§ 15 Rechtssoziologie als Kulturwissenschaft?

I.   Die geisteswissenschaftliche Tradition

Es gibt, und zwar spe­zi­ell in Deutsch­land, eine lan­ge geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Tra­di­ti­on, die es nicht für sinn­voll hält, Sozio­lo­gie nur mit empi­risch-ana­ly­ti­schen Mit­teln (har­te Sozio­lo­gie) zu betrei­ben. Die von Win­del­band[1] begrün­de­te Ansicht, nach der am Geist als Gegen­stand der Geschich­te nicht das All­ge­mei­ne, son­dern nur das Indi­vi­du­el­le von Bedeu­tung sei, bestrei­tet, dass his­to­ri­sche und damit auch sozio­lo­gi­sche Erklä­run­gen eben­so wie natur­wis­sen­schaft­li­che auf deter­mi­nis­ti­schen oder sta­tis­ti­schen Geset­zen oder Theo­ri­en beru­hen. In die­ser Dis­kus­si­on wur­de das »ideo­gra­phi­sche« Ver­fah­ren der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten dem »nomo­the­ti­schen« Ver­fah­ren der Natur­wis­sen­schaf­ten gegen­über­ge­stellt. Als die den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten adäqua­te Metho­de wur­de die Metho­de des Ver­ste­hens vor­ge­schla­gen. Von Wil­helm Dil­they (1894) stammt der Satz: »Die Natur erklä­ren wir, das See­len­le­ben ver­ste­hen wir.«[2]

Die­ser Satz ist Aus­gangs­punkt einer lan­gen Metho­den­de­bat­te gewor­den. In die­ser Debat­te haben sich die geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Metho­den mit durch­aus unter­schied­li­chen Akzen­ten als Her­me­neu­tik, Phä­no­me­no­lo­gie oder Dia­lek­tik dar­ge­stellt. Wäh­rend die ers­ten bei­den Spiel­ar­ten vor allem auf indi­vi­du­el­le Fein­hei­ten Wert legen, die bei empi­risch-ana­ly­ti­schem Vor­ge­hen zu kurz kom­men, for­dert die Dia­lek­tik die Berück­sich­ti­gung des Gesamt­zu­sam­men­han­ges der Gesell­schaft, der gesell­schaft­li­chen Tota­li­tät. In den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten wird die Tra­di­ti­on der Phä­no­me­no­lo­gie vom sym­bo­li­schen Inter­ak­tio­nis­mus (§ 36) fort­ge­setzt, der in Rol­len­theo­rie und Eth­no­me­tho­do­lo­gie unter­schied­li­che Aus­prä­gun­gen gefun­den hat. Dabei han­delt es sich zwar um empi­ri­sche Beob­ach­tungs­ver­fah­ren, die aber dar­auf ver­zich­ten, zu mes­sen und zu zäh­len und ihre Ergeb­nis­se in Theo­ri­en und Hypo­the­sen nach dem HO-Sche­ma zu zwän­gen.

Um Rechts­so­zio­lo­gie zu betrei­ben, muss man in die­ser Metho­den­de­bat­te nur soweit Stel­lung bezie­hen, dass man den empi­ri­schen Weg für die Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten akzep­tiert. Man braucht den geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Metho­den ihr Recht nicht zu bestrei­ten. Das ist auch die Auf­fas­sung, die die­ser Dar­stel­lung zugrun­de liegt und die wir Als-ob-Posi­ti­vis­mus nen­nen: Es soll nicht in Abre­de gestellt wer­den, dass es ande­re, geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Metho­den gibt, die zur Erkennt­nis der Gesell­schaft und ihres Rechts bei­tra­gen kön­nen. Wir ver­wei­sen jedoch die geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Metho­den ganz all­ge­mein in die Rechts­wis­sen­schaft, und hier beson­ders in die Rechts­phi­lo­so­phie. Rechts­so­zio­lo­gie wird dage­gen hier als Ver­such ver­stan­den, dem Ver­hält­nis von Recht und Gesell­schaft mit empi­ri­schen Metho­den auf den Grund zu gehen. Das wird frei­lich nie flä­chen­de­ckend mög­lich sein. Es tau­chen immer neue Fra­gen auf, zu denen man ger­ne Nähe­res wüss­te. Daher bleibt auch die Rechts­so­zio­lo­gie letzt­lich ein rhe­to­ri­sches Fach, das die immer­hin vor­han­de­ne Empi­rie akku­mu­liert und in plau­si­ble Ver­all­ge­mei­ne­run­gen ein­bet­tet.

II.  Zwei oder mehr Kulturen?

Lite­ra­tur: John Brock­man, Die drit­te Kul­tur, 1996 (The Third Cul­tu­re, 1995); Micha­el Hagner, Vom Auf­stieg und Fall der Kyber­ne­tik als Uni­ver­sal­wis­sen­schaft, in: ders./Erich Hörl (Hg.), Die Trans­for­ma­ti­on des Huma­nen. Bei­trä­ge zur Kul­tur­ge­schich­te der Kyber­ne­tik, 2008, 38–70; Charles Per­cy Snow, Die zwei Kul­tu­ren, in: Hel­mut Kreu­zer u. a., Hg., Die zwei Kul­tu­ren. Lite­ra­ri­sche und natur­wis­sen­schaft­li­che Intel­li­genz, 1987, C. P. Snows The­se in der Dis­kus­si­on, S. 19–96 (The Two Cul­tures and the Sci­en­ti­fic Revo­lu­ti­on, Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press, 1960, als Vor­trag 1956 im »Sta­tes­man« ver­öf­fent­licht); Wolf Lepe­nies, Die drei Kul­tu­ren, 1985; Rudolf Stich­weh, Die zwei Kul­tu­ren? Eine Kor­rek­tur. Über die gegen­wär­ti­gen Bezie­hun­gen zwi­schen den Natur-, den Geis­tes- und den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung Nr. 283 vom 3. 12. 2008 S. N7.

Wie lau­tet der zwei­te Haupt­satz der Ther­mo­dy­na­mik? Die­se und ähn­li­che Fra­gen wer­den man­che Sozio­lo­gen und vie­le Juris­ten in Ver­le­gen­heit brin­gen. Beherr­schen Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaft­ler (und die ihnen ver­bun­de­nen Intel­lek­tu­el­len) nicht ein­mal das klei­ne Ein­mal­eins der Natur­wis­sen­schaft mit der Fol­ge, dass sie die tech­ni­sche Intel­li­genz nicht ver­ste­hen? Leben sie des­halb in einer ande­ren Kul­tur? Das jeden­falls war 1959 die The­se des Phy­si­kers, Roman­ciers und Direk­tors der English Elec­tric Com­pa­ny Charles Per­cy Snow in Cam­bridge, an die bis heu­te eine Dis­kus­si­on über »die zwei Kul­tu­ren« anknüpft.

Dürf­ti­ge tech­nisch-natur­wis­sen­schaft­li­che Kennt­nis­se nicht nur der Juris­ten, son­dern auch der Sozi­al­wis­sen­schaft­ler las­sen sich wohl nicht abstrei­ten. Dar­aus folgt aber nicht, dass die tech­ni­sche und die sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Intel­li­genz in ver­schie­de­nen Kul­tu­ren leben, die sich nicht ver­ste­hen kön­nen, denn die Sozio­lo­gie ver­bin­det mit Natur­wis­sen­schaft und Tech­nik nicht nur die die empi­ri­sche Ori­en­tie­rung, son­dern auch eine wach­sen­de Rei­he theo­re­ti­scher Kon­zep­te zur Inter­pre­ta­ti­on ihrer Beob­ach­tun­gen.

–  Das ältes­te ist die Idee der Evo­lu­ti­on, deren glän­zen­de For­mu­lie­rung Dar­win vor 150 Jah­ren (1849) gelun­gen war. Evo­lu­ti­on ereig­net sich über­all, wo Leben ist (§ 90 unten).

–  Als uni­ver­sel­les Kon­zept dient seit jeher der Sys­tem­ge­dan­ke. Er ist beson­ders hilf­reich, wenn es um kom­ple­xe Phä­no­me­ne geht. Das sind sol­che, die aus vie­len, oft sehr ein­fach gebau­ten Teil­chen oder Agen­ten bestehen, die durch ihr Zusam­men­spiel das für das Sys­tem cha­rak­te­ris­ti­sche Ver­hal­ten zustan­de brin­gen. Das Ver­hal­ten der ein­zel­nen Teil­chen ist oft rela­tiv gut erforscht und ver­stan­den. Aber das genügt nicht, um den (emer­gen­ten) Gesamt­ef­fekt zu erklä­ren. Klas­si­sches Bei­spiel ist das Gehirn. Es ist auf­ge­baut aus Mil­li­ar­den rela­tiv ein­fa­cher Syn­ap­sen, deren Funk­ti­on gut erforscht und ver­stan­den ist. Durch ihre Ver­schal­tung bringt das Gehirn unglaub­li­che Leis­tun­gen wie Ler­nen, Ver­ges­sen, Füh­len und Bewusst­sein her­vor, die sich noch längst nicht voll erklä­ren las­sen. Genau­so sind die Hand­lun­gen ein­zel­ner Akteu­re in Märk­ten oder Gesell­schaf­ten rela­tiv gut bekannt. Wie aus deren Wech­sel­wir­kun­gen Auf­schwung oder Rezes­si­on, Spe­ku­la­ti­ons­bla­sen oder Bör­sen­ral­leys wer­den, bleibt dage­gen weit­ge­hend unver­stan­den. Zunächst hat man Sys­te­me not­ge­drun­gen als Black Box behan­delt, das heißt, man hat sich mit der blo­ßen Tat­sa­che zufrie­den gege­ben, dass aus der Ver­knüp­fung ein­zel­ner Ele­men­te zu einem Sys­tem ein neu­es »emer­gen­tes« Gesamt­ver­hal­ten ent­steht. Im Lau­fe der Zeit ist aber eine Rei­he von Kon­zep­ten hin­zu­ge­kom­men, die jeden­falls par­ti­ell eine Brü­cke von dem Ver­hal­ten der Sys­tem­ele­men­te auf das Gesamt­sys­tem schla­gen. Nor­bert Wie­ner woll­te nach 1945 mit der Kyber­ne­tik eine Uni­ver­sal­wis­sen­schaft zu Erklä­rung des Innen­le­bens aller Sys­te­me begrün­den. Die­ser Anspruch ist zwar nicht ein­ge­löst wor­den. Geblie­ben ist aber die Idee der Rück­kopp­lung und des Regel­krei­ses.

–  Zusam­men mit Clau­de E. Shan­non hat Wie­ner die Grund­la­gen der Infor­ma­ti­ons­theo­rie gelegt. Infor­ma­ti­on ist die Aus­wahl aus Alter­na­ti­ven. Eine Infor­ma­ti­on ist umso gehalt­vol­ler, je grö­ßer das Spek­trum der Alter­na­ti­ven ist, aus dem sie gewählt wird. Der Infor­ma­ti­ons­be­griff wird ger­ne mit dem Sinn­be­griff ver­gli­chen, den etwa gleich­zei­tig die phä­no­me­no­lo­gisch ori­en­tier­te Phi­lo­so­phie ent­wi­ckelt hat: Sinn ist eine Aus­wahl aus Alter­na­ti­ven, frei­lich mit dem Unter­schied, dass die nicht gewähl­ten Alter­na­ti­ven sozu­sa­gen am Hori­zont sicht­bar blei­ben und wie­der abge­ru­fen wer­den kön­nen. Die­ser Sinn­be­griff hat durch das Werk Luh­manns gro­ße Pro­mi­nenz gewon­nen. Luh­mann hat auch Kom­mu­ni­ka­ti­on und Beob­ach­tung zu uni­ver­sa­len Kon­zep­ten gemacht. Infor­ma­ti­on wird zur Kom­mu­ni­ka­ti­on, wenn sie absichts­voll mit­ge­teilt und die­se Mit­tei­lung von ande­ren beob­ach­tet und als sol­che ver­stan­den wird.

–  Die Spiel­theo­rie war zunächst eine Ent­wick­lung von Mathe­ma­ti­kern. Sie ent­war­fen for­ma­li­sier­te Model­le für Situa­tio­nen, in denen die Betei­lig­ten ent­we­der nicht mit­ein­an­der über ihre wech­sel­sei­ti­gen Absich­ten kom­mu­ni­zie­ren kön­nen oder in denen sie den Infor­ma­tio­nen über die Plä­ne der ande­ren nicht ver­trau­en. Beson­ders Wirt­schafts­wis­sen­schaft und Poli­tik­wis­sen­schaft haben dar­auf zuge­grif­fen. Aber auch für das Ver­ständ­nis von Evo­lu­ti­on bedient man sich inzwi­schen spiel­theo­re­ti­scher Model­le.

–  Schließ­lich hat sich die Netz­werk­theo­rie (§ 56 unten) zu einem trans­dis­zi­pli­när wich­ti­gen Instru­ment ent­wi­ckelt.

Die Dis­kus­si­on um die »zwei Kul­tu­ren« lei­det dar­un­ter, dass Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaft in einen Topf gewor­fen wer­den. Der Unter­schied ist groß, denn die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten arbei­ten im Prin­zip empi­risch, die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten dage­gen his­to­risch-her­me­neu­tisch. Es müss­te des­halb eigent­lich von drei Kul­tu­ren die Rede sein.

Als »drit­te Kul­tur« ver­ste­hen sich Natur­wis­sen­schaft­ler, die die Inter­pre­ta­ti­on ihrer eige­nen Arbei­ten nicht den tra­di­tio­nell aus den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten stam­men­den »Intel­lek­tu­el­len« über­las­sen wol­len, son­dern sich selbst an das all­ge­mei­ne Publi­kum wen­den. Oft füh­len sich dazu Nobel­preis­trä­ger beru­fen. In dem von Brock­mann her­aus­ge­ge­be­nen Band sind über 20 sol­cher Bei­trä­ge von »Intel­lek­tu­el­len der drit­ten Kul­tur« ver­sam­melt.

