§ 14 Soziologie als empirische Wissenschaft

Lite­ra­tur: Nor­man Braun, Theo­rie in der Sozio­lo­gie, Sozia­le Welt 59, 2008, 373–395; Albert, Trak­tat über kri­ti­sche Ver­nunft, 2. Aufl. 1969; Esser/Klenovits/Zehnpfennig, Wis­sen­schafts­theo­rie, 2 Bde., 1977; Haber­mas, Zur Logik der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, 5. Aufl. 1982; Herberger/Simon, Wis­sen­schafts­theo­rie für Juris­ten, 1980; Pop­per, Logik der For­schung, 8. Aufl. 1984; Röhl, Das Dilem­ma der Recht­s­tat­sa­chen­for­schung, 1974; Seif­fert, Ein­füh­rung in die Wis­sen­schafts­theo­rie, 2 Bde., 7. Aufl. 1974; Steg­mül­ler, Wis­sen­schaft­li­che Erklä­rung und Begrün­dung, Bd. I, 1974; ders., Haupt­strö­mun­gen der Gegen­warts­phi­lo­so­phie, 2 Bde., 1975; Topitsch (Hg.), Logik der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, 7. Aufl. 1971

I.   Was ist Wissenschaft?

Rechts­wis­sen­schaft und Sozio­lo­gie behan­deln den­sel­ben Gegen­stand. Sie befas­sen sich bei­de mit den zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen, wie sie zu einem wesent­li­chen Teil vom Recht bestimmt wer­den. Daher stellt sich sofort die Fra­ge, was Sozio­lo­gen anders und bes­ser leis­ten kön­nen als Juris­ten und umge­kehrt. Es geht dabei offen­sicht­lich um ein wis­sen­schafts­theo­re­ti­sches Pro­blem, dar­um, dass bei­de Dis­zi­pli­nen den glei­chen Stoff mit unter­schied­li­chen Metho­den ange­hen. Um die­sen Gegen­satz zu kenn­zeich­nen, spricht man von der Sozio­lo­gie als einer empi­ri­schen und der Juris­pru­denz als einer nor­ma­ti­ven Wis­sen­schaft. Was soll damit gesagt wer­den?

Es ist nicht aus­ge­macht, son­dern im Gegen­teil hef­tig umstrit­ten, dass die Sozio­lo­gie (nur) eine empi­ri­sche Wis­sen­schaft zu sein hät­te. Tat­säch­lich ist die Sozio­lo­gie aber als empi­ri­sche Wis­sen­schaft ange­tre­ten und tat­säch­lich wird sie weit­ge­hend als sol­che betrie­ben. Auch die Rechts­so­zio­lo­gie ist von Eugen Ehr­lich als empi­ri­sche Wis­sen­schaft kon­zi­piert wor­den. Wenn wir uns das Vor­wort zu Ehr­lichs Rechts­so­zio­lo­gie (§ 6) in Erin­ne­rung rufen, so besagt es drei­er­lei:

  •  Ehr­lich bestrei­tet der Rechts­wis­sen­schaft die Wis­sen­schaft­lich­keit.
  • Er behaup­tet, dass nur die Rechts­so­zio­lo­gie wis­sen­schaft­lich sei.
  • Er gibt an, wor­in die Wis­sen­schaft­lich­keit der Rechts­so­zio­lo­gie bestehen soll, näm­lich in der Beob­ach­tung der Gesell­schaft.

Was ist eigent­lich Wis­sen­schaft? Unter Wis­sen­schaft ver­steht man gewöhn­lich die Suche nach Wahr­heit und Objek­ti­vi­tät. Auf die Fra­ge nach der Wahr­heit gibt es anschei­nend kei­ne end­gül­ti­ge Ant­wort. Man ist sich daher heu­te weit­ge­hend dar­über einig, dass es auch für die Fra­ge: Was ist Wis­sen­schaft? kei­ne ver­bind­li­che Lösung geben kann. Als wis­sen­schaft­lich lässt man ent­we­der jede plan­mä­ßi­ge, metho­disch ange­lei­te­te Suche nach Erkennt­nis gel­ten, oder man sieht auf die his­to­ri­sche Ent­wick­lung und rech­net zur Wis­sen­schaft alles, was in Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart als sol­che aner­kannt wor­den ist, wenn man nicht sogar so weit geht, es jeder Dis­zi­plin selbst zu über­las­sen, ob sie sich als Wis­sen­schaft aus­ge­ben will oder nicht. Als Wis­sen­schaft gel­ten daher heu­te so hete­ro­ge­ne Dis­zi­pli­nen wie Mathe­ma­tik und Theo­lo­gie, Phy­sik und Juris­pru­denz, Sozio­lo­gie und Phi­lo­so­phie, Inge­nieur­wis­sen­schaf­ten und Kunst. Wenn aber die Rechts­so­zio­lo­gie pole­misch gegen die Juris­pru­denz gestellt wird, ähn­lich wie frü­her Comte die Sozio­lo­gie gegen die Sozi­al­phi­lo­so­phie stell­te, dann meint man offen­bar einen enge­ren, näm­lich den posi­ti­vis­ti­schen Wis­sen­schafts­be­griff. Die­ser enge­re Wis­sen­schafts­be­griff ist der Wis­sen­schafts­be­griff der Natur­wis­sen­schaf­ten. Er will nur Beob­ach­tung und Logik als Ele­men­te der Wis­sen­schaft gel­ten las­sen, die in ihrer Ver­knüp­fung zu Theo­ri­en im Sin­ne von Kau­sal­ge­set­zen füh­ren sol­len.

