§ 18 Das Werturteilsproblem

Tex­te: Max Weber, Die »Objek­ti­vi­tät« sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher und sozi­al­po­li­ti­scher Erkennt­nis (1904), in: ders., Gesam­mel­te Auf­sät­ze zur Wis­sen­schafts­leh­re, 1922 (GAWL), 146–214; ders., Der Sinn der »Wert­frei­heit« der sozio­lo­gi­schen und öko­no­mi­schen Wis­sen­schaf­ten, ebd. 451–502; ders., Wis­sen­schaft als Beruf, ebd. 524–555. [Die Tex­te Max Webers wer­den heu­te nach neue­ren Auf­la­gen der »Gesam­mel­ten Auf­sät­ze« oder nach der Max-Weber-Gesamt­aus­ga­be zitiert. Das ist nur ver­wir­rend. Für Zwe­cke der Rechs­so­zio­lo­gie langt es völ­lig aus, die im Inter­net (z. B. bei archi​ve​.org) ver­füg­ba­ren Erst­dru­cke zu benut­zen.

Lite­ra­tur: Theo­dor W. Ador­no u. a., Der Posi­ti­vis­mus­streit in der deut­schen Sozio­lo­gie, 1969; Hans Albert/Ernst Topitsch (Hrsg.), Wert­ur­teils­streit, 2. Aufl. 1979; Hans-Joa­chim Dahms, Der Posi­ti­vis­mus­streit, 1994; Jür­gen Haber­mas, Zur Logik der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, 1970; Eric Hilgendorf/Lothar Kuh­len, Die Wert­frei­heit in der Juris­pru­denz, 2000; Her­mann Isay, Rechts­norm und Ent­schei­dung, 1929; Hans Kel­sen, Rei­ne Rechts­leh­re, 2. Aufl. 1960, 36; Robert K. Mer­ton, Die Eigen­dy­na­mik gesell­schaft­li­cher Vor­aus­sa­gen, in: Ernst Topitsch, Logik der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, 7. Aufl. 1971, 144; Hil­ary Put­nam, The Col­lap­se of the Fact/Value Dicho­to­my and Other Essays, 2004; Klaus F. Röhl, Das Dilem­ma der Recht­s­tat­sa­chen­for­schung, 1974.

I. Mangelnde Objektivierbarkeit von Werturteilen

Das Ide­al der Wis­sen­schaft ist Wahr­heit und Objek­ti­vi­tät. Objek­tiv in die­sem Sin­ne ist zunächst die Logik und damit ins­be­son­de­re auch die Mathe­ma­tik. Sie ist unbe­strit­ten Vor­aus­set­zung aller Wis­sen­schaft, und in unse­rem Zusam­men­hang wäre es sinn­los, ihre Objek­ti­vi­tät noch phi­lo­so­phisch hin­ter­fra­gen zu wol­len. Wir kön­nen uns mit der blo­ßen Evi­denz zufrie­den geben. Logik ist aber ein for­ma­les Ver­fah­ren, das auf belie­bi­ge Inhal­te ange­wandt wer­den kann, jedoch aus sich her­aus kei­ne Inhal­te pro­du­ziert. Die Regeln der Addi­ti­on las­sen sich auf Geld eben­so anwen­den wie auf Men­schen oder Him­mels­kör­per.

Inhalts­er­füll­te Aus­sa­gen kön­nen von ver­schie­de­ner Art sein. Den Unter­schied zwi­schen nor­ma­ti­ven und deskrip­ti­ven Aus­sa­gen möge das fol­gen­de Bei­spiel zei­gen:

  • Am 13. 12. 2015 haben in Bochum die Stu­den­ten S1, 2, … n Mari­hua­na geraucht.
  • Mari­hua­na zu rau­chen in von Übel.

Es ist zweck­los, über die Rich­tig­keit von (1) lan­ge zu dis­ku­tie­ren. Die­ser Satz beschreibt einen in Raum und Zeit rea­li­sier­ten Vor­gang. Anschei­nend kommt alles dar­auf an, ob wir ihn selbst beob­ach­tet haben, oder dass wir zuver­läs­si­ge Aus­kunfts­per­so­nen oder säch­li­che Beweis­mit­tel auf­fin­den, die sei­ne Rich­tig­keit bestä­ti­gen oder wider­le­gen. (1) ent­hält also eine Beschrei­bung von Vor­gän­gen in der erfahr­ba­ren Welt, eine deskrip­ti­ve Aus­sa­ge, ein Seins- oder Tat­sa­chen­ur­teil. Dage­gen fällt es schwer, sich von der Rich­tig­keit von (2) zu über­zeu­gen. Es läßt sich anschei­nend kei­ne ein­deu­ti­ge Pro­be nen­nen, durch die (2) bewie­sen oder wider­legt wer­den könn­te. In (2) wird nicht über die Exis­tenz oder Nicht­exis­tenz einer Tat­sa­che befun­den, son­dern einer Tat­sa­che eine – in die­sem Fal­le nega­ti­ve – Aus­zeich­nung hin­zu­ge­fügt. Die­se Aus­zeich­nung exis­tiert nicht an sich, son­dern nur als Mei­nung bestimm­ter Men­schen. Sät­ze die­ser Art hei­ßen Wert­ur­tei­le. Auch wenn das Urteil wie hier attri­bu­tiv gefasst ist, drängt sich doch sofort ein Pra­xis­be­zug auf. Wenn Hasch zu rau­chen von Übel ist, dann folgt dar­aus, dass man es unter­las­sen soll. Wert­ur­tei­le ent­hal­ten der Sache nach Sol­lens­aus­sa­gen, Richt­li­ni­en für mensch­li­ches Han­deln. Das gilt selbst dann noch, wenn sich die Wer­tung auf einen Sach­ver­halt in der Ver­gan­gen­heit bezieht, wenn etwa Hit­lers Befehl zum Ein­marsch in Polen ver­werf­lich genannt wird. Damit will der Spre­cher zum Aus­druck brin­gen, dass Hit­ler so nicht hät­te han­deln sol­len.

Impli­zit oder expli­zit hat ein Wert­ur­teil den Cha­rak­ter eines Impe­ra­tivs. Als Impe­ra­ti­ve las­sen sich letzt­lich auch alle Rechts­sät­ze ver­ste­hen[1], auch wenn sie nicht immer so deut­lich als sol­che for­mu­liert sind wie die zehn Gebo­te. Wenn etwa §·223 StGB lau­tet: »Wer einen ande­ren kör­per­lich miss­han­delt oder an der Gesund­heit beschä­digt, wird mit Frei­heits­stra­fe bis zu drei Jah­ren oder mit Geld­stra­fe bestraft«, so fällt es nicht schwer, in die­ser schein­bar als Aus­sa­ge for­mu­lier­ten Bestim­mung gleich zwei Impe­ra­ti­ve zu ent­de­cken, näm­lich gegen­über jeder­mann das Ver­bot der Kör­per­ver­let­zung (Ver­hal­tens­norm) und an den Rechts­stab gerich­tet die Auf­for­de­rung, jeden, der die Ver­hal­tens­norm über­tritt, einer Bestra­fung zuzu­füh­ren (Sank­ti­ons­norm).