Die Dis­kus­si­on um wech­sel­sei­ti­ge Ver­ständ­nis­pro­ble­me der Dis­zi­pli­nen ist durch die Her­aus­for­de­run­gen von Sozio­bio­lo­gie und evo­lu­tio­nä­rer Psy­cho­lo­gie in eine neue Run­de gegan­gen, in der sich neue Mög­lich­kei­ten der Koope­ra­ti­on und der Kon­fron­ta­ti­on zei­gen. Im Grund ist es eine Tri­via­li­tät: Kei­ner, den wir ernst neh­men, bestrei­tet, dass mensch­li­ches Ver­hal­ten auf einer bio­lo­gi­schen Basis auf­ruht. Und kein Bio­lo­ge ist bis­her so weit gegan­gen, Kul­tur und Gesell­schaft kom­plett aus die­ser Basis zu erklä­ren. Aber die Ver­hal­tens­bio­lo­gie hat so gro­ße Fort­schrit­te gemacht, dass es nun loh­nend wird, die kon­kre­te Ver­knüp­fung von Bio­lo­gie und Kul­tur näher zu unter­su­chen. Es ist über­trie­ben, des­halb eine drit­te »Kul­tur« aus­zu­ru­fen. Aber es wäre Kraft­ver­schwen­dung, sich län­ger mit dem Gegen­satz von Natur- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten auf­zu­hal­ten.

III.  Von der Rechtssoziologie zur Kulturwissenschaft und zurück

Lite­ra­tur: Cle­mens Albrecht, Wie Kul­tur reprä­sen­ta­tiv wird: Die Poli­tik der Cul­tu­ral Stu­dies, in: Udo Gött­lich u. a. (Hg.), Popu­lä­re Kul­tur als reprä­sen­ta­ti­ve Kul­tur, Die Her­aus­for­de­rung der Cul­tu­ral Stu­dies, 2002, S. 16–32; Alei­da Ass­mann, Ein­füh­rung in die Kul­tur­wis­sen­schaft, 2. Aufl. 2008; Fried­rich Jäger/Burkhard Liebsch (Hg.), Hand­buch der Kul­tur­wis­sen­schaf­ten, 3 Bde, 2004 (in Band 3 ein Titel »Poli­tik und Recht« mit acht Bei­trä­gen; alle ziem­lich über­flüs­sig); Paul W. Kahn, The Cul­tu­ral Stu­dy of Law: Recon­struc­ting Legal Scho­l­ar­ship, 1997; Andre­as Reck­witz, Die Trans­for­ma­ti­on der Kul­tur­theo­ri­en, 2000, Stu­di­en­aus­ga­be mit Nach­wort 2006; Aus­tin Sarat/Jonathan Simon (Hg.), Cul­tu­ral Ana­ly­sis, Cul­tu­ral Stu­dies, and the Law, Duke Uni­ver­si­ty Press, 2003; Fried­rich H. Ten­bruck, Die Auf­ga­ben der Kul­tur­so­zio­lo­gie [1979 in KZfSS], Anna­li di Socio­lo­gia 1, 1985, 45–70.

Der Begriff der Kul­tur ist noch unschär­fer als der­je­ni­ge des Rechts (§ 45 unten). Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts konn­te der Kul­tur­be­griff als nor­ma­ti­ver Kampf­be­griff etwa gegen die fran­zö­si­sche »Zivi­li­sa­ti­on« die­nen. Ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter waren »Kul­tur­in­dus­trie« (Horkheimer/Adorno) oder »affir­ma­ti­ve Kul­tur« (Mar­cu­se) Gegen­stand kri­ti­scher Ana­ly­se. Heu­te ist der Kul­tur­be­griff durch infla­tio­nä­ren und viel­deu­ti­gen Gebrauch ver­wäs­sert. Das Spek­trum reicht von »Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät« und »inter­kul­tu­rel­ler Ver­mitt­lung« über »Alter­na­tiv-, Pop-, Medi­en-, All­tags-« oder »Unter­neh­mens­kul­tur« bis zur »Netz-« und »Indus­trie­kul­tur«. Der Schrift­stel­ler Eck­hard Hen­scheid hat iro­nisch 756 Kul­tu­ren iden­ti­fi­ziert.[3] Doch ähn­lich wie beim Recht muss man gar nicht mit einer Defi­ni­ti­on begin­nen. Meis­tens weiß man auch so, was gemeint ist.

Das Recht ist Teil der Gesell­schaft und damit in deren Kul­tur ein­ge­bet­tet. Das ist eigent­lich eine Tri­via­li­tät, und eben­so selbst­ver­ständ­lich soll­te es sein, dass das Recht sei­ner­seits einen Teil die­ser Kul­tur bil­det. Aber Tri­via­li­tä­ten sind lang­wei­lig, und gele­gent­lich wer­den sie ver­ges­sen oder ver­drängt, so auch, wenn man sich zu inten­siv nur mit dem einen oder dem ande­ren beschäf­tigt, die wech­sel­sei­ti­ge Bedingt­heit von Kul­tur und Recht. Dann wird frü­her oder spä­ter eine Wen­de aus­ge­ru­fen, nach dem lin­gu­is­tic turn und dem pic­to­ri­al turn nun auch der cul­tu­ral turn. Um 1980 war noch alles Struk­tur und Funk­ti­on. Heu­te ist alles Kul­tur. Nicht weni­ge Juris­ten und Rechts­so­zio­lo­gen sind mit einem gera­de­zu heroi­schen Wil­len zur Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät bemüht, die Deu­tungs­ho­heit über Begrif­fe ihres Faches an die Kul­tur­wis­sen­schaf­ten abzu­tre­ten.

Eine ers­te kul­tu­ra­lis­ti­sche Wen­de in den Human- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten gab es schon am Anfang des 20. Jahr­hun­derts. Sie ist mit den Namen wie Sig­mund Freud oder Aby War­burg ver­knüpft. Ähn­lich wie die Rechts­so­zio­lo­gie gab und gibt es auch eine Kul­tur­so­zio­lo­gie (Ten­bruck). Auch sie beruft sich auf gro­ße Namen wie Max Weber oder Georg Sim­mel. In die Ahnen­rei­he gehört auch der als Rechts­so­zio­lo­gie bekann­te Theo­dor Gei­ger (§ 8 oben). Von Gei­ger stammt der in die­sem Zusam­men­hang wich­ti­ge Begriff der reprä­sen­ta­ti­ven Kul­tur. Sie ist das Gegen­stück zur anony­men Volks­kul­tur, deren Bestän­de sich – ver­gleich­bar der Spra­che oder dem Gewohn­heits­recht – form­los ver­er­ben und sich dabei lau­fend ver­än­dern. Dadurch unter­schei­det sie sich von der (von Gei­ger so genann­ten) sub­stan­zi­el­len Kul­tur, die sich aus indi­vi­dua­li­sier­ba­ren Wer­ken zusam­men­setzt und in ihrer Sum­me die reprä­sen­ta­ti­ve Kul­tur aus­macht.

»Die­se sub­stan­zi­el­le Fas­sung des Kul­tur­be­griffs ent­spricht unse­rem Kul­tur­stil selbst. Sie ist Aus­druck dafür, dass unse­re Zeit im Zei­chen einer Reprä­sen­ta­tiv-Kul­tur steht. Damit ist gemeint, dass auf­ge­spei­cher­te Kul­tur­be­stän­de, deren jeg­li­ches Stück einem – bekann­ten oder unbekannten—Urheber zuge­schrie­ben wird, ›die Kul­tur der Epo­che‹ reprä­sen­tie­ren.« (Gei­ger Auf­ga­ben und Stel­lung der Intel­li­genz in der Gesell­schaft, 1949, 2).

An die­se Begriffs­bil­dung erin­nert die Unter­schei­dung zwi­schen inne­rer und äuße­rer Rechts­kul­tur.

Reprä­sen­ta­ti­ve Kul­tur ist Hoch­kul­tur. Sie stellt die hege­mo­nia­len Mus­ter für die Deu­tung der sozia­len Wirk­lich­keit bereit.

»Reprä­sen­ta­ti­ve Kul­tur … ent­wi­ckelt sich in allen arbeits­tei­li­gen Gesell­schaf­ten, sobald eine spe­zi­fi­sche Grup­pe oder Schicht ent­steht, die sich auf Erhalt und Tra­die­rung der imma­te­ri­el­len Kul­tur, der Ursprungs­sa­gen, der Mythen, der Reli­gi­on, der Riten und des kol­lek­ti­ven Gedächt­nis­ses, spe­zia­li­siert. Sie ent­wi­ckelt den Deu­tungs­rah­men des All­tags­han­delns fort, baut neue Ereig­nis­se (Natur­ka­ta­stro­phen, Krie­ge) in den alten Rah­men ein, legi­ti­miert oder dele­gi­ti­miert poli­ti­sche Herr­schaft und kann auf Aner­ken­nung ihrer Sinn­deu­tun­gen rech­nen. Reprä­sen­ta­ti­ve Kul­tur ent­wi­ckelt also not­wen­dig einen Anspruch auf Gel­tung, der über die unmit­tel­ba­re Trä­ger­schicht hin­aus­reicht.« (Albrecht 2002:21)

Prot­ago­nis­ten sind Geis­tes­wis­sen­schaft­ler, Künst­ler, Lite­ra­ten und Jour­na­lis­ten, Intel­lek­tu­el­le und Kul­tur­schaf­fen­de, wie man sie aner­ken­nend oder abschät­zig nen­nen mag. Die Trä­ger­schicht die­ser Kul­tur ist aber viel brei­ter. Man hat sie oft mit dem Bür­ger­tum iden­ti­fi­ziert. Bür­ger­li­che Kul­tur, wie sich sie in Bil­dung und Habi­tus äußert, wur­de damit – als Kul­tur der herr­schen­den Klas­sen – neben der Stel­lung der Men­schen im Pro­duk­ti­ons­pro­zess zu einem Merk­mal der sozia­len Schich­tung.

Die neue Wen­de zur Kul­tur ging in den 60er Jah­ren von ame­ri­ka­ni­schen und bri­ti­schen Anthro­po­lo­gen aus. Sie wur­de ange­trie­ben von der poli­ti­schen For­de­rung, sich nicht län­ger auf das Stu­di­um der Objek­ti­vie­run­gen mensch­li­chen »Geis­tes« in Geschich­te, Lite­ra­tur und Küns­ten zu kapri­zie­ren, son­dern die plu­ra­len Aus­drucks­for­men von a prio­ri gleich­be­rech­tig­ten Kul­tu­ren anzu­er­ken­nen. Mit Kri­tik an der »Hoch­kul­tur« ver­band sich die Hoff­nung auf ein sub­ver­si­ves Poten­ti­al der »Sub­kul­tu­ren«. Anthro­po­lo­gie und Eth­no­lo­gie, die sich bis­lang auf »frem­de« Kul­tu­ren beschränkt hat­ten, beob­ach­te­ten nun die eige­ne Gesell­schaft und erschlos­sen sich so mit den cul­tu­ral stu­dies neue Gegen­stands­be­rei­che. Das geschah mit dem poli­ti­schen Anspruch, Fel­der sozia­ler Ungleich­heit zu ent­de­cken, die über­kom­me­ne Unter­schei­dung zwi­schen Hoch­kul­tur und Popu­lar­kul­tur auf­zu­bre­chen und den Kampf um Bedeu­tun­gen zu ana­ly­sie­ren.

Auch in Euro­pa wur­de den 1990er Jah­ren »Kul­tur« zum Leit­be­griff für die Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. Hier fehlt ihm aller­dings der star­ke kri­tisch-poli­ti­sche Angriffs­geist. Die Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten ste­hen unter einem erheb­li­chen Legi­ti­ma­ti­ons­druck. Mit einer Neu­ori­en­tie­rung als Kul­tur­wis­sen­schaf­ten hof­fen sie, sich die Über­le­bens­fä­hig­keit zu sichern. Dar­aus hat sich eine merk­wür­di­ge Eigen­dy­na­mik erge­ben. Wäh­rend die cul­tu­ral stu­dies mit einem kri­ti­schen Impe­tus gestar­tet waren, geht es in Deutsch­land eher um Stu­di­en­gangs­pla­nung und Berufs­ori­en­tie­rung aka­de­mi­scher Abschlüs­se im Sin­ne der öko­no­mi­schen Ver­wert­bar­keit kul­tu­rel­ler Kennt­nis­se oder gar um die Mög­lich­kei­ten der Wirt­schafts­för­de­rung durch Kul­tur. Vor allem aber ermög­licht die Hin­wen­dung zu »Kul­tur« eine bei­na­he belie­bi­ge Erwei­te­rung des Gegen­stands­be­reichs der Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. Als Kul­tur­wis­sen­schaf­ten füh­len sie sich für alles zustän­dig, auch für das Recht. Sozu­sa­gen als Gegen­leis­tung gibt es ein drei­fa­ches Ver­spre­chen:

–  Aus dem Abbau der Dis­zi­plin­gren­zen soll eine Per­spek­tiv­en­er­wei­te­rung resul­tie­ren.

–  Es sol­len neue The­men­fel­der eröff­net wer­den.

–  Eine neue Metho­de soll die »kul­tu­rel­len Dif­fe­renz­erfah­run­gen« der Moder­ne erschlie­ßen.

Die Ver­spre­chen klin­gen gut. Aber nach zwan­zig Jah­ren Kul­tur­wis­sen­schaft ist die Bilanz für die Rechts­so­zio­lo­gie gemischt.

