§ 70 Das Recht als autopoietisches System

Tex­te: Von Niklas Luh­mann: Sozia­le Sys­te­me, 1984; Die sozio­lo­gi­sche Beob­ach­tung des Rechts, 1986; Die Wirt­schaft der Gesell­schaft, 1988; Die Wis­sen­schaft der Gesell­schaft, 1990; Das Recht der Gesell­schaft, 1993 (= RdG); Die Kunst der Gesell­schaft, 1999; Die Gesell­schaft der Gesell­schaft, 2 Bde., 1997 (=GdG); Recht als sozia­les Sys­tem, ZfR­Soz 20 (1999) 1–13; Die Poli­tik der Gesell­schaft, 2000¸Die Reli­gi­on der Gesell­schaft, 2000. Wegen der älte­ren Wer­ke vgl. vor § 9.

Lite­ra­tur: Marc Amstutz, Evoluto­ri­sches Wirt­schafts­recht, 2001; Ralf Drei­er, Niklas Luh­manns Rechts­be­griff, ARSP 88 (2002) 305; Peter M. Hejl, Die Theo­rie auto­po­ie­ti­scher Sys­te­me: Per­spek­ti­ven für die sozio­lo­gi­sche Sys­tem­theo­rie, Rechts­theo­rie 13 (1982) 45; Wer­ner Kra­wi­etz/Michael Wel­ker (Hg.), Kri­tik der Theo­rie sozia­ler Sys­te­me, 1992; Para­do­xi­en des Rechts: Eine Debat­te zu Niklas Luh­manns Rechts­so­zio­lo­gie, ZfR­Soz 21 (2000) Heft 1; Wal­ter Ree­se-Schä­fer, Niklas Luh­mann zur Ein­füh­rung, erg. Nach­druck der 4. Auf­la­ge (2001) 2005; Mar­tin Schul­te, Eine sozio­lo­gi­sche Theo­rie des Rechts, 2011; Gun­ther Teub­ner, Recht als auto­po­ie­ti­sches Sys­tem, 1989; Hel­mut Will­ke, Sys­tem­theo­rie, 4. Aufl. 1993

I. Recht als Kommunikationssystem

Obwohl ein Sys­tem nicht als Bezie­hung des Gan­zen zu sei­nen Tei­len gese­hen wird, besteht es doch aus einer Mehr­zahl von Ele­men­ten, die in spe­zi­fi­scher Wei­se ange­ord­net sind. Wor­in bestehen nun die Ele­men­te des Rechts­sys­tems? Wenn wir Luh­mann fol­gen, las­sen sich sozia­le Sys­te­me nicht auf psy­chi­sche Sys­te­me redu­zie­ren. Die han­deln­den Per­so­nen sind nicht Teil des sozia­len Sys­tems, son­dern sie bil­den nur sei­ne Umwelt. Daher besteht das Rechts­sys­tem nicht aus Rich­tern und Rechts­an­wäl­ten, und eben­so wenig aus juris­ti­schen Büchern und Gefäng­nis­sen. Es besteht viel­mehr, wie alle sozia­len Sys­te­me, aus Kom­mu­ni­ka­tio­nen, und nur aus Kom­mu­ni­ka­tio­nen (RdG S. 35).

Ein Kri­tik­punkt, der immer wie­der gegen die Sys­tem­theo­rie erho­ben wird, geht dahin, dass die­se Theo­rie nur Kom­mu­ni­ka­tio­nen als Ele­men­te der Sys­te­me akzep­tiert, und damit für Akteu­re und ihre Hand­lun­gen kei­nen Platz hat. Die­se Kri­tik ist ver­fehlt. Eben­so wie ein Stadt­plan kommt auch die Sys­tem­theo­rie ohne Men­schen aus. Im Gegen­teil, die­ses Merk­mal macht zu einem erheb­li­chen Teil den Reiz und die Ana­ly­se­schär­fe der Theo­rie in der Fas­sung Luh­manns aus. Die Akteu­re und ihre Hand­lun­gen spie­geln sich indi­rekt in den Kom­mu­ni­ka­tio­nen.

Das Cha­rak­te­ris­ti­kum die­ser Ver­si­on der Sys­tem­theo­rie liegt also dar­in, dass sie das Recht als einen Strom von Kom­mu­ni­ka­tio­nen betrach­tet. Eine Kom­mu­ni­ka­ti­on (=Sys­tem­ope­ra­ti­on) schließt jeweils an eine ande­re an. Vie­le Kom­mu­ni­ka­tio­nen rufen neue Kom­mu­ni­ka­tio­nen her­vor, die sich auf frü­he­re Kom­mu­ni­ka­tio­nen inner­halb des Sys­tems bezie­hen: Das Gericht reagiert auf die Kla­ge mit einer Ladung. Der Beklag­te erwi­dert. Vor Gericht wird ver­han­delt, das heißt, es wird kom­mu­ni­ziert. Man bezieht sich dabei auf Ver­trä­ge, Geset­ze und Prä­ju­di­zi­en, also wie­der­um auf frü­he­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ak­te. Und am Ende »kom­mu­ni­ziert« das Gericht ein Urteil. Viel­leicht war schon die Kla­ge eine Reak­ti­on auf ein frü­he­res Urteil, und das neue Urteil wird wie­der­um als Prä­ju­diz wir­ken, d. h. ande­re Klä­ger und Gerich­te wer­den dar­auf Bezug neh­men. So erzeugt das Sys­tem die Ele­men­te, aus denen es sich zusam­men­setzt, indem es an den Ele­men­ten anknüpft, aus denen es besteht.