II.                              Sein und Sollen

Der Unter­schied zwi­schen Beschrei­bun­gen und Wer­tun­gen ist in die Phi­lo­so­phie­ge­schich­te ein­ge­gan­gen als die logi­sche Dif­fe­renz, als der Gegen­satz von Sein und Sol­len. Er ist zum ers­ten Mal von David Hume for­mu­liert wor­den. Sei­ne Ent­de­ckung ist so grund­le­gend, dass ein aus­führ­li­ches Zitat hier ange­mes­sen erscheint:

»Ich kann nicht umhin, die­sen Betrach­tun­gen eine Bemer­kung hin­zu­zu­fü­gen, der man viel­leicht eini­ge Wich­tig­keit nicht abspre­chen wird. In jedem Moral­sys­tem, das mir bis­her vor­kam, habe ich immer bemerkt, dass der Ver­fas­ser eine Zeit­lang in der gewöhn­li­chen Betrach­tungs­wei­se vor­geht, das Dasein Got­tes fest­stellt oder Beob­ach­tun­gen über mensch­li­che Din­ge vor­bringt. Plötz­lich wer­de ich damit über­rascht, dass mir anstatt der übli­chen Ver­bin­dun­gen von Wor­ten mit »ist« und »ist nicht« kein Satz mehr begeg­net, in dem nicht ein »soll­te« oder »soll­te nicht« sich fän­de. Die­ser Wech­sel voll­zieht sich unmerk­lich; aber er ist von größ­ter Wich­tig­keit. Dies »soll­te« oder »soll­te nicht« drückt eine neue Bezie­hung oder Behaup­tung aus, muß also not­wen­di­ger­wei­se beach­tet und erklärt wer­den. Gleich­zei­tig muß ein Grund ange­ge­ben wer­den für etwas, das sonst ganz unbe­greif­lich scheint, näm­lich dafür, wie die­se neue Bezie­hung zurück­ge­führt wer­den kann auf eine ande­re, die von ihr ganz ver­schie­den ist. Da die Schrift­stel­ler die­se Vor­sicht meis­tens nicht gebrau­chen, so erlau­be ich mir, sie mei­nen Lesern zu emp­feh­len; ich bin über­zeugt, dass die­ser klei­ne Akt der Auf­merk­sam­keit alle gewöhn­li­chen Moral­sys­te­me umwer­fen und zei­gen wür­de, dass die Unter­schei­dung von Las­ter und Tugend nicht in der blo­ßen Bezie­hung der Gegen­stän­de begrün­det ist, und nicht durch die Ver­nunft erkannt wird.«[2]

Der Gegen­satz von Sein und Sol­len besagt nicht mehr und nicht weni­ger, als dass es kei­nen logi­schen (unmit­tel­ba­ren, direk­ten) Über­gang von deskrip­ti­ven zu nor­ma­ti­ven Aus­sa­gen gibt. Aus dem, was ist, etwa dar­aus, wie sich vie­le oder fast alle ver­hal­ten, läßt sich nicht ohne wei­te­res schlie­ßen, wie man sich ver­hal­ten soll. In der Phi­lo­so­phie­ge­schich­te ist der Gegen­satz von Sein und Sol­len zur Grund­la­ge des Kan­ti­schen Sys­tems gewor­den, wo Logik und Empi­rie der rei­nen Ver­nunft und Wert­ur­tei­le der prak­ti­schen Ver­nunft zuge­ord­net wer­den. Aus dem Werk Kants ist er dann von den Süd­west­deut­schen Neu­kan­tia­nern rezi­piert wor­den und hat bei ihnen zum Metho­den­dua­lis­mus und teils auch zum Rela­ti­vis­mus geführt. Auf das Rechts­den­ken unse­res Jahr­hun­derts hat die Dicho­to­mie von Sein und Sol­len vor allem durch die Ver­mitt­lung Rad­bruchs[3] und Kel­sens[4] einen tie­fen Ein­fluss aus­ge­übt.

II.                           Der Werturteilsstreit

Dem Phi­lo­so­phen ist auch die Wahr­heit oder Rich­tig­keit von Tat­sa­chen­aus­sa­gen noch ein Pro­blem. Prak­tisch ist die Gül­tig­keit sol­cher Aus­sa­gen jedoch unpro­ble­ma­tisch. Die unüber­seh­ba­ren Erfol­ge von Natur­wis­sen­schaft und Tech­nik zei­gen uns jeden Tag neu, wie sehr man sich auf die Aus­sa­gen der empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten ver­las­sen kann und muß. Über die Fra­ge, wie man rich­ti­ger­wei­se han­deln soll­te, lässt sich dage­gen oft erheb­lich strei­ten. Die­se unter­schied­li­che Gewiss­heit von Tat­sa­chen­aus­sa­gen und Wert­ur­tei­len hat zu der Auf­fas­sung geführt, Wert­ur­tei­le sei­en nicht wahr­heits­fä­hig, sie sei­en mehr oder weni­ger sub­jek­tiv und daher unwis­sen­schaft­lich. Dar­aus folgt die For­de­rung, Wis­sen­schaft müs­se sich aller Wert­ur­tei­le ent­hal­ten. Die­se For­de­rung ist bekannt gewor­den als das Pos­tu­lat der Wert­frei­heit der Wis­sen­schaft.

Das Wert­frei­heits­pos­tu­lat ist von Max Weber mit gro­ßem Nach­druck und unter Inkauf­nah­me hef­ti­ger Feind­schaf­ten ver­foch­ten wor­den. Weber hat sei­ne Gedan­ken aus­führ­lich erst­mals 1904 vor­ge­tra­gen. In einem berühm­ten Auf­satz über »Die ›Objek­ti­vi­tät‹ sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher und sozi­al­po­li­ti­scher Erkennt­nis« zog er die Kon­se­quen­zen aus der »stren­gen Schei­dung von Erfah­rungs­wis­sen und Wert­ur­teil«. Anlass war der Umstand, dass Weber zusam­men mit Wer­ner Som­bart und Edgar Jaf­fé die Redak­ti­on des »Archivs für Sozi­al­wis­sen­schaft und Sozi­al­po­li­tik« über­nom­men hat­te und den Lesern nun die Kon­zep­ti­on der neu­en Her­aus­ge­ber dar­le­gen woll­te. Aus­ge­spro­che­ner Zweck des Archivs, so schrieb er, sei seit sei­nem Bestehen neben der Erwei­te­rung des Wis­sens über die gesell­schaft­li­chen Zustän­de aller Län­der, also über Tat­sa­chen des sozia­len Lebens, auch die Schu­lung des Urteils über prak­ti­sche Pro­ble­me, und damit die Kri­tik an der sozi­al­po­li­ti­schen Pra­xis, bis hin­auf zu der­je­ni­gen des Gesetz­ge­bers. Das Archiv habe nun aber von Anfang an dar­an fest­ge­hal­ten, aus­schließ­lich mit den Mit­teln wis­sen­schaft­li­cher For­schung arbei­ten zu wol­len, deren Merk­mal in der objek­ti­ven Gel­tung ihrer Ergeb­nis­se gefun­den wer­den müs­se. Die Her­aus­ge­ber sei­en der Mei­nung, dass es nie­mals Auf­ga­be einer Erfah­rungs­wis­sen­schaft sein kön­ne, bin­den­de Nor­men und Idea­le zu ermit­teln und dar­aus für die Pra­xis Rezep­te abzu­lei­ten. Dar­aus fol­ge aber kei­nes­wegs, dass Wert­ur­tei­le über­haupt der wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­si­on ent­zo­gen sei­en:

»Die Kri­tik macht vor Wert­ur­tei­len nicht halt. Die Fra­ge ist viel­mehr: Was bedeu­tet und bezweckt wis­sen­schaft­li­che Kri­tik von Wert­ur­tei­len.«

Webers Ant­wort lau­tet:

