§ 56 Soziale Netzwerke

I.        Überblick über die Netzwerkforschung
1)       Netze und Netzwerke
2)       Zur Entwicklung der Netzwerkforschung
3)       Netzwerke als Graphen und Matrizen
4)       Dynamik in Netzwerken
5)       Skalenfreie Netzwerke und das Potenzgesetz
II.      Von der Beziehungssoziologie zur Netzwerkanalyse
1)       Methodisches Konzept oder Sozialstruktur
2)       Netzwerke zwischen Markt, Hierarchie und Demokratie
a)       Soziale Netzwerke und ihre Basis
b)       Intra- und interorganisationale Netzwerke
c)       Typenvergleich zwischen Netzwerk, Markt und Organisation
d)       Mischformen und Übergänge
e)       Sichtbegrenzungen der Transaktionskostentheorie
III.     Netzwerke im Rechtssystem
1)       System und Netzwerk
2)       Netzwerkanalysen zu Rechtsthemen
3)       Kooperationsnetzwerke
4)       Politiknetzwerke
IV.          Zu interdisziplinären Verwendung der Netzwerkforschung
1)       Zwischen metaphorischer und exakter Verwendung des Netzwerkbegriffs
2)       Die Ideologielastigkeit des Netzwerkbegriffs
3)       Ostroms Frage
V.       Exkurs: Akteur-Netzwerk-Theorie (Bruno Latour)

 

 

I.  Überblick über die Netzwerkforschung

Lite­ra­tur: Réka Alber­t/Al­bert-László Bar­a­bá­si, Sta­tis­ti­cal Mecha­nics of Com­plex Net­works, Revue of Modern Phy­sics 74, 2002, 47–97; Albert-László Barabási/Réka Albert, Emer­gence of Sca­ling in Ran­dom Net­works, Sci­ence 286, 1999, 509–512; David Easley/Jon Klein­berg, Net­works, Crowds, and Mar­kets. Rea­so­n­ing about a High­ly Con­nec­ted World, New York 2010; Mark S. Gra­no­vet­ter, The Strength of Weak Ties, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy 78, 1973, 1360–1380; ders., The Strength of Weak Ties: A Net­work Theo­ry Revi­si­ted, Socio­lo­gi­cal Theo­ry 1, 1983, 201–233; Doro­thea Jan­sen, Ein­füh­rung in die Netz­werk­ana­ly­se, 3. Aufl. 2006; Doro­thea Jansen/Rainer Diaz-Bone, Netz­wer­ke als sozia­les Kapi­tal, in: Johan­nes Wey­er (Hg.), Sozia­le Netz­wer­ke, 2. Aufl. 2011, 74–108; Lothar Krem­pel, Net­work Visua­li­za­ti­on, in: John Scott/Peter J. Car­ring­ton (Hg.), The Sage Hand­book of Soci­al Net­work Ana­ly­sis. Lon­don: Sage 2011, 558–577; Stan­ley Mil­gram, The Small World Pro­blem, Psy­cho­lo­gy Today 1, 1967, 61–67; M. E. J. New­man/Al­bert-László Barabási/Duncan J. Watts, The Struc­tu­re and Dyna­mics of Net­works, Prince­ton, N.J/Oxford 2006 (Kapi­tel 1 als PDF); Wal­ter W. Powell, Neit­her Mar­ket nor Hier­ar­chy: Net­work Forms of Orga­ni­za­ti­on, Rese­arch in Orga­ni­za­tio­nal Beha­vi­or 12, 1990, 295–336 (Wal­ter Powell, Weder Markt noch Hier­ar­chie: Netz­werk­ar­ti­ge Orga­ni­sa­ti­ons­for­men, in: Patrick Kenis/Volker Schnei­der (Hg.), Orga­ni­sa­ti­on und Netz­werk, 1996, 213–271); Jef­frey Travers/Stanley Mil­gram, An Expe­ri­men­tal Stu­dy of the Small World Pro­blem, Socio­me­try 32, 1969, 425–443; Dun­can J. Watts/Steven H. Stro­gatz, Collec­tive Dyna­mics of „Small-World“ Net­works, Natu­re 1998, 393[6684], 440–442; Dun­can J. Watts, Six Degrees. The Sci­ence of a Con­nec­ted Age, New York, Nor­ton, 2003.

Inter­net: Inter­na­tio­nal Net­work of Soci­al Net­work Ana­ly­sis. Popu­lä­re Dar­stel­lun­gen der Netz­werk­the­ma­tik: Com­plex Sys­tems and Net­works, Sci­ence, Spe­cial Issue vom 24 Juli 2009 (Bd. 325 no. 5939, S. 412–413; dar­in fin­den sich zwei für die Rechts­so­zio­lo­gie rele­van­te Auf­sät­ze: John Bohan­non, Counterterrorism’s New Tool: ‘Meta­net­work’ Ana­ly­sis (S. 409–411), sowie Eli­nor Ostrom, A Gene­ral Frame­work for Ana­ly­zing Sustai­na­bi­li­ty of Soci­al-Eco­lo­gi­cal Sys­tems, S. 325, 419–422. Net­wor­ked (Har­vard Maga­zi­ne Mai-Juni 2010). Ein­füh­run­gen: Rai­ner Diaz-Bone, Eine kur­ze Ein­füh­rung in die sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Netz­werk­ana­ly­se, 2006; M. E. J. New­man, The Struc­tu­re and Func­tion of Com­plex Net­works, SIAM Review 45, 2003, 167–256; Micha­el Schnegg/Hartmut Lang, Netz­werk­ana­ly­se. Eine pra­xis­ori­en­tier­te Ein­füh­rung, Metho­den der Eth­no­gra­phie, 2002, 1–55; Mat­thi­as Scholz, Vor­le­sung »Kom­ple­xe Netz­wer­ke«; Eine anspruchs­vol­le Ein­füh­rung, die für Rechts­theo­rie und Rechts­so­zio­lo­gie gedacht ist, bie­tet das »Net­work Ana­ly­sis and Law Tuto­ri­al« von Dani­el Mar­tin Katz, Micha­el Bom­ma­ri­to und Jona­than Zel­ner, 2011. Vie­le der inzwi­schen klas­si­schen Ori­gi­nal­ar­bei­ten, z. B. von Gra­no­vet­ter, Powell, Mil­gram, Barabási/Albert und Watts/Strogatz, ste­hen frei im Inter­net.

1)                          Netze und Netzwerke

Über­all redet man von Netz­wer­ken. Der Netz­werk­be­griff ist so reiz­voll, weil ein gutes All­tags­ver­ständ­nis besteht, weil er sich als viel­sei­ti­ge Meta­pher eig­net und weil Netz­wer­ke leicht zu visua­li­sie­ren sind. Wis­sen­schaft­lich ist der Netz­werk­be­griff beson­ders frucht­bar gewor­den, weil sich Netz­wer­ke mathe­ma­tisch als Gra­phen beschrei­ben und berech­nen las­sen. Der Netz­werk­be­griff ist damit eine viel­fäl­tig ein­setz­ba­re Abs­trak­ti­on für die Anord­nung von Ele­men­ten in rea­len Sys­te­men. Rea­le Sys­te­me sind natür­li­che, tech­ni­sche oder sozia­le. Eine spe­zi­fi­sche Form der sozia­len sind seman­ti­sche Sys­te­me.

Für die Rechts­so­zio­lo­gie inter­es­sie­ren eigent­lich nur sozia­le Sys­te­me. Aber im Objekt­be­reich des Rechts geht es oft um tech­ni­sche Sys­te­me. Des­halb ist es für die Juris­pru­denz üblich und ange­mes­sen, zwi­schen Net­zen und Netz­wer­ken zu unter­schei­den. Von Net­zen ist dann im Hin­blick auf logi­sche und tech­ni­sche Net­ze die Rede, wäh­rend sozia­le Net­ze als Netz­wer­ke bezeich­net wer­den. Net­ze in die­sem Sin­ne sind das Tele­fon- und das Eisen­bahn­netz. Bei­spie­le für Netz­wer­ke bil­den Unter­neh­mens­ko­ope­ra­tio­nen oder Freun­des­krei­se in Face­book. Das Inter­net als sol­ches ist bloß ein Netz. Es erleich­tert aber außer­or­dent­lich die Bil­dung sozia­ler Netz­wer­ke. Die Gesamt­heit der Inter­net­nut­zer bil­det als sol­che eben­so wenig ein Netz­werk wie die Gesamt­heit der Toi­let­ten­nut­zer, die in ein gemein­sa­mes Abwas­ser­netz ent­lee­ren.

Sinn­voll ist die Befas­sung mit Netz­wer­ken nur, wenn und soweit dar­aus ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hi­ge Aus­sa­gen über die Struk­tur von Netz­wer­ken, ihr Wachs­tum und ggfs. ihren Zusam­men­bruch sowie über ihr kol­lek­ti­ves Ver­hal­ten abge­lei­tet wer­den kön­nen. Und das ist in der Tat mög­lich.

2)                          Zur Entwicklung der Netzwerkforschung

Das Netz­werk ist ein Aus­druck der All­tags­spra­che, der schon, bevor er zum Ter­mi­nus wur­de, auch in der Wis­sen­schaft genutzt wur­de.

Als Vor­läu­fer der exak­ten Netz­werk­ana­ly­se kann die Erfin­dung des Sozio­gramms durch More­no[1] gel­ten. Als Ter­mi­nus wur­de der Netz­werk­be­griff in den 1960er Jah­ren in der Sprach­wis­sen­schaft geläu­fig. Dort wur­de die Vor­stel­lung von Spra­che als einem seman­ti­schen Netz ent­wi­ckelt. In den 1970er Jah­ren tauch­te der Begriff häu­fi­ger in sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten auf, so in einem Buch von Jere­my Bois­se­vain, Fri­ends of Fri­ends: Net­works, Mani­pu­la­tors and Coali­ti­ons[2]. In den 1980er Jah­ren dien­te der Begriff des neur(on)alen Netz­werks zur Model­lie­rung von künst­li­cher Intel­li­genz.[3] 1990 ver­öf­fent­lich­te Wal­ter W. Powell sei­nen bahn­bre­chen­den Auf­satz »Neit­her Mar­ket nor Hier­ar­chy: Net­work Forms of Orga­ni­za­ti­on«, der bis heu­te die For­schungs­agen­da von Wirt­schafts- und Poli­tik­wis­sen­schaft berei­chert. Schließ­lich führ­te Manu­el Cas­tells 1996 den Begriff der Netz­werk­ge­sell­schaft ein.[4] Aber erst kurz vor der Jahr­tau­send­wen­de begann die har­te Netz­werk­for­schung abzu­he­ben, und nach fünf Jah­ren war sie auf ihrem Gip­fel ange­langt. Der Fort­schritt bestand dar­in, dass man begann, die Netz­werk­ana­ly­se auf gro­ße und kom­ple­xe Sys­te­me aller Art anzu­wen­den, indem man deren Ele­men­te als Kno­ten und die zwi­schen ihnen ablau­fen­den Aus­tausch­vor­gän­ge als Kan­ten model­lier­te.

Das Inter­es­se an der sozio­lo­gi­schen Netz­werk­for­schung wur­de durch Stan­ley Mil­gram und Mark S. Gra­no­vet­ter ange­facht. Von 1967 stammt Stan­ley Mil­grams ers­tes Brief­ex­pe­ri­ment, mit dem er das Small-World-Phä­no­men popu­lär mach­te[5].

Der Sozi­al­psy­cho­lo­ge Stan­ley Mil­gram ver­such­te 1967 mit einem Expe­ri­ment den sozia­len Abstand zwi­schen zwei belie­bi­gen Per­so­nen zu ermit­teln. Zu die­sem Zweck ver­teil­te er an zufäl­lig aus­ge­wähl­te Pro­ban­den in Oma­ha (Nebras­ka) und Wichi­ta (Kan­sas) Brie­fe, die an unbe­kann­te Drit­te in Bos­ton (Mas­sa­chu­setts) gerich­tet waren. Die Ver­suchs­per­so­nen soll­ten den Brief per­sön­lich an einen Bekann­ten wei­ter­ge­ben, der ihrer Ansicht nach der Ziel­per­son näher stand. Die­ser Mit­tels­mann soll­te eben­so ver­fah­ren, bis der Brief sein Ziel erreich­te. Nur 64 von 296 Brie­fen erreich­ten ihr Ziel, und zwar mit zwei bis zehn Zwi­schen­sta­tio­nen. Die durch­schnitt­li­che Pfad­län­ge betrug 5,2. Dar­auf bezieht sich der Slo­gan »six degrees of sepa­ra­ti­on«. So ent­stand die Vor­stel­lung einer klei­nen Welt (small world), in der grund­sätz­lich jeder Mensch auf die­ser Welt über sechs Ecken mit jedem ande­ren bekannt ist. Dabei han­delt es aber wohl eher um eine Wunsch­vor­stel­lung.[6] Auch wenn es zwi­schen den vie­len ver­schie­de­nen Net­zen Brü­cken geben mag, so sind die­se doch längst nicht von allen Kno­ten erreich­bar. Rea­lis­ti­scher ist des­halb das Bild einer Welt, die in vie­le Teil­net­ze sepa­riert ist.
Mil­gram ging davon aus, dass jeder Mensch selbst bis zu 150 Men­schen kennt, so dass sich die Zahl der indi­rek­ten Bekann­ten sehr schnell mul­ti­pli­ziert. Wenn ich 150 Bekann­te habe, die jeder wie­der­um 150 Men­schen ken­nen, folgt dar­aus aller­dings nicht, dass ich über 150 x 150 = 22.500 indi­rek­te Bekann­te ver­fü­ge, denn sehr wahr­schein­lich sind die meis­ten Bekann­ten mei­ner Bekann­ten auch mit mir und eben­so unter­ein­an­der bekannt. Das ist das Phä­no­men der Tran­si­ti­vi­tät in der Tria­de: Wenn zwei Per­so­nen A und B in einem sozia­len Netz­werk mit einer drit­ten Per­son C befreun­det sind, ist es wahr­schein­lich, dass frü­her oder spä­ter auch A und B Freun­de wer­den. Außer­dem bil­den die Bekann­ten einer Per­son kein ein­heit­li­ches Netz­werk. Aus Fami­lie, Nach­bar­schaft, gemein­sa­mer Schul­zeit oder beruf­li­che Kon­tak­ten usw. wach­sen ver­schie­de­ne, oft durch sozia­le Schran­ken sepa­rier­te Netz­wer­ke. Den­noch erwies sich Mil­grams The­se empi­risch als min­des­tens teil­wei­se zutref­fend. Ein­zel­ne fin­den dann doch die Brü­cke, die aus den sepa­rier­ten Teil­net­zen her­aus­führt.

Der ame­ri­ka­ni­sche Sozio­lo­ge Marc S. Gra­no­vet­ter zeig­te 1973 in sei­nem viel zitier­ten Auf­satz »The Strength of Weak Ties«[7] die Bedeu­tung von »schwa­chen« Bezie­hun­gen, die aus der enge­ren Grup­pe her­aus­füh­ren.

Gra­no­vet­ter  war auf­ge­fal­len, dass mehr als zwei Drit­tel der­je­ni­gen, die eine neue Arbeits­stel­le antre­ten, die­se Stel­le nicht über Stel­len­an­zei­gen oder die offi­zi­el­le Arbeits­ver­mitt­lung, son­dern auf infor­mel­lem Wege durch per­sön­li­che Kon­tak­te (Bezie­hun­gen) gefun­den hat­ten. Über Bezie­hun­gen wur­de auch eine bes­se­re beruf­li­che Plat­zie­rung und höhe­re Zufrie­den­heit erreicht.[8] Dabei hat­ten den Pro­ban­den in der Regel nicht enge Freun­de, son­dern ent­fern­te­re Bekann­te gehol­fen. Hilf­reich waren also nicht die star­ken, son­dern schwa­che sozia­le Bezie­hun­gen. In Deutsch­land oder in den Nie­der­lan­den beträgt der Anteil der infor­mel­len Job­ver­mitt­lung nur etwa ein Drit­tel. Aber die Regel von der Stär­ke schwa­cher Bezie­hun­gen gilt auch hier. Die­ser Effekt ist immer wie­der für Fol­ge­un­ter­su­chun­gen und Pres­se­mel­dun­gen gut.[9]
Der Grund für die­ses Phä­no­men liegt dar­in, dass in star­ken Bezie­hun­gen viel Aus­tausch statt­fin­det. Daher teilt man ohne­hin schon die meis­ten Infor­ma­tio­nen und Bekann­ten. Außer­dem ist die Zahl der star­ken Bezie­hun­gen ist begrenzt. Star­ke Bezie­hun­gen sind von hoher Kon­takt­häu­fig­keit und star­ker emo­tio­na­ler Bin­dung gekenn­zeich­net. Eine Per­son kann kaum mehr als zehn sol­cher Bezie­hun­gen unter­hal­ten. Dage­gen sind schwa­che Bezie­hun­gen rela­tiv häu­fi­ger. Ihre Stär­ke liegt daher auch in der Zahl. Sie resul­tiert dann vor allem dar­aus, dass sie das per­sön­li­che Netz­werk stark ver­grö­ßern und daher mehr Infor­ma­ti­ons­mög­lich­kei­ten bie­ten. Anders for­mu­liert: Bekann­te sind als Infor­ma­ti­ons­quel­le wich­ti­ger als Freun­de.
Schwa­che Bezie­hun­gen spie­len vor allem bei qua­li­fi­zier­ten Berufs­grup­pen eine Rol­le. Nur am Beginn einer Kar­rie­re und beim Aus­stieg aus Arbeits­lo­sig­keit, die sich haupt­säch­lich aus dem »unte­ren« sozia­len Bereich rekru­tiert, kön­nen star­ke Bezie­hun­gen gele­gent­lich hilf­rei­cher als schwa­che. Von der Stär­ke schwa­che Bezie­hun­gen pro­fi­tie­ren damit vor allem die Mit­tel­schich­ten, weil sie mehr Gele­gen­heit haben, Netz­wer­ke mit schwa­chen Bezie­hun­gen auf­zu­bau­en.
Die Stär­ke schwa­cher Bezie­hun­gen zeigt sich nicht nur bei der Arbeits­su­che, son­dern bei allen »Suchen«, etwa bei der Suche nach Geschäfts­part­nern, Sexu­al­part­nern oder nach spe­zi­fi­schen Infor­ma­tio­nen. »Suche« ist irre­füh­rend. Schwa­che Bezie­hun­gen­be­wäh­ren sich beson­ders, wenn man nicht aus­drück­lich sucht, aber doch einen laten­ten Bedarf hat. Vie­le der von Gra­no­vet­ter befrag­ten Job­wechs­ler hat­ten mit ihrer Hil­fe einen neu­en Arbeitws­platz gefun­den, obwohl sie gar kei­nen gesucht hat­ten.

Das Klei­ne-Welt-Phä­no­men und die Stär­ke schwa­cher Bezie­hun­gen hän­gen mit­ein­an­der zusam­men. Es sind nicht eigent­lich die weak ties, die die Stär­ke schwa­cher Bezie­hun­gen begrün­den, von der Gra­no­vet­ter gespro­chen hat­te, son­dern die Kno­ten, die sonst getrenn­te Clus­ter oder Netz­wer­ke ver­bin­den (Jan­sen/­Diaz-Bone und Hin­weis auf Roland S. Burt[10]). Wenn man sich die Welt als eine Ansamm­lung von vie­len selb­stän­di­gen Net­zen vor­stellt, wer­den die Kno­ten wich­tig, die eine Brü­cke bil­den. Sie gestat­ten den Sprung von Netz­werk zu Netz­werk, der anschei­nend weit ent­fern­te Kno­ten leicht erreich­bar macht. Sie schlie­ßen die von Burt so genann­ten struk­tu­rel­len Löcher. Sie kön­nen sich als Mak­ler betä­ti­gen und dar­aus Gewinn zie­hen.

3)                          Netzwerke als Graphen und Matrizen

Grund­la­ge der har­ten Netz­werk­for­schung ist die mathe­ma­ti­sche Gra­phen­theo­rie. Sie ver­steht unter einem Netz­werk die Reprä­sen­ta­ti­on belie­bi­ger Objek­te und ihrer Bezie­hun­gen durch Gra­phen. Für man­che Zwe­cke eig­net sich auch die Dar­stel­lung in Matri­zen.

Ein Graph ist ein Set von Kno­ten, die durch Kan­ten ver­bun­den sind. Die Kno­ten ste­hen für Objek­te wie Men­schen, Insti­tu­tio­nen, Begrif­fe oder Inter­net­adres­sen. Die Kan­ten reprä­sen­tie­ren die Bezie­hun­gen zwi­schen ihnen, Ver­wandt­schaft oder Bekannt­schaft, Infor­ma­ti­ons-oder Res­sour­cen­tausch, logi­sche oder seman­ti­sche Zusam­men­hän­ge. Eine Matrix ist eine Kreuz­ta­bel­le, die auf bei­den Ach­sen alle Kno­ten ver­zeich­net und in deren Zel­len ein­ge­tra­gen wird, ob zwi­schen je zwei Kno­ten eine Bezie­hung vor­liegt. Auf die­ser Grund­la­ge ist ein gan­zer Strauß von Begrif­fen und Metho­den zur Ana­ly­se der Struk­tur von Net­zen gewach­sen. Die wich­tigs­ten Begrif­fe sol­len hier jeden­falls genannt wer­den.

Die Ver­net­zung eines jeden Kno­tens hat meh­re­re mess­ba­re Dimen­sio­nen.

  • Ers­tens kann man die Anzahl sei­ner (direk­ten) Kon­tak­te mit ande­ren Kno­ten zäh­len (Grad des Kno­tens). Aus dem Ver­hält­nis der Grad­zahl zu den über­haupt mög­li­chen Ver­knüp­fun­gen ergibt sich die Zen­tra­li­tät des Kno­tens. Das Zen­tra­li­täts­maß kann dazu die­nen, die Bedeu­tung oder den Ein­fluss einer Per­son in einem Netz­werk zu quan­ti­fi­zie­ren.
  • Zwei­tens lässt sich die Rich­tung der Kan­ten bestim­men. Die Kan­ten eines Graphs kön­nen unge­rich­tet (sym­me­trisch) sein wie zum Bei­spiel die Distan­zen zwi­schen Punk­ten auf einer Land­kar­te. Oder sie sind gerich­tet, ent­we­der ein­sei­tig wie die Bezie­hung zwi­schen Kir­chen­glo­cken und der Gemein­de oder bidi­rek­tio­nal wie das Gespräch am Tele­fon.
  • Drit­tens kann man die Gewich­tung der Kan­ten = Qua­li­tät der Kon­tak­te unter­su­chen. Gewich­tet sind die Kan­ten, wenn ihnen unter­schied­li­che Wer­te zuge­wie­sen wer­den, die etwa die Stär­ke eines Ein­flus­ses, Ent­fer­nun­gen, Kos­ten oder Sym­pa­thie aus­drü­cken sol­len
  • Vier­tens lässt sich die Häu­fig­keit zäh­len, mit der die­se Kon­tak­te genutzt wer­den, sozu­sa­gen die Nut­zungs­fre­quenz.

Wenn alle Maß­zah­len die Ver­net­zung eines bestimm­ten Akteurs betref­fen, spricht man von per­sön­li­chen oder Ego­netz­wer­ken. Indi­vi­du­en sind Mit­glied vie­ler Grup­pen. Sie haben nicht nur Bezie­hun­gen zu ande­ren Indi­vi­du­en, son­dern auch ein Netz­werk von Mit­glied­schaf­ten (Sport­ver­ein, Kir­chen­ge­mein­de, Par­tei, Gewerk­schaft usw.) Die Daten, die die sozia­len Bezie­hun­gen einer bestimm­ten Per­son auf­lis­ten, erge­ben deren Sozio­gramm.

