§ 89 Struktur- und Entwicklungstheorien

Lite­ra­tur: Gert Albert, Sozio­lo­gie mitt­le­rer Reich­wei­te. Die metho­do­lo­gi­schen Kon­zep­tio­nen Robert K. Mer­tons und Max Webers im Ver­gleich, in: Stef­fen Sig­mund u. a. (Hg.), Sozia­le Kon­stel­la­ti­on und his­to­ri­sche Per­spek­ti­ve, Fest­schrift Lep­si­us, 2008, 455–467; Jean Car­bon­nier, Die gro­ßen Hypo­the­sen der theo­re­ti­schen Rechts­so­zio­lo­gie, KZfSS Son­der­heft 11, 1967, 135–150; Augus­te Aom­te, Plan der wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten, die für eine Reform der Gesell­schaft not­wen­dig sind, 173 [1822], Rolf Gra­wert, Ide­en­ge­schicht­li­cher Rück­blick auf Evo­lu­ti­ons­kon­zep­te der Rechts­ent­wick­lung, Der Staat 22, 1983, 63–82; Mer­ton, On Socio­lo­gi­cal Theo­ries of the Midd­le Ran­ge, in: ders., Soci­al Theo­ry and Soci­al Struc­tu­re, 3. Aufl. 1968 S. 39–72; Rai­mund Pop­per, Das Elend des His­to­ri­zis­mus, 4. Aufl. 1974; Hubert Rott­leuth­ner, Theo­ries of Legal Evo­lu­ti­on: Bet­ween Empi­ri­cism and Phi­lo­so­phy of Histo­ry, Rechts­theo­rie Bei­heft 9, 1986, 217–230; Oswald Speng­ler, Der Unter­gang des Abend­lan­des: Umris­se einer Mor­pho­lo­gie der Welt­ge­schich­te, Bd. I: Gestalt und Wirk­lich­keit, 1918, Bd. II: Welt­his­to­ri­sche Per­spek­ti­ven, 1922; Peter Stein, Legal Evo­lu­ti­on, 1980; Nas­sim Nicho­las Tal­eb, Der schwar­ze Schwan. Die Macht höchst unwahr­schein­li­cher Ereig­nis­se, 2008 (The Black Swan: The Impact of the High­ly Impro­bable, 2007); Csa­ba Var­ga, Macro­so­cio­lo­gi­cal Theo­ries of Law, Rechts­theo­rie Bei­heft 9, 1986, 197–215; Harald Wel­zer, Rat­los in die Zukunft, Spek­trum der Wis­sen­schaft, 11/2008, 139–143; Her­bert Zemen, Evo­lu­ti­on des Rechts, 1983

I.                      Hypothesen verschiedener Reichweite

In der Sozio­lo­gie unter­schei­det man nach dem Vor­schlag von Robert K. Mer­ton drei Arten von Theo­ri­en oder Hypo­the­sen:

  • Groß­theo­ri­en
  • Theo­ri­en mitt­le­rer Reich­wei­te
  • mikro­so­zio­lo­gi­sche Theo­ri­en.

Unter­schei­dungs­kri­te­ri­um ist die Reich­wei­te der Theo­ri­en, die sich von Indi­vi­du­en und Klein­grup­pen bis zur Gesamt­ge­sell­schaft erstre­cken kann. Dabei ist die Unter­schei­dung zwi­schen den drei Grup­pen alles ande­re als scharf.

Empi­ri­sche Sozi­al­for­schung bezieht ihre Daten über­wie­gend aus der Beob­ach­tung von Indi­vi­du­en und Klein­grup­pen. Die Daten wer­den in der Regel auch nur in Theo­ri­en von gerin­ger Reich­wei­te inte­griert. Ein Bei­spiel aus der Rechts­so­zio­lo­gie wäre etwa die Annah­me:

  • Zivil­pro­zes­se wer­den über­wie­gend vom Klä­ger gewon­nen.