II. Operative Schließung und strukturelle Kopplung

Die­se Beschrei­bung führt zu der Vor­stel­lung, dass Rechts­sys­te­me mit ande­ren sozia­len Sys­te­men die Fähig­keit gemein­sam haben, sich selbst aus ihren Ele­men­ten zu repro­du­zie­ren, dass sie auto­po­ie­tisch sind. Das Fremd­wort ist zusam­men­ge­setzt aus grie­chisch autos = selbst und poi­ein = machen. Das Ant­o­nym heißt allo­po­ie­tisch = von frem­der Hand gemacht. Allo­po­ie­tisch sind mecha­ni­sche Sys­te­me wie die Uhr. Noch ein­mal mit ande­ren Wor­ten: Das Recht repro­du­ziert sich selbst in einem rekur­si­ven Pro­zess, in dem neue Sys­tem­ope­ra­tio­nen stets an das Netz­werk eige­ner Ope­ra­tio­nen anknüp­fen. Des­halb heißt es auto­po­ie­tisch.

Recht­li­che Kom­mu­ni­ka­tio­nen kön­nen nur auf sol­chen auf­bau­en, die schon zum Sys­tem gehö­ren. Sie reagie­ren nicht auf Kom­mu­ni­ka­tio­nen, die einem ande­ren Sys­tem ange­hö­ren. Das Rechts­sys­tem ant­wor­tet nicht auf die Wet­ter­vor­her­sa­ge, nicht auf Gerüch­te über das bes­te Restau­rant in der Stadt und – hof­fent­lich – auch nicht auf ein Bestechungs­geld. Zwar wer­den Rechts­nor­men auf Sach­ver­hal­te ange­wen­det, die als sol­che nicht zum Rechts­sys­tem gehö­ren. Aber wel­che Umstän­de rele­vant sind, bestimmt das Recht nach recht­li­chen Kri­te­ri­en selbst. Des­halb bezeich­net Luh­mann das Recht als ein ope­ra­tiv geschlos­se­nes Sys­tem (RdG S. 38 ff.).

Die »ope­ra­ti­ve Schlie­ßung« eines Sys­tems wird dadurch mög­lich, dass es sich selbst von sei­ner Umwelt unter­schei­den kann. Was zeich­net eine Kom­mu­ni­ka­ti­on aus, damit sie als zum Rechts­sys­tem gehö­rig erkenn­bar ist? Die Ant­wort Luh­manns lau­tet: Recht kann sich selbst dadurch von sei­ner Umwelt unter­schei­den, dass es die­se Umwelt unter einem Gesichts­punkt beur­teilt, der nur ihm zur Ver­fü­gung steht, näm­lich mit Hil­fe der Unter­schei­dung von Recht und Unrecht. Die Ein­heit des Rechts­sys­tems kommt dadurch zustan­de, dass alle Kom­mu­ni­ka­tio­nen inner­halb des Sys­tems auf die Dicho­to­mie von Recht und Unrecht bezo­gen sind. Das klingt plau­si­bel. Wenn eine Kom­mu­ni­ka­ti­on dar­auf gerich­tet ist, ein (sub­jek­ti­ves) Recht gel­tend zu machen oder es zu bestrei­ten, ein Recht zu begrün­den oder zu ver­nich­ten, ein Recht vor­zu­schla­gen oder zu kri­ti­sie­ren, stets gehört es dann zum Rechts­sys­tem. Ande­re Sys­te­me ver­fü­gen über ande­re Grund­ide­en. Die Wirt­schaft ist das Sys­tem, in dem alle Kom­mu­ni­ka­tio­nen sich mit Wert und Kos­ten befas­sen. In der Wis­sen­schaft geht es um Wahr und Falsch, und in der Reli­gi­on um Gott und die Welt. Die­se Kern­vor­stel­lung, aus der sich die Zuge­hö­rig­keit von Kom­mu­ni­ka­tio­nen zum Sys­tem ergibt, nennt Luh­mann auch die Leit­un­ter­schei­dung oder den Code des Sys­tems. Sie ver­hilft dem Sys­tem zur Unter­schei­dung von Selbst­re­fe­renz und Fremd­re­fe­renz und damit sich selbst zu einer Iden­ti­tät und sei­ner Umwelt gegen­über zur Selb­stän­dig­keit (Auto­no­mie).

Auto­po­ie­ti­sche Sys­te­me, und damit auch das Rechts­sys­tem, sind refle­xiv, das heißt, sie kön­nen sich selbst bei ihrer Arbeit beob­ach­ten. Sie kön­nen ihre Ope­ra­tio­nen so steu­ern, dass sie die eige­ne Iden­ti­tät zum The­ma machen, indem sie die Leit­un­ter­schei­dung benut­zen, mit der sie sich von ihrer Umwelt unter­schei­den. Ihre Iden­ti­tät wird durch Selbst­be­ob­ach­tung erzeugt. Inner­halb des Rechts­sys­tems wer­den lau­fend die Sys­tem­gren­zen beob­ach­tet und bedacht. Man stellt sich stän­dig die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Sys­tem und Umwelt, also von Recht und Moral, Recht und Poli­tik, Recht und Wirt­schaft usw. Auf sol­che Fra­gen sind Rechts­phi­lo­so­phie und Rechts­theo­rie spe­zia­li­siert, die damit zum Rechts­sys­tem gehö­ren.

Die Leit­un­ter­schei­dung eines Sys­tems ist eine evo­lu­tio­nä­re Errun­gen­schaft. Als sol­che ist sie nicht wei­ter begründ­bar. Sie kann ins­be­son­de­re nicht sinn­voll auf sich selbst ange­wen­det wer­den, man kann also nicht ent­schei­den, ob die Unter­schei­dung zwi­schen Recht und Unrecht selbst Recht oder Unrecht ist. Wür­de die Leit­un­ter­schei­dung auf sich selbst ange­wen­det, dann, so jeden­falls Luh­mann, wird die Sache para­dox.