Als Dis­zi­plin mit insti­tu­tio­nel­ler Basis und Orga­ni­sa­ti­on gab es die Rechts­so­zio­lo­gie eigent­lich nie. Sie wur­de und wird in der Haupt­sa­che von Juris­ten und in der Neben­sa­che von Sozio­lo­gen und vie­len ande­ren betrie­ben. Rechts­so­zio­lo­gie war immer schon in dem Sin­ne inter­dis­zi­pli­när, dass in ihrem Namen Juris­ten ihre Dis­zi­plin­gren­zen über­schrit­ten haben. Viel zu öff­nen gibt es also gar nicht. Immer schon waren zur Rechts­so­zio­lo­gie alle ein­ge­la­den, die sich für das Recht inter­es­sie­ren. Als Kul­tur­wis­sen­schaft ver­klei­det haben nun mehr oder weni­ger alle geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­pli­nen, etwa Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, Kunst­wis­sen­schaft, Medi­en­wis­sen­schaft und ande­re mehr das Recht ent­deckt. Dage­gen ist nichts ein­zu­wen­den. Pro­ble­ma­tisch sind aber Bestre­bun­gen, auf die Selbst­be­nen­nung des Faches als Rechts­so­zio­lo­gie zu ver­zich­ten und nach dem ame­ri­ka­ni­schen Vor­bild von »Law & Socie­ty« nur noch von (For­schun­gen über) »Recht und Gesell­schaft« zu spre­chen. Die Öff­nung der Rechts­so­zio­lo­gie gegen­über der Kul­tur­wis­sen­schaft führt damit zu ihrer Selbst­auf­lö­sung. Auch das wäre nicht wei­ter schlimm, wenn dafür etwas gewon­nen wür­de. Doch im Gegen­teil, gewon­nen wird wenig, aber es geht viel ver­lo­ren.

  1. Der kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Ansatz führt zu einer sou­ve­rä­nen Gering­schät­zung all des­sen, was die »Dis­zi­pli­nen« immer­hin schon geleis­tet haben.
  2. Kei­nes der genann­ten The­men ist wirk­lich neu.
  3. Kul­tur­wis­sen­schaf­ten set­zen zu sehr auf den homo sym­bo­li­cus und damit auf einen neu­en homun­cu­lus.
  4. Kul­tur­wis­sen­schaf­ten gebär­den sich empi­rie­feind­lich.
  5. Zur beherr­schen­den Metho­de wird die wis­sens­so­zio­lo­gi­sche Rekon­struk­ti­on.
  6. Kul­tur­wis­sen­schaf­ten ver­fah­ren ein­sei­tig post­struk­tu­ra­lis­tisch.

Zu 1. – Gering­schät­zung der tra­di­tio­nel­len Dis­zi­pli­nen: Die Kul­tur­wis­sen­schaf­ten ver­ste­hen sich als Neu­be­ginn. Damit kön­nen sie, was von den tra­di­tio­nel­len Wis­sen­schaf­ten geleis­tet wor­den ist, bequem bei­sei­te­schie­ben: Die in ihren Dis­zi­plin­gren­zen befan­ge­nen Juris­ten, His­to­ri­ker, Ger­ma­nis­ten usw. haben ohne­hin nichts ver­stan­den. Kul­tur­wis­sen­schaft­ler sind anschei­nend nicht bereit, sich näher auf den Objekt­be­reich, über den sie reden wol­len, ein­zu­las­sen. Ihre Ergeb­nis­se sind oft tri­vi­al. Juris­ten sind sie schwer zu ver­mit­teln.

Zu 2. The­men­an­ge­bot: Für eine kul­tur­wis­sen­schaft­lich inspi­rier­te Rechts­for­schung wird eine lan­ge Rei­he von The­men[4] emp­foh­len:

a) Gedächt­nis: Kul­tur bil­det einen Kom­plex iden­ti­täts­si­chern­den Wis­sens, sozu­sa­gen das Gedächt­nis einer sozia­len Grup­pe oder gar der Gesell­schaft. So ver­stan­den ist Kul­tur das Arran­ge­ment von Sym­bo­len, das die Bil­der und Zei­chen, Geschich­ten und Cha­rak­te­re, Sze­na­ri­en und Meta­phern bereit hält, mit deren Hil­fe die Mit­glie­der einer Grup­pe ihrem Leben und der Welt um sie her­um einen Sinn geben. Im Anschluss an Alei­da und Jan Ass­mann ist daher das »kul­tu­rel­le Gedächt­nis« zu einem Schlüs­sel­be­griff der Kul­tur­wis­sen­schaf­ten gewor­den. Das Gedächt­nis nimmt in Mythen und Riten, Lie­dern und Fes­ten, Bil­dern und Tex­ten Gestalt an. Eine »gedächt­nis­ori­en­tier­te« Wis­sen­schaft sucht dann nach den Ursprungs­my­then moder­ner Insti­tu­tio­nen. Und sie wäre kei­ne sol­che, ent­deck­te sie nicht über­all, wonach sie sucht, etwa für das Ver­fas­sungs­recht einen revo­lu­tio­nä­ren Ursprung­my­thos, der es dem Ver­fas­sungs­recht gestat­ten soll, »an die Par­ti­ku­la­ri­tät und Kör­per­lich­keit von Revo­lu­tio­nen anzu­knüp­fen«. Oder sie beschwört den demo­kra­ti­schen Grün­dungs­my­thos der soge­nann­ten ver­fas­sungs­ge­ben­den Gewalt des Vol­kes (Gior­gio Agam­ben, Homo sacer, 2002, 50 ff.). Die ent­deck­ten Sym­bo­le sind oft nicht viel bes­ser als der Kada­ver des Zie­gen­bocks, der in der Esse­ner Insze­nie­rung der »Elek­tra« über dem Kopf Kly­taimne­st­ras pen­del­te. Es han­delt sich regel­mä­ßig um para­dig­ma­ti­sche Über­in­ter­pre­ta­tio­nen, die in der Sozio­lo­gie kei­nen Platz haben. Das meis­te, was die Kul­tur­wis­sen­schaft als kul­tu­rel­les Gedächt­nis behan­delt, ist längst The­ma der Medi­en­so­zio­lo­gie und von dort auch in die Rechts­so­zio­lo­gie über­nom­men wor­den. In der all­ge­mei­nen Sozio­lo­gie spricht man vom kol­lek­ti­ven Gedächt­nis. Es spielt u. a. bei der Erklä­rung der Evo­lu­ti­on (§ 90III unten) des Rechts eine Rol­le.

b) All­tags­kul­tur und Pop­kul­tur: Die Kul­tur­wis­sen­schaf­ten hal­ten sich wei­ter zugu­te, dass sie den Blick auf die Bedeu­tung des All­tags­wis­sens und der Popu­lär­kul­tur gelenkt habe. Da war die Rechts­so­zio­lo­gie aller­dings auch schon ohne ihre Hil­fe ange­kom­men (§ 39 unten).

c) Visua­li­tät: Auf die All­tags- und Pop­kul­tur ist die Rechts­so­zio­lo­gie mit­tel­bar durch Film und Fern­se­hen auf­merk­sam gewor­den, die in ihrem The­men­hun­ger nicht nur Kri­mi­nal­the­men, son­dern viel all­ge­mei­ner Recht und Gerich­te zum The­ma von Unter­hal­tungs­stof­fen gemacht haben (näher in § 39). Auf die­sem Umweg ist nicht nur die visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on, son­dern viel all­ge­mei­ner die Rele­vanz der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en für das Recht The­ma der Rechts­so­zio­lo­gie gewor­den (näher unten in § 72III).

d) Zeit­lich­keit des Rechts: Raum und Zeit geben der Welt im Erle­ben der Men­schen Struk­tur. Die­se Struk­tur ist pri­mär natür­lich, beim Raum durch die Gestalt der Erde und ihrer Land­schaf­ten, bei der Zeit durch den Wech­sel von Jah­res­zei­ten, Tag und Nacht. Aber die natür­li­che Struk­tur wird über­la­gert durch eine sozia­le. Die Land­schaf­ten sind durch Besied­lung und Bau­ten gestal­tet. Die Zeit erhält durch Kalen­der, Uhren und Gewohn­hei­ten und Plä­ne ihren Rhyth­mus. Zeit kor­re­spon­diert mit Kau­sa­li­tät, denn Kau­sa­li­tät wird als eine zeit­li­che Abfol­ge von Ereig­nis­sen gedacht. Die Wahr­neh­mung der Ver­gan­gen­heit durch Rechts­ge­schich­te und his­to­ri­sche Sozio­lo­gie bringt Peri­odi­sie­run­gen her­vor, die auf das Ver­ständ­nis des aktu­el­len Rechts zurück­wir­ken. Für den All­tags­ge­brauch sind es die sog. Nar­ra­tio­nen, die das Recht zeit­lich glie­dern (§ 23 II unten). Mono­ton wird beklagt, dass die Bezie­hung zwi­schen Recht und Zeit wis­sen­schaft­lich ver­nach­läs­sigt wor­den sei.[5] Tat­säch­lich ist die Lite­ra­tur zum The­ma gar nicht so spär­lich.[6]

Über­all im Recht ist die Zeit prä­sent, beim Alter von Per­so­nen, in Fris­ten und Ter­mi­nen, bei der Ver­jäh­rung, der Dau­er einer Stra­fe usw. usw. Das ist tri­vi­al. Aber die Kul­tur­wis­sen­schaf­ten leben davon, Tri­via­li­tä­ten hoch­zu­sti­li­sie­ren. Posi­ti­vi­tät des Rechts bedeu­tet Änder­bar­keit und begrün­det damit auch ein Zeit­phä­no­men. Das ist durch Niklas Luh­mann zu einem klas­si­schen The­ma der Rechts­so­zio­lo­gie gewor­den (§ 9 IV oben). Inter­es­san­ter als die Zeit­lich­keit des Rechts ist die Ver­än­de­rung der Zeit­per­spek­ti­ve der Gesell­schaft. Zu beob­ach­ten sind gegen­läu­fi­ge Ent­wick­lun­gen. Auf der einen Sei­te steht die Deh­nung der für rele­vant ange­se­he­nen Zeit. Tra­di­tio­nel­le Ver­jäh­rungs­vor­stel­lun­gen sind zu einem erheb­li­chen Teil obso­let gewor­den. 1949 ver­jähr­te die Ver­fol­gung von Mord noch in 20 Jah­ren. Dann wur­de die­se Ver­jäh­rungs­frist im Blick auf die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt­ver­bre­chen auf 30 ver­län­gert, und als 1979 auch die­se Span­ne ablief, ganz auf­ge­ho­ben. Aber auch zivil­recht­li­che Wie­der­gut­ma­chungs­an­sprü­che wer­den heu­te ohne Rück­sicht auf Fris­ten zuge­las­sen. Hier sind ganz deut­lich die recht­li­chen Kon­se­quen­zen einer Neu­be­wer­tung von Kolo­nia­lis­mus und Skla­ve­rei, Nazi­ver­bre­chen und sozia­lis­ti­schen Dik­ta­tu­ren zu spü­ren. In der Spra­che der Kul­tur­wis­sen­schaf­ten: In den 1960er Jah­ren hat man von einer Kul­tur des Ver­ges­sens auf eine Kul­tur der Erin­ne­rung umge­stellt und dar­aus ist die For­de­rung nach Wie­der­gut­ma­chung his­to­ri­schen Unrechts erwach­sen, min­des­tens soweit die­ses Unrecht poli­tisch orga­ni­siert war. Die Kon­se­quenz ist eine »Ver­mes­sung der Geschich­te durch die Gerich­te«[7]. Rück­wir­ken­de Mora­li­sie­rung schlägt auf das Recht durch. Auf der ande­ren Sei­te Beschleu­ni­gung: Die Beschleu­ni­gung von Trans­port- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­vor­gän­gen durch die moder­ne Tech­nik und die (dadurch beför­der­te) Glo­ba­li­sie­rung der Wirt­schaft mit dem dar­aus fol­gen­den Kon­kur­renz­druck haben zu einer Art Non­stop-Gesell­schaft geführt. Die recht­li­che Rege­lung von Fei­er­ta­gen und Laden­schluss, Arbeits­zei­ten und Fris­ten aller Art muss dar­auf reagie­ren.

e) Raum: Recht braucht einen Anwen­dungs­be­reich. Der ist, seit­dem die Men­schen sess­haft gewor­den sind, in ers­ter Linie räum­lich bestimmt. Tra­di­tio­nel­le Rechts­vor­stel­lun­gen sind daher mit Stadt und Staat ver­bun­den. Eine alte Fra­ge­stel­lung der Rechts­so­zio­lo­gie befasst sich dem Phä­no­men loka­ler Rechts­kul­tu­ren, näm­lich damit, dass Recht, das sei­nem Anspruch nach in einem bestimm­ten Ter­ri­to­ri­um eigent­lich ein­heit­lich gel­ten soll­te, in der Pra­xis ganz unter­schied­li­che Aus­prä­gun­gen annimmt. Das geht bis hin zu den ille­ga­len Sied­lun­gen in Groß­städ­ten von Schwel­len- und Ent­wick­lungs­län­der, in denen sich rela­tiv unab­hän­gig vom staat­li­chen Recht ein Ord­nungs­sys­tem ent­wi­ckelt, für das die Bewoh­ner Rechts­qua­li­tät in Anspruch neh­men.[8] [9]

