§ 94 Der Prozess der Globalisierung

Lite­ra­tur: Vol­ker Born­schier, Welt­ge­sell­schaft, Grund­le­gen­de sozia­le Wand­lun­gen, Zürich 2008; Dit­mar Brock, Glo­ba­li­sie­rung. Grund­la­gen­wis­sen zum The­ma, 2008; Mike Fea­therstone (Hg.), Glo­bal Cul­tu­re. Natio­na­lism, Glo­ba­li­za­ti­on and Moder­ni­ty 2002 [1990]; Bet­ti­na Heintz (Hg.), Welt­ge­sell­schaft, Son­der­heft der Zeit­schrift für Sozio­lo­gie 34, 2005; Samu­el P. Hun­ting­ton, The Clash of Civi­li­za­ti­ons?, in: For­eign Affairs 72 (1993) 22–49; Robert D. Kaplan, The Com­ing Anar­chy, The Atlan­tic Mon­th­ly, 173, 1994, 44–77; Niklas Luh­mann, Die Weltgesellschaft,geograph Archiv für Rechts- und Sozi­al­phi­lo­so­phie 57, 1971, 1–35; Antho­ny McGrew, A Glo­bal Socie­ty?, in: Stuart Hall (Hg.), Moder­ni­ty and its Futures, Cam­bridge 2003 [1992], 61–112; Jür­gen Osterhammel/Niels P. Peters­son, Geschich­te der Glo­ba­li­sie­rung, Dimen­sio­nen, Pro­zes­se, Epo­chen, 4. Aufl., Mün­chen 2007 [2003]; Klaus F. Röhl/Stefan Magen, Die Rol­le des Rechts im Pro­zeß der Glo­ba­li­sie­rung, ZfR­Soz 17, 1996, 1–15; Ste­fan A. Schirm, Inter­na­tio­na­le poli­ti­sche Öko­no­mie. Eine Ein­füh­rung, 2007; ders. (Hg.), Glo­ba­li­sie­rung. For­schungs­stand und Per­spek­ti­ven, 2006; Rudolf Stich­weh, Die Welt­ge­sell­schaft, Sozio­lo­gi­sche Ana­ly­sen, 2001; Fried­rich H. Ten­bruck, Gesell­schafts­ge­schich­te oder Welt­ge­schich­te?, Köl­ner Zeit­schrift für Sozio­lo­gie und Sozi­al­psy­cho­lo­gie 41, 1989, 417–439.

I.  Aspekte der Globalisierung

Das 20. Jahr­hun­dert war das Jahr­hun­dert der Glo­ba­li­sie­rung. Das zeig­te bereits der ers­te Welt­krieg durch sei­nen Namen an. Seit der Erfin­dung der Atom­bom­be und dem Ein­satz die­ser Welt­waf­fe gegen Ende des zwei­ten Welt­krie­ges hat die Poli­tik unwi­der­ruf­lich glo­ba­le Dimen­sio­nen erreicht. In der zwei­ten Hälf­te des Jahr­hun­derts zog die rasan­te Ent­wick­lung von Wirt­schaft und Tech­nik die Glo­ba­li­sie­rung der Märk­te nach sich. Auch im All­tag wur­de die Glo­ba­li­sie­rung über­all spür­bar. Ein leis­tungs­fä­hi­ges Ver­kehrs­netz gestat­tet den Aus­tausch von Waren und Men­schen. Kabel, Funk und Satel­li­ten tra­gen Infor­ma­tio­nen um die gan­ze Welt. Die Zer­stö­rung der Umwelt in der Fol­ge welt­wei­ter Indus­tria­li­sie­rung kennt kei­ne Gren­zen.

In der wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­si­on der Glo­ba­li­sie­rung stan­den anfangs der tech­ni­sche Fort­schritt, die Wirt­schaft sowie außen­po­li­ti­sche und mili­tä­ri­sche Aspek­te im Vor­der­grund. Spä­ter kamen die glo­ba­le Umwelt­ge­fähr­dung und die welt­um­span­nen­de Kom­mu­ni­ka­ti­on als The­men hin­zu. Inzwi­schen hat sich in Sozio­lo­gie, Geschich­te und Poli­tik­wis­sen­schaft eine brei­te Glo­ba­li­sie­rungs­de­bat­te ent­fal­tet, die durch ein ver­fei­ner­tes Inter­es­se an den kul­tu­rel­len und sozia­len Dimen­sio­nen des Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zes­ses geprägt ist. Auch die Uni­ver­sa­li­tät der Men­schen­rech­te ist zum The­ma gewor­den. Alle Bei­trä­ge durch­zieht mehr oder weni­ger aus­drück­lich eine Grund­the­se, die besagt, dass sich eine eigen­stän­di­ge Sphä­re der Glo­ba­li­tät ent­wi­ckelt, die für alle Men­schen die­sel­be ist und ihre Hand­lun­gen beein­flusst. Dar­über hin­aus ist jedoch wenig aus­zu­ma­chen, was nicht offen oder umstrit­ten wäre.