Die Sozio­lo­gie steckt vol­ler Theo­ri­en, die am Schreib­tisch erson­nen und erar­bei­tet wer­den. Denkt man an das Werk von Émi­le Durk­heim, Max Weber oder Niklas Luh­mann, so hat man leicht den Ein­druck einer theo­re­ti­schen Vogel­per­spek­ti­ve ohne Erdung in der Empi­rie. Und tat­säch­lich las­sen sich ihre gro­ßen Theo­ri­en nicht durch exak­te Hypo­the­sen­tests bewei­sen oder wider­le­gen. Den­noch sind sie in dem Sin­ne empi­risch gemeint, dass sie den Anspruch erhe­ben, die Rechts­ent­wick­lung ange­mes­sen zu beschrei­ben und zu erklä­ren. Zwar hal­ten sich »Theo­re­ti­ker«, die Erwä­gun­gen dar­über anstel­len, wie man den Zustand und die Ent­wick­lung der Gesell­schaft grund­sätz­lich beschrei­ben und erklä­ren kann, im all­ge­mei­nen von empi­ri­schen Unter­su­chun­gen fern. Umge­kehrt benut­zen »Empi­ri­ker« oft nur rudi­men­tä­re Theo­ri­en. Das liegt einer­seits natür­lich dar­an, dass die Theo­ri­en der Theo­re­ti­ker auf einem so hohen Abs­trak­ti­ons­ni­veau ange­sie­delt sind, dass sie sich nur schwer für eine kon­kre­te Hypo­the­sen­prü­fung öff­nen. Das liegt aber auch an einem zu engen Empi­rie­be­griff. Empi­rie beschränkt sich nicht auf das Zäh­len und Mes­sen. Auch die Geschich­te lie­fert Erfah­rungs­ma­te­ri­al. Max Weber war ein Meis­ter der his­to­ri­schen Sozio­lo­gie.

II.   Grundannahmen des Positivismus

Die Haupt­the­se des Posi­ti­vis­mus oder Empi­ris­mus besagt, dass ech­tes Wis­sen über die Welt nicht durch rei­nes Nach­den­ken, durch die Ver­nunft, son­dern nur durch Erfah­rung gewon­nen wer­den kann. Allein in der Erfah­rung, also in dem, was uns unse­re Sin­nes­or­ga­ne ver­mit­teln, besit­zen wir einen Zugang zur Welt. Daher ist nach empi­ris­ti­scher Auf­fas­sung nur ein sol­cher Satz sinn­voll, der unmit­tel­bar Aus­sa­gen ent­hält oder sich auf Aus­sa­gen zurück­füh­ren lässt, die durch Beob­ach­tung, durch Sehen, Füh­len, Hören, Schme­cken oder Rie­chen nach­prüf­bar sind. Alle ande­ren Aus­sa­gen wer­den in den Bereich der Spe­ku­la­ti­on oder Meta­phy­sik – gemeint ist damit: in den Bereich der Unwis­sen­schaft­lich­keit – ver­dammt.

Aller­dings soll es für die­ses empi­ris­ti­sche Sinn­kri­te­ri­um nicht dar­auf ankom­men, ob die Beob­ach­tung schwie­rig oder aus prak­ti­schen Grün­den über­haupt aus­ge­schlos­sen ist. Das Para­de­bei­spiel für eine prak­tisch nicht prüf­ba­re und den­noch sinn­vol­le Behaup­tung war frü­her etwa: Auf der Rück­sei­te des Mon­des befin­det sich ein Berg von 3000 Meter Höhe. Inzwi­schen ist auch die­se Behaup­tung beob­acht­bar gewor­den. Wir müs­sen daher zu Bei­spie­len Zuflucht neh­men wie die­sem: Was hat Pla­to an sei­nem 50. Geburts­tag zu Mit­tag geges­sen? Sinn­los, weil nicht beob­acht­bar, wäre dage­gen nach empi­ris­ti­scher Auf­fas­sung etwa die Behaup­tung: Pla­to ist ein gro­ßer Phi­lo­soph.

Der Empi­ris­mus steht und fällt mit der Annah­me, dass unse­re Sin­nes­be­ob­ach­tun­gen etwas Fes­tes, Wah­res, Rea­les sind, und vor allem, dass jeder Mensch die glei­chen Beob­ach­tun­gen macht, dass die Ergeb­nis­se mensch­li­cher Beob­ach­tun­gen stets die glei­chen sind. Die­se Annah­me wird auch als Inva­ri­anz­the­se bezeich­net, und hier setzt die Kri­tik am Empi­ris­mus ein.

Die zwei­te Grund­an­nah­me des Empi­ris­mus geht dahin, dass die Natur vol­ler Gesetz­mä­ßig­kei­ten steckt, die unab­hän­gig sind von der Erkennt­nis­tä­tig­keit des Men­schen, dass also etwa das Kau­sal­ge­setz etwas Rea­les sei, das es nur zu erken­nen gel­te. Da es Natur­ge­set­ze gibt, wie­der­ho­len sich die beob­acht­ba­ren Natur­erscheinungen. Und da man Natur­er­schei­nun­gen objek­tiv beob­ach­ten kann, kann man auch deren Gleich­ar­tig­keit fest­stel­len. Wenn man aber meh­re­re gleich­ar­ti­ge Natur­er­schei­nun­gen beob­ach­tet hat, kann man dar­aus induk­tiv auf das zugrun­de­lie­gen­de Gesetz schlie­ßen. Also: Gali­lei ließ Stei­ne ver­schie­de­ner Grö­ße vom Schie­fen Turm zu Pisa fal­len. Sie erreich­ten unab­hän­gig von Gewicht und Grö­ße gleich­zei­tig den Boden. Dar­aus erschloss er das Fall­ge­setz.

