§ 69 Der systemtheoretische Ansatz

Lite­ra­tur: Bühl (Hg.), Funk­ti­on und Struk­tur, 1975; Damm, Sys­tem­theo­rie und Recht, 1976; Deutsch, Poli­ti­sche Kyber­ne­tik, 3. Aufl. 1973; ders., Zur Theo­rie sozia­ler Sys­te­me, 1976; Tor­stein Eck­hoff/Nils K. Sund­by, Rechts­sys­te­me, 1988; Kiss, Struk­tur­funk­tio­na­lis­mus, in: ders., Ein­füh­rung in die sozio­lo­gi­schen Theo­ri­en II, 3. Aufl. 1977, 164 ff.; ders., Die funk­tio­nal-struk­tu­rel­le Sys­tem­theo­rie von Niklas Luh­mann, ebd. S. 321 ff.; Luh­mann, Sozia­le Sys­te­me, 1984 (SS); Mer­ton, Soci­al Theo­ry and Soci­al Struc­tu­re, 1968; Münch, Theo­rie sozia­ler Sys­te­me, 1976; Par­sons, The Struc­tu­re of Soci­al Action, 1968; ders., The Soci­al Sys­tem, 1951; ders., Sozio­lo­gi­sche Theo­rie 1963; ders, Zur Theo­rie sozia­ler Sys­te­me, 1976; ders./Shils, Toward a Gene­ral Theo­ry of Action, 1962; Her­bert A. Simon: The Archi­tec­tu­re of Com­ple­xi­ty, Pro­cee­dings of the Ame­ri­can Phi­lo­so­phi­cal Socie­ty 106, 1962, 467–482; Gün­ther Schmid, Funk­ti­ons­ana­ly­se und poli­ti­sche Theo­rie, 1974; fer­ner die bei §·9 genann­ten Arbei­ten Luh­manns.

 

I.   Von der Kausalanalyse zur Systemanalyse

Die Sys­tem­theo­rie hat mit der Insti­tu­tio­nen­leh­re gemein­sam, dass sie nicht ein­zel­ne Nor­men oder Rol­len, son­dern kom­ple­xe­re Ein­hei­ten betrach­tet, die ihrer Umwelt gegen­über eine gewis­se Selb­stän­dig­keit errei­chen. bei­spiels­wei­se im Rechts­be­reich auch ohne theo­re­ti­schen Anspruch gele­gent­lich Sys­te Die Ähn­lich­keit zur Insti­tu­tio­nen­leh­re wird deut­lich, wenn man auf­zählt, was m genannt wird: Der Staat, ein­zel­ne sei­ner Ver­wal­tungs­zwei­ge und Behör­den, Gerichts­bar­keit und Gerich­te, die Anwalt­schaft, juris­ti­sche Fakul­tä­ten, Betrie­be und Ver­ei­ne, aber auch recht­lich struk­tu­rier­te Klein­grup­pen wie die Fami­lie. Im Gegen­satz zu dem unre­flek­tier­ten Sys­tem­be­griff der All­tags­spra­che, geht es jetzt um den sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Sys­tem­be­griff, der das Recht als Sys­tem ande­ren sozia­len Sys­te­men (Wirt­schaft, Poli­tik, Kul­tur, Wis­sen­schaft) und dem Gesamt­sys­tem der Gesell­schaft gegen­über­stellt..

Sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Sys­tem­ana­ly­se ist ein Ver­such, bes­ser zu begrei­fen, wie sich in der Welt aus Cha­os und Zufall Ord­nung bil­det und erhält. Oft geben wir uns mit kau­sa­len Erklä­run­gen zufrie­den, die eine Ursa­che mit einer Wir­kung ver­knüp­fen, so wenn wir fra­gen, ob der vom Ange­klag­ten A abge­ge­be­ne Schuss den Tod des Opfers O ver­ur­sacht hat. Doch kau­sa­le Erklä­run­gen sind stets eine gro­be Ver­ein­fa­chung. Letzt­lich wir­ken immer vie­le Umstän­de zusam­men, um bestimm­te Wir­kun­gen her­bei­zu­füh­ren, ohne dass wir alle Kau­sal­ver­knüp­fun­gen erken­nen und benen­nen könn­ten.

Das zeigt sich am Bei­spiel des soge­nann­ten Öko­sys­tems. Die Natur bil­det ein so viel­schich­ti­ges Wir­kungs­ge­fü­ge, dass die kau­sa­le Betrach­tungs­wei­se ver­sagt. Eine Unzahl von Varia­blen fügt sich zu einem dich­ten Geflecht von Stoff­kreis­läu­fen, Ener­gie­flüs­sen und Infor­ma­ti­ons­ket­ten. Jeder Effekt ist mul­tik­au­sal bedingt. Die Ursa­chen akku­mu­lie­ren oder wir­ken gegen­ein­an­der. Die Ver­knüp­fun­gen sind zeit­lich und räum­lich weit gespannt. Umwelt­ver­schmut­zung und Kli­ma­ver­än­de­run­gen kön­nen nur noch glo­bal adäquat erfasst wer­den. Zwi­schen mög­li­chen Ursa­chen und erkenn­ba­ren Scha­dens­fol­gen lie­gen lan­ge Latenz­zei­ten. Zwi­schen bestimm­ten Ursa­chen, Fol­gen und Neben­fol­gen gibt es kaum eine bere­chen­ba­re Bezie­hung. Klei­ne Ursa­chen kön­nen gro­ße Wir­kung haben, und gro­ße Ursa­chen blei­ben schein­bar wir­kungs­los. Die Ergeb­nis­se der Kli­ma­for­schung oder der Wald­scha­dens­for­schung sind daher trotz gro­ßer Anstren­gun­gen nicht ein­deu­tig.

Es geht bei der Sys­tem­be­trach­tung aber nicht bloß um die Erklä­rung von »Wir­kun­gen«, son­dern viel­mehr dar­um, dass ein Sys­tem als Gan­zes Eigen­schaf­ten zeigt, die sich an kei­nem sei­ner Tei­le fin­den. Die For­mel, dass das Gan­ze mehr sei als die Sum­me sei­ner Tei­le, ver­weist auf die Gren­zen kau­sa­ler Erklä­run­gen. Auch wenn wir alle Eigen­schaf­ten und Wir­kungs­zu­sam­men­hän­ge eines Gegen­stands­be­reichs ken­nen, so ist doch aus die­sem Wis­sen nicht vor­her­seh­bar, dass bei einer bestimm­ten Kon­fi­gu­ra­ti­on die­ser Eigen­schaf­ten Phä­no­me­ne auf­tre­ten, die voll­stän­dig neu zu sein schei­nen, min­des­tens solan­ge wir den ent­schei­den­den Zusam­men­hang nicht ver­stan­den haben. Sol­che Phä­no­me­ne wer­den, weil sie neu »auf­tau­chen«, emer­gent genannt.

Das alt­grie­chi­sche Lehn­wort »Sys­tem« bedeu­tet Zusam­men­ord­nung. So bil­det jede Zusam­men­stel­lung von Kom­po­nen­ten, die in irgend­ei­ner Wei­se zusam­men­wir­ken und die wir, gera­de weil sie zusam­men­wir­ken, von ihrer Umwelt unter­schei­den kön­nen, ein Sys­tem. Ein Sys­tem wird daher defi­niert als ein Gefü­ge von Bezie­hun­gen, das sich von sei­ner Umwelt unter­schei­det.

Vie­le Sys­te­me fin­den wir in unse­rer natür­li­chen Umwelt. Luft und Son­ne, Wind und Wol­ken wir­ken zusam­men und bil­den das Wet­ter. Im Kör­per einer Pflan­ze oder eines Tie­res bewirkt eine Unzahl von Ele­men­ten in kom­ple­xer Anord­nung Wachs­tum und Fort­pflan­zung. Pflan­zen und Tie­re bil­den zusam­men mit dem Wet­ter und Tei­len der Erd­ober­flä­che Öko­sys­te­me. Wo Men­schen in Bezug auf­ein­an­der han­deln, bil­den sie sozia­le Sys­te­me. Dazu zäh­len die Fami­lie eben­so wie der Staat, Wirt­schafts­un­ter­neh­men eben­so wie die Gerich­te.

Sys­te­me las­sen sich unter ver­schie­de­nen Gesichts­punk­ten ord­nen. Wich­tig ist die Ein­tei­lung in mecha­ni­sche, bio­lo­gi­sche, psy­chi­sche und sozia­le Sys­te­me. Als sozia­le Sys­te­me unter­schei­det man Hand­lungs­sys­te­me, Orga­ni­sa­tio­nen und die Gesell­schaft. Die Gesell­schaft ist das all­um­fas­sen­de Sozi­al­sys­tem, jen­seits des­sen eine höhe­re Sys­tem­ebe­ne nicht mehr erkenn­bar ist. Das Recht bil­det ein sozia­les Sys­tem und wird als ein Teil­sys­tem der Gesell­schaft auf­ge­fasst. Gesell­schaft ist nach der Vor­stel­lung Luh­manns heu­te Welt­ge­sell­schaft.

»Gesell­schaft ist heu­te ein­deu­tig Welt­ge­sell­schaft, – ein­deu­tig jeden­falls dann, wenn man den hier vor­ge­schla­ge­nen Begriff des Gesell­schafts­sys­tems zugrun­de legt.« (Sozia­le Sys­te­me, 1984, S. 585)

Zugrun­de gelegt ist Luh­manns spe­zi­fi­sche Defi­ni­ti­on, nach Gesell­schaft das Ensem­ble aller für­ein­an­der erreich­ba­ren Kom­mu­ni­ka­tio­nen bil­det, eine Defi­ni­ti­on, die nicht all­ge­mein akzep­tiert wird.

In mecha­ni­schen Sys­te­men, z.B. einer Uhr oder einem Auto, las­sen sich die kau­sa­len Bezie­hun­gen noch ent­wir­ren. Des­halb ist es kein Zufall, dass die Sys­tem­theo­rie von Bio­lo­gen ent­wi­ckelt wur­de, denn bio­lo­gi­sche Sys­te­me sind so kom­plex, dass Kau­sal­ana­ly­se nicht aus­reicht, um die drei Eigen­schaf­ten zu erklä­ren, die sie aus­zeich­nen, näm­lich

  • Selbst­re­gu­lie­rung (Homöo­sta­se),
  • Selbst­er­hal­tung und Fort­pflan­zung (Auto­po­ie­se),
  • Fort­ent­wick­lung (Evo­lu­ti­on).