Die Dif­fe­ren­zen begin­nen schon bei der Fra­ge, ob die Glo­ba­li­sie­rung ein neu­ar­ti­ges Phä­no­men ohne his­to­ri­sches Vor­bild dar­stellt und ob ein Wen­de­punkt (tur­ning point) aus­zu­ma­chen, der den Beginn des Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zes­ses mar­kiert (u. IV). Im Umkreis struk­tu­ra­lis­ti­scher Theo­ri­en betrach­tet man die Glo­ba­li­sie­rung vor­nehm­lich als Aspekt und Begleit­erschei­nung sozia­ler Evo­lu­ti­on und Moder­ni­sie­rung. Auf die­sem Boden wach­sen Kon­ver­genz­theo­ri­en, die besa­gen, dass die Glo­ba­li­sie­rung einer uni­ver­sel­len Moder­ni­sie­rungs­lo­gik folgt, die ein stei­gen­des Maß an Homo­ge­ni­tät der sozia­len und kul­tu­rel­len Phä­no­me­ne her­vor­bringt. Auf der ande­ren Sei­te ste­hen Diver­genz­theo­ri­en. Sie beto­nen die ver­schie­de­nen Wege zur Moder­ne, die in Euro­pa anders ver­lau­fen sind als in der Neu­en Welt, in Asi­en anders als in Afri­ka, und die ver­mut­lich auch künf­tig getrennt blei­ben wer­den, wenn und weil die Mög­lich­keit bestehe, dass sich meh­re­re Zivi­li­sa­tio­nen neben­ein­an­der behaup­ten könn­ten, ohne zu einer Welt zusam­men­zu­wach­sen. Die Gegen­po­si­ti­on pos­tu­liert im Extrem­fall den Zusam­men­prall der Kul­tu­ren (»clash of civi­li­za­ti­ons«, Hun­ting­ton 1993) oder befürch­tet gar ein welt­wei­tes Cha­os (Kaplan 1994). Zwi­schen den pla­ka­ti­ven Groß­theo­ri­en ist reich­lich Raum für eine dif­fe­ren­zier­te Betrach­tungs­wei­se, die Glo­ba­li­sie­rung als einen viel­schich­ti­gen und mul­tik­au­sa­len Pro­zess mit kon­ver­gie­ren­den eben­so wie Diver­genz ver­stär­ken­den Effek­ten erfasst. Der Zusam­men­hang ins­be­son­de­re der extre­men Posi­tio­nen mit poli­tisch-prak­ti­schen Absich­ten ist nicht zu über­se­hen. Wäh­rend Hun­ting­ton eine Neu­ori­en­tie­rung der ame­ri­ka­ni­schen Außen­po­li­tik nach dem Ende des Kal­ten Krie­ges im Blick hat­te, woll­ten Kon­ver­genz­theo­ri­en, eine mehr oder weni­ger uni­for­me Welt vor­aus­sa­gen und wur­den ihrer­seits als Legi­ti­ma­ti­on einer impe­ria­lis­ti­schen Aus­brei­tung west­li­cher Kul­tur­mus­ter kri­ti­siert. In Anleh­nung an McGrew (1992:74 f.) las­sen sich die schein­bar gegen­läu­fi­gen (»dia­lek­ti­schen«) Ent­wick­lun­gen so zusam­men­fas­sen

  • Uni­ver­sa­li­sie­rung ver­sus Par­ti­ku­la­ri­sie­rung: Auf der einen Sei­te fin­den die Indus­tria­li­sie­rung, der Rechts­staat und die Insti­tu­tio­nen kapi­ta­lis­ti­scher Märk­te welt­wei­te Ver­brei­tung. Auf der ande­ren Sei­te gibt es ein neu­es Inter­es­se an Ein­zig­ar­tig­keit und Dif­fe­renz, das sich in neu­em Natio­na­lis­mus oder der Beto­nung eth­ni­scher und reli­giö­ser Iden­ti­tä­ten äußert.
  • Homo­ge­ni­sie­rung ver­sus Dif­fe­ren­zie­rung: An der Ober­flä­che glei­chen sich die sozia­len Insti­tu­tio­nen und Lebens­um­stän­de an. Groß­städ­te und Flug­hä­fen sind über­all auf der Welt ähn­lich. Fast über­all gibt es Wah­len und Par­la­men­te, und man redet von Men­schen­rech­ten. Doch von Ort zu Ort erhal­ten die Din­ge einen eige­nen Anstrich. Demo­kra­tie und Men­schen­rech­te wer­den unter­schied­lich inter­pre­tiert, und die Pra­xis ein und der­sel­ben Reli­gi­on, z. B. des Islam, unter­schei­det sich von Land zu Land.
  • Inte­gra­ti­on ver­sus Frag­men­tie­rung: Im Zuge der Glo­ba­li­sie­rung ent­ste­hen neue For­men der Inte­gra­ti­on, ange­fan­gen von der UNO über mul­ti­na­tio­na­le Unter­neh­men bis hin zu inter­na­tio­na­len Juris­ten­ver­ei­ni­gun­gen. Zugleich rei­ßen neue Tren­nungs­li­ni­en auf zwi­schen Zen­trum und Peri­phe­rie, Ras­sen und eth­ni­schen Grup­pen, Frem­den und Ein­hei­mi­schen, Mos­lems und Chris­ten.
  • Zen­tra­li­sie­rung ver­sus Dezen­tra­li­sie­rung: Die Glo­ba­li­sie­rung ermög­licht eine enor­me Kon­zen­tra­ti­on von Macht bei den Glo­bal Play­ers in Poli­tik und Wirt­schaft. Zugleich for­dern Natio­nen, Regio­nen und Indi­vi­du­en mehr Selbst­be­stim­mung. Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik gestat­tet eine unge­ahn­te Zen­tra­li­sie­rung von Infor­ma­ti­ons­pro­zes­sen und lie­fert doch zugleich das Werk­zeug für dezen­tra­le Ent­schei­dun­gen.
  • Neben­ein­an­der und Durch­ein­an­der: Die Glo­ba­li­sie­rung bringt die ver­schie­dens­ten Kul­tu­ren und Lebens­sti­le mit­ein­an­der in Berüh­rung. Das kann zur Ent­ste­hung von Vor­ur­tei­len und Abgren­zun­gen füh­ren. Zugleich wächst aus der Ver­bin­dung vor­mals ver­schie­de­ner Ide­en, For­men oder Fähig­kei­ten aber oft auch etwas Neu­es, eine neue Kunst oder Archi­tek­tur, viel­leicht aber auch neue Geset­ze.
  • Har­mo­ni­sie­rung und Frag­men­tie­rung des Rechts: Auch das Recht ent­wi­ckelt sich gegen­läu­fig. In wei­ten Tei­len der Welt ist das offi­zi­el­le Recht heu­te durch euro­päi­sche Vor­bil­der bestimmt. Die Renais­sance der Scha­ria zeigt jedoch, wie par­ti­ku­la­res Recht als Mit­tel im Kampf gegen die Glo­ba­li­sie­rung die­nen kann. Mehr oder weni­ger auto­no­me Funk­ti­ons­sys­te­me wie der inter­na­tio­na­le Han­del, die inter­na­tio­na­le Finanz­welt oder das Inter­net ent­wi­ckeln ihre eige­nen Regeln.
  • Krieg und Frie­den: Die UNO war zual­ler­erst eine Orga­ni­sa­ti­on zur Bewah­rung des Welt­frie­dens. Seit dem Ende des Kal­ten Krie­ges ist ein Welt­krieg unwahr­schein­lich gewor­den. Regio­nal begrenz­te Kon­flik­te sind jedoch an der Tages­ord­nung.
  • Öko­no­mi­sie­rung ver­sus Sozi­al­ver­ant­wor­tung: Ob Ursa­che oder Wir­kung mag dahin­ste­hen, jeden­falls wird die Glo­ba­li­sie­rung von einer vor­her nie dage­we­se­nen Öko­no­mi­sie­rung aller Lebens­be­rei­che beglei­tet. Gegen­über der Öko­no­mi­sie­rung machen an vie­len Stel­len zivil­ge­sell­schaft­li­che Kräf­te Front und for­dern sozia­le Ver­ant­wor­tung ein.