»Eine Para­do­xie kommt zustan­de, wenn man den Code auf sich selbst anwen­det, also die Fra­ge stellt, ob es recht oder unrecht ist, zwi­schen Recht und Unrecht zu unter­schei­den. Die für Juris­ten (und Logi­ker) tri­via­le Ant­wort, es sei recht, lässt offen, was denn in die­sem Fal­le als Gegen­be­griff zu Recht, als auch mög­li­ches Unrecht funk­tio­niert. Die ande­re Ant­wort, es sei unrecht, erzeugt das­sel­be Pro­blem im umge­kehr­ten Sin­ne. Im einen Fall ist das Recht als recht­lich legi­tim, im ande­ren als ille­gi­tim behaup­tet. Aber die Fra­ge nach der Ein­heit der bei­den Behaup­tun­gen, die Fra­ge der Ein­heit des Codes, ist nicht ein­mal gestellt.« (RdG S. 188)

Zum Para­dox wird die Fra­ge nach dem Recht des Rechts indes nur durch Aus­beu­tung einer Äqui­vo­ka­ti­on, denn »Recht« und Recht klin­gen zwar gleich, mei­nen aber nicht das­sel­be, es sei denn, der Fra­ge­stel­ler lege es dar­auf an, ein Para­dox zu pro­du­zie­ren. Was mit der Fra­ge sinn­voll gemeint sein könn­te, hängt vom Stand­punkt des Beob­ach­ters ab. Der Sozio­lo­ge, der das Sys­tem von außer­halb beob­ach­tet, erwar­tet als Ant­wort eine Stel­lung­nah­me zur Legi­ti­mi­tät des Rechts oder zu sei­ner Wirk­sam­keit. Der Jurist sieht das Recht von innen. Aus die­ser Per­spek­ti­ve wäre die Fra­ge nach dem »Recht« von Recht nur eine ande­re For­mu­lie­rung der Fra­ge nach der Gel­tung des Rechts. Die Fra­ge führt nicht in einen Wider­spruch, son­dern in einen unend­li­chen Regress. Sie lässt sich theo­re­tisch end­los wie­der­ho­len und führt nie zu einer defi­ni­ti­ven Ant­wort. Prak­tisch muss und kann sie mit einem Wert­ur­teil ent­schie­den wer­den. Oder, was das­sel­be meint: Der Ursprung des Rechts liegt nicht im Recht. Schlicht kann man sagen: Der Ursprung des Rechts ist ein Wert­ur­teil. Oder man kann die Sache dra­ma­ti­sie­ren, indem man die »Kraft des Geset­zes« mit Der­ri­da »gewalt­sam« nennt.

Luh­manns Theo­rie von der Kon­sti­tu­ti­on des Rechts­sys­tems mit Hil­fe eines Para­do­xons braucht uns also nicht zu beun­ru­hi­gen. Beun­ru­hi­gen­der ist sei­ne The­se von der ope­ra­ti­ven Geschlos­sen­heit der Sys­te­me, die zu ver­hin­dern scheint, dass das Recht auf Infor­ma­tio­nen von außer­halb des Sys­tems reagiert. Viel­leicht kann man sich die Sache so vor­stel­len, wie eine Grup­pe von Men­schen, die nur ihre eige­ne Spra­che spricht, und ande­re Grup­pen, die auch nur ihre eige­ne Spra­che ken­nen, nicht ver­ste­hen. So neh­men die Grup­pen (Sys­te­me) sich zwar gegen­sei­tig wahr, beme­ken auch, dass die ande­ren etwas sagen, ver­neh­men aber nur ein Rau­schen. Die her­kömm­li­che Sys­tem­theo­rie hat­te zwar die Vor­stel­lung von einer Gren­ze zwi­schen Sys­tem und Umwelt. Die­se Gren­ze wur­de aber nicht für undurch­läs­sig gehal­ten. Man nahm viel­mehr an, dass Sys­te­me in einem Aus­tausch­ver­hält­nis mit ihrer Umwelt stün­den. Luh­mann kon­zen­triert sich dage­gen auf die inter­nen Ope­ra­tio­nen des Sys­tems. Nur im Rah­men sei­ner eige­nen Mög­lich­kei­ten kann ein Sys­tem auf Ver­än­de­run­gen in sei­ner Umwelt ant­wor­ten. Die Kran­ken­häu­ser kön­nen Unfäl­le nicht abschaf­fen, son­dern müs­sen ihr Bes­tes tun, um die Ver­letz­ten zu ver­sor­gen. Und so kön­nen auch die Gerich­te kein Geld dru­cken, um die Unfall­op­fer zu ent­schä­di­gen, son­dern nur mit ihren sys­tem­ei­ge­nen Mit­teln ant­wor­ten, indem sie auf eine Kla­ge Scha­dens­er­satz zuspre­chen.

Da es im Rechts­sys­tem um Nor­men geht, ist die Geschlos­sen­heit jedoch nur eine nor­ma­ti­ve. Kogni­tiv bleibt das Rechts­sys­tem offen (RdG Kap 3 VI). Man spricht auch von infor­ma­tio­nel­ler Offen­heit. Im Rechts­sys­tem kann man selbst­ver­ständ­lich zur Kennt­nis neh­men, was in der Welt geschieht. Aber dar­auf kann das Sys­tem nur mit eige­nen Maß­stä­ben reagie­ren. So kann es etwa die Pro­tes­te gegen den Bahn­hofs­um­bau Stutt­gart 21 recht­lich als Ver­samm­lung und Demons­tra­ti­on ein­ord­nen, den Ver­lauf als recht­mä­ßig oder rechts­wid­rig beur­tei­len, muss aber im übri­gen die Pro­tes­te für das Pla­nungs­ver­fah­ren und für abge­schlos­se­ne Ver­trä­ge als irrele­vant erach­ten.