Mit der Beför­de­rungs- und der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik sind die Men­schen mobi­ler gewor­den. Poli­ti­scher Druck und wirt­schaft­li­cher Sog brin­gen sie in Bewe­gung. Gren­zen sind durch­läs­si­ger gewor­den. Raum und Mobi­li­tät haben dadurch als Recht­s­tat­sa­chen Bedeu­tung gewon­nen. Das ist offen­sicht­lich, wenn es um die Glo­ba­li­sie­rung des Rechts oder um Immi­gra­ti­on und Inte­gra­ti­on geht. Durch die neue Mobi­li­tät haben sich die Raum­er­fah­rung auch das Selbst­ver­ständ­nis der Men­schen und damit ihre Bezie­hung zum Recht ver­än­dert. Die über den Raum ver­mit­tel­te Loya­li­tät zu Stadt, Staat und Recht hat sich abge­schwächt. Das alles ist nicht neu und reicht sicher nicht aus, um, etwa ana­log zur Wirt­schafts­geo­gra­phie, wie sie der Nobel­preis­trä­ger Paul Krug­man, ange­regt von Ansät­zen deut­scher Raum­wirt­schafts­theo­re­ti­ker des 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts wie­der­ent­deckt und fort­ent­wi­ckelt hat, einer Rechts­geo­gra­phie das Wort zu reden. Was dazu ange­bo­ten wird[10], lässt sich ein­fa­cher in den kon­ven­tio­nel­len Kate­go­ri­en der Rechts­so­zio­lo­gie unter­brin­gen. In der moder­nen Sozio­lo­gie ist zwar viel von Räu­men (space) die Rede. Meis­tens wird der Begriff aber nicht geo­gra­phisch, son­dern im über­tra­ge­nen Sin­ne ver­wen­det wie von Bour­dieu, wenn er von juris­ti­schen Fel­dern[11] spricht. Als Meta­pher trägt er wenig zur Sache, aber viel zur Kom­pli­ka­ti­on der Dar­stel­lung bei. Von den Her­aus­ge­bern des Legal Geo­gra­phies Reader (S. XII f.) erfah­ren wir:

»First, by rea­ding the legal in terms of the spa­ti­al and the spa­ti­al in terms of the legal, our under­stan­dings of both, ›space‹ and ›law‹ may be chan­ged. Old sta­bi­li­ties begin to reveal gaps and ten­si­ons. … Second … the spaces of expe­ri­ence and ima­gi­na­ti­on are pro­found­ly mol­d­ed by inheri­ted legal noti­ons such as ›rights‹, ›ownership‹ and ›sover­eign­ty‹ … Soci­al space is satu­ra­ted with legal mea­nings, but the­se mea­nings are always mul­ti­ple and usual­ly open to a ran­ge of diver­gent inter­pre­ta­ti­ons. … Third … the legal and the spa­ti­al are, in signi­fi­cant ways, aspects of each other and as such, they are fun­da­men­tal and irre­du­ci­ble aspects of a more holisti­cal­ly con­cei­ved soci­al-mate­ri­al rea­li­ty.«

Es ist sicher rich­tig, dass man bei Unter­su­chun­gen über die Wirk­lich­keit des Rechts auch über Immi­gra­ti­on und Glo­ba­li­sie­rung hin­aus viel­fach an räum­li­chen Gren­zen anknüp­fen kann, etwa bei der Ver­tei­lung von Grund­ei­gen­tum oder bei der Durch­set­zung von Ord­nung in öffent­li­chen Plät­zen. Dass räum­li­che Gren­zen, etwa die zwi­schen Slums und guten Wohn­vier­teln oder gar fen­ced com­mu­nities auch Gren­zen zwi­schen Arm und Reich, Stark und Schwach dar­stel­len, ist bekannt. Für all das braucht man weder eine Rechts­geo­gra­phie noch die Kul­tur­wis­sen­schaf­ten.[12]

f) Tech­nik: Das Ver­hält­nis von Recht und Tech­nik wird seit jeher unter der Über­schrift »Recht und sozia­ler Wan­del« the­ma­ti­siert (§ 92).

g) Gewalt fas­zi­niert die Kul­tur­wis­sen­schaf­ten im Zusam­men­hang mit dem Recht wegen ihrer Dop­pel­rol­le. Das Recht ver­steht sich als Frie­dens­ord­nung. His­to­risch ist es aber nicht sel­ten durch einen gewalt­sa­men Akt, durch Krieg oder Revo­lu­ti­on, ent­stan­den. Einer­seits bekämpft das Recht die Gewalt, wenn sie als Selbst­hil­fe, gewöhn­li­che Kri­mi­na­li­tät oder gar Ter­ro­ris­mus auf­tritt. Ande­rer­seits droht das Recht sei­ner­seits mit Gewalt und wen­det sie bei Bedarf auch an. Der Bei­trag der Kul­tur­wis­sen­schaf­ten besteht dar­in, dass sie die­se Dop­pel­rol­le zur Para­do­xie hoch­sti­li­siert.

h) Kör­per­lich­keit: Wenn Kul­tur­wis­sen­schaft­ler der Rechts­for­schung den Kör­per als The­ma nahe­le­gen, so mei­nen sie ver­schie­de­ne Din­ge. Ers­tens geht es um die phy­si­sche Gewalt. Die ist immer schon ein The­ma von Psy­cho­lo­gie und Sozio­lo­gie gewe­sen. Zwei­tens geht es um die mate­ri­el­le (kör­per­li­che) Basis der Rechts­kom­mu­ni­ka­ti­on: »Das Recht wird als Zei­chen­kör­per kon­sti­tu­iert.«[13] Sol­che auf­ge­bla­se­nen For­mu­lie­run­gen sind für die Kul­tur­wis­sen­schaf­ten typisch. Wir behan­deln die­sen Aspekt als Zusam­men­hang von Recht und Medi­en (§ 92 V unten). Manch­mal geht es aber auch nur um meta­pho­ri­schen Sprach­ge­brauch, so wenn wir erfah­ren, in Hob­bes’ Levia­than erschei­ne der Staat als Ver­kör­pe­rung des Rechts. Immer wie­der fas­zi­niert die Geschich­te der Lei­bes- und Lebens­stra­fen. Aber es ist wohl rich­tig, dass heu­te über der Tech­nik und den sozia­len Struk­tu­ren die Leib­lich­keit ver­nach­läs­sigt oder gar ver­ges­sen wird. Es scheint, als ob das moder­ne Recht direk­te Zugrif­fe auf den mensch­li­chen Kör­per mög­lichst aus­spart. Fol­ter und Todes­stra­fe sind indis­ku­ta­bel, kör­per­li­che Züch­ti­gung jeder Art ver­bo­ten. Gegen­über dem Zugriff von Medi­zin und Neu­ro­wis­sen­schaft auf den Kör­per ist das Recht weit­ge­hend rat­los. Drit­tens: Ein inter­es­san­ter Aspekt von Kör­per­lich­keit wird in der Sozio­lo­gie als »tacit know­ledge« (M. Polanyi) oder (von Bour­dieu) als Habi­tus the­ma­ti­siert. Es geht dar­um, dass es zur Erklä­rung von Hand­lun­gen nicht genügt, bloß das Bewusst­sein der Han­deln­den zu ana­ly­sie­ren, weil es von einer unbe­wuss­ten Hand­lungs­be­reit­schaft getra­gen wird, die zu situa­ti­ons­ad­äqua­ten Impro­vi­sa­tio­nen befä­higt. So kön­nen Jazz­mu­si­ker zusam­men spie­len, ohne bewusst bestimm­ten Regeln zu fol­gen, weil sie die Fähig­keit ent­wi­ckelt haben, auf das zu hören, was die ande­ren spie­len, und dar­auf pas­send zu reagie­ren. Auto­fah­rer ent­wi­ckeln einen »sens pra­tique«, der sie Gas geben, len­ken und brem­sen lässt, ohne dass sie über­le­gen oder sich auch nur bewusst machen, was sie tun. Wenn ich an der Tas­ta­tur sit­ze und schrei­be, geben mei­ne Fin­ger nicht ganz sel­ten Zei­chen­ket­ten ein, die dem gemein­ten Wort ähn­lich sind.

h) Text­be­griff: Für Recht und Rechts­so­zio­lo­gie nicht ganz unwich­tig ist eine Erwei­te­rung des Text­be­griffs, man­che spre­chen sogar von einem tex­tu­al turn: Zunächst muss ein neu­er Aus­druck her: Tex­tua­li­tät (§ 38II unten). Tex­tua­li­tät ist eine Eigen­schaft der Kul­tur, die nicht von Tex­ten im tech­ni­schen Sin­ne des gespro­che­nen oder geschrie­be­nen Wor­tes abhängt. Damit ist der Text nicht mehr selbst­ge­nüg­sam und ver­liert sei­ne Funk­ti­on als Bedeu­tungs­trä­ger. Danach geht es an die Dekon­struk­ti­on. Dabei hilft der Begriff der Kon­tin­genz: Kul­tur ist alles, was anders hät­te aus­fal­len kön­nen, also ein Kon­strukt. Jedes Kon­strukt kann auf alter­na­ti­ve Kon­struk­ti­ons­mög­lich­kei­ten befragt wer­den; es kann dekon­stru­iert wer­den. Das gilt sowohl für den vor­ge­fun­de­nen Text wie für des­sen Lek­tü­re. Der Beob­ach­ter zwei­ten Gra­des fin­det auf bei­den Sei­ten, auf der des Tex­tes und der der Lek­tü­re, eine Wahl, die so oder anders hät­te getrof­fen wer­den kön­nen. Der Text müss­te nicht so da ste­hen, wie er steht, und der Leser hät­te ihn anders ver­ste­hen kön­nen als er tat. Eini­ge Vari­an­ten mögen mani­fest erschei­nen. Ande­re wer­den nur als Nega­ti­ons­ho­ri­zont mit­ge­führt und könn­ten bei Anlass oder Bedarf belebt wer­den. Text und Lek­tü­re demon­tie­ren sich auf die­se Wei­se selbst. Doch es ist nicht nur der Leser, der so bei der Lek­tü­re beob­ach­tet wird. Tex­tua­li­tät der Kul­tur soll viel­mehr besa­gen, dass jeder Text in viel­fäl­ti­ger Wei­se mit ande­ren ver­floch­ten ist und dar­über hin­aus einem sich stän­dig ver­än­dern­den Kon­text ange­hört.

i) Poli­ti­sie­rung von Kul­tur: Die poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung von Kul­tur beginnt nicht erst mit dem Pau­ken­schlag der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on Mao Tse Tungs. Heu­te redet man lie­ber kri­tisch über die For­de­rung nach einer deut­schen Leit­kul­tur, nach kul­tu­rel­ler Inte­gra­ti­on von aus­län­di­schen Zuwan­de­rern oder über das Kon­zept des Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus.

Zu 3. – Homo sym­bo­li­cus: Nach­dem homo socio­lo­gi­cus und homo oeco­no­mi­c­us müh­sam zu Gra­be getra­gen wur­den, zieht mit dem homo sym­bo­li­cus der Kul­tur­wis­sen­schaf­ten ein neu­er Homun­cu­lus ein. Metho­disch füh­ren die Begrif­fe kul­tu­rel­les Wis­sen und kul­tu­rel­les Gedächt­nis zur (neu­en) Wis­sens­so­zio­lo­gie (§ 8V oben). Metho­den der Wahl sind »dich­te Beschrei­bung« und Rekon­struk­ti­on. Es geht dabei um die qua­li­ta­ti­ven Metho­den der Sozi­al­for­schung, die im Anschluss an die »inter­pre­ta­ti­ve Wen­de« der Sozio­lo­gie auch von der Rechts­so­zio­lo­gie rezi­piert wor­den sind (§ 23 unten).

In den Kul­tur­wis­sen­schaf­ten bean­spru­chen die qua­li­ta­ti­ven Metho­den ein Über­ge­wicht oder gar eine Mono­pol­stel­lung. Es mag wohl zutref­fen, »dass die Gestalt der Din­ge in letzt­lich his­to­risch und sozi­al kon­tin­gen­ten Sinn­zu­sam­men­hän­gen und Prak­ti­ken kul­tu­rell pro­du­ziert wird« (Reck­witz, S. 39). Die sinn­haf­te Kon­sti­tu­ti­on der Wirk­lich­keit steht außer Fra­ge. Nur darf man dar­über die Rei­fi­zie­rung des Sinn­haf­ten nicht ver­ges­sen. Geäu­ßer­ter Sinn wird zu etwas Ding­li­chem, an dem man sich sto­ßen kann. Es ist nicht ganz ein­fach, Men­schen, die hin­ter Git­tern sit­zen, bei denen die Gerichts­voll­zie­he­rin vor der Tür steht, den Opfern von Ver­ge­wal­ti­gung oder Betrug oder auch nur dem Steu­er­zah­ler zu sagen, die sozia­le Welt exis­tie­re nur als sym­bo­li­sche; was sie erleb­ten, bezie­he sei­ne Bedeu­tung aus kol­lek­ti­ven Wis­sens­ord­nun­gen, sei sozi­al kon­stru­iert und des­halb kon­tin­gent. Rechts­so­zio­lo­gie muss daher nach wie vor bei Hand­lun­gen und Kon­flik­ten, Nor­men und Insti­tu­tio­nen anset­zen.

Zu 4. – Empi­rie­feind­lich­keit: Im Zen­trum der Kul­tur­wis­sen­schaft geht es noch um ande­res und mehr als um eine Erobe­rung des Gegen­stands­fel­des der Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. Es geht um die Aus­wechs­lung von Basis und Über­bau. Die geis­tig-ide­el­le Sphä­re, die dem Mar­xis­mus als blo­ßer Über­bau des Mate­ri­el­len galt, wird zur Basis aller sozia­len Phä­no­me­ne. Mensch­li­ches Han­deln und mensch­li­che Bezie­hun­gen sind nun­mehr nur noch Epi­phä­no­me­ne einer sym­bo­lisch sinn­haft kon­sti­tu­ier­ten Welt. Dage­gen wäre eigent­lich nichts ein­zu­wen­den. Juris­ten haben das Recht nie anders als ein kol­lek­ti­ves Sinn­sys­tem behan­delt. Aber jetzt wird der Spieß umge­dreht. Eine postem­pi­ri­sche oder post­po­si­ti­ve Epo­che wird aus­ge­ru­fen. Metho­den, die zäh­len und mes­sen, wer­den als empi­ris­tisch denun­ziert. Psy­cho­lo­gi­sche und bio­lo­gi­sche Beob­ach­tun­gen pas­sen schon gar nicht mehr ins Bild. Statt­des­sen sind Inter­pre­ta­ti­on und Rekon­struk­ti­on ange­sagt. Für bei­de gilt ein radi­ka­ler Kon­tex­tua­lis­mus. Er geht davon aus, dass kul­tu­rel­le Pro­dukt kul­tu­rel­le Prak­ti­ken außer­halb des Kon­tex­tes nicht fass­bar sind. Gene­ra­li­sie­run­gen, die doch eigent­lich das Ziel von Wis­sen­schaft sind, wer­den damit aus­ge­schlos­sen.