Auch Zusatz­an­nah­men, die aus die­ser deskrip­ti­ven Theo­rie eine kau­sa­le machen, blei­ben im Bereich von Mikro­theo­ri­en, z. B.:

  • Der Klä­ger gewinnt häu­fi­ger, weil er häu­fi­ger im Recht ist.
  • Der Klä­ger gewinnt, weil regel­mä­ßig ein sozia­les Gefäl­le zum Beklag­ten besteht.
  • Der Klä­ger gewinnt, weil es grö­ße­re Auf­wen­dun­gen erfor­dert, aktiv zu kla­gen, als sich pas­siv ver­kla­gen zu las­sen, und weil er des­halb nach­hal­ti­ger und erfolg­rei­cher selek­tiert.

Als Bei­spiel einer Theo­rie mitt­le­rer Reich­wei­te nennt Mer­ton die Rol­len- und die Bezugs­grup­pen­theo­rie, aber auch Max Webers berühm­te The­se, nach wel­cher der west­li­che Kapi­ta­lis­mus ein Pro­dukt cal­vi­nis­tisch-pro­tes­tan­ti­scher Ethik ist. Ein ande­res Bei­spiel wäre die ver­brei­te­te Annah­me, dass sozia­le Über­le­gen­heit ihre Fort­set­zung auch im Rechts­be­reich fin­de, dass sozia­le Macht regel­mä­ßig auch Rechts­macht sei usw.

Gro­ße Theo­ri­en machen Aus­sa­gen über die Gesamt­ge­sell­schaft. Eine gro­ße Theo­rie ist die mar­xis­ti­sche, die die sozia­le Ent­wick­lung ins­ge­samt als eine Abfol­ge von Klas­sen­kämp­fen deu­tet und dem Recht einen ziem­lich bedeu­tungs­lo­sen Platz im ideo­lo­gi­schen Über­bau der Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se zuweist (§ 2, 4).

Kon­kre­te Bei­spie­le aus der empi­ri­schen For­schung, die aus Mer­tons Befas­sung mit der Wir­kung von Mas­sen­me­di­en stam­men – u.a. sei­ne Mono­gra­phie »Mass Per­sua­si­on« — sol­len die­se theo­re­ti­schen und metho­do­lo­gi­schen Erör­te­run­gen ver­deut­li­chen. In der Aus­ein­an­der­set­zung mit all­ge­mei­nen Theo­ri­en mensch­li­chen Han­delns ent­wi­ckel­te Mer­ton eine tief­ge­hen­de Skep­sis gegen­über ›grand theo­ries‹. Auf dem gegen­wär­ti­gen Stand der Ent­wick­lung der Sozio­lo­gie hält er sie ein­fach für unan­ge­mes­sen und ›pre­ma­tu­re‹. Theo­ri­en mitt­le­rer Reich­wei­te sind häu­fig miss­ver­stan­den wor­den und haben zu der Fehl­ent­wick­lung der spe­zi­el­len Sozio­lo­gi­en zu soge­nann­ten Bin­de­strich­so­zio­lo­gi­en bei­getra­gen. Sie stel­len aber, rich­tig ver­stan­den, in der glei­chen Wei­se ana­ly­ti­sche Theo­ri­en dar wie all­ge­mei­ne Theo­ri­en, ihr Gel­tungs­be­reich ist aber von vorn­her­ein in meh­re­ren Hin­sich­ten begrenzt und Gene­ra­li­sie­run­gen über die­sen Bereich hin­aus sind wis­sen­schaft­lich nicht gesi­chert. Die­ser Ansatz hat Rück­wir­kun­gen auch auf die Begriffs­bil­dung, da all­ge­mei­ne Begrif­fe als inhalts­lee­re Kon­struk­te ver­mie­den und Aus­sa­gen nur für begrenz­te gesell­schaft­li­che Kon­tex­te ange­strebt wer­den.

Die Bei­spie­le zei­gen, dass die Theo­ri­en mit der Zunah­me ihrer Reich­wei­te immer all­ge­mei­ner wer­den. Je all­ge­mei­ner eine Theo­rie, des­to schwe­rer ist es anzu­ge­ben, wie sie durch empi­ri­sche Sozi­al­for­schung bewie­sen oder wider­legt wer­den könn­te, denn es wer­den immer mehr Ope­ra­tio­na­li­sie­rungs­schrit­te not­wen­dig, um beob­ach­tungs­fä­hi­ge Varia­blen zu bestim­men. Mer­ton mein­te daher, die Sozio­lo­gie sol­le sich auf Theo­ri­en mitt­le­rer Reich­wei­te kon­zen­trie­ren.