Ein bio­lo­gi­sches Sys­tem regu­liert sich selbst auf bestimm­te Soll­wer­te wie Tem­pe­ra­tur und Blut­druck. Zeit­wei­se woll­ten Sozio­lo­gen auch die Struk­tur sozia­ler Ein­hei­ten nach dem Vor­bild leben­der Orga­nis­men als Sys­te­me begrei­fen, die sich selbst auf einen bestimm­ten Zustand hin ein­re­gu­lie­ren und erhal­ten. Sie frag­ten: Wie viel Bil­dung, Reich­tum, Kri­mi­na­li­tät, Kunst usw. braucht die Gesell­schaft, um als »gesund« gel­ten zu kön­nen? Die­se Idee fin­det immer noch Anklang. Aber sie lässt sich nicht durch­hal­ten, denn sie setzt vor­aus, dass man für sozia­le Sys­te­me, ähn­lich wie für Lebe­we­sen, einen Zustand ermit­teln könn­te, bei dem sie als »gesund« anzu­se­hen wären. Die­sen Soll­wert gibt es nicht. Die älte­re Sys­tem­theo­rie wur­de daher durch eine funk­tio­na­le Theo­rie abge­löst, die sich dar­auf beschränkt, die Funk­ti­on bestimm­ter Ele­men­te für das gesam­te Sys­tem zu beschrei­ben. Man sucht nach rela­tiv gleich­för­mi­gen und dau­er­haf­ten Arran­ge­ments (Struk­tu­ren), ver­zich­tet aber dar­auf, sie aus Natur­ge­set­zen und Rand­be­din­gun­gen kau­sal zu erklä­ren, und begnügt sich damit, ihren Bei­trag (Funk­ti­on) für die Erhal­tung abgrenz­ba­rer Sozi­al­ein­hei­ten (Sys­te­me) dar­zu­stel­len.

Wenn eine Uhr ste­hen bleibt, ist viel­leicht die Feder gebro­chen. Aber auch ohne Kennt­nis der Ursa­che lässt sich die Uhr durch ein neu­es Werk wie­der gang­bar machen. Und wich­ti­ger noch: Die Funk­ti­on einer Uhr, näm­lich die Anzei­ge der Zeit, hängt nicht davon ab, ob sie ein mecha­ni­sches, ein elek­tri­sches oder ein elek­tro­ni­sches Werk besitzt. Abs­trak­ter for­mu­liert: Wenn ein Sys­tem »funk­tio­niert«, lässt sich dar­aus nicht auf die Exis­tenz bestimm­ter Struk­tur­ele­men­te schlie­ßen. Dazu müss­te man nach­wei­sen, dass das Vor­han­den­sein gera­de die­ses Struk­tur­ele­ments nicht nur eine hin­rei­chen­de, son­dern auch eine not­wen­di­ge Bedin­gung für die Erhal­tung des Sys­tems dar­stellt. Da die­ser Nach­weis in der Regel nicht zu erbrin­gen ist, steht eine Aus­sa­ge über die Funk­ti­on eines Struk­tur­ele­ments stets unter dem Vor­be­halt, dass die­ses Ele­ment gegen jede ande­re Gestal­tung aus­tausch­bar ist, die den glei­chen Bei­trag zur Sys­tem­er­hal­tung zu lie­fern ver­mag. Funk­ti­ons­ana­ly­se ist auf die Suche nach Alter­na­ti­ven ange­legt. Dadurch wird sie prak­tisch rele­vant.

Demo­kra­ti­sche Mit­be­stim­mung gilt als Quel­le mora­li­scher Legi­ti­ma­ti­on für eine Insti­tu­ti­on. Albert Hirsch­mann (Exit, Voice, and Loyal­ty, 1979) hat dar­auf auf­merk­sam gemacht, dass Mit­be­stim­mung (voice) nicht die ein­zi­ge Legi­ma­ti­ons­quel­le ist. Wenn die Zuge­hö­rig­keit frei­wil­lig und der Aus­tritt aus der Orga­ni­sa­ti­on (exit) nicht zu teu­er ist, so ver­liert die Mit­be­stim­mung an Bedeu­tung. Es kann sogar unfair sein, wenn Mit­glie­der, die erst kurz­zei­tig und viel­leicht auch nur vor­über­ge­hend der Orga­ni­sa­ti­on ange­hö­ren, eben­so mit­be­stim­men kön­nen, wie ande­re, die eine lan­ge loya­le Mit­glied­schaft ver­wei­sen kön­nen. »Exit« ist eine gleich­wer­ti­ge Alter­na­ti­ve, wenn es ande­re Insti­tu­tio­nen zur Wahl ste­hen. Mit­be­stim­mung ist not­wen­dig, wenn der Aus­tritt unmög­lich oder sehr kost­spie­lig ist. Aller­dings die Kos­ten des Aus­tritts und die Ver­füg­bar­keit alter­na­ti­ver Insti­tu­tio­nen eine Fra­ge des Mehr oder Weni­ger, so dass auch prag­ma­ti­sche Kom­bi­na­tio­nen von »exit« und »voice« in Betracht kom­men.

Ver­schie­de­ne Sys­te­me kön­nen inein­an­der ver­schach­telt sein. Ner­ven­sys­tem, Ver­dau­ungs­sys­tem, Kreis­lauf und Atmung bil­den Teil­sys­te­me (Sub­sys­te­me) des Kör­pers. Gemein­den, Städ­te und Krei­se bil­den Sub­sys­te­me der Län­der. In der Neu­zeit zeigt sich das Recht neben Wirt­schaft und Poli­tik, Wis­sen­schaft und Kunst, Fami­lie und Erzie­hung, Reli­gi­on und Sport als ein Teil­sys­tem der Gesell­schaft. Für jedes Teil­sys­tem kann man nach sei­nen Funk­tio­nen für das Gesamt­sys­tem und nach der Bezie­hung zu den ande­ren Tei­len fra­gen. Die Ver­schach­te­lung von Sys­te­men ist ein zen­tra­ler Aspekt von Kom­ple­xi­tät. Die­sen Aspekt hat grund­le­gend Her­bert A Simon beschrie­ben.

Die dif­fe­ren­zier­ten Teil­sys­te­me haben durch Spe­zia­li­sie­rung auf ihre beson­de­ren Funk­tio­nen in der moder­nen Gesell­schaft hohe Selb­stän­dig­keit (Auto­no­mie) gewon­nen. Die Kunst ist nicht mehr abhän­gig von Kir­che und Staat, die ein­mal ihre wich­tigs­ten Auf­trag­ge­ber waren. Auch Kir­che und Staat haben sich getrennt. Die Wirt­schaft inves­tiert allein nach öko­no­mi­schen Gesichts­punk­ten. Das Recht hat sich von Sit­te und Reli­gi­on gelöst und ist auch gegen­über Poli­tik und Wirt­schaft rela­tiv selb­stän­dig gewor­den.

Die eigen­tüm­li­che Leis­tung des poli­ti­schen Sys­tems, wie sie von Luh­mann beschrie­ben wor­den ist, besteht in der Her­stel­lung gesamt­ge­sell­schaft­lich ver­bind­li­cher Ent­schei­dun­gen, die ande­ren Berei­chen Inhal­te oder Gren­zen der Sys­tem­bil­dung vor­schrei­ben. Das Rechts­sys­tem bil­det nach der Theo­rie Luh­manns dane­ben ein eigen­stän­di­ges Sys­tem mit der Funk­ti­on, die im poli­ti­schen Sys­tem erar­bei­te­ten Ent­schei­dun­gen klein­zu­ar­bei­ten, sie für die Men­schen annehm­bar zu machen (zu »legi­ti­mie­ren«), durch­zu­set­zen und die dabei unver­meid­li­chen Kon­flik­te zu absor­bie­ren. Das geschieht, indem das Recht mit den Erwar­tun­gen, wie sie vor allem im poli­ti­schen Sys­tem erzeugt wer­den, in einer Wei­se umgeht, dass sie auch im Kon­flikt­fall »kon­tra­fak­tisch« durch­ge­hal­ten wer­den kön­nen. Das Recht besteht aus Erwar­tun­gen, die man nicht ein­fach auf­gibt, wenn sie bestrit­ten oder ver­letzt wer­den. Sol­che ent­täu­schungs­fes­ten Erwar­tun­gen nennt Luh­mann nor­ma­tiv.

Das Gegen­stück zu nor­ma­ti­ven Erwar­tun­gen bil­den kogni­ti­ve Erwar­tun­gen. Das sind lern­be­rei­te Erwar­tun­gen, also sol­che die man ändert, wenn sie ent­täuscht wer­den. Wenn man mit war­mem Wet­ter rech­net und wenn es dann tat­säch­lich reg­net und kalt wird, wird man sich »lern­be­reit« dar­auf ein­stel­len und z.B. ande­re Klei­dung wäh­len. Das Recht ist grund­sätz­lich nur auf der Ebe­ne der Rechts­set­zung lern­be­reit. So kann der Gesetz­ge­ber sei­ne Geset­ze ändern, wenn sie nicht die erwar­te­ten Wir­kun­gen haben.

II.  Die struktur-funktionale Systemtheorie

Sozio­lo­gi­sche Sys­tem­theo­rie war zunächst wesent­lich das Werk von Tal­cott Par­sons. Robert Mer­ton hat ihr zu einem Begriffs­ap­pa­rat ver­hol­fen, der sie zu einem prak­tisch brauch­ba­ren For­schungs­in­stru­ment macht. Von ihm stammt vor allem die Unter­schei­dung inten­dier­ter und nicht inten­dier­ter, mani­fes­ter und laten­ter, (für das Sys­tem) posi­ti­ver und nega­ti­ver« (dis­funk­tio­na­ler) Funk­tio­nen. In dem ange­führ­ten Bei­spiel wäre die Erstat­tungs­funk­ti­on der Pro­zess­kos­ten­pflicht beab­sich­tigt, also inten­diert, der Schutz vor Über­las­tung wenn nicht inten­diert, so doch offen­kun­dig (mani­fest), wäh­rend die Bar­rie­ren­funk­ti­on für sozi­al Schwa­che kaum inten­diert ist und jeden­falls lan­ge Zeit latent blieb. Wäh­rend die Erstat­tungs- und die Ent­las­tungs­funk­ti­on im Hin­blick auf das Jus­tiz­sys­tem posi­tiv funk­tio­nal sind, könn­te die Bar­rie­ren­funk­ti­on das Anse­hen der Jus­tiz als Hort der Gerech­tig­keit unter­gra­ben und dadurch dis­funk­tio­nal wir­ken.