Trotz­dem sind Sys­tem und Umwelt natür­lich nicht völ­lig von­ein­an­der iso­liert. Die zwi­schen ihnen bestehen­de Bezie­hung heißt bei Luh­mann struk­tu­rel­le Kopp­lung. Die Kopp­lung besteht dar­in, dass das Sys­tem sich intern ein Bild von sei­ner Umwelt ent­wirft, mit dem es bestimm­te Eigen­ar­ten der Umwelt dau­er­haft vor­aus­setzt (RdG S. 441). So unter­stellt die Ver­fas­sung in ihrem Grund­rechts­teil, dass indi­vi­du­el­le Frei­heit durch den Staat prin­zi­pi­ell gefähr­det ist. Das Miet­recht baut auf die Annah­me, dass Woh­nungs­mie­ter beson­ders schutz­be­dürf­tig sei­en; das Arbeits­recht hält ein­zel­ne Arbeit­neh­mer für weni­ger ver­hand­lungs­stark als den Arbeit­ge­ber. Aber Gerich­te kön­nen kei­ne Poli­zis­ten ent­waff­nen, kei­ne Woh­nun­gen bau­en und kei­ne Arbeits­plät­ze schaf­fen. Sie kön­nen nur Fäl­le, die an sie her­an­ge­tra­gen wer­den, unter Anknüp­fung an Rechts­nor­men sys­tem­kon­form ent­schei­den. Wenn Rich­ter also von Über­grif­fen der Poli­zei, von der Knapp­heit bil­li­ger Miet­woh­nun­gen oder über die ver­brei­te­te Arbeits­lo­sig­keit in der Zei­tung lesen, wer­den sie das als Per­son zur Kennt­nis neh­men. Das Recht als Sys­tem nimmt sol­che sys­tem­frem­den Kom­mu­ni­ka­tio­nen der Umwelt dage­gen nur als ein »Rau­schen« wahr, das nicht mehr als »Irri­ta­tio­nen« aus­lö­sen kann.

Wenn Rich­ter aus der Zei­tung erfah­ren, wie das Publi­kum über die Beschimp­fung von Sol­da­ten als »Mör­der« denkt, was es von Kreu­zen im Klas­sen­zim­mer hält und dass es die Recht­schreib­re­form ablehnt, wer­den sie dar­über viel­leicht nach­den­ken und mit Kol­le­gen oder ihrer Fami­lie dar­über reden. Doch die­se Kom­mu­ni­ka­ti­on bewegt sich nicht im Rechts­sys­tem. Wie könn­te es anders sein, wenn wir das Recht zuvor von den ande­ren Sys­te­men dadurch abge­grenzt haben, dass es auf spe­zi­fi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ak­te beschränkt ist? Des­halb ist die Beschrei­bung der Sys­te­me und damit auch des Rechts­sys­tems als »geschlos­sen« tau­to­lo­gisch. Den­noch wer­den sich die Rich­ter in irgend­ei­ner Wei­se, die recht­lich zunächst nicht fass­bar ist, von dem beein­dru­cken las­sen, was sie als Per­son in ande­ren Teil­sys­te­men der Gesell­schaft wahr­neh­men. Das mag man »Irri­ta­ti­on« oder »Inter­fe­renz« nen­nen. Doch damit ist nichts gewon­nen, wenn sich nicht die Fra­ge anschließt, wie genau die­se »Stö­rung« das Rechts­sys­tem beein­flusst.

Die­se Fra­ge stellt eine empi­ri­sche Unter­su­chung aus den USA, die 146 Ent­schei­dun­gen des United Sta­tes Supre­me Court aus der Zeit von 1934–1986 mit den Ergeb­nis­sen von Mei­nungs­um­fra­gen ver­gleicht, die etwa zur glei­chen Zeit durch­ge­führt wur­den, und zu dem Ergeb­nis gelangt, dass die Ent­schei­dun­gen de fac­to über­wie­gend mit der Mehr­heits­mei­nung der Bevöl­ke­rung über­ein­stimm­ten (Tho­mas R. Mar­shall, Public Opi­ni­on and the Supre­me Court, Bos­ton 1989). Anschei­nend ver­ur­sacht das »Rau­schen« der öffent­li­chen Mei­nung nicht bloß »Irri­ta­tio­nen«.

Luh­manns sys­tem­theo­re­ti­sche Beschrei­bung des Rechts läuft auf eine anspruchs­vol­le Refor­mu­lie­rung der Tren­nungs­the­se des Rechts­po­si­ti­vis­mus hin­aus. Geschlos­sen­heit des Rechts­sys­tems bedeu­tet eben nichts ande­res als die Abkopp­lung von Moral und Poli­tik, Reli­gi­on und Wirt­schaft und auch von der öffent­li­chen Mei­nung. Die »Leit­ent­schei­dung« des Sys­tems tritt an die Stel­le einer Grund­norm, die nicht mehr hin­ter­fragt wird. Ihre Kenn­zeich­nung als Para­dox ist ein rhe­to­ri­sches Mit­tel. Es hilft in krea­ti­ver Wei­se über die ver­miss­te, aber nicht mög­li­che Letzt­be­grün­dung hin­weg. Selbst­be­ob­ach­tung oder Refle­xi­vi­tät äußern sich in dem immer neu­en Ver­such, die Gel­tung des Rechts zu begrün­den oder, mit ande­ren Wor­ten, den Anschluss des Rechts an sei­ne Umwelt her­zu­stel­len.

III.  Autonomie des Rechts

Lite­ra­tur: Harold J. Ber­man, Recht und Revo­lu­ti­on, Die Bil­dung der west­li­chen Rechts­tra­di­ti­on, 1995 [Law and Revo­lu­ti­on 1983]; Marie The­res Fögen, Römi­sche Rechts­ge­schich­ten: Über Ursprung und Evo­lu­ti­on eines sozia­len Sys­tems, 2002; Tho­mas Ves­ting, Rechts­theo­rie, 2007, Rn. 268–270.

Die ope­ra­ti­ve Geschlos­sen­heit, die dem Recht zu einer gewis­sen Auto­no­mie gegen­über ande­ren Sozi­al­sys­te­men ver­hilft, ist eine his­to­risch rela­ti­ve neue Errun­gen­schaft. Wann und wo das Recht erst­mals die­se Qua­li­tät erreicht hat, ist nicht ganz klar und kann im Hin­blick dar­auf, dass die Über­gän­ge flie­ßend sind, auch nicht auf den Punkt genau bestimmt wer­den. Drei unter­schied­li­che Start­zei­ten für das moder­ne Recht wer­den erör­tert. Fögen sieht den Anfang eines geschlos­se­nen Recht­sys­tems schon im römi­schen Recht. Harold J. Ber­man[1] hat viel Zustim­mung zu sei­ner The­se erfah­ren, dass das moder­ne Recht sei­nen Anfang mit der Wie­der­ent­de­ckung der Diges­ten im Mit­tel­al­ter genom­men habe.