Maß­zah­len für ein Netz­werk als Gan­zes betref­fen des­sen Durch­mes­ser und Dich­te sowie die Clus­te­rung und den Grad der Zen­tra­li­sie­rung oder der Hier­ar­chi­sie­rung.

  • Die Pfad­län­ge zwi­schen den Kno­ten gibt die Zahl der Zwi­schen­schrit­te an, die not­wen­dig sind, um die Distanz zwi­schen zwei bestimm­ten Kno­ten zu über­win­den. Die kür­zes­te Din­stanz zwi­schen zwei Kno­ten wird geo­dä­tisch genannt.
  • In jedem Netz­werk gibt es eine maxi­ma­le und eine durch­schnitt­li­che Pfad­län­ge. Eine durch­schnitt­li­che Pfad­län­ge kann man auch für ein­zel­ne Kno­ten (clo­seness) berech­nen. Sie lässt sich als Maß für den Ein­fluss eines Kno­tens im Netz­werk inter­pre­tie­ren.
  • Der Durch­mes­ser eines Netz­werks ist die kür­zes­te Pfad­län­ge zwi­schen den am wei­tes­ten von­ein­an­der ent­fern­ten Kno­ten. In sozia­len Netz­wer­ken ist die­se Distanz rela­tiv kurz. Dar­aus ergibt sich das Klei­ne-Welt-Phä­no­men.
  • Die Dich­te oder Kon­nek­ti­vi­tät eines Net­zes hängt davon ab, wie vie­le der an sich mög­li­chen Ver­bin­dun­gen zwi­schen den ein­zel­nen Kno­ten bestehen. Ist jeder mit jedem Kno­ten ver­bun­den, ist das Netz also voll­stän­dig, so spricht man von einem All-Chan­nel-Netz­werk. Gibt es inner­halb grö­ße­rer Netz­wer­ke klei­ne­re all­sei­tig ver­bun­de­ne Grup­pen, wer­den sie Cli­quen genannt.
  • Füh­ren vie­le geo­dä­ti­sche Pfa­de durch einen Kno­ten, gewinnt die­ser eine hohe Zwi­schen­zen­tra­li­tät und wird zur Brü­cke, wenn er sonst getrenn­te Seg­men­te des Netz­werks ver­bin­det. Oder er wird zum Hub, wenn er für vie­le Kno­ten die ein­zi­ge oder jeden­falls die wich­tigs­te Ver­bin­dung zu ande­ren bil­det. Die Kno­ten, die für ihre Ver­bin­dun­gen auf den Hub ange­wie­sen sind, bil­den ein Clus­ter.

Cli­quen und Clus­ter sind häu­fi­ge Kon­nek­ti­vi­täts­mus­ter. Netz­wer­ke kön­nen aber auch ket­ten­för­mig, stern­för­mig oder pyra­mi­dal ange­legt sein. So las­sen sich auch Hier­ar­chi­en als Netz­wer­ke dar­stel­len. Dazu sind Zen­tra­li­täts­ma­ße ent­wi­ckelt wor­den, die den Ver­knüp­fungs­grad, Pfad­län­gen und das Gewicht von Bezie­hun­gen kom­bi­nie­ren, um die Zen­tra­li­sie­rung von Net­zen ver­gleich­bar zu machen.

Modu­la­re Struk­tur: Netz­wer­ke haben meis­tens eine modu­la­re Struk­tur, d. h. sie ver­fü­gen über meh­re­re rela­tiv selb­stän­di­ge Tei­le, die Subnetz(werk)e in einem grö­ße­ren Netz bil­den.

In der sozio­lo­gi­schen und eben­so in der rechts­theo­re­ti­schen Lite­ra­tur[11] wer­den dar­aus »Netz­wer­ke von Netz­wer­ken«. Vor­bild ist das »Net­work of Net­works«, das Noam als neue Orga­ni­sa­ti­ons­form der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on vor­stell­te, nach­dem die zen­tra­len Tele­fon­net­ze ihr Mono­pol ver­lo­ren hat­ten.[12] Die die Ver­net­zung besteht dort in tech­ni­schen Stan­dards für Schnitt­stel­len. Neid­hardt hat sozia­le Bewe­gun­gen als »Netz­wer­ke von Netz­wer­ken« cha­rak­te­ri­siert:
»Die Basis sozia­ler Bewe­gun­gen bil­den … nicht ein­zel­ne Per­so­nen, son­dern sozia­le Ein­hei­ten, Grup­pen, Initia­ti­ven, Kol­lek­ti­ve oder ähn­li­ches (eben Netz­wer­ke) mit unter­schied­lichs­ten Ver­dich­tungs­gra­den. Die­se sozia­len Grup­pen wer­den durch eine kom­ple­xe Struk­tur unmit­tel­ba­rer Inter­ak­tio­nen zu einer sozia­len Bewe­gung ver­netzt. Maß­geb­lich sind dabei unter ande­rem Freund­schaf­ten, Bekannt­schaf­ten und Mehr­fach­mit­glied­schaf­ten sowie Koor­di­na­ti­ons­zen­tra­len, Ver­samm­lun­gen, Arbeits­krei­se, Zeit­schrif­ten.«[13]

Eine schar­fe Unter­schei­dung zwi­schen selb­stän­di­gen Net­zen, Sub­net­zen und gele­gent­lich auch blo­ßen Clus­tern und Cli­quen lässt sich nur bei der modell­haf­ten Dar­stel­lung in Gra­phen tref­fen. Für tech­ni­sche Net­ze, z. B. für das Inter­net ist von einem Sub­netz die Rede, wenn die Kno­ten­men­ge eines Netz­seg­ments unter­ein­an­der so ver­bun­den ist, dass sie auch ein selb­stän­di­ges Netz bil­den kann, wenn die Ver­bin­dung zu ande­ren Netz­tei­len oder zu einem grö­ße­ren Netz­ver­bund aber so gestal­tet ist, dass die Abkopp­lung oder der Zusam­men­bruch des Sub­net­zes nicht zu einer Beein­träch­ti­gung oder gar zum Zusam­men­bruch ande­rer Netz­tei­le oder des gan­zen Net­zes führt. Bei rea­len sozia­len Netz­wer­ken ver­schwim­men die Gren­zen. In einem Gra­phen kennt man Kom­po­nen­ten. Eine Kom­po­nen­te besteht aus einem oder meh­re­ren Kno­ten, die unter­ein­an­der ver­bun­den sind, zu ande­ren in dem­sel­ben Gra­phen aber kei­ne Ver­bin­dung haben. Mit einem rea­len Netz­werk ver­bin­det sich jedoch die Vor­stel­lung, dass alle Kno­ten min­des­tes­tens indi­rekt mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Von einem sozia­len Netz­werk erwar­tet man in der Regel sogar eine gewis­se Min­dest­dich­te. Man betrach­tet daher Grup­pie­run­gen, die im Graph modell­haft als Teil­net­ze erschei­nen, als selb­stän­dig, auch wenn zwi­schen ihnen eine Brü­cke besteht, weil die­se Brü­cke für die Mas­se der Netz­kno­ten schwer zu fin­den ist. Des­halb ist die Rede von der Klei­nen Welt zwei­deu­tig. Bei Mil­gram bezog sie sich auf die gan­ze rea­le Welt. Man kann sich die­se Welt aller­dings kaum als ein ein­zi­ges sozia­les Netz vor­stel­len. Viel näher liegt der Gedan­ke an eine Ansamm­lung von vie­len selb­stän­di­gen Netz­wer­ken, die sich teil­wei­se über­schnei­den. Als selb­stän­dig erscheint ein Netz­werk, wenn die Kon­nek­ti­vi­tät zwi­schen sei­nen Kno­ten eine rela­ti­ve Stär­ke erreicht. Eine ein­zel­ne Brü­cke in eine ande­re Kno­ten­men­ge reicht dann nicht aus, um bei­de Men­gen als ein­heit­li­ches Netz­werk erschei­nen zu las­sen. Trotz­dem bleibt es bei der Klei­nen Welt. Über die Kno­ten und Kan­ten mit Brü­cken­funk­ti­on sind die sepa­ra­ten Net­ze so mit­ein­an­der ver­bun­den, dass der Weg von einem belie­bi­gen Punkt auf der Welt zu irgend­ei­nem ande­ren oft über etwa sechs Net­ze her­ge­stellt wer­den kann. Das Klei­ne-Welt-Phä­no­men gilt aber auch – und das ist prak­tisch wich­ti­ger – inner­halb der selb­stän­di­gen oder Teil­net­ze. Auch hier ist der längs­te Pfad zwi­schen zwei Kan­ten mit durch­schnitt­lich sechs bis sie­ben im Hin­blick auf die oft gro­ße Zahl der Kno­ten und ihre rela­tiv gerin­ge Ver­net­zung immer noch über­ra­schend kurz.

4)                          Dynamik in Netzwerken

Bei der Ver­mes­sung rea­ler Netz­wer­ke haben sich Regel­mä­ßig­kei­ten her­aus­ge­stellt, die bei der Erklä­rung der Dyna­mik von Netz­wer­ken hel­fen kön­nen. Eigent­lich han­delt es sich um regel­mä­ßig auf­tre­ten­de Unre­gel­mä­ßig­kei­ten, näm­lich um Abwei­chun­gen von einer gedach­ten Zufalls­ver­tei­lung.

Die Ver­bin­dung bestimm­ter Netz­werk­ei­gen­schaf­ten mit dyna­mi­schen Sys­tem­vor­gän­gen wie der Aus­brei­tung von Infor­ma­tio­nen, von Krank­hei­ten oder Netz­zu­sam­men­brü­chen gelang 1998 dem Sozio­lo­gen Dun­can J. Watts zusam­men mit dem Mathe­ma­ti­ker Ste­ven H. Stro­gatz. Eigent­lich woll­ten sie erklä­ren, wie sich Epi­de­mi­en aus­brei­ten. Sie lie­ßen sich von dem Slo­gan »six degrees of sepa­ra­ti­on« inspi­rie­ren, der das so genann­te Small-World-Phä­no­men kenn­zeich­net.

Watts und Stro­gatz ver­gli­chen zunächst in Modell­rech­nun­gen Zufalls­netz­wer­ke mit sol­chen mit star­kem Clus­te­ring. Dabei fan­den sie, dass sich bei­spiels­wei­se eine Infek­ti­on in einem Zufalls­netz­werk schnell in alle Rich­tun­gen aus­brei­tet und alle Kno­ten erreicht. Dage­gen zeig­te sich, dass Krank­hei­ten in geclus­ter­ten Netz­wer­ken mit kur­zen Pfad­län­gen sich kaum über das Clus­ter hin­aus ver­brei­ten. Das war eigent­lich nicht anders zu erwar­ten. Aber neu war die Erkennt­nis, dass es aus­reicht, wenn nur weni­ge Kno­ten aus dem Clus­ter her­aus mit dem wei­ter aus­grei­fen­den Netz­werk ver­bun­den sind, um eine Krank­heit bei­na­he genau­so schnell zu ver­brei­ten wie in einem Zufalls­netz­werk. Damit hat­ten sie zunächst das Klei­ne-Welt-Phä­no­men bestä­tigt. Watts und Stro­gatz zeig­ten wei­ter, dass Small-World-Net­works in ganz unter­schied­li­chen Lebens­be­rei­chen vor­kom­men. Ihre Bei­spie­le waren ein Netz­werk von Film­schau­spie­lern, das Elek­tri­zi­täts­netz im Wes­ten der USA und und das Ner­ven­ge­flecht des Wurms worm Cae­nor­hab­di­tis ele­gans. Auf die­ser Basis ent­wi­ckel­ten sie die heu­te als gesi­chert gel­ten­de The­se, dass die Klei­ne-Welt-Archi­tek­tur in Natur, Tech­nik und Gesell­schaft weit ver­brei­tet ist, und dass die­se Netz­werk­struk­tur dra­ma­ti­sche Effek­te bei der Aus­brei­tung von Ereig­nis­sen haben kann. Wenn wirk­lich jeder Deut­sche im Schnitt über nur sechs Ecken mit einer von der Vogel­grip­pe in Süd­ost­asi­en erkankten Per­son bekannt war, dann war die schnel­le Reak­ti­on der Behör­den voll gerecht­fer­tigt.

Watts und Stro­gatz woll­ten aber auch erklä­ren, wie ein Schwarm von Baum­heu­schre­cken es schafft, dass alle gleich­zei­tig zir­pen. Sie konn­ten zei­gen, dass auch das Phä­no­men der Syn­chro­ni­sa­ti­on sich netz­werk­ana­ly­tisch beschrei­ben lässt. Wenn Netz­werk-Kno­ten über eine eige­ne Dyna­mik ver­fü­gen, wie Zel­len, Insek­ten oder Men­schen, dann kann eine star­ke Ver­net­zung zu glei­chen Kno­ten­zu­stän­den und Ver­hal­tens­mus­tern füh­ren. Wenn sich zunächst nur klei­ne Ein­hei­ten syn­chro­ni­sie­ren, kann bei stär­ke­rer Ver­kopp­lung zu einem Pha­sen­über­gang kom­men, so dass sich nun­mehr alle Kno­ten im Netz ein­heit­lich ver­hal­ten. Das Ergeb­nis eines Pha­sen­über­gangs wird oft als Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on ange­spro­chen; dazu näher § 71 unten.

5)                          Skalenfreie Netzwerke und das Potenzgesetz

Mathe­ma­tisch lässt sich ein Zufalls­netz­werk kon­stru­ie­ren, in dem alle Kno­ten mit gleich vie­len ande­ren in glei­cher Distanz ver­bun­den sind und in dem die­se Ver­bin­dun­gen gleich­mä­ßig oft für Kon­tak­te genutzt wer­den.[14] Von rea­len Netz­wer­ken könn­te man eine Nor­mal­ver­tei­lung nach Art der Gaußschen Glo­cken­kur­ve erwar­ten. Tat­säch­lich bil­den sich in rea­len Net­zen typisch so genann­te Hubs, die eine über­durch­schnitt­li­che Zahl von Kon­tak­ten auf sich zie­hen. Um sol­che pro­mi­nen­te Kno­ten ent­ste­hen Grup­pen von Kno­ten, die beson­ders aktiv und unter­ein­an­der dich­ter ver­bun­den sind als mit dem Rest des Netz­werks (Clus­ter, Cli­quen, Com­mu­nities). Aber damit nicht genug.

Als Bar­a­bá­si und Albert 1998 began­nen, das Inter­net als Netz­werk zu ana­ly­sie­ren, ver­mu­te­ten sie, dass jeder Nut­zer bei der Ver­lin­kung sei­ner Sei­te sei­nen indi­vi­du­el­len Inter­es­sen fol­gen und sich dar­aus gleich­mä­ßi­ge Ver­tei­lung der Links über die rie­si­ge Anzahl ver­füg­ba­rer Kno­ten erge­ben wür­de.[15] Im Inter­net stie­ßen Bar­a­bá­si und Albert jedoch auf ein ande­res Ver­tei­lungs­mus­ter. Über 80 % der Web­sei­ten waren höchs­tens vier Mal ver­linkt. Eine win­zi­ge Min­der­heit dage­gen, näm­lich weni­ger als 0,01 % aller Kno­ten, hat­ten mehr als 1000 Links auf sich gezo­gen. Spä­ter wur­den sogar Web­sei­ten mit mehr als 2 Mil­lio­nen Links gefun­den. Die Aus­wer­tung der Zah­len zeig­te, dass die Ver­tei­lung der Links einem Potenz­ge­setz (power law) folgt. Sie unter­schei­det sich von der Nor­mal­ver­tei­lung dadurch, dass die Mas­se der Wer­te sich nicht in der Nähe des Durch­schnitts hält, son­dern dass Extrem­wer­te auf­tre­ten, die Mas­se der Wer­te aber weit unter dem Durch­schnitt liegt. Im Inter­net gibt es wenig Durch­schnitts­kno­ten. Die Zahl der ein­ge­hen­den Links fällt extrem stark ab. Weni­ge Hubs zie­hen die Mas­se der Ver­bin­dun­gen auf sich und die andern bil­den den so genann­ten long tail.

Ähn­li­che Ver­tei­lungs­mus­ter fan­den Bar­a­bá­si und Albert bei ande­ren rea­len Netz­wer­ken, etwa für die Zusam­men­ar­beit unter Hol­ly­wood-Schau­spie­lern oder bei Zita­ti­ons­netz­wer­ken von Wis­sen­schaft­lern. Net­ze mit die­ser Eigen­schaft wer­den sca­le-free (ska­len­frei oder ska­len­in­va­ri­ant) genannt, weil ihr Wachs­tum unab­hän­gig von einem inne­ren Maß­stab ist.

Dazu kann man sich vor­stel­len, dass man­che Sys­te­me nicht mehr funk­tio­nie­ren, wenn sie zu groß wer­den. Men­schen wie­gen sel­ten mehr als 150 kg. Steigt das Gewicht wei­ter, wer­den sie bewe­gungs­un­fä­hig und schließ­lich ver­sa­gen die Kör­per­funk­tio­nen. Sta­tis­tisch gese­hen gilt für das Kör­per­ge­wicht von Erwach­se­nen eine Art Nor­mal­ver­tei­lung. Ana­log liegt es mit Bäu­men oder Hoch­häu­sern. Bäu­me wach­sen nicht in den Him­mel, und Häu­ser kann man nicht belie­big hoch bau­en. Irgend­wann wür­den sie unter ihrem Eigen­ge­wicht zusam­men­bre­chen. Dage­gen scheint dem Wachs­tum von Städ­ten oder Staa­ten – und auch des Inter­net – kei­ne natür­li­che Gren­ze gesetzt zu sein. Sie sind grö­ßen­ord­nungs­un­ab­hän­gig = ska­len­frei.

Die Fra­ge ist natür­lich, war­um sich in rea­len Net­zen die Mas­se der Ver­bin­dun­gen auf weni­ge Super­kno­ten kon­zen­triert. Dafür gibt es zwei Erklä­run­gen, deren zwei­te das Gewicht der ers­ten ver­stärkt. Die Modell­vor­stel­lung von Zufalls­netz­wer­ken geht davon aus, dass das Netz fer­tig ist. Rea­le Net­ze wach­sen meis­tens aus sehr klei­nen Anfän­gen. Wenn das Netz­werk sich erwei­tert, wer­den als Part­ner häu­fi­ger sol­che Kno­ten gewählt, die bereits über eine grö­ße­re Anzahl von Kon­tak­ten ver­fü­gen. Das hat zur Fol­ge, dass die älte­ren Kno­ten grö­ße­re Chan­cen haben, Ver­bin­dun­gen von neu­en Teil­neh­mern auf sich zu zie­hen. Die zwei­te Erklä­rung ergibt sich dar­aus, dass die Netz­kno­ten unter­schied­li­che »Tausch­wer­te« besit­zen. Die Bezie­hung zu einem pro­mi­nen­ten Kno­ten ver­spricht grö­ße­ren Gewinn als die Anknüp­fung bei einem Nobo­dy und wird des­halb vor­ge­zo­gen (pre­fe­ren­ti­al attach­ment). Die Pro­mi­nenz eines Kno­tens steigt nicht zuletzt mit der Zahl sei­ner Ver­bin­dun­gen. Es zeigt sich eine Eigen­dy­na­mik (oder Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on), durch die die Gro­ßen noch grö­ßer wer­den. Das ist das Prin­zip der Vor­teils­ak­ku­mu­la­ti­on (accu­mu­la­ted advan­ta­ge), auch als Mat­thä­us-Prin­zip[16] bekannt.

Vie­le, aber nicht alle rea­len Net­ze sind in die­sem Sin­ne ska­len­frei. Künst­lich auf­ge­bau­te Net­ze (Auto­bahn­net­ze, Eisen­bahn­net­ze oder Elek­tri­zi­täts­net­ze) zei­gen meis­tens eine Nor­mal­ver­tei­lung. Für sozia­le Netz­wer­ke gibt es anschei­nend kei­ne all­ge­mei­ne Regel. Was für das Inter­net gilt, wenn man es denn als sozia­les Netz­werk ansieht, gilt kaum für Klein­grup­pen.

Mit einer zusam­men­fas­sen­den Arbeit von Réka Albert und Albert-László Bar­a­bá­si von 2002[17] war die Ent­wick­lung der har­ten Netz­werk­for­schung zunächst abge­schlos­sen. Schnell folg­ten eini­ge Bücher, wel­che die Ergeb­nis­se popu­la­ri­sier­ten.[18] Auf der Grund­la­ge der soweit kon­so­li­dier­ten Netz­werk­theo­rie star­te­ten Chris­ta­kis und Fow­ler 2002 eine groß ange­leg­te empi­ri­sche Unter­su­chung anhand der Daten der Framing­ham-Stu­die, die sie 2009 in einem Buch doku­men­tier­ten, das dem Inter­es­se an Netz­wer­ken noch ein­mal neu­en Schub gab.[19] Ein wich­ti­ges Ergeb­nis: Der per­sön­li­che Ein­fluss reicht nur über drei Gra­de der Bekannt­schaft. Die Unter­su­chung bie­tet damit eine gewis­se Bestä­ti­gung für die so genann­te Dun­bar-Zahl, die besagt, dass die Evo­lu­ti­on den Men­schen so aus­ge­stat­tet hat, dass er nur zu etwa 150 ande­ren per­sön­li­che Bezie­hun­gen unter­hal­ten kann.[20]

Vor dem Hin­ter­grund der neu­en Netz­werk­for­schung ent­deck­te man auch die Bedeu­tung der Arbei­ten von Oli­ver Wil­liam­son und vor allem von Eli­nor Ostrom, die eigent­lich schon aus den 1980er und den 1990er Jah­ren stam­men. Der Nobel­preis für Wil­liam­son und Ostrom und die Ver­öf­fent­li­chung des Buches von Chris­ta­kis und Fow­ler lös­te 2009 noch ein­mal eine Popu­la­ri­sie­rungs­wel­le aus.