Gro­ße Theo­ri­en bewe­gen sich weit­ge­hend im Bereich der Spe­ku­la­ti­on. Oft kann man nur noch schwer zwi­schen Phi­lo­so­phie und Sozio­lo­gie unter­schei­den. Dafür ist die mar­xis­ti­sche Theo­rie wie­der ein gutes Bei­spiel. Um anzu­deu­ten, dass Groß­theo­ri­en letzt­lich nicht bewie­sen wer­den kön­nen, spricht man bes­ser statt von Theo­ri­en von blo­ßen Hypo­the­sen, obwohl auch die­se Sprach­re­ge­lung nicht ganz befrie­di­gend ist, weil man unter Hypo­the­sen in der Regel den Ent­wurf prüf­ba­rer Theo­ri­en ver­steht.

So schwie­rig es ist, fun­dier­te Aus­sa­gen von der Art gro­ßer Hypo­the­sen empi­risch zu begrün­den, so reiz­voll ist es ande­rer­seits, mit sol­chen Hypo­the­sen zu ope­rie­ren. Jeder möch­te gern eine Gesamt­vor­stel­lung von der Ent­wick­lung der Welt und der mensch­li­chen Gesell­schaft gewin­nen. Er möch­te »sei­nen Stand­ort bestim­men« und »wis­sen, wohin die Rei­se geht«. So haben die meis­ten Men­schen bewusst oder unbe­wusst ihre eige­ne Groß­theo­rie von der Gesell­schaft.

Auch in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten sind eine Rei­he gro­ßer Hypo­the­sen ent­wi­ckelt wor­den. Da das Recht ein wesent­li­cher Bestand­teil der Gesell­schaft ist, machen auch fast alle Groß­theo­ri­en der Gesell­schaft Aus­sa­gen über das Recht. Die Evo­lu­ti­on von Staat und Recht ist seit Pla­to, Aris­to­te­les und Poly­bi­os ein klas­si­sches The­ma der Rechts­phi­lo­so­phie. Die Grün­der­vä­ter der Sozio­lo­gie, die noch an dem intel­lek­tu­el­len Kli­ma des 19. Jahr­hun­derts Teil hat­ten, das durch die dar­wi­nis­ti­sche Evo­lu­ti­ons­theo­rie geprägt war, haben fast jeder eine eige­ne Theo­rie die­ser Art ent­wi­ckelt. Das gilt für Marx und Comte eben­so wie für Weber und Durk­heim. Mit dem ers­ten Welt­krieg trat die Suche nach uni­ver­sa­len Ent­wick­lungs­ge­set­zen der Gesell­schaft, und mit ihnen nach uni­ver­sa­len Ent­wick­lungs­prin­zi­pi­en des Rechts, in den Hin­ter­grund. Im Zuge der Glo­ba­li­sie­rung ist das Inter­es­se an den Ent­wick­lungs­ge­set­zen des Rechts jedoch neu erwacht.