1971 hat­te Luh­mann dar­auf hin­ge­wie­sen, es bestehe eine zuneh­men­de Dis­kre­panz zwi­schen Wirt­schaft, Wis­sen­schaft und Kom­mu­ni­ka­ti­on, die längst zur Welt­ge­sell­schaft zusam­men­ge­wach­sen sei­en, und dem posi­ti­ven Recht, das immer noch inner­halb ter­ri­to­ria­ler Gren­zen als natio­na­les Recht in Gel­tung gesetzt wer­de. Woll­ten wir Luh­mann fol­gen, so wäre die Suche nach einem sich ent­wi­ckeln­den Welt­recht müßig. Er mein­te, das Rechts­sys­tem habe sich im Hin­blick auf die Erfor­der­nis­se des ter­ri­to­ri­al begrenz­ten Natio­nal­staa­tes in einem kom­pli­zier­ten Kopp­lungs­ver­hält­nis mit der Poli­tik ent­wi­ckelt, so dass schwer vor­stell­bar sei, wie es auf Welt­ebe­ne eine Ent­spre­chung fin­den kön­ne. Die Sum­me sei­ner Rechts­so­zio­lo­gie, das »Recht der Gesell­schaft« von 1993 endet mit der Pro­gno­se:

»Es kann daher durch­aus sein, daß die gegen­wär­ti­ge Pro­mi­nenz des Rechts­sys­tems und die Ange­wie­sen­heit der Gesell­schaft selbst und der meis­ten ihrer Funk­ti­ons­sys­te­me auf ein Funk­tio­nie­ren des Rechts­codes nichts wei­ter ist als eine euro­päi­sche Ano­ma­lie, die sich in der Evo­lu­ti­on einer Welt­ge­sell­schaft abschwä­chen wird.«

Es hat den Anschein, als ob der gro­ße Luh­mann sich in die­sem Punkt geirrt hät­te. Tat­säch­lich wird die Glo­ba­li­sie­rung von einem Wachs­tum des trans­na­tio­na­len Rechts beglei­tet, und die Rechts­so­zio­lo­gie steht vor der Fra­ge nach der (akti­ven und pas­si­ven) Rol­le des Rechts im Pro­zess der Glo­ba­li­sie­rung.

Für den Ver­such einer Ant­wort könn­te man inner­halb der Rechts­so­zio­lo­gie die gesam­te Glo­ba­li­sie­rungs­de­bat­te wie­der­ho­len. Ob das sinn­voll wäre, mag dahin­ste­hen; jeden­falls wäre eine sol­che Arbeit hier nicht zu leis­ten. Ich will das The­ma daher auf zehn The­sen zuspit­zen.

  1. Ein ein­heit­li­ches Welt­recht liegt in wei­ter Fer­ne. Der Welt­staat ist nicht in Sicht.
  2. Heu­te kann es kei­ne par­ti­ku­la­re Rechts­kul­tur mehr geben, die nicht in irgend­ei­ner Wei­se auf die Kon­di­ti­on der Glo­ba­li­tät Rück­sicht nimmt.
  3. Ver­mut­lich folgt die Glo­ba­li­sie­rung des Rechts im Gro­ßen und Gan­zen der Ent­wick­lung in ande­ren Sub­sys­te­men der Gesell­schaft, ins­be­son­de­re der Wirt­schaft, mit dem übli­chen cul­tu­ral lag.
  4. Nur in eini­gen begrenz­ten Berei­chen ist das Recht selbst Prot­ago­nist der Glo­ba­li­sie­rung.
  5. Soweit Ansät­ze zu einer glo­ba­len Rechts­kul­tur sicht­bar wer­den, ori­en­tie­ren sie sich bis­lang an dem Vor­bild der west­li­chen Indus­trie­staa­ten.
  6. Spä­tes­tens seit dem Ende des Ost-West-Kon­flikts gibt es erheb­li­che Wider­stän­de gegen eine Kon­ver­genz in die­sem Sin­ne.
  7. Natio­na­le und par­ti­ku­la­re (Rechts-)Kulturen dür­fen nicht bloß als Gegen­satz zur Glo­ba­li­sie­rung ver­stan­den wer­den. Sie gehö­ren viel­mehr zur struk­tu­rell uner­läss­li­chen Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung des Welt­sys­tems.
  8. Der Weg zu einem Welt­recht führt nicht nur über das Völ­ker­recht oder das offi­zi­el­le inter­na­tio­na­le Recht, son­dern ent­wi­ckelt sich gleich­zei­tig von den gesell­schaft­li­chen Peri­phe­ri­en her.
  9. Eine spe­zi­fi­sche Fol­ge der Glo­ba­li­sie­rung ist ein Ver­lust an nor­ma­tiv recht­li­cher Ori­en­tie­rung zuguns­ten kogni­tiv gelei­te­ter Ver­hal­tens­ab­stim­mung

Die­ser Ver­lust ist jedoch nur vor­über­ge­hend. Auf Dau­er wer­den neue nor­ma­ti­ve Fixie­run­gen nicht aus­blei­ben.