»Eine empi­ri­sche Wis­sen­schaft ver­mag nie­mand zu leh­ren, was er soll, son­dern nur, was er kann und – unter Umstän­den – was er will … Jede den­ken­de Besin­nung auf die letz­ten Ele­men­te sinn­vol­len mensch­li­chen Han­delns ist zunächst gebun­den an die Kate­go­ri­en ›Zweck‹ und ›Mit­tel‹. Wir wol­len etwas in con­cre­to ent­we­der ›um sei­nes eige­nen Wer­tes wil­len‹ oder als Mit­tel im Diens­te des in letz­ter Linie Gewoll­ten. Der wis­sen­schaft­li­chen Betrach­tung zugäng­lich ist zunächst unbe­dingt die Fra­ge der Geeig­ne­t­heit der Mit­tel bei gege­be­nem Zwe­cke. Da wir (inner­halb der jewei­li­gen Gren­zen unse­res Wis­sens) gül­tig fest­zu­stel­len ver­mö­gen, wel­che Mit­tel zu einem vor­ge­stell­ten Zwe­cke zu füh­ren geeig­net sind, so kön­nen wir auf die­sem Wege die Chan­cen, mit bestimm­ten zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln einen bestimm­ten Zweck über­haupt zu errei­chen, abwä­gen und mit­hin indi­rekt die Zweck­set­zung selbst, auf Grund der jewei­li­gen his­to­ri­schen Situa­ti­on, als prak­tisch sinn­voll oder aber nach Lage der gege­be­nen Ver­hält­nis­se sinn­los kri­ti­sie­ren. Wir kön­nen wei­ter, wenn die Mög­lich­keit der Errei­chung eines vor­ge­stell­ten Zwe­ckes gege­ben erscheint, natür­lich immer inner­halb der Gren­zen unse­res jewei­li­gen Wis­sens, die Fol­gen fest­stel­len, wel­che die Anwen­dung der erfor­der­li­chen Mit­tel neben der even­tu­el­len Errei­chung des beab­sich­tig­ten Zwe­ckes, infol­ge des All­zu­sam­men­hangs alles Gesche­hens, haben wür­de. Wir bie­ten als­dann dem Han­deln­den die Mög­lich­keit der Abwä­gung die­ser unge­woll­ten gegen die gewoll­ten Fol­gen sei­nes Han­delns und damit die Ant­wort auf die Fra­ge: was kos­tet die Errei­chung des gewoll­ten Zwe­ckes in Gestalt der vor­aus­sicht­lich ein­tre­ten­den Ver­let­zung ande­rer Wer­te? Da in der gro­ßen Über­zahl aller Fäl­le jeder erstreb­te Zweck in die­sem Sin­ne etwas ›kos­tet› oder doch kos­ten kann, so kann an der Abwä­gung von Zweck und Fol­gen des Han­delns gegen­ein­an­der kei­ne Selbst­be­sin­nung ver­ant­wort­lich han­deln­der Men­schen vor­bei­ge­hen, und sie zu ermög­li­chen ist eine der wesent­lichs­ten Funk­tio­nen der tech­ni­schen Kri­tik, wel­che wir bis­her betrach­tet haben. Jene Abwä­gung selbst nun aber zur Ent­schei­dung zu brin­gen, ist frei­lich nicht mehr eine mög­li­che Auf­ga­be der Wis­sen­schaft, son­dern des wol­len­den Men­schen: er wägt und wählt nach sei­nem eige­nen Gewis­sen und sei­ner per­sön­li­chen Welt­an­schau­ung zwi­schen den Wer­ten, um die es sich han­delt. Die Wis­sen­schaft kann ihm zu dem Bewußt­sein ver­hel­fen, dass alles Han­deln, und natür­lich auch, je nach den Umstän­den, dass Nicht-Han­deln, in sei­nen Kon­se­quen­zen eine Par­tei­nah­me zuguns­ten bestimm­ter Wer­te bedeu­tet, und damit – was heu­te so beson­ders gern ver­kannt wird – regel­mä­ßig gegen ande­re. Die Wahl zu tref­fen ist eine Sache. Was wir ihm für die­sen Ent­schluß nun noch wei­ter bie­ten kön­nen ist: Kennt­nis der Bedeu­tung des Gewoll­ten selbst. Wir kön­nen ihn die Zwe­cke nach Zusam­men­hang und Bedeu­tung ken­nen leh­ren, die er will, und zwi­schen denen er wählt, zunächst durch Auf­zei­gung und logisch zusam­men­hän­gen­de Ent­wick­lung der ›Ide­en‹, die dem kon­kre­ten Zweck zugrun­de lie­gen oder lie­gen kön­nen … die wis­sen­schaft­li­che Behand­lung der Wert­ur­tei­le möch­te nun wei­ter die gewoll­ten Zwe­cke und die ihnen zugrun­de lie­gen­den Idea­le … auch kri­tisch ›beur­tei­len‹ leh­ren. Die­se Kri­tik frei­lich kann … nur eine for­mal­lo­gi­sche Beur­tei­lung des in den geschicht­lich gege­be­nen Wert­ur­tei­len und Ide­en vor­lie­gen­den Mate­ri­als, eine Prü­fung der Idea­le an dem Pos­tu­lat der inne­ren Wider­spruchs­lo­sig­keit des Gewoll­ten sein. Sie kann … dem Wol­len­den ver­hel­fen zur Selbst­be­sin­nung auf die­je­ni­gen letz­ten Axio­me, wel­che dem Inhalt sei­nes Wol­lens zugrun­de lie­gen, auf die letz­ten Wert­maß­stä­be, von denen er unbe­wußt aus­geht oder — um kon­se­quent zu sein — aus­ge­hen müß­te.« (GAWL S. 146)

Im Anschluss an Webers Ver­öf­fent­li­chung wur­de der Wert­ur­teils­streit in den Jah­ren vor dem ers­ten Welt­krieg im Ver­ein für Soci­al­po­li­tik aus­ge­tra­gen, wo Weber, unter­stützt von Som­bart, vor allem gegen die Natio­nal­öko­no­men Schum­pe­ter und von Schmol­ler die­ses Pos­tu­lat zur sat­zungs­mä­ßi­gen Grund­la­ge der Arbeit machen woll­te.

Seit 1961 erleb­te der Wert­ur­teils­streit eine Neu­auf­la­ge in dem soge­nann­ten Posi­ti­vis­mus­streit der neue­ren deut­schen Sozio­lo­gie. Er wur­de aus­ge­löst durch Refe­ra­te von Karl R. Pop­per und Theo­dor W. Ador­no auf einer Arbeits­ta­gung der Deut­schen Gesell­schaft für Sozio­lo­gie in Tübin­gen im Jah­re 1961. Auf der einen Sei­te stand nun­mehr die Posi­ti­on des soge­nann­ten kri­ti­schen Ratio­na­lis­mus (Pop­per, Hans Albert), die in einer sehr dif­fe­ren­zier­ten und abge­schwäch­ten Wei­se Webers Posi­ti­on der Tren­nung von wis­sen­schaft­li­cher Aus­sa­ge und Hand­lungs­an­lei­tung über­nom­men hat­te, und auf der ande­ren Sei­te die soge­nann­te Frank­fur­ter Schu­le (Ador­no, Haber­mas), die von einer dia­lek­tisch-her­me­neu­ti­schen Posi­ti­on aus den Unter­schied zwi­schen Theo­rie und Pra­xis über­win­den woll­te. (Die wich­tigs­ten Dis­kus­si­ons­bei­trä­ge sind abge­druckt in: Ador­no u. a., 1969; für eine aktu­el­le­re Dar­stel­lung vgl. Engi.) Längst ist auch die­ser Streit, der zu den gro­ßen Wis­sen­schafts­kon­tro­ver­sen zählt, ein­ge­schla­fen. Doch jeder muss wis­sen, wor­um gestrit­ten wur­de. In der Wis­sen­schaft hat sich weit­ge­hend ein kri­ti­scher Ratio­na­lis­mus durch­ge­setzt, der auch eine nich­ton­to­lo­gi­sche Her­me­neu­tik inkor­po­riert hat. Post­mo­der­ne Epis­te­mo­lo­gie ver­wirft dage­gen den Dua­lis­mus von Sein und Sol­len und erklärt mehr oder weni­ger alle für »per­spek­ti­visch«.