Mit ihren gro­ßen Hypo­the­sen sind die Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten nicht sehr erfolg­reich (Wel­zer). Nie zuvor hat es eine so dich­te Abfol­ge gesell­schaft­li­cher Umbrü­che gege­ben wie im 20. Jahr­hun­dert, und im 21. Jahr­hun­dert scheint die Rei­he sich fort­zu­set­zen: Welt­krieg I, rus­si­sche Revo­lu­ti­on 1917, der demo­kra­ti­sche Anlauf der Wei­ma­rer Repu­blik und ihr schei­tern, Welt­wirt­schafts­kri­se, natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Macht­er­grei­fung, Welt­krieg II, Auf­lö­sung der Kolo­ni­al­rei­che, »Kul­tur­re­vo­lu­ti­on« in Chi­na, Revo­lu­tio­nen in Süd­ame­ri­ka, Kal­ter Krieg, Glo­ba­li­sie­rung, Auf­schwung der Tiger­staa­ten, Kol­laps des sozia­lis­ti­schen Lagers, Zer­fall auf dem Bal­kan, Afgha­ni­stan­krie­ge, Tali­ban, Al Qai­da und 911, Welt­fi­nanz- und Wirt­schafts­kri­se 2008, »Isla­mi­scher Staat«, Renais­sance popu­lis­tisch-natio­na­lis­ti­scher Strö­mun­gen und dro­hen­de Kli­ma­ka­ta­stro­phe. Erstaun­lich ist das rasan­te Tem­po, mit dem sich vie­le die­ser Pro­zes­se ent­wi­ckelt haben. Nur etwa die Hälf­te von ihnen wur­de durch geplan­te Revo­lu­tio­nen ein­ge­lei­tet oder beför­dert. In den ande­ren Fäl­len gewan­nen von kei­ner Sei­te irgend­wie geplan­te Ver­än­de­rungs­pro­zes­se plötz­lich eine Eigen­dy­na­mik, die sich nicht mehr auf­hal­ten ließ. Anschei­nend kön­nen aber auch eher unschein­ba­re und zufäl­li­ge Ereig­nis­se unge­ahn­te Wir­kun­gen ent­fal­ten. Obwohl alle genann­ten Ent­wick­lun­gen sich plötz­lich und schein­bar über­ra­schend ein­stell­ten, sind doch stets tech­ni­sche und sozia­le Ent­wick­lun­gen vor­aus­ge­gan­gen, deren Rele­vanz nicht wahr­ge­nom­men wur­de. Im Nach­hin­ein gibt es stets Erklä­run­gen, die den Ablauf als mehr oder weni­ger logisch oder zwangs­läu­fig erschei­nen las­sen. Im Vor­aus hat man sie nicht erkannt, weil man dar­auf ver­traut, dass sich die Zukunft mit Daten aus der Ver­gan­gen­heit vor­her­sa­gen las­se. Die Geschich­ten und Theo­ri­en, die zur Erklä­rung der Ver­gan­gen­heit die­nen, schaf­fen die Illu­si­on, man kön­ne ver­ste­hen, was in der Welt vor sich geht, aber sie ver­stel­len den Blick auf das Unbe­kann­te und den unstruk­tu­rier­ten Zufall (Tal­eb). Und den­noch: Es bleibt gar kei­ne Wahl, als sich Theo­ri­en über den Lauf der Din­ge zu machen. Das Unvor­her­seh­ba­re lässt sich nicht vor­her­se­hen. Man kann sich nur durch ein gewis­ses Risi­ko­ma­nage­ment beru­hi­gen.

II.                              Struktur- und Entwicklungshypothesen

Bei gro­ßen Hypo­the­sen denkt man in ers­ter Linie an die Ent­wick­lungs­theo­ri­en des Rechts. Sie sind die inter­es­san­te­ren, denn sie ver­su­chen in der Regel, nicht nur die Ver­gan­gen­heit zu erklä­ren, son­dern auch eine Pro­gno­se für Zukunft zu bie­ten. Als Bei­spiel sei noch ein­mal die mar­xis­ti­sche Theo­rie genannt, die den Fort­gang der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung in auf­ein­an­der­fol­gen­den Sta­di­en beschreibt. Neben den Ent­wick­lungs­theo­ri­en gibt es aber auch gro­ße Struk­tur­hy­po­the­sen, die all­ge­mei­ne Aus­sa­gen über das Ver­hält­nis des Rechts zu ande­ren Teil­sys­te­men der Gesell­schaft machen. Sie ver­die­nen nicht weni­ger Auf­merk­sam­keit. Die wich­tigs­te Struk­tur­hy­po­the­se ist die all­ge­mei­ne Ent­wick­lungs­hy­po­the­se. Das klingt para­dox, ist es aber gar nicht, denn die­se The­se besagt nur, dass das Recht nicht sta­tisch, son­dern immer in Bewe­gung ist, nicht aber, in wel­che Rich­tung es sich ent­wi­ckelt. Dane­ben gibt es eine Rei­he spe­zi­el­le­rer Struk­tur­hy­po­the­sen, ins­be­son­de­re die von der not­wen­di­gen Inef­fek­ti­vi­tät des Rechts und vom cul­tu­ral lag. Auch die Aus­sa­gen über die Funk­tio­nen des Rechts in der Gesell­schaft kann man als Struk­tur­hy­po­the­sen ein­ord­nen.