II.    Was können wir von der Globalisierung wissen?

Jeder erlebt die Glo­ba­li­sie­rung. Er hört und sieht Nach­rich­ten aus aller Welt, kauft Man­gos aus Bra­si­li­en und Wein aus Süd­afri­ka, sieht und hört Men­schen mit ande­rer Haut­far­be oder Spra­che in der Nach­bar­schaft, reist frei­wil­lig oder unfrei­wil­lig in fer­ne Län­der oder erfährt, dass die eige­ne Fir­ma Arbeits­kräf­te ent­las­sen will, weil sie in Marok­ko bil­li­ger pro­du­zie­ren kann. Wir lesen Zei­tung, sehen fern und gugeln und füh­len uns im Gro­ßen und Gan­zen recht gut über den Zustand der Welt infor­miert. Aber das ist wohl eine Illu­si­on. So ein­fach kann man sich kein Bild von der Glo­ba­li­sie­rung machen. Dazu ist die Welt zu groß und viel­fäl­tig. Sie­ben Mil­li­ar­den Men­schen leben ver­teilt auf über 190 Staa­ten, der größ­te Chi­na mit über einer Mil­li­ar­de Ein­woh­nern, der kleins­te wohl Nau­ru mit 13.500 Ein­woh­nern. Vor allem aber ist die Welt in Bewe­gung. Glo­ba­li­sie­rung ist kein Zustand, son­dern ein Pro­zess. Poli­tisch und wirt­schaft­lich und selbst phy­si­ka­lisch ist die Welt in schnel­ler und unvor­her­seh­ba­rer Ent­wick­lung: 1989 der Zusam­men­bruch des sozia­lis­ti­schen Ost­blocks, 2009 eine welt­wei­te Finanz­kri­se und 2029 viel­leicht eine Kli­ma­ka­ta­stro­phe?

Ange­sichts moder­ner Trans­port- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­ni­ken ist die Ein­woh­ner­zahl für die »Grö­ße« eines Staa­tes wich­ti­ger gewor­den als die räum­li­che Aus­deh­nung. Welt­weit ist die Zahl klei­ner Län­der seit der Deko­lo­ni­sa­ti­on und der Auf­lö­sung des Ost­blocks gewach­sen. 1971 hat­te die UNO 132 Mit­glieds­staa­ten, 1990 waren es 159 und 2009 sind es 192, dar­un­ter so klei­ne Staa­ten wie Palau (20.000 EW), Kiri­ba­ti (108.000 EW), und Ton­ga (119.000 EW) oder Est­land (1.342.000 EW), Lett­land (2.270.894), Litau­en (3,35 Mio. EW) und Mon­te­ne­gro (620.000 EW). Kleins­ter unab­hän­gi­ger Staat der Welt ist Nau­ru mit 21,3 qkm und 13.500 Ein­woh­nern, größ­ter die Volks­re­pu­blik Chi­na mit 9.597.995 qkm (inkl. Tai­wan, Hong­kong und Macau) und 1,3 Mil­li­ar­den Ein­woh­nern. Das Völ­ker­recht garan­tiert allen Staa­ten unab­hän­gig von ihrer Grö­ße gleich­be­rech­tig­te Sou­ve­rä­ni­tät und damit vor allem Schutz vor äuße­rer Ein­mi­schung. In der EU haben 18 von 27 Län­dern weni­ger als 12 Mil­lio­nen Ein­woh­ner und sind damit rela­tiv klein. Luxem­burg hat nur 483.800 EW, Mal­ta 410.000.
Wenn man über Glo­ba­li­sie­rung redet, kann man nicht immer ein­zel­ne Staa­ten beden­ken, son­dern muss sie in grö­ße­re Grup­pen ein­tei­len. Jede Ein­tei­lung ist unbe­frie­di­gend. Doch ohne eine sol­che geht es nicht. Ich hal­te mich weit­ge­hend an die übli­che Grup­pie­rung der Staa­ten in Indus­trie­län­der, Ent­wick­lungs­län­der, Schwel­len- und Trans­for­ma­ti­ons­län­der. Als Lis­te der Indus­trie­län­der kann man die Mit­glieds­lis­te der OECD-Staa­ten neh­men.

Kann Wis­sen­schaft hel­fen, die Glo­ba­li­sie­rung bes­ser zu ver­ste­hen? Die wis­sen­schaft­li­che Lite­ra­tur zum The­ma ist inzwi­schen so gewal­tig und sie wächst jeden Tag wei­ter und die The­men­viel­falt ist so groß, dass sie selbst zum Pro­blem gewor­den ist. Kein Ein­zel­ner kann sie mehr über­se­hen, geschwei­ge denn hin­rei­chend aus­wer­ten. Das Bemü­hen, sich auf das rechts­so­zio­lo­gisch Rele­van­te zu beschrän­ken, macht die Auf­ga­be kaum ein­fa­cher. Wenn man in der Lite­ra­tur sucht, die sich selbst als rechts­so­zio­lo­gisch zu erken­nen gibt, dann ist es, als ob man in einem Aqua­ri­um angelt. Vie­le, und oft die inter­es­san­te­ren Infor­ma­tio­nen muss man aus dem Meer der sozio­lo­gi­schen, öko­no­mi­schen und poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur her­aus­fi­schen. Nach län­ge­rem Stu­di­um stößt man aber dann doch auf The­men und The­sen, die immer wie­der­keh­ren. Des­halb ist der Ver­such, eine Art Basis­in­for­ma­ti­on zur Rechts­so­zio­lo­gie der Glo­ba­li­sie­rung zusam­men zu stel­len, nicht hoff­nungs­los.

