­chen Teil­sys­te­men und das Aus­maß ver­ti­ka­ler Dif­fe­ren­zie­rung (Stra­ti­fi­ka­ti­on) haben zuge­nom­men. Dabei ändert sich frei­lich das Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zip der poli­ti­schen Klas­sen­ge­sell­schaft nicht grund­le­gend. Es wan­delt sich aber das Welt­bild. Mit den wahr­nehm­ba­ren sozia­len Unter­schie­den wächst nicht nur der Legi­ti­ma­ti­ons­be­darf. Die Insti­tu­tio­nen und die herr­schen­den Deu­tungs­mus­ter ent­wi­ckeln sich aus­ein­an­der. Die Betei­lig­ten ler­nen, zwi­schen der Per­son des Herr­schers und sei­ner Rol­le im poli­ti­schen Sys­tem zu unter­schei­den. Der Herr­scher wird nicht mehr ohne wei­te­res mit der legi­ti­men Ord­nung iden­ti­fi­ziert. Er kann, wenn er gegen sie ver­stößt, im Namen des Rechts kri­ti­siert und bekämpft wer­den. Es bil­det sich eine kon­ven­tio­nel­le, von kon­kre­ten Bezugs­per­so­nen unab­hän­gi­ge Moral her­aus. Damit ent­steht der Bedarf nach einer Legi­ti­ma­ti­on der bestehen­den Ord­nung und nicht mehr nur des Herr­schers und sei­ner Dynas­tie. Die­sem kann ein genea­lo­gisch auf­ge­bau­tes, mythi­sches Welt­bild nicht genü­gen. Man lernt, die Mythen zu pro­ble­ma­ti­sie­ren und abs­tra­hie­rend zu ratio­na­li­sie­ren. Es ent­ste­hen die kos­mo­lo­gi­schen Welt­bil­der des frü­hen Natur­rechts und die ver­schie­de­nen Hoch­re­li­gio­nen, die nun zur Legi­ti­ma­ti­ons­grund­la­ge des Staa­tes wer­den. Wir sind hier in der Zeit des klas­si­schen Alter­tums.

Frü­he Moder­ne: Am Ende der ent­wi­ckel­ten Hoch­kul­tu­ren steht eine durch die Schrift­form ermög­lich­te weit­ge­hen­de For­ma­li­sie­rung und Posi­ti­vie­rung des Rechts. Das wich­tigs­te Bei­spiel ist die Kodi­fi­ka­ti­on des Cor­pus Juris durch Jus­ti­ni­an. Sie ist Vor­aus­set­zung für das zen­tra­le Cha­rak­te­ris­ti­kum der Evo­lu­ti­on des Rechts im 16. Jahr­hun­dert. Der Herr­scher wird vom Rich­ter zum Gesetz­ge­ber. Im gesell­schaft­li­chen Bereich kön­nen Han­del und bür­ger­li­che Stadt sich weit­ge­hend frei­ma­chen von poli­ti­scher Herr­schaft. Das Welt­bild wird wei­ter ratio­na­li­siert durch natur­recht­li­che Kon­struk­tio­nen, die nicht län­ger von einem kos­mo­lo­gi­schen Welt­bild aus­ge­hen, son­dern prin­zi­pi­ell begründ­bar sein wol­len durch Ver­nunft. Der Herr­scher als Gesetz­ge­ber wird legi­ti­miert durch die von Jean Bodin begrün­de­te Leh­re von der Sou­ve­rä­ni­tät des Staa­tes. Grund­la­ge des Mer­kan­ti­lis­mus wird Hugo Gro­ti­us’ Leh­re, nach der nicht nur Staa­ten, son­dern auch Indi­vi­du­en Ver­trä­ge schlie­ßen kön­nen und sie hal­ten müs­sen.