Zu 5. – Wis­sens­so­zio­lo­gi­sche Rekon­struk­ti­on: Metho­disch führt Kul­tur­wis­sen­schaft zu einer wis­sens­so­zio­lo­gi­schen »Rekon­struk­ti­on« des­sen was bis­her in der Rechts­so­zio­lo­gie als Rechts­be­wusst­sein geläu­fig war. Immer­hin gibt es hier durch einen ent­schie­de­nen Blick auf die All­tags­kul­tur (im Sin­ne von Lebens­welt) neue Akzen­te. Es wird betont, dass »Recht« weit­aus ubi­qui­tä­rer ist, als es die klas­si­sche Fra­ge nach »know­ledge and opi­ni­on about law« auf­de­cken kann. Recht beein­flusst die Men­schen nicht von außen, son­dern ist Teil ihres Selbst­ver­ständ­nis­ses. Sie sehen sich selbst, wie das Recht sie sieht, und dar­aus bezieht wie­der­um das Recht sei­ne Bedeu­tung. So wird  von den Kul­tur­wis­sen­schaf­ten mit immer neu­en For­mu­lie­run­gen und Bei­spie­len die Zir­ku­la­ri­tät des Den­kens beschwo­ren. Als Bei­spiel hier eine For­mu­lie­rung von Ulrich Hal­tern (2005, 18):

»Das Recht kon­sti­tu­iert die Erfah­rung des Selbst und des Ande­ren. Es ist Teil des kul­tu­rel­len Bedeu­tungs- und Sym­bol­ge­we­bes, in das der Mensch ver­strickt ist. Damit ist nicht nur gesagt, dass das Recht weit­aus ubi­qui­tä­rer ist, als instru­men­ta­lis­ti­sche Theo­ri­en mei­nen, son­dern vor allem, dass es bereits inte­gra­ler Bestand­teil des­sen ist, was es regelt. Recht beein­flusst uns nicht von außen, son­dern ist Teil unse­res Selbst­ver­ständ­nis­ses. Wir begin­nen uns zu sehen, wie das Recht uns sieht, indem wir an der Kon­struk­ti­on von Bedeu­tun­gen teil­neh­men, die das Recht vor­nimmt. Wir inter­na­li­sie­ren die Reprä­sen­ta­tio­nen, die das Recht von uns formt, und kön­nen unse­re Zie­le und Ein­sich­ten nicht län­ger von ihnen tren­nen.«

Das ist der gute alte her­me­neu­ti­sche Zir­kel kul­tur­theo­re­tisch gewen­det.

Das Ergeb­nis sol­cher Anstren­gun­gen ist ein mehr oder weni­ger radi­ka­ler Kon­struk­ti­vis­mus. Es lohnt nicht, dar­an zu zwei­feln, dass alle Beob­ach­tun­gen und Inter­pre­ta­tio­nen letzt­lich ein Pro­dukt mensch­li­cher Sin­ne und Denk­werk­zeu­ge sind. Es ist längst eine Tri­via­li­tät, dass jede Beob­ach­tung durch den Stand­punkt des Beob­ach­ters bestimmt ist. Es mag ja zutref­fen, dass wis­sen­schaft­li­che Theo­ri­en durch Fak­ten oder Daten irre­du­zi­bel unter­be­stimmt blei­ben. Es ist ja rich­tig, dass sich zwi­schen Theo­rie­spra­che und Beob­ach­tungs­spra­che letzt­lich nicht dif­fe­ren­zie­ren lässt. Aber was sich auf dem Feld der Kul­tur­theo­ri­en ereig­net, ist ein Kurz­schluss zwi­schen phi­lo­so­phi­scher Wis­sen­schafts­theo­rie und dem ope­ra­ti­ven Geschäft der Nor­mal­wis­sen­schaft. Der radi­ka­le (epis­te­mo­lo­gi­sche) Kon­struk­ti­vis­mus als wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche Posi­ti­on wird nicht hin­rei­chend vom kogni­ti­ven und sozia­len Kon­struk­ti­vis­mus unter­schie­den. Hier wird das Kind mit dem Bade aus­ge­schüt­tet.

Zu 6. – Post­struk­tu­ra­lis­mus: Die Kul­tur­wis­sen­schaf­ten ver­ste­hen sich als post­struk­tu­ra­lis­tisch. Die klas­si­schen Ana­ly­se­ras­ter wie Sub­jekt und Objekt, Sein und Sol­len, Struk­tur und Pro­zess wer­den als fal­sche Dua­lis­men zurück­ge­wie­sen. Eine Fol­ge ist der weit­ge­hen­de Ver­zicht theo­re­ti­schen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen und die Kon­zen­tra­ti­on auf das Pro­zess­haf­te des sozia­len Gesche­hens in mikro­so­zio­lo­gi­schen Kon­ver­sa­ti­ons­ana­ly­sen. Die Unter­schei­dung von Struk­tur und Pro­zess wird unten in § 35 näher behan­delt.

Kul­tur­wis­sen­schaf­ten im Ver­bund mit der neu­en Wis­sens­so­zio­lo­gie (§ 8 V) tre­ten mit einem impe­ria­len Anspruch auf. Sie rekla­mie­ren mehr oder weni­ger alle The­men für sich, die bis­lang spe­zia­li­sier­ten Sozi­al- und Geis­tes­wis­sen­schaf­ten zuge­rech­net wur­den. Als Preis für die Auf­nah­me in das Reich der Kul­tur­wis­sen­schaf­ten sol­len Rechts­wis­sen­schaft, Rechts­so­zio­lo­gie und ande­re mehr ihre Indi­vi­dua­li­tät her­ge­ben und zu einer sozia­len Ein­heits­wis­sen­schaft ver­schmel­zen. Der Preis wäre die Viel­falt der ganz unter­schied­li­che Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten ber­gen­den geis­tes- und sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Ansät­ze. Die Rechts­so­zio­lo­gie muss daher den impe­ria­lis­ti­schen Anspruch der Kul­tur­wis­sen­schaf­ten zurück­wei­sen.

Auch man­che Rechts­so­zio­lo­gen (und Juris­ten) beru­fen sich heu­te auf den kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Ansatz. Ihr Flirt mit den Kul­tur­wis­sen­schaf­ten ist zunächst wohl oppor­tu­nis­tisch begrün­det. Es will ein­fach nicht (mehr?) gelin­gen, mit dem alten Label »Rechts­so­zio­lo­gie« insti­tu­tio­nel­le Unter­stüt­zung zu fin­den und eine grö­ße­re Trup­pe hin­ter sich zu ver­sam­meln. Aber der Flirt bleibt nicht ohne Fol­gen. Kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Rechts­for­schung ist in ihrer Viel­falt kaum koor­di­niert und wenig ver­netzt. Vie­les steht unver­bun­den neben­ein­an­der und ver­liert dadurch an Wir­kung. Da es den ein­schlä­gi­gen Arbei­ten an der Selbst­wahr­neh­mung als rechts­so­zio­lo­gisch fehlt, ver­zich­ten sie dar­auf, von dem vor­han­de­nen und bewähr­ten Ange­bot der Rechts­so­zio­lo­gie Gebrauch zu machen. Die Fol­ge ist Zer­split­te­rung und der Ver­lust von mög­li­chem Koope­ra­ti­ons­ge­winn. Viel­fach wird längst Bekann­tes repro­du­ziert. Ande­rer­seits wer­den ver­dienst­vol­le Arbei­ten nicht gebüh­rend zur Kennt­nis genom­men oder bald wie­der ver­ges­sen, weil sie nicht in einen grö­ße­ren Zusam­men­hang ein­ge­bet­tet sind. Hier brei­tet sich eine neue Unüber­sicht­lich­keit aus. Vor allem aber ver­liert die Rechts­so­zio­lo­gie ihren Biss. Ein Inter­view mit dem Kri­mi­no­lo­gen Nigel Fiel­ding für den Nuffield-Report (S. 33) bringt die Sache auf den Punkt:

»Youn­ger soci­al sci­en­tists seem to lack the inte­rest in the cri­ti­cal mat­ters of soci­al struc­tu­re, power and soci­al class that lead one very quick­ly to the law a major ele­ment in con­sti­tu­ting socie­ty as it is. Socio­lo­gy has tur­ned from mat­ters of pro­duc­tion to mat­ters of con­sump­ti­on. For examp­le, a gre­at deal of rese­arch atten­ti­on is now given to how peop­le use mobi­le tele­pho­nes. If a pre­vious gene­ra­ti­on had had tho­se devices, the issue would have been how they were soci­al­ly dis­tri­bu­t­ed. Now the issue is, how they are deco­ra­ted.«

Zu erken­nen ist Rechts­so­zio­lo­gie letzt­lich nur an The­ma und Metho­de. Ihre Metho­de ist kei­ne ande­re als die der all­ge­mei­nen Sozio­lo­gie. Das bedeu­tet vor allem, dass immer in irgend­ei­ner Wei­se kon­trol­lier­te Empi­rie dazu­ge­hört. Ihr The­ma ist das Recht als inte­gra­ler Bestand­teil der Gesell­schaft. Ganz gleich, wer auch immer in die­sem Sin­ne arbei­tet und in wel­chem insti­tu­tio­nel­len Zusam­men­hang das geschieht: Es han­delt sich um Rechts­so­zio­lo­gie. Und als sol­che soll­te man sie benen­nen. In die­sem Sin­ne gibt es eine gan­ze Men­ge Rechts­so­zio­lo­gie, nicht nur bei Juris­ten und Sozio­lo­gen, son­dern auch bei Poli­tik­wis­sen­schaft­lern, Öko­no­men, His­to­ri­kern, Anthro­po­lo­gen und auch bei denen, die sich als Kul­tur­wis­sen­schaft­ler ver­ste­hen.

IV.  Rechtskultur als Begriff der Rechtssoziologie

Lite­ra­tur: Erhard Blan­ken­burg, Rechts­kul­tur, in: Fest­schrift Reh­bin­der, 2002, 425–431; ders., Indi­ka­to­ren­ver­gleich der Rechts­kul­tu­ren in der Bun­des­re­pu­blik und in den Nie­der­lan­den, ZfR­Soz 6, 1985, 255–273; Fred Bruinsma/David Nel­ken (Hg.), Explo­ra­ti­ons in Legal Cul­tures, 2007; Roger Cot­ter­rell, Law, Cul­tu­re and Socie­ty, 2006 (Kapi­tel 5: The Con­cept auf Legal Cul­tu­re, S. 81–96); Lawrence M. Fried­man, Legal Cul­tu­re and Soci­al Deve­lop­ment, in: Law and Socie­ty Review 4, 1969, 29–44; ders., Trans­for­ma­ti­ons in Ame­ri­can Legal Cul­tu­re 1800–1985, ZfR­Soz 6, 1985, 191–205; Knud Krakau/Franz Streng (Hg.), Kon­flikt der Rechts­kul­tu­ren? Die USA und Deutsch­land im Ver­gleich; 2003; Peter Man­kow­ski, Rechts­kul­tur. Eine rechts­ver­glei­chend-anek­do­ti­sche Annä­he­rung an einen schwie­ri­gen und viel­schich­ti­gen Begriff, Juris­ten­zei­tung 2009, 321–331; David Nel­ken, Com­pa­ring Legal Cul­tures, in: The Black­well Com­pa­n­ion to Law and Socie­ty, 2004, 113–128; Hubert Rott­leuth­ner, Aspek­te der Rechts­ent­wick­lung in Deutsch­land. Ein sozio­lo­gi­scher Ver­gleich deut­scher Rechts­kul­tu­ren, ZfR­Soz 6, 1985, 206–254; Rein­hard Zim­mer­mann (Hg.), Ame­ri­ka­ni­sche Rechts­kul­tur und euro­päi­sches Pri­vat­recht, 1995; dar­in S. 87–131: Zim­mer­mann, Law Reviews – Ein Streif­zug durch eine frem­de Welt.

Schon vor dem Zugriff der Kul­tur­wis­sen­schaf­ten war und ist der Begriff der Rechts­kul­tur in der Rechts­so­zio­lo­gie geläu­fig. Er wird ver­wen­det, um die ganz­heit­li­che Betrach­tung eines Rechts­sys­tems oder bestimm­ter Tei­le anzu­spre­chen. Bevor­zug­te Unter­su­chungs­ein­hei­ten sind natio­na­le Rechts­sys­te­me. Nicht sel­ten ist aber auch von loka­len Rechts­kul­tu­ren die Rede (local legal cul­tu­re). Dann geht es meis­tens dar­um, dass der Anspruch des offi­zi­el­len Recht­sys­tems, in sei­nem gan­zen Gel­tungs­be­reich ein­heit­lich gehand­habt zu wer­den, von der loka­len Pra­xis unter­lau­fen wird. In der Gegen­rich­tung stellt man heu­te die Fra­ge nach einer im Ent­ste­hen begrif­fe­nen Welt­rechts­kul­tur.