Par­sons (struk­tur­funk­tio­na­le) Sys­tem­theo­rie ist frei­lich viel anspruchs­vol­ler als es sol­che Stich­wor­te auch nur andeu­ten kön­nen. So erhebt sie den Anspruch, die Grund­pro­ble­me oder funk­tio­na­len Erfor­der­nis­se (func­tio­nal requi­si­tes) zu bezeich­nen, die jedes Sys­tem lösen muß, um sich in sei­ner Umwelt funk­ti­ons­fä­hig erhal­ten zu kön­nen. Es han­delt sich um vier, näm­lich

  1. Inte­gra­ti­on (inte­gra­ti­on): Die sozia­len und emo­tio­na­len Bezie­hun­gen zwi­schen den Mit­glie­dern des Sys­tems müs­sen in Ein­klang gebracht wer­den. Auf der Ebe­ne der Gesell­schaft geht es hier um die Schaf­fung der Soli­da­ri­tät im Sin­ne Durk­heims
  2. Ziel­er­rei­chung (goal-attain­ment): Das Sys­tem muß sich in Rich­tung auf bestimm­te Zie­le bewe­gen, wel­che auch immer das sein mögen.
  3. Erhal­tung der grund­le­gen­den Ori­en­tie­rungmus­ter (pat­tern-main­ten­an­ce): Die Moti­va­ti­on und die Wert­vor­stel­lun­gen der Mit­glie­der müs­sen stän­dig gepflegt und erneu­ert wer­den, so dass ihre Akti­vi­tä­ten nicht erlah­men.
  4. Anpas­sung (adap­tati­on): Das Sys­tem muß sich lau­fend sei­ner sozia­len eben­so wie sei­ner phy­si­schen Umwelt anpas­sen.

Sieht man auf die Gesamt­ge­sell­schaft, so liegt es nahe, jeweils nach Sub­sys­te­men zu suchen, die sich auf die ver­schie­de­nen Funk­tio­nen spe­zia­li­siert haben. Auf den ers­ten Blick wären dann viel­leicht das Rechts­sys­tem für die Inte­gra­ti­on, die Poli­tik für Ziel­er­rei­chung, Fami­lie und Schu­le für die Erhal­tung der grund­le­gen­den Ori­en­tie­rungs­mus­ter und die Wirt­schaft für die Anpas­sung an die Umwelt zustän­dig. So ein­fach lie­gen die Din­ge aber nicht. Es lohnt sich indes­sen hier nicht, den Vor­stel­lun­gen Par­sons wei­ter nach­zu­ge­hen, um mit ihrer Hil­fe die Funk­tio­nen des Rechts zu bestim­men (vgl. §·45 VIII). Denn im deut­schen Sprach­raum hat die Sys­tem­theo­rie im Werk Niklas Luh­manns (1927−1998) eine Wei­ter­ent­wick­lung erfah­ren, die spe­zi­ell im Hin­blick auf das Recht aus­ge­ar­bei­tet wor­den ist.

Im fol­gen­den Abschnitt geht es zunächst um den »alten« Luh­mann, das heißt um sei­ne Sys­tem­theo­rie vor der sog. auto­po­ie­ti­schen Wen­de von 1984. Die Ana­ly­sen des Rechts­sys­tems, die Luh­mann auf die­ser Theo­rie­stu­fe ange­bo­ten hat, sind immer noch inter­es­sant und empi­risch sogar gehalt­vol­ler als die spä­te­ren. Die wesent­li­chen Aus­sa­gen wur­den bereits oben in § 9 wie­der­ge­ge­ben. Der fol­gen­de Abschnitt dient dazu, Luh­manns theo­re­ti­sche Aus­gangs­po­si­ti­on zu zei­gen.

III. Grundzüge der funktional-strukturellen Systemtheorie

Die struk­tu­rell-funk­tio­na­le Sys­tem­theo­rie in der Fas­sung von Mer­ton und Par­sons fragt nach der Funk­ti­on bestimm­ter Struk­tu­ren für die Sta­bi­li­tät von Sys­te­men. Die funk­tio­nal-struk­tu­rel­le Theo­rie von Luh­mann fragt noch grund­sätz­li­cher nach der Funk­ti­on von Sys­te­men über­haupt. Ihr Aus­gangs­punkt ist die Kom­ple­xi­tät der Welt und die Kon­tin­genz aller ihrer Struk­tu­ren. Welt in die­sem Sin­ne ist die Gesamt­heit aller über­haupt vor­stell­ba­ren Ereig­nis­se oder Zustän­de. Die­se Welt ist unfass­bar und unbe­stimmt. Sie ist, wie Luh­mann sagt, unend­lich kom­plex. Rea­li­tät gewinnt die Welt nur dort, wo sie in Sys­te­men Gestalt ange­nom­men hat. Sys­te­me bil­den sich durch die Sta­bi­li­sie­rung einer Dif­fe­renz von innen und außen. Wo ein Etwas von einer Umwelt unter­schie­den wer­den kann, kann man von einem Sys­tem spre­chen. Das gilt für sozia­le Sys­te­me eben­so wie für orga­ni­sche und mecha­ni­sche. Für jedes Sys­tem ist aber denk­bar, dass an sei­ner Stel­le ein ande­res oder gar kei­nes stün­de. Inso­fern ist die Wirk­lich­keit nur eine Aus­wahl aus vor­stell­ba­ren Mög­lich­kei­ten, die auch anders hät­te aus­fal­len kön­nen; sie ist, wie Luh­mann es nennt, kon­tin­gent. Bei­spiel: Wenn man sich eine Land­kar­te Euro­pas ansieht, so glie­dert sich der Erd­teil durch die Län­der­gren­zen in über­schau­ba­re Ein­hei­ten. Der Betrach­ter kann sich aber stets auch vor­stel­len, dass die­se Gren­zen anders hät­ten gezo­gen wer­den kön­nen als tat­säch­lich gesche­hen, ja sogar, dass der gan­ze Erd­teil in Lau­fe der Erd­ge­schich­te eine ande­re Gestalt hät­te anneh­men kön­nen.

Bei jedem Ent­wick­lungs­stand der Gesell­schaft strö­men auf den Men­schen aus sei­ner Umwelt mehr Signa­le ein, als er zu ver­ar­bei­ten imstan­de ist. Die Welt­kom­ple­xi­tät muss daher auf ein Aus­maß redu­ziert wer­den, an dem mensch­li­ches Erle­ben und Han­deln sich ori­en­tie­ren kann. Dazu ver­fü­gen Men­schen über die eigen­tüm­li­che Fähig­keit der Sinn­bil­dung. Sozia­le Sys­te­me sind nichts ande­res als inter­sub­jek­tiv kon­sti­tu­ier­te Sinn­ge­bil­de, die abgrenz­bar sind von einer nicht dazu­ge­hö­ri­gen Umwelt. Sinn­bil­dend wir­ken zunächst Kon­ti­nui­täts­er­war­tun­gen, die an ande­re Men­schen eben­so gestellt wer­den wie an die Natur. Sie bil­den selek­ti­ve Struk­tu­ren, und soweit die­se sinn­haft auf­ein­an­der ver­wei­sen und dadurch in ihrem Zusam­men­hang abgrenz­bar sind von einer nicht dazu­ge­hö­ri­gen Umwelt, bil­den sie ein sozia­les Sys­tem. Das Beson­de­re sinn­bil­den­der Sys­te­me liegt dar­in, dass Sinn die Kom­ple­xi­tät der Welt redu­ziert und zugleich erhält. Sinn­bil­dung bedeu­tet Aus­wahl aus ande­ren Mög­lich­kei­ten, ohne die nicht gewähl­ten zu ver­nich­ten. Die nicht rea­li­sier­ten Mög­lich­kei­ten blei­ben als denk­ba­re Alter­na­ti­ven exis­tent und kön­nen bei Bedarf aktua­li­siert wer­den. Vor ihrem Hin­ter­grund erschei­nen alle Sys­tem­struk­tu­ren als kon­tin­gent. Im Bei­spiel der poli­ti­schen Land­kar­te lie­fert die Idee des moder­nen Natio­nal­staats den sys­tem­bil­den­den Sinn­be­zug. Jeder kann sich aber nicht nur einen ande­ren Grenz­ver­lauf vor­stel­len, son­dern auch eine völ­lig ande­re poli­ti­sche Ord­nung Euro­pas, etwa einen euro­päi­schen Gesamt­staat oder ein in Ost und West geteil­tes Euro­pa.

Sozia­le Sys­te­me sind sinn­ge­mäß zusam­men­hän­gen­de Hand­lun­gen. Daher sind Men­schen selbst weder Teil noch Mit­glied sozia­ler Sys­te­me, son­dern als Per­son und Rol­len­trä­ger gehö­ren sie zur Umwelt sozia­ler Sys­te­me. In der Regel ist jede Per­son als Trä­ger meh­re­rer Rol­len auch Teil der Umwelt meh­re­rer Sozi­al­sys­te­me. Nur im Extrem­fall der soge­nann­ten tota­len Insti­tu­tio­nen (§·49, 1exxx), z. B. eines Klos­ters oder einer psych­ia­tri­schen Anstalt, wird kann die gan­ze Per­sön­lich­keit von einem ein­zi­gen Sozi­al­sys­tem erfaßt wer­den.

Die Gren­zen sozia­ler Sys­te­me wer­den von Luh­mann nicht ana­ly­tisch gezo­gen, son­dern müs­sen von Men­schen empi­risch erleb­bar sein. Die Sys­tem­theo­rie ist grund­sätz­lich frei in der Wahl ihrer Sys­tem­re­fe­renz. Aber es gibt doch drei Schwer­punk­te sys­tem­theo­re­ti­scher Sozio­lo­gie, näm­lich ein­fa­che Inter­ak­ti­ons­sys­te­me, Orga­ni­sa­ti­ons­sys­te­me und Gesell­schafts­sys­te­me. Für den Bereich der Rechts­so­zio­lo­gie kom­men Ver­laufs- oder Ver­fah­rens­sys­te­me hin­zu.