II.  Von der Beziehungssoziologie zur Netzwerkanalyse

Lite­ra­tur: Manu­el Cas­tells, Das Infor­ma­ti­ons­zeit­al­ter. Teil I: Der Auf­stieg der Netz­werk­ge­sell­schaft, Wirt­schaft, Gesell­schaft, Kul­tur, 2001 [The Rise of the Net­work Socie­ty, 1996, 2. Aufl. 2011]; Mark S. Gra­no­vet­ter, Eco­no­mic Action and Soci­al Struc­tu­re. The Pro­blem of Embed­ded­ness, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy 91, 1985, 481–510; Boris Holzer/Johannes F. K. Schmidt, Theo­rie der Netz­wer­ke oder Netz­werk-Theo­rie?, Sozia­le Sys­te­me 15, 2009, 227–2; Doro­thea Jansen/Rainer Diaz-Bone, Netz­wer­ke als sozia­les Kapi­tal. Kon­zep­te und Metho­den zur Ana­ly­se struk­tu­rel­ler Ein­bet­tung, in: Johan­nes Wey­er (Hg.), Sozia­le Netz­wer­ke, Kon­zep­te und Metho­den der sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Netz­werk­for­schung, 2. Aufl. 2011, 74–108; Rena­te Mayntz, Poli­cy-Netz­wer­ke und die Logik von Ver­hand­lungs­sys­te­men, in: Adri­en­ne Heri­tier (Hg.), Poli­cy-Ana­ly­se. Kri­tik und Neu­ori­en­tie­rung, Poli­ti­sche Vier­tel­jah­res­schrift 34 Son­der­heft 24, 1993, 39–56; Eli­nor Ostrom, A Gene­ral Frame­work for Ana­ly­zing Sustai­na­bi­li­ty of Soci­al-Eco­lo­gi­cal Sys­tems, Sci­ence 2009, 325, 419–422; Wal­ter W. Powell, Neit­her Mar­ket nor Hier­ar­chy: Net­work Forms of Orga­ni­za­ti­on, Rese­arch in Orga­ni­za­tio­nal Beha­vi­or 12, 1990, 295–336 (Wal­ter Powell, Weder Markt noch Hier­ar­chie: Netz­werk­ar­ti­ge Orga­ni­sa­ti­ons­for­men, in: Patrick Kenis/Volker Schnei­der (Hg.), Orga­ni­sa­ti­on und Netz­werk, 1996, 213–271); Vol­ker von Prit­t­witz, Die dunk­le Sei­te der Netz­wer­ke. Stra­te­gi­en gegen Ver­mach­tung und Kor­rup­ti­on: Grund­la­gen kri­ti­scher Netz­werk­theo­rie, 2001; Andre­as Wald/Dorothea Jan­sen, Netz­wer­ke, in: Arthur Benz u. a. (Hg.): Hand­buch Gover­nan­ce, 2007, 93–105; Vero­ni­ka Tacke, Sys­te­me und Netz­wer­ke – oder: Was man an sozia­len Netz­wer­ken zu sehen bekommt, wenn man sie sys­tem­theo­re­tisch beschreibt, Netz­wer­ke, Sys­tem­theo­rie und Sozia­le Arbeit. Jour­nal der dgs­sa 2, 2011, 6–24; Gun­ther Teub­ner, Die viel­köp­fi­ge Hydra: Netz­wer­ke als kol­lek­ti­ve Akteu­re höhe­rer Ord­nung, in: Wolf­gang Krohn/Günter Küp­pers (Hg.), Emer­genz, 1992, 535–561; Oli­ver E. Wil­liam­son, Mar­kets and Hier­ar­chies, Ana­ly­sis and Anti­trust Impli­ca­ti­ons: A Stu­dy in the Eco­no­mics of Inter­nal Orga­ni­za­ti­on, New York 1975.

1)                          Methodisches Konzept oder Sozialstruktur

Jede Rela­ti­on zwi­schen zwei und mehr Objek­ten lässt sich mit dem Netz­werk­vo­ka­bu­lar von Kno­ten und Kan­ten beschrei­ben. Die Netz­werk­ana­ly­se ist daher in ers­ter Linie ein metho­di­scher Ansatz, mit dem sich sozia­le Bezie­hun­gen aller Art unter­su­chen las­sen. Sie dient der Ope­ra­tio­na­li­sie­rung belie­bi­ger sozia­ler Bezie­hun­gen zum Zwe­cke der Mess­bar­ma­chung und hat kei­nen selb­stän­di­gen Erklä­rungs­wert.

Leo­pold von Wie­se schweb­te eine Bezie­hungs­so­zio­lo­gie vor, die die Gesell­schaft als die Men­ge der Rela­tio­nen zwi­schen ihren Akteu­ren betrach­ten soll­te. Dafür hät­te die Netz­werk­ana­ly­se eine uni­ver­sel­le Metho­de gebo­ten. Doch sei­ne Bezie­hungs­leh­re hat sich nicht durch­ge­setzt, weil die Bezie­hun­gen zwi­schen sozia­len Akteu­ren weit­ge­hend in Struk­tu­ren ver­fes­tigt sind. Die Bezie­hungs­leh­re müss­te die­se Struk­tu­ren stän­dig neu aus einer Bezie­hungs­ana­ly­se rekon­stru­ie­ren. Das wäre, als wenn man eine Stra­ße jedes Mal neu bau­te, bevor man sie befährt. So ganz haben die Sozio­lo­gen das Ver­ständ­nis von Netz­wer­ken als all­ge­mei­ne Bezie­hungs­leh­re aber noch nicht auf­ge­ge­ben; vgl. Hol­zer/Schmidt.

Die Gesell­schaft als Gan­zes ist kein Netz­werk. Genau­er: man kann sie viel­leicht als Netz­werk begrei­fen. Aber eine Total­ana­ly­se wür­de alle For­schungs­ka­pa­zi­tä­ten hoff­nungs­los über­for­dern. Es ist auch kein Netz­werk erkenn­bar, das als Super­struk­tur für alle ande­ren For­ma­tio­nen der Gesell­schaft in Betracht käme. Der Ver­such des spa­ni­schen Sozio­lo­gen Manu­el Cas­tells, die Gesell­schaft als pri­mär in Netz­wer­ken orga­ni­siert zu beschrei­ben, hat sich aus gutem Grund nicht durch­ge­setzt. Die ver­brei­te­te Rede von der Netz­werk­ge­sell­schaft erweckt den Ein­druck einer sozio­lo­gi­schen Theo­rie. Als sol­che ist sie jedoch nicht aus­ge­ar­bei­tet, und ange­sichts des Theo­rie­an­ge­bots der Sozio­lo­gie besteht dafür kein Bedarf.

Heu­te geht es eigent­lich nur noch um die umge­kehr­te Fra­ge, ob »das Netz­werk« eine Sozi­al­struk­tur sui gene­ris ist. Aber auch die­se Fra­ge ist im Grun­de genom­men müßig. Es sind schon so vie­le Netz­wer­ke benannt und beschrie­ben wor­den, dass man sagen kann: Es gibt Netz­wer­ke. Des­halb kommt es dar­auf an, die Beson­der­heit von sozia­len Netz­wer­ken im Ver­gleich zu ande­ren sozia­len Struk­tu­ren her­aus­zu­stel­len.

Die Funk­ti­on sozia­ler Netz­wer­ke für die Koor­di­na­ti­on von unver­bun­de­nen Hand­lun­gen zeigt sich, wenn man Netz­wer­ke und Orga­ni­sa­tio­nen mit alter­na­ti­ven For­men der Hand­lungs­ko­or­di­na­ti­on ver­gleicht. Die­se Betrach­tungs­wei­se geht auf die Trans­ak­ti­ons­kos­ten­theo­rie zurück, wie sie durch Coa­se begrün­det und durch Wil­liam­son aus­ge­baut wur­de (§ 29 I 6). Usprüng­lich ging es dabei nur um den Ver­gleich zwi­schen Markt und Fir­ma. Die Theo­rie der Fir­ma fragt, ob es güns­ti­ger ist, eine Leis­tung am Markt zu erwer­ben oder sie inner­halb einer Unter­neh­mens­hier­ar­chie zu erstel­len. Der Markt koor­di­niert Wis­sen, Fähig­kei­ten und Res­sour­cen über den Preis. Aber Prei­se, die duch Ange­bot und Nach­fra­ge gebil­det wer­den, sind nicht immer ver­füg­bar. Und man­ches, was man ein­kau­fen könn­te, lässt sich nur schwer kon­trol­lie­ren. Das gilt beson­ders für Infor­ma­tio­nen und höhe­re Diens­te. Inner­halb einer Fir­ma erfolgt die Koor­di­na­ti­on durch Wei­sung. Aber an der Spit­ze der Fir­men­hier­ar­chie feh­len oft die Kennt­nis­se, die not­wen­dig wären, um eine opti­ma­le Wei­sung zu geben. 1990 stell­te Powell Netz­wer­ke als spe­zi­fi­schen Typus der Koor­di­na­ti­on öko­no­mi­scher Pro­zes­se her­aus, der die Defi­zi­te von Markt und Hier­ar­chie bis zu einem gewis­sen Gra­de ver­mei­den kön­ne. Er cha­rak­te­ri­sier­te Netz­wer­ke dazu als auf Dau­er gestell­te, eher infor­ma­le Ver­hand­lungs- und Tausch­ver­hält­nis­se. In Öko­no­mie und Sozio­lo­gie hat sich seit­her ein gewis­ser Kon­sens her­aus­ge­bil­det, dass es sinn­voll ist, Markt und Hier­ar­chie (in der Gestalt der Fir­ma) nicht als die Enden eines Kon­ti­nu­ums zur Koor­di­na­ti­on von inter­de­pen­den­ten Hand­lun­gen anzu­se­hen, son­dern Netz­wer­ke als drit­ten Typus der Hand­lungs­ko­or­di­na­ti­on – und damit als Sozi­al­struk­tur eige­ner Art – zu begrei­fen.

Der von der Trans­ak­ti­ons­kos­ten­theo­rie ange­lei­te­te Ver­gleich von Netz­wer­ken mit dem Markt einer­seits und der »Hier­ar­chie« ande­rer­seits ist für die Rechts­so­zio­lo­gie zu schmal, denn er kon­zen­triert sich auf Markt und Fir­ma, also auf öko­no­mi­sche Insti­tu­tio­nen. Die Rechts­so­zio­lo­gie muss die sozia­len Struk­tu­ren der öffent­li­chen Sphä­re außer­halb der Öko­no­mie ein­be­zie­hen. Der Netz­werk­be­griff ist inso­weit unspe­zi­fisch. Er passt auf wirt­schaft­lich rele­van­te Bezie­hungs­ge­flech­te eben­so wie auf sol­che im öffent­li­chen Bereich. Das hier­ar­chi­sche Gegen­stück zur »Fir­ma« bil­den in der öffent­li­chen Sphä­re alle büro­kra­tisch struk­tu­rier­ten öffent­lich-recht­li­chen Ein­rich­tun­gen, von der klei­nen Fach­be­hör­de bis zum gro­ßen Staat. Der Ein­fach­heit hal­ber kann man inso­weit von Behör­den spre­chen.

Für die hier­ar­chi­sche Spit­ze einer Behör­de, ins­be­son­de­re natür­lich für die Spit­ze des Staa­tes, stel­len sich ähn­li­che Pro­ble­me ein wie für eine Unter­neh­mens­lei­tung. Es feh­len Infor­ma­tio­nen, die man bräuch­te, um die rich­ti­ge Wei­sung zu geben. Die staat­li­che Spit­ze ist weni­ger hier­ar­chisch als eine Unter­neh­mens­lei­tung. Vie­le wol­len und sol­len mit­re­den, bis eine Wei­sung ergeht. Ein Unter­schied zwi­schen Unter­neh­men und Behör­den besteht des­halb dar­in, dass Unter­neh­men die Reak­ti­on der Abneh­mer des End­pro­dukts intern anti­zi­pie­ren müs­sen, wäh­rend in der öffent­li­chen Sphä­re auch die Abneh­mer akti­ver an der Her­stel­lung der Wei­sun­gen betei­ligt sind, die den Ent­schei­dun­gen vor­aus­ge­hen. Den­noch besteht, wenn es um hier­ar­chi­sche Steue­rung geht, zwi­schen Wirt­schafts­un­ter­neh­men und Behör­den so viel Ähn­lich­keit, dass bei­de unter der Sam­mel­be­zeich­nung Orga­ni­sa­ti­on dem Netz­werk gegen­über­ge­stellt wer­den kön­nen. Die Erwei­te­rung des Typen­ver­gleichs auf Behör­den wird in der so genann­ten Gover­nan­ce-Dis­kus­si­on geleis­tet, die sich mit der Koor­di­na­ti­on von inter­de­pen­den­ten Hand­lun­gen auch jen­seits öko­no­mi­scher Trans­ak­tio­nen befasst (Wald/Jansen).

Es fehlt im öffent­li­chen Bereich an einer Ent­spre­chung zum Preis­me­cha­nis­mus des Mark­tes. Einen gewis­sen Ersatz bie­tet die kol­lek­ti­ve Wil­lens­bil­dung durch Abstim­mun­gen. Des­halb ist es ange­zeigt, die Demo­kra­tie als vier­ten Typus der Hand­lungs­ko­or­di­na­ti­on zu berück­sich­ti­gen. Wenn man das Netz­werk als Struk­tur­be­griff ver­steht, dann bil­det es also einen Kon­trast nicht nur zu Markt und und Hier­ar­chie, son­dern auch zur Demo­kra­tie.

2)                          Netzwerke zwischen Markt, Hierarchie und Demokratie

a)                                Soziale Netzwerke und ihre Basis

Die Beson­der­heit von sozia­len Netz­wer­ken wird deut­lich, wenn man zwi­schen den Netz­wer­ken als sol­chen und ihrer Ein­bet­tung in ande­re sozia­le Struk­tu­ren oder Orga­ni­sa­tio­nen unter­schei­det. Netz­wer­ke brau­chen eine Basis oder Platt­form. Zwar gibt es für Netz­wer­ke, anders als für Orga­ni­sa­tio­nen, kei­ne förm­li­chen Zugangs­re­ge­lun­gen für die Mit­glied­schaft. Aber nicht jeder kann belie­bi­ge Bezie­hun­gen auf­neh­men, sei es, um sich einem bestehen­den Netz­werk anzu­schlie­ßen, sei es, um ein neu­es auf­zu­bau­en. Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kön­nen sich ohne wei­te­res an Rich­ter­kol­le­gen der Ver­fas­sungs­ge­rich­te ande­rer Staa­ten wen­den, um sich mit ihnen über ihre Pra­xis aus­zu­tau­schen. Wenn dage­gen ein Jura­stu­dent an einen Rich­ter des US Supre­me Court mail­te, etwa um nach Pro­ble­men im Ver­hält­nis von Ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit und Poli­tik zu fra­gen, blie­be er ohne Ant­wort. Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chan­cen erge­ben sich erst aus einer vor­ge­fun­de­nen Sozi­al­struk­tur, ins­be­son­de­re aus der Zuge­hö­rig­keit zu Grup­pen oder Orga­ni­sa­tio­nen und den damit ver­bun­de­nen Rol­len­er­war­tun­gen. Inso­fern sind sozia­le Netz­wer­ke sekun­dä­re Struk­tur­bil­dun­gen (Tacke, S. 13).

Man ist leicht geneigt, inso­fern von struk­tu­rel­ler Ein­bet­tung zu spre­chen. Das kann zu einem Miss­ver­ständ­nis füh­ren, denn der Begriff der Ein­bet­tung (embed­ded­ness) ist durch Gra­no­vet­ter gera­de auch im Zusam­men­hang mit der Netz­werk­ana­ly­se in etwas ande­rer Bedeu­tung geläu­fig gewor­den. Gra­no­vet­ter mein­te nicht die Ein­bet­tung von Netz­wer­ken in ande­re sozia­le Bezie­hun­gen, son­dern die sozia­le Ein­bet­tung von Markt­teil­neh­mern. Sein Ziel war letzt­lich eine Kri­tik der schar­fen Gegen­über­stel­lung von Markt und (Firmen-)Hierarchie bei Wil­liam­son. Gra­no­vet­ter setz­te ein mit der abs­trak­ten Fra­ge, ob und wie öko­no­mi­sche Trans­ak­tio­nen sich ver­än­dern, je nach dem ob die Akteu­re, sei es am Markt, sei es in einer Fir­ma, in beson­de­re sozia­le Bezie­hun­gen ein­ge­bet­tet sind. Dazu kon­tras­tier­te er zwei grund­sätz­li­che Posi­tio­nen. Die eine ist unter­so­zio­lo­gi­siert (under­so­cia­li­sed). Sie wird ins­be­son­de­re für Markt­teil­neh­mer ver­tre­ten, die im Extrem­fall nach dem Modell des homo oeco­no­mi­c­us als völ­lig bezie­hungs­los gedacht wer­den. Die Gegen­po­si­ti­on ist über­so­zio­lo­gi­siert (over­so­cia­li­sed). Sie geht davon aus, dass Men­schen grund­sätz­lich nicht uti­li­ta­ris­tisch han­deln, son­dern den Erwar­tun­gen fol­gen, die sich aus ihren sozia­len Bezie­hun­gen erge­ben. Man könn­te vom Modell des homo socio­lo­gi­cus spre­chen, des sozia­len Depps, der tut, was sei­ne Rol­le von ihm ver­langt. Die Wahr­heit liegt natür­lich, wie so oft, in der Mit­te. Gegen Wil­liam­son gerich­tet mein­te Gra­no­vet­ter aber, der Markt wer­de von die­sem viel zu bezie­hungs­los gedacht.
Nicht zuletzt unter Beru­fung auf die in der Rechts­so­zio­lo­gie geläu­fi­gen Unter­su­chun­gen von Macau­lay stell­te er dar, wie auch Markt­teil­neh­mer viel­fäl­tig in sozia­len Bezie­hun­gen mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Vie­le die­ser Bezie­hun­gen las­sen sich ohne wei­te­res als Netz­wer­ke ein­ord­nen. Das alles läuft dar­auf hin­aus, die Gegen­über­stel­lung von Markt, Hier­ar­chie und nun­mehr auch Netz­werk zu rela­ti­vie­ren, weil grund­sätz­lich alle Trans­ak­tio­nen, ganz gleich ob am Markt oder in der Fir­ma, mehr oder weni­ger in Netz­wer­ke oder inter­per­so­na­le Bezie­hun­gen ein­ge­bun­den sind.

Der sozia­le Hin­ter­grund wirkt als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­form, die es ermög­licht, sich anzu­bie­ten und ande­re anzu­spre­chen. Ein sozia­ler Akteur kann zum Netz­werk­kno­ten wer­den, indem er eine bereit­ste­hen­de Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chan­ce ergreift. Damit kann er sich einem bestehen­den Netz­werk anschlie­ßen oder den Anfang für ein neu­es Netz legen. Prin­zi­pi­ell kann jede sozia­le For­ma­ti­on, die Kom­mu­ni­ka­tio­nen ermög­licht, zur Basis eines Netz­werks wer­den. Enge Platt­for­men die­ser Art waren und sind Fami­lie und Nach­bar­schaft. Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chan­cen erge­ben sich aus der glei­chen Lebens­la­ge von Min­der­hei­ten, sei­en sie Eli­ten oder Dis­kri­mi­nier­te. Vie­le Zusam­men­schlüs­se haben von vorn­her­ein den Haupt- oder Neben­zweck, Netz­werk­platt­form zu sein. Das gilt für vie­le Ver­ei­ne, Indus­trie-, Lions- und Rota­ry-Clubs oder stu­den­ti­sche Ver­bin­dun­gen.

Zur Netz­werk­platt­form schlecht­hin ist das Inter­net gewor­den. Wer über die Kom­pe­tenz ver­fügt, mit dem Inter­net umzu­ge­hen, darf Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­ge­bo­te machen und sich als »Kno­ten« prä­sen­tie­ren, wie es Blog­ger tun. Im Inter­net haben sich spe­zi­el­le­re Platt­for­men ent­wi­ckelt, die sich zur Netz­werk­bil­dung emp­feh­len, ins­be­son­de­re natür­lich die »sozia­len Netz­wer­ke« wie Face­book und Twit­ter. Aber Face­book und Twit­ter sind als sol­che kei­ne sozia­len Netz­wer­ke, son­dern bloß Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­for­men, die zum Netz­wer­ken ein­la­den, weil sie qua Mit­glied­schaft Rol­len schaf­fen, aus denen her­aus man die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit unbe­stimm­ten und unbe­kann­ten Ande­ren auf­neh­men kann.

Netz­wer­ken heißt, Tausch­fä­hig­keit und Tausch­be­reit­schaft zu kom­mu­ni­zie­ren. Was am Ende dabei her­aus­kommt, ist »ein Tausch­mo­dus, der mit einer eige­nen Logik aus­ge­stat­tet ist« (Powell 1996, 217 f., 220). Bei der Tau­sch­ope­ra­ti­on im Netz­werk kön­nen Leis­tung und Gegen­leis­tung ex ante unbe­stimmt blei­ben; sie sind nicht unmit­tel­bar und direkt mit­ein­an­der ver­knüpft. Geld spielt als Tausch­mit­tel eine ganz unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Das Mini­mum, das ein jeder anzu­bie­ten hat, ist sei­ne Stim­me. Er kann den Gefällt-mir-But­ton drü­cken. Damit kann er ande­ren zu Aner­ken­nung = Repu­ta­ti­on ver­hel­fen. Vie­le ver­su­chen, dar­über hin­aus Infor­ma­tio­nen zu offe­rie­ren, und sei­en es auch nur sol­che über die eige­nen Inter­es­sen und Bedürf­nis­se. Manch­mal wird nichts ange­bo­ten, son­dern nur Hil­fe erfragt. Aber hel­fen macht glück­lich, und so kann auch mit einem Hil­fe­ruf der Sprung in ein Netz­werk gelin­gen.

Star­ke Tausch­part­ner netz­wer­ken bevor­zugt mit ihres­glei­chen. Stark sind beson­ders sol­che Akteu­re, die Res­sour­cen, die sie ins Netz­werk ein­brin­gen, aus ihren pri­mä­ren Sozi­al­struk­tu­ren schöp­fen kön­nen. Das gilt ins­be­son­de­re, wenn die­se pri­mä­re Sozi­al­struk­tur eine Orga­ni­sa­ti­on ist. Dann bil­den Netz­wer­ke sozu­sa­gen Para­si­ten der eta­blier­ten Struk­tu­ren (Tacke S. 16f.).

b)                                Intra- und interorganisationale Netzwerke

Orga­ni­sa­tio­nen sind kei­ne her­me­tisch geschlos­se­nen Ein­hei­ten. Inner­halb einer Orga­ni­sa­ti­on gibt es Quer­ver­bin­dun­gen zwi­schen Orga­ni­sa­ti­ons­tei­len, die im Plan der Orga­ni­sa­ti­on nicht vor­ge­se­hen sind. Nach außen ste­hen Orga­ni­sa­tio­nen in Kon­takt mit ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen, die gleich­falls nicht auf dem Pro­gramm ste­hen. Die­se Quer­ver­bin­dun­gen las­sen sich als Netz­werk dar­stel­len. Als Kno­ten erschei­nen dann Orga­ni­sa­tio­nen als gan­ze (Unter­neh­men, Behör­den) oder deren Tei­le (Abtei­lun­gen, Nie­der­las­sun­gen, Aus­schüs­se usw.). Das Netz­werk kann inner­halb ein und der­sel­ben Orga­ni­sa­ti­on bestehen, zwi­schen ver­schie­de­nen Orga­ni­sa­tio­nen oder zwi­schen Orga­ni­sa­ti­ons­tei­len und Orga­ni­sa­tio­nen. Die Bezie­hun­gen kön­nen sich auf den Aus­tausch von Infor­ma­tio­nen beschrän­ken. Sie kön­nen den Aus­tausch von Gütern oder Diens­ten oder die gemein­sa­me Nut­zung von Res­sour­cen zum Gegen­stand haben. Oder sie kön­nen in unter­schied­li­chen For­men der Betei­li­gung (Eigen­tum, Auf­sichts­gre­mi­um) oder in Koope­ra­ti­on (Wett­be­werbs­ver­ein­ba­run­gen, gemein­sa­mes Lob­by­ing usw.) bestehen.

Die Ent­de­ckung der infor­ma­len Orga­ni­sa­ti­on durch Roeth­lis­ber­ger und Dick­son in den 1930er Jah­ren (§ 79 III 2) war der Sache nach die Ent­de­ckung intra­or­ga­ni­sa­tio­na­ler Netz­wer­ke, ohne dass der Begriff schon eine Rol­le gespielt hät­te. Der Netz­werk­be­griff kam erst bei den inter­or­ga­ni­sa­tio­na­len Netz­wer­ken ins Spiel. Zunächst began­nen Öko­no­men, infor­mel­le Quer­ver­bin­dun­gen zwi­schen Unter­neh­men als Netz­wer­ke wahr­zu­neh­men. Auf Netz­wer­ke wur­de man dann auch bei der Ent­de­ckung koope­ra­ti­ven Ver­wal­tungs­han­delns und vor allem bei der Beob­ach­tung der Glo­ba­li­sie­rung auf­merk­sam.