Die Neu­zeit beginnt am Ende des 18. Jahr­hun­derts mit dem Auf­bruch in den demo­kra­ti­schen Staat und die bür­ger­li­che Gesell­schaft. Die Steue­rungs­pro­ble­me die­ser Epo­che erge­ben sich aus der Aus­dif­fe­ren­zie­rung des Wirt­schafts­sys­tems, das den Pro­duk­ti­ons­pro­zeß über den Markt dezen­tral und unpo­li­tisch regelt. »Der Staat orga­ni­siert die Bedin­gun­gen, unter denen die Bür­ger als kon­kur­rie­ren­de und stra­te­gisch han­deln­de Pri­vat­leu­te den Pro­duk­ti­ons­pro­zeß tra­gen. Der Staat selbst pro­du­ziert nicht, es sei denn sub­si­di­är für Unter­neh­mer, für die bestimm­te funk­ti­ons­not­wen­di­ge Inves­ti­tio­nen noch nicht oder nicht mehr ren­ta­bel sind. Mit ande­ren Wor­ten: der Staat ent­wi­ckelt und garan­tiert das bür­ger­li­che Pri­vat­recht, den Geld­me­cha­nis­mus, bestimm­te Infra­struk­tu­ren, ins­ge­samt die Bestands­vor­aus­set­zun­gen eines depo­li­ti­sier­ten, von sitt­li­chen Nor­men und Gebrauchs­wert­ori­en­tie­run­gen frei­ge­setz­ten Wirt­schafts­pro­zes­ses. Da der Staat nicht selbst kapi­ta­lis­tisch wirt­schaf­tet, muß er die Res­sour­cen für sei­ne Ord­nungs­leis­tun­gen aus pri­va­tem Ein­kom­men abzwei­gen. Der moder­ne Staat ist Steu­er­staat. Es ergibt sich eine Kon­stel­la­ti­on von Staat und bür­ger­li­cher Gesell­schaft, um deren Ana­ly­se sich zunächst Hegel und spä­ter die mar­xis­ti­sche Staats­theo­rie immer wie­der bemüht hat.«

Nach außen wird der moder­ne Staat zum Natio­nal­staat. Die­se Ent­wick­lung ermög­licht ein Gefühl kol­lek­ti­ver Iden­ti­tät, die die for­mal ega­li­tä­ren Struk­tu­ren des bür­ger­li­chen Pri­vat­rechts und nach­fol­gend der poli­ti­schen Demo­kra­tie im Inne­ren mit den par­ti­ku­la­ris­ti­schen Struk­tu­ren der Selbst­be­haup­tung sou­ve­rä­ner Staa­ten nach außen sub­jek­tiv ver­ein­bar macht.

Beson­de­re Legi­ti­ma­ti­ons­pro­ble­me erge­ben sich, sobald zum Bewußt­sein kommt, dass die moder­ne bür­ger­li­che Gesell­schaft Stra­ti­fi­ka­ti­on nicht auf­löst, son­dern sozio-öko­no­mi­sche Klas­sen­struk­tu­ren in Rein­kul­tur aus­prägt. Für die kogni­ti­ve Bewäl­ti­gung die­ser Pro­ble­me ist ent­schei­dend, dass das Niveau der Recht­fer­ti­gung refle­xiv wird. An die Stel­le inhalt­li­cher Prin­zi­pi­en, wie Natur oder Gott, tritt das for­ma­le Prin­zip der Ver­nunft. Nach­dem letz­te Grün­de nicht mehr plau­si­bel gemacht wer­den kön­nen, erhal­ten die for­ma­len Bedin­gun­gen der Recht­fer­ti­gung sel­ber legi­ti­mie­ren­de Kraft. Pro­ze­du­ren und Vor­aus­set­zun­gen ver­nünf­ti­ger Eini­gung wer­den sel­ber zum Prin­zip. Auf die­se For­mel bringt Haber­mas die Ver­trags­theo­ri­en von Hob­bes und Locke über Rous­seau und Kant bis hin zu John Rawls. Das Ergeb­nis ist eine Theo­rie der bür­ger­li­chen Gesell­schaft, die das bür­ger­li­che Pri­vat­rechts­sys­tem, Grund­frei­hei­ten des Staats­bür­gers und den kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­pro­zeß als eine Frei­heit garan­tie­ren­de und Wohl­fahrt maxi­mie­ren­de Ord­nung legi­ti­miert.