Die grund­le­gen­den Bezugs­pro­ble­me für eine funk­tio­na­le Ana­ly­se sozia­ler Sys­te­me erge­ben sich aus dem Gesichts­punkt der Innen-Außen­dif­fe­renz. Dar­aus resul­tiert nach innen das Pro­blem der Inte­gra­ti­on und nach außen das Pro­blem der Anpas­sung. Sie bil­den die all­ge­meins­ten Gesichts­punk­te sozio­lo­gi­scher Ana­ly­se. Die Fra­ge lau­tet also: Wel­chen Bei­trag (Funk­ti­on) leis­tet ein bestimm­tes Ele­ment des Sys­tems für des­sen inne­re Sta­bi­li­sie­rung und für sei­nen Aus­tausch mit und sein Über­le­ben in der Umwelt? Unter Funk­ti­on ver­steht Luh­mann dabei nicht mehr eine zu bewir­ken­de Wir­kung, son­dern eine abs­tra­hier­te Pro­blem­stel­lung, unter der alter­na­ti­ve Pro­blem­lö­sun­gen als Äqui­va­len­te erschei­nen. Dem Struk­tur-Funk­tio­na­lis­mus berei­te­te es Schwie­rig­kei­ten, dass ein Struk­tur­ele­ment meh­re­re Funk­tio­nen haben (Mul­ti­funk­tio­na­li­tät) oder dass eine Funk­ti­on durch meh­re­re Struk­tu­ren erfüllt wer­den kann (Äqui­fi­na­li­tät). Die funk­tio­nal-struk­tu­rel­le Theo­rie macht aus dem Pro­blem eine Metho­de.

Mali­now­ski woll­te z. B. den Regen­tanz der Hopi-India­ner damit erklä­ren, dass die­ser das Soli­da­ri­täts­be­dürf­nis der Grup­pe befrie­di­ge und gefähr­li­che Umwelt­si­tua­tio­nen ertrag­bar mache. Luh­mann könn­te den Regen­tanz viel­leicht mit der Lit­ur­gie der katho­li­schen Kir­che oder den sta­li­nis­ti­schen Säu­be­run­gen ver­glei­chen, die als äqui­va­len­te Lösun­gen des glei­chen Bezugs­pro­blems erschei­nen, näm­lich nach außen des Pro­blems der Anpas­sung der Grup­pe an eine kom­ple­xe und ver­än­der­li­che Umwelt und nach innen des Pro­blems der Inte­gra­ti­on.

Ein Sys­tem muss sich lau­fend mit sei­ner Umwelt aus­ein­an­der­set­zen. Es muss die Viel­zahl der Umwelt­ein­wir­kun­gen erfas­sen und ver­ar­bei­ten (und sei es durch Pas­si­vi­tät), oder in der Spra­che der Sys­tem­theo­rie, Umwelt­kom­ple­xi­tät redu­zie­ren. Für die Erfas­sung und Reduk­ti­on von Kom­ple­xi­tät ver­fü­gen Sys­te­me über ver­schie­de­ne Stra­te­gi­en. Eine wich­ti­ge Stra­te­gie der Kom­ple­xi­täts­re­duk­ti­on ist die sys­tem­in­ter­ne Wie­der­ho­lung der Sys­tem­bil­dung (Dif­fe­ren­zie­rung). Eine ande­re wäre die Zulas­sung von Kon­flik­ten im Sys­tem, eine drit­te die Ver­tei­lung der Reduk­ti­ons­leis­tung auf Struk­tur und Pro­zess

1)   Differenzierung

Das Sys­tem teilt sich intern, spe­zi­el­len Umwelt­an­for­de­run­gen ent­spre­chend, in Sub­sys­te­me auf und ver­la­gert so die Pro­ble­me der Umwelt nach innen. Dabei ist zwi­schen funk­tio­na­ler und seg­men­tä­rer Dif­fe­ren­zie­rung zu unter­schei­den. Von funk­tio­na­ler Dif­fe­ren­zie­rung wird gespro­chen, wenn sich Unter­sys­te­me auf die Lösung bestimm­ter Pro­ble­me spe­zia­li­sie­ren. Seg­men­tä­re Dif­fe­ren­zie­rung bedeu­tet dage­gen die Wie­der­ho­lung gleich­ar­ti­ger Sys­tem­ein­hei­ten. So hat sich das Sys­tem der Jus­tiz in Deutsch­land im Lau­fe Zeit ent­spre­chend der wach­sen­den Kom­ple­xi­tät des Rechts in fünf Gerichts­bar­kei­ten funk­tio­nal spe­zi­fi­ziert. Zugleich ist es seg­men­tär in ein flä­chen­de­cken­des Netz gleich­ar­ti­ger Gerichts­ein­hei­ten geglie­dert. Die Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung der Jus­tiz ist so per­fekt, dass es kaum (Zuständigkeits-)Konflikte gibt. Anders liegt es bei dem Sys­tem der poli­ti­schen Par­tei­en, die nur ganz grob dif­fe­ren­ziert sind, die auf sie zukom­men­den Anfor­de­run­gen aber in (zuge­las­se­nen) Kon­flik­ten ver­ar­bei­ten kön­nen.

Der beson­de­re Vor­teil der seg­men­tä­ren Dif­fe­ren­zie­rung liegt in einer rela­ti­ven Resis­tenz gegen­über der Umwelt­be­dro­hung; das Gesamt­sys­tem kann fort­be­stehen, auch wenn Tei­le zer­stört wer­den. Die deut­sche Jus­tiz blieb funk­ti­ons­fä­hig, auch nach­dem die Ost­ge­bie­te und die sowje­ti­sche Besat­zungs­zo­ne abge­trennt waren. Die funk­tio­na­le Dif­fe­ren­zie­rung bil­det die emp­find­li­che­re Form der sys­tem­in­ter­nen Dif­fe­ren­zie­rung. Sie bringt aber eine Art dyna­mi­sche Sta­bi­li­tät, denn Umwelt­ein­wir­kun­gen gefähr­den nicht län­ger das Sys­tem als Gan­zes, weil sie iso­liert, wei­ter­ge­lei­tet, ver­klei­nert und schließ­lich auf­ge­fan­gen wer­den kön­nen. Opti­mal wäre ein Sys­tem, das die Kom­ple­xi­tät sei­ner Umwelt mög­lichst adäquat in sei­ner inter­nen Dif­fe­ren­zie­rung abbil­de­te, das also für jedes von außen her­an­kom­men­de Pro­blem über ein dar­auf spe­zia­li­sier­tes Sub­sys­tem ver­füg­te. Aber die­ser Zustand ist nicht erreich­bar. Die Kom­ple­xi­tät der Umwelt ist kei­ne fixe Grö­ße, denn mit jeder Dif­fe­ren­zie­rung schafft sich das Gesamt­sys­tem eine neue, sozu­sa­gen inter­ne Umwelt und setzt zugleich für ande­re Sys­te­me neue Umwelt­da­ten. Man kann auch sagen, jede Pro­blem­lö­sung schafft Fol­ge­pro­ble­me, die gelöst wer­den müs­sen; so z. B. die Dif­fe­ren­zie­rung des Gerichts­sys­tems die Not­wen­dig­keit von Zustän­dig­keits­re­ge­lun­gen sowie einen höhe­ren Bedarf an Rechts­be­ra­tung. Inso­fern ist die Sys­tem­theo­rie bei Luh­mann wie bei Par­sons Evo­lu­ti­ons­theo­rie (§·93 III, 1).

Je höher das Dif­fe­ren­zie­rungs­ni­veau, des­to kri­ti­scher wird der Bestand der Gesamt­ord­nung. Die funk­tio­nel­le Inter­de­pen­denz aller Sub­sys­te­me erfor­dert daher eine bes­se­re Aus­nut­zung der von den zahl­rei­chen Sub­sys­te­men erbrach­ten Selek­ti­ons­leis­tun­gen. Die not­wen­di­ge Sinn­über­tra­gung quer über alle Sys­tem­gren­zen hin­weg über­neh­men beson­de­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en, die als sym­bo­lisch gene­ra­li­sier­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en bezeich­net wer­den. Als wich­tigs­te nennt Luh­mann Wahr­heit, Macht, Lie­be und Geld, gele­gent­lich auch das Recht. »Die Ein­heit der Gesell­schaft drückt sich in der funk­tio­na­len Äqui­va­lenz, ihre Dif­fe­ren­ziert­heit in der Unter­schied­lich­keit die­ser Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en aus.« (Wirt­schaft als sozia­les Sys­tem, Sozio­lo­gi­sche Auf­klä­rung 1, 1970, 204–231, S. 213).

2)  Struktur und Prozess

Eine wei­te­re Mög­lich­keit zur Reduk­ti­on von Kom­ple­xi­tät ergibt sich aus der Ver­tei­lung die­ser Leis­tung auf Struk­tur und Pro­zess. Struk­tur und Pro­zess sind zwei fun­da­men­ta­le Reduk­ti­ons­stra­te­gi­en für Kom­ple­xi­tät. Struk­tur ist der ers­te und all­ge­mei­ne­re Sinn­ent­wurf, durch den die Unge­wiss­heit der Welt auf ein enge­res, dem Zeit­ho­ri­zont und der Bewusst­seins­ka­pa­zi­tät des Men­schen ange­pass­tes Volu­men redu­ziert wird. Was die Struk­tur noch an Kom­ple­xi­tät hin­durch­lässt, muss wei­ter im Pro­zess abge­ar­bei­tet wer­den.