Obwohl die Betrach­tung von Rechts­kul­tur nicht not­wen­dig gan­ze Rechts­sys­te­me in den Blick nimmt, scheint der Begriff doch auf einen Ver­gleich unter­schied­li­cher Rechts­ord­nun­gen ange­legt zu sein und führt damit zu einer Über­schnei­dung von Rechts­so­zio­lo­gie und Rechts­ver­glei­chung. Die wis­sen­schaft­li­che Rechts­ver­glei­chung beschränkt sich nicht auf kon­kre­te Rechts­pro­ble­me etwa nach dem Mus­ter: Wie ist die gewill­kür­te Erb­fol­ge in Deutsch­land und wie in Spa­ni­en gere­gelt, wie wer­den Ehen in Marok­ko und wie in Eng­land geschlos­sen oder geschie­den, wel­che For­men für Unter­neh­mens­grün­dun­gen ste­hen in den USA und auf den Key­man-Inseln zur Ver­fü­gung, wie geht das Recht in Deutsch­land und in Sau­di-Ara­bi­en mit Homo­se­xua­li­tät um? Rechts­ver­glei­chung, auch wo sie nur kon­kre­te Rege­lungs­fra­gen beant­wor­ten will, muss doch immer einen grö­ße­ren Kon­text in den Blick neh­men, denn kon­kre­te Rege­lun­gen erge­ben sich erst aus dem Inein­an­der­grei­fen von mate­ri­el­lem Recht, Ver­fah­rens­recht und insti­tu­tio­nel­len Tra­di­tio­nen, die unab­hän­gig von­ein­an­der vari­ie­ren kön­nen (Blan­ken­burg 2002)

Aus Euro­pa bli­cken Poli­ti­ker und Wis­sen­schaft­ler, Medi­en und Publi­kum immer wie­der in die USA. Auch die deut­sche Rechts­so­zio­lo­gie lebt zu einem erheb­li­chen Teil von ame­ri­ka­ni­schen Impor­ten. Wich­tig ist des­halb eine ver­glei­chen­de Beschrei­bung der (US-) ame­ri­ka­ni­schen Rechts­kul­tur. Zwar wird viel über die Rechts­kul­tur der USA berich­tet. Doch es geht immer nur um Teil­as­pek­te. Die­se Lücke kann hier nicht gefüllt wer­den. Ich will aber jeden­falls eine (immer noch unvoll­stän­di­ge) Auf­zäh­lung der Phä­no­me­ne ver­su­chen, wel­che die ame­ri­ka­ni­sche Rechts­kul­tur prä­gen. Sie bestä­ti­gen, jeden­falls für die Rechts­kul­tur, bis zu einem gewis­sen Gra­de die Theo­rie des Ame­ri­can excep­tio­na­lism, die Auf­fas­sung näm­lich, dass die USA im Ver­gleich zu ande­ren Län­dern eine ein­zig­ar­ti­ge Stel­lung ein­neh­men.
An den Anfang gehö­ren die Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung von 1776 und die Ver­fas­sung von 1787 und das dar­aus fol­gen­de Frei­heits­ver­ständ­nis mit sei­nem skep­ti­schen Blick auf die Staat­lich­keit. Der gro­ße Bür­ger­krieg von 1861–1865 mit sei­nen 620 000 Gefal­le­nen wirkt in der Rechts­kul­tur bis in die Gegen­wart nach. Aus­ge­tra­gen wur­den zen­tra­le ideo­lo­gi­sche, sozio­öko­no­mi­sche und mora­li­sche Fra­gen, im Vor­der­grund die Befrei­ung der etwa vier Mil­lio­nen Skla­ven. Die Ent­schei­dung Brown gegen Board of Edu­ca­ti­on of Tope­ka von 1954 (§ 19 V unten) lös­te eine Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung für ras­si­sche und eth­ni­sche Mino­ri­tä­ten aus, die bis heu­te dem ame­ri­ka­ni­schen Recht eine beson­de­re Fär­bung gibt. Man kann dar­über strei­ten, ob der Rechts­fe­mi­nis­mus Vor­läu­fer, Mit­läu­fer oder Nach­läu­fer der Anti­ras­sis­mus­be­we­gung ist. Jeden­falls hat sich bei­des wech­sel­sei­tig ver­stärkt, und in ihrem Wind­schat­ten haben sich auch die Min­der­hei­ten, ins­be­son­de­re sol­che mit abwei­chen­der sexu­el­ler Ori­en­tie­rung, Rechts­schutz gegen Dis­kri­mi­nie­rung erkämpft. Zen­tra­les Ele­ment der ame­ri­ka­ni­schen Rechts­kul­tur ist die Juris­ten­pro­fes­si­on. Dazu gehö­ren Hun­der­te von Law Schools, noch mehr Law Reviews, und eine Anwalt­schaft, die nicht nur ver­gleichs­wei­se zahl­reich ist (über 600.000), son­dern, ähn­lich wie die Law Schools, von höchst unter­schied­li­chem Sta­tus. Die unter­schied­li­chen Sti­le von Com­mon Law und Civil Law sind heu­te nicht mehr so prä­gend wie frü­her ein­mal. Wich­ti­ger sind Unter­schie­de in der Gerichts­ver­fas­sung (Jury, Direkt­wahl von Rich­tern und Staats­an­wäl­ten) und im Ver­fah­ren (adver­s­a­ri­sches Ver­fah­ren, dis­co­very), die erst die berüch­tig­ten puni­ti­ve damages und Sam­mel­kla­gen erklä­ren. Der föde­ra­le Auf­bau der ame­ri­ka­ni­schen Jus­tiz hat zur Fol­ge, dass ame­ri­ka­ni­sche Juris­ten mit dem, was sie con­flict of laws nen­nen, auf­wach­sen. In den USA gibt es 52 Ein­zel­staa­ten mit eige­nem Gerichts­sys­tem. Fast jeder Fall hat »Aus­lands­be­zug«. Kol­li­si­ons­recht ist jeden­falls für Ame­ri­ka­ner daher kei­ne ter­ra inco­gni­ta.
Was schließ­lich das Straf­recht betrifft, so bekommt es natür­lich durch die immer noch ver­häng­te und voll­streck­te Todes­stra­fe sei­nen Haut­gout. Für die Straf­pra­xis ist aber wohl die infla­tio­nä­re Ver­hän­gung von Frei­heits­stra­fen – in kei­nem Land der Welt gibt es so vie­le Straf­ge­fan­ge­ne wie in den USA – wich­ti­ger.[14] Außer­dem wird auch das Straf­recht von Gericht­ver­fas­sung und Ver­fah­ren geprägt. Zur Rechts­ge­schich­te, die in der einen oder ande­ren Wei­se nach­wirkt, gehö­ren schließ­lich grö­ße­re Reform­vor­ha­ben des 20. Jahr­hun­derts, ange­fan­gen mit den Pro­hi­bi­ti­ons­ge­set­zen von 1920, über den New Deal des Prä­si­den­ten Roo­se­velt (1933−36), die Gre­at Socie­ty von Prä­si­dent John­son (1964) bis zum Equal Oppor­tu­ni­ty Act (1995). Ihre Bedeu­tung liegt vor allem dar­in, dass sie das Ver­hält­nis von Staat und Gesell­schaft neu aus­ta­riert haben.

Rechts­so­zio­lo­gie hat den Ehr­geiz, tie­fer ein­zu­drin­gen als die Rechts­ver­glei­chung. Sie will sich nicht mit einem Funk­ti­ons­ver­gleich – z. B.: in Deutsch­land wer­den Rou­ti­nest­raf­sa­chen mit einem Straf­be­fehl erle­digt, in den USA durch Plea Bar­gai­ning – zufrie­den geben, son­dern möch­te erklä­ren, wie recht­li­che Phä­no­me­ne mit einer spe­zi­fi­schen Sozi­al­struk­tur und viel­leicht auch der all­ge­mei­nen Kul­tur ver­bun­den sind. Ob das immer gelingt, steht auf einem ande­ren Blatt.

Vor allen ande­ren hat Lawrence M. Fried­man den Begriff der Rechts­kul­tur ver­wen­det und popu­lär gemacht. Auf der Suche nach Varia­blen, die Effek­ti­vi­tät des Rechts erklä­ren könn­ten, hat er auf legal cul­tu­re ver­wie­sen und dabei vor allem auf das Rechts­be­wusst­sein der Bevöl­ke­rung, sei­ne Mei­nun­gen über das Recht und sei­ne Erwar­tun­gen an das Recht. Damit hat er dem Begriff von Anfang an (1969) eine sub­jek­ti­ve Wen­dung gege­ben.

»What is most­ly mis­sing, even for Wes­tern Coun­tries, is infor­ma­ti­on on what we have cal­led the legal cul­tu­re. What are the atti­tu­des of dif­fe­rent popu­la­ti­ons toward law and the legal sys­tem? …

Opi­ni­on rese­arch that tou­ches on Law is rare. And legal cul­tu­re is not ›public opi­ni­on‹; in the cru­de sen­se of a public opi­ni­on poll. The­re is no such thing as the public; to under­stand legal cul­tu­re, one must care­ful­ly defi­ne a rele­vant public; for various issu­es this will be a dif­fe­rent group of peop­le.

Clear­ly, howe­ver, the effec­tiveness of any law, actu­al or pro­po­sed, depends on the respon­se of some public who­se inte­rests are at issue. But public respon­se is a cul­tu­ral fac­tor.« (Fried­man 1969 S. 40)

Rechts­kul­tur zeigt sich danach in dem, was Men­schen über das Recht wis­sen, den­ken, füh­len und was sie von ihm erwar­ten, in bewuss­ter Rechts­be­fol­gung oder Über­tre­tung (§ 40). Auf die­ser Ebe­ne ist auch die von Fried­man ein­ge­führ­te Unter­schei­dung von inter­ner und exter­ner Rechts­kul­tur ange­sie­delt. Inter­ne Rechts­kul­tur bezieht sich auf Vor­stel­lun­gen und Ver­hal­ten von recht­li­chen Akteu­ren, von Juris­ten und ihren pro­fes­sio­nel­len Hel­fern, exter­ne Rechts­kul­tur auf Vor­stel­lun­gen über und Erwar­tun­gen an das Recht, die von ein­fluss­rei­chen oder gewöhn­li­chen Per­so­nen von außer­halb an das Recht her­an­tra­gen wer­den.

Die ame­ri­ka­ni­sche Rechts­so­zio­lo­gie, ins­be­son­de­re die Amherst-Schu­le um Aus­tin Sarat, sind Fried­man weit­ge­hend dar­in gefolgt, auf das, was wir gewöhn­lich Rechts­be­wusst­sein nen­nen, ein­zu­en­gen. So ist zunächst eine Fül­le von Mei­nungs­um­fra­gen über die Ein­stel­lung des Publi­kums zu Poli­zei, Gerich­ten und Rechts­an­wäl­ten, Kri­mi­na­li­tät und Stra­fen und zu den Vor­stel­lun­gen über Men­schen- und Bür­ger­rech­te ent­stan­den.[15] In die­sem Fal­le bil­det sogar die rechts­so­zio­lo­gi­sche For­schung einen Aus­druck der spe­zi­fi­schen ame­ri­ka­ni­schen Rechts­kul­tur, näm­lich ihrer an der Basis ori­en­tier­ten Demo­kra­tie­tra­di­ti­on (Blan­ken­burg 2002). In den 1990er Jah­ren hat man sich dann mit qua­li­ta­ti­ven Unter­su­chun­gen dem Recht im All­tag und schließ­lich in der Popu­lar­kul­tur zuge­wandt. Die­se Fra­ge­stel­lun­gen haben gemein­sam, dass sie sich als wis­sens­so­zio­lo­gisch ein­ord­nen und auch ohne den Begriff der Rechts­kul­tur behan­deln las­sen. Sie wer­den daher hier in Kapi­tel 6 in § 39 und § 40 erör­tert.

Ein viel behan­del­ter Aspekt der Rechts­kul­tur ist die Bereit­schaft, sich im Kon­flikt auf Recht zu beru­fen und in letz­ter Kon­se­quenz vor Gericht zu zie­hen. Der liti­gious­ness der Ame­ri­ka­ner und der Streit­süch­tig­keit der Deut­schen wird die chi­ne­si­sche und japa­ni­sche Kon­sens­kul­tur gegen­über­ge­stellt. Die­sen Aspekt grei­fe ich beson­ders bei der Behand­lung der »Pro­zess­flut« (§ 67III.3) und im Zusam­men­hang mit alter­na­ti­ven Kon­flikt­re­ge­lungs­ver­fah­ren (§ 88) auf.[16]

Ein inter­es­san­ter Aspekt der Rechts­kul­tur ist die Rigi­di­tät bzw. Tole­ranz, mit der das Leben in einer Gesell­schaft nor­ma­tiv gelenkt ist. Anthro­po­lo­gen war auf­ge­fal­len, dass in ein­fa­chen Stam­mes­ge­sell­schaf­ten zum Teil sehr dich­te und stren­ge Sit­ten und Bräu­che gel­ten. Sozi­al­psy­cho­lo­gen haben in einer Ver­gleichs­un­ter­su­chung 33 moder­ne Län­der auf die Norm­stren­ge bzw. Tole­ranz der Gesell­schaft unter­sucht und her­aus­ge­fun­den, dass sich die Norm­stren­ge inner­halb einer Nati­on ziem­lich ein­heit­lich dar­stellt, wäh­rend es zwi­schen den Natio­nen gro­ße Unter­schie­de gibt. Am strengs­ten geht es in Paki­stan (12,3) zu, gefolgt von Maly­sia (11,8), Indi­en (11,0), Sin­ga­pur (10,4) und Süd­ko­rea 10,0). Beson­ders locker ist es in ehe­ma­li­gen Ost­block­län­dern, so in der Ukrai­ne (1,6), Est­land (2,5) und Ungarn (2,9). Mit einer Drei vor dem Kom­ma sind Isra­el, Bra­si­li­en, Grie­chen­land, die Nie­der­lan­de, Neu­see­land und Vene­zue­la dabei. Die alten Indus­trie­län­der lie­gen in der Mit­te. (Miche­le J. Gel­fandt u. a., Dif­fe­ren­ces bet­ween Tight and Loo­se Cul­tures: A 33-Nati­on Stu­dy, Sci­ence 332, 2011, 1000–1004).