III.                           Universale Gesetze oder bloße Trends?

Ob und wie­weit es sich bei den hier so genann­ten gro­ßen Hypo­the­sen über­haupt um Hypo­the­sen im Sin­ne von Theo­rie­ent­wür­fen, d. h. um ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hi­ge Gesetz­mä­ßig­kei­ten han­delt oder um blo­ße Trend­be­schrei­bun­gen, die nur für eine bestimm­te his­to­ri­sche Epo­che gel­ten, ist ein schwie­ri­ges wis­sen­schafts­theo­re­ti­sches Pro­blem. Mit ihm hat sich beson­ders der Phy­si­ker und Wis­sen­schafts­theo­re­ti­ker Karl R. Pop­per in sei­nem Buch »Das Elend des His­to­ri­zis­mus« aus­ein­an­der­ge­setzt.

Als His­to­ri­zis­mus bezeich­net Pop­per eine von ihm bekämpf­te Rich­tung der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, die dadurch gekenn­zeich­net sein soll, dass sie nach lang­fris­ti­gen oder Groß­pro­gno­sen Aus­schau hält. Er meint, die­se Rich­tung sei durch den Erfolg der Theo­rie New­tons stark beein­druckt, beson­ders von deren Fähig­keit, die Stel­lung der Pla­ne­ten weit in die Zukunft vor­aus­zu­sa­gen, und stre­be daher das­sel­be hohe Ziel an nach dem Mot­to: Wenn es der Astro­no­mie mög­lich ist, Son­nen­fins­ter­nis­se zu pro­gnos­ti­zie­ren, war­um soll­te es der Sozio­lo­gie nicht mög­lich sein, Revo­lu­tio­nen vor­her­zu­sa­gen? (S.30). Im Unter­schied zu den Natur­wis­sen­schaf­ten leh­nen aber die von Pop­per so genann­ten His­to­ri­zis­ten expe­ri­men­tel­le Metho­den und Ver­all­ge­mei­ne­run­gen ab. Sie suchen viel­mehr nach beson­de­ren his­to­ri­schen Geset­zen, wel­che die auf­ein­an­der­fol­gen­den Epo­chen der Geschich­te mit­ein­an­der ver­bin­den.

Pop­per unter­schei­det sodann zwi­schen tech­no­lo­gi­schen Pro­gno­sen und Pro­phe­zei­un­gen. Pro­phe­zei­un­gen nennt er Vor­her­sa­gen von Ent­wick­lun­gen, die schick­sal­haft über die Welt kom­men sol­len, wie der Lauf der Ster­ne oder nach der Vor­stel­lung der Zeu­gen Jeho­vas der letz­te Tag. Tech­no­lo­gi­sche Pro­gno­sen dage­gen geben an, wel­che Maß­nah­men wir ergrei­fen müs­sen, um bestimm­te Erfol­ge zu erzie­len. Die­ser Unter­schied ist natür­lich rela­tiv vom Stand von Wis­sen­schaft und Tech­nik abhän­gig. Die Meteo­ro­lo­gie beschert uns bis heu­te nur Wet­ter­pro­gno­sen, die wir wie Pro­phe­zei­un­gen gesche­hen las­sen müs­sen. Aber viel­leicht wird sie eines Tages auch ange­ben, wie man das Wet­ter machen kann. Karl Marx hat den pro­phe­ti­schen Cha­rak­ter­zug sei­ner Theo­rie im Vor­wort zum »Kapi­tal« — nicht ohne Ambi­va­lenz — so for­mu­liert:

»Auch wenn eine Gesell­schaft dem Natur­ge­setz ihrer Bewe­gung auf die Spur gekom­men ist …, kann sie natur­ge­mä­ße Ent­wick­lungs­pha­sen weder über­sprin­gen noch weg­de­kre­tie­ren. Aber sie kann die Geburts­we­hen abkür­zen und mil­dern.«