Zeit­wei­se konn­te man den Ein­druck gewin­nen, dass es unschick­lich sei, sich bei der Dis­kus­si­on des Wert­ur­teils­pro­blems prin­zi­pi­ell auf die Sei­te Max Webers zu schla­gen, ja, das Pro­blem über­haupt anzu­spre­chen. Doch im Lau­fe der Zeit haben sich die Wogen geglät­tet und inzwi­schen ist es bei­na­he selbst­ver­ständ­lich gewor­den, dass Wis­sen­schaft mög­lichst von mora­li­schen und poli­ti­schen Wert­ur­tei­len frei blei­ben soll­te. Einen Beleg dafür bie­tet Lorenz Engi in der Online-Zeit­schrift Ancil­la Juris 2009 mit einem Auf­satz über »Wis­sen­schaft und Wert­ur­teil – Wis­sen­schaft und Poli­tik«. Engi gibt eine abge­wo­ge­ne und gut les­ba­re Dar­stel­lung des Pro­blems der Wert­frei­heit der Wis­sen­schaft. Sein Aus­gangs­punkt ist der gro­ße Wer­tungs­be­darf ange­sichts wirt­schaft­li­cher Ver­wer­fun­gen, neu­er Optio­nen der Bio­tech­no­lo­gie, und der Umwelt- und Kli­mage­fah­ren. Engi ant­wor­tet mit drei »Maxi­men«: Wis­sen­schaft ent­schei­det nicht. Wis­sen­schaft poli­ti­siert nicht. Wis­sen­schaft über­re­det nicht. Es fehlt aller­dings an Hin­wei­sen, was denn Wis­sen­schaft leis­ten kann, um Wert­ur­tei­le zu ver­bes­sern. Dazu hat­te Weber schon mehr gesagt.

V.  Immanente Kritik am Postulat der Werturteilsfreiheit

Die Kri­tik an der For­de­rung nach Frei­hal­tung der Wis­sen­schaft von Wert­ur­tei­len setzt ent­we­der imma­nent oder grund­sätz­lich an. Die imma­nen­te Kri­tik ant­wor­tet auf die­se For­de­rung mit einem »ja, aber«. Sie macht gel­tend, dass sich auch in der empi­ri­schen Wis­sen­schaft Wert­frei­heit nur beschränkt durch­hal­ten lässt.

(1)       Ent­ste­hungs­zu­sam­men­hang: Schon die Aus­wahl eines For­schungs­the­mas hängt von einer Wer­tung ab. For­schungs­ka­pa­zi­tä­ten sind knapp. Es kann nicht alles zugleich erforscht wer­den. Man muss also über die unter­schied­li­che Rele­vanz unter­schied­li­cher For­schungs­the­men ent­schei­den. Das erfor­dert ein Wert­ur­teil. Um die Sub­jek­ti­vi­tät die­ses Wert­ur­teils zu kenn­zeich­nen, spricht man vom erkennt­nis­lei­ten­den Inter­es­se des For­schers (oder sei­nes Geld­ge­bers).

(2)       Basis­pro­blem: Wei­ter wird gel­tend gemacht, dass selbst die Basis­sät­ze oder Pro­to­koll­sät­ze, also das eigent­lich empi­ri­sche Ele­ment, durch das die Theo­ri­en sich auf die Wirk­lich­keit bezie­hen, letzt­lich nur durch einen Beschluss dis­ku­tie­ren­der For­scher akzep­tiert wer­den. In den Natur­wis­sen­schaf­ten folgt dar­aus kaum ein prak­ti­sches Pro­blem. Nicht unpro­ble­ma­tisch ist die­ser Sach­ver­halt jedoch in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. Dort setzt die Mess­bar­ma­chung (Ope­ra­tio­na­li­sie­rung) theo­re­ti­scher Begrif­fe (Norm, Rol­le, Insti­tu­ti­on, Fami­lie, abwei­chen­des Ver­hal­ten usw.) ein Vor­ver­ständ­nis vor­aus, das den Ter­mi­ni beob­acht­ba­res Ver­hal­ten zuord­net.

So genann­te Labor­stu­di­en (sci­ence stu­dies) von Woolgar/Latour und Knorr-Ceti­na haben mit einem eth­no­gra­phi­schen Ansatz der Ana­ly­se von Wis­sen­schafts­pra­xis her­aus­ge­ar­bei­tet, dass auch bei den »har­ten« Wis­sen­schaf­ten der For­schungs­pro­zess ein Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zess ist, der den Objek­ten »Bedeu­tung« ver­leiht. Die­ser Pro­zess ist von vie­len Umstän­den abhän­gig und nicht immer mit dem glei­chen Ergeb­nis repro­du­zier­bar. (Karin Knorr-Ceti­na, Die Fabri­ka­ti­on von Erkennt­nis. Zur Anthro­po­lo­gie der Natur­wis­sen­schaft, 2. Aufl., 2002; Bru­no Latour/Steve Wool­gar, Labo­ra­to­ry Life. The Con­struc­tion of Sci­en­ti­fic Facts, 2. Aufl. 1986)

(3)       Ver­wen­dungs­zu­sam­men­hang: Ergeb­nis­se empi­ri­scher For­schung ent­wi­ckeln eine Eigen­dy­na­mik. Was man mit For­schungs­er­geb­nis­sen anfängt, hängt wie­der­um von Wert­ur­tei­len ab. Nach­dem die Mög­lich­keit der Atom­spal­tung ent­deckt wor­den war, lag es nicht mehr in der Hand der Ent­de­cker, ob sie für Atom­bom­ben oder fried­lich oder gar nicht genutzt wur­de.

(4) In Wis­sen­schafts­netz­wer­ken, die sich mit tech­no­lo­gi­schen Infor­ma­tio­nen befas­sen, ent­wi­ckeln sich Vor­stel­lun­gen nicht nur über den Stand der Tech­nik, son­dern auch dar­über, wel­che Tech­nik nor­ma­tiv akzep­ta­bel ist. Die­se Nor­ma­ti­vi­tät ist teils vom Recht geprägt, wirkt aber auch wie­der auf das Recht zurück (Alfons Bora, ZfR­Soz 27 (2006), 31).

(5) Das Pos­tu­lat der Wert­frei­heit der Wis­sen­schaft ist selbst ein Wert­ur­teil, frei­lich, wie wir mit Max Weber, Karl Rai­mund Pop­per, Hans Albert und vie­len ande­ren mei­nen, ein wohl begrün­de­tes.

Die imma­nen­te Kri­tik bestrei­tet danach zwar, dass eine schlecht­hin wert­freie empi­ri­sche Wis­sen­schaft mög­lich sei. Sie stellt indes­sen nicht in Abre­de, dass es zwi­schen der Wahl des For­schungs­the­mas und der Ver­wen­dung der Ergeb­nis­se einen gro­ßen Raum für empi­ri­sche For­schung gibt, die – in den Natur­wis­sen­schaf­ten erfolg­rei­cher als in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten – prak­tisch objek­ti­ve Ergeb­nis­se zuta­ge för­dert. Vor allem aber nimmt die­se Kri­tik nicht für sich in Anspruch, sie kön­ne ein Ver­fah­ren ange­ben, wie sich aus empi­ri­schen Sät­zen oder auf ande­re Wei­se »objek­tiv« Wert­ur­tei­le gewin­nen lie­ßen. Genau das behaup­tet aber die tra­di­tio­nel­le Kri­tik am Pos­tu­lat der Wert­frei­heit der Wis­sen­schaft. Die post­mo­der­ne Kri­tik rela­ti­viert dage­gen grund­sätz­lich die Unter­schei­dung zwi­schen empi­ri­schen und nor­ma­ti­ven Sät­zen und bestrei­tet jede Mög­lich­keit, zu objek­ti­ven Ergeb­nis­sen vor­zu­drin­gen.

VI. Grundsätzliche Kritik am Postulat der Werturteilsfreiheit

1.      Die traditionelle Kritik

Vor­be­rei­tet wird sol­che Kri­tik durch die Beteue­rung, dass der Ver­zicht auf die wis­sen­schaft­li­che Behand­lung von Wert­ur­tei­len unan­nehm­bar sei. Haber­mas hat eine ein­präg­sa­me For­mu­lie­rung gefun­den, wenn er der Gegen­po­si­ti­on einen »hal­bier­ten Ratio­na­lis­mus« vor­hält (in: Ador­no u. a., S. 235). Doch wel­ches sind posi­tiv die Mög­lich­kei­ten, die vor­ge­schla­gen wer­den, um sich »objek­tiv« bestimm­ter Wer­tun­gen zu ver­si­chern?

(1) Offen­ba­rung, Auto­ri­tät und Tra­di­ti­on gel­ten unre­flek­tier­tem Den­ken als Sicher­heit ver­bür­gen­des Fun­da­ment.