Die Ver­tei­lung der Reduk­ti­ons­leis­tung auf Struk­tur und Pro­zess wird beson­ders deut­lich in ein­fa­chen Inter­ak­ti­ons­sys­te­men. Sol­che Inter­ak­ti­ons­sys­te­me sind dadurch defi­niert, dass sich Anwe­sen­de wech­sel­sei­tig wahr­neh­men. Bei­spie­le sind das gemein­sa­me Mit­tag­essen in einer Fami­lie (nicht die Fami­lie selbst), eine Gerichts­sit­zung (nicht das Gericht als sol­ches) oder eine Schlä­ge­rei. Man spricht von Face-to-face-Situa­tio­nen oder Encoun­ters. Die meis­ten Inter­ak­tio­nen begin­nen mit gro­ßen Struk­tur­vor­ga­ben. Als Bei­spiel den­ke man sich, wie der Kran­ken­be­such eines Pfar­rers oder eine Gerichts­ver­hand­lung durch vor­ge­ge­be­ne Rol­len struk­tu­riert ist. Aber es bleibt in jeder Situa­ti­on mehr oder weni­ger Spiel­raum, der in einem Pro­zess der Erwar­tungs­bil­dung abge­ar­bei­tet wer­den muss. Für die­sen Pro­zess sind zwei situa­ti­ve Kom­po­nen­ten bedeut­sam: Das begrenz­te Auf­merk­sam­keits­po­ten­ti­al der Betei­lig­ten und eine ele­men­ta­re Erwar­tung an die Kon­sis­tenz des Ver­hal­tens. Auf­merk­sam­keit und Kom­mu­ni­ka­ti­onsschan­cen sind knapp. Die Betei­lig­ten müs­sen sich auf ein The­ma kon­zen­trie­ren. Anfangs kann jeder auf die Wahl und Ent­wick­lung des The­mas im Rah­men sei­ner per­sön­li­chen Fähig­kei­ten Ein­fluss neh­men. Aber nach­dem die Inter­ak­ti­on ein­mal begon­nen und ein The­ma sich durch­ge­setzt hat oder in eine bestimm­te Rich­tung gelenkt wor­den ist, ist im Sys­tem nicht mehr alles mög­lich, was anfangs gesche­hen konn­te. Wer jetzt das The­ma noch ändern will, trägt wenigs­tens die Last der Begrün­dung. Wer am The­ma mit­ge­ar­bei­tet hat, hat sich für die Zukunft fest­ge­legt. Der Ange­klag­te, der vor Gericht ein Geständ­nis abge­legt hat, kann nur noch unter beson­de­ren Anstren­gun­gen wie­der davon abrü­cken. Und was noch wich­ti­ger ist: Auch wer geschwie­gen hat, hat sich gebun­den. Sein Schwei­gen wird ihm als unter­las­se­ner Pro­test aus­ge­legt, wenn er statt­des­sen mit­wir­ken oder das Sys­tem hät­te ver­las­sen kön­nen.

3)  Generalisierung von Erwartungen

Die Selbst­dar­stel­lung in kon­kre­ten Situa­tio­nen wirkt über die Situa­ti­on hin­aus und gibt ande­ren Situa­tio­nen Struk­tur. Wer ein­mal eine Füh­rungs­rol­le über­nom­men oder sich als Nicht­rau­cher ein­ge­führt hat, von dem erwar­tet, wer ihn kennt, ähn­li­ches Ver­hal­ten in ande­ren Situa­tio­nen. Damit Gesell­schaft mög­lich wird, müs­sen Kon­ti­nui­täts­er­war­tun­gen aber in einer viel grund­sätz­li­che­ren Wei­se über ein­fa­che Inter­ak­ti­ons­sys­te­me hin­aus Gel­tung erhal­ten, mögen sie auch in Inter­ak­tio­nen ihren Anfang genom­men haben und dort stän­dig neu kon­kre­ti­siert und ver­än­dert wer­den. Die­se Gene­ra­li­sie­rung von Erwar­tun­gen ist in drei Dimen­sio­nen denk­bar, näm­lich in sach­li­cher oder the­ma­ti­scher, in zeit­li­cher und in sozia­ler Hin­sicht.

Sach­li­che Gene­ra­li­sie­rung: Über eine kon­kre­te Situa­ti­on hin­aus kann eine Erwar­tung mit bestimm­ten Per­so­nen ver­bun­den sein. Wer heu­te freund­lich zu mir war, wird mor­gen ver­mut­lich nicht unfreund­lich sein. Von bestimm­ten Per­so­nen, mit denen einen Men­schen eine gemein­sa­me Geschich­te ver­bin­det, etwa von Eltern oder einem Freund, weiß er aus Erfah­rung, was er zu erwar­ten hat. Der­art kon­kret begrün­de­te Erwar­tun­gen las­sen sich aber nicht über den Bereich der Klein­grup­pe hin­aus ver­all­ge­mei­nern. Der Abs­trak­ti­ons­grad und damit die Ord­nungs­leis­tung die­ser Erwar­tun­gen ist gering. »Gesell­schaft« kann sich erst ent­wi­ckeln, wenn Erwar­tun­gen sich nicht nur von kon­kre­ten Situa­tio­nen, son­dern auch von bestimm­ten Per­so­nen ablö­sen, indem sie zu Rol­len­er­war­tun­gen, zu Hand­lungs- oder Ent­schei­dungs­nor­men oder ganz abs­trakt zu Wer­ten wer­den.
Wenn sich zwei Unbe­kann­te in der Knei­pe tref­fen, zusam­men ins Gespräch kom­men und der eine Run­de aus­gibt, dann ent­steht viel­leicht die Erwar­tung, dass der ande­re sich revan­chiert. Die­se Erwar­tung ist bloß aus der Situa­ti­on begrün­det und in kei­ner Wei­se sach­lich gene­ra­li­siert. Zwei Freun­de, die sich häu­fig sehen, haben dage­gen anein­an­der bestimm­te Erwar­tun­gen, die jeweils an der Per­sön­lich­keit des ande­ren fest­ge­macht und damit schon über die kon­kre­te Situa­ti­on hin­aus gene­ra­li­siert sind. Die nächs­te Stu­fe der Abs­trak­ti­on ist der Über­gang zur sozia­len Rol­le. Als wei­te­re Stu­fen der Gene­ra­li­sie­rung nennt Luh­mann »Pro­gram­me« und Wer­te (RS S. 88 ff.).

»Rol­len sind Erwar­tungs­bün­del, die dem Umfang nach dadurch begrenzt sind, dass ein Mensch sie aus­füh­ren kann, die aber nicht auf bestimm­te Men­schen fest­ge­legt sind, son­dern durch ver­schie­de­ne, mög­li­cher­wei­se wech­seln­de Rol­len­trä­ger über­nom­men wer­den kön­nen. Durch die Iden­ti­tät der Rol­le wer­den Erwar­tun­gen von Per­son zu Per­son über­trag­bar. Dadurch wird ein gewis­ser Abs­trak­ti­ons­ge­winn erreicht, ande­rer­seits aber das Erwar­tungs­ri­si­ko erhöht. Die Iden­ti­tät des per­sön­lich bekann­ten Men­schen ent­fällt als Garant des Erwar­tungs­zu­sam­men­han­ges – d. h.: sie muß durch ande­re Garan­ti­en ersetzt wer­den. Die per­sön­lich mit­ein­an­der bekann­ten Bewoh­ner eines Berg­dor­fes erwar­ten kraft die­ser Bekannt­schaft von­ein­an­der Hil­fe in der Berg­not. Die Erwar­tung beruht nicht auf einer Rol­le, viel­mehr dar­auf, dass die Erwar­ten­den sich in einer Viel­zahl von Rol­len immer wie­der als die­sel­ben Per­so­nen begeg­nen. Vom Berg­füh­rer erwar­tet man sol­che Hil­fe, ohne ihn näher zu ken­nen -kraft Rol­le. Die Sicher­heit kommt hier aus der Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der Rol­le, aus einem nor­ma­ti­ven Mit­er­war­ten Drit­ter, das eben­falls nur an der Rol­le, nicht an der indi­vi­du­el­len Per­son ori­en­tiert. Und viel­leicht besteht noch eine Orga­ni­sa­ti­on, ein Ver­ein der Berg­füh­rer, der im gemein­sa­men Berufs­in­ter­es­se gewis­se Funk­tio­nen der Aus­wahl und Über­wa­chung aus­übt und des­sen Wirk­sam­keit man vor­aus­setzt, wenn man sich auf ›Jeman­den‹ als Berg­füh­rer ver­läßt.«

Gene­ra­li­sie­rung in der Sozi­al­di­men­si­on: Insti­tu­tio­na­li­sie­rung: Was Luh­mann unter der Gene­ra­li­sie­rung von Ver­hal­ten­s­er­war­tun­gen in der Sozi­al­di­men­si­on ver­steht, ist in § 62 IV als sei­ne Leh­re von der Insti­tu­tio­na­li­sie­rung dar­ge­stellt wor­den: Die Her­stel­lung von Kon­sens, oder jeden­falls von Kon­sens­ver­mu­tun­gen, die für alle Mit­glie­der des sozia­len Sys­tems gel­ten. Dass Luh­mann den Begriff der Insti­tu­tio­na­li­sie­rung für die­se Dimen­si­on der Gene­ra­li­sie­rung von Ver­hal­tens­nor­men reser­viert, ist ein will­kür­li­cher Sprach­ge­brauch. Es hät­te näher gele­gen, auch die bei­den ande­ren Dimen­sio­nen unter die­sen Begriff mit ein­zu­schlie­ßen.

Gene­ra­li­sie­rung in der Zeit­di­men­si­on: Es gehört eigent­lich schon zum Begriff eine Ver­hal­ten­s­er­war­tung, dass sie den Augen­blick ihrer Ent­ste­hung über­dau­ert und damit eine zeit­li­che Aus­deh­nung hat. Eine beson­ders wir­kungs- und vor­aus­set­zungs­vol­le Stei­ge­rung erreicht die zeit­li­che Gene­ra­li­sie­rung jedoch in der Gestalt nor­ma­ti­ver Erwar­tun­gen. Die­ser Teil von Luh­manns Theo­rie­ge­bäu­de ist in § 42 VI bei der Behand­lung der sozia­len Norm dar­ge­stellt wor­den.

Den Über­gang zum Recht fin­det Luh­mann auf fol­gen­de Wei­se: Man kön­ne nicht erwar­ten, dass Erwar­tun­gen stets in allen drei Dimen­sio­nen gene­ra­li­siert wür­den. Es könn­ten daher ver­schie­de­ne nicht ver­ein­ba­re Erwar­tun­gen gene­ra­li­siert wer­den, die sich gegen­sei­tig behin­der­ten und stör­ten. Sol­che Inkon­gru­en­zen bil­de­ten ein Struk­tur­pro­blem der Gesell­schaft, und im Hin­blick auf die­ses Pro­blem habe das Recht sei­ne gesell­schaft­li­che Funk­ti­on. Die Funk­ti­on des Rechts liegt in der Aus­wahl von Ver­hal­ten­s­er­war­tun­gen, die sich in allen drei Dimen­sio­nen gene­ra­li­sie­ren las­sen und die dadurch dem sozia­len Sys­tem eine fes­te Struk­tur geben. Die in die­sem Sin­ne »kon­gru­ent gene­ra­li­sier­ten nor­ma­ti­ven Ver­hal­ten­s­er­war­tun­gen« nennt Luh­mann das »Recht eines sozia­len Sys­tems«. Lei­der macht er die Begriffs­bil­dung dadurch schwie­ri­ger als not­wen­dig, denn er ver­wen­det hier einen ande­ren, wei­te­ren Rechts­be­griff als in ande­ren Zusam­men­hän­gen, wo er das Recht als Teil­sys­tem der Poli­tik bestimmt, mit­hin einen staat­li­chen Rechts­be­griff benutzt.