Pop­per meint, dass ein his­to­ri­sches Ent­wick­lungs­ge­setz, selbst wenn es ein sol­ches geben soll­te, nicht bewie­sen wer­den könn­te, weil man kei­ne Chan­cen habe, damit zu expe­ri­men­tie­ren und wie­der­hol­te Beob­ach­tun­gen anzu­stel­len, um es zu über­prü­fen. Das Pro­blem liegt dar­in, dass man fast von jeder Theo­rie sagen kann, dass sie mit vie­len Tat­sa­chen über­ein­stimmt. Als bewie­sen oder beschei­de­ner, als bewährt, kann man eine Theo­rie aber nur dann bezeich­nen, wenn sich kei­ne Tat­sa­chen auf­fin­den las­sen, die sie wider­le­gen. Theo­ri­en, die sich mit der mensch­li­chen Gesell­schaft befas­sen, sind stets nur pro­ba­bi­lis­ti­scher Art. Wenn ein Kri­mi­no­lo­ge etwa ein »Gesetz« for­mu­liert, nach dem unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen ein ein­mal wegen einer Straf­tat Ver­ur­teil­ter rück­fäl­lig wird, so gilt die­ses nur mit einer bestimm­ten Wahr­schein­lich­keit. Ein­zel­ne Ver­ur­teil­te, die nach die­sem »Gesetz« rück­fäl­lig wer­den sol­len, kön­nen sich durch­aus straf­frei hal­ten. Es sind wie­der­hol­te Beob­ach­tun­gen und sta­tis­ti­sche Ver­fah­ren not­wen­dig, um die Theo­rie zu bestä­ti­gen oder zu wider­le­gen. Sol­che Ver­fah­ren las­sen sich auf ein­ma­li­ge Vor­gän­ge nicht anwen­den.

Gegen die­sen Ein­wand könn­te man die soge­nann­ten Zyklus­theo­ri­en ins Feld füh­ren. Sie bestrei­ten, dass die Ent­wick­lung der mensch­li­chen Gesell­schaft ein­ma­lig sei und grei­fen den alten Gedan­ken auf, dass der Lebens­zy­klus von Geburt, Kind­heit und Tod oder der Kreis­lauf der Jah­res­zei­ten auch auf die Ent­wick­lung von Gesell­schaf­ten oder der Gesell­schaft schlecht­hin über­tra­gen wer­den kön­ne. Die bekann­tes­te Theo­rie die­ser Art aus neu­er Zeit hat Oswald Speng­ler in sei­nem Buch »Der Unter­gang des Abend­lan­des« ent­wi­ckelt. Da uns sol­che Zyklus­theo­ri­en als gro­ße Hypo­the­sen der Rechts­so­zio­lo­gie nicht begeg­nen, brau­chen wir uns mit ihnen hier nicht wei­ter aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Ein­ge­hen müs­sen wir aber auf die Behaup­tung, dass ein Ent­wick­lungs­pro­zess, selbst wenn er ein­zig­ar­tig sein soll­te, an einem Trend, einer Ten­denz oder einer Rich­tung zu erken­nen sei, über die sich Hypo­the­sen for­mu­lie­ren las­sen, die an der zukünf­ti­gen Erfah­rung über­prüf­bar sind.

Pop­per bestrei­tet nicht, dass sich sol­che Trends beschrei­ben las­sen. Er macht aber gel­tend, dass Trends kei­ne Geset­ze sind. Der Unter­schied ist fol­gen­der: Ein Gesetz ist ein sog. All-Satz. Es besagt, dass unter den Rand­be­din­gun­gen, die das Gesetz beschreibt, in jedem Fal­le eine bestimm­te Fol­ge ein­tritt. Ein Satz, der die Exis­tenz eines Trends behaup­tet, ist dage­gen ein Es-gibt-Satz. Er besagt, dass zu einer bestimm­ten Zeit an einem bestimm­ten Ort eine Beob­ach­tung gemacht wer­den kann, ent­hält also kein uni­ver­sa­les Gesetz. Das bedeu­tet prak­tisch, dass man die Exis­tenz von Trends nicht zur Grund­la­ge wis­sen­schaft­li­cher Pro­gno­sen machen kann. Ein Trend kann sich in jedem Augen­blick umkeh­ren. Als Bei­spiel nennt Pop­per das Jahr­hun­der­te anhal­ten­de Bevöl­ke­rungs­wachs­tum, das jeden­falls in den west­li­chen Indus­trie­na­tio­nen plötz­lich been­det zu sein scheint.