Ver­schie­de­ne beson­de­re Geset­ze kön­nen dann zu all­ge­mei­ne­ren Geset­zen zusam­men­ge­fasst wer­den. Als klas­si­sches Bei­spiel für einen der­ar­ti­gen Vor­gang wird immer wie­der die Ent­wick­lung der New­ton­schen Gra­vi­ta­ti­ons­theo­rie ange­führt. Man sagt von ihr, sie sei eine Syn­the­se der Geset­ze Kep­lers und Gali­leis. Kep­ler hat bekannt­lich gene­rel­le Geset­ze über die Umlauf­bah­nen der Pla­ne­ten auf­ge­stellt. Die Ent­de­ckun­gen Gali­leis befas­sen sich dage­gen mit den Bewe­gun­gen irdi­scher Kör­per. Bei­de Geset­ze bezie­hen sich auf beob­acht­ba­re Vor­gän­ge aus ver­schie­de­nen Rea­li­täts­be­rei­chen, zwi­schen denen man zunächst kei­nen Zusam­men­hang sah. Dies änder­te sich erst, als New­ton die Idee der Anzie­hungs­kräf­te ein­führ­te und mit die­sem neu­en theo­re­ti­schen Prin­zip eine gemein­sa­me Erklä­rungs­grund­la­ge für die Anwen­dungs­fäl­le der Geset­ze Kep­lers und Gali­leis schuf. Er konn­te näm­lich zei­gen, dass sowohl die Pla­ne­ten­be­we­gun­gen als auch die Bewe­gun­gen irdi­scher Kör­per aus der Wirk­sam­keit der glei­chen Anzie­hungs­kräf­te erklär­bar sind. Auf die­se Wei­se — so lau­tet die Ansicht vie­ler empi­ris­ti­scher Wis­sen­schafts­theo­re­ti­ker — wur­de es mög­lich, die Kep­ler­schen und Gali­lei­schen Geset­ze in unver­än­der­ter Gestalt inner­halb eines umfas­sen­den theo­re­ti­schen Rah­mens zu ver­ei­ni­gen. Trotz des neu­en Erklä­rungs­prin­zips, das hier­zu not­wen­dig war, hat sich nichts an dem ursprüng­li­chen Aus­sa­gesinn der Geset­ze geän­dert. Die Bedeu­tung der beob­ach­tungs­sprach­li­chen Begrif­fe und Aus­sa­gen ist die­sel­be geblie­ben, wie sie ursprüng­lich war.

III.   Deduktiv-nomologische Erklärungen

Wenn man induk­tiv ein­mal ein all­ge­mei­nes Gesetz gewon­nen hat, dann kann man den Vor­gang auch umkeh­ren und aus dem all­ge­mei­nen Gesetz dedu­zie­ren, was sich im beson­de­ren Fal­le ereig­net. Man kann — und das ist wohl das eigent­li­che Ziel der empi­ri­schen Wis­sen­schaft — ein­zel­ne Beob­ach­tun­gen mit Hil­fe von Geset­zen erklä­ren. Sol­che Erklä­run­gen nennt man daher auch deduk­tiv-nomo­lo­gi­sche, kurz DN-Erklä­run­gen. Sie wer­den gewöhn­lich mit Hil­fe des soge­nann­ten Hem­pel-Oppen­heim-Sche­mas dar­ge­stellt, kurz auch HO-Sche­ma genannt. Hem­pel und Oppen­heim waren die Auto­ren, die die­ses Sche­ma erst­mals klar beschrie­ben haben.[1]

Es geht also um die Erklä­rung von Beob­ach­tun­gen, und zwar von Ein­zel­be­ob­ach­tun­gen, wie sie in soge­nann­ten Pro­to­koll- oder Basis­sät­zen beschrie­ben wer­den. Die Fra­ge lau­tet etwa: War­um kann man an einem bestimm­ten Ort zu einer bestimm­ten Zeit eine bestimm­te Erschei­nung beob­ach­ten? Als Ant­wort wird ein Kau­sal­ge­setz ange­bo­ten, d. h. es wer­den eine oder meh­re­re Ursa­chen ange­ge­ben, mit deren Hil­fe das beob­ach­te­te Ereig­nis erklärt wer­den soll.

Als ers­ter hat Anfang der 30er Jah­re Karl R. Pop­per die logi­sche Struk­tur kau­sa­ler Erklä­run­gen klar beschrie­ben. Er sagt näm­lich, dass eine kau­sa­le Erklä­rung nichts ande­res als eine logi­sche Ablei­tung sei. Dazu fol­gen­des Bei­spiel: Es soll erklärt wer­den, war­um ein Fuß­gän­ger von einem Auto ange­fah­ren wur­de. Die Erklä­rung lau­tet, dass der Auto­fah­rer im Hin­blick auf die gefah­re­ne Geschwin­dig­keit nicht früh genug gebremst hat. Eine genaue­re Ana­ly­se die­ses Erklä­rungs­vor­schlags ergibt, dass dar­in zwei Typen von Kom­po­nen­ten ste­cken, näm­lich (1) Gesetz­mä­ßig­kei­ten und (2) gewis­se Anfangs­be­din­gun­gen, die wir durch sin­gu­lä­re Sät­ze beschrei­ben. Das benö­tig­te Gesetz kann etwa so for­mu­liert wer­den:

  • Für jedes Auto von einer gege­be­nen Bau­art B, die bestimmt wird durch Art und Zustand der Brem­sen, Rei­fen usw. besteht bei gege­be­nen Fahr­bahn­ver­hält­nis­sen F, die ins­be­son­de­re bestimmt wer­den durch den Fahr­bahn­be­lag, Tem­pe­ra­tur und Feuch­tig­keit, eine maxi­ma­le Brems­ver­zö­ge­rung b.
  •  Aus der Brems­ver­zö­ge­rung und der Aus­gangs­ge­schwin­dig­keit lässt sich der Brems­weg s errech­nen nach der For­mel s = v2 : 2b.
  • Für jedes Auto der spe­zi­el­len Bau­art B1 unter Berück­sich­ti­gung der beson­de­ren Fahr­bahn­ver­hält­nis­se F1 ist die höchs­te Brems­ver­zö­ge­rung b =
  • Die Anfangs­be­din­gun­gen kön­nen durch fol­gen­de Aus­sa­gen beschrie­ben wer­den:
  • Dies ist ein Auto vom Typ B1, das sich auf einer Fahr­bahn mit der Beschaf­fen­heit F1 beweg­te.
  • 40 m vor dem Fuß­gän­ger betrug die Geschwin­dig­keit des Autos mehr als 120 km/h (= xx m/sec).
  • S = [Hier fehlt die Glei­chung, weil das pro­gramm die For­ma­tie­rung nicht über­nimmt.]
  • Aus die­sen vier Prä­mis­sen ist der Satz, der den zu erklä­ren­den Vor­gang beschreibt, dedu­zier­bar, näm­lich der Satz
  • Der Fuß­gän­ger F wur­de von dem Auto Ange­fah­ren.