3)                          Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus

Die zwei­te Etap­pe der Neu­zeit, unse­re Gegen­wart, gilt Haber­mas als die Epo­che des Spät­ka­pi­ta­lis­mus. Nach sei­ner Ana­ly­se bleibt die Orga­ni­sa­ti­on der Pro­duk­ti­ons­be­zie­hun­gen wei­ter­hin dem Markt über­las­sen und damit natur­wüch­sig, wider­sprüch­lich, anar­chisch und kri­sen­ge­neigt. Die Gegen­vor­stel­lung geht dahin, dass die Wirt­schaft poli­tisch gelenkt wer­den müs­se. Aber der kapi­ta­lis­ti­sche Staat ent­zieht sich die­ser Auf­ga­be. Im Gegen­teil, er ver­sucht, den Markt vor sei­nen selbst­de­struk­ti­ven Kräf­ten zu schüt­zen.

Die größ­te Gefahr droh­te dem kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sier­ten Markt ursprüng­lich von der inter­na­tio­na­len Arbei­ter­be­we­gung, nach­dem in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts der Klas­sen­ge­gen­satz voll bewußt gewor­den war. Die­se Legi­ti­ma­ti­ons­be­dro­hung wur­de aber durch den gere­gel­ten Wett­kampf der poli­ti­schen Par­tei­en zunächst abge­wen­det. Vor­aus­set­zung für das Funk­tio­nie­ren der Par­tei­en­de­mo­kra­tie ist jedoch, dass der Staat die nega­ti­ven Neben­wir­kun­gen des Wirt­schafts­pro­zes­ses auf­fängt und sich selbst glaub­wür­dig als Wohl­fahrts­staat prä­sen­tiert. Dazu muß sich wie­der­um der Wirt­schafts­pro­zeß unge­stört ent­fal­ten, damit der Staat die not­wen­di­gen Mit­tel abschöp­fen kann. Der Staat steht daher vor der Auf­ga­be der Kri­sen­kon­trol­le und der Wachs­tums­si­che­rung. Er muß Wett­be­werbs­ver­zer­run­gen aller Art aus­glei­chen und über­nimmt die exter­nen Kos­ten der Markt­wirt­schaft, z. B. die Kos­ten der Aus­bil­dung, der Infra­struk­tur und den Umwelt­schutz. Schließ­lich bemüht er sich um die Kor­rek­tur sozia­ler Ungleich­heit.

Die Erfül­lung die­ser Auf­ga­ben ist pro­ble­ma­tisch und zehrt an der Legi­ti­ma­ti­on des Staa­tes, denn sie zwingt ihn, nach­hal­tig in die pri­vat orga­ni­sier­te Wirt­schaft ein­zu­grei­fen und doch zugleich die Auto­no­mie des Mark­tes und damit das Eigen­tum zu scho­nen. Staats­in­ter­ven­tio­nen kön­nen gar nicht erfolg­reich sein, denn sie set­zen nicht durch unmit­tel­ba­re Steue­rung des Wirt­schafts­pro­zes­ses bei den Ursa­chen an. Der Staat ist fer­ner außer­stan­de, den Welt­markt, mul­ti­na­tio­na­le Unter­neh­men und glo­ba­le Waf­fen­sys­te­me zu kon­trol­lie­ren und sich den Ein­flüs­sen des welt­um­span­nen­den Nach­rich­ten- und Per­so­nen­ver­kehrs zu ent­zie­hen. Immer­hin ist es dem Staat unter die­sen schwie­ri­gen Bedin­gun­gen gelun­gen, die dis­funk­tio­na­len Neben­wir­kun­gen des kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­pro­zes­ses soweit abzu­fan­gen, dass er von der Öffent­lich­keit noch akzep­tiert wird. Unter der Ober­flä­che sieht Haber­mas aber dele­gi­ti­mie­ren­de Kon­flik­te sich häu­fen. Sym­pto­me bil­den die per­ma­nen­te Finanz­kri­se, Infla­ti­on, Arbeits­lo­sig­keit, inten­si­vier­te Ver­tei­lungs­kämp­fe und ein Trend von der Par­tei­en­de­mo­kra­tie zu Bür­ger­be­we­gun­gen. Der Staat muß gleich­zei­tig an vie­len Fron­ten kämp­fen und sich recht­fer­ti­gen. Er ver­schleißt dar­über sei­ne Kräf­te und macht sich lächer­lich, da sei­ne Ent­schei­dun­gen unbe­ach­tet blei­ben. Hilf­los treibt er von einem Feu­er­wehr­ein­satz zum ande­ren.