Die Netz­werk­be­zie­hun­gen kön­nen zwi­schen den Orga­ni­sa­tio­nen als sol­chen bestehen oder als per­sön­li­che Netz­wer­ke unter Mit­glie­dern ver­schie­de­ner Orga­ni­sa­tio­nen. Trans­na­tio­na­le Netz­wer­ke mit Orga­ni­sa­tio­nen als Kno­ten hat man etwa in der Ver­wal­tung beob­ach­tet. Per­sön­li­che Netz­wer­ke gibt es zwi­schen Par­la­men­ta­ri­ern, Rich­tern, Wis­sen­schaft­lern Gewerk­schafts­mit­glie­dern oder Musi­kern (über trans­na­tio­na­le per­sön­li­che Netz­wer­ke § 96 I 2). In Groß­städ­ten tref­fen sich mit eini­ger Regel­mä­ßig­keit die Behör­den­chefs (Ober­bür­ger­meis­te­rin, Land­ge­richts­prä­si­dent, Poli­zei­prä­si­dent, Uni­ver­si­täts­rek­tor und eini­ge mehr) zu einem Aus­tausch. Sol­che per­sön­li­chen Netz­wer­ke sind exklu­siv und oft eli­tär. Das heißt, der Zugang ist eng begrenzt, und die betei­lig­ten Per­so­nen ver­fü­gen über Ein­fluss und Res­sour­cen aus ihrer Orga­ni­sa­ti­ons­zu­ge­hö­rig­keit. Das kann die Ver­su­chung begrün­den, dass die Betei­lig­ten die Res­sour­cen der Orga­ni­sa­ti­on nicht in deren, son­dern im eige­nen Inter­es­se nut­zen. Dann han­delt es sich je nach­dem um Kor­rup­ti­on oder Ver­un­treu­ung. Vor allem aber gibt ihnen das Netz­werk die Mög­lich­keit, infor­mell im Inter­es­se ihrer Orga­ni­sa­ti­on zu han­deln. Das kann zwar durch­aus funk­tio­nal sein, ist aber mit Rechts­staat und Demo­kra­tie nicht immer leicht ver­ein­bar.

Gezielt auf­ge­bau­te Intra­or­ga­ni­sa­ti­ons­netz­wer­ke wer­den oft als stra­te­gi­sche Netz­wer­ke bezeich­net.

c)  Typenvergleich zwischen Netzwerk, Markt und Organisation

Sozia­ler Tausch: Über­all wird getauscht, am Markt Güter aller Art, in der Orga­ni­sa­ti­on Pflicht­er­fül­lung gegen Bezah­lung und Sta­tus. Im Netz­werk wird schon das Tausch­po­ten­zi­al selbst zur Res­sour­ce. Das Netz­werk erwei­tert die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten sei­ner Mit­glie­der, indem es ihnen eine gewis­se Sicher­heit bie­tet, bei Bedarf auf das Tausch­po­ten­zi­al der ande­ren zurück­zu­grei­fen. Auf die­se Wei­se schaf­fen Netz­wer­ke sozia­les Kapi­tal (Jan­sen 2006, 26 ff; Jan­sen/­Diaz-Bone 2011). Netz­wer­ke kön­nen aber auch sozia­le Kon­trol­le aus­üben. Die­ser Gesichts­punkt fin­det wenig Auf­merk­sam­keit.

Zugang: Netz­wer­ke gel­ten hin­sicht­lich der Zugangs­mög­lich­keit für neue Mit­glie­der als offen. Der (freie) Markt for­dert kei­ne Mit­glied­schaft und hat auch sonst, Leis­tungs­fä­hig­keit vor­aus­ge­setzt, kei­ne Zugangs­bar­rie­ren. Mit­glied – oder bes­ser, Funk­tio­när – einer Orga­ni­sa­ti­on wird man durch Bei­tritt oder Auf­nah­me, jeden­falls durch eine Ent­schei­dung (Luh­mann GdG S. 829). Die Zuge­hö­rig­keit zu einem sozia­len Netz­werk erwirbt man, indem man sich dar­an betei­ligt. Zwar gibt es für Netz­wer­ke, anders als für Orga­ni­sa­tio­nen, kei­ne förm­li­chen Zugangs­re­ge­lun­gen. Anders als bei Orga­ni­sa­tio­nen die Mit­glied­schaft ist die Zuge­hö­rig­keit zu Netz­wer­ken nicht deut­lich abge­grenzt. Aber nicht jeder kann belie­bi­ge Bezie­hun­gen auf­neh­men. Um Mit­glied in einem Netz­werk zu wer­den, braucht man eine vor­struk­tu­rier­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chan­ce. Offen blei­ben die Net­ze nur, solan­ge die Tausch­gü­ter rela­tiv belang­los sind. Steigt der Ein­satz, so ver­fes­tigt sich das Netz. Mit zuneh­men­dem Gewicht der Tausch­an­ge­bo­te und mit der gesell­schaft­li­chen Rele­vanz des Netz­werks wach­sen die Zugangs­bar­rie­ren.

Inter­ne Offen­heit: Die Offen­heit betrifft auch den Erfolg inner­halb des Netz­werks. Die Infor­ma­li­tät des Netz­werks gestat­tet es den Betei­lig­ten, sich ein­zu­brin­gen, die Kon­nek­ti­vi­tät zu ver­bes­sern, die Bezie­hun­gen zu pfle­gen und sie dadurch zu stär­ken. In Netz­wer­ken herrscht daher gro­ße Betrieb­sam­keit auf­stiegs­ori­en­tier­ter Mit­glie­der.

Attrak­ti­vi­tät: Die Attrak­ti­vi­tät von Netz­wer­ken für Mit­glie­der und Bei­tritts­kan­di­da­ten hängt davon ab, ob sie den Betei­lig­ten einen Mehr­wert bie­ten. Ein Mehr­wert ergibt sich regel­mä­ßig aus der Kom­ple­men­ta­ri­tät der Res­sour­cen. Das ist nicht anders als auf dem Markt. Die mög­li­chen Tausch­gü­ter bestim­men das The­ma oder den Zweck des Netz­werks. Als netz­werk­ty­pisch lässt sich wohl nur ange­ben, dass imma­te­ri­el­le oder nicht markt­gän­gi­ge Güter im Vor­der­grund ste­hen. Für Netz­wer­ke gilt aber die Grund­re­gel, dass Mit­glie­der beim Tausch bevor­zugt wer­den. Dar­in unter­schei­den sie sich vom Markt. Die Zuge­hö­rig­keit zum Netz wird dadurch selbst zum Wert. Anders als auf dem Markt wird nicht nach jeder Trans­ak­ti­on abge­rech­net. Es wer­den Kre­dit­be­zie­hun­gen auf­ge­baut. Dabei hat schon die blo­ße Leis­tungs­be­reit­schaft ihren Tausch­wert.

Dyna­mik I: Netz­wer­ke gel­ten inso­fern als dyna­misch, als lau­fend alte Kno­ten und Kan­ten auf­ge­löst und neue gebil­det wer­den. Dar­in sind sie dem Markt ähn­li­cher als der Orga­ni­sa­ti­on. Es gibt aber auch sehr sta­bi­le Netz­wer­ke.

Dyna­mik II: In Netz­wer­ken wird lau­fend alles Mög­li­che pro­zes­siert. Sie leben von Kon­tak­ten, also vom Aus­tausch von Infor­ma­tio­nen, Sachen oder Diens­ten. Das ist der nor­ma­le Netz­fluss. Wenn Kno­ten jedoch über eine eige­ne Dyna­mik ver­fü­gen wie leben­de Zel­len oder Men­schen, dann kön­nen sich die Inhal­te mit der Wei­ter­ga­be von Sta­ti­on zu Sta­ti­on ver­än­dern. Viren kön­nen sich ver­meh­ren. Infor­ma­tio­nen kön­nen sich ver­än­dern.

Dyna­mik III: Eine drit­te Art der Dyna­mik von und in Netz­wer­ken zeigt sich dar­in, wie weit und wie schnell sich inner­halb des Netz­werks bestimm­te Phä­no­me­ne (Nach­rich­ten, Krank­hei­ten usw.) aus­brei­ten. Sie zeigt sich fer­ner in ihrer Reak­ti­on auf den Aus­fall ein­zel­ner Kno­ten oder gan­zer Clus­ter. Die Dyna­mik hat Fol­gen für die Außen­wir­kun­gen des Netz­werks (Exter­na­li­tä­ten). Net­ze (Inter­net, Strom­ver­sor­gung) schaf­fen posi­ti­ve Exter­na­li­tä­ten und pro­vo­zie­ren damit oft expo­nen­ti­el­les Wachs­tum. Ihr Zusam­men­bruch führt umge­kehrt zu gro­ßen Schä­den. Ent­spre­chen­des gilt für kom­ple­xe sozia­le Netz­wer­ke wie den glo­ba­len Han­del oder die Finanz­wirt­schaft.

Expan­si­vi­tät: Netz­wer­ke sind nicht typisch expan­siv. Sie sind zwar inso­fern auf Expan­si­on ange­legt, als sie kei­nen nume­rus clau­sus ken­nen und der Wert der Netz­werk­mit­glied­schaft mit der Grö­ße des Netz­werks stei­gen kann. Ob sie aber expan­die­ren oder schrump­fen, steht auf einem ande­ren Blatt. Für tech­ni­sche Net­ze (Tele­fon, Twit­ter) gilt, dass sie ein sich selbst ver­stär­ken­des Wachs­tum zei­gen kön­nen, wenn sie eine kri­ti­sche Men­ge von Teil­neh­mern auf sich ver­ei­nigt haben, denn mit der Grö­ße des Net­zes steigt ihr Wert für die Teil­neh­mer. Netz­wer­ke dage­gen, die auf sozia­len Bezie­hun­gen auf­bau­en, kön­nen nur begrenzt wach­sen, denn mit der Zahl der Teil­neh­mer steigt die Anzahl der Kon­takt­mög­lich­kei­ten expo­nen­ti­ell, so dass sich die Bezie­hun­gen aus­dün­nen.

Dau­er­haf­tig­keit: Auch Dau­er­haf­tig­keit ist kei­ne typi­sche Netz­werk­ei­gen­schaft. Netz­wer­ke kön­nen ein­fach erlö­schen. In der Poli­tik­wis­sen­schaft hat man the­men­spe­zi­fi­sche Netz­wer­ke beob­ach­tet, die mit der Erle­di­gung des The­mas zusam­men­fal­len.

Hohe Kon­nek­ti­vi­tät gehört zur typi­schen Vor­stel­lung von sozia­len Netz­wer­ken. Der Markt hat kei­ne spe­zi­fi­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge. Die Demo­kra­tie wen­det sich an die Öffent­lich­keit. Öffent­lich­keit bedeu­tet, dass es an einer indi­vi­du­el­len Anspra­che fehlt. In Orga­ni­sa­tio­nen ver­läuft die Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­lang der Hier­ar­chie über einen »Verteiler«von oben nach unten und auf dem Dienst­weg von unten nach oben. In einem Netz­werk sind die Akteu­re kreuz und quer mit­ein­an­der ver­bun­den. Die­se Kon­nek­ti­vi­tät schafft Kom­mu­ni­ka­ti­ons­vor­aus­set­zun­gen, die der Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on und eben­so der orga­ni­sier­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on über­le­gen sind. Wäh­rend Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on zur Pas­si­vi­tät ver­ur­teilt, bleibt bei der Netz­werk­kom­mu­ni­ka­ti­on die Sou­ve­rä­ni­tät der Akteu­re weit­ge­hend gewahrt. Die Fol­ge ist prin­zi­pi­ell eine grö­ße­re Plu­ra­li­tät der Infor­ma­ti­ons­bei­trä­ge. Gegen­über der Indi­vi­dual­kom­mu­ni­ka­ti­on bie­tet das Netz­werk eine grö­ße­re Chan­ce der Mul­ti­pli­ka­ti­on und Inno­va­ti­on.

Heterar­chie: Markt­teil­neh­mer und Wäh­ler bil­den ihre Prä­fe­ren­zen und tref­fen ihre Ent­schei­dun­gen je für sich (dezen­tral und unab­hän­gig). In Hier­ar­chi­en fol­gen Funk­tio­nä­re mit ihren Aktio­nen den Wei­sun­gen der Spit­ze. Netz­werk­an­ge­hö­ri­ge ent­schei­den sich mit dem Blick auf mög­li­che Reak­tio­nen ande­rer, inso­fern inter­de­pen­dent, aber doch dezen­tral= heterar­chisch.

Anbah­nung und Abwick­lung von Trans­ak­tio­nen: Öko­no­mi­sche Trans­ak­tio­nen las­sen sich in drei Pha­sen zer­le­gen: Infor­ma­ti­ons­pha­se, Abschluss und Abwick­lung.[21] Zur Infor­ma­ti­on der Akteu­re bie­tet der Markt Prei­se an. Viel­leicht wird ver­han­delt. Orga­ni­sa­tio­nen infor­mie­ren ihre Funk­tio­nä­re durch Wei­sung. Zu ver­han­deln gibt es nichts. In Netz­wer­ken dage­gen spielt die Infor­ma­ti­ons­pha­se eine grö­ße­re Rol­le. Ange­bot oder Nach­fra­ge von Leis­tun­gen blei­ben eher unspe­zi­fi­ziert, wer­den aber von »ver­trau­li­chen« Infor­ma­tio­nen beglei­tet. Die Infor­ma­tio­nen inner­halb von Netz­wer­ken gel­ten als qua­li­ta­tiv bes­ser als die Preis­si­gna­le des Mark­tes und die Wei­sun­gen der Orga­ni­sa­ti­on (Powell 1996, 225). Ver­hand­lun­gen sind stets auch um die Erhal­tung der Netz­werk­be­zie­hung bemüht. Ein Abschluss ist nicht immer das Ziel. Abschluss­for­men der Aktio­nen sind am Markt der Ver­trag, in der Demo­kra­tie die Stimm­ab­ga­be und in der Orga­ni­sa­ti­on die Wei­sung. Im Netz­werk läuft der Abschluss eher dif­fus und form­los ab. Die Abwick­lung voll­zieht sich am Markt meis­tens Zug um Zug. Sie ist schnell gesche­hen, es sei denn, dass dabei Kon­flik­te ent­ste­hen. Wenn es im Netz­werk zu einem Aus­tausch kommt, sind Leis­tung und Gegen­leis­tung nicht direkt mit­ein­an­der ver­knüpft. Eine mög­li­che Gegen­leis­tung bleibt unbe­stimmt. Die dadurch ent­ste­hen­de Lücke wird durch Ver­trau­en über­brückt. Das Ver­trau­en stammt aus den Bezie­hun­gen, in die das Netz­werk ein­ge­bet­tet ist, und wird durch posi­ti­ve Erfah­run­gen inner­halb des Net­zes ver­stärkt.

Kon­flikt­be­hand­lung: Am Markt wird gefeilscht, und dann hat man die Wahl, auf­zu­ge­ben oder vor Gericht zu zie­hen. In der Orga­ni­sa­ti­on wer­den Kon­flik­te von oben ent­schie­den. In der Demo­kra­tie kann man abstim­men. Inner­halb von Netz­wer­ken wer­den strit­ti­ge Punk­te zwi­schen den Betei­lig­ten aus­ge­han­delt. Kommt es zu kei­ner Lösung, besteht die Mög­lich­keit der Abwan­de­rung. Einer gericht­li­chen Ent­schei­dung wäre die Mate­rie oft gar nicht zugäng­lich. Damit hän­gen die Chan­cen der Durch­set­zung vom Tausch­po­ten­zi­al ab. Die Ver­wick­lung in Kon­flik­te führt leicht zu einem Repu­ta­ti­ons­ver­lust.

Hand­lungs­fä­hig­keit: Netz­wer­ke haben, anders als Orga­ni­sa­tio­nen, grund­sätz­lich nicht den Cha­rak­ter eines sozia­len Akteurs. Sie bestehen zwar unab­hän­gig von indi­vi­du­el­len Mit­glie­dern, kön­nen sich aber im Nor­mal­fall doch nicht als Gan­zes arti­ku­lie­ren. Die Mit­glie­der blei­ben in der Lage, eigen­stän­dig zu han­deln, solan­ge sie dabei auf ande­re Mit­glie­der Rück­sicht neh­men.

Zweck: Anders als Orga­ni­sa­tio­nen haben Netz­wer­ke auch kei­nen nach außen gerich­te­ten Zweck. Sie sind sozu­sa­gen Selbst­zweck.

Infor­ma­li­tät: Das Inter­es­se der Rechts­theo­rie an sozia­len Netz­wer­ken hat viel mit deren Infor­ma­li­tät zu tun. Das moder­ne Recht ist jeden­falls grund­sätz­lich for­mal. For­ma­li­tät ent­steht aus ver­ord­ne­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­hin­der­nis­sen oder -ver­bo­ten. Was nicht recht­lich rele­vant ist, soll nicht zur Spra­che kom­men. An einem Rechts­ver­fah­ren darf nicht jeder teil­neh­men. Die Teil­neh­mer dür­fen nicht jedes The­ma auf­grei­fen, und sie müs­sen ihre Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bei­trä­ge an For­men und Fris­ten aus­rich­ten. Sich infor­mell zu ver­net­zen, ermög­licht die Umge­hung sol­cher Kom­mu­ni­ka­ti­ons­hin­der­nis­se. Die Infor­ma­li­tät des Net­zes gestat­tet schnel­les situa­ti­ons­ad­äqua­tes Kom­mu­ni­zie­ren und Han­deln. Netz­wer­ke unter­lau­fen das Recht. Des­halb ste­hen sie, beson­ders im Publi­kum, im Geruch der Ille­gi­ti­mi­tät. Tat­säch­lich arbei­ten Netz­wer­ke nicht unbe­dingt gegen das Recht. Vie­le Poli­cy-Netz­wer­ke wer­den von der Absicht der Betei­lig­ten getra­gen, dem Recht auf die Sprün­ge zu hel­fen. Sie bil­den par­ti­ku­la­re Quer­ver­bin­dun­gen zwi­schen den pri­mä­ren Sozi­al­struk­tu­ren (Tacke).

Inno­va­ti­ons­kraft: Netz­wer­ke gel­ten als inno­va­ti­ons­fä­hig. Das haben vor allem Unter­su­chun­gen zu pro­spe­rie­ren­den Regio­nal­wirt­schaf­ten bestä­tigt. Die Inno­va­ti­ons­kraft ist jedoch kei­ne Eigen­schaft des Netz­werks an sich, son­dern hängt von sei­ner Struk­tur ab. Vor­aus­set­zung ist anschei­nend, dass das Netz­werk nicht zu stark ver­clus­tert ist und über Brü­cken­be­zie­hun­gen in ande­re Clus­ter oder Netz­wer­ke ver­fügt. Hier zeigt sich die Stär­ke schwa­cher Bezie­hun­gen (Gra­no­vet­ter). Auch in einem Netz­werk kön­nen sich die Bezie­hun­gen aber soweit ver­fes­ti­gen, dass die Selb­stän­dig­keit der Betei­lig­ten, die ihnen inter­ak­ti­ves Ler­nen und Inno­va­ti­on ermög­licht, ver­lo­ren geht. Das wäre dann umge­kehrt die schwa­che Sei­te star­ker Bezie­hun­gen.

Die Geschich­te des Ruhr­ge­biets bie­tet ein Bei­spiel dafür, wie ein ver­clus­ter­tes Netz­werk die Ent­wick­lung blo­ckie­ren kann. Etwa ab 1960 begann der Nie­der­gang der Mon­tan­in­dus­trie. Eine Moder­ni­sie­rung wur­de durch regio­na­le Netz­wer­ke in drei­fa­cher Hin­sicht blo­ckiert:

  • Ers­tens hat­ten die gro­ßen Mon­tan­un­ter­neh­men das Netz­werk der regio­na­len Zulie­fe­rer stark zen­tra­li­siert und auf sich aus­ge­rich­tet. Das Netz­werk war damit in hohem Maße trans­ak­ti­ons­kos­ten­ef­fi­zi­ent. Aber gera­de damit führ­te es zu einer Ent­wick­lungs­blo­cka­de. Die Zulie­fe­rer konn­ten weit­ge­hend auf die so genann­ten dis­po­si­ti­ven Unter­neh­mens­funk­tio­nen wie For­schung und Ent­wick­lung, Mar­ke­ting und Ver­kauf ver­zich­ten. »Damit fehl­ten die­sen Betrie­ben genau jene Funk­tio­nen, die für eine Anpas­sung an ver­än­der­te Nach­fra­ge­be­din­gun­gen ent­schei­dend sind.«
  • Zwei­tens wur­den die­se funk­tio­na­len Blo­ckie­run­gen »durch kogni­ti­ve Blo­ckie­run­gen noch ver­schärft. Die lang­fris­tig sta­bi­len per­sön­li­chen Bezie­hun­gen begüns­tig­ten die Her­aus­bil­dung von gemein­sa­men Ori­en­tie­run­gen, eines gemein­sa­men tech­ni­schen Jar­gons, gemein­sa­mer Ver­hand­lungs­pro­ze­du­ren, ja, schließ­lich einer gemein­sa­men Welt­sicht. Die­se homo­ge­ne Welt­sicht blo­ckier­te Reor­ga­ni­sa­ti­ons­maß­nah­men zu einem Zeit­punkt, als die Regi­on noch über aus­rei­chend Anpas­sungs­spiel­räu­me ver­füg­te. Die sozia­le Kohä­si­on und die gefes­tig­ten per­sön­li­chen Bezie­hun­gen inner­halb des Mon­tan­kom­ple­xes lie­ßen auch kaum Raum für soge­nann­te ›Brü­cken­be­zie­hun­gen‹, die über die engen Gren­zen der eige­nen sozia­len Grup­pe hin­aus­wie­sen und damit neue Infor­ma­tio­nen und Infor­ma­ti­ons­po­ten­tia­le erschlos­sen.
  • Drit­tens schließ­lich hielt das poli­tisch-admi­nis­tra­ti­ve Sys­tem die Regi­on auf Kurs, auch als die­ser Kurs schon längst in eine Sack­gas­se geführt hat­te, da die sym­bio­ti­schen Bezie­hun­gen zwi­schen der Indus­trie und dem poli­tisch-admi­nis­tra­ti­ven Sys­tem ver­stei­nert waren. Inner­halb der Regi­on war die­se Kon­sens-Kul­tur, geprägt durch kon­ser­va­ti­ve Sozi­al­de­mo­kra­ten, kon­ser­va­ti­ve Gewerk­schaf­ten und patri­ar­cha­li­sche Unter­neh­mer, über Jahr­zehn­te hin­weg kei­nen ernst­haf­ten poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Her­aus­for­de­run­gen aus­ge­setzt. Nach außen hin wur­de die­se Kon­sens-Kul­tur durch empha­ti­sche Appel­le an die spe­zi­fi­sche ›Pro­duk­ti­ons-Mis­si­on‹ des Ruhr­ge­biets gefes­tigt – alles in allem also nicht unbe­dingt ein Nähr­bo­den für poli­ti­sche und kul­tu­rel­le Inno­va­tio­nen.«[22]

Selbst­or­ga­ni­sa­ti­ons­fä­hig­keit: Als typi­sche Eigen­schaft von Netz­wer­ken gilt deren Selbst­or­ga­ni­sa­ti­ons­fä­hig­keit. Dem Markt fehlt die­se Qua­li­tät. Der Markt kann nur eine selbst­zer­stö­re­ri­sche Eigen­dy­na­mik ent­wi­ckeln. Ver­trä­ge hät­ten ohne außer­ver­trag­li­che Grund­la­ge kei­nen Bestand. Mono­pol­bil­dung zer­stört den Preis­me­cha­nis­mus. Ähn­lich liegt es mit der Demo­kra­tie, wenn sie zur Dik­ta­tur der Mehr­heit wird. Des­halb brau­chen Markt und Demo­kra­tie zu ihrer Funk­ti­on eine exter­ne Ver­fas­sung. Eine hier­ar­chi­sche Orga­ni­sa­ti­on ist für ihren Fort­be­stand auf die Zufuhr von Res­sour­cen von außen ange­wie­sen. Auch hier gibt es, wenn auch schwä­cher, eine selbst­zer­stö­re­ri­sche Eigen­dy­na­mik, wenn die Orga­ni­sa­ti­on erstarrt und den Kon­takt zu ihrer Umwelt ver­liert, in der sie funk­tio­nie­ren soll. Ein­zig Netz­wer­ke schei­nen ohne Kor­sett aus­zu­kom­men und allein aus geleb­ter Rezi­pro­zi­tät, auf­ge­wer­tet durch die Vor­zugs­be­hand­lung der Netz­an­ge­hö­ri­gen, zu funk­tio­nie­ren. Bemer­kens­wert ist dabei, dass die in Netz­wer­ken zu beob­ach­ten­de Bil­dung von typi­schen Kon­nek­ti­vi­täts­mus­tern und die damit ver­bun­de­ne Ungleich­heit der Kno­ten die Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Net­zes eher zu för­dern als zu stö­ren scheint. Ganz ohne Stüt­ze kom­men aber auch Netz­wer­ke nicht aus. Ihre Wäh­rung ist das Ver­trau­en, und das scheint zu schwin­den, wenn ein Netz­werk grö­ßer wird und wenn es sich von den sozia­len Struk­tu­ren, in die es ursprüng­lich ein­ge­bet­tet war, zu lösen beginnt. Jeden­falls behaup­ten Powell (1996, 213) und Ostrom (2009), dass Netz­wer­ke nur unter bestimm­ten, spe­zi­fi­zier­ba­ren Bedin­gun­gen lebens­fä­hig sind.

d)                                Mischformen und Übergänge

Die Rea­li­tät ist natür­lich viel kom­pli­zier­ter als sol­che sche­ma­ti­sche Gegen­über­stel­lung. Sie wird von Misch­for­men und Über­gän­gen bestimmt. Der Zugang zu einem Markt wird oft erst über ein Netz­werk ver­mit­telt. Aus wie­der­hol­tem Ver­trags­schluss ent­ste­hen ver­trags­über­grei­fen­de Bezie­hun­gen[23], und schon der ein­zel­ne Ver­trag kann rela­tio­na­len Cha­rak­ter anneh­men, oder er kann hier­ar­chi­sche Ele­men­te (Wei­sungs­rech­te) ent­hal­ten[24]. Der Typus der hier­ar­chi­schen Orga­ni­sa­ti­on ist am bes­ten in mitt­le­ren Unter­neh­men und auf der öffent­li­chen Sei­te in Fach­be­hör­den anzu­tref­fen. Grö­ße­re Unter­neh­men sind weit­ge­hend in Pro­fit­cen­ter auf­ge­glie­dert, und sogar öffent­li­che Orga­ni­sa­tio­nen haben im Zuge des New Public Manage­ment inter­ne Märk­te geschaf­fen und Ver­rech­nungs­prei­se ein­ge­führt.