Ande­res Bei­spiel: Es soll erklärt wer­den, war­um ein Mann, nach­dem er Alko­hol getrun­ken hat, gestor­ben ist. Die Erklä­rung lau­tet, dass eine Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on von mehr als 5·‰ meis­tens töd­lich ist, und dass im Blut des Toten mehr als 5·‰ Alko­hol ermit­telt wur­den.

  • Für einen gesun­den Men­schen ist eine Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on von über 5·‰ in der Regel töd­lich.
  • Die Anfangs­be­din­gun­gen wer­den durch fol­gen­de Aus­sa­gen beschrie­ben:
  • M1 war ein gesun­der Mensch.
  • Die Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on bei M1 betrug 5·‰. Aus die­sen Prä­mis­sen ist der Satz, der den zu erklä­ren­den Vor­gang beschreibt, dedu­zier­bar, näm­lich der Satz:
  • M1 ist gestor­ben.

Abs­trakt lässt sich die­ses Erklä­rungs­sche­ma so for­mu­lie­ren:

  • G1.……G1 (Gesetz­mä­ßig­kei­ten: Wenn X gege­ben ist, dann tritt y auf).
  •  A1.……An (Ante­ce­dens­be­din­gun­gen, Rand­be­din­gun­gen)

(1) und (2) bil­den zusam­men das Explan­ans = das Erklä­ren­de.

  • E (Expla­nan­dum = Beschrei­bung des zu erklä­ren­den Ereig­nis­ses)

Will man ein bestimm­tes Ereig­nis erklä­ren, sucht man nach dem Gesetz, unter des­sen Dann-Kom­po­nen­te das zu erklä­ren­de Ereig­nis fällt. Wenn die Bedin­gun­gen, die die­ses Gesetz in sei­nem Wenn-Teil gene­rell nennt, an einem bestimm­ten Ort und zu einer bestimm­ten Zeit vor­lie­gen, dann ist eine Ursa­che für das Auf­tre­ten von E gefun­den. Im Zusam­men­hang empi­ri­scher Unter­su­chun­gen bil­det das Expla­nan­dum eine Aus­prä­gung der abhän­gi­gen Varia­blen, wäh­rend die Rand­be­din­gun­gen unab­hän­gi­ge Varia­ble genannt wer­den.

Unse­re Bei­spie­le zei­gen aber auch schon, dass sol­che Erklä­run­gen immer nur sehr par­ti­ell sind. Tat­säch­lich erklärt eine Theo­rie nie­mals ein Ereig­nis in sei­ner Tota­li­tät, son­dern stets nur gewis­se Aspek­te, die uns aus irgend­ei­nem prak­ti­schen Grun­de pro­ble­ma­tisch erschei­nen. So erfah­ren wir z. B. nicht, war­um M1 getrun­ken hat, son­dern nur, dass der Alko­hol die unmit­tel­ba­re Todes­ur­sa­che war.

IV.                       Induktion und Falsifizierung

Gül­tig sind Schlüs­se nach dem HO-Sche­ma natür­lich nur, wenn die ver­wand­te Theo­rie auch zutref­fend und die Rand­be­din­gun­gen eben­so wie das Expla­nan­dum rich­tig beob­ach­tet sind.

Geset­ze oder Theo­ri­en wer­den zunächst aus der Beob­ach­tung von Ein­zel­fäl­len induk­tiv mehr oder weni­ger erra­ten. Sol­che vor­läu­fi­gen Geset­ze nennt man Hypo­the­sen. Die Hypo­the­sen wer­den dann geprüft, indem man mög­lichst vie­le Ein­zel­fäl­le beob­ach­tet. Als unwis­sen­schaft­lich gel­ten Geset­ze oder Hypo­the­sen, aus denen sich kei­ne empi­risch beob­acht­ba­ren Kon­se­quen­zen ablei­ten las­sen, z. B. der Satz: Wer die zehn Gebo­te ein­hält, kommt in den Him­mel! Auch in sich wider­sprüch­li­che Sät­ze sind natür­lich unwis­sen­schaft­lich.

Empi­ri­sche Geset­ze haben in der Regel die logi­sche Form von All­sät­zen, d. h. sie behaup­ten, dass unter der Vor­aus­set­zung bestimm­ter Rand­be­din­gun­gen stets eine gewis­se beob­acht­ba­re Fol­ge ein­tritt. Gelingt es, die vom Gesetz vor­her­ge­sag­te Fol­ge mög­lichst oft zu beob­ach­ten, so hat sich das Gesetz bewährt. Aber es kön­nen, da ja das Gesetz auf unend­lich vie­le Fäl­le anwend­bar ist, nie alle Fäl­le beob­ach­tet, das Gesetz kann also nie als aus­nahms­los bewie­sen wer­den. Wich­ti­ger ist daher, dass mit der Behaup­tung bestimm­ter Fol­gen ande­re Fol­gen aus­ge­schlos­sen wer­den. Wird auch nur ein ein­zi­ges Mal zuver­läs­sig beob­ach­tet, dass eine aus­ge­schlos­se­ne Fol­ge ein­tritt, dass das Gesetz also nicht zutrifft, so ist das Gesetz wider­legt. Die Veri­fi­zie­rungs­mög­lich­kei­ten von All­sät­zen sind also asym­me­trisch. Schon durch eine ein­zi­ge, dem Gesetz zuwi­der­lau­fen­de Beob­ach­tung kann ein Gesetz wider­legt wer­den. Aber noch so vie­le das Gesetz bestä­ti­gen­de Beob­ach­tun­gen kön­nen es nicht bewei­sen, denn man kann nie alle Anwen­dungs­fäl­le eines Geset­zes durch­prü­fen. Die posi­ti­ve Bewäh­rung bleibt immer nur vor­läu­fig. Die empi­ri­sche Über­prü­fung eines Geset­zes muß daher beson­de­ren Wert dar­auf legen, sol­che Beob­ach­tun­gen zu fin­den, die dem Gesetz wider­spre­chen. Die Bewäh­rung eines empi­ri­schen Geset­zes kann nur dar­in bestehen, dass es sich nicht wider­le­gen lässt, es kann jedoch nie end­gül­tig posi­tiv bewie­sen wer­den. Die­se von Pop­per zuerst beschrie­be­ne Auf­fas­sung von der Struk­tur wis­sen­schaft­li­cher Erklä­run­gen und ihrer Kon­se­quenz für den Fort­schritt der Wis­sen­schaft bezeich­net man als Fal­si­fi­ka­tio­nis­mus.