 

V.  Kultur als Umwelt des Rechts

Lite­ra­tur: Fred Bruinsma/Matthijs de Blois, Plu­ra­lism in the Nether­lands and Laï­cité in Fran­ce: the Isla­mic Chal­len­ge at a Sym­bo­lic Level, in: Fred Bruinsma/David Nel­ken (Hg.), Explo­ra­ti­ons in Legal Cul­tures. The­men­band der Zeit­schrift Recht der Wer­ke­li­jk­heid 2007, 113–131; Sigurd D’hondt, The Cul­tu­ral Defen­se as a Courtroom Dra­ma: The Enact­ment of Iden­ti­ty, Sameness, and dif­fe­rence in Cri­mi­nal Tri­al Dis­cour­se, Law and Soci­al Inqui­ry 35, 2010, 67–98; Marie-Clai­re Foblets/Alison Dundes Ren­teln (Hg.), Mul­ti­cul­tu­ral Juris­pru­dence. Com­pa­ra­ti­ve Per­spec­tives on the Cul­tu­ral Defen­se, Oxford 2009[17]; André J. Hoeke­ma, Mul­ti­cul­tu­ral Con­flicts and Natio­nal Jud­ges: A Gene­ral Approach, Law, Soci­al Jus­ti­ce & Glo­bal Deve­lop­ment Jour­nal (LGD) 2, 2008; Hee­len Keep/Rob Mid­gley, The Emer­ging Role of ubun­tu-botho in Deve­lo­ping a Con­sen­su­al South Afri­can Legal Cul­tu­re, eben­da S. 29–56; Wilo van Ros­sum, Durch Jud­ges Deci­ding Mul­ti­cul­tu­ral Legal Cases, eben­da S. 57–74.

Jen­seits sozio­lo­gi­sie­ren­der Rechts­ver­glei­chung bleibt der Begriff der Rechts­kul­tur undeut­lich. Klar ist nur, dass es nicht um das Ver­hält­nis von Recht einer­seits und Kul­tur ande­rer­seits geht wie bei »Recht und Lite­ra­tur«, »Recht und Film« usw. (§ 39 I unten), son­dern um die Qua­li­tä­ten des Rechts selbst, also um den Ver­gleich ver­schie­de­ner Rechts­sys­te­me. Dabei kann es aller­dings gar nicht aus­blei­ben, dass man außer­halb des Rechts nach Erklä­run­gen für Unter­schie­de zwi­schen ver­schie­de­nen Rechts­sys­te­men sucht. Dazu eig­net sich der all­ge­mei­ne Kul­tur­be­griff jedoch kaum, weil er viel zu unspe­zi­fisch ist. Es wer­den des­halb auch Zwei­fel geäu­ßert, ob sich mit dem Begriff der Rechts­kul­tur über­haupt ein brauch­ba­res Kon­zept ver­bin­det (Cot­ter­rell 2006).

Der Begriff (oder das Kon­zept) der Rechts­kul­tur bleibt aber doch nütz­lich, wenn es dar­um geht, ob und wie­weit sich Aus­sa­gen über die Struk­tur und die Funk­ti­on des Rechts gene­ra­li­sie­ren las­sen. Mehr oder weni­ger still­schwei­gend gehen wir davon aus, dass es über­all auf der Welt Phä­no­me­ne gibt, die wir als Recht bezeich­nen. Geset­ze und Ver­trä­ge, Gerich­te und Anwäl­te, Poli­zei und Gefäng­nis­se sind in allen moder­nen Staa­ten anzu­tref­fen. (Die­sen Aspekt wer­den wir spä­ter unter dem Gesichts­punkt der »Iso­mor­phie der Insti­tu­tio­nen« behan­deln; unten § 98 V). Aber jeder Staat hat sei­ne beson­de­re Geschich­te, und Gesell­schaf­ten unter­schei­den sich in ihren Wer­ten und Tra­di­tio­nen kurz, in ihrer Kul­tur (Das ist der Gesichts­punkt der Pfad­ab­hän­gig­keit; unten § 98 III 3.) Des­halb las­sen sich empi­ri­sche Aus­sa­gen über das Recht nicht ohne wei­te­res ver­all­ge­mei­nern. Jedes recht­li­che Phä­no­men ist in his­to­ri­sche und kul­tu­rel­le Phä­no­me­ne ein­ge­bet­tet, und inso­fern kann man, und sei es auch nur der sprach­li­chen Varia­ti­on hal­ber, von Rechts­kul­tur reden.

»Kul­tur« als Umwelt des Rechts kann zur Erklä­rung bestimm­ter Eigen­schaf­ten des Rechts die­nen. Wäh­rend der Begriff der Rechts­kul­tur auf Sys­tem­ei­gen­schaf­ten des Rechts abzielt, wird »Kul­tur« in vie­len Erör­te­run­gen als Gegen­stück zum Recht ver­stan­den, etwa wenn man sagt, das libe­ral-demo­kra­ti­sche Rechts­kon­zept der west­li­chen Indus­trie­na­tio­nen ver­tra­ge sich nicht mit der isla­mi­schen Kul­tur. Aller­dings ist der all­ge­mei­ne Kul­tur­be­griff noch unspe­zi­fi­scher als der Begriff der Rechts­kul­tur. Es ist kenn­zeich­nend, dass Kul­tur als sol­che in der Sys­tem­theo­rie nicht als eige­nes Sys­tem behan­delt wird. Es gibt wohl das Wis­sen­schafts­sys­tem, das Erzie­hungs­sys­tem, die Sys­te­me der Reli­gi­on oder der Kunst, und nie­mand wür­de bestrei­ten, dass die­se Sys­te­me zur Kul­tur gehö­ren. Aber Kul­tur als sol­che hat selbst kei­ne Sys­tem­gren­zen. Alle sym­bo­li­schen Phä­no­me­ne sind letzt­lich »Kul­tur«.

Ein Stan­dard­the­ma der Rechts­so­zio­lo­gie ist der Trans­fer von Recht, die frei­wil­li­ge oder erzwun­ge­ne Über­nah­me einer gan­zen Rechts­ord­nung oder ein­zel­ner Tei­le in ande­re Län­der mit einer ande­ren kul­tu­rel­len Umge­bung. Es wird bevor­zugt im Zusam­men­hang mit der Glo­ba­li­sie­rung behan­delt wird. So hal­te ich es auch hier (§ 99VIII unten).

Man könn­te auch die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen dem Recht und dem all­ge­mei­nen sozia­len Wan­del unter der Über­schrift »Recht und Kultur(-wandel)« abhan­deln. Zu den­ken wäre etwa an die Reak­ti­on des Rechts auf den Wan­del der Vor­stel­lun­gen über das Geschlech­ter­ver­hält­nis und über sexu­el­le Iden­ti­tä­ten. Doch in die­sem Bei­spiel und bei ande­ren geht es um längst eta­blier­te rechts­so­zio­lo­gi­sche The­men, denen der Kul­tur­be­griff nicht wei­ter hilft.

Immer wie­der taucht die Fra­ge auf, wie ein Rechts­sys­tem, das ursprüng­lich von einer rela­tiv ein­heit­li­chen Kul­tur umge­ben war, auf eine durch Wan­de­rungs­be­we­gun­gen ent­stan­de­nen mul­ti­kul­tu­rel­len Zumu­tun­gen reagiert. Die Fra­ge stellt sich auf ver­schie­de­nen Ebe­nen. Die Rechts­po­li­tik kann dar­auf gar nicht oder durch neue oder ver­än­der­te Geset­ze reagie­ren. Bei­spie­le geben Geset­ze über ein Kopf­tuch- und neu­er­dings ein Burk­ha-Ver­bot. Unter­halb der Gesetz­ge­bung kön­nen Lebens- und Ver­wal­tungs­pra­xis und Gerich­te das Recht fort­bil­den. Schließ­lich kön­nen Behör­den und Gerich­te ganz kon­kret im Ein­zel­fall, etwa durch beson­de­re Rück­sicht­nah­me im Ver­fah­ren oder durch die Hand­ha­bung von Gene­ral­klau­seln (Kin­des­wohl, wich­ti­ger Grund für eine Kün­di­gung) kul­tu­rel­le Diver­si­tät berück­sich­ti­gen (D’hondt; Hoeke­ma; van Ros­sum). Das eng­li­sche Stich­wort ist cul­tu­ral defen­se. Es zeigt, dass das Pro­blem zunächst für das Straf­recht wahr­ge­nom­men wur­de.

2007 wies eine Rich­te­rin des Amts­ge­richts Frank­furt a. M. den Antrag einer miss­han­del­ten Frau auf vor­zei­ti­ge Schei­dung von ihrem Ehe­mann mit der Begrün­dung zurück, bei­de Ehe­part­ner sei­en aus dem marok­ka­ni­schen Kul­tur­kreis. Dort sei es nicht unüb­lich, dass der Mann gegen­über der Frau ein Züch­ti­gungs­recht aus­übe. Hier­mit habe die in Deutsch­land gebo­re­ne Frau rech­nen müs­sen, als sie den in Marok­ko auf­ge­wach­se­nen Antrags­geg­ner hei­ra­te­te. Die 26-Jäh­ri­ge, selbst aus Marok­ko stam­men­de Deut­sche war von ihrem Mann geschla­gen und mit dem Tode bedroht wor­den. Die­ses Urteil stieß bei Poli­ti­kern und Medi­en auf schar­fe Kri­tik und die Rich­te­rin wur­de schließ­lich auf Antrag für befan­gen erklärt und so aus dem Ver­fah­ren zurück­ge­zo­gen.

In der Rechts­so­zio­lo­gie ist die Auf­fas­sung vor­herr­schend, dass bei der Rechts­an­wen­dung Infor­ma­tio­nen über den kul­tu­rel­len Hin­ter­grund grö­ße­re Beach­tung geschenkt wer­den soll­te. In der Regel geht es dabei nur um kul­tu­rel­le Eigen­hei­ten, mit denen der eige­ne Rechts­kreis nicht ver­traut ist.

Tra­di­tio­nel­le kul­tu­rel­le Vor­stel­lun­gen der Zulu, die als ubun­tu-botho bekannt gewor­den sind, haben die juris­ti­sche Auf­ar­bei­tung der Apart­heid in den sog. Ver­söh­nungs­kom­mis­sio­nen gelei­tet und sind dar­über hin­aus zu einem Ele­ment der Rechts­kul­tur des neu­en Süd­afri­ka gewor­den (Keep/Midgley). Was sich hin­ter Ubun­tu ver­birgt, hat der Bischof und Nobel­preis­trä­ger Des­mond Tutu so for­mu­liert:
» Ubun­tu is very dif­fi­cult to ren­der into a Wes­tern lan­guage. It speaks to the very essence of being human. When you want to give high prai­se to someo­ne we say, ›Yu, u Nobun­tu‹; he or she has Ubun­tu. This means that they are generous, hos­pi­ta­ble, fri­end­ly, caring and com­pas­sio­na­te. They sha­re what they have. It also means that my huma­ni­ty is caught up, is inex­tri­ca­bly bound up, in theirs. We belong in a bund­le of life. We say, ›a per­son is a per­son through other peop­le‹ (in Xho­sa Ubun­tu ungamntu nga­banye aban­tu and in Zulu Umun­tu ngu­mun­tu nga­banye). I am human becau­se I belong, I par­ti­ci­pa­te, and I sha­re. A per­son with Ubun­tu is open and avail­ab­le to others, affir­ming of others, does not feel threa­tened that others are able and good; for he or she has a pro­per self-assuran­ce that comes with kno­wing that he or she belongs in a grea­ter who­le and is dimi­nis­hed when others are humi­lia­ted or dimi­nis­hed, when others are tor­tu­red or oppres­sed, or trea­ted as if they were less than who they are.« (No Future without For­gi­veness, 1999, S. 34 f.)
Das süd­afri­ka­ni­sche Bei­spiel hat in über 50 Län­dern Schu­le gemacht. Nach einem poli­ti­schen Umbruch hat man dort nicht die natio­na­len oder inter­na­tio­na­len Straf­ge­rich­te bemüht, um die Staats­ver­bre­chen der Ver­gan­gen­heit auf­zu­ar­bei­ten, son­dern Wahr­heits- und Ver­söh­nungs­kom­mis­sio­nen ein­ge­setzt. Die­ses The­ma wird noch ein­mal im Zusam­men­hang mit der Glo­ba­li­sie­rung unter dem Stich­wort »Tran­si­tio­nal Jus­ti­ce« auf­ge­nom­men (§ 100VI unten).

Die Fra­ge nach einem beson­de­ren kul­tu­rel­len Hin­ter­grund wird heu­te aber auch auf die eige­ne Gesell­schaft zurück­ge­spie­gelt. Kul­tu­rel­le Eigen­hei­ten zei­gen sich immer erst vor einem Hin­ter­grund von Nor­ma­li­tät. Die Fra­ge nach einer davon abwei­chen­den Kul­tur wird gewöhn­lich nur bei den sozi­al Schwa­chen gestellt. So fällt gar nicht auf, dass vie­les, was in Poli­tik- oder Wirt­schafts­zir­keln geschieht, nicht immer »nor­mal« son­dern gleich­falls Aus­druck kul­tu­rel­ler Eigen­ar­ten ist.