Wis­sen­schaft kommt mit Theo­rie und Empi­rie. An gro­ßen Theo­ri­en ist kein Man­gel. Beim Glo­ba­li­sie­rungs­the­ma kon­kur­rie­ren die­sel­ben Theo­rie­f­a­mi­li­en, die auch in der all­ge­mei­nen und in der Rechts­so­zio­lo­gie anzu­tref­fen sind. Theo­ri­en sind wie Bril­len. Sind sie gut ange­passt, sieht man mit ihnen schär­fer. Aber sie zei­gen nichts Neu­es. Ob das, was man zu sehen glaubt, nicht blo­ße Ein­bil­dung ist, erweist allein Empi­rie im Sin­ne kon­trol­lier­ter Beob­ach­tung.

Neben Quer­schnitts­be­trach­tun­gen in den §§ 95 und 100 wer­de ich mei­ne Lese­früch­te in § 96 (Trans­na­tio­na­ler Rechts­plu­ra­lis­mus) vor allem unter wis­sens- und hand­lungs­theo­re­ti­schen Aspek­ten, in § 97 aus der Sicht der Sys­tem­theo­rie, in § 98 (Glo­ba­li­sie­rung als Moder­ni­sie­rung) struk­tur-funk­tio­na­lis­tisch und in § 99 mit kon­flikt­theo­re­ti­schem Voka­bu­lar aus­brei­ten.

Für die makro­so­zia­len und vor allem für makro­öko­no­mi­sche Daten gibt es eine erstaun­li­che Anzahl offi­zi­el­ler oder semiof­fi­zi­el­ler Quel­len, die meis­tens in Gestalt jähr­li­cher Reports und Ran­kings erschei­nen. UNO, Welt­bank, Inter­na­tio­na­ler Wäh­rungs­fonds, die OECD und zahl­rei­che INGOs (Inter­na­tio­nal Non-Governmen­tal Orga­ni­za­ti­ons), »Think Tanks« und Stif­tun­gen offe­rie­ren Sta­tis­ti­ken und Berich­te, die Berich­te meis­tens in Gestalt von Län­der­ver­glei­chen (Ran­kings). Die inter­na­tio­na­len Berich­te ver­glei­chen mit Vor­lie­be die Wirt­schafts­freund­lich­keit, die poli­ti­sche Kul­tur und die sozia­le Lage der Bevöl­ke­rung eines Lan­des. Ins­ge­samt gibt es wohl über 200 sol­cher Berich­te.[1] Alle Reports und Indi­ces sind mit einer Such­ma­schi­ne im Inter­net leicht zu fin­den. Auf eini­ge wer­de ich im Ver­lauf der Dar­stel­lung ein­ge­hen.

Eine Uni­ver­sal­quel­le ist CIA World Fact­book, das im Inter­net zur Ver­fü­gung steht, und lau­fend aktua­li­siert wird.[2] All­ge­mei­ne Infor­ma­tio­nen geben auch die Human Deve­lop­ment Reports der UNO, die für zur­zeit 182 Län­der der Welt ein Ran­king und Rating nach ihrem Ent­wick­lungstand bie­ten. Für die Rechts­so­zio­lo­gie inter­es­san­ter ist ein Bericht der UNO Com­mis­si­on on Legal Empower­ment of the Poor, einer Kom­mis­si­on unter dem Dach des United Nati­ons Deve­lop­ment Pro­gram­me (UNDP) in New York, der 2008 mit dem Titel »Making the Law Work for Ever­yo­ne« erschie­nen ist. Die dra­ma­ti­sche Basis­aus­sa­ge: Vier Mil­li­ar­den Men­schen haben kei­nen Zugang zum Recht. Bei den meis­ten von ihnen beginnt das Pro­blem schon damit, dass sie kei­ne lega­le Exis­tenz haben, kei­nen amt­lich regis­trier­ten Namen und folg­lich kei­nen Aus­weis. Es fehlt damit die recht­li­che Iden­ti­tät, an die der recht­li­che Schutz von Eigen­tum und Ver­trags­rech­ten anknüp­fen kann.
Mit der Welt­bank ver­bun­de­ne Wis­sen­schaft­ler wol­len mit dem World­wi­de Gover­nan­ce Indi­ca­tors (WGI) Pro­ject den Zustand von Good Gover­nan­ce über­all auf der Welt mes­sen. Ähn­li­ches ver­sucht der Trans­for­ma­ti­ons­in­dex (BTI) der Ber­tels­mann-Stif­tung. Da Good Gover­nan­ce und die Bekämp­fung von Kor­rup­ti­on oft in einem Atem­zu­ge genannt wer­den, ist ein Hin­weis auf den Kor­rup­ti­ons­wahr­neh­mungs­in­dex von Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal ange­zeigt. Mit Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal ist eine glo­ba­le Anti­kor­rup­ti­ons­be­we­gung ent­stan­den. Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal stellt seit 1995 einen Cor­rup­ti­on Per­cep­ti­ons Index (PCI) zusam­men, der sich 2008 auf 180 Län­der erstreckt. Dar­in nimmt Däne­mark vor Neu­see­land und Schwe­den den (posi­ti­ven) Spit­zen­platz ein, wäh­rend der Irak, Myan­mar und Soma­lia die Schluss­lich­ter bil­den. Der Index fin­det in den Medi­en gro­ße Beach­tung und zeigt wohl auch prä­ven­ti­ve Wir­kung. Die Free­dom in the World Coun­try Ratings von Free­dom Hou­se besa­gen etwa, dass im Jah­re 2008 von 193 Län­dern 46 % (89) ein­deu­tig libe­ral­de­mo­kra­tisch ver­fasst waren, 32 % (62) als halb-demo­kra­tisch ange­se­hen wer­den konn­ten, wäh­rend 22% (42) in die Kate­go­rie »autoritär/totalitär« fie­len. 1974 lagen die Pro­zent­wer­te von ins­ge­samt 152 Staa­ten bei 29, 28 und 43 %. Der Anteil der unfrei­en Staa­ten hät­te sich danach hal­biert. Als Gegen­stück gibt es auch einen Fai­led Sta­tes Index, der sich damit befasst, ob Ter­ri­to­ri­en über die not­wen­di­gen recht­li­chen Insti­tu­tio­nen ver­fü­gen, die für einen sta­bi­len Staat erfor­der­lich sind.