V.                          DN-Erklärungen in der Sozialwissenschaft

Das HO-Modell benutzt zunächst Geset­zes­aus­sa­gen in der logi­schen Form von All­sät­zen; z. B.: Alles Was­ser kocht bei einem Luft­druck von 770·mmbar und einer Tem­pe­ra­tur von 100˚ C. Grund­sätz­lich läßt es sich aber auch bei sol­chen Geset­zes­aus­sa­gen anwen­den, die nur sta­tis­ti­schen oder sto­chas­ti­schen Cha­rak­ter haben. Mit sol­chen Geset­zen haben wir es in der Psy­cho­lo­gie, der Sozio­lo­gie und der Volks­wirt­schaft haupt­säch­lich zu tun.

Sta­tis­ti­sche Geset­ze bie­ten zwar, wenn man ins Detail geht, erheb­li­che wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche und mathe­ma­ti­sche Pro­ble­me. Aber im Prin­zip kann man mit ihnen doch eben­so umge­hen wie mit All­sät­zen. Neh­men wir dazu fol­gen­des Bei­spiel: Der Jugend­li­che J ist zum wie­der­hol­ten Male straf­fäl­lig gewor­den. Um die­sen sin­gu­lä­ren Satz zu erklä­ren, suchen wir nach einem Gesetz, das die wie­der­hol­te Straf­fäl­lig­keit erklä­ren kann. Ein sol­ches Gesetz haben bereits in den 30er Jah­ren die Ehe­leu­te Ele­nor und Shel­don Glu­eck in den USA for­mu­liert[2]. Es lau­tet sehr ver­ein­facht: Wenn

  • die Erzie­hung des Jun­gen durch die Mut­ter über­streng, unzu­rei­chend oder wech­sel­haft ist und
  • auch die Zunei­gung der Mut­ter gleich­gül­tig oder feind­lich und schließ­lich
  • in der Fami­lie kein Zusam­men­halt vor­han­den ist,
  • dann wird der Jun­ge mit über 80·%iger Wahr­schein­lich­keit kri­mi­nell.

Lässt sich im kon­kre­ten Fall fest­stel­len, dass bei dem als kri­mi­nell beob­ach­te­ten Jugend­li­chen die­se Vor­aus­set­zun­gen gege­ben sind, dann ist der Fall geklärt, und zwar mit einer spe­zi­el­len deduk­tiv-nomo­lo­gi­schen Erklä­rung, einem je-des­to-Satz, also einem sta­tis­ti­schen Gesetz.

An die­sem Bei­spiel las­sen sich zwei wich­ti­ge Pro­ble­me der empi­ri­schen Sozi­al­for­schung demons­trie­ren. Das ers­te ist das der Ope­ra­tio­na­li­sie­rung (Meß­bar­ma­chung). Das Glueck’sche Gesetz benutzt Aus­drü­cke wie

  • über­stren­ge oder wech­sel­haf­te Erzie­hung
  • wech­sel­haf­te Auf­sicht
  • gleich­gül­ti­ge oder feind­li­che Ein­stel­lung
  • Zunei­gung
  • Zusam­men­halt in der Fami­lie.

Wer die­se Aus­drü­cke hört, hat wahr­schein­lich eine gewis­se Vor­stel­lung, was damit gemeint sein könn­te. Aber inner­halb einer sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Theo­rie bedeu­ten sol­che Begrif­fe nur theo­re­ti­sche Kon­struk­te. Sie müs­sen durch die Suche nach geeig­ne­ten Indi­ka­to­ren ope­ra­tio­na­li­siert wer­den. Ein Indi­ka­tor ist dann geeig­net, wenn er einer­seits unmit­tel­bar durch empi­ri­sche Beob­ach­tung leicht fest­ge­stellt wer­den kann und wenn er ande­rer­seits das theo­re­ti­sche Kon­strukt gül­tig wie­der­gibt. In unse­rem Bei­spiel kämen als Indi­ka­to­ren für Zunei­gung etwa in Betracht: Die Häu­fig­keit des Kon­tak­tes zwi­schen Mut­ter und Kind, die Häu­fig­keit kör­per­li­cher Berüh­rung oder die Selbst­ein­schät­zung der Betei­lig­ten. Ent­spre­chend könn­te man für Zusam­men­halt als Indi­ka­to­ren eine gemein­sa­me Woh­nung und gemein­sa­me Mahl­zei­ten anneh­men.