4) Reflexive Mechanismen

Die Selek­ti­vi­tät der Struk­tur sozia­ler Sys­te­me erfährt durch ihre Gene­ra­li­sie­rung zu sozia­len Nor­men eine ent­schei­den­de Ver­stär­kung. Eine ähn­li­che Ver­stär­kung der Selek­ti­vi­tät der in Sys­te­men ablau­fen­den Pro­zes­se wird erreicht, wenn die­se Pro­zes­se auf sich selbst ange­wandt und damit refle­xiv wer­den. Refle­xi­ve Mecha­nis­men in die­sem Sin­ne sind z. B. das Ler­nen des Ler­nens, das Ent­schei­den über Ent­schei­dun­gen oder die Metho­den­leh­re der Wis­sen­schaft. Im Pro­zess der funk­tio­na­len Dif­fe­ren­zie­rung erwei­sen sich die refle­xi­ven Mecha­nis­men als evo­lu­tio­na­ry uni­ver­sals. Wo sie erreich­bar sind und sta­bi­li­siert wer­den kön­nen, sind Sys­te­me in der Lage, ihre eige­ne Kom­ple­xi­tät in ein güns­ti­ge­res Ver­hält­nis zur Umwelt zu brin­gen und dadurch ihre Über­le­bens­aus­sich­ten zu ver­grö­ßern. Ein refle­xi­ver Mecha­nis­mus in die­sem Sin­ne ist auch im Bereich der sozia­len Nor­men anzu­tref­fen und wird von Luh­mann beson­ders ein­ge­hend ana­ly­siert: Das Erwar­ten von Erwar­tun­gen. Ein ande­rer ver­birgt sich hin­ter der Posi­ti­vie­rung des Rechts: Das Ent­schei­den über Ent­schei­dun­gen.

Aus der Aus­tausch­theo­rie ken­nen wir die Kom­ple­men­ta­ri­tät der Erwar­tun­gen von Ego und Alter als selek­ti­ve Struk­tur des Hand­lungs­sys­tems (§·26 III). Luh­mann hält die­ses Kon­zept für zu sim­pel: Es genügt nicht, dass Ego von Alter ein bestimm­tes Ver­hal­ten erwar­tet und umge­kehrt. Ego muss auch ein­schät­zen kön­nen, was sein eige­nes Ver­hal­ten für Alter bedeu­tet. Dar­über hin­aus wer­den sogar noch wei­te­re Stu­fen der Refle­xi­vi­tät bedeut­sam, also Erwar­tun­gen von Erwar­tungs­er­war­tun­gen. Dazu das bereits bekann­te Bei­spiel von Spitt­ler zur Sank­ti­ons­qua­li­tät von Nach­tei­len (§·43 IV,1) in der Inter­pre­ta­ti­on Luh­manns: Wenn die Ehe­frau abends stets kal­tes Essen auf den Tisch bringt und erwar­tet, dass ihr Mann dies erwar­tet, muß die­ser sei­ner­seits die­se Erwar­tungs­er­war­tung erwar­ten kön­nen. Er wür­de sonst nicht erken­nen, dass er mit einem uner­war­te­ten Wunsch nach war­mer Sup­pe nicht nur Unge­le­gen­hei­ten berei­tet, son­dern außer­dem auch die auf ihn bezo­ge­ne Erwar­tungs­si­cher­heit sei­ner Frau unter­mi­niert. Wer frem­de Erwar­tun­gen erwar­ten kann, kann die erfor­der­li­che Ver­hal­tens­ab­stim­mung intern voll­zie­hen, d. h. weit­ge­hend ohne zeit­rau­ben­de und stör­an­fäl­li­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on. Er kann höhe­re Kon­tin­genz und höhe­re Kom­ple­xi­tät auf abs­trak­te­rem Niveau erle­ben. Er kann eine mög­lich­keits­rei­che­re Umwelt haben und trotz­dem ent­täu­schungs­frei­er leben. Sicher­heit im Erwar­ten von Erwar­tun­gen ist unent­behr­li­che Grund­la­ge aller Inter­ak­tio­nen und sehr viel bedeut­sa­mer als die Sicher­heit von Erwar­tun­gen selbst (RS S. 39). Im Bewusst­sein der Betei­lig­ten erschei­nen sol­che refle­xi­ven Ver­hal­tens­ab­stim­mun­gen in der Regel aller­dings nicht als sol­che, son­dern als anony­me Soll-Regeln oder Nor­men: Man soll dies oder jenes. Das Sol­len ist ledig­lich eine Abkür­zung für die Refle­xi­vi­tät von Erwar­tun­gen.

Luh­mann erhebt mit die­ser Erklä­rung den Anspruch, die Dif­fe­renz von Sein und Sol­len und damit das Wert­ur­teils­pro­blem (vgl. § 18) voll­stän­dig in sozia­le Tat­sa­chen auf­zu­lö­sen. Tat­säch­lich hat er das Pro­blem aber nur in das Per­sön­lich­keits­sys­tem ver­la­gert, wo es auch hin­ge­hört. Das reflek­tie­ren­de Indi­vi­du­um steht in jeder Hand­lungs­si­tua­ti­on auf der Gren­ze zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Zukunft. Es steht vor der Not­wen­dig­keit der Ent­schei­dung, die sich aus der gera­de auch von Luh­mann so beton­ten Kon­tin­genz aller sozia­len Nor­men ergibt. Wer die­se Kon­tin­genz reflek­tiert, muss sich wer­tend ent­schei­den. Es hilft ihm wenig, dass der Sozio­lo­ge sei­ne Ent­schei­dung ex ante pro­gnos­ti­zie­ren oder ex post kau­sal erklä­ren könn­te. Schon eher hilft es ihm, wenn der Sozio­lo­ge die mög­li­chen Alter­na­ti­ven der Ent­schei­dung und ihre unter­schied­li­chen Fol­gen dar­stellt. Aber die Ent­schei­dung selbst kann er ihm letzt­lich nicht erspa­ren.

IV.   Die Theorie autopoietischer Systeme

Lite­ra­tur: Hejl, Die Theo­rie auto­po­ie­ti­scher Sys­te­me, Rechts­theo­rie 13, 1982, 45ff.; Luh­mann, Sozia­le Sys­te­me, 1984; The Self-Repro­duc­tion of Law and its Limits, in: Teub­ner, Dilem­mas of Law in the Wel­fa­re Sta­te, 1986, 111 ff.; ders., Eini­ge Pro­ble­me mit refle­xi­vem Recht, ZfR­Soz 6, 1985, 1 ff.; Matu­rana, Die Orga­ni­sa­ti­on leben­der Sys­te­me, in: ders., Erken­nen: Die Orga­ni­sa­ti­on und Ver­kör­pe­rung von Wirk­lich­keit, 1982; Fran­cis­co Vare­la, Princi­ples of Bio­lo­gi­cal Auto­no­my, 1979.

Die Sys­tem­theo­rie Luh­manns will eine uni­ver­sa­le Theo­rie des Lebens in der Welt sein, nicht bloß Gesell­schafts­theo­rie oder gar nur eine Theo­rie des Rechts. Das sys­tem­theo­re­ti­sche Kon­zept von Leben heißt Auto­po­ie­se. Etwa ab 1984 hat Luh­mann sei­ne Theo­rie dazu umge­stellt. Man spricht von sei­ner auto­po­ie­ti­schen Wen­de.

Luh­mann macht sei­ne »auto­po­ie­ti­sche Wen­de« in dem Buch »Sozia­le Sys­te­me« von 1984. In der Fol­ge­zeit hat er sei­ne Theo­rie noch viel­fach ver­fei­nert und auf die­ser Basis jedem der von ihm unter­schie­de­nen gesell­schaft­li­chen Teil­sys­te­me und auch der Gesell­schaft als gan­zer jeweils eine Mono­gra­phie gewid­met. Die Anwen­dung der Theo­rie auf das Rechts­sys­tem wird in § 70 dar­ge­stellt.

Die älte­re struk­tur-funk­tio­na­le Sys­tem­theo­rie kon­zen­trier­te sich auf das Zusam­men­wir­ken der ver­schie­de­nen Struk­tur­ele­men­te eines Sys­tems nach dem Mot­to: Das Gan­ze ist mehr als die Sum­me sei­ner Tei­le. Für die jün­ge­re funk­tio­nal-struk­tu­rel­le Sys­tem­theo­rie ste­hen die Aus­tausch­be­zie­hun­gen zwi­schen Sys­tem und Umwelt im Vor­der­grund. Es geht also um die Fra­ge, wie ein Sys­tem in einer unüber­seh­ba­ren und nicht beherrsch­ba­ren (= kom­ple­xen) Umwelt über­dau­ern kann, wie sich die Ein­flüs­se und Anfor­de­run­gen die­ser Umwelt in bestimm­ten Sys­tem­struk­tu­ren nie­der­schla­gen, oder wie das Sys­tem den Input, den es aus sei­ner Umwelt auf­nimmt, intern ver­ar­bei­tet und als Out­put an die Umwelt zurück­gibt (wie z. B. das Jus­tiz­sys­tem Geset­ze und Ver­ord­nun­gen, Anträ­ge und Kla­gen, pri­va­te und öffent­li­che Mei­nun­gen zu Ent­schei­dun­gen trans­for­miert). Im Hin­blick auf die­se Aus­tausch­vor­gän­ge mit der Umwelt ist das Sys­tem offen. Die auto­po­ie­tei­sche Ver­si­on der Sys­tem­theo­rie kehrt zu der Vor­stel­lung von geschlos­se­nen Sys­te­men zurück. Ihre zen­tra­le The­se lau­tet: Sys­te­me pro­du­zie­ren und repro­du­zie­ren ihre eige­nen Ele­men­te durch Inter­ak­tio­nen eben die­ser eige­nen Ele­men­te. Des­halb wer­den sie auto­po­ie­tisch (= selbst­re­pro­du­zie­rend) oder selbst­re­fe­ren­ti­ell (= selbst­be­züg­lich) genannt.