Aber dann löst sich Haber­mas von sei­nem mar­xis­ti­schen Aus­gangs­punkt. Er kri­ti­siert nicht nur die Theo­rie, die den spät­ka­pi­ta­lis­ti­schen Staat als blo­ße Ver­län­ge­rung wirt­schaft­li­cher Zwän­ge oder als den sys­te­ma­ti­sier­ten Agen­ten des ver­ei­nig­ten Mono­pol­ka­pi­tals ansieht. Er ver­wirft auch die The­se, dass der Staat »in letz­ter Instanz« schei­tern müs­se an der Auf­ga­be, die Wider­sprü­che des Kapi­ta­lis­mus zu repa­rie­ren. Er will die Fra­ge, ob und bis zu wel­chem Grad die west­li­chen Indus­trie­na­tio­nen ihre sozio­öko­no­mi­schen Pro­ble­me in den Griff bekom­men, als empi­ri­sches Pro­blem behan­delt wis­sen.

Haber­mas behaup­tet auch gar nicht, dass tat­säch­lich eine Legi­ti­ma­ti­ons­kri­se besteht. Er meint aber, aus sei­nen theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen ablei­ten zu kön­nen, dass Legi­ti­ma­ti­ons­pro­ble­me den Eng­paß der wei­te­ren Ent­wick­lung bil­den. Die Basis­ideo­lo­gie des fai­ren Tau­sches sei unter den dis­funk­tio­na­len Neben­ef­fek­ten des Mark­tes zusam­men­ge­bro­chen. Der Legi­ti­ma­ti­ons­be­darf wach­se um so mehr, als die Pro­ble­me zuneh­mend als poli­ti­sche dis­ku­tiert wür­den. Berei­che, die als kul­tu­rel­le Gege­ben­hei­ten ange­se­hen wur­den und bis dahin zur Umwelt des poli­ti­schen Sys­tems gehör­ten, wür­den nun in den Pla­nungs­be­reich der Ver­wal­tung ein­be­zo­gen. Wie Luh­mann weist Haber­mas auf den Umstand hin, dass prak­tisch jedes The­ma heu­te zum Gegen­stand von Gesetz­ge­bung, Ver­wal­tung und Recht­spre­chung wer­den kann.

Für die unmit­tel­ba­re Gegen­wart kon­ze­diert Haber­mas den demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen und Ver­fah­ren jedoch noch immer die legi­ti­mie­ren­de Kraft, um poli­tisch admi­nis­tra­ti­ve Ent­schei­dun­gen frei­zu­hal­ten von den aktu­el­len Bedürf­nis­sen und Moti­ven der Bür­ger. Die Insti­tu­tio­nen pro­du­zie­ren Mas­sen­loya­li­tät, aber ver­mei­den Par­ti­zi­pa­ti­on und kon­ser­vie­ren damit jenen Pri­va­tis­mus, der es gestat­tet, feh­len­de Legi­ti­ma­ti­on durch sys­tem­kon­for­me Beloh­nun­gen zu erset­zen.

Die­se Legi­ti­ma­ti­ons­ba­sis wird jedoch aus zwei Rich­tun­gen bedroht. Der sozia­le Wan­del unter­gräbt das Fun­da­ment pri­va­tis­ti­scher Ori­en­tie­rung. Im Hin­ter­grund bür­ger­li­cher Kul­tur fin­den Lern­pro­zes­se statt, die nicht mehr unter­drückt wer­den kön­nen. Der Pri­va­tis­mus mit sei­ner Ori­en­tie­rung an Fami­lie, Kon­sum, Frei­zeit und Sta­tus­wett­be­werb ver­liert sei­ne Basis, seit immer grö­ße­re Grup­pen wie Stu­den­ten und Arbeits­lo­se vom Pro­duk­ti­ons­pro­zeß aus­ge­schlo­sen blei­ben und Arbeit nicht mehr zu loh­nen scheint. Frie­dens- und \kolo­gie­be­we­gung schei­nen Haber­mas zu bestä­ti­gen.