Trends gibt es also wirk­lich. Doch ihr Andau­ern hängt vom Andau­ern bestimm­ter Rand­be­din­gun­gen ab (Pop­per, S. 100). Das Pro­blem besteht dar­in, die Bedin­gun­gen anzu­ge­ben, unter denen der Trend sich fort­setzt. Prak­tisch läßt sich das nur bewerk­stel­li­gen, indem man umge­kehrt ver­sucht, sich Bedin­gun­gen vor­zu­stel­len, unter denen der betref­fen­de Trend ver­schwin­den wür­de. Vor allem gegen Marx gerich­tet meint Pop­per, das Elend des His­to­ri­zis­mus sei das Elend der Phan­ta­sie­lo­sig­keit. Der His­to­ri­zist glau­be fest an sei­nen Lieb­lings­trend, etwa einen Trend zur »Akku­mu­la­ti­on der Pro­duk­ti­ons­mit­tel«, und ver­säu­me dar­über, nach den Bedin­gun­gen zu suchen, von denen die­ser Trend abhän­gig sei. Vor allem aber, so lau­tet Pop­pers Argu­ment, könn­ten die­se Bedin­gun­gen durch mensch­li­che Erfin­dun­gen ver­än­dert wer­den, die schlecht­hin nicht vor­her­seh­bar sei­en.

Pro­gno­sen von Sach­ver­stän­di­gen, wie sie die Rechts­po­li­tik bestellt, etwa über die gesamt­wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung, über die Ent­wick­lung von Bevöl­ke­rungs­zah­len, Arbeits­lo­sig­keit, Ener­gie­ver­brauch, Gesund­heits­fra­gen usw. zei­gen noch ein ande­res Pro­blem, dass als »Struk­tur­bruch« bekannt ist. Gemeint ist der Ein­tritt unvor­her­ge­se­he­ner und wohl auch unvor­her­seh­ba­rer Groß­ereig­nis­se wie Revo­lu­ti­on und Krieg, rea­le und poli­ti­sche Erd­be­ben, Kli­ma­wan­del, neue Krank­hei­ten wie Aids oder die Vogel­grip­pe oder Finanz­kri­sen. Pro­gno­se­mo­del­le beru­hen auf Wahr­schein­lich­keits­rech­nun­gen. Ihre Erklä­rungs­kraft wächst mit der Län­ge der Ver­gleichs­zeit­räu­me. Es scheint, als ob mit der Moder­ni­sie­rung und der dar­aus fol­gen­den Ver­dich­tung der Gesell­schaft auch die Zahl der Struk­tur­brü­cke zunimmt mit der Fol­ge, dass die Ver­gleichs­zeit­räu­me kür­zer wer­den.

Tat­säch­lich bie­ten alle gro­ßen Hypo­the­sen der Rechts­so­zio­lo­gie kaum mehr als Trend­be­schrei­bun­gen im Sin­ne Pop­pers. Etwas ande­res gilt allen­falls für die Struk­tur­hy­po­the­sen. Sie las­sen sich mög­li­cher­wei­se als uni­ver­sa­le Geset­ze ver­ste­hen und for­mu­lie­ren. Wir wol­len uns durch wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche Skru­pel jedoch nicht davon abhal­ten las­sen, die in der Rechts­so­zio­lo­gie dis­ku­tier­ten gro­ßen Hypo­the­sen zur Kennt­nis zu neh­men. Wir müs­sen nur wis­sen, dass wir uns auf eben­so unge­si­cher­tem Boden bewe­gen wie der Bör­sen­spe­ku­lant, der sei­ne Geschäf­te auf Trend­kur­ven grün­det.

IV. Entwicklungstheorien, Evolution, Evolutionismus und Sozialdarwinismus

Lite­ra­tur: Nao­mi Beck, Soci­al Dar­wi­nism, Max Planck Insti­tu­te of Eco­no­mics; Jena, Papers on Eco­no­mics and Evo­lu­ti­on Nr. 1215, 2012; Gun­ther Teub­ner, Recht als auto­po­ie­ti­sches Sys­tem, 1989.