(2) Idea­lis­ti­sches und onto­lo­gi­sches Natur­recht: Pla­ton such­te die Wer­te in einem jen­sei­ti­gen Reich der Ide­en, zu dem der Phi­lo­soph kraft den­ken­der Erin­ne­rung Zugang haben soll­te. Pla­tons Schü­ler Aris­to­te­les fand die Ide­en nicht in der Tran­szen­denz, wo Pla­ton sie ange­sie­delt hat­te, son­dern in der Rea­li­tät, in den Din­gen selbst, und er ver­such­te, aus dem Wesen der Din­ge mit der Vor­stel­lung objek­ti­ver Zwe­cke zu Wer­tun­gen zu kom­men. Alle Natur­rechts­leh­ren las­sen sich als Aus­prä­gung einer die­ser bei­den Vor­stel­lun­gen des pla­to­ni­schen Idea­lis­mus und des aris­to­te­li­schen Essen­tia­lis­mus oder als eine Mischung von bei­den inter­pre­tie­ren.

(3) Reli­giö­ses Natur­recht: Mehr oder weni­ger deut­lich bie­ten alle Reli­gio­nen eine Lösung des Wert­ur­teils­pro­blems an, indem sie die Welt als gött­li­che Schöp­fung ver­ste­hen, wel­cher der Schöp­fer sei­ne Geset­ze mit­ge­ge­ben hat, die es zu erken­nen gilt. Sind die wich­tigs­ten Grund­sät­ze des Rechts in einer hei­li­gen Schrift nie­der­ge­legt, wie es für den Islam im Koran der Fall ist, dann kann man auch von einem Offen­ba­rungs­po­si­ti­vis­mus spre­chen. Wird der Gläu­bi­ge dage­gen – wie in der Theo­lo­gie und Phi­lo­so­phie des Tho­mas von Aquin – auf sei­ne Teil­ha­be an der gött­li­chen Ver­nunft ver­wie­sen, kraft der er, aus­ge­hend von »ange­bo­re­nen«, ihm vom Schöp­fer ursprüng­lich mit­ge­ge­be­nen »Ide­en« (Begrif­fen) oder »Prin­zi­pi­en« als Got­tes Eben­bild die Gedan­ken des Schöp­fers nach­zu­den­ken ver­mag, so spricht die phi­lo­so­phi­sche Erkennt­nis­theo­rie von einem christ­li­chen Pla­to­nis­mus oder sie zieht die Par­al­le­le zur aris­to­te­li­schen Onto­lo­gie.

(4) Mate­ria­le Wer­t­ethik: Eine neue­re, säku­la­re Form des Pla­to­nis­mus ist die mate­ria­le Wer­t­ethik, die mit den Namen der Phi­lo­so­phen Max Scheler (1874−1928) und Nico­lai Hart­mann (1882−1950) ver­bun­den ist. Sie ver­such­te, eine objek­ti­ve Rang­ord­nung erschau­ba­rer mate­ria­ler Wer­te auf­zu­wei­sen. Dazu behaup­te­te Hart­mann, dass »das Wert­ge­fühl nicht weni­ger objek­tiv als die mathe­ma­ti­sche Ein­sicht« sei (Ethik, S. 341).

(5) Dia­lek­tik: Hegel ent­wi­ckel­te die Dia­lek­tik zur Metho­de sei­ner Phi­lo­so­phie. Marx und Engels haben die Dia­lek­tik zu einem macht­vol­len Instru­ment aus­ge­baut, um »objek­ti­ve« gesell­schaft­li­che Wider­sprü­che zu ent­de­cken, die zur Auf­lö­sung drän­gen. Das Wert­ur­teil ver­steckt sich hier hin­ter der schein­bar objek­ti­ven Beschrei­bung gesell­schaft­li­cher Zustän­de als (Klassen)-Gegensatz oder Wider­spruch, der not­wen­dig auf­ge­ho­ben wer­den muss.

(6) Dis­kur­s­ethik: Apel und Haber­mas haben ein Kon­sens­prin­zip der Wahr­heit for­mu­liert: Legi­ti­me sozia­le Nor­men sind argu­men­ta­tiv begründ­bar, indem das je zugrun­de lie­gen­de Inter­es­se in zwang­lo­ser Kom­mu­ni­ka­ti­on als all­ge­mei­nes nach­ge­wie­sen wird. Wir leben jedoch in einer ideo­lo­gisch ver­zerr­ten Gesell­schaft und sind dadurch zur Dia­lek­tik gezwun­gen. Das heißt hier, dass wir die Situa­ti­on zwang­frei­er Kom­mu­ni­ka­ti­on, von Haber­mas auch idea­le Sprech­si­tua­ti­on oder Dis­kurs genannt, nur »kon­tra­fak­tisch« vor­weg­neh­men kön­nen.

2.      Postmoderne Kritik

Post­mo­der­ne Phi­lo­so­phie macht gel­tend, dass sich die Grund­un­ter­schei­dun­gen der ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phie (Sein und Sol­len, syn­the­ti­sche und ana­ly­ti­sche Sat­ze, der Satz vom aus­ge­schlos­se­nen Wider­spruch) nicht hal­ten lie­ßen und damit auch die Unter­schei­dung von Beschrei­bun­gen und Wert­ur­tei­len in sich zusam­men­fal­le. Das Wert­ur­teil sei nur eine »dezi­sio­nis­ti­sche Fal­le«. An sei­ne Stel­le tritt die Ent­fal­tung von Para­do­xi­en.[5]

Anthro­po­lo­gi­scher und Kul­tur­re­la­ti­vis­mus bestrei­ten jeden Anspruch auf Objek­ti­vi­tät.

(1) Anthro­po­lo­gi­scher Rela­ti­vis­mus: Aus­ge­hend vom Femi­nis­mus ist anthro­po­lo­gi­sche Diver­si­tät zur epis­te­mo­lo­gi­schen Rele­vanz gelangt. Danach wer­den Beob­ach­tun­gen und ihre Inter­pre­ta­ti­on durch Fak­to­ren wie Ras­se, Geschlecht oder sexu­el­le Ori­en­tie­rung gesteu­ert und sind des­halb not­wen­dig rela­tiv.

(2) Kul­tur­re­la­ti­vis­mus: Aus­ge­hend von der Eth­no­lo­gie (Franz Boas, Ruth Bene­dict, Mar­ga­ret Mead) ist die Idee bestim­mend gewor­den, dass jede Kul­tur ein in sich geschlos­se­nes Gefü­ge eige­ner Ord­nung bil­det, ein Ensem­ble von auf­ein­an­der abge­stimm­ten Lebens­for­men, Ver­hal­tens­wei­sen und Nor­men. Unter­ein­an­der sind die Kul­tu­ren inkom­men­sura­bel und es gibt auch kei­nen neu­tra­len Maß­stab, an dem sie sich mes­sen lie­ßen. Alle Beob­ach­tun­gen und Inter­pre­ta­tio­nen wer­den von der Zuge­hö­rig­keit zu einer Kul­tur gesteu­ert und sind inso­fern rela­tiv.

(3) Kon­struk­ti­vis­mus: Gestützt wird sol­cher Rela­ti­vis­mus durch den radi­ka­len Kon­struk­ti­vis­mus, der heu­te die Wis­sen­schafts­theo­rie beherscht. Danach sind alle Beob­ach­tun­gen und Inter­pre­ta­tio­nen letzt­lich Arte­fak­te. Man kann nie aus­schlie­ßen, dass sie sich eigent­lich nur dem Wunsch ver­dan­ken, eige­nen oder frem­den Intees­sen zu die­nen. Der radi­ka­le Kon­struk­ti­vis­mus gehört in die Fun­da­men­tal­phi­lo­so­phie. Für die prak­ti­sche Wis­sen­schaft bie­tet er kei­ne Lösun­gen. Diver­si­tät und kul­tu­rel­le Viel­falt tau­gen nur zu einer imma­nen­ten Kri­tik des Wert­ur­teils­frei­heits­pos­tu­lats. Inso­weit muss man sie ernst neh­men. Ihre Ver­ab­so­lu­tie­rung macht sie zu poli­ti­schen Kampf­be­grif­fen.