Der Kon­kur­renz­ka­pi­ta­lis­mus, so Haber­mas, hat zum ers­ten Mal in der Geschich­te ein uni­ver­sa­lis­ti­sches Wer­te­sys­tem auf­ge­rich­tet, weil der Tausch­ver­kehr nach einer all­ge­mei­nen Rege­lung ver­lang­te und das Kon­zept des fai­ren Aus­tauschs eine wirk­sa­me ideo­lo­gi­sche Basis abgab. Nach­dem die­se Basis zer­fal­len ist, tritt ein neu­er Legi­ti­ma­ti­ons­be­darf in die Lücke. Eben­so wenig wie die Wis­sen­schaft gezielt hin­ter den ein­mal erreich­ten Stand des Wis­sens zurück­fal­len kann, ver­lässt mora­li­sches Den­ken, solan­ge ein prak­ti­scher Dis­kurs über­haupt erlaubt ist, die ein­mal erreich­te Ebe­ne mora­li­schen Bewußt­seins, so Haber­mas’ idea­lis­ti­sche Annah­me. Nach­dem der Stan­dard dis­kur­si­ver Argu­men­ta­ti­on sich mit Hil­fe der Wis­sen­schaft ein­mal eben­so ver­brei­tet habe wie der Stan­dard eines all­ge­mei­nen Rechts in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft, müß­ten sich bei­de ver­bin­den mit dem Ergeb­nis, dass die Gel­tung aller Nor­men abhän­gig wer­de von einer dis­kur­si­ven Begrün­dung durch die Betrof­fe­nen. Auf die­se Wei­se wer­de sich Legi­ti­ma­ti­on im nor­ma­ti­ven Sin­ne als fak­ti­sche Vor­aus­set­zung für die Sta­bi­li­tät von Herr­schaft erwei­sen. Der Staat dür­fe Gehor­sam weder befeh­len noch kau­fen. Er müs­se sei­ne Legi­ti­ma­ti­on allein aus dis­kur­si­ver Aner­ken­nung ablei­ten.

In sei­nem gro­ßen Werk »Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns« hat Haber­mas die­se Vor­stel­lun­gen wei­ter aus­ge­ar­bei­tet. Er betont nun­mehr, dass im Pro­zeß der fort­schrei­ten­den Ver­recht­li­chung die »Lebens­welt« – gemeint sind unmit­tel­bar erleb­ten zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen – »kolo­nia­li­siert« wür­den, und for­dert, das Recht müs­se die­je­ni­gen Berei­che aus­spa­ren, die spon­ta­ne sozia­le Kom­mu­ni­ka­ti­on erfor­der­ten (vgl § 60, 5d). In einer Kri­tik[2] ist davon die Rede, dass Haber­mas hier die Visi­on einer »kom­mu­ni­ka­ti­ven Brü­der­ge­mein­de« vor­ge­stellt habe. Jeden­falls begibt sich Haber­mas damit auf das Gebiet der sozi­al­phi­lo­so­phi­schen Spe­ku­la­ti­on, die wir in unse­rem rechts­so­zio­lo­gi­schen Zusam­men­hang nicht wei­ter ver­fol­gen kön­nen.



[1] Erhard Blan­ken­burg, The Pover­ty of Evo­lu­tio­nism: A Cri­tique of Teubner’s Case for »Refle­xi­ve Law«, LSR 18, 1984, 273–289.

[2] Ernst Voll­rath, Jür­gen Haber­mas‘ fun­da­men­ta­lis­ti­scher Fehl­schluß, Der Staat 1983, 406–414, 412.

*