IV.  Die Fortentwicklung der Theorie durch Gunther Teubner

Schrif­ten von Teub­ner: Refle­xi­ves Recht: Ent­wick­lungs­mo­del­le des Rechts in ver­glei­chen­der Per­spek­ti­ve, ARSP 68, 1982, 13; Sub­stan­ti­ve and Refle­xi­ve Ele­ments in Modern Law. Law and Socie­ty Review 17, 19821983, 239–286; Recht als auto­po­ie­ti­sches Sys­tem, 1989, 2. Aufl. 1996; Glo­ba­le Buko­wi­na: Zur Emer­genz eines trans­na­tio­na­len Rechts­plu­ra­lis­mus, Rechts­his­to­ri­sches Jour­nal 15, 1996, 255–290; Ver­recht­li­chung — ein ultra­zy­kli­sches Gesche­hen, 1997; Nach der Pri­va­ti­sie­rung? Dis­kurs­kon­flik­te im Pri­vat­recht, Zeit­schrift für Rechts­so­zio­lo­gie 19, 1998, 8–36; Eigen­sin­ni­ge Pro­duk­ti­ons­re­gimes: Zur Ko-evo­lu­ti­on von Wirt­schaft und Recht in den varie­ties of capi­ta­lism, Sozia­le Sys­te­me 5, 1999a, 7–26; Pri­vat­re­gimes: Neo-Spon­ta­nes Recht und dua­le Sozi­al­ver­fas­sun­gen in der Welt­ge­sell­schaft?, in: Simon Dieter/Manfred Weiss (Hg.), Zur Auto­no­mie des Indi­vi­du­ums, 2000, 437–453; Rechts­ir­ri­ta­tio­nen: Zur Koevo­lu­ti­on von Rechts­nor­men und Pro­duk­ti­ons­re­gimes, in: Gün­ter Dux/Franz Welz (Hg.), Moral und Recht im Dis­kurs der Moder­ne, 2001, 351–381; Glo­ba­le Zivil­ver­fas­sun­gen: Alter­na­ti­ven zur staats­zen­trier­ten Ver­fas­sungs­theo­rie, Zeit­schrift für aus­län­di­sches öffent­li­ches Recht und Völ­ker­recht 63, 2003a, 1–28; Der Umgang mit Rechts­pa­ra­do­xi­en: Der­ri­da, Luh­mann, Wiet­höl­ter, in: Chris­ti­an Joerges/Gunther Teub­ner (Hg.), Rechts­ver­fas­sungs­recht, 2003b, 25–46; Netz­werk als Ver­trags­ver­bund, Vir­tu­el­le Unter­neh­men, Fran­chi­sing, Just-in-time in sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher und juris­ti­scher Sicht, 2004; Die anony­me Matrix: Zu Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen durch »pri­va­te« trans­na­tio­na­le Akteu­re, Der Staat 44, 2006, 161–187; Selbst­sub­ver­si­ve Gerech­tig­keit: Kon­tin­genz- oder Tran­szen­denz­for­mel des Rechts?, Zeit­schrift für Rechts­so­zio­lo­gie 29, 2008, 9–36; Frag­men­ted Foun­da­ti­ons: Socie­tal Con­sti­tu­tio­na­lism Bey­ond the Nati­on Sta­te, in: Petra Dobner/Martin Lough­lin (Hg.), The Twi­light of Con­sti­tu­tio­nal Law, Oxford 2010a, S. 327–341; ders., Ver­fas­sun­gen ohne Staat? Zur Kon­sti­tu­tio­na­li­sie­rung trans­na­tio­na­ler Regimes, in: Klaus Günther/Stefan Kadel­bach (Hg.), Recht ohne Staat 2010b, im Erschei­nen; Selbst-Kon­sti­tu­tio­na­li­sie­rung trans­na­tio­na­ler Unter­neh­men? Zur Ver­knüp­fung »pri­va­ter« und »staat­li­cher« Cor­po­ra­te Codes of Con­duct, in: Ste­fan Grund­mann u. a., Unter­neh­men, Markt und Ver­ant­wor­tung. Fest­schrift für Klaus Hopt, 2010c, 1449–1470. Für vie­le wei­te­re Arbei­ten sei hier auf die im Inter­net ver­füg­ba­re voll­stän­di­ge Publi­ka­ti­ons­lis­te ver­wie­sen. Die meis­ten Arbei­ten Teub­ners sind über sei­ne Web­sei­te im Inter­net zugäng­lich. Sie wer­den hier nach der Inter­net­fas­sung zitiert.

Schrif­ten von Teub­ner und Mit­au­to­ren: Gun­ther Teubner/Helmut Will­ke, Kon­text und Auto­no­mie, ZfR­Soz 6, 1984, 4–35; Gun­ther Teubner/Peer Zumban­sen, Rechts­ent­frem­dun­gen: Zum gesell­schaft­li­chen Mehr­wert des zwölf­ten Kamels, Zeit­schrift für Rechts­so­zio­lo­gie 21, 2000, 189–215; Andre­as Fischer-Lesca­no/G­un­ther Teub­ner, Regime-Kol­li­sio­nen. Zur Frag­men­tie­rung des glo­ba­len Rechts, 2006; dies., Frag­men­tie­rung des Welt­rechts: Ver­net­zung glo­ba­ler Regimes statt der struk­tu­rel­len Kopp­lung der Funk­ti­ons­sys­te­me, in: Mathi­as Albert/Rudolf Stich­weh (Hg.), Welt­staat und Welt­staat­lich­keit, 2007, 37–61.

In der Recht­so­zio­lo­gie wirkt die Sys­tem­theo­rie Luh­manns heu­te in ers­ter Linie durch die Fort­ent­wick­lung und die Anwen­dun­gen, die maß­geb­lich Gun­ther Teub­ner (geb. 1944) und sei­ne Schü­ler und Anhän­ger geprägt haben.