Die bio­lo­gi­sche Evo­lu­ti­ons­theo­rie (§ 90 III) geht davon aus, dass die Ent­wick­lung des Lebens zwar nach bestimm­ten Gesetz­mä­ßig­kei­ten abläuft, aber nicht auf ein Ziel zusteu­ert und des­halb nicht als Fort­schritt oder Ver­voll­komm­nung inter­pre­tiert wer­den darf. Die Evo­lu­ti­on ist blind. Sie kennt kei­ne Rich­tung. Alle Ver­än­de­run­gen beru­hen letzt­lich auf Zufall. Daher las­sen sich mit ihrer Hil­fe auch kei­ne Pro­gno­sen erstel­len. Vie­le sozio­lo­gi­sche Theo­ri­en behaup­ten dage­gen für die Ent­wick­lung der Gesell­schaft eine Ent­wick­lungs­lo­gik oder Gericht­etheit, orga­ni­sches Wachs­tum oder Fort­schritt im Sin­ne zuneh­men­der Dif­fe­ren­zie­rung und Kom­ple­xi­tät. Sol­che Theo­ri­en, die ein bestimm­tes Ent­wick­lungs­mus­ter ver­fol­gen, wer­den hier im Gegen­satz zu ande­ren, die sich an die bio­lo­gi­sche Evo­lu­ti­ons­theo­rie anleh­nen, Ent­wick­lungs­theo­ri­en genannt. Ent­wick­lungs­theo­ri­en in die­sem Sin­ne sind Max Webers Theo­rie der Rechts­ent­wick­lung, die vom tra­di­tio­na­len zum ratio­na­len Recht führt, oder Luh­manns The­se von der Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Gesell­schaft in immer neue sozia­le Sys­te­me und damit ver­bun­den einer immensen Stei­ge­rung ihrer Kom­ple­xi­tät.

Ent­wick­lungs­theo­ri­en haben das Pro­blem, dass sie dazu nei­gen, die lang­fris­ti­ge Wand­lun­gen von Natur und Gesell­schaft nicht bloß zu beschrei­ben, son­dern sie impli­zit oder expli­zit zu bewer­ten, meis­tens als Fort­schritt, gele­gent­lich aber auch als Ver­fall. Berühmt und berüch­tigt ist der sog. Sozi­al­dar­wi­nis­mus, der die Ide­en Dar­wins mit einer Fort­schritts­idee ver­bin­det. Er wur­de in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts popu­lär und dien­te im 20. Jahr­hun­dert zur Recht­fer­ti­gung von Ras­sen­po­li­tik und Euge­nik. Der wich­tigs­te Autor war Her­bert Spen­cer (1820−1903). Sein umfang­rei­ches Werk kreist um die Idee einer Evo­lu­ti­on der Gesell­schaft. Aus­gangs­punkt ist die The­se, dass sich die Gesell­schaft und ihre Kul­tur in einem lan­gen und kon­ti­nu­ier­li­chen Pro­zess ohne gött­li­che Len­kung, also selbst­tä­tig, in einer Wei­se ent­wi­ckeln, dass aus Ein­fa­che­rem etwas Dif­fe­ren­zier­te­res und Kom­ple­xe­res ent­steht. Er sprach als ers­ter vom sur­vi­val of the fit­test, ein Aus­druck, den Dar­win bald über­nahm. Die Über­tra­gung die­ses Gesichts­punk­tes auf die Gesell­schaft schei­tert nicht schon an dem Miss­ver­ständ­nis, der dem Sozi­al­dar­wi­nis­mus zugrun­de liegt. Es ent­steht, wenn man Anpas­sung und Fit­ness als Fort­schritt oder Ver­voll­komm­nung ver­steht. Bio­lo­gisch gese­hen ist Fit­ness rela­tiv, näm­lich bezo­gen auf die aktu­el­len Lebens­um­stän­de. Fit­ness kann daher auch Ver­ein­fa­chung, Ver­grö­be­rung, oder Rück­schritt (Regres­si­on) bedeu­ten. Selek­ti­on ist für die Bio­lo­gie schlicht eine Fra­ge des Ergeb­nis­ses. Wer sich fort­pflanzt, ist der Selek­ti­on nicht zum Opfer gefal­len. Für die Gesell­schaft kön­nen wir uns schwer von der Vor­stel­lung frei machen, dass Anpas­sung und Selek­ti­on nicht ganz mecha­nisch erfol­gen. Teub­ner (S. 68) hält es sogar für »offen­kun­dig …, dass evol­vie­ren­de Sys­te­me wie das Recht über höhe­re Auto­no­mie im Evo­lu­ti­ons­pro­zeß ver­fü­gen«.

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