(4) Sys­tem­theo­rie: Die Sys­tem­theo­rie ist an sich eine empi­ri­sche Theo­rie der Gesell­schaft, die mit ihren nor­ma­ti­ven Kon­se­quen­zen der »nor­ma­ti­ven Kraft des Fak­ti­schen« hin­ter­her­läuft. Für Luh­mann und sei­ne Anhän­ger ist die »Ein­heit der Unter­schei­dung« von Sein und Sol­len ein »blin­der Fleck«, der denen, die auf dar­auf ihre Theo­rie bau­en, nicht in den Blick kommt. Amstutz, Teub­ner u. a. ver­su­chen jetzt aber, eine Kri­ti­sche Sys­tem­theo­rie zu ent­wi­ckeln. Der Gegen­satz von Sein und Sol­len wird zum »hoch­pro­ble­ma­ti­schen Hia­tus zwi­schen Rechts­struk­tu­ren und Ent­schei­dun­gen, der die Para­do­xi­en des Rechts her­vor­treibt«. »Der Re-ent­ry … sozio­lo­gi­scher Ana­ly­sen in das Recht« soll »für die Nor­ma­ti­vi­tät der Gerech­tig­keit einen ›ima­gi­nä­ren Raum‹ jen­seits von Natur­recht und Posi­ti­vis­mus« öff­nen und »mög­li­cher­wei­se zu einem tie­fe­ren Ver­ständ­nis von Gerech­tig­keit … – im Sin­ne von sub­ver­si­ven Prak­ti­ken der Selbst-Tran­szen­die­rung des Rechts« füh­ren.[6]

VI. Indirekte Beziehungen zwischen Wissen und Werten

Natür­lich kann man mit sol­chen Stich­wor­ten das, was die Geschich­te der prak­ti­schen Phi­lo­so­phie von Pla­to bis in die Gegen­wart aus­macht, nicht ein­mal andeu­ten, son­dern allen­falls die Rich­tung ange­ben, in der zu suchen wäre. Auch die Kri­tik der Kri­tik kann hier nicht geleis­tet wer­den[7]. Wir gehen hier mit Max Weber davon aus, dass empi­ri­sche Wis­sen­schaft und als sol­che auch die Rechts­so­zio­lo­gie in beton­tem Gegen­satz zu allen Natur­rechts­leh­ren steht, weil sie selbst über kei­nen unmit­tel­ba­ren Zugang zur Gewin­nung von Wert­ur­tei­len ver­fügt. Das bedeu­tet kei­ne Resi­gna­ti­on. Auch wenn man Max Weber dar­in folgt, dass Wert­ur­tei­le durch Empi­rie und Logik (die zusam­men nach posi­ti­vis­ti­scher Vor­stel­lung die Wis­sen­schaft aus­ma­chen) nicht direkt begrün­det wer­den kön­nen, so hat doch der­sel­be Weber schon gezeigt, wie Wert­ur­tei­le sich indi­rekt sehr wir­kungs­voll ver­bes­sern las­sen. Er nann­te die­ses Ver­fah­ren tech­ni­sche Kri­tik:

(1) Sol­che Kri­tik kann schon bei der Beschrei­bung der Aus­gangs­si­tua­ti­on anset­zen, in der gehan­delt und damit gewer­tet wird. Es ist kein Zwei­fel, dass ein Wert­ur­teil nur dann ein­wand­frei sein kann, wenn es eine wah­re Beschrei­bung der Aus­gangs­si­tua­ti­on zugrun­de legt. Eine Ver­ur­tei­lung wegen Dieb­stahls kann nur dann rich­tig sein, wenn der Ange­klag­te wirk­lich gestoh­len hat; ein Gesetz, das die Imp­fung gegen Pocken vor­schreibt, wird sinn­los, wenn kei­ne Pocken mehr vor­kom­men. Die Beschrei­bung der Situa­ti­on ist ersicht­lich eine empi­ri­sche Auf­ga­be.

(2) Empi­rie kann wei­ter die Fra­ge der Geeig­ne­t­heit der Mit­tel bei gege­be­nen Zwe­cken zu beant­wor­ten ver­su­chen. Inso­weit spricht man von einer instru­men­ta­len Ver­wen­dung der (Sozi­al-)Wis­sen­schaft. Zwar läßt sich kei­nes­wegs sagen, dass eine Wer­tung immer schon rich­tig ist, wenn sie den Ein­satz geeig­ne­ter Mit­tel vor­sieht. Das wäre der sog. instru­men­ta­lis­ti­sche Trug­schluss. Aber umge­kehrt erscheint doch jede Wer­tung unan­ge­mes­sen, die den Ein­satz unge­eig­ne­ter Mit­tel for­dert.

(3) Empi­risch kön­nen die Kos­ten eines Mit­tel­ein­sat­zes unter­sucht wer­den. Jedes Han­deln bedeu­tet den Ver­zicht auf ande­re Mög­lich­kei­ten und ver­ur­sacht inso­fern Kos­ten. Es ist vor­stell­bar, dass ein Wert­ur­teil dadurch beein­flusst wird, dass man sich die Kos­ten sei­ner Rea­li­sie­rung bewusst macht.

(4) Schließ­lich lässt sich sel­ten oder nie ein Ziel sozu­sa­gen in Rein­kul­tur ver­wirk­li­chen. Regel­mä­ßig tre­ten auch unbe­ab­sich­tig­te Neben­fol­gen ein. Die Kennt­nis sol­cher Neben­fol­gen kann davon abhal­ten, ein Ziel wei­ter zu ver­fol­gen oder jeden­falls den Ein­satz eines ande­ren Mit­tels zu wäh­len. Die Suche nach den unbe­ab­sich­tig­ten Neben­fol­gen plan­mä­ßi­ger Hand­lun­gen ist eine der wich­tigs­ten und schwie­rigs­ten Auf­ga­ben der Sozi­al­wis­sen­schaft.

(5) Empi­ri­sche Sozi­al­wis­sen­schaft macht auch vor Wert­ur­tei­len selbst nicht halt. Sie kann die his­to­risch vor­ge­fun­de­nen Wert­ur­tei­le sam­meln und zu klä­ren ver­su­chen, durch wel­che Kau­sal­fak­to­ren sie begrün­det sind und was als kau­sa­le Wir­kung ihres fak­ti­schen Bestehens in Betracht kommt, sowie den Kon­se­quen­zen nach­ge­hen, die aus ihrer wei­te­ren Ver­fol­gung zu erwar­ten sind. Ein geäu­ßer­tes oder prak­tisch voll­zo­ge­nes Wert­ur­teil ist selbst eine Tat­sa­che. Gera­de die Rechts­so­zio­lo­gie befaßt sich viel­fach mit der Erklä­rung des Zustan­de­kom­mens sol­cher Wert­ur­tei­le, etwa mit der Erklä­rung von Geset­zen oder rich­ter­li­chen Ent­schei­dun­gen, mit der Erklä­rung von recht­streu­em oder kri­mi­nel­lem Ver­hal­ten.

(6) Wenn eine Erklä­rung mög­lich ist, kann auch eine Pro­gno­se gestellt wer­den. Tat­säch­lich kann der Sozio­lo­ge, ähn­lich wie der Anwalt, nur mit ver­fei­ner­ten Metho­den ver­su­chen vor­her­zu­sa­gen, wie bei­spiels­wei­se ein Gericht eine bestimm­te Fra­ge ent­schei­den wird.

(7) Eine wei­te­re Mög­lich­keit der mit­tel­ba­ren Beein­flus­sung von Wert­ur­tei­len durch empi­ri­sche For­schung kann man als Eigen­dy­na­mik oder als Auf­klä­rungs­wir­kung sozio­lo­gi­scher Aus­sa­gen kenn­zeich­nen. Gemeint ist das Phä­no­men, dass die wert­freie Beschrei­bung sozia­ler Zustän­de kri­tisch wer­ten­de Reak­tio­nen her­vor­ru­fen kann.