Die Beob­ach­tung des Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zes­ses hat ihre Tücken. Wenn wir empi­ri­sche Unter­su­chun­gen im Nah­be­reich anstel­len, kön­nen wir den Kon­text eini­ger­ma­ßen über­se­hen und die Bedeu­tung der Ergeb­nis­se (hof­fent­lich) rich­tig ein­schät­zen.

Einer der belieb­tes­ten Unter­su­chungs­ge­gen­stän­de der Rechts­so­zio­lo­gie sind Kon­flikt­re­ge­lungs­ver­fah­ren. Ich habe mich selbst mehr­fach auf die­sem Gebiet betä­tigt. So habe ich mit mei­nen Mit­ar­bei­tern vor nun schon 30 Jah­ren unter­sucht, wie Ver­fah­ren am Amts­ge­richt ablau­fen und unter wel­chen Umstän­den sie mit einem Ver­gleich abge­schlos­sen wer­den. Zuvor hat­te ich fast zehn Jah­re lang als Zivil­rich­ter gear­bei­tet. Die Mit­ar­bei­ter waren ange­hen­de Juris­ten und Sozio­lo­gen. Die Fäl­le, die wir beob­ach­te­ten, waren unser All­tags­er­fah­rung nicht völ­lig fremd. So waren wir uns eini­ger­ma­ßen sicher, ein abgrenz­ba­res Phä­no­men zutref­fend zu erfas­sen und ein­zu­ord­nen. Die Leser unse­rer Ver­öf­fent­li­chung[3] (hof­fent­lich gab es wel­che) dürf­ten in der Lage gewe­sen sein, Qua­li­tät, Bedeu­tung oder Bedeu­tungs­lo­sig­keit der Arbeit zu ver­ste­hen und zu beur­tei­len. Ähn­li­ches gilt für spä­te­re Unter­su­chun­gen über außer­ge­richt­li­che Streit­re­ge­lung durch den soge­nann­ten Schieds­mann.[4]

Wenn ich dage­gen heu­te eine Unter­su­chung alter­na­ti­ve Kon­flikt­re­ge­lung in Mulu­kukú[5], einem Dorf in Nica­ra­gua, lese, dann bin ich ziem­lich hilf­los, wie ich das Gele­se­ne ein­ord­nen soll. Nicht viel anders geht es mir, wenn ich eine Unter­su­chung über Media­ti­ons­ver­fah­ren bei Gewalt gegen Frau­en in einer Klein­stadt in Hawaii zur Kennt­nis neh­me. Mer­ry beschreibt, wie sich dort unter dem Ein­fluss der inter­na­tio­na­len Men­schen­rechts- und Frau­en­be­we­gung drei Grup­pen gebil­det haben, die Gewalt gegen Frau­en auf ganz unter­schied­li­che Wei­se bekämp­fen.[6] Eine femi­nis­ti­sche Grup­pe nutz­te ein in den USA ent­wi­ckel­te Umer­zie­hungs- und Trai­nings­pro­gramm. Eine christ­li­che Sek­te (Pfingst­kir­che) griff zum Mit­tel ritu­el­ler Hei­lung und der Aus­trei­bung böser Geis­ter ver­bun­den mit Fami­li­en­be­ra­tung. Und eine drit­te Grup­pe ver­wen­de­te das auf Hawaii tra­di­tio­nel­le Ver­fah­ren des H’oponopono. Dazu ver­sam­melt sich die Fami­lie, betet und bit­tet um die Hil­fe der Göt­ter, um dann in einen Ver­söh­nungs­pro­zess über­zu­lei­ten.

Wir wer­den mit Bei­spie­len aus Afri­ka, Latein­ame­ri­ka, und Ost­eu­ro­pa bom­bar­diert. Oft han­delt es sich nur um anek­do­ti­sche Bele­ge. Es gibt zwar auch vie­le empi­ri­sche Unter­su­chun­gen, die lege artis mit den Metho­den der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten durch­ge­führt wur­den. Doch sel­ten oder nie gibt es Repli­ka­tio­nen, ohne die man in ande­ren empi­ri­schen Dis­zi­pli­nen kein Ergeb­nis akzep­tie­ren wür­de. Was aber für die Ein­schät­zung sol­cher Unter­su­chun­gen noch schwe­rer wiegt, ist ihre Rela­ti­vi­tät zu einem weit­ge­hend unbe­kann­ten Kon­text. Wir kön­nen kaum über­se­hen, ob die Unter­su­chungs­er­geb­nis­se für den Pro­blem­zu­sam­men­hang der Glo­ba­li­sie­rung typisch und damit ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hig sind.

Öko­lo­gie, Wachs­tum und Alte­rung der Bevöl­ke­rung, Welt­fi­nanz­kri­se, die Ver­sor­gung der Mensch­heit mit Lebens­mit­teln, Ener­gie­ver­sor­gung der Zukunft und der Umgang mit einer glo­ba­len Kli­ma­ver­än­de­rung – alle die­se The­men geben vor dem Hin­ter­grund glo­ba­ler Ungleich­heit reich­lich Kon­flikt­stoff ab. Sie sind auf Mikro-, Meso- und Makro­ebe­ne mit­ein­an­der ver­wo­ben und spie­geln so die gan­ze Kom­ple­xi­tät unse­rer moder­nen Welt. In Kon­flikt­si­tua­tio­nen tref­fen schon auf der Beschrei­bungs­ebe­ne bei­na­he zwangs­läu­fig unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven auf­ein­an­der. Je nach Kon­text und Per­spek­ti­ve der Betei­lig­ten wer­den ande­re Gesichts­punk­te rele­vant. Daher ist kaum eine ein­zig rich­ti­ge Beschrei­bung einer Situa­ti­on zu erwar­ten.