Das Kon­zept der auto­po­ie­ti­schen Sys­tem­theo­rie geht zurück auf die chi­le­ni­schen Bio­lo­gen Hum­ber­to Matu­rana und Fran­cis­co Vare­la. Ihre The­se ist, dass alle leben­den Sys­te­me in sich geschlos­se­ne Hand­lungs- oder Wir­kungs­zu­sam­men­hän­ge sei­en. Die Annah­me, sol­che Sys­te­me sei­en ihrer Umwelt gegen­über offen, beruht ihrer Mei­nung nach auf der Per­spek­ti­ve eines außen­ste­hen­den Beob­ach­ters, der sich zu erklä­ren ver­sucht, wie leben­de Sys­te­me sich ver­än­dern. Matu­rana und Vare­la dage­gen wol­len die inne­re Logik des Sys­tems erklä­ren. Die­se sei durch Auto­no­mie und Selbst­be­züg­lich­keit gekenn­zeich­net, Eigen­schaf­ten, die dem Sys­tem zur Erhal­tung sei­ner Iden­ti­tät und zur Selbst­er­neue­rung ver­hel­fen.

Wie kann man sich Sys­te­me der­art als auto­nom und geschlos­sen vor­stel­len? Matu­rana und Vare­la beto­nen, jede Inter­ak­ti­on des Sys­tems mit sei­ner Umwelt sei tat­säch­lich nur eine Reak­ti­on auf eine sys­tem­in­ter­ne Reprä­sen­ta­ti­on die­ser Umwelt und blei­be damit inner­halb des Sys­tems selbst. Das Sys­tem macht sich sozu­sa­gen selbst ein Bild sei­ner Umwelt, und nicht die Umwelt selbst, son­dern deren inter­ne Abbil­dung ist es, auf die es nach Maß­ga­be sei­ner eige­nen Mög­lich­kei­ten reagiert. Dadurch soll es mög­lich sein, dass sich Sys­te­me aus sich selbst her­aus iden­tisch erhal­ten und sogar erneu­ern. Es mag auf sich beru­hen, ob die Fähig­keit, sich aus sich selbst her­aus zu erneu­ern oder zu ver­meh­ren, wie sie bei orga­ni­schen Sys­te­men etwa durch Zell­tei­lung erfolgt, auch für sozia­le Sys­te­me in Betracht kommt. Sozio­lo­gisch rele­vant ist aber der Gesichts­punkt der Selbst­be­züg­lich­keit, der besa­gen soll, dass sozia­le Sys­te­me nicht nach dem Modell von Reiz und Reak­ti­on auf Umwelt­ein­flüs­se reagie­ren, son­dern Umwelt­ein­flüs­se nur nach Maß­ga­be ihrer eige­nen Bin­nen­struk­tur ver­ar­bei­ten.

Eine sol­che Betrach­tungs­wei­se kann durch­aus erhel­lend sein. Man kann sich etwa eine Fir­ma vor­stel­len, die sich als Maschi­nen­fa­brik ver­steht, und fort­fährt, kon­ven­tio­nel­le Werk­zeug­ma­schi­nen her­zu­stel­len, ohne die Fort­schrit­te der Mikro­elek­tro­nik zur Kennt­nis zu neh­men. Wenn die­se Fir­ma vom Markt ver­drängt wor­den ist, wird man rück­bli­ckend sagen, dass eine Maschi­nen­fa­brik den Wan­del der Tech­nik von der Mecha­nik zur Elek­tro­nik hät­te wahr­neh­men und dar­auf reagie­ren müs­sen. Tat­säch­lich sah die Fir­ma ihre Umwelt, den Markt, aber nur aus ihrem Selbst­ver­ständ­nis als Maschi­nen­fa­brik und war des­halb zu einer Umstel­lung der Pro­duk­ti­on nicht in der Lage. Über­tra­gen auf Recht kann man viel­leicht von einer bestimm­ten Juris­ten­ge­ne­ra­ti­on sagen, dass sie ganz im Sin­ne eines posi­ti­vis­ti­schen Sub­sum­ti­ons­ide­als aus­ge­bil­det war und von die­sem Selbst­ver­ständ­nis als »bou­che de la lois« gar nicht fähig war, den poli­ti­schen Gehalt und die gestal­ten­den Mög­lich­kei­ten ihrer Tätig­keit wahr­zu­neh­men und aus­zu­schöp­fen.

Bei so klein­tei­li­gen Über­le­gun­gen – die hier zunächst nur zur Illus­tra­ti­on die­nen – bleibt die Sys­tem­theo­rie nicht ste­hen. Sie packt viel grund­sätz­li­cher an. Für die Rechts­so­zio­lo­gie folgt aus der auto­po­ie­ti­schen Geschlos­sen­heit des Rechts­sys­tems die Auto­no­mie des Rechts gegen­über den ande­ren Teil­sys­te­men der Gesell­schaft. Was das bedeu­tet und was dar­aus im Detail folgt, wird in dem fol­gen­den § 70 erör­tert.

Luh­mann auf benutzt die­se Theo­rie unter ande­rem dazu, um dar­zu­le­gen, war­um Sozio­lo­gie und Rechts­wis­sen­schaft nicht zuein­an­der kom­men kön­nen. Jede Wis­sen­schaft kön­ne als selbst­re­fe­ren­ti­el­les Sys­tem nur in den ihr eige­nen Bezü­gen argu­men­tie­ren. Die Sozio­lo­gie kön­ne des­halb gar nicht anders, als das Recht von außen zu betrach­ten. Der juris­ti­sche Pro­zess als sol­cher sei ihr nicht zugäng­lich. Ob man zu sol­chen Erklä­run­gen aller­dings eine Theo­rie auto­po­ie­ti­scher Sys­te­me benö­tigt, ist doch sehr zwei­fel­haft. Der Unter­schied zwi­schen Rechts­wis­sen­schaft und Sozio­lo­gie lässt sich noch immer sehr viel schlich­ter vor dem Hin­ter­grund des Wert­ur­teils­pro­blems ver­deut­li­chen (§ 18).

Davon abge­se­hen kann man den Stand­punkt des exter­nen Beob­ach­ters nicht völ­lig abstrei­fen. Die defi­ni­ti­ons­ge­mäß geschlos­se­nen Sys­te­me sol­len doch inso­fern wie­der offen sein, als sie inne­re Model­le der Außen­welt ent­wi­ckeln. Es ent­steht des­halb unwei­ger­lich die Fra­ge, war­um die Innen­re­prä­sen­ta­ti­on der Außen­welt so oder so aus­fällt. Damit wird die Geschlos­sen­heit des Sys­tems wie­der ver­las­sen. Die­se Theo­rie leis­tet genau das, was frü­her Hegels Dia­lek­tik voll­brach­te. Man kann je nach Bedarf die eine oder die ande­re Sei­te, Geschlos­sen­heit oder Offen­heit, her­vor­keh­ren. Nicht ohne Grund wird ihr daher vor­ge­wor­fen, sie sei hoch­abs­trakt, vage und inter­pre­ta­ti­ons­fä­hig.

Wich­ti­ger erscheint eine ande­re Stoß­rich­tung die­ser Theo­rie­ent­wick­lung. Bei aller Kom­ple­xi­tät blie­ben sys­tem­theo­re­ti­sche Model­le doch zunächst mecha­nisch. Woll­te man sie mathe­ma­tisch beschrei­ben, wür­de man wohl, ähn­lich wie in der klas­si­schen Phy­sik oder in den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, auf linea­re Glei­chungs­sys­te­me zurück­grei­fen. Es zeigt sich jedoch, dass sich his­to­ri­sche und sozia­le Pro­zes­se nicht immer all­mäh­lich, also line­ar, voll­zie­hen. Viel­mehr kön­nen sta­bil erschei­nen­de Ord­nun­gen oft inner­halb kür­zes­ter Frist in mehr oder weni­ger allen Berei­chen zusam­men­bre­chen, bis dann nach einer mehr oder min­der chao­ti­schen Zwi­schen­stu­fe eine neue Ord­nung ent­steht. Sol­che dra­ma­ti­schen Ände­run­gen las­sen sich phy­si­ka­li­schen Pha­sen­über­gän­gen ver­glei­chen, also etwa dem Über­gang vom fes­ten zum flüs­si­gen Zustand und umge­kehrt oder vom Para- zum Fer­ro­ma­gne­tis­mus. Ihnen ist gemein­sam, dass bei all­mäh­li­cher Ver­än­de­rung einer Grö­ße, etwa der Tem­pe­ra­tur, die man Kon­troll­pa­ra­me­ter nennt, plötz­lich eine neue Struk­tur oder Ord­nung auf­tritt, die sich durch die spon­ta­ne Ände­rung einer ande­ren, Ord­nungs­pa­ra­me­ter genann­ten Grö­ße beschrei­ben läßt. Unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen kann so eine Grö­ße das kol­lek­ti­ve Ver­hal­ten eines gan­zen Sys­tems bestim­men.

Tat­säch­lich ist es ein wich­ti­ges Anlie­gen der neue­ren Sys­tem­theo­rie, die Vor­stel­lung einer linea­ren Kau­sa­li­tät durch ein Modell wech­sel­sei­ti­ger und oft auch kreis­för­mi­ger Steue­rung zu erset­zen. Dazu dient die Vor­stel­lung von posi­ti­vem oder nega­ti­vem Feed­back, von Schlei­fen und Kreis­läu­fen. Sol­che Schlei­fen kön­nen dazu füh­ren, dass ein Sys­tem auf bestimm­te Signa­le mit uner­war­te­ten (kon­tra­pro­duk­ti­ven) Ant­wor­ten reagiert oder gar, dass sich Trend­än­de­run­gen zu einer kri­ti­schen Grö­ße ver­stär­ken, die ganz neu­ar­ti­ge gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren ent­ste­hen läßt. Hier liegt ein neu­er Ansatz zur Erklä­rung der kon­train­tui­ti­ven oder per­ver­sen Effek­te, mit denen sozia­le Sys­te­me auf Steue­rungs­ver­su­che oder sons­ti­ge Anfor­de­run­gen ihrer Umwelt oft reagie­ren.