VI.  Eine kulturelle Wende in der Rechtswissenschaft?

Lite­ra­tur: Peter Häber­le, Fei­er­tags­ga­ran­ti­en als kul­tu­rel­le Iden­ti­täts­ele­men­te des Ver­fas­sungs­staa­tes, 1987; ders., Ver­fas­sungs­leh­re als Kul­tur­wis­sen­schaft, 2. Aufl., 1998; ders., Euro­päi­sche Rechts­kul­tur, 1994; ders., Natio­nal­flag­gen, Bür­ger­de­mo­kra­ti­sche Iden­ti­täts­ele­men­te und inter­na­tio­na­le Erken­nungs­sym­bo­le, 2008; ders., Natio­nal­hym­nen als kul­tu­rel­le Iden­ti­täts­ele­men­te des Ver­fas­sungs­staa­tes, 2007;Ulrich Hal­tern, Euro­pa­recht und das Poli­ti­sche, 2005; ders., Not­wen­dig­keit und Umris­se einer Kul­tur­theo­rie des Rechts, in: Horst Dreier/Eric Hil­gen­dorf (Hg.), Kul­tu­rel­le Iden­ti­tät als Grund und Gren­ze des Rechts, ARSP, Bei­heft 113, 2008, 193–221; ders., Recht und sozia­le Ima­gi­na­ti­on, in: Wer­ner Gephart (Hg.), Rechts­ana­ly­se als Kul­tur­for­schung, 2012, 89–102; Juli­an Krü­per, Kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Ana­ly­se des Rechts, in: Juli­an Krü­per (Hg.), Grund­la­gen des Rechts, 2011, 260–275; Mar­cel Senn/Dániel Pus­kás, Rechts­wis­sen­schaft als Kul­tur­wis­sen­schaft?, Archiv für Rechts- und Sozi­al­phi­lo­so­phie Bei­heft 115, 2007 (uner­gie­big).

Eine kul­tu­rel­le Wen­de der Rechts­wis­sen­schaft emp­fiehlt Ulrich Hal­tern. Er ver­spricht sich davon eine Öff­nung der Juris­pru­denz für Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät, ohne dass das Recht sei­ne Auto­no­mie ver­liert und ohne dass die Rechts­wis­sen­schaft in den Nach­bar­schaf­ten auf­geht. Dazu soll das Recht als eine spe­zi­fi­sche »Ima­gi­na­ti­on« der Welt und vor allem des Poli­ti­schen ver­stan­den wer­den. »Statt nur danach zu fra­gen, wie man das Recht ver­bes­sern kön­ne, kann man Raum schaf­fen für den aka­de­mi­schen Ver­such, den Platz des Rechts in der Kul­tur zu ver­ste­hen und die Macht zu beschrei­ben, die das Recht über die Ima­gi­na­ti­on der Bür­ger besitzt.« (2005, 12). Für die­sen Ansatz nutzt Hal­tern die Bezeich­nung »Recht im Kon­text«. Der Kon­text des Rechts gerät aller­dings wie­der etwas aus dem Blick, wenn wir (S. 18) erfah­ren, der kul­tur­theo­re­ti­sche Ansatz habe sich »auf das Bedeu­tungs­sys­tem des Rechts zu kon­zen­trie­ren, das sich in Sym­bo­len mate­ria­li­siert.« Und wei­ter:

»Der zen­tra­le Auf­trag der kul­tur­theo­re­ti­schen Per­spek­ti­ve im Recht besteht dar­in, die­sen sym­bo­li­schen For­men nach­zu­ge­hen und die Beob­ach­tun­gen sicht­bar zu machen, die Men­schen einer­seits an das Recht her­an­tra­gen und die sie ande­rer­seits aus dem Umgang mit ihm gewin­nen. Sym­bo­li­sche For­men wie Recht ver­wei­sen nicht nur auf etwas oder sind der Aus­druck von etwas, son­dern üben selbst struk­tu­rie­ren­de und kon­sti­tu­ie­ren­de Kraft in all­täg­li­chen, poli­ti­schen und ande­ren Berei­chen aus, indem sie die in sub­ti­ler und oft dif­fu­ser Wei­se durch­drin­gen.«

Zur Rechts­so­zio­lo­gie kommt man von dort zurück, wenn man den Sym­bol­be­griff prä­zi­siert, so dass Sym­bo­le einer empi­ri­schen Unter­su­chung zugäng­lich wer­den. Das geschieht hier in § 38 unten.

Mit Natio­nal­sym­bo­len – Fei­er­tags­ga­ran­ti­en, Flag­ge und Hym­ne – hat sich der Ver­fas­sungs­recht­ler Peter Häber­le befasst. Vor allem aber hat er das Ver­fas­sungs­recht unter dem Aspekt des Kul­tur­ver­gleichs betrie­ben. Häber­le (1998: 2ff) rezi­piert dazu anthro­po­lo­gi­sche und sozio­lo­gi­sche Lite­ra­tur zum Kul­tur­be­griff, und er ver­spricht expli­zit die Ver­wen­dung eines wei­ten Kul­tur­be­griffs (S. 6). Aber impli­zit, das heißt, wenn man die tat­säch­lich behan­del­ten Sach­the­men ansieht, so behan­delt es doch in ers­ter Linie die von Gei­ger so genann­te reprä­sen­ta­ti­ve Kul­tur und die ihr zuge­ord­ne­ten Insti­tu­tio­nen. Den cul­tu­ral turn der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten hat er nicht nach­voll­zo­gen. Statt­des­sen bie­tet er einen kul­tur­sen­si­blen Ver­fas­sungs­ver­gleich.

In der Staats­rechts­leh­re haben Häber­les Vor­stel­lun­gen sich aus­ge­brei­tet, er wird jedoch nicht zitiert. So will Ves­ting »die Fra­ge nach der ›Ein­heit‹ der Ver­fas­sung neu stel­len und die­se Fra­ge stär­ker auf die Ebe­ne der sym­bo­li­schen Dimen­si­on der Ver­fas­sung, der Ein­bet­tung der Ver­fas­sung in einen ›kul­tu­rel­len Text‹, ver­schie­ben«.[18] Rai­ner Wahl hat, – ohne Häber­le über­haupt zu erwäh­nen den Gehalt von des­sen Ver­fas­sungs­leh­re auf den Punkt gebracht:
»Die Ver­fas­sung erschöpft sich nicht in ihrem Rechts­ge­halt und ihren Rechts­wir­kun­gen, sie ist mehr als Ver­fas­sungs­recht, sie ist ein kul­tu­rell-poli­tisch-recht­li­ches Gesamt­phä­no­men.«[19].


[1] Wil­helm Win­del­band, Geschich­te und Natur­wis­sen­schaft, 1894, abge­dr. in ders., Prä­lu­di­en, 3. Aufl. Tübin­gen 1907, S. 359.

[2] Wil­helm Dil­they, Gesam­mel­te Schrif­ten Bd. I, Stutt­gart 1957 (1921), S. 4, und Bd. V S 144.

[3] Eck­hard Hen­scheid, Alle 756 Kul­tu­ren: eine Bilanz, 2001. Als sozio­lo­gi­scher Klas­si­ker gilt A. L. Kroeber/Clyde Kluck­hohn, Cul­tu­re, A Cri­ti­cal Review of Con­cepts and Defi­ni­ti­ons, Cam­bridge Mass. 1952. Kro­eber und Kluck­hohn kamen auf 164 unter­scheid­ba­re Ver­wen­dun­gen des Kul­tur­be­griffs.

[4] Die Auf­zäh­lung – nicht dage­gen die Bewer­tung – folgt weit­ge­hend dem unver­öf­fent­lich­ten För­de­rungs­an­trag von Ulrich Hal­tern und Chris­toph Möl­lers für eine Tagung »Rechts­wis­sen­schaft als Kul­tur­wis­sen­schaft«, die 2003 im ZIF in Bie­le­feld statt­ge­fun­den hat. Das The­men­an­ge­bot lässt sich auch an den vie­len »turns« able­sen, die als Epi­go­nen des Cul­tu­ral Turn aus­ge­ru­fen wur­den; zu die­sen Doris Bach­mann-Medick, Cul­tu­ral Turns, Ver­si­on: 1.0, in: Docup­edia-Zeit­ge­schich­te, 29. 3.2010 [https://​docup​edia​.de/​z​g​/​C​u​l​t​u​r​a​l​_​T​u​r​n​s​?​o​l​d​i​d​=​7​5​507].

[5] Z. B. von Rebec­ca R. French, Time in the Law, Uni­ver­si­ty of Colo­ra­do Law Review 72, 2001, 663−748÷663: »Time is always necessa­ry in the law, yet it is rare­ly exami­ned.«.

[6] David M. Engel, Law, Time, and Com­mu­ni­ty, Law and Socie­ty Review 1987, 605–638; Carol J. Green­hou­se, Just in Time: Tem­po­ra­li­ty and the Cul­tu­ral Legi­ti­ma­ti­on of Law, Yale Law Jour­nal 98, 1631–1651; Ali Khan, Tem­po­ra­li­ty of Law, McGe­or­ge Law Review 40, 2008; Bruce C. Peabo­dy, Rever­sing Time’s Arrow: Law’s Reor­de­ring of Chro­no­lo­gy, Cau­sa­li­ty, and Histo­ry, Akron Law Review 40, 2007, 587–622; Charles F. Wil­kin­son, Ame­ri­can Indi­ans, Time and the Law, Yale Uni­ver­si­ty Press 1987.

[7] Ange­li­ka Nuß­ber­ger, Die Ver­mes­sung der Geschich­te durch die Gerich­te, Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung vom 31. 7. 2010; fer­ner Lukas H. Mey­er (Hg.), Jus­ti­ce in Time, Respon­ding to His­to­ri­cal Injus­ti­ce, 2004.

[8] Boaven­tu­ra de Sou­sa San­tos, The Law of the Oppres­sed: The Con­struc­tion and Repro­duc­tion of Lega­li­ty in Pas­arga­da, Law and Socie­ty Review 12, 1977, 5–126.

[9] Als Ein­stieg in den spa­ti­al turn der Sozio­lo­gie vgl. Rudolf Stich­weh, Raum, Paper 06/2011 [http://​www​.uni​lu​.ch/​f​i​l​e​s​/​S​T​W​_​R​a​u​m​.​pdf].

[10] Nicho­las K. Blomley/David Del­a­ney, Richard T. Ford, (Hg.), The Legal Geo­gra­phies Reader, Law, Power, and Space, Oxford 2001; Kim Economides/Mark Blacksell/Charles Wat­kins, The Spa­ti­al Ana­ly­sis of Legal Sys­tems: Towards a Geo­gra­phy of Law? , Jour­nal of Law and Socie­ty 13, 1986, 161–181.

[11] Pierre Bour­dieus, La force du droit. Élé­ments pour une socio­lo­gie du champ juri­di­que, Actes de la recher­che en sci­en­ces socia­les, 64, 1986, 3–19.

[12] Als juris­ti­sche Ver­beu­gung vor dem Raum­kon­zept der Kul­tur­wis­sen­schaf­ten vgl. Horst Dreier/Fabian Wit­treck, Rechts­wis­sen­schaft, in: Ste­fan Gün­zel (Hg.), Raum­wis­sen­schaf­ten, 2008, 338–353; Ulrich Hal­tern, Raum – Recht – Inte­gra­ti­on. Ein Bei­trag zum Ver­ständ­nis von Sou­ve­rä­ni­tät, in: Petra Deger/Robert Hett­la­ge (Hg.), Der euro­päi­sche Raum, 2007, 209–227.

[13] Lud­ger Schwarte/Christoph Wulf (Hg.), Kör­per und Recht. Anthro­po­lo­gi­sche Dimen­sio­nen der Rechts­phi­lo­so­phie, 2003, Ein­lei­tung, S. 7.

[14] Marie Gott­schalk, The Pri­son and the Gal­lows: The Poli­tics of Mass Incar­ce­ra­ti­on in Ame­ri­ca, Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press 2006 (Rez. von Joseph F. Spil­la­ne, Law & Socie­ty Review 41, 2007, 936–937; Mary Bos­worth, »Exp­lai­ning U. S. Impr­i­son­ment, Sage Publi­ca­ti­ons, 2010, ISBN 9781412924863; Jona­than Simon, Gover­ning Through Crime: How the War on Crime Trans­for­med Ame­ri­can Demo­cra­cy and Crea­ted a Cul­tu­re of Fear, 2009.

[15] Aus­tin Sarat, Stu­dy­ing Ame­ri­can Legal Cul­tu­re: An Assess­ment of Sur­vey Evi­dence, Law and Socie­ty Review 11 (1977), 427–505.

[16] Dazuz sei an die­ser Stel­le nur ver­wie­sen auf Eric Ben­nett Rasmusen/J. Mark Ram­sey­er, Are Ame­ri­cans More Liti­gious? Some Quan­ti­ta­ti­ve Evi­dence, 2010, ver­füg­bar bei SSRN.

[17] Rezen­si­on von Jamie Rowen in Law and Socie­ty Review 44, 2010, 411–413.

[18] Tho­mas Ves­ting, Ende der Ver­fas­sung? Zur Not­wen­dig­keit der Neu­be­wer­tung der sym­bo­li­schen Dimen­si­on des Ver­fas­sungs­rechts, in: ders./Stefan Korioth (Hg.), Der Eigen­wert des Ver­fas­sungs­rechts, 2011, 71–93, S. 78. S. 85 benutzt Ves­ting sogar, und zwar in Anfüh­rungs­zei­chen, den von Häber­le gepräg­ten Aus­druck von der »offe­nen Gesell­schaft der Ver­fas­sungs­in­ter­pre­ten«, ohne jedoch die Quel­le anzu­ge­ben.

[19] Rai­ner Wahl, Die Rol­le staat­li­cher Ver­fas­sun­gen ange­sichts der Euro­päi­sie­rung und der Inter­na­tio­na­li­sie­rung, in: Tho­mas Vesting/Stefan Korioth (Hg.), Der Eigen­wert des Ver­fas­sungs­rechts, 2011, 355–378, S. 355 f.

[Stand der Bear­bei­tung: Febru­ar 2013]

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