Teub­ner ist von Hau­se aus Jurist. Nach Sta­tio­nen an der Uni­ver­si­tät Bre­men und am Euro­päi­schen Hoch­schul­in­sti­tut in Flo­renz war er seit 1993 Pro­fes­sor an der renom­mier­ten Lon­don School of Eco­no­mics und hat­te ab 1998 bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung 2009 einen Lehr­stuhl für Pri­vat­recht und Rechts­so­zio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Frank­furt a. M. inne. Obwohl er heu­te wohl eher als Sys­tem­theo­re­ti­ker wahr­ge­nom­men wird, hat er die Ver­bin­dung zu kon­kre­ten Rechts­fra­gen und zur gro­ßen Rechts­theo­rie nie ver­lo­ren. Sei­nen Weg in die Recht­so­zio­lo­gie fand er 1972–1974 über einen Stu­di­en­auf­ent­halt am Cen­ter for the Stu­dy of Law and Socie­ty der Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia in Ber­ke­ley, das damals von sei­nem Grün­der Phi­lip Selz­nick (1935−2010) und des­sen Nach­fol­ger Phil­ip­pe Nonet geprägt war. Teub­ner ist einer der ganz weni­gen deut­schen Rechts­so­zio­lo­gen der Gegen­wart, die auch inter­na­tio­nal wahr­ge­nom­men wer­den. Die Grund­la­ge dafür hat er schon 1983 durch einen Auf­satz in der Law and Socie­ty Review gelegt. Sei­ne Mono­gra­phie von 1989 ist in neun Spra­chen über­setzt wor­den. Damit hat er wesent­lich zur Ver­brei­tung der Sys­tem­theo­rie über Deutsch­land hin­aus bei­ge­tra­gen.

Zu den Auto­ren, die weit­ge­hend im Ein­klang mit Teub­ner, aber doch selb­stän­dig die Sys­tem­theo­rie für Rechts­the­men ver­wen­den, zäh­len Marc Amstutz, Karl-Heinz-Ladeur, Tho­mas Ves­ting und Hel­mut Will­ke.

Ein gro­ßer Wurf gelang Teub­ner zusam­men mit Hel­mut Will­ke 1984 mit dem Auf­satz »Kon­text und Auto­no­mie« in der Zeit­schrift für Recht­so­zio­lo­gie, in dem die Auto­ren aus Luh­manns Idee der auto­po­ie­ti­schen Geschlos­sen­heit sozia­ler Sys­te­me die Unfä­hig­keit der Poli­tik und des Rechts zur (direk­ten) Steue­rung der ande­ren Funk­ti­ons­sys­te­me der Gesell­schaft, ins­be­son­de­re der Wirt­schaft, ablei­te­ten. Statt­des­sen ver­wie­sen sie auf die Mög­lich­keit der »Kon­text­steue­rung« durch »refle­xi­ves Recht« (näher unten § 71). 1989, also noch vor Luh­manns »Recht der Gesell­schaft« (1993), arbei­te­te Teub­ner sei­ne Vor­stel­lun­gen von der Sys­tem­theo­rie als Grund­la­ge der Rechts­so­zio­lo­gie mono­gra­phisch aus. Dar­in nahm er den (eher ver­wir­ren­den) Begriff des Hyper­zy­klus[2] auf, mit dem er die Auto­po­ie­se des Rechts­sys­tems »gra­dua­li­sier­te« (S. 36 ff.). Auto­po­ie­se und Auto­no­mie des Recht­sys­tems sind danach nicht ein­fach nur das Ergeb­nis selbst­be­züg­li­cher Ver­knüp­fung von (ein­fa­chen) Rechts­kom­mu­ni­ka­tio­nen, son­dern die rekur­si­ve Ver­knüp­fung von Ver­knüp­fungs­er­geb­nis­sen, wie man sie aus der Begriffs­ju­ris­pru­denz kennt. Vor allem aber rich­te­te er in dem Buch von 1989 die Sys­tem­theo­rie auf das Pro­blem der Evo­lu­ti­on des Rechts zu (näher unten § 90). Ein häu­fig wie­der­keh­ren­des The­ma mit kon­kre­tem Rechts­be­zug bil­den die Zwi­schen­for­men zwi­schen Ver­trag und Orga­ni­sa­ti­on (Ver­trags­netz­wer­ke, Just-in-Time-Lie­fe­rung, Fran­chi­sing). Seit Mit­te der 1990er Jah­re hat Teub­ner sich vor allem mit der Glo­ba­li­sie­rung des Rechts befasst. Erneut gelang ihm ein gro­ßer Wurf, indem er das Kon­zept des Rechts­plu­ra­lis­mus sys­tem­theo­re­tisch rekon­stru­ier­te und dabei den inzwi­schen sprich­wört­li­chen Aus­druck von der »Glo­bal Buko­wi­na« präg­te (1996), der auf die Grund­le­gung der Rechts­so­zio­lo­gie durch Eugen Ehr­lich anspielt.

Teub­ner arbei­tet grund­sätz­lich mit dem Begriffs­ge­rüst Luh­manns (Funk­ti­ons­sys­te­me, Sys­tem­code, auto­po­ie­ti­sche Schlie­ßung, struk­tu­rel­le Kopp­lung), hat sich im Lau­fe der Zeit jedoch eine eige­ne Begriff­lich­keit geschaf­fen: Neben den Hyper­zy­klus tritt spä­ter noch der Ultra­zy­klus. Wäh­rend der Hyper­zy­klus sich inner­halb des Sys­tems abspielt, führt der Ultra­zy­klus in einem Pro­zess »öko­lo­gi­scher Rekur­si­vi­tät« zu einer Ver­ste­ti­gung von struk­tu­rel­ler Kopp­lung (1997:23ff.). Öko­lo­gisch meint in die­sem Zusam­men­hang die Bezie­hun­gen der Funk­ti­ons­sys­te­me zu ihrer Umwelt, die aus den ande­ren Funk­ti­ons­sys­te­men un der natür­li­chen Umwelt (Men­schen, Natur) besteht.