Erneut zeigt das Bei­spiel, dass die Geset­zes­an­nah­men, die zur Erklä­rung eines sin­gu­lä­ren Sat­zes her­an­ge­zo­gen wer­den, in der Regel sehr par­ti­ell sind. Dabei ist das Glueck’sche Pro­gno­se­sche­ma schon ein Mehr­fak­to­ren­an­satz. Er lässt aber immer noch die Wir­kungs­stär­ke jedes ein­zel­nen Fak­tors offen und eben­so die Fra­ge, ob und wie die Fak­to­ren zusam­men­wir­ken, ob sie sich addie­ren oder im Gegen­teil teil­wei­se in ihrer Wir­kung auf­he­ben.

Die metho­di­schen, sach­li­chen und nor­ma­ti­ven Pro­ble­me der foren­si­schen Gefähr­lich­keits­pro­gno­se sind nach wie vor unge­löst. Beson­ders bei der Siche­rungs­ver­wah­rung gilt »im Zwei­fel gegen den Ange­klag­ten«.

Bei jeder Varia­blen kann man wie­der nach den Ursa­chen zurück­fra­gen. Selbst wenn man annimmt, dass nicht jede sozia­le Bewe­gung in den Gesamt­pro­zess ein­ge­bet­tet ist, so ist die Inte­gra­ti­ons­stu­fe doch so hoch, dass eine Total­ana­ly­se aller rele­van­ten Zusam­men­hän­ge die mensch­li­che For­schungs­ka­pa­zi­tät regel­mä­ßig über­for­dert. Die Betrach­tung von Teil­pro­zes­sen ent­hält jedoch stets schon eine will­kür­li­che, aber not­wen­di­ge Beschrän­kung des Blick­fel­des. Die­se bei­den zuletzt genann­ten Gesichts­punk­te stel­len also eine gewis­se Kri­tik an der empi­risch-ana­ly­ti­schen Sozi­al­for­schung dar. Vie­le Fein­hei­ten gehen bei ihr ver­lo­ren. Ver­lo­ren geht aber auch der Gesamt­zu­sam­men­hang, die Tota­li­tät der Ereig­nis­se. Den­noch ist die Ansicht weit ver­brei­tet, dass Sozio­lo­gie sich dar­auf zu beschrän­ken habe, nach deduk­tiv-nomo­lo­gi­schen Erklä­run­gen zu suchen. Man spricht inso­weit von der posi­ti­vis­ti­schen oder genau­er von der neo-posi­ti­vis­ti­schen Rich­tung der Sozio­lo­gie.

VI.                       Kausalität, Direktionalität und strukturelle Kopplung

Grund­sätz­lich muss man auch für die empi­ri­sche Rechts­so­zio­lo­gie an der Idee der Kau­sa­li­tät fest­hal­ten. Das gilt auch, wenn man all­ge­mei­ne­re Fra­gen behan­delt. Die all­ge­meins­te wäre die nach dem Ein­fluss des Rechts auf die Gesell­schaft und umge­kehrt nach dem Ein­fluss der Gesell­schaft auf das Recht. Die übli­che Ant­wort lau­tet, dass sowohl das Recht die Gesell­schaft beein­flusst wie umge­kehrt die Gesell­schaft das Recht. Sie ist eben­so rich­tig wie wert­los. Sie macht aber immer­hin deut­lich, dass Kau­sa­li­tät in bei­den Rich­tun­gen mög­lich ist. Kau­sa­li­tät und ihre Rich­tung lässt sich immer nur für spe­zi­fi­sche his­to­ri­sche Situa­tio­nen und Kon­tex­te ermit­teln.

Gehalt­vol­le­re Ant­wor­ten gibt es nur auf spe­zi­fi­sche­re Fra­gen, die ent­we­der auf der Sei­te des Rechts oder auf der Sei­te der Gesell­schaft oder auch auf bei­den Sei­ten enge­re Berei­che defi­nie­ren, um deren wech­sel­sei­ti­ge Abhän­gig­keit zu unter­su­chen. Eine geläu­fi­ge Metho­de der Spe­zi­fie­rung bie­tet die Sys­tem­theo­rie, indem sie das Rechts­sys­tem auf der einen und ver­schie­de­ne gesell­schaft­li­che Teil­sys­te­me auf der ande­ren Sei­te unter­schei­det. So kann man etwa nach dem Ein­fluss des Rechts auf die Wirt­schaft, die Erzie­hung oder die Kunst und umg­kehrt nach dem Ein­fluss der Wirt­schaft, der Medi­en oder der Wis­sen­schaft auf das Recht fra­gen. Auch sol­che Fra­gen blei­ben immer noch zu all­ge­mein, um sie gehalt­voll zu beant­wor­ten. Auch wenn die Fra­gen noch kon­kre­ter wer­den, blei­ben die Zusam­men­hän­ge doch in aller Regel so viel­schich­tig, dass sich kei­ne ein­fa­chen Kau­sal­be­zie­hun­gen ermit­teln las­sen, son­dern dass man sich mit der Fest­stel­lung von Inter­de­pen­den­zen (Wech­sel­wir­kun­gen) zufrie­den geben muss. Es klingt anspruchs­vol­ler, trägt aber zur Klä­rung nicht wirk­lich bei, wenn man statt­des­sen von struk­tu­rel­ler Kopp­lung redet. Die­ser Begriff gehört eigent­lich in die Luh­mannsche Sys­tem­theo­rie (unten § 71II). Aber es spricht nichts dage­gen, ihn als Syn­onym für Wech­sel­wir­kun­gen zu tri­via­li­sie­ren. Das ist sozu­sa­gen die Volks­aus­ga­be der struk­tu­rel­len Kopp­lung.