Noch unsi­che­rer wer­de ich, wenn ich all­ge­mei­ne Pro­gno­sen, Ein­schät­zun­gen oder Urtei­le lese, etwa vom Ende der Geschich­te, vom Kampf der Kul­tu­ren, vom Recht­s­im­pe­ria­lis­mus der west­li­chen Welt oder von der Ver­derb­lich­keit des neo­li­be­ra­len Staa­tes. Dabei drängt sich auf, dass vie­le sol­cher Ein­schät­zun­gen von star­ken Wert­ur­tei­len getra­gen wer­den. Wenn es um die Glo­ba­li­sie­rung geht, kön­nen vie­le Wis­sen­schaft­ler ihre Kri­tik an den Zustän­den und ihre poli­ti­sche Mei­nung nur schwer zurück­hal­ten. Hier als Bei­spiel ein Zitat aus einem Auf­satz von Gun­ther Teub­ner[7], wohl der füh­ren­de deut­sche Wis­sen­schaft­ler, wenn es um das Recht im Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zess geht:

»Gleich­zei­tig erschüt­tern in der rea­len Welt die bru­ta­len Schock­wel­len der Glo­ba­li­sie­rung und Pri­va­ti­sie­rung die Fun­da­men­te des moder­nen poli­cy-ori­en­tier­ten Pri­vat­rechts. Nicht nur das inter­ven­tio­nis­ti­sche, son­dern auch das neo­li­be­ra­le Pro­jekt des Pri­vat­rechts fal­len der Glo­ba­li­sie­rungs­ka­ta­stro­phe zum Opfer. Sozi­al­staat­li­che Regu­lie­run­gen wer­den abge­baut, die Welt­märk­te sind selbst­ver­ständ­lich nicht in der Lage, öffent­li­che Güter zu erzeu­gen, eine rechts­ver­bind­li­che glo­ba­le Rah­men­ord­nung ist nicht in Sicht. Gleich­zei­tig aber wer­den immer mehr sozia­le Akti­vi­tä­ten von pri­va­te gover­nan­ce regimes über­nom­men. Ist in einer sol­chen post-kata­stro­pha­len Situa­ti­on ein rekon­struk­ti­ves Pro­jekt des Pri­vat­rechts denk­bar?«

Auch, die Rechts­so­zio­lo­gie ist nicht frei von Hin­ter­grund­theo­ri­en, die man als ideo­lo­gisch ein­ord­nen könn­te. Eini­ge Vor­an­nah­men wird man ger­ne tei­len, so die Wert­schät­zung von Demo­kra­tie und Men­schen­rech­ten. Ande­re dage­gen sind nicht unpro­ble­ma­tisch. Das gilt beson­ders für die Vor­lie­be für einen trans­na­tio­na­len Rechts­plu­ra­lis­mus von unten und die damit kor­re­spon­die­ren­de Abnei­gung gegen staat­li­che Regu­lie­rung und das Völ­ker­recht als »klas­si­schen Herr­schafts­mo­dus inter­na­tio­na­ler Poli­tik«[8], die in sys­tem­theo­re­ti­sche Vor­stel­lun­gen von Selbst­re­gu­lie­rung ver­packt wird. Zukunfts­bil­der, wie sie in § 95 I als Kon­zep­te einer nach­west­fä­li­schen Welt­ord­nung vor­ge­stellt wer­den, sind beson­ders anfäl­lig für geschichts­phi­lo­so­phi­sche Spe­ku­la­tio­nen.

Den­noch gibt es klei­ne­re oder grö­ße­re Inseln des Wis­sens. Gele­gent­lich kann man sich mit einem rough con­sen­sus beru­hi­gen. Aber im Gro­ßen und Gan­zen zeigt uns die Glo­ba­li­sie­rungs­for­schung eigent­lich nur, wie wenig wir wis­sen und wis­sen kön­nen. Eine Spur opti­mis­ti­scher dür­fen wir viel­leicht wer­den, wenn wir unse­re Fra­ge­stel­lung beschei­de­ner for­mu­lie­ren. Dann geht es nicht mehr um die Glo­ba­li­sie­rung als sol­che, son­dern nur noch um die akti­ve oder pas­si­ve Rol­le des Rechts im Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zess.

III.   Von komparativer Forschung zu einer globalen Perspektive

Lite­ra­tur: Samu­el P. Hun­ting­ton, Trans­na­tio­nal Orga­ni­za­ti­ons in World Poli­tics, World Poli­tics 25, 1973, 333–368; Phi­lip C. Jes­sup, Trans­na­tio­nal Law, New Haven 1956; Robert O. Keohane/Nye Jr., Joseph S., Trans­na­tio­nal Rela­ti­ons and World Poli­tics, Har­vard Uni­ver­si­ty Press, 1972; Mel­vin L. Kohn, Intro­duc­tion, in: ders. (Hg.), Cross-Natio­nal Rese­arch in Socio­lo­gy, New­bury Park 1989, 17–31; Andre­as Wimmer/Nina Glick Schil­ler, Metho­do­lo­gi­cal Natio­na­lism and Bey­ond: Nati­on-Sta­te Buil­ding, Migra­ti­on and the Soci­al Sci­en­ces, Glo­bal Net­works 2 (2002) 301–334.