»Die für eine recht­so­zio­lo­gi­sche Betrach­tung erfor­der­li­che Gene­ra­li­sie­rung und Respe­zi­fi­zie­rung ultra­zy­kli­scher Bezie­hun­gen« hat Teub­ner so zusam­men­ge­fasst:

»1) Selbst­re­pro­duk­ti­ve Pro­zes­se im Rechts­sys­tem um in gesell­schaft­li­chen Teil­sys­tem schlie­ßen sich über Bin­dungs­in­sti­tu­tio­nen zyklisch zu einem von bei­den genähr­ten selbst­re­pro­duk­ti­ven Pro­zeß zusam­men.

2) Der Zusam­men­schluß wirkt in der Wei­se wachs­tums­be­schleu­ni­gend, daß das gesell­schaft­li­che Teil­sys­tem Trans­ak­tio­nen pro­du­ziert, die zugleich auto­ka­ta­ly­tisch für das eige­ne Wachs­tum und fremd­ka­ta­ly­tisch für das Wachs­tum der Rechts­nor­men­pro­duk­ti­on wir­ken und umge­kehrt.

3) Die­se ultra­zy­kli­sche Bin­dung von Recht und gesell­schaft­li­chem Teil­sys­tem führt nicht zur Her­aus­bil­dung eines neu­en ope­ra­tiv geschlos­se­nen Sys­tems, son­dern beruht auf Tren­nung und Auto­no­mie der betei­lig­ten Sys­te­me, ja nützt gera­de die prin­zi­pi­el­le Ver­schie­den­heit der Sys­tem­ope­ra­tio­nen (gesell­schaft­li­che Akte und Rechts­ak­te) für die Fremd­ka­ta­ly­se aus. Des­halb also kein Hyper­zy­klus im Ver­hält­nis Recht – Gesell­schaft, der bei­de in einem emer­gen­ten Sys­tem der Selbst­re­pro­duk­ti­on der Kom­po­nen­ten zusam­men­schlös­se, son­dern ein Ultra­zy­klus, der die Gren­zen von Recht und gesell­schaft­li­chem Teil­sys­tem respek­tiert und zugleich über­schrei­tet, eine zir­ku­lä­re För­de­rungs­be­zie­hung zwi­schen Sys­tem und Nische, eine Art öko­lo­gi­scher Rekur­si­vi­tät.« (1997:24)

Wäh­rend die­se For­mu­lie­rung ziem­lich unge­nieß­bar wirkt, erscheint das prak­ti­sche Ergeb­nis plau­si­bel:

»Ver­recht­li­chung der Gesell­schaft bedeu­tet also immer zugleich Ver­ge­sell­schaf­tung des Rechts. Dies ist nicht ein­fach als ›Wech­sel­wir­kung‹ zwi­schen Recht und gesell­schaft­li­chem Teil­sys­tem zu ver­ste­hen, son­dern als dyna­mi­scher kumu­la­ti­ver Pro­zess, in dem sich eine ›chain of mis­rea­dings‹ (San­tos) auf­baut, die bei­de Sys­te­me in einer merk­wür­di­gen Dyna­mik der Miß­ver­ständ­nis­se vor­an­treibt. … Die Macht­phä­no­me­ne des Poli­ti­schen wer­den in die Spra­che des Rechts neu gele­sen und in Rechts­phä­no­me­ne ver­wan­delt und als Rechts­wirk­lich­kei­ten bear­bei­tet. In einer zwei­ten Lek­tü­re wer­den die­se neu­en Rechts­phä­no­me­ne wie­der wahr­ge­nom­men, aber jetzt als Macht­phä­no­me­ne rekon­stru­iert und als poli­ti­sche Rea­li­tä­ten pro­zes­siert. Das Recht wie­der­um liest die repo­li­ti­sier­ten Phä­no­me­ne erneut in der Recht­spra­che usw. Es han­delt sich also um einen infi­ni­ten Pro­zeß der wech­sel­sei­ti­gen Lek­tü­re neu­pro­du­zier­ter Rea­li­tä­ten, die nur gele­gent­lich auf sta­bi­le Attrak­to­ren und Eigen­wer­te zuläuft. « (1997:24f.)

Aus dem Ultra­zy­klus der struk­tu­rel­len Kopp­lung ent­wi­ckelt sich ein »Meta-Code«, der sich dem binä­ren Code der Funk­ti­ons­sys­te­me über­ord­net. Dar­aus ent­steht dann, was Teub­ner Kon­sti­tu­tio­na­li­sie­rung nennt. Die­sen Begriff haben Teub­ner und sei­ne Schü­ler im Rah­men der Glo­ba­li­sie­rungs­the­ma­tik ent­wi­ckelt. Des­halb wird er dort (§ 97 III, 4) etwas näher behan­delt.

Zwar behan­delt auch Teub­ner wie Luh­mann Sys­te­me als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­te­me. Doch wäh­rend Luh­mann die Kom­mu­ni­ka­ti­on eher medi­en­so­zio­lo­gisch ver­stand, macht Teub­ner Anlei­hen bei der Sprach- und Kul­tur­phi­lo­so­phie von Der­ri­da und Lyo­tard. So wer­den aus den Sys­te­men »her­me­tisch geschlos­se­ne Dis­kur­se«. Im Ver­hält­nis der Sys­te­me unter­ein­an­der ent­ste­hen »ein­an­der feind­li­che Sprach­spie­le, die sich gegen­sei­tig Gewalt antun«, und aus der struk­tu­rel­len Kopp­lung wird »Inter­tex­tu­ra­li­tät«. Alles zusam­men bekommt die Über­schrift »Poly­kon­tex­tu­ra­li­tät«. Spä­ter[3] kommt noch die »Meta­pher der anony­men Matrix« hin­zu. Teil­wei­se fin­det »Matrix« als Syn­onym für »Sys­tem« Ver­wen­dung, teil­wei­se bezeich­net die »anony­me Matrix« unbe­nann­te Eigen­schaf­ten geschlos­se­ner Sys­te­me und öfter geht es um die »anay­nym­me Matrix eines ver­selb­stän­dig­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ven Medi­ums«.