Am Bei­spiel des Ver­hält­nis­ses zwi­schen den Gerich­ten und der Poli­zei: Bei­de arbei­ten regel­mä­ßig zusam­men und sind wech­sel­sei­tig auf­ein­an­der ange­wie­sen. Die Ver­kop­pe­lung kann sich posi­tiv für bei­de aus­wir­ken. Gerich­te sor­gen dafür, dass die Arbeit der Poli­zei als recht­mä­ßig aner­kannt wird und dass sie zu Kon­se­quen­zen in Gestalt von Ver­ur­tei­lun­gen führt. Auf der ande­ren Sei­te sind die Gerich­te von der guten Arbeit der Poli­zei abhän­gig. Sie müs­sen sich dar­auf ver­las­sen, dass die Poli­zei ordent­li­che Ermitt­lungs­ar­beit leis­tet, dass sie ihnen die Delin­quen­ten zuführt und sie nach der Ver­hand­lung wie­der in Gewahr­sam nimmt. Die wech­sel­sei­ti­ge Abhän­gig­keit kann sich auch nega­tiv aus­wir­ken, wenn die eine oder die ande­re Sei­te das Funk­tio­nie­ren der ande­ren ver­hin­dert. Die Gerich­te sind dar­auf ange­wie­sen, dass die Poli­zei pro­fes­sio­nell ermit­telt und dadurch die erfor­der­li­chen Bewei­se fixiert. Das führt gele­gent­lich dazu, dass die Poli­zei Bewei­se kon­stru­iert und damit ihr Ver­hält­nis zur Jus­tiz stört. Immer wie­der gibt es Fäl­le, in denen nach­läs­si­ge oder über­eif­ri­ge Poli­zei­ar­beit zu Fehl­ur­tei­len führt, die dann erheb­li­ches Auf­se­hen erre­gen und das Ver­hält­nis zwi­schen den Insti­tu­tio­nen belas­sen. Wenn die Koope­ra­ti­on zwi­schen Jus­tiz und Poli­zei ein­mal gestört ist, lei­det die Koope­ra­ti­on, weil bei­de Sei­ten sich miss­trau­en. Die Rich­ter sehen ihre eige­ne Legi­ti­ma­ti­on durch die Poli­zei gefähr­det; wäh­rend der Poli­zei die not­wen­di­ge Unter­stüt­zung ihrer Arbeit durch die Gerich­te fehlt.[3] [Inwie­fern kön­nen die Gerich­te die Poli­zei ver­är­gern?]

VII.                     Kritik des wissenschaftlichen Rationalitätsanspruchs

Lite­ra­tur: Lud­wik Fleck, Ent­ste­hung und Ent­wick­lung einer wis­sen­schaft­li­chen Tat­sa­che, Ein­füh­rung in die Leh­re vom Denk­stil und Denk­kol­lek­tiv [1935], 4. Aufl., Frank­furt am Main 1999; Erfah­rung und Tat­sa­che, Gesam­mel­te Auf­sät­ze [1927–1960], 3. Aufl., Frank­furt am Main 2008; Tho­mas S. Kuhn, Die Struk­tur wis­sen­schaft­li­cher Revo­lu­tio­nen, (The Struc­tu­re of Sci­en­ti­fic Revo­lu­ti­ons, 1962), 2. Aufl., 1976.

Bis hier­her habe ich habe ich Grund­zü­ge einer Erkennt­nis­theo­rie refe­riert, die sich an der Tra­di­ti­on des »Wie­ner Krei­ses« ori­en­tiert, wie sie durch Pop­per aus­ge­ar­bei­tet und geläu­fig gewor­den ist. Der damit ver­bun­de­ne Ratio­na­li­täts­an­spruch gilt vie­len Wis­sen­schaft­lern und den meis­ten Wis­sen­schafts­theo­re­ti­kern als obso­let. Sie ver­wei­sen dar­auf, dass Wis­sen­schaft ein his­to­ri­sches, kul­tu­rel­les und sozia­les Phä­no­men ist, fol­gern dar­aus, dass alles Wis­sen situa­tiv und kon­tin­gent sei und rela­ti­vie­ren damit auch die For­de­rung nach metho­den­stren­ger For­schung. Die Kri­tik stützt sich ger­ne auf das Buch des Wis­sen­schafts­his­to­ri­kers Tho­mas S. Kuhn über die »Die Struk­tur wis­sen­schaft­li­cher Revo­lu­tio­nen«. Als Bei­spie­le sol­cher Revo­lu­tio­nen behan­delt Kuhn die Ablö­sung der Pflo­gis­ton­theo­rie durch Lavoi­siers Sauer­stoff­theo­rie, die Ver­drän­gung der klas­si­schen New­tonschen Phy­sik durch Ein­steins Rela­ti­vi­täts­theo­rie und vor allem die koper­ni­ka­ni­sche Wen­de vom geo­zen­tri­schen zum helio­zen­tri­schen Welt­bild. Die Bei­spie­le dien­ten Kuhn, um zu zei­gen, dass der Erkennt­nis­fort­schritt nicht stets nach dem Modell Pop­pers erar­bei­tet wor­den ist, son­dern dass kon­se­quen­tes Vor­ge­hen nach der Metho­de von tri­al and error in der Geschich­te der Wis­sen­schaft allen­falls in den von ihm so genann­ten nor­ma­len Peri­oden durch­ge­hal­ten wor­den sei, näm­lich solan­ge wie eine all­ge­mein akzep­tier­te Groß­theo­rie, ein Para­dig­ma, Bestand gehabt habe. Dazwi­schen lägen aber immer wie­der Zei­ten der Umwäl­zung, in denen auf logisch nicht erklär­ba­re, gera­de­zu revo­lu­tio­nä­re Wei­se ein neu­es Para­dig­ma ent­ste­he. Ein Para­dig­ma in Gestalt einer sehr all­ge­mei­nen und grund­le­gen­den Theo­rie wirkt als Instru­ment, das über­haupt nur sol­che Beob­ach­tun­gen und Erklä­run­gen zulässt, die es mit sich bringt. So revo­lu­tio­när die­se und ande­re Umbrü­che der Wis­sen­schaft auch waren, so hat­ten sie doch nie eine tabu­la rasa zur fol­ge. Stets ließ sich an die über­lie­fer­ten Begrif­fe, Theo­ri­en und Erfah­run­gen anknüp­fen.[4]

Zwar voll­zieht sich der Erkennt­nis­fort­schritt nicht ein­fach als Anhäu­fung. Immer wie­der wer­den gan­ze Gebäu­de nicht nur umge­baut, son­dern abge­ris­sen und neu errich­tet. Aber es bleibt doch mehr als Spo­li­en. Wachs­tu­im und Kon­ti­nui­tät des Wis­sens ist so erstaun­lich groß, dass man bei aller Abhän­gig­keit von his­to­ri­schen Zufäl­len und loka­len Kon­tex­ten von Ratio­na­li­tät und Fort­schritt reden darf.