Der einen Hälf­te der Gesell­schaft zu zei­gen, wie die ande­re lebe, war das Leit­mo­tiv für die ver­schie­de­nen Erhe­bun­gen über die Armut in Eng­land im aus­ge­hen­den 19. und begin­nen­den 20. Jahr­hun­dert. Die glei­che Art der Sozi­al­for­schung in den USA ist als »muck­ra­king« in die Geschich­te der Sozio­lo­gie ein­ge­gan­gen, seit Theo­do­re Roo­se­velt die »Erfor­scher des Elends und der Kor­rup­ti­on« als »Schmutz­auf­wirb­ler« denun­zie­ren woll­te. Die Rechts­so­zio­lo­gie hat in den letz­ten zehn Jah­ren durch die Beschrei­bung der Zugangs- und Erfolgs­bar­rie­ren im Recht erheb­li­che refor­me­ri­sche Anstren­gun­gen aus­ge­löst. Eine enga­gier­te Sozio­lo­gie, die gezielt mit Hil­fe des Selbst­auf­he­bungs­ef­fekts ihrer Aus­sa­gen auf die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se Ein­fluss zu neh­men ver­sucht, hält sich in den Gren­zen, die ihr durch das (rela­ti­vier­te) Wert­frei­heits­prin­zip gezo­gen sind. Ihre Aus­sa­gen blei­ben objek­ti­vier­bar, sie wer­den durch die Reak­ti­on der Betrof­fe­nen nur schein­bar wider­legt.

(8) Nur eine spe­zi­el­le Form sol­cher Eigen­dy­na­mik ent­wi­ckelt die selbst­zer­stö­re­ri­sche Pro­gno­se (sui­ci­ding oder self-des­troy­ing pro­phe­cy), wenn der ange­kün­dig­te Miss­stand, etwa eine Ver­kehrs­stau­ung an einem Feri­en­wo­chen­en­de, Hand­lun­gen zu sei­ner Ver­mei­dung aus­löst.

Gegen­stück der self-des­troy­ing pro­phe­cy ist die self-ful­fil­ling pro­phe­cy, bei der es sich, min­des­tens wenn sie bewusst auf die­sen Effekt ange­legt ist, aller­dings um einen Ross­täu­scher­trick han­delt. Den Juris­ten ist ein gera­de­zu klas­si­sches Bei­spiel einer sich selbst erfül­len­den Vor­aus­sa­ge geläu­fig: Wird von einem Unter­neh­men gesagt, es ste­he vor dem Zusam­men­bruch — eine sol­che Behaup­tung ist mit jedem Kon­kurs­an­trag impli­ziert -, so mag die­se Pro­gno­se in dem Sin­ne falsch sein, dass der Kon­kurs ohne ein ent­spre­chen­des Gerücht aus­ge­blie­ben wäre. Aber weil die­se Behaup­tung in Umlauf gesetzt wird, ver­lie­ren Gläu­bi­ger und Kun­den das Ver­trau­en, sper­ren Kre­di­te und bre­chen die Geschäfts­ver­bin­dung ab und trei­ben das Unter­neh­men damit tat­säch­lich in Kon­kurs. Der Mecha­nis­mus der self-ful­fil­ling pro­phe­cy erklärt z. B. weit­ge­hend die Wir­kung ras­si­scher, eth­ni­scher und sozia­ler Vor­ur­tei­le. Man den­ke an die ver­brei­te­te Auf­fas­sung, dass Arbei­ter­kin­der min­der­be­gabt sei­en. Sie hat­te zur Fol­ge, dass die­se Kin­der auch gerin­ge­re Bil­dungs­mög­lich­kei­ten erhiel­ten und dass sie dar­über hin­aus ent­mu­tigt wur­den, so dass sie tat­säch­lich auf einem nied­ri­ge­ren Intel­li­genz­ni­veau ver­har­ren muss­ten. Der Glau­be ver­mag bekannt­lich Ber­ge zu ver­set­zen. Auch das Ora­kel tat daher sei­ne Wir­kung. Heu­te wer­den Vor­her­sa­gen, die einer sach­li­chen Grund­la­ge ent­beh­ren, sich nicht sel­ten nur dadurch erfül­len, dass sie im Namen der Wis­sen­schaft erge­hen und an deren Kre­dit teil­ha­ben. Sie erzie­len ledig­lich eine Schein­be­wäh­rung, indem sie, das Anse­hen der Wis­sen­schaft miss­brau­chend, erfolg­reich auf die Gunst des Publi­kums spe­ku­lie­ren.

Die­se kur­zen Hin­wei­se müs­sen hier genü­gen, um zu zei­gen, dass Sozi­al­wis­sen­schaft auch unter Ver­zicht auf unmit­tel­ba­re Wer­tun­gen die Pra­xis sehr wir­kungs­voll beein­flus­sen kann. Anschei­nend gibt es eine Rück­kopp­lung zwi­schen Erkennt­nis und Ent­schei­dung, zwi­schen Infor­ma­ti­on über Mit­tel, Fol­gen und Neben­fol­gen und dem prak­ti­schen Wert­ur­teil. Nach wel­chem Gesetz sie funk­tio­niert, ist uns aller­dings ver­bor­gen. Wäre es anders, so gäbe es kei­ne Kluft zwi­schen Sein und Sol­len. Aber die­se Kluft ist da, und sie muss durch eine Ent­schei­dung, durch ein prak­ti­sches Wert­ur­teil, über­sprun­gen wer­den[8]. Dar­an ändert auch der Umstand nichts, dass Psy­cho­lo­gen und Sozio­lo­gen eine Ent­schei­dung nach­träg­lich erklä­ren oder sogar pro­gnos­ti­zie­ren kön­nen. Es kommt auf die Sicht des Ent­schei­den­den an. Er fühlt sich in sei­ner Ent­schei­dung frei oder jeden­falls unsi­cher, und muß die­se Situa­ti­on bewäl­ti­gen.

Eine Ent­schei­dung ist in dem Maße ratio­nal, wie der Ent­schei­den­de sich bemüht hat, ihren Umkreis mit empi­risch-ana­ly­tisch fun­dier­tem Wis­sen auf­zu­hel­len. Sol­ches Wis­sen ist, wie all­ge­mein aner­kannt wird, weit­ge­hend kon­sens­fä­hig. Unse­re Hypo­the­se lau­tet nun: In dem Maße, wie die Wis­sens­grund­la­gen der betei­lig­ten Akteu­re über­ein­stim­men, wer­den ihre Ent­schei­dun­gen kon­ver­gie­ren. Aus einer wert­frei­en Dis­kus­si­on der Ent­schei­dungs­grund­la­gen – und nur dar­aus – ist daher auch ein Kon­sens über Wert­fra­gen zu erhof­fen. Prak­tisch müs­sen wir auf die­sen Kon­sens weit­ge­hend ver­zich­ten, nicht nur weil die wis­sen­schaft­li­che Dis­kus­si­on nie abge­schlos­sen ist, son­dern vor allem auch, weil sich nicht alle Men­schen an die­ser Dis­kus­si­on betei­li­gen kön­nen und jeder Betei­lig­te stets nur Aus­schnit­te über­sieht. Wer daher prak­tisch genö­tigt ist oder für sich in Anspruch nimmt, für ande­re ver­bind­lich zu ent­schei­den, der ist ver­pflich­tet, sich zuvor einen Refle­xi­ons­über­schuss zu erwer­ben, indem er sei­nen Wis­sens­ho­ri­zont nach sei­nen Mög­lich­kei­ten und Kräf­ten erwei­tert. Die Ent­schei­dungs­ge­walt des Rich­ters lässt sich heu­te nicht mehr mit staat­li­cher Macht und dar­aus abge­lei­te­ter Auto­ri­tät recht­fer­ti­gen, und auch die demo­kra­ti­sche Legi­ti­ma­ti­on der Rich­ter ist schmal. Sie bedarf der Ergän­zung durch wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung und Arbeits­wei­se der Juris­ten.