V.  Warum ist Luhmann so bedeutend?

In den 1950er und 60er Jah­ren hat­ten sich mehr oder weni­ger alle, die nicht in das mar­xis­ti­sche Lager gewech­selt waren, auf Empi­rie gestürzt. Empi­ri­sche For­schung zeigt jedoch immer nur klei­ne Aus­schnit­te der Gesell­schaft. Sie kann nicht das Gan­ze in den Blick neh­men. Das aber möch­te eigent­lich jeder, ob Laie oder Wis­sen­schaft­ler. Luh­mann bie­tet nun eine Groß­theo­rie, die genau das zu leis­ten ver­spricht. Durch den Zuschnitt der Sys­te­me kann sie Tei­le der Welt, die den jewei­li­gen Betrach­ter beson­ders inter­es­sie­ren, in den Blick neh­men und zu ande­ren Tei­len und zum Gan­zen in Bezie­hung set­zen. Die mar­xis­ti­sche Theo­rie war in dem Sin­ne »holis­tisch«, dass sie für alles eine Erklä­rung anbot – und damit war sie zum Schei­tern ver­ur­teilt. Luh­mann erklärt uns gera­de umge­kehrt, war­um wir nicht alles wis­sen müs­sen und kön­nen. Damit hat er sei­ne Theo­rie, ohne sich auf lan­ge Erör­te­run­gen ein­zu­las­sen, wis­sen­schafts­theo­re­tisch abge­si­chert. Er umgeht das Pro­blem der Fun­da­men­tal­phi­lo­so­phie, die Fra­ge näm­lich: wo fin­det Wis­sen­schaft einen siche­ren Anfang der Erkennt­nis, ohne in einen immer neu­en Regress zu ver­fal­len, indem er Rekur­si­vi­tät zu einem zen­tra­len Theo­rie­bau­stein macht. Alle Aus­sa­gen sind sol­che eines Beob­ach­ters, der Unter­schei­dun­gen trifft. Der Beob­ach­ter kann sich selbst aber beim Beob­ach­ten nicht beob­ach­ten und des­halb nicht alles wis­sen. Dar­aus folgt ein radi­ka­ler Kon­struk­ti­vis­mus. Rekur­si­vi­tät gibt es aber auch auf der Sys­tem­ebe­ne, denn Sys­te­me kon­sti­tu­ie­ren sich selbst, indem sie die Ele­men­te, aus denen sie sich zusam­men­set­zen, aus den Ele­men­ten ablei­ten, aus denen sie bestehen. Die dar­aus resul­tie­rend Geschlos­sen­heit der Sys­te­me hat zur Fol­ge, dass man nicht alles wis­sen kann. Denn über die Sys­tem­gren­zen hin­aus gibt es kei­ne ein­fa­chen Ursa­che-Wir­kungs­be­zie­hun­gen (son­dern nur »struk­tu­rel­le Kopp­lun­gen«). Die Defi­ni­ti­on der Sys­tem­gren­zen gelingt Luh­mann aller­dings nur des­halb so gut, weil er ein groß­ar­ti­ger Beob­ach­ter ist.

Luh­manns Theo­rie ist eben­so wie die­je­ni­ge von Marx eine Ent­wick­lungs­theo­rie. Doch anders als bei Marx ist die Evo­lu­ti­on bei Luh­mann nicht gerich­tet und sie kennt schon gar kei­nen Fort­schritt. Sie lässt sich des­halb mit der aktu­el­len Groß­theo­rie für die Ent­wick­lung des Lebens, der dar­wi­nis­ti­schen Evo­lu­ti­ons­theo­rie, min­des­tens par­al­le­li­sie­ren. Und nicht zuletzt: An intel­lek­tu­el­lem For­mat ist Luh­manns Theo­rie der mar­xis­ti­schen eben­bür­tig. Auf eine sol­che Theo­rie hat­ten vie­le gewar­tet.

VI.  Was macht das Verständnis der Systemtheorie so schwierig?

In ers­ter Linie die Sache selbst. Die Theo­rie will die unge­heu­re Kom­ple­xi­tät der Welt in den Griff bekom­men, und des­halb kann sie nicht ein­fach sein. Mir hat neben der Figur der »struk­tu­rel­len Kopp­lung« Luh­manns Vor­lie­be für Para­do­xi­en Ver­ständ­nis­schwie­rig­kei­ten berei­tet.

Davon ein­mal abge­se­hen ist das Ver­ständ­nis schwie­ri­ger als es sein müss­te, weil die Theo­rie oft in eine über­trie­ben kom­pli­zier­te Spra­che ver­packt wird. Luh­mann selbst schreibt aller­dings bemer­kens­wert klar. Bei ihm ist nur das Pro­blem, dass er so viel geschrie­ben hat, so dass man gar nicht weiß, wo man anfan­gen soll und wo man auf­hö­ren kann. Sei­ne Anhän­ger dage­gen bedie­nen sich nicht sel­ten einer Kunst­spra­che die an den Beer­di­gungs­un­ter­neh­mer von Goff­mann erin­nert.

VII.  Und warum gehe ich auf Distanz?

Wie immer, kann eine Kri­tik grund­sätz­lich oder am Detail anset­zen. Am Detail habe ich nicht viel zu kri­ti­sie­ren. Luh­mann ist ein­fach gut. Grund­satz­kri­tik dage­gen ist bil­lig. Jedes gro­ße Theo­rie­ge­bäu­de ruht auf letzt­lich unbe­wie­se­nen und unbe­weis­ba­ren Vor­aus­set­zun­gen. Man muss nur danach suchen, und wenn man nichts Bes­se­res fin­det, kann man den Autor oder sei­ne Theo­rie ja immer noch unter Ideo­lo­gie­ver­dacht stel­len

So muss­te sich Luh­mann oft gefal­len las­sen, in die kon­ser­va­ti­ve Ecke gestellt zu wer­den. Aber das ist kein adäqua­tes Dis­kus­si­ons­ni­veau, obwohl es durch­aus rich­tig wäre zu sagen, dass sei­ne Theo­rie die Erfor­schung der sozia­len Ungleich­heit nicht vor­an­ge­bracht hat. Ich ver­ste­he Luh­manns Theo­rie (nach einem Vor­schlag von Frank Welz[1]) als eine Fort­set­zung der Phä­no­me­no­lo­gie Husserls. Luh­mann supen­diert alle onto­lo­gi­schen Fra­gen, Fra­gen also nach Raum und Zeit, dem Wesen der Din­ge und des Men­schen. Es sagt ein­fach, »es gibt Sys­te­me«[2], und kon­zen­triert sich völ­lig auf die Fra­ge: Wie beschrei­be ich sie. Damit erhält, was er beschreibt, den Cha­rak­ter einer blo­ßen Mög­lich­keit. Alle Dif­fe­ren­zen wer­den der Welt von dem Beob­ach­ter ein­ge­schrie­ben. Alle Gren­zen, ins­be­son­de­re auch die Sys­tem­gren­zen, sind letzt­lich blo­ße Defi­ni­tio­nen. Damit hat Luh­mann sich gegen jeden Fun­da­men­ta­lis­mus­vor­wurf abge­si­chert. Das Ergeb­nis ist blan­ker Kon­struk­ti­vis­mus, und den trägt Luh­mann auch über­all zur Schau. Aber sei­ne Theo­rie ist Luh­mann nur des­halb so gut gelun­gen, weil er ein groß­ar­ti­ger Beob­ach­ter war.

Luh­manns Theo­rie lie­fert für sich genom­men kei­ne neu­en Erklä­run­gen. Aber sie strotzt vor Rea­li­tät und führt immer wie­der zu über­ra­schend neu­en Sicht­wei­sen, nicht bloß, wenn wir erfah­ren, dass Lei­nen­zwang zwar nur für den Hund vor­ge­schrie­ben ist, dass dann aber auch der Herr an die Lei­ne muss (RdG S. 341 f.). Der Anspruch die­ser Theo­rie ist frei­lich ein ande­rer. Sie will die Evo­lu­ti­on des Rechts erklä­ren, wenn auch nicht in dem Sin­ne, »dass es so kom­men muss­te«, so aber doch dahin, »dass es, obwohl unwahr­schein­lich, so kom­men konn­te« (Gesell­schafts­struk­tur und Seman­tik, 1981, S. 49).

Bald drei Jahr­zehn­te haben Luh­manns Kon­struk­tio­nen die deut­sche Rechts­so­zio­lo­gie mehr oder weni­ger beherrscht, und noch immer hal­ten ihm vie­le die Treue. Ande­re, dar­un­ter der Autor die­ses Buches, gehen bei aller Bewun­de­rung aber doch auf eine gewis­se Distanz. Grund dafür sind vor allem zwei Bau­ele­men­te der Theo­rie, näm­li­che die Vor­lie­be für Para­do­xi­en und das Kon­zept der Auto­po­ie­se und der dar­aus fol­gen­den ope­ra­ti­ven Schlie­ßung der Sys­te­me. Luh­mann ist dafür kri­ti­siert wor­den, wie er das Kon­zept von Matu­rana und Vare­la aus der Bio­lo­gie in die Sozio­lo­gie über­nom­men hat, wo es allein schon wegen der eher will­kür­lich gezo­ge­nen Sys­tem­gren­zen nicht passt. Die Vor­stel­lung von der ope­ra­ti­ven Schlie­ßung der Sys­te­me ver­bie­tet es, das Recht als Instru­ment des sozia­len Wan­dels anzu­se­hen. Die Evo­lu­ti­on ist blind. Nichts ist vor­her­seh­bar. Alles ent­wi­ckelt sich anders als geplant. Die­ser Stand­punkt ist ver­gleich­bar mit jener deter­mi­nis­ti­schen Ein­stel­lung, die die Wil­lens­frei­heit ver­neint. Er ist für die Rechts­so­zio­lo­gie glei­cher Wei­se irrele­vant wie für die Juris­pru­denz.

 


[1] Frank Welz, Niklas Luhmann’s Socio­lo­gy of Law: A Cri­ti­cal App­rai­sal, in: Knut Papen­dorf u. a. (Hg.), Under­stan­ding Law in Socie­ty, 2011, S. 80–108.

[2] Sozia­le Sys­te­me, 1984, 16.

[Stand der Bear­bei­tung Okto­ber 2011]

*