Ergeb­nis der auto­po­ie­tisch her­bei­ge­führ­ten ope­ra­ti­ven Schlie­ßung der Sys­te­me ist deren »Eigen­lo­gik«. Aber über eine Eigen­lo­gik und die draus fol­gen­de »Ratio­na­li­tät« ver­fü­gen nicht nur die Funk­ti­ons­sys­te­me der Gesell­schaft, son­dern: »Jeder gesell­schaft­li­che Hand­lungs­be­reich ent­wi­ckelt sei­ne eigen­wil­li­ge for­ma­le Ratio­na­li­tät, die sich in einem unauf­lös­li­chen Kon­flikt mit den Ratio­na­li­tä­ten ande­rer Berei­che befin­det.« (2003a:5) Die­ser Kon­flikt ent­steht frei­lich erst dadurch, dass die sozia­len Funk­ti­ons­sys­te­me als expan­siv vor­ge­stellt wer­den: Poli­tik will alles poli­ti­sie­ren, die Wirt­schaft alles öko­no­mi­sie­ren, das Recht bei­des ver­recht­li­chen usw. (1997:14, 25).

Teub­ners Arbei­ten sind gedan­ken­reich, mate­ri­al­reich und dif­fe­ren­ziert. Auch nach Abzug der sys­tem­theo­re­ti­schen Ein­klei­dung bie­ten sie immer wie­der inter­es­san­te Beob­ach­tun­gen und neue Sicht­wei­sen. Der sys­tem­theo­re­ti­sche Sprach­stil ver­dun­kelt jedoch die Zusam­men­hän­ge eher als sie zu erhel­len. Dar­aus wach­sen gele­gent­lich Blü­ten, die als Zitat ohne Kon­text für eine Sati­re gut sind. Das hat auch damit zu tun, dass Teub­ner, stär­ker noch als Luh­mann, das Phä­no­men der Selbst­re­fe­renz und dar­aus ver­meint­lich fol­gen­de Para­do­xi­en betont. Auch der omi­nö­se re-ent­ry von Unter­schei­dun­gen taucht immer wie­der auf. Nicht weni­ge fin­den an den ela­bo­rier­ten Figu­ren der Sys­tem­theo­rie um ihrer selbst wil­len Gefal­len. Inso­fern kann man von einem Eigen­wert der Sys­tem­theo­rie spre­chen.

Zusatz­an­nah­men zur »klas­si­schen« Sys­tem­theo­rie Luh­manns, vor allem die Beto­nung von Meta-Codes der struk­tu­rel­len Kopp­lung (2010b) erwe­cken den Ein­druck, dass die Sys­tem­theo­rie an Gren­zen stößt. Eine Gren­ze besteht dar­in, dass sie nur schwer mit Sub­sys­te­men umge­hen kann, weil die­se über kei­nen deut­li­chen Sys­tem­code ver­fü­gen, der ihre Iden­ti­tät ver­bürgt. Daher tau­chen unter­halb der gro­ßen Funk­ti­ons­sys­te­me der Gesell­schaft Ein­hei­ten auf, die nur unzu­läng­lich in die Sys­tem­theo­rie ein­ge­baut wer­den. Dabei geht es um Regimes, Netz­wer­ke, Dis­kur­se oder »Pro­jek­te«. Der Sys­tem­sta­tus die­ser Ein­hei­ten bleibt unge­klärt.

Den jün­ge­ren Arbei­ten Teub­ner wird man nur gerecht, wenn man sie nicht mehr der Rechts­so­zio­lo­gie zuord­net, son­dern als sozio­lo­gi­sche Juris­pru­denz ver­steht, die dar­um bemüht ist, Grund- und Men­schen­rech­te und Gemein­wohl­vor­stel­lun­gen in einem staats­un­ab­hän­gi­gen glo­ba­li­sier­ten Welt­recht zu ver­an­kern. Der nor­ma­ti­ve Ansatz besteht in einer Ver­all­ge­mei­ne­rung kol­li­si­ons­recht­li­chen Den­kens. Dazu setzt Teub­ner die (ver­brei­te­te) For­de­rung nach der Schaf­fung gesell­schafts­ad­äqua­ter Rechts­be­grif­fe kurz­schlüs­sig um, indem er auf sys­tem­theo­re­ti­sche Begrif­fe zurück­greift. Expan­si­ve Sys­te­me, geschlos­se­ne Dis­kur­se und anony­me Matri­zen gefähr­den die Inte­gri­tät von Psy­che, Kör­per­lich­keit und natür­li­cher Umwelt. Abhil­fe erwar­tet Teub­ner von der »immensen Zunah­me wech­sel­sei­ti­ger Irri­ta­bi­li­tät« durch mul­ti­ple struk­tu­rel­le Kopp­lun­gen, aus denen staats­freie Zivil­ver­fas­sun­gen her­vor­ge­hen sol­len.

 



[1] Vgl. Tho­mas Ves­ting, Harold J. Ber­man (1918−2007), Ancil­la Juris 2008.

[2] Aus­führ­lich hat­te Teub­ner die­sen Begriff bereits 1987 begrün­det: Hyper­zy­klus in Recht und Orga­ni­sa­ti­on. Zum Ver­hält­nis von Selbst­be­ob­ach­tung, Selbst­kon­sti­tu­ti­on und Auto­po­ie­se, in: Hans Haferkamp/Michael Schmid (Hg.), Sinn, Kom­mu­ni­ka­ti­on und sozia­le Dif­fe­ren­zie­rung, 1987, 89–128.

[3] Gun­ther Teub­ner, Die anony­me Matrix: Zu Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen durch „pri­va­te“ trans­na­tio­na­le Akteu­re, Der Staat 44, 2006, 161–187. Eine nähe­re Erläu­te­rung, was der Begriff besa­gen soll, habe ich nicht gefun­den. Anschei­nend geht es ein­fach nur um stark ver­fes­tig­te sozia­le Struk­tu­ren. In die­sem Sin­ne ist etwa bei Judith But­ler (Kör­per von Gewicht, 1997, 36) die Rede von der »hete­ro­se­xu­el­len Matrix«.

[Stand deer Bear­bei­tung Janu­ar 2011]

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