Sys­tem­theo­re­ti­ker sti­li­sie­ren die­se Ver­mi­schung zu einem reen­try hoch: Die Unter­schei­dung Markt/Hierarchie tritt in die­se selbst wie­der ein mit dem Ergeb­nis, dass Sys­te­me ent­ste­hen, die eigen­stän­di­ge Qua­li­tä­ten besit­zen. Z. B.: »Ver­trags­net­ze unter­schei­den sich von Kon­zer­nen in der Form des Wie­der­ein­tritts der Dif­fe­renz Markt / Orga­ni­sa­ti­on. …Ver­trags­net­ze sind For­men der Markt­ko­or­di­na­ti­on, in die Ele­men­te von Kooperation/Hierarchie sekun­där ein­ge­baut wur­den. Kon­zer­ne sind gesell­schafts­recht­li­che Gebil­de, in die sekun­där Markt­ele­men­te ein­ge­baut wur­den. Damit unter­schei­den sie sich im Pri­mat ihrer Hand­lungs­lo­gik. In Ver­trags­net­zen besteht eine pri­mä­re Markt­ori­en­tie­rung.«[25] Die Not­wen­dig­keit, zwi­schen pri­mä­rem und sekun­dä­rem Ein­bau zu unter­schei­den, zeigt, wie über­flüs­sig die Vol­te mit dem reen­try ist.

Hier­ar­chisch durch­or­ga­ni­sier­te Staa­ten gab es zeit­wei­se eigent­lich nur in Euro­pa, Nord­ame­ri­ka und Japan. Moder­ne Staa­ten sind als Gan­ze nicht durch­ge­hend hier­ar­chisch geord­net, son­dern bil­den ein geglie­der­tes Gefü­ge aus Regie­run­gen, Par­la­men­ten, Ver­wal­tun­gen, Gebiets­kör­per­schaf­ten mit beweg­li­chen Gren­zen und Durch­läs­sen zu kor­po­ra­tis­ti­schen Ele­men­ten. Was schließ­lich die Netz­wer­ke betrifft, so kann man die netz­werk­ty­pi­sche Kon­zen­tra­ti­on von Akti­vi­tä­ten um bestimm­te Hubs durch­aus als Hier­ar­chi­en inter­pre­tie­ren. In der Rea­li­tät trifft man auf stern­för­mig oder hier­ar­chisch zen­tra­li­sier­te Netz­wer­ke. Auch expli­zi­te Regeln für die Netz­werk­kon­tak­te kom­men vor. Beson­ders inter­or­ga­ni­sa­tio­na­le Netz­wer­ke, in denen die Orga­ni­sa­tio­nen selbst als Netz­kno­ten fun­gie­ren, sind oft for­ma­li­siert. Das gilt beson­ders für die Bezie­hun­gen zwi­schen Orga­ni­sa­tio­nen, die als trans­na­tio­na­le Netz­wer­ke unter Beob­ach­tung ste­hen. Durch Ver­dich­tung und For­ma­li­sie­rung der Bezie­hun­gen ver­bun­den mit einer gewis­sen Zen­tra­li­sie­rung kann ein Netz­werk schließ­lich auch zum kol­lek­ti­ven Akteur wer­den, so dass sich die Fra­ge auf­drängt, ob damit nicht aus dem Netz­werk eine Orga­ni­sa­ti­on gewor­den ist. Spä­tes­tens mit sei­ner Ver­recht­li­chung ist das Netz­werk kein Netz­werk mehr.

In die­sem Sin­ne ist das Netz­werk der euro­päi­schen Wett­be­werbs­hör­den (ECN) durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 1/2003 ver­recht­licht. Dage­gen fehlt dem Inter­na­tio­nal Com­pe­ti­ti­on Net­work (ICN) eine Rechts­grund­la­ge. Es ist aber weit­ge­hend durch­or­ga­ni­siert, so dass es frü­her oder spä­ter zur Orga­ni­sa­ti­on wer­den wird. [26]
e)                                 Sichtbegrenzungen der Transaktionskostentheorie

Der von der Öko­no­mie inspi­rier­te Ver­gleich von Markt, Netz­werk und Hier­ar­chie beschränkt sich auf das Innen­le­ben der betrach­te­ten Insti­tu­tio­nen und ver­nach­läs­sigt die Exter­na­li­tä­ten. Auch die­se Fra­ge­stel­lung hat an sich ein Vor­bild in der Trans­ak­ti­ons­kos­ten­theo­rie, und zwar in dem nobel­preis­ge­krön­ten Auf­satz von Ronald H. Coa­se, The Pro­blem of the Soci­al Cost (dazu § 29 I 7) oben). Sie kommt jedoch bei dem Typen­ver­gleich nicht in den Blick. Ent­schei­dun­gen im Unter­neh­men inter­es­sie­ren dabei in ers­ter Linie wegen der Fol­gen für das Unter­neh­men selbst. Durch ihre Ent­schei­dun­gen bestimmt die Unter­neh­mens­lei­tung, wie die Res­sour­cen bereit­ge­stellt wer­den, die als Pro­duk­ti­ons­fak­to­ren für ein End­pro­dukt not­wen­dig sind, das letzt­lich am Markt ange­bo­ten wer­den soll. Behör­den­ent­schei­dun­gen sind sozu­sa­gen selbst das End­pro­dukt. Den inter­nen Ent­schei­dun­gen im Unter­neh­men ent­spre­chen bei der Behör­de Wei­sun­gen (Nor­men oder Ein­zel­wei­sun­gen), mit denen die die Pro­duk­ti­on außen­wirk­sa­mer Ent­schei­dun­gen gesteu­ert wird.

Für die Juris­pru­denz ist es unbe­frie­di­gend zu wis­sen, dass unter bestimm­ten Bedin­gun­gen ein Netz­werk bes­ser funk­tio­niert als ein Unter­neh­men oder eine Behör­de, wenn nicht gleich­zei­tig die­se Außen­wir­kung geklärt wird. Eine Fir­ma erzielt ihre Außen­wir­kung in ers­ter Linie durch die Abga­be von Pro­duk­ten und Dienst­leis­tun­gen, eine Behör­de vor allem durch die Her­stel­lung von außen­wirk­sa­men Ent­schei­dun­gen. Dafür bezie­hen Fir­ma und Behör­de umge­kehrt Res­sour­cen aus ihrer Umge­bung. Die Aus­tausch­be­zie­hun­gen eines Netz­werks mit sei­ner Umge­bung bestehen nicht mit dem Netz­werk als sol­chem, son­dern mit ein­zel­nen Kno­ten. Bei der Fra­ge nach den Exter­na­li­tä­ten geht es aber nicht um sol­chen Aus­tausch, son­dern posi­tiv um den zusätz­lich bewirk­ten all­ge­mei­nen Wohl­fahrts­ge­winn oder nega­tiv um die uner­wi­dert blei­ben­de Inan­spruch­nah­me von Umwelt­res­sour­cen.

Ähn­lich wie tech­ni­sche Net­ze kön­nen sozia­le Net­ze exter­nen Nut­zen und Scha­den gene­rie­ren. Bei sozia­len Netz­wer­ken sind die Exter­na­li­tä­ten nicht so leicht abzu­gren­zen wie bei tech­ni­schen Net­zen oder bei kon­so­li­dier­ten Wirt­schafts­sub­jek­ten. Aber dar­an darf die Fra­ge nach den uner­wi­der­ten Leis­tun­gen der Netz­wer­ke für ihre Umge­bung nicht schei­tern. Das von Netz­wer­ken durch Trans­ak­tio­nen zwi­schen den Kno­ten pro­du­zier­te Sozi­al­ka­pi­tal steht nur netz­werk­in­tern zur Ver­fü­gung. Unter­neh­men, die ihre Infor­ma­tio­nen und Pro­duk­ti­ons­fak­to­ren aus Netz­wer­ken bezie­hen, kön­nen erfolg­rei­cher sein als um Aut­ar­kie bemüh­te Selbst­ver­sor­ger. Ähn­lich kön­nen Behör­den, die bei der Ent­schei­dungs­vor­be­rei­tung Netz­wer­ke nut­zen, even­tu­ell güns­ti­ger und viel­leicht auch inhalt­lich bes­se­re Ent­schei­dun­gen pro­du­zie­ren als ande­re, die sich auf büro­kra­ti­sches Funk­tio­nie­ren beschrän­ken. So kön­nen erfolg­rei­che Netz­wer­ke auf ihre Umge­bung abstrah­len. Wenn ein Koope­ra­ti­ons­netz­werk sei­nen Mit­glie­dern zum Erfolg ver­hilft, so par­ti­zi­pie­ren dar­an auch ande­re, die nicht zum Netz­werk gehö­ren, Mit­ar­bei­ter etwa oder die Orga­ni­sa­ti­on, der das Mit­glied ange­hört. Han­delt es sich um eine Fir­ma, so kann sie mehr Auf­trä­ge auch nach außen ver­ge­ben; sie zahlt mehr Steu­ern usw. Eine Behör­de kann durch schnel­le­re und bes­se­re Ent­schei­dun­gen dem Gemein­wohl bes­ser die­nen.

Die Fra­ge nach der Bezie­hung von Netz­wer­ken zu ihrer Umge­bung för­dert aber auch »die dunk­le Sei­te der Netz­wer­ke« (von Prit­t­witz) zu Tage. Sie zeigt sich etwa in exklu­si­ver Eli­ta­ri­tät, in para­si­tä­rer Aus­nut­zung netz­werk­ex­ter­ner Res­sour­cen, in der Blo­cka­de von Inno­va­tio­nen, in der Vor­be­rei­tung unde­mo­kra­ti­scher Ent­schei­dun­gen oder in der Umge­hung for­mell-recht­li­cher Anfor­de­run­gen.

Die Bür­ger­initia­ti­ve Umwelt­schutz Lüchow-Dan­nen­berg e.V. lie­fert ein Bei­spiel für ein gut funk­tio­nie­ren­des Netz­werk zur Abwehr des Atom­müll-Lagers in Gor­le­ben. Die Tat­sa­che, dass hier die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on in einem Netz­werk erfolg­reich war, kann kaum bedeu­ten, dass des­halb auch Zie­le und Außen­wir­kung des Netz­werks akzep­ta­bel sind. Immer­hin ent­steht aus der Distanz der Ein­druck, dass in Gor­le­ben Nim­by (not in my backyard) gespielt wird. Die Mit­glie­der haben aus sozia­len Net­zen wohl in der Regel mehr Nut­zen als Nach­tei­le. Wird die Bilanz nega­tiv, kön­nen sie sich rela­tiv leicht aus dem Netz lösen.

III.                           Netzwerke im Rechtssystem

1)                          System und Netzwerk

Lite­ra­tur: Jan A. Fuh­se, Der Netz­werk­be­griff in der Sys­tem­theo­rie, in: Johan­nes Wey­er (Hg.), Sozia­le Netz­wer­ke, 2. Aufl. 2011, 301–324; Vero­ni­ka Tacke, Sys­te­me und Netz­wer­ke – oder: Was man an sozia­len Netz­wer­ken zu sehen bekommt, wenn man sie sys­tem­theo­re­tisch beschreibt, Netz­wer­ke, Sys­tem­theo­rie und Sozia­le Arbeit. Jour­nal der dgs­sa 2, 2011, 6–24.

Eben­so­we­nig wie die Gesell­schaft ist das Recht als Gan­zes ein sozia­les Netz­werk. Wenn es um den Gesamt­kom­plex des Rechts geht, ver­dient der Sys­tem­be­griff den Vor­zug. Der Netz­werk­be­griff ist für die Detail­ana­ly­se hilf­reich. Man kann nach Net­zen suchen, in denen die Kno­ten durch Per­so­nen oder Insti­tu­tio­nen gebil­det wer­den. Als Kan­ten zwi­schen die­sen Kno­ten kom­men etwa Koope­ra­tio­nen oder infor­mel­le Kon­tak­te in Betracht. Oder der Blick fällt auf Net­ze, deren Kno­ten aus unper­sön­li­chen Objek­ten besteht, aus Tex­ten, in denen Wis­sen gespei­chert ist, oder aus Wis­sens­ele­men­ten (Begrif­fen, Theo­ri­en). Die Ver­bin­dung zwi­schen sol­chen Ele­men­ten könn­te etwa außer­lich in Zita­tio­nen oder inhalt­lich in Über­ein­stim­mun­den, Wider­sprü­chen, Bezug­nah­men usw. bestehen.

2)                          Netzwerkanalysen zu Rechtsthemen

Lite­ra­tur: John P. Heinz/Edward O. Lau­mann, Chi­ca­go Lawy­ers: The Soci­al Struc­tu­re of the Bar, Ame­ri­can Bar Foun­da­ti­on, 1982; John P. Heinz/Edward O. Laumann/Robert L. Nelson/Paul S. Schnorr, The Con­sti­tu­en­ci­es of Eli­te Urban Lawy­ers, Chi­ca­go, Ill 1996; Dani­el Mar­tin Katz/Joshua R. Gubler/Jon Zelner/Michael James Pro­vins Eric A. Bommarito/Eitan M. Ing­all, Repro­duc­tion of Hier­ar­chy? A Soci­al Net­work Ana­ly­sis of the Ame­ri­can Law Pro­fes­so­ria­te, Jour­nal of Legal Edu­ca­ti­on 61, 2011, 1–28; Anne-Marie Slaugh­ter, A New World Order, Prince­ton, NJ 2004; dies., A Glo­bal Com­mu­ni­ty of Courts, Har­vard Inter­na­tio­nal Law Jour­nal 44, 2003, 191–219; dies./David T. Zaring, Net­wor­king Goes Inter­na­tio­nal: An Update, 2007; Smart Libra­ry on Glo­ba­li­za­ti­on, Crea­ting a Glo­bal Com­mu­ni­ty of Courts;  Dani­el Terris/Cesare P.R. Romano/Leigh Swi­g­art, Toward a Com­mu­ni­ty of Inter­na­tio­nal Jud­ges, Loyo­la of Los Ange­les Inter­na­tio­nal and Com­pa­ra­ti­ve Law Review 30, 2008, 419–471.

Für die Rechts­wis­sen­schaft ist oft schon die schlich­te Iden­ti­fi­zie­rung und Beschrei­bung von Netz­wer­ken zwi­schen Akteu­ren des Rechts­sys­tems von Inter­es­se. Anne Marie Slaugh­ter hat durch ihre Beschrei­bung von trans­na­tio­na­len Behör­den-und Gerichts­netz­wer­ken viel Auf­se­hen erregt. »Wer zitiert wen?« fragt Ange­li­ka Nuß­ber­ger.[27] Dabei hat sie eher das seman­ti­sche Netz der Argu­men­te als das Akteurs­netz­werk der Zitie­ren­den im Blick. Auch empi­ri­sche Unter­su­chun­gen zur Begrün­dungs­pra­xis des BGH von Simon[28] sowie Kud­lich und Chris­ten­sen[29] befas­sen sich mit der Zitier­pra­xis. Die Unter­su­chun­gen zei­gen über­ein­stim­mend, dass Prä­ju­di­zi­en das wich­tigs­te Begrün­dungs­ele­ment in ober­ge­richt­li­chen Urtei­len bil­den. Sie zei­gen, wie eng tat­säch­lich Ent­schei­dun­gen mit­ein­an­der ver­netzt sind, las­sen aber auch erken­nen, dass juris­ti­sche Ent­schei­dun­gen nicht unbe­dingt aus der Kraft der Argu­men­te ent­ste­hen. Die Pro­gno­se Ladeurs[30], »wegen des Zer­falls der Kon­ti­nui­tät und Ord­nung stif­ten­den Erfah­rung« wer­de die Ori­en­tie­rungs­funk­ti­on der Prä­ze­denz­fäl­le für die Recht­spre­chung an Bedeu­tung ver­lie­ren, ist bis­her nicht ein­ge­trof­fen.

Meis­tens rei­chen die Daten für eine mathe­ma­tisch-sta­tis­ti­sche Aus­wer­tung nicht. Es bleibt aber stets sinn­voll, die Fra­ge­stel­lun­gen der (har­ten) Netz­werk­for­schung im Auge zu behal­ten und ihren Ope­ra­tio­na­li­sie­rungs­vor­schlä­gen zu fol­gen. Die Ori­en­tie­rung an der Netz­werk­for­schung hat min­des­tens heu­ris­ti­schen Wert, weil sie zeigt,  dass und wie sich sozia­les Kapi­tal ope­ra­tio­na­li­sie­ren lässt oder wie sich Bezie­hun­gen, Koope­ra­tio­nen, Ein­flüs­se, Auto­ri­tä­ten oder Macht­zen­tren netz­werk­ar­tig dar­stel­len las­sen. Sol­che Ori­en­tie­rung dis­zi­pli­niert die Beob­ach­tung. Andern­falls besteht die Gefahr eines blo­ßen Netz­werk­ge­re­des.

Inzwi­schen gibt es eine Rei­he von Unter­su­chun­gen, die Phä­no­me­ne aus dem Rechts­be­reich mit den har­ten Metho­den der Netz­werk­for­schung in Angriff neh­men. Vor­läu­fer waren Unter­su­chun­gen über das Abstim­mungs­ver­hal­ten am US Supre­me Court, die danach frag­ten, wer mit wem gestimmt hat. Neue­re Arbei­ten befas­sen sich mit Netz­wer­ken unter Rich­tern[31] oder unter Rechts­pro­fes­so­ren[32]. Sie behan­deln Zita­ti­ons­netz­wer­ke in der juris­ti­schen Lite­ra­tur[33] oder Begriffs­netz­wer­ke in Geset­zes­tex­ten[34]. Einen Schwer­punkt bil­det die Ver­net­zung von Gerich­ten bzw. Gerichts­ur­tei­len durch Prä­ju­di­zi­en.>[35]

Tho­mas A. Smith hat die Zita­te in 726 ame­ri­ka­ni­schen Law Reviews aus­ge­wer­tet. Die Aus­zäh­lung erstreck­te sich auf 385.000 Ver­öf­fent­li­chun­gen. 43% davon wur­den nie­mals zitiert. Auf 0.898% ent­fie­len mehr als 100 Zita­tio­nen. Damit erweist sich die juris­ti­sche Lite­ra­tur als ska­len­frei­es Medi­um, in dem das Potenz­ge­setz Gel­tung hat. Smith hat fer­ner vier Mil­lio­nen Urtei­le ame­ri­ka­ni­scher Bun­des- und Staats­ge­rich­te unter­sucht. Die Ergeb­nis­se waren hier ganz ähn­lich.

Per­sön­li­che Netz­wer­ke unter Juris­ten sind für Unbe­tei­lig­te kaum sicht­bar, und es fehlt auch an Unter­su­chun­gen, die sie offen legen. Aber man kann davon aus­ge­hen, dass inner­halb der Teil­sys­te­me wie Jus­tiz, Ver­wal­tung, Anwalt­schaft, Poli­tik, Ver­bands­we­sen usw. infor­mel­le Netz­wer­ke vor­han­den sind, und zwar auch sol­che, die die Sys­tem­gren­zen über­sprin­gen. Am ehes­ten sicht­bar sind per­sön­li­che Netz­wer­ke in dem Sys­tem, dem man selbst ange­hört, im Fal­le des Autors also im Wis­sen­schafts­sys­tem. Da weiß und hört man, wen man anru­fen kann und von wem man ange­ru­fen wird. Da kennt man die Ein­la­dungs­lis­ten für Fach­ta­gun­gen, auf denen neue For­schungs­in­for­ma­tio­nen (und nicht nur die) schon vor ihrer Ver­öf­fent­li­chung aus­ge­tauscht wer­den. Und da beob­ach­tet man, wer wen zitiert.

Zitier­kar­tel­le gehen nur zum klei­nen Teil auf per­sön­li­che Netz­wer­ke zurück. Zita­ti­ons­net­ze ent­ste­hen nach dem Potenz­ge­setz, wenn bestimm­te Begrif­fe oder Theo­ri­en, Auto­ren und Tex­te, die aus irgend­wel­chen Grün­den pro­mi­nent gewor­den sind, die Run­de machen, weil ande­re sie schon zitiert habe­ni­er wirkt das Potenz­ge­setz.. Man könn­te auch sagen: Zita­te wer­den oft pla­gi­iert. Das Phä­no­men dürf­te sich ver­stärkt haben, nach­dem die Ver­wen­dung von Lite­ra­tur­ver­wal­tungs­pro­gram­men die Ein­fü­gung von Fuss­no­ten zum Kin­der­spiel macht.

Juris­ten­eli­ten: Jeder weiß, es gibt Macht und Ein­fluss. Aber sie sind nur schwer greif­bar. Eine Metho­de, um sich der Macht im sozia­len Raum zu nähern, ist die Ana­ly­se von Bezie­hungs­netz­wer­ken. Wer Kon­tak­te zu Ent­schei­dungs­trä­gern hat, ver­fügt ver­mut­lich über Ein­fluss.