Heu­te gilt es als aus­ge­macht, dass Wis­sen­schaft auch ohne Umwäl­zun­gen vom For­mat eines Para­dig­men­wech­sel Wis­sen­schaft über­all von loka­len Kon­tex­ten, spe­zi­fi­schen For­schungs­si­tua­tio­nen und sogar sprach­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen abhän­gig ist. Schon vor Kuhn hat­te Lud­vik Fleck u. a. an dem dra­ma­ti­schen Bei­spiel einer Labor­si­tu­ti­on im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz, wohin er als Mikro­bio­lo­ge ver­schleppt wor­den war, beschrie­ben wie eine Wis­sen­schaft­ler­grup­pe als »Denk­kol­lek­ti­ve« unbe­merkt ein künst­li­ches Ergeb­nis pro­du­ziert. Seit­her häu­fen sich his­to­ri­sche und sozio­lo­gi­sche Unter­su­chun­gen über die Gene­se von For­schungs­er­geb­nis­sen.

Dabei ist auch auf­ge­fal­len, dass sich die For­schung oft von Meta­phern lei­ten lässt, die sich spä­ter als irre­füh­rend erwei­sen. Dahin­ter steckt das Pro­blem, dass es kei­ne der Deduk­ti­on ver­gleich­ba­re ratio­na­le Metho­de der Ent­de­ckung neu­er Theo­ri­en gibt. Bemü­hun­gen etwa, im Anschluss an Peirce mit der Abduk­ti­on eine metho­di­sche Heu­ris­tik zu ent­wi­ckeln, waren bis­her ver­geb­lich (und wer­den es wohl auch blei­ben). Daher die­nen nach wie vor im Ent­de­ckungs­zu­sam­men­hang Meta­phern als Theo­rie­er­satz. Für die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten ist so das »Netz­werk« zur Super­me­tapher gewor­den. In der Wis­sen­schafts­theo­rie hat es inso­weit den »Baum der Erkennt­nis« abge­löst.

In den letz­ten drei Jahr­zehn­ten mein­te hat nicht zuletzt die durch Luh­mann popu­lär gewor­de­ne kon­struk­ti­vis­ti­sche Wis­sens­so­zio­lo­gie, einer sich als ratio­na­lis­tisch ver­ste­hen­den Wis­sen­schaft das Fun­da­ment weg­ge­schla­gen zu haben. Die ope­ra­ti­ve Wis­sen­schaft macht hier mit der Wis­sen­schafts­theo­rie eine Erfah­rung, die Juris­pru­denz mit der Rechts­so­zio­lo­gie schon hin­ter sich hat, die Erfah­rung näm­lich, dass sich das law in the books nicht unbe­fleckt in Pra­xis umsetz­ten lässt. Für Juris­ten ist das aber kein Anlass, auf den Gel­tungs­an­spruch des Rechts zu ver­zich­ten, son­dern allen­falls Grund, damit rea­lis­ti­scher umzu­ge­hen. Und so folgt auch aus wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Zwei­feln kei­ne Not­wen­dig­keit, das Ratio­na­li­täts­mo­dell über Bord zu wer­fen. Wich­tig ist nur, die Irr­tums­an­fäl­lig­keit von Wis­sen­schaft ernst zu neh­men und nach Hilfs­mit­teln Aus­schau zu hal­ten, mit denen sich sol­che Irr­tü­mer mög­lichst ver­mei­den und not­falls ent­de­cken las­sen.

Die wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche Skep­sis ist so groß, dass es ist bei­na­he ein Tabu­bruch ist, noch von wis­sen­schaft­li­chem Fort­schritt zu reden. Erst recht Kon­ver­genz­vor­stel­lun­gen, nach denen sich die zahl­lo­sen Detail­in­for­ma­tio­nen, die von der Wis­sen­schaft bei­ge­bracht wer­den, letzt­lich doch in irgend einer Wei­se zu einem Sys­tem zusam­men­fü­gen könn­ten, gilt als naiv. Statt­des­sen wird die kur­ze Ver­falls­zeit neu­er For­schungs­er­geb­nis­se betont.



[1] Carl Gus­tav Hempel/Paul Oppen­heim, Stu­dies in the Logic of Explana­ti­on, in: Phi­lo­so­phy of Sci­ence 15, 1948, 135 — 175.

[2] Five Hund­red Cri­mi­nal Care­ers, New York 1930; dies., Unra­ve­ling Juve­ni­le Delin­quen­cy, Cam­bridge, Mass., 3. Aufl. 1957; dies., Pre­dic­ting Delin­quen­cy and Crime, 1959.

[3] Nach Alan Hunt, Foucault’s Expul­si­on of Law, Law and Soci­al Inqui­ry 17, 1992, 1–38, S. 32 f.

[4] Zur Kuhn-Dis­kus­si­on vgl. den Sam­mel­band von Imre Lakatos/Alan Mus­gra­ve, Kri­tik und Erkennt­nis­fort­schritt, 1974, sowie die aus­führ­li­che Dar­stel­lung von Steg­mül­ler, Theo­rie und Erfah­rung, Ber­lin 1973, 2. Halb­band: Theo­rie­struk­tu­ren und Theo­rie­dy­na­mik. Als Ein­füh­rung eig­net sich Steg­mül­ler, Haupt­strö­mun­gen der Gegen­warts­phi­lo­so­phie, 1975, Bd. II, S. 483 ff.

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