Max Weber sah in der Fra­ge, wel­che prak­ti­schen Schluss­fol­ge­run­gen aus den Tat­sa­chen zu zie­hen sei­en, nicht nur kei­ne Fra­ge einer empi­ri­schen, son­dern über­haupt kei­ner wie immer gear­te­ten Wis­sen­schaft. Er hielt es für die Auf­ga­be des prak­tisch, ins­be­son­de­re des poli­tisch Han­deln­den, durch ein bewuss­tes Wert­ur­teil die Ver­ant­wor­tung für die Fol­gen sei­nes Tuns zu über­neh­men (Ver­ant­wor­tungs­ethik).

Ob die im Pro­zess der Rechts­fin­dung not­wen­di­gen Wert­ur­tei­le wis­sen­schaft­lich genannt zu wer­den ver­die­nen oder nicht, ist aber ein unfrucht­ba­rer Streit um Wor­te[9]. Jeden­falls die Tra­di­ti­on gestat­tet uns, von der Juris­pru­denz ins­ge­samt als Rechts­wis­sen­schaft zu spre­chen, mag sie die­sen Namen, gemes­sen am Wis­sen­schafts­be­griff Max Webers, auch nicht ver­dient haben. Ent­schei­dend ist, und dar­über läßt sich heu­te wohl Einig­keit erzie­len, dass die Rechts­wis­sen­schaft ohne Wert­ur­tei­le nicht aus­kommt, dass ihre Wert­ur­tei­le zwar ver­bes­sert wer­den kön­nen, aber letzt­lich empi­risch und logisch nicht voll begründ­bar sind. Sol­len die durch den wis­sen­schaft­li­chen Wert­re­la­ti­vis­mus gesetz­ten Schran­ken über­wun­den und der Rechts­so­zio­lo­gie nütz­li­che Funk­tio­nen bei der Aus­wahl rechts­po­li­ti­scher Zie­le ein­ge­räumt wer­den, so bleibt nur der Weg, die rechts­so­zio­lo­gi­sche Metho­de aus­zu­schöp­fen, um die Kon­se­quen­zen recht­li­cher Ent­schei­dun­gen, die mit ihnen ver­bun­de­nen Gefah­ren oder ihr not­wen­di­ges Schei­tern vor­her­zu­sa­gen und eine mög­lichst gro­ße Aus­wahl von Alter­na­ti­ven auf­zu­wei­sen. Es ist das Erstaun­lichs­te an Webers Pro­gramm einer wert­frei­en Wis­sen­schaft, dass in ihm, abge­se­hen von dem Ver­bot unmit­tel­bar wer­ten­der Stel­lung­nah­me, nur noch davon die Rede ist, wie die Wis­sen­schaft durch die Ana­ly­se logi­scher Impli­ka­tio­nen und tat­säch­li­cher Kon­se­quen­zen zur Wahl zwi­schen wider­strei­ten­den Grund­wer­ten und zur Ent­schei­dung prak­ti­scher Wer­tungs­fra­gen bei­tra­gen kann. Dabei wird die vol­le ethi­sche und prak­ti­sche Rele­vanz einer wert­frei­en Wis­sen­schaft im Sin­ne Max Webers erst sicht­bar, wenn man ihre Auf­klä­rungs­wir­kung hin­zu­nimmt. Die ver­brei­te­te Ableh­nung der Weberschen Kon­zep­ti­on ist wohl nicht zuletzt als eine Fol­ge der unglück­se­li­gen Benen­nung als wert­freie Wis­sen­schaft zu erklä­ren. Sie hät­te es ver­dient, wert­be­wuss­te Wis­sen­schaft genannt zu wer­den.

Da Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät ange­sagt ist, liegt der Ver­such nahe, das Wert­ur­teils­pro­blem mit Hil­fe der Psy­cho­lo­gie zu lösen. In der Psy­cho­lo­gie wer­den Wert­ur­tei­le mit Emo­tio­nen in Ver­bin­dung gebracht. Für einen Ein­stieg in die The­ma­tik mit aller­hand Lite­ra­tur­hin­wei­sen sei ver­wie­sen auf Rai­ner Rei­senz­e­in, Mora­li­sche Gefüh­le aus der Sicht der kogni­tiv-moti­va­tio­na­len Theo­rie der Emo­ti­on, in: Mar­co Iorio/Rainer Rei­senz­e­in (Hg.), Regel, Norm, Gesetz. Eine inter­dis­zi­pli­nä­re Bestands­auf­nah­me, 257–283. Aber viel mehr als die Tat­sa­che, dass Wert­ur­tei­le nicht unmit­tel­bar durch Kogni­tio­nen ver­an­lasst, son­dern auf dem Umweg über Emo­tio­nen zustan­de kom­men, erfährt man dort nicht.

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[1] Grund­le­gend August Thon, Rechts­norm und sub­jek­ti­ves Recht, Wei­mar 1878; Ernst Rudolf Bier­ling, Juris­ti­sche Prin­zi­pi­en­leh­re, Bd. 1 Frei­burg u. Leip­zig 1894, S. 71 ff.; fer­ner James Gold­schmidt, Der Pro­zeß als Rechts­la­ge, Ber­lin 1925, S. 227 ff.; Kel­sen, Rei­ne Rechts­leh­re, S. 73 ff.; Engisch«MDNM», Ein­füh­rung in das juris­ti­sche Den­ken, 3. Aufl. Stutt­gart 1964, S. 22 ff.; Ilmar Tam­me­lo, Con­tem­pora­ry Deve­lop­ments of the Impe­ra­ti­ve Theo­ry of Law: A Sur­vey and App­rai­sal, ARSP 49, 1963, 255 — 277.

[2] David Hume, Ein Trak­tat über die mensch­li­che Natur (A Trea­tise of Human Natu­re) hier zitiert nach dem Nach­druck der deut­schen Über­set­zung von Theo­dor Lipp von 1906 = Phi­lo­so­phi­sche Biblio­thek Bd. 283 (Mei­ner Ver­lag) S. II/211 (Ori­gi­nal 173940).

[3] Rechts­phi­lo­so­phie, 1. Aufl. 1914, 5. Aufl. 1956.

[4] Rei­ne Rechts­leh­re (1934), 2. Aufl. 1960.

[5] Z. B. bei Andre­as Fischer-Lesca­no, Wozu Rechts­phi­lo­so­phie?, Juris­ten­Zei­tung, 161–170.

[6] Gun­ther Teub­ner, Selbst­sub­ver­si­ve Gerech­tig­keit, ZfR­Soz 29, 2008, 9–36.

[7] Dazu näher Ernst Topitsch, Sozi­al­phi­lo­so­phie zwi­schen Ideo­lo­gie und Wis­sen­schaft, 3. Aufl. 1971.

[8] Inso­weit kön­nen wir heu­te nicht mehr hin­ter Ein­sich­ten von Isay und Kel­sen zurück­ste­hen, die von ver­schie­de­nen Stand­punk­ten aus bereits früh­zei­tig auf das voli­ti­ve Ele­ment prak­ti­scher Rechts­ent­schei­dun­gen auf­merk­sam gemacht haben; vgl. Her­mann Isay, Rechts­norm und Ent­schei­dung, Ber­lin 1929, sowie Hans Kel­sen, Rei­ne Rechts­leh­re, 2. Aufl., Wien 1960, 36 ff.

[9] Die­se ter­mi­no­lo­gi­sche Fra­ge hat aller­dings inso­fern doch prak­ti­sche Bedeu­tung, als auch die Juris­pru­denz ger­ne am Pres­ti­ge der (empi­ri­schen) Wis­sen­schaf­ten teil hät­te; vgl. dazu Hans Albert, Wis­sen­schaft und Poli­tik, FS Vic­tor Kraft, 1960, 201–232, 209; Arnold Brecht, Poli­ti­sche Theo­rie, 2. Aufl. 1976, 328,; Wolf­gang Nau­cke, Wis­sen­schafts­be­griff – Rechts­so­zio­lo­gie – Rechts­pra­xis, in: Naucke/Trappe (Hg.), Rechts­so­zio­lo­gie und Rechts­pra­xis, 1970, 79 ff., 87.

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