In den USA hat man mit eini­gem Auf­wand ver­sucht, das Netz­werk in der Eli­te der Rechts­an­wäl­te Chi­ca­gos nach­zu­zeich­nen (Heinz u. a.). Dazu wur­den 1975 und 1995 einer Aus­wahl von Anwäl­ten in Chi­ca­go eine Lis­te mit pro­mi­nen­ten Juris­ten aus der Stadt vor­ge­legt mit der Fra­ge, wel­chen sie ken­nen und zu wem sie gute Bezie­hun­gen unter­hal­ten. Das Ergeb­nis war aller­dings, jeden­falls aus euro­päi­scher Sicht, nicht beson­ders auf­re­gend. Über ein Drit­tel der Befrag­ten kann­te kei­nen der Pro­mi­nen­ten. Die ande­ren ver­teil­ten sich auf drei Clus­ter, eines mit eher (links-)liberalen Anwäl­ten, die sich vor allem für Bür­ger­rechts­fra­gen und Rechts­hil­fe inter­es­sier­ten, ein ande­res von Tri­al Lawy­ers, die den poli­ti­schen Par­tei­en nahe­stan­den und viel für städ­ti­sche Ämter tätig waren und ein drit­tes von Cor­po­ra­te Lawy­ers.
Wer hat Ein­fluss auf die Ent­wick­lung des ame­ri­ka­ni­schen Rechts?, so fra­gen Katz u. a. (2011). Die Aus­gangs­über­le­gung ging dahin, dass man ein aus Per­so­nen bestehen­des Netz­werk model­lie­ren muss, um dann zu sehen, wie sich dar­in Ide­en oder Nor­men ver­brei­ten, ganz ana­log wie etwa Krank­hei­ten in einer als Netz­werk gedach­ten Bevöl­ke­rung. Dazu wur­den auf­wen­dig die Basis­da­ten von über 7200 Rechts­pro­fes­so­ren erho­ben, und zwar nach ihrer Her­kunfts­in­sti­tu­ti­on und ihrer spä­te­ren Anstel­lung. Dabei zeig­te sich eine extrem hier­ar­chi­sche Ver­tei­lung. Eini­ge Fakul­tä­ten, allen vor­an Har­vard, konn­ten beson­ders vie­le Absol­ven­ten plat­zie­ren, und die­se wie­der­um in beson­ders pro­mi­nen­ten Fakul­tä­ten, wobei sich die Pro­mi­nenz eben aus die­ser Fähig­keit ergibt, beson­ders vie­le Absol­ven­ten unterzubringen.Wenn man annimmt, dass sich mit den Per­so­nen auch Ide­en ver­brei­ten, so kann man den Ein­fluss der Fakul­tä­ten ein­schät­zen.

3)                          Kooperationsnetzwerke

Lite­ra­tur: Leo­nie Breu­nung, Ana­ly­sen der Wis­sen­schaf­t­emi­gra­ti­on nach 1933. Sozio­lo­gi­sche und metho­do­lo­gi­sche Über­le­gun­gen zum Fall der deut­schen Rechts­wis­sen­schaft, Zeit­schrift für Sozio­lo­gie 25, 1996, 395–411; Dan Claw­son (Hg.), Requi­red Rea­ding: Sociology’s Most Influ­en­ti­al Books, Amherst, MA, Uni­ver­si­ty of Mas­sa­chu­setts Press, 1998; dar­in ins­bes. Jeff Good­win, How to Beco­me a Domi­nant Ame­ri­can Soci­al Sci­en­tist: The Case of The­da Skoc­pol, S. 31–37; Fritz Dolder/Mauro Buser, Zitie­ren geht über Stu­die­ren – Empi­ri­sche Wan­de­run­gen im Grenz­ge­biet zwi­schen Rechts­leh­re und Recht­spre­chung, in: Josef Ester­mann, Josef (Hg.), Inter­dis­zi­pli­nä­re Rechts­for­schung zwi­schen Rechts­wirk­lich­keit, Rechts­ana­ly­se und Rechts­ge­stal­tung, Bern 2010, 193–210; Bru­no S. Frey/Katja Rost, Do Ran­kings Reflect Rese­arch Qua­li­ty?, 2009; Tho­mas A. Smith, The Web of Law, San Die­go Legal Stu­dies Rese­arch Paper No. 06–11 = Tho­mas A. Smith, The Web of Law, San Die­go Law Review 44, 2007, 309–353.

Wis­sen­schafts­so­zio­lo­gie beob­ach­tet die Wis­sen­schaft wie die Rechts­so­zio­lo­gie das Recht. Bei der Beob­ach­tung der Rechts­wis­sen­schaft über­schnei­den sich bei­de. Als For­schungs­me­tho­de hat sich die Netz­werka­ma­ly­se bewährt, denn für den Fach­frem­den sind die Bezie­hun­gen zwi­schen den Wis­sen­schaft­lern viel leich­ter zu beob­ach­ten als die Ent­wick­lung und Rezep­ti­on der Inhal­te. Als Bezie­hun­gen kom­men in Betracht etwa der Ver­sand von Son­der­dru­cken oder die Ein­la­dung zu Tagun­gen, vor allem aber gemein­sa­me Ver­öf­fent­li­chun­gen und Zita­tio­nen.

Im Detail gibt es dabei eine Rei­he von Fra­gen und Pro­ble­men zu beden­ken. Sie begin­nen mit der Bestim­mung der Wis­sen­schaft­ler, Auto­ren oder Tex­te, die als Netz­werk­kno­ten die Grund­ge­samt­heit bil­den sol­len. Man kann etwa von ein­zel­nen Auto­ren aus­ge­hen und ver­su­chen, deren Ego­netz­werk zu beschrei­ben.

Paul Erd­ös war ein unga­ri­scher Mathe­ma­ti­ker, der zur Netz­werk­for­schung Über­le­gun­gen zur Wahr­schein­lich­keits­ver­tei­lung von Ver­knüp­fun­gen in einem Zufalls­netz­werk bei­ge­tra­gen hat.[36] Erd­ös war mit etwa 1.500 Ver­öf­fent­li­chun­gen unge­wöhn­lich pro­duk­tiv. Da er die meis­ten Arbei­ten zusam­men mit ande­ren For­schern ver­öf­fent­licht hat­te, kamen Kol­le­gen auf die Idee[37], ihre Wert­schät­zung des Autors mit einem Spaß zu ver­bin­den, indem sie um Erd­ös ent­stan­de­ne Koope­ra­tio­nen als Netz­werk beschrie­ben. Wer mit Erd­ös zusam­men ver­öf­fent­licht hat­te, erhielt die Erd­ös-Zahl 1. Wer nicht selbst mit Erd­ös, aber doch mit einem sei­ner Koau­to­ren publi­ziert hat­te, erhielt die Erd­ös-Zahl 2, usw. Als Hom­mage an den Namens­ge­ber wird die Bestim­mung der Erd­ös-Zahl für Mathe­ma­ti­ker auf einer beson­de­ren Inter­net­sei­te bis in die Gegen­wart fort­ge­führt.

Wenn man über geeig­ne­te Daten ver­fügt, las­sen sich drei Wer­te ermit­teln, die als Indi­zi­en für die Ver­net­zung ein­zel­ner Auto­ren und die Ver­net­zung eines Faches ins­ge­samt die­nen kön­nen:

  • Koau­to­ren­ana­ly­se: Mit wel­chen Koau­to­ren hat ein Autor wie häu­fig zusam­men publi­ziert, und wer sind die Koau­to­ren die­ser Koau­to­ren?
  • Shor­test-Path-Ana­ly­se: Wie sind zwei belie­bi­ge Auto­ren über gemein­sa­me Publi­ka­tio­nen mit­ein­an­der ver­bun­den, das heißt, wel­che Arti­kel erge­ben die kür­zes­te Koau­tor­schafts­ket­te zwi­schen die­sen Auto­ren.
  • Ava­ra­ge-Path-Ana­ly­se: Wie­weit sind die Auto­ren des Faches durch­schnitt­lich von­ein­an­der ent­fernt? Die durch­schnitt­li­che Pfad­län­ge zwi­schen Erd­ös und ande­ren zeit­ge­nös­si­schen Mathe­ma­ti­kern betrug nur 4,65; die maxi­ma­le Ent­fer­nung 13.
Popu­lär gewor­den ist die Netz­werk­ana­ly­se von Koope­ra­ti­ons­be­zie­hun­gen mit der Kevin-Bacon-Zahl. 1994 erfan­den vier Col­le­ge-Stu­den­ten das Bacon-Spiel. Kevin Bacon (* 8. Juli 1958) ist ein pro­mi­nen­ter ame­ri­ka­ni­scher Film­schau­spie­ler. Die Stu­den­ten behaup­te­ten, Bacon sei der wah­re Mit­tel­punkt Hol­ly­woods, und erbo­ten sich, in einer Fern­seh­show für jeden Schau­spie­ler X einen Film zu nen­nen, in dem die­ser zusam­men mit Bacon gespielt hat­te. Immer­hin war Bacon in über 50 Fil­men rund 1800 Schau­spie­ler­kol­le­gen begeg­net. Soll­te es aber kei­nen gemein­sa­men Film geben, woll­ten sie einen Film nen­nen, in dem Bacon mit einem ande­ren Schau­spie­ler C zusam­men auf­ge­tre­ten war, der wie­der­um zusam­men mit X gefilmt hat­te. Soll­te es selbst dar­an feh­len, wür­den sie auf die Fil­me ver­wei­sen, in denen B mit C, C mit D und schließ­lich D zusam­men mit X aus­ge­tre­ten waren, usw. Als Aus­gangs­kno­ten des Netz­werks hat Bacon selbst die Kevin-Bacon-Zahl (KBZ) 0. Als Kan­ten die­nen die Fil­me, in denen zwei Schau­spie­ler zusam­men gespielt haben. Schau­spie­ler, die mit Bacon zusam­men in einem Film auf­ge­tre­ten sind, erhal­ten die KBZ 1. Wer nicht selbst mit Bacon zusam­men gefilmt hat, son­dern nur mit einem Schau­spie­ler, der zusam­men mit Bacon auf­ge­tre­ten ist, hat die KBZ 2 usw. Auf der Inter­net­platt­form The Ora­cle of Bacon kann man das für belie­bi­ge Namen aus­pro­bie­ren. So hat z. B. Gwy­neth Palt­row die KBZ 2, denn sie war 1998 zusam­men mit Wil­liam Bogert in »A Per­fect Mur­der« auf­ge­tre­ten, der wie­der­um 1980 in »Hero at Lar­ge« mit Bacon zusam­men­ge­spielt hat­te.
Das bedeu­tet also, dass 2.511 Schau­spie­ler mit Bacon zusam­men auf­ge­tre­ten sind, 26.2544 zusam­men mit einem, der mit Bacon in dem­sel­ben Film war usw. Ein Durch­schnitts­wert für die KBZ beträgt 2,980.[38]
Natür­lich war oder ist Bacon nicht das Zen­trum Hol­ly­woods. Die Pfad­län­ge von durch­schnitt­lich 2,980 ist nur das Ergeb­nis des Klei­ne-Welt-Phä­no­mens. Den­nis Hop­per liegt mit einer durch­schnitt­li­chen Pfad­län­ge von 2,802166 an ers­ter Stel­le. Bacon folgt erst auf Platz 444. Der rela­tiv kur­ze Pfad zwi­schen je zwei Film­schau­spie­lern deu­tet auf einen hohen Clus­ter­ko­ef­fi­zi­en­ten hin. Im Übri­gen ist ihr Aus­sa­ge­wert begrenzt. Die Netz­werk­ana­ly­se stellt jedoch Metho­den bereit, die gehalt­vol­le­re Anga­ben über Cli­quen­bil­dung, Ein­flüs­se, Pres­ti­ge oder gar Auto­ri­tät, Zen­tra­li­tät oder Hier­ar­chi­en gestat­ten. Dazu wären aller­dings wei­te­re Daten not­wen­dig, ins­be­son­de­re zu der Fra­ge, wie oft koope­riert wor­den ist.
Ana­log kann man für alle Per­so­nen – Poli­ti­ker, Wis­sen­schaft­ler, Face­book­mit­glie­der usw. ihre Nähe zu ande­ren bestim­men, soweit man über die not­wen­di­gen Daten ver­fügt. So haben die Düs­sel­dor­fer Psy­cho­lo­gen Jochen Musch und Den­nis Win­ter mit Hil­fe einer Lite­ra­tur-Daten­bank eine Koau­to­ren­ana­ly­se für 51.808 Psy­cho­lo­gen errech­net und so die »Die klei­ne Welt der Psy­cho­lo­gie« abge­bil­det. Dort misst der kür­zes­te durch­schnitt­li­che Pfad 4,33, der längs­te 15,02, und der Durch­schnitt­wert beträgt 6,71.

Juris­ten publi­zie­ren ver­hält­nis­mä­ßig sel­ten gemein­sam. Der Pfad zwi­schen zwei Auto­ren wäre daher ver­mut­lich län­ger. Um rea­lis­ti­sche­re Zah­len zu erhal­ten, könn­te man außer gemein­sa­men Ver­öf­fent­li­chun­gen auch zäh­len, ob sie gemein­sam an Sam­mel­bän­den und Fest­schrif­ten betei­ligt waren. Aber die Daten­samm­lung ist nicht ein­fach, da sie sich mit dem vor­han­de­nen biblio­gra­phi­schen Mate­ri­al schwer­lich auto­ma­ti­sie­ren lässt. Ob sie loh­nend ist, müss­te ein Ver­such zei­gen. Inter­es­sant sind aller­dings letzt­lich nicht die Koope­ra­ti­ons­be­zie­hungn als sol­che, son­dern ihre Abhän­gig­keit etwa von wirt­schaft­li­chen oder poli­ti­schen Ein­flüs­sen oder ihre inhalt­li­che Aus­wir­kung auf das Rechts­ge­sche­hen.

4)                          Politiknetzwerke

Lite­ra­tur: Chris­toph Knill/Ansgar Schä­fer, Poli­cy-Netz­wer­ke, in: Johan­nes Wey­er (Hg.), Sozia­le Netz­wer­ke, 2. Aufl., 2011, S. 189–218; Alex­an­der K. Nagel, Poli­tik­netz­wer­ke und poli­ti­sche Steue­rung, Insti­tu­tio­nel­ler Wan­del am Bei­spiel des Bolo­gna-Pro­zes­ses, 2009; Vol­ker von Prit­t­witz, Die dunk­le Sei­te der Netz­wer­ke. Stra­te­gi­en gegen Ver­mach­tung und Kor­rup­ti­on: Grund­la­gen kri­ti­scher Netz­werk­theo­rie, 2001; Alli­son E. Wood­ward, Poli­cy Net­works in Euro­pe: Chal­len­ges for Demo­cra­tic Orga­ni­za­ti­on and Citi­zen Voice in the Eropean Pro­cess, in: Max Hal­ler (Hg.), The Making of the Euro­pean Uni­on, Con­tri­bu­ti­ons of the Soci­al Sci­en­ces, Ber­lin, New York 2001, 199–219.

Die Poli­tik­wis­sen­schaft befasst sich viel­fach mit Netz­wer­ken, in denen die Akteu­re recht­lich geord­ne­te Insti­tu­tio­nen mit Leben fül­len oder kon­ter­ka­rie­ren. Man fin­det poli­ti­sche Netz­wer­ke über­all, und sie wer­den als über­le­ge­nes Gover­nan­ce-Mus­ter geprie­sen. Tat­säch­lich sind sie wohl eben­so unver­meid­lich wie pro­ble­ma­tisch.

»Sie sind zwar für die unmit­tel­bar Betei­lig­ten mit Vor­tei­len ver­bun­den, ten­die­ren aber zur Aus­beu­tung der All­ge­mein­heit, ver­keh­ren regel­ge­bun­de­ne Leis­tungs­lo­gik in macht­ori­en­tier­te Tau­sch­lo­gik und kon­ter­ka­rie­ren vita­le Demo­kra­tie eher als die­se zu för­dern.« (von Prit­t­witz)

Die wich­tigs­te Qua­li­tät, die sozia­le Netz­wer­ke für den Bereich der Poli­tik attrak­tiv macht, ist ihre Infor­ma­li­tät. Nach dem Modell der Ver­fas­sung wird Poli­tik von Regie­rung und Par­la­ment ent­wi­ckelt und beschlos­sen. Die Regie­rung steht dabei unter der Kon­trol­le des Par­la­ments, und das Par­la­ment ist auto­nom, sei­ne Mit­glie­der nur ihrem Gewis­sen ver­ant­wort­lich. Die Imple­men­ta­ti­on einer Poli­tik wird von Regie­rung, Ver­wal­tung und Gerich­ten kon­trol­liert. In der Rea­li­tät stockt oft schon der recht­lich geord­ne­te Ver­fah­rens­gang. Vor allem aber wol­len vie­le mit­mi­schen, Par­tei­en und Ver­bän­de, Akteu­re der Zivil­ge­sell­schaft oder Lob­by­is­ten der Wirt­schaft. Soweit ihnen kei­ne förm­li­chen Mit­wir­kungs­rech­te ein­ge­räumt sind und soweit sie sich nicht mit der Mei­nungs­ma­che im öffent­li­chen, medi­en­ge­stütz­ten Dis­kurs begnü­gen wol­len, wer­den infor­mel­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chan­cen genutzt, gepflegt und zu Netz­wer­ken aus­ge­baut. Die Akteu­re des for­mel­len Poli­tik­sys­tems müs­sen sich dar­auf ein­las­sen, denn ihre Kapa­zi­tät zur For­mu­lie­rung von Pro­gram­men, zur Durch­set­zung von Ent­schei­dun­gen und zur Imple­men­ta­ti­on der Poli­tik ist ange­sichts der Erwar­tun­gen an die Poli­tik nicht aus­rei­chend, so dass die Poli­tik über Aus­tausch­pro­zes­se mit gesell­schaft­li­chen Akteu­ren Res­sour­cen mobi­li­sie­ren muss.

»Im Ver­gleich zum tra­di­tio­nel­len hier­ar­chi­schen Modell der Poli­ti­k­ent­wick­lung, in dem Poli­tik­for­mu­lie­rung und Imple­men­ta­ti­on ein aus­schließ­li­ches Prä­ro­ga­tiv der Legis­la­ti­ve und Exe­ku­ti­ve war, kann die Her­aus­bil­dung von Poli­tik­netz­wer­ken als eine Reak­ti­on auf die wach­sen­de Zustän­dig­keit staat­li­cher Poli­tik, zuneh­men­de Inter­de­pen­den­zen und der fort­schrei­ten­den Akku­mu­la­ti­on und Kon­zen­tra­ti­on gesell­schaft­li­cher Res­sour­cen in Groß­or­ga­ni­sa­tio­nen (kor­po­ra­ti­ven Akteu­ren) gese­hen wer­den. Weil staat­li­che Res­sour­cen und Orga­ni­sa­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten mit die­sen Aus­wir­kun­gen sozia­ler Dif­fe­ren­zie­rung nicht Schritt hal­ten und staat­li­che Akteu­re zuneh­mend unfä­hig wer­den, die not­wen­di­gen Res­sour­cen für die Pro­duk­ti­on von Poli­ti­ken (For­mu­lie­rung und Durch­set­zung) selb­stän­dig zu garan­tie­ren, wird der tra­di­tio­nel­le Par­la­ments- und Regie­rungs­kom­plex in zuneh­men­dem Maße abhän­gig von der Koope­ra­ti­on und der kol­lek­ti­ven Res­sour­cen­mo­bi­li­sie­rung nicht­staat­li­cher, pri­va­ter Akteu­re. Koope­ra­ti­on ist jedoch nicht zu erzwin­gen, was staat­li­che Akteu­re zu Ver­hand­lun­gen mit sol­chen gesell­schaft­li­chen Macht­grup­pen zwingt (Scharpf 1992).«[39]

Dazu die Kri­tik von von Prit­t­witz:

»In Fel­dern, in denen Aspek­te der kol­lek­ti­ven Wil­lens­bil­dung eine Rol­le spie­len, stellt sich aller­dings ein bestimm­ter Netz­werk­ty­pus immer wie­der als fun­da­men­tal her­aus. Dies sind weit­ge­hend geschlos­se­ne, dau­er­haf­te, infor­mell struk­tu­rier­te und infor­mell ope­rie­ren­de Netz­wer­ke, die in hohem Maße kol­lek­ti­ve Hand­lungs­fä­hig­keit und Macht ver­mit­teln. Infor­mel­le Akteurs­netz­wer­ke die­ser Art haben im Hin­blick auf Ver­mach­tung und Kor­rup­ti­on, den hier zu behan­deln­den Gegen­stand, über­ra­gen­de Bedeu­tung.

Netz­wer­ke in die­sem Sinn funk­tio­nie­ren zunächst nach der Grund­re­gel, dass Netz­mit­glie­der im Ent­schei­dungs­fall gegen­über Netz­au­ßen­sei­tern strikt prä­fe­riert wer­den. Die­se strik­te Prä­fe­renz redu­ziert die wahr­ge­nom­me­ne Kom­ple­xi­tät in Aus­wahl­fra­gen auf die ein­fa­che Bezie­hungs­re­la­ti­on Netz­mit­glied oder Netz­au­ßen­sei­ter. Netz­wer­ke erleich­tern damit Aus­wahl­pro­zes­se und geben den Betei­lig­ten Ver­hal­tens­si­cher­heit. Sach­pro­ble­me kön­nen nach die­sem Mus­ter aller­dings nur ange­mes­sen bewäl­tigt wer­den, wenn sich inner­halb des Netz­werks ent­spre­chen­der Sach­ver­stand befin­det. Fehlt die­ser, gera­ten netz­werk­do­mi­nier­te Sys­te­me in Manage­ment­pro­ble­me, die sie häu­fig durch Nicht­han­deln (Aus­sit­zen) oder Schein­han­deln, bei­spiels­wei­se die demons­tra­ti­ve Grün­dung eines netz­werk­do­mi­nier­ten Aus­schus­ses, zu bewäl­ti­gen suchen.

Ihrer sozia­len Ein­bet­tung zum Trotz sind dau­er­haf­te Akteurs­netz­wer­ke pri­mär durch die Eigen­in­ter­es­sen der Betei­lig­ten bestimmt: … Bei­spiels­wei­se agie­ren Par­tei- und Ver­bands­po­li­ti­ker nicht zuletzt mit dem Inter­es­se, ihre Wahl­chan­cen und ihre Macht­po­si­ti­on aus­zu­bau­en. Infor­mel­le Akteurs­netz­wer­ke, die ja öffent­lich nicht kon­trol­liert oder auch nur ein­ge­se­hen wer­den kön­nen, erlau­ben den Betei­lig­ten beson­ders gut, ihre Akteurs­in­ter­es­sen zu ver­fol­gen, Macht­po­si­tio­nen zu errich­ten und zu ver­stär­ken.«

Sol­chen Gesichts­punk­ten geht die kri­ti­sche Eli­ten­for­schung nach.

IV.    Zu interdisziplinären Verwendung der Netzwerkforschung

Lite­ra­tur: Ino Augs­berg, The Rele­van­ce of Net­work Models wit­hin the Juri­dic Dis­cour­se. Empi­ri­cal, Socio­lo­gi­cal, and Epis­te­mo­lo­gi­cal Per­spec­tives; Ger­man Law Jour­nal 10, 2009, 383–394; Ino Augsberg/Tobias Gostomzyk/ Lars Viel­lech­ner, Den­ken in Netz­wer­ken, Zur Rechts- und Gesell­schafts­theo­rie Karl-Heinz Ladeurs, 2009; Vol­ker Boeh­me-Neß­ler, Unschar­fes Recht, 2008, S. 500–632; Richard M. Bux­baum, Is »Net­work« a Legal Con­cept, Jour­nal for Insti­tu­tio­nal and Theo­reti­cal Eco­no­mics (JITE) 149, 1993, 698–705; Poul F. Kja­er, Embed­ded­ness through Net­works: A Cri­ti­cal App­rai­sal of the Net­work Con­cept on the Oeu­vre of Karl-Heinz Ladeur, Ger­man Law Jour­nal 10, 2009, 483–499; Karl-Heinz Ladeur, Das Umwelt­recht der Wis­sens­ge­sell­schaft, Von der Gefah­ren­ab­wehr zum Risi­ko­ma­nage­ment, 1995; Gun­ther Teub­ner, Coin­ci­den­tia oppo­si­torum: Das Recht der Netz­wer­ke jen­seits von Ver­trag und Orga­ni­sa­ti­on, in: Marc Amstutz (Hg.), Die ver­netz­te Wirt­schaft, Netz­wer­ke als Rechts­pro­blem, 2004, 11–42.

1)   Zwischen metaphorischer und exakter Verwendung des Netzwerkbegriffs

Die Netz­werk­for­schung nimmt für sich in Anspruch, mehr oder weni­ger allen Dis­zi­pli­nen, ganz gleich ob Natur­wis­sen­schaf­ten, Tech­nik oder Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, Hil­fe anbie­ten zu kön­nen. Daher ist es völ­lig legi­tim, dass auch die Rechts­wis­sen­schaft auf die­ses Ange­bot zurück­greift. Es wäre aber auch nichts dage­gen ein­zu­wen­den, wenn sie den Netz­werk­be­griff nur meta­pho­risch ver­wen­de­te. Die Rede von Netz­wer­ken ist so ver­brei­tet, dass sich das kaum ver­mei­den lässt. Pro­ble­ma­tisch ist nur, wenn sich Juris­ten mit dem Anspruch auf Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät auf den Netz­werk­be­griff beru­fen, dann aber schrei­ben, was sie schon im Kopf haben, ohne die har­te Netz­werk­for­schung zu rezi­pie­ren. Ino Augs­berg (S. 385) meint, woll­te man Netz­wer­ke bloß als empi­ri­sches Phä­no­men ver­ste­hen, so sei der Netz­werk­be­griff nur ein Ersatz für ander­weit längst bekann­te und sub­stan­ti­ier­te Pro­ble­me. Der Begriff sei dann viel­leicht nicht völ­lig sinn­los, aber er sei doch weit­ge­hend über­flüs­sig. Doch wenn man Netz­wer­ke nicht als empi­ri­sches Phä­no­men ver­steht, wird der Anspruch auf Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät bloß vor­ge­täuscht.

Als empi­ri­sches Kon­zept ist das­Netz­werk zual­ler­erst eine Beschrei­bungs­ka­te­go­rie. Wer von Netz­wer­ken redet, soll­te daher die Gren­zen des Bezie­hungs­ge­flechts bezeich­nen, von dem er spricht. Soweit sie sich nicht ohne Wei­te­res aus dem Kon­text erge­ben, sind die Enti­tä­ten zu benen­nen, die als Netz­kno­ten in Betracht gezo­gen wer­den, und die Rela­tio­nen zu spe­zi­fi­zie­ren, die als Kan­ten bedacht wer­den sol­len.

Als Kno­ten oder Ele­men­te eines sozia­len Netz­werks kom­men in ers­ter Linie Akteu­re in Betracht, also Indi­vi­du­en und kor­po­ra­ti­ve Akteu­re aller Art (Staa­ten und Gebiets­kör­per­schaf­ten, Behör­den und Gerich­te, Unter­neh­men und deren Filia­len). Auch Ereig­nis­netz­wer­ke kön­nen indi­rekt als sozia­le rele­vant sein, in juris­ti­schem Zusam­men­hang etwa Zita­ti­ons­netz­wer­ke. Bei der Anwen­dung des Netz­werks­be­griffs in recht­li­chem Zusam­men­hang bleibt oft unklar, ob ein Akteurs­netz­werk gemeint ist, also die Ver­net­zung von Gerich­ten oder Ver­wal­tungs­be­hör­den, von Wirt­schafts­teil­neh­mern oder Wis­sen­schaft­lern, oder ob es um die inhalt­li­che Ver­knüp­fung von Infor­ma­tio­nen und Argu­men­ten geht, also um ein seman­ti­sches Netz­werk. Der Umgang mit seman­ti­schen Netz­wer­ken wird pro­ble­ma­tisch, wenn man sich nicht auf die Beob­ach­tung äußer­li­cher Bezie­hun­gen zwi­schen Bedeu­tungs­trä­gern – Wor­te, Phra­sen, Tex­te – beschränkt, son­dern Bedeu­tung selbst beob­ach­ten will. Das ist nicht prin­zi­pi­ell aus­ge­schlos­sen, führt aber doch in all die Schwie­rig­kei­ten hin­ein, die mit der Erfas­sung von Bedeu­tung ver­bun­den sind. Es bleibt ver­füh­re­risch, juris­ti­sche Kohä­renz­vor­stel­lun­gen mit dem Netz­werk­be­griff in Ver­bin­dung zu brin­gen (»Law as a Seam­less Web«[40]).

Nicht alle Ele­men­te pas­sen als Kno­ten in ein- und das­sel­be Netz­werk. Die Stadt z. B. hat im Netz­werk der Nach­bar­schaft kei­nen Platz, denn hier geht es nur um per­sön­li­che Bezie­hun­gen. Ande­rer­seits kann eine bestimm­te Men­ge von Kno­ten in ver­schie­de­nen Netz­wer­ken ver­bun­den sein. Die­sel­be Grup­pe von Rich­tern kann einer­seits dem Kan­ti­nen­netz­werk ange­hö­ren, das regel­mä­ßig in der Kaf­fee­pau­se zusam­men­trifft. Sie kann zugleich einen stan­des­po­li­tisch akti­ven Zir­kel bil­den. Das Netz­werk ist also immer erst durch eine abgrenz­ba­re Men­ge von Kno­ten und die Art der zwi­schen ihnen bestehen­den Bezie­hun­gen defi­niert.[41]

Was dabei her­aus­kommt, wenn man die­se Gesichts­punk­te nicht beach­tet, zei­gen zwei Bei­spie­le: Bei Poul F. Kja­er ist zu lesen: »Ano­t­her cen­tral fea­ture of net­works is their ›flu­id‹ cha­rac­ter. This flu­i­di­ty makes the out­co­me of net­work ope­ra­ti­ons radi­cal­ly open-ended, as the num­ber of pos­si­ble re-com­bi­na­ti­ons among the ele­ments of a given net­work is almost infi­ni­te.« (S. 487) Man fragt sich, wer oder was die Ele­men­te des Netz­werks sein könn­ten. Han­delt es sich hier um ein seman­ti­sches Netz­werk (von Begrif­fen, Ziel­vor­stel­lun­gen, Nor­men usw.)? Ein seman­ti­sches Netz­werk hat kein »out­co­me«. Eine Rekom­bi­na­ti­on wäre nur von außen durch den Netz­werk­ana­ly­ti­ker mög­lich. Der könn­te aus­pro­bie­ren, was her­aus­kommt, wenn man belie­bi­ge Kno­ten mit­ein­an­der ver­bin­det. Aber die Ent­schei­dung wür­de ihm nicht abge­nom­men. Oder ist ein Netz­werk aus sozia­len Akteu­ren gemeint? Dann ent­sprä­chen die Kom­bi­na­ti­ons­mög­lich­kei­ten den Kon­takt­mög­lich­kei­ten, und zwar nach der For­mel k = n2 – n. Aber in einem sozia­len Netz­werk geschieht längst nicht alles, was theo­re­tisch mög­lich wäre. Es wer­den längst nicht alle Kon­takt­mög­lich­kei­ten wahr­ge­nom­men. In ska­len­frei­en Netz­wer­ken kon­zen­trie­ren sich die Kon­tak­te auf weni­ge Hubs. Vor allem aber: Aus Kon­takt­mög­lich­kei­ten folgt kein »out­co­me«. Was ist damit über­haupt gemeint? Eine ein­zel­ne Trans­ak­ti­on inner­halb des Netz­werks? Die Sum­me vie­ler oder aller Trans­ak­tio­nen im Netz­werk? Oder ist ein Effekt des Netz­werks für sei­ne Umwelt gemeint?
Ein abschre­cken­des Bei­spiel lie­fert auch die Pro­li­fe­ra­ti­on des Netz­werk­kon­zepts bei Boeh­me-Neß­ler. Mehr oder weni­ger alle Rechts­phä­no­me­ne wer­den mit Begrif­fen aus der Netz­werk­theo­rie über­zo­gen. Natür­li­che und juris­ti­sche Per­so­nen, Ver­wal­tun­gen und Gerich­te wer­den zu Kno­ten. Sie sind durch »Fäden« ver­bun­den, über die Inter­ak­tio­nen statt­fin­den. Auch Rechts­be­grif­fe, Nor­men und dog­ma­ti­sche Kon­struk­tio­nen wer­den ver­kno­tet. Ein­zel­ne Kno­ten, etwa die Euro­päi­sche Uni­on oder die inter­na­tio­na­le Han­dels­schieds­ge­richt­bar­keit (S. 546 ff), wer­den als Super­kno­ten iden­ti­fi­ziert. Art. 25 GG wird zum Super­kno­ten, der Völ­ker­recht und inner­staat­li­ches Rechts mit­ein­an­der ver­bin­det, eben­so Art. 24 I GG für die Ver­bin­dung zu supra­na­tio­na­len Insti­tu­tio­nen (S. 550f.). Nor­men und die euro­päi­sche Uni­on gehö­ren kaum dem­sel­ben Netz an. Über­haupt, Super­kno­ten gibt es reich­lich unter den euro­pa­recht­li­chen Nor­men, unter den so genann­ten Quer­schnitts­be­grif­fen, unter den dog­ma­ti­schen Kon­struk­tio­nen wie dem Kon­zept der Dritt­wir­kung von Grund­rech­ten (S. 556) und wei­ter unter Rechts­in­sti­tu­ten (trans­na­tio­na­le Ver­wal­tungs­ak­te, inter­na­tio­na­le Han­dels­bräu­che, S. 558).
Nach den Kno­ten kom­men die Fäden (S. 560ff). Die Fäden bestehen aus Kom­mu­ni­ka­ti­on. Auf 30 Sei­ten ist daher von ver­schie­de­nen Aspek­ten der Rechts­kom­mu­ni­ka­ti­on die Rede. Dar­über geht die Bezie­hung zum Netz­werk des Rechts ver­lo­ren. Sie wird auf S. 592 müh­sam wie­der­her­ge­stellt mit der Aus­sa­ge, die unter­schied­li­chen Fäden im Netz­werk des Rechts hät­ten einen struk­tu­rel­len und einen pro­zess­haft dyna­mi­schen Aspekt. Als Zwi­schen­fa­zit wird fest­ge­hal­ten: »Die Bestand­tei­le eines Net­zes las­sen sich im Recht tat­säch­lich iden­ti­fi­zie­ren. Das Recht hat Kno­ten, Super­kno­ten und Fäden. Das deu­tet dar­auf hin, dass das Recht tat­säch­lich ein Netz ist.« Damit aus die­sen Bau­tei­len ein Netz wer­de, müss­ten nur noch die typi­schen Net­z­ei­gen­schaf­ten fest­ge­stellt wer­den, näm­lich Inter­ak­ti­vi­tät, Rezi­pro­zi­tät und Non­linea­ri­tät. Unter Non­linea­ri­tät ver­steht Boeh­me-Neß­ler die in Net­zen gege­be­ne Erreich­bar­keit von Kno­ten nicht bloß auf direk­tem Wege von A zu B, son­dern auf Umwe­gen und über Quer­ver­bin­dun­gen (S. 533 f.). Die genann­ten drei Eigen­schaf­ten wer­den auf den nächs­ten 30 Sei­ten (bis S. 624) natür­lich auch gefun­den. Und so hat die Unter­su­chung gezeigt: »Das Recht ins­ge­samt lässt sich als aus­dif­fe­ren­zier­tes Netz­werk begrei­fen. Damit ist kei­ne blo­ße Ana­lo­gie, son­dern eine Homo­lo­gie gemeint. Das Recht ist nicht wie ein Netz. Das Recht ist ein Netz«. (S. 625) Es folgt die nor­ma­ti­ve Kon­se­quenz: Das Recht soll sich beneh­men wie ein Netz­werk, also inter­ak­tiv, rezi­prok und nicht­li­ne­ar, kurz, wie im Buch­ti­tel ver­spro­chen, unscharf.
Die inhalt­li­chen Kon­se­quen­zen Boeh­me-Neß­lers aus dem Netz­werk­kon­zept (S. 626–632) ent­spre­chen mehr oder weni­ger dem, was man heu­te in Rechts­so­zio­lo­gie und Rechts­theo­rie über das Recht zu sagen pflegt: Das Recht muss sich von sei­nem Selbst­ver­ständ­nis als hier­ar­chisch, line­ar und kon­di­tio­nal struk­tu­riert ver­ab­schie­den. Recht ist ein Pro­dukt der Evo­lu­ti­on und des­halb nicht sys­te­ma­tisch durch­ge­plant. Als Instru­ment zweck­ra­tio­na­ler Steue­rung ist das Recht unge­eig­net. Die Ein­heit des Rechts ist Illu­si­on, denn Rechts­plu­ra­lis­mus ist Rea­li­tät. Wider­spruchs­frei­heit ist nicht erreich­bar. Mit die­sen The­sen steht Boeh­me-Neß­ler nicht allein, und sie sol­len als sol­che hier nicht kri­ti­siert wer­den. Die Kri­tik gilt allein ihrer Ablei­tung aus dem »Netz­werk­pa­ra­dig­ma«. Wenn mehr dahin­ter ste­cken soll als eine über­be­an­spruch­te Meta­pher, dann möch­te man genau­er wis­sen, an wel­che Net­ze der Ver­fas­ser gedacht hat. Geht es um ein Netz? Geht es um vie­le Net­ze? Geht es um Akteurs­netz­wer­ke oder um Ereig­nis­netz­wer­ke oder um seman­ti­sche Net­ze? Wenn es um seman­ti­sche Net­ze geht, sind dann deskrip­ti­ve, nor­ma­ti­ve oder logi­sche Bezie­hun­gen zwi­schen den Kno­ten gemeint? Dass Wider­spruchs­frei­heit »kein rele­van­ter Topos für Net­ze« ist (S. 630), mag für Ereig­nis­net­ze und seman­ti­sche Net­ze gel­ten, wenn die Bezie­hun­gen deskrip­tiv ana­ly­siert wer­den. Aber es gilt sicher nicht für seman­ti­sche Net­ze von nor­ma­ti­ven oder logi­schen Bezie­hun­gen. Und wenn es schließ­lich heißt, »Wider­sprü­che« sei­en nicht zuletzt die Trei­ber der Kom­mu­ni­ka­ti­on in Net­zen und der Wei­ter­ent­wick­lung von Net­zen« (S. 633), sind dann logi­sche Wider­sprü­che gemeint oder Kon­flik­te vom For­mat »ich wider­spre­che dir«? Die »Inter­ven­ti­ons- und Steue­rungs­ge­setz­ge­bung« mag ein »Aus­lauf­mo­dell« sein« (S. 627). Doch wem gilt die Steue­rung, dem »Netz­werk Recht« (so S. 626) oder der Gesell­schaft? Unter »netz­ge­präg­tem Den­ken« (S. 631) kann ich mir gut ein Nach­den­ken über Netz­wer­ke vor­stel­len. Aber dass Kau­sa­li­tät und Linea­ri­tät als Denk­ka­te­go­ri­en obso­let wer­den (S. 630), wenn man die »Non­linea­ri­tät« von Netz­wer­ken, das heißt also die viel­fach indi­rek­te und ver­mit­tel­te Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen sei­nen Kno­ten, zur Kennt­nis nimmt, will nicht ein­leuch­ten.

Ist das »Netz­werk« ein Rechts­be­griff? »Nein« sag­te 1993 Bux­baum, und Teub­ner stimm­te ihm noch 2004 (S. 11) zu. Aber Bux­baum begrün­de­te sei­ne Ant­wort gar nicht, son­dern bot eine schö­ne Zusam­men­fas­sung von Powells »Neit­her Mar­ket nor Hier­ar­chy«. Viel­leicht war die Ant­wort 1993 noch rich­tig. Heu­te jeden­falls ist sie nicht mehr halt­bar. Inzwi­schen ist das Netz­werk auch zu einem Rechts­be­griff gewor­den, der von der Dog­ma­tik zur Kenn­zeich­nung von For­men koope­ra­ti­ver Ver­wal­tung und kom­ple­xen Mehr­par­tei­en- und Lang­zeit­ver­trä­gen benutzt wird und der auch in Norm­tex­ten auf­taucht.[42] In die­sem Sin­ne ist der Euro­päi­sche Ver­wal­tungs­ver­bund ein Netz­werk, auch wenn es dem Begriff viel­leicht noch »an einem exak­ten rechts­dog­ma­ti­schen Gehalt« fehlt.[43] Auch Teub­ner ver­wen­det de fac­to das Netz­werk als Rechts­be­griff, um sei­ne Fäl­le »Unter­neh­mens­netz­wer­ke, Fran­chi­sin­gnet­ze, Just-in-Time-Sys­te­me, vir­tu­el­le Netz­un­ter­neh­men« auf einen Nen­ner zu brin­gen. Ähn­lich Ladeur (S. 151 ff), wenn er für das Zivil­recht netz­werk­ar­ti­ge Ver­trags­ge­stal­tun­gen im Rechts­sys­tem der »Gesell­schaft der Netz­wer­ke« aus­macht. Es ist ja kei­ne Beson­der­heit, dass das­sel­be Wort für unter­schied­li­che Begrif­fe her­hal­ten muss. Umso wich­ti­ger ist es, dass aus dem Text oder Kon­text klar wird, ob der Rechts­be­griff oder der sozio­lo­gi­sche Begriff des Netz­werks gemeint ist.

2)                          Die Ideologielastigkeit des Netzwerkbegriffs

Die inter­dis­zi­pli­nä­re Ver­wen­dung des Netz­werks­kon­zepts läuft Gefahr, mehr oder weni­ger selek­tiv auf typi­sche Netz­werk­ei­gen­schaf­ten zurück­zu­grei­fen und sie nor­ma­tiv auf­zu­la­den. In der rechts­theo­re­ti­schen Dis­kus­si­on geht es in ers­ter Linie um inter- und intra­or­ga­ni­sa­tio­na­le Netz­wer­ke. Die Fas­zi­na­ti­on, die vom Netz­werk­be­griff aus­geht, nährt sich vom Bild per­sön­li­cher Netz­wer­ke. Deren typi­sche Eigen­schaf­ten wer­den auf Netz­wer­ke mit Orga­ni­sa­ti­ons­be­tei­li­gung pro­ji­ziert. Die Varia­bi­li­tät real exis­tie­ren­der Netz­wer­ke ist aber so groß, dass die abs­trak­te Bezug­nah­me auf das Netz­werk­kon­zept leicht zur Ideo­lo­gie gerät. Die Net­ze, um die es in der Rechts­theo­rie geht, sind immer heterar­chisch. Sie sind locker und in Bewe­gung. Sie sind fle­xi­bel und pro­duk­tiv. Sie sind in dem Sin­ne »more soci­al«[44], dass sie »stär­ker auf Bezie­hun­gen, Anse­hen und gegen­sei­ti­ge Inter­es­sen ange­wie­sen und weni­ger durch for­ma­le Regeln bestimmt« sind als Orga­ni­sa­tio­nen. Die­se und ande­re Eigen­schaf­ten von Netz­wer­ken las­sen sich nicht schon aus dem Netz­werk­be­griff ablei­ten, son­dern müs­sen in jedem Ein­zel­fall erst empi­risch nach­ge­wie­sen wer­den. Des­halb ist es gefähr­lich, von Netz­wer­ken an sich zu spre­chen.

Ein Bei­spiel für die unkri­ti­sche Ver­wen­dung posi­ti­ver Prä­di­ka­te bie­tet Boeh­me-Neß­ler: Netz­wer­ke sind »dyna­misch«, sie befin­den sich im »Fließ­gleich­ge­wicht«. Sie las­sen sich als »grund­le­gen­des Mus­ter des Lebens« ver­ste­hen (S. 518). Auch poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Net­ze die­nen eigent­lich dem Infor­ma­ti­ons­fluss (S. 518). Net­ze sind »inter­ak­tiv«, und das heißt im Kern, sie sind »respon­siv« und »rezi­prok« (S. 518f.). Die in Net­zen rea­li­sier­te Rück­kopp­lung stellt eine Art von »checks and balan­ces« dar (S. 520). Netz­wer­ke beför­dern über Gren­zen hin­weg »Kon­ver­genz und Kon­nek­ti­vi­tät« (S. 520f.). Netz­wer­ke sor­gen für »inne­res Gleich­ge­wicht«. Zwar kön­nen kom­ple­xe Sys­te­me insta­bi­le Zustän­de ent­wi­ckeln. Aber das Cha­os bleibt aus. Aus der Insta­bi­li­tät folgt viel­mehr lawi­nen­ar­tig gro­ßer Erfolg, sei es im Bereich der Wirt­schaft, sei es bei kul­tu­rel­len Ide­en und Trends. Aus insta­bi­len Gleich­ge­wich­ten ent­wi­ckelt sich neue Ord­nung (S. 522). Netz­wer­ke sind »inno­va­tiv« und »robust«, und sie tra­gen das Qua­li­täts­sie­gel des Evo­lu­tio­nä­ren (S. 534). Rezi­pro­zi­tät und Koope­ra­ti­on (wie sie in Netz­wer­ken rea­li­siert wer­den) sind »ein über­grei­fen­des Mus­ter des Lebens« (S. 523).

3)                          Ostroms Frage

Die wich­tigs­te Eigen­schaft, die Rechts­theo­re­ti­ker den Netz­wer­ken bei­le­gen, ist Selbst­or­ga­ni­sa­ti­ons­fä­hig­keit. Die Fra­ge­stel­lung ist nicht klar. Ist gemeint, dass Netz­wer­ke sich intern selbst orga­ni­sie­ren? Oder lie­fern sie auch einen Ord­nungs­über­schuss über die eige­nen Gren­zen hin­aus? Sol­che Unklar­hei­ten ver­bin­den sich mit einem dicken Defi­zit. Nir­gends fin­det sich in der post­mo­der­nen Rechts­theo­rie eine Aus­ein­an­der­set­zung mit Ost­roms Fra­ge: War­um ist Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on in eini­gen Fäl­len erfolg­reich und in ande­ren nicht?[45]

V.   Exkurs: Akteur-Netzwerk-Theorie (Bruno Latour)

Tex­te von Bru­no Latour: Labo­ra­to­ry Life. The Soci­al Con­struc­tion of Sci­en­ti­fic Facts. Bever­ly Hills 1979 (zusam­men mit Ste­ve Wool­gar; On Actor Net­work Theo­ry. A Few Cla­ri­fi­ca­ti­ons, Sozia­le Welt 47, 1996, 369–381; Das Par­la­ment der Din­ge: für eine poli­ti­sche Öko­lo­gie, 2001; La fabri­que du droit, Une eth­no­lo­gie du Con­seil d’Etat, Paris 2002; Von der Real­po­li­tik zur Ding­po­li­tik oder Wie man Din­ge öffent­lich macht, 2005; Eine neue Sozio­lo­gie für eine neue Gesell­schaft. Ein­füh­rung in die Akteur-Netz­werk-Theo­rie, 2007 [Reas­sem­bling the Soci­al: An Intro­duc­tion to Actor-Net­work-Theo­ry, Oxford 2005]. Web­sei­te von Bru­no Latour mit Tex­ten zum Down­load: http://​www​.bru​no​-latour​.fr/.

Lite­ra­tur: Andrea Belliger/David Krie­ger (Hg.): ANTho­lo­gy. Ein ein­füh­ren­des Hand­buch zur Akteur-Netz­werk-Theo­rie, 2006; Mar­kus Hol­zin­ger, Natur als sozia­ler Akteur. Rea­lis­mus und Kon­struk­ti­vis­mus in der Wis­sen­schafts- und Gesell­schafts­theo­rie, 2004; ders., Wel­cher Rea­lis­mus? Wel­cher Sozi­al­kon­struk­ti­vis­mus? Ein Kom­men­tar zu Georg Kne­ers Ver­tei­di­gung des Sozi­al­kon­struk­ti­vis­mus und zu Bru­no Latours Akteur-Netz­werk-Theo­rie, Zeit­schrift für Sozio­lo­gie 38, 2009, 521–534; Hen­ning Laux, Bru­no Latour meets Har­r­i­son White. Über das sozio­lo­gi­sche Poten­ti­al der Netz­werk­for­schung, Sozia­le Sys­te­me 15, 2009, 367–397; Ron Levi/Mariana Val­ver­de, Stu­dy­ing Law by Asso­cia­ti­on: Bru­no Latour Goes to the Con­seil d’État, Law & Soci­al Inqui­ry 33, 2008, 805–825; Rei­ner Ruf­fing, Bru­no Latour, 2009; Gun­ther Teub­ner, Elek­tro­ni­sche Agen­ten und gro­ße Men­schen­af­fen: Zur Aus­wei­tung des Akteurs­sta­tus in Recht und Poli­tik, ZfR­Soz 27, 2006, 5–30; Ingo Schulz-Scha­ef­fer, Akteur-Netz­werk-Theo­rie. Zur Koevo­lu­ti­on von Gesell­schaft, Natur und Tech­nik, in: Chris­ti­an Steg­bau­er (Hg.), Netz­werk­ana­ly­se und Netz­werk­theo­rie. Ein neu­es Para­dig­ma in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, 2008, 187–211; Johan­nes Wey­er, Die Koope­ra­ti­on mensch­li­cher Akteu­re und nicht-mensch­li­cher Agen­ten. Ansatz­punk­te einer Sozio­lo­gie hybri­der Sys­te­me, in: Wil­helm Berger/Günter Get­zin­ger (Hg.), Das Tätig­sein der Din­ge, Bei­trä­ge zur Hand­lungs­trä­ger­schaft von Tech­nik, 2009, 61–92 [zuerst erschie­nen als Arbeits­pa­pier des Fach­ge­biets Tech­nik­so­zio­lo­gie der Uni­ver­si­tät Dort­mund, Nr. 16/2006].

Ver­die­nen Büro­klam­mern und Trep­pen­häu­ser die Auf­merk­sam­keit der Rechts­so­zio­lo­gie? In sei­ner Stu­die über den Con­seil d’État (2002) behaup­tet Latour in der Tat, dass sich die Arbeit des Gerichts nicht allein durch mensch­li­ches Han­deln und auch nicht aus der Kom­bi­na­ti­on von Men­schen und Rechts­tex­ten, son­dern erst aus einem grö­ße­ren Zusam­men­hang erklä­ren las­se, der eine Viel­falt gegen­ständ­li­cher »Akteu­re« ein­schlie­ße. Mensch­li­ches Han­deln reagiert auf natür­li­che Gege­ben­hei­ten und tech­ni­sche Arte­fak­te. Das ist mehr oder weni­ger selbst­ver­ständ­lich und wird wohl des­halb von der Sozio­lo­gie kaum bedacht. Viel Beach­tung hat des­halb Bru­no Latours Akteur-Netz­werk-Theo­rie gefun­den, die Men­schen und Gegen­stän­de zu einer hybri­den Ein­heit zusam­men­fasst.

Die Netz­werk­ana­ly­se hat mit die­ser Idee kei­ne Pro­ble­me. Sie kann die Bezie­hun­gen zwi­schen sozia­len Akteu­ren und Objek­ten aller Art als bipar­ti­te Netz­wer­ke dar­stel­len.

Ein Netz­werk heißt bipar­tit, wenn es zwei ver­schie­de­ne Arten von Kno­ten auf­weist und die Kan­ten von der einen zur ande­ren Art ver­lau­fen. Bei­spie­le geben Kun­den und die von ihnen gekauf­ten Waren oder Wis­sen­schaft­ler und ihre Wer­ke.

Aber der Netz­werk­be­griff ist in die­sem Zusam­men­hang eher irre­füh­rend. Es geht um Situa­ti­ons­be­schrei­bun­gen, in denen Men­schen und Objek­te inter­agie­ren, indem sie sich wech­sel­sei­tig Eigen­schaf­ten und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten zuschrei­ben.

Für Latour und vie­le, die ihm fol­gen, zeigt sich in sol­chen »Netz­wer­ken«, dass Natur und Tech­nik auf der einen und Kul­tur, Gesell­schaft und Poli­tik auf der ande­ren Sei­te sich zu einer hybri­den Enti­tät ver­bin­den. Eine juris­ti­sche Kon­se­quenz könn­te etwa sein, dass man Auto­ma­ten als hand­lungs­fä­hig akzep­tiert und ihnen eine begrenz­te Rechts­fä­hig­keit zuer­kennt. Damit hat Latour auf ein Defi­zit der gän­gi­gen Sozio­lo­gie reagiert. Die natür­li­che und die tech­ni­sche Umwelt fin­det in ihren Theo­ri­en kei­ne gro­ße Beach­tung. In der Rechts­so­zio­lo­gie spielt sie etwa unter den Stich­wor­ten »Rea­li­en der Gesetz­ge­bung« oder »Recht und tech­ni­scher Wan­del« nur eine Neben­rol­le. Doch letzt­lich bleibt es dabei: Die Objekt­welt ist für die Gesell­schaft nur soweit rele­vant, wie sie sich im Wis­sen und im Han­deln der Men­schen spie­gelt. Nur im über­tra­ge­nen Sin­ne kann man von Inter­ak­tio­nen zwi­schen Men­schen und Din­gen reden. Men­schen han­deln nicht gegen­über Din­gen, son­dern mit Rück­sicht auf Din­ge. Daher kann die Sozio­lo­gie mit ihren her­kömm­li­chen Theo­ri­en durch­aus auch die Ding­welt indi­rekt ein­schlie­ßen. Dazu eig­net sich beson­ders der Situa­ti­ons­be­griff. Eine onto­lo­gi­sche Über­hö­hung von Netz­wer­ken aus Men­schen und Din­gen zu hybri­den Enti­tä­ten gehört in das Reich der Phi­lo­so­phie.

Immer­hin len­ken die Arbei­ten Latours die Auf­merk­sam­keit auf ein Defi­zit der Sozio­lo­gie im Umgang mit der intel­li­gen­ten Tech­nik. Die­se beginnt schon beim Back­ofen, der sich selbst abschal­tet und endet noch noch lan­ge nicht mit Auto­pi­lot­sys­te­men oder Com­pu­ter­pro­gram­men, die selb­stä­tig an der Bör­se han­deln. Aber Latour selbst hat dazu nichts bei­ge­tra­gen. Johan­nes Wey­er (2006) res­u­miert:

»Die von Latour gelie­fer­te Empi­rie fokus­siert auf simp­le, kon­ven­tio­nel­le Tech­nik wie Tür­schlüs­sel und Boden­schwel­len. ›Intel­li­gen­te‹ Tech­nik und Agen­ten­sys­te­me wird man bei ihm ver­geb­lich suchen. … Als Fazit lässt sich also fest­hal­ten, dass Latour durch sei­ne Pro­vo­ka­tio­nen die Debat­te zwar ange­sto­ßen und den Blick der (Tech­nik-) Sozio­lo­gie für die nicht-mensch­li­chen Mit­spie­ler geöff­net hat. Für die Ana­ly­se der Inter­ak­tio­nen zwi­schen mensch­li­chen und nicht-mensch­li­chen Ent­schei­dern in hybri­den Sys­te­men hat Latour jedoch kei­nen kon­kre­ten Bei­trag geleis­tet.«

 


[1] Jakob L. More­no, Who Shall Sur­vi­ve?, Washing­ton, DC 1934 (Die Grund­la­gen der Sozio­me­trie. Wege zur Neu­ord­nung der Gesell­schaft, Köln 1954).

[2] Black­well, Oxford, 1974.

[3] Einen gute Ein­füh­rung gibt David Krie­sel, Ein klei­ner Über­blick über Neu­ro­na­le Net­ze, 2007.

[4] The Rise of the Net­work Socie­ty, 1996.

[5] In einer Nach­fol­ge­un­ter­su­chung haben Peter Sher­i­dan Dodds, Roby Muha­mad und Dun­can J. Watts 60.000 Email-User ver­an­lasst, 18 Ziel­per­so­nen in 13 Län­dern zu errei­chen, indem sie eine Nach­richt jeweils an einen Bekann­ten wei­ter­sand­ten. Sie kamen zu dem Ergeb­nis, dass es grund­sätz­lich wohl mög­lich sei, auch im glo­ba­len Maß­stab belie­big Ziel­per­so­nen über per­sön­li­che Netz­wer­ke zu errei­chen, und schätz­ten, dass dazu durch­schnitt­lich fünf Ver­mitt­lungs­schrit­te not­wen­dig sei­en. Die Pro­ban­den waren dabei sehr ver­schie­den erfolg­reich. Der Erfolg war von sozia­len Merk­ma­len (von denen indi­rekt die ver­füg­ba­ren Netz­wer­ke abhän­gen) und von der Such­stra­te­gie abhän­gig. Bei den ers­ten Schrit­ten wur­de vor allem nach Per­so­nen gesucht, die der Ziel­per­son geo­gra­phisch nahe waren. Bei den letz­ten Schrit­ten wur­de vor allem nach Ver­mitt­lern gesucht, die aus einem ähn­li­chen Berufs­feld kamen wie die Ziel­per­so­nen. Am erfolg­reichs­ten waren Pro­ban­den, die pro­fes­sio­nel­le Bezie­hun­gen nut­zen konn­ten: An Expe­ri­men­tal Stu­dy of Search in Glo­bal Soci­al Net­works, Sci­ence 301, 29003, 827–829.

[6] Zur Kri­tik Judith S. Klein­feld, The Small World Pro­blem, Socie­ty 2002, 61–66.

[7] Zu Gra­no­vet­ters The­sen aus­führ­lich unter netz­ana­ly­ti­schem Aspekt Easly/Kleinberg S. 43 ff.

[8] Dass die über sozia­le Netz­wer­ke gefun­de­nen Arbeits­plät­ze, was die Job­zu­frie­den­heit und das Ein­kom­men betrifft, auch die bes­se­ren sind, wird bezwei­felt: Ger­hard Krug/Martina Reh­bi­en, Net­work-Based Job Search. An Ana­ly­sis of Mone­ta­ry and Non-Mone­ta­ry Labor Mar­ket Out­co­mes for the Low-Sta­tus Unem­ploy­ed, Zeit­schrift für Sozio­lo­gie 41, 2012, 316–333.

[9] Mar­ti­na Brandt, Sozia­le Kon­tak­te als Weg aus der Erwerbs­lo­sig­keit, KZfSS 58, 2006, 468–488; (dar­über Jür­gen Kau­be, Wer Freun­de hat, fin­det leich­ter Arbeit, Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Sonn­tags­zei­tung v. 17. 12. 2006, S. 76); Johan Ugander/Lars Backstrom/Cameron Marlow/Jon Klein­berg, Struc­tu­ral Diver­si­ty in Soci­al Con­ta­gi­on, PNAS vom 17. April 2012 (Bd. 109 Nr. 16, 5962–5966).

[10] Von den vie­len ein­schlä­gi­gen Publi­ka­tio­nen Burts sei hier nur ein im Inter­net zugäng­li­cher Arti­kel aus dem Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy, 2004, ange­führt: Struc­tu­ral Holes and Good Ide­as.

[11] Z. B. bei Lars Viel­lech­ner, The Net­works of Net­works: Karl-Heinz Ladeur’s Theo­ry of Law and Glo­ba­li­za­ti­on, Ger­man Law Jour­nal 2009, 515–536.

[12] Eli M. Noam, Inter-con­nec­ting the Net­work of Net­works, 2001)

[13] Fried­helm Neid­hardt, Eini­ge Ide­en zu einer all­ge­mei­nen Theo­rie sozia­ler Bewe­gun­gen, in: Ste­fan Hra­dil (Hg.), Sozi­al­struk­tur im Umbruch, 1985, 193–204, S. 197. Dazu als empi­ri­sche Unter­su­chung Tho­mas Ohle­ma­cher, Brid­ging Peop­le and Pro­test: Soci­al Relays of Pro­test Groups against Low-Fly­ing Mili­ta­ry Jets in West Ger­ma­ny, Soci­al Pro­blems 43, 1996, 187–218 (Vor­be­richt »Sozia­le Relais und Pro­test« in WZB-Mit­tei­lun­gen 58, 1992, 9–11).

[14] Paul Erdös/Alfred Rényi, On the Evo­lu­ti­on of Ran­dom Graphs, Publi­ca­ti­ons of the Mathe­ma­ti­cal Insti­tu­te of the Hun­ga­ri­an Aca­de­my of Sci­en­ces 5, 1959, 17–61.

[15] Albert-László Barabási/Réka Albert, Emer­gence of Sca­ling in Ran­dom Net­works, Sci­ence 286, 1999, 509–512. Fer­ner Sta­tis­ti­cal Mecha­nics of Com­plex Net­works, Revue of Modern Phy­sics 74, 2002, 47–97, sowie Albert-László Barabási/Eric Bon­a­beau, Sca­le-Free Net­works, Sci­en­ti­fic Ame­ri­can, Mai 2003; deut­sche Fas­sung: Ska­len­freie Netz­wer­ke, Spek­trum der Wis­sen­schaft Juli 2004, S. 62–69.

[16] Robert K. Mer­ton, The Mat­thew Effect in Sci­ence, Sci­ence, 1968, 56–63; vgl. auch den Blog-Ein­trag Nach­le­se: Wie wirkt Recht? vom 29. 6. 2010.

[17] Sta­tis­ti­cal Mecha­nics of Com­plex Net­works, Revue of Modern Phy­sics 74, 2002, 47–97.

[18] Dun­can J. Watts, Six Degrees: The Sci­ence of a Con­nec­ted Age, W. W. Nor­ton and Com­pa­ny. 2003; Albert-László Bar­a­bá­si, Lin­ked: The New Sci­ence of Net­works, Per­seus, Cam­bridge, MA, 2002; Mark Buchan­an, Nexus: Small Worlds and the Ground­brea­king Theo­ry of Net­works, W. W. Nor­ton and Com­pa­ny, 2002. Watts und Stro­gatz geben eine kom­pak­te Dar­stel­lung ihrer Arbeit in einem Inter­view für Sci­en­ce­watch Dezem­ber 2008.

[19] Nicho­las A. Christakis/ James H. Fow­ler, Con­nec­ted. The Sur­pri­sing Power of Our Soci­al Net­works and How They Shape Our Lives, Litt­le, Brown & Com­pa­ny. Die Auto­ren stel­len ihr Buch aus­führ­lich in einem Vor­trag vor, der auf der Web­sei­te von Micro­soft zu fin­den ist. Eine aus­führ­li­che Bespre­chung in The New York Times Sunday Book Review vom 1. 1. 2009.

[20] Robin I. M. Dun­bar, Coevo­lu­ti­on of Neo­cor­ti­cal Size, Group Size and Lan­guage in Humans, Beha­vio­ral and Brain Sci­en­ces 16, 1993, 681–735.

[21] Nico­la Jentsch, Eupho­ri­en, Tur­bu­len­zen, Pani­ken: Die Öko­no­mie des Risi­kos, Vor­trags­ma­nu­skript, o. J.

[22] Ger­not Grab­her, The Weak­ness of Strong Ties: The Lock-In of Regio­nal Deve­lop­ments in the Ruhr Area, in: ders. (Hg.), The Embed­ded Firm. On the Socio­eco­no­mics of Indus­tri­al Net­works, 1993, 255–277. Zita­te aus der Zusam­men­fas­sung in WZB-Mit­tei­lun­gen 58, Dezem­ber 1992, 3–7)

[23] Powell ver­weist dazu auf Clif­ford Geertz, The Bazaar Eco­no­my: Infor­ma­ti­on and Search in Peasant Mar­ke­ting, The Ame­ri­can Eco­no­mic Review 68, 1978, 28–32. Für die Rechts­so­zio­lo­gie wird man sich eher auf (älte­re) Arbei­ten von Ste­wart Macau­lay und Ian Macneil bezie­hen (die in § 64 unten ange­führt wer­den).

[24] Arthur L. Stinch­com­be, Con­tracts as Hier­archi­cal Docu­ments, in: Arthur L. Stinchcombe/Carol Anne Hei­mer (Hg.), Orga­ni­za­ti­on Theo­ry and Pro­ject Manage­ment, Oslo/Oxford 1985, 121–171.

[25] Gun­ther Teub­ner, Netz­werk als Ver­trags­ver­bund, 2004, 89ff, 93; vgl. auch ders., Die viel­köp­fi­ge Hydra: Netz­wer­ke als kol­lek­ti­ve Akteu­re höhe­rer Ord­nung, in: Wolf­gang Krohn/Günter Küp­pers (Hg.), Emer­genz. Die Ent­ste­hung von Ord­nung, Orga­ni­sa­ti­on und Bedeu­tung, 1992, 535–561.

[27] Ange­li­ka Nuß­ber­ger, Wer zitiert wen? Zur Funk­ti­on von Zita­ten bei der Her­aus­bil­dung gemein­eu­ro­päi­schen Ver­fas­sungs­rechts, Juris­ten­zei­tung, 2006, 763–770.

[28] Eric Simon, Geset­zes­aus­le­gung im Straf­recht, Eine Ana­ly­se der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung, 2005.

[29] Hans Kudlich/Ralph Chris­ten­sen, Die Metho­dik des BGH in Straf­sa­chen, Eine medi­en­wis­sen­schaft­li­che Inhalts­ana­ly­se von Ent­schei­dungs­grün­den in Straf­sa­chen samt rechts­theo­re­ti­schen Anschluss­fra­gen, 2009.

[30] Com­pu­ter­kul­tur und Evo­lu­ti­on der Metho­den­dis­kus­si­on in der Rechts­wis­sen­schaft, Archiv für Rechts- und Sozi­al­phi­lo­so­phie 74, 1988, 218–238, S. 237 Fn. 114.

[31] Dani­el Mar­tin Katz/Derek K. Staf­ford, Hust­le and Flow: A Soci­al Net­work Ana­ly­sis of the Ame­ri­can Federal Judi­cia­ry, Ohio Sta­te Law Jour­nal 71, 2010, 457–507.

[32] Dani­el Mar­tin Katz u. a., Repro­duc­tion of Hier­ar­chy? A Soci­al Net­work Ana­ly­sis of the Ame­ri­can Law Pro­fes­so­ria­te, Jour­nal of Legal Edu­ca­ti­on 61, 2011, 1–28.

[33] Fritz Dolder/Mauro Buser, Zitie­ren geht über Stu­die­ren – Empi­ri­sche Wan­de­run­gen im Grenz­ge­biet zwi­schen Rechts­leh­re und Recht­spre­chung, in: Josef Ester­mann (Hg.), Inter­dis­zi­pli­nä­re Rechts­for­schung zwi­schen Rechts­wirk­lich­keit, Rechts­ana­ly­se und Rechts­ge­stal­tung, Bern 2010, 193–210; Mat­thi­as M. Siems, Cita­ti­on Pat­terns of the Ger­man Federal Supre­me Court and the Court of Appeal of Eng­land and Wales, 2009.

[34] Micha­el James Bommarito/Daniel Mar­tin Katz, Mathe­ma­ti­cal Approach to the Stu­dy of the United Sta­tes Code, Phy­si­ca A 389, 2010, 4195–4200, ver­füg­bar in SSRN.

[35] Micha­el James Bommarito/Daniel Mar­tin Katz/Jon Zel­ner, Law as a Seam­less Web? Com­pa­ri­son of Various Net­work Rep­re­sen­ta­ti­ons of the United Sta­tes Supre­me Court Cor­pus (1791−2005), SSRN 2009; James H. Fow­ler u. a., Net­work Ana­ly­sis and the Law: Mea­su­ring the Legal Impor­t­an­ce of Pre­ce­dents at the U.S. Supre­me Court, Poli­ti­cal Ana­ly­sis 15, 2007, 324–346; Tho­mas A. Smith, The Web of Law, SSRN 2005.

[36] Paul Erdös/Alfred Rényi, On the Evo­lu­ti­on of Ran­dom Graphs, Publi­ca­ti­ons of the Mathe­ma­ti­cal Insti­tu­te of the Hun­ga­ri­an Aca­de­my of Sci­en­ces 5, 1959, 17–61.

[37] Die Idee stammt von von Cas­per Goff­man: And What Is Your Erdos Num­ber?, The Ame­ri­can Mathe­ma­ti­cal Mon­th­ly, 76, 1969, 791.

[38] Tabel­le und Berech­nung nach dem Stand vom 24. Juni 2011 auf der Sei­te http://​ora​cle​of​ba​con​.org/​c​e​n​t​e​r​.​php, die ihre Daten aus der Movie Data Base ent­nom­men hat.

[39] Vol­ker Schnei­der, Poli­tik­netz­wer­ke und die Steue­rung kom­ple­xer Gesell­schaf­ten, 2004 (spä­ter gedruckt in: Alex­an­der Ebner u. a., Hg., Inno­va­ti­on zwi­schen Markt und Staat, 2007.)

[40] Die Meta­pher stammt wohl von Fre­de­ric Maitland; dazu der Arti­kel » The Law Is A Seam­less Web« aus dem Legal Theo­ry-Lexi­con von Lawrence B. Solum. Die Empi­rie dazu steu­ert bei: Tho­mas A. Smith, The Web of Law, SSRN 2005.

[41] Doro­thea Jan­sen, Ein­füh­rung in die Netz­werk­ana­ly­se, 3. Aufl., 2006, 58.

[42] Z. B. in den Rechts­grund­la­gen des Netz­werks der euro­päi­schen Wett­be­werbs­be­hör­den (Euro­peam Com­pe­ti­ti­on Net­work – ECN), ins­be­son­de­re in der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1/2003.

[43] Eber­hardt Schmidt-Aßmann, Ver­fas­sungs­prin­zi­pi­en für den Euro­päi­schen Ver­wal­tungs­ver­bund, in: Hoff­mann-Rie­m/­Schmidt-Aßman­n/­Voß­kuh­le (Hg.), Grund­la­gen des Ver­wal­tungs­rechts Band I, 241–305; S. 256ff (Rn. 26ff); Hans-Chris­ti­an Röhl, Ver­fah­ren im Euro­päi­schen Ver­wal­tungs­ver­bund, ebd. Bd. II, S. 689–750, S. 727ff Rn. 54 ff); Jörg Phil­ipp Ter­hech­te, Das Inter­na­tio­na­le Kar­tell- und Fusi­ons­kon­troll­ver­fah­rens­recht zwi­schen Koope­ra­ti­on und Kon­ver­genz, ZaöRV 68, 2008, 689–762, S. 703.

[44] Wal­ter Powell, Weder Markt noch Hier­ar­chie, in: Patrick Kenis/Volker Schnei­der (Hg.), Orga­ni­sa­ti­on und Netz­werk, 1996, 213–271, 219.

[45] Eli­nor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir tei­len, 2011, S. 28.

 

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