1)    National – international – multinational – supranational – transnational

Zunächst gilt es, die Begrif­fe zu sor­tie­ren. Die eng­li­sche Bezeich­nung für das Völ­ker­recht lau­tet bekannt­lich Inter­na­tio­nal Law. Daher wer­den Rechts­nor­men und Insti­tu­tio­nen, die ihre Grund­la­ge im Völ­ker­recht haben, oft als inter­na­tio­nal bezeich­net, z.B. der Inter­na­tio­na­le Gerichts­hof in Den Haag (IGH), der Inter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds (IWF) usw. Supra­na­tio­nal ist das Recht der Euro­päi­schen Gemein­schaft, weil die Gemein­schafts­or­ga­ne Recht set­zen kön­nen, das unmit­tel­bar in den Mit­glied­staa­ten ver­bind­lich ist, mit­glied­staat­li­chem Recht vor­geht und auf das sich die Indi­vi­du­en unmit­tel­bar beru­fen kön­nen (vgl. Art. 280 II EUV). Trans­na­tio­nal hei­ßen im Gegen­satz dazu grenz­über­schrei­ten­de Rechts­phä­no­me­ne, die sich nicht aus natio­nal­staat­li­chen Rechts­sys­te­men ablei­ten. Die moder­ne Welt ist durch die Tat­sa­che gekenn­zeich­net, dass die Natio­nen inso­fern Bedeu­tung ein­ge­büßt haben, als sie nicht län­ger zwi­schen ihren Bür­gern und »der Welt« ver­mit­teln. Statt­des­sen sind unmit­tel­ba­re grenz­über­schrei­ten­de Inter­ak­tio­nen und Ver­bin­dun­gen von Indi­vi­du­en und ande­ren nicht-staat­li­chen Akteu­ren uni­ver­sell gewor­den. Unab­hän­gig vom Recht bezeich­net man als trans­na­tio­nal sol­che Hand­lungs­zu­sam­men­hän­ge, die sich über Län­der­gren­zen hin­weg ent­wi­ckeln, obwohl sie her­kömm­lich an natio­na­len Gren­zen halt machen oder auf den Bereich eines natio­na­len Gesell­schafts­sys­tems begrenzt sind.

Der Begriff wur­de, frei­lich noch mit etwas ande­rer Bedeu­tung, 1956 von dem Rich­ter am IGH Phi­lip Jes­sup durch ein Buch mit dem Titel »Trans­na­tio­nal Law« geprägt.
»I shall use, ins­te­ad of ›inter­na­tio­nal law‹, the term ›trans­na­tio­nal law‹ to inclu­de all law which regu­la­tes actions or events that trans­cend natio­nal fron­tiers. Both public and pri­va­te inter­na­tio­nal law are inclu­ded, as are other rules which do not whol­ly fit into such stan­dard cate­go­ries.« (S. 2)
Ein wie­der ande­rer – hier nicht ein­schlä­gi­ger – Sprach­ge­brauch nennt »trans­na­tio­nal« das grenz­über­schrei­tend wirk­sa­me Han­deln ein­zel­ner Staa­ten. Ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel ist die Fahr­erlaub­nis, die von einem Staat erteilt wird, aber in ganz Euro­pa zum Füh­ren von Kraft­fahr­zeu­gen berech­tigt. Grund­la­ge sol­chen trans­na­tio­na­len Han­delns muss wegen des ansons­ten ent­ge­gen­ste­hen­den Ter­ri­to­ria­li­täts­prin­zips inter- oder supra­na­tio­na­les Recht sein, in unse­rem Fall Art. 2 der Füh­rer­schein­richt­li­nie 2006/126/EG.

Die sozio­lo­gi­sche Defi­ni­ti­on von Trans­na­tio­na­li­tät stützt sich auf Hun­ting­ton. Er bezeich­net als inter­na­tio­nal eine Orga­ni­sa­ti­on dann, wenn sie von einem fes­ten Platz aus in meh­re­ren Län­dern tätig ist. Mul­ti­na­tio­nal soll sich auf die per­so­nel­le Zusam­men­set­zung der Orga­ni­sa­ti­on bezie­hen. Trans­na­tio­nal dage­gen ist für ihn eine Orga­ni­sa­ti­on, wenn sie Stand­or­te in meh­re­ren Län­dern hat, die nicht bloß vor Ort unab­hän­gig von­ein­an­der tätig wer­den, son­dern die im Ver­bund über die Län­der­gren­zen hin­weg ope­rie­ren. Heu­te ist ein Sprach­ge­brauch ver­brei­tet, der alle Glo­ba­li­sie­rungs­phä­no­me­ne als trans­na­tio­nal bezeich­net.

Will man die trans­na­tio­na­len Phä­no­me­ne klas­si­fi­zie­ren, so bie­tet sich fol­gen­de Ein­tei­lung an:

Kom­mu­ni­ka­ti­on im enge­ren Sin­ne, näm­lich die Über­mitt­lung von Infor­ma­tio­nen unter Ein­schluss von Ide­en und gan­zen Ideo­lo­gi­en,

  • Trans­port, also die Bewe­gung phy­si­scher Objek­te aller Art, ins­be­son­de­re von Waren,
  • Finan­zen, also die Über­mitt­lung von Geld und Kre­dit,
  • Rei­sen, also den Trans­port von Men­schen über Län­der­gren­zen.
  • Umwelt­ver­schmut­zung, also die grenz­über­schrei­ten­de Emis­si­on von Schad­stof­fen jed­we­der Art.
Auf den ers­ten Blick scheint Umwelt­ver­schmut­zung, eben­so wie Trans­port oder Rei­sen, ein phy­si­sches und kein sozia­les Phä­no­men zu sein. Aber sie wird von Men­schen gemacht und, was noch wich­ti­ger ist, von Men­schen wahr­ge­nom­men, die dar­auf reagie­ren. Ähn­li­ches gilt für welt­weit sich ver­brei­ten­de Krank­hei­ten wie HIV, die sog. Schwei­ne­grip­pe oder eine Tier­seu­che wie BSE. Wenn sol­che Epi­de­mi­en auf­tau­chen, dann wird heu­te unter Füh­rung der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO schnell eine inter­na­tio­nal koor­di­nier­te Poli­tik zu ihrer Kon­trol­le und Bekämp­fung ent­wi­ckelt, und zwar weit­ge­hend mit Instru­men­ten unter­halb des for­mel­len Rechts, näm­lich mit Dekla­ra­tio­nen, Richt­li­ni­en und Emp­feh­lun­gen.

Für das Recht scheint, wenig über­ra­schend, Kom­mu­ni­ka­ti­on der rele­van­tes­te Typ trans­na­tio­na­ler Inter­ak­ti­on zu sein. Luh­mann hat uns dar­auf ver­wie­sen, das Rechts­sys­tem aus­schließ­lich als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­tem zu ver­ste­hen. Recht besteht aus Infor­ma­tio­nen, die über­mit­telt, gespei­chert, bear­bei­tet und ver­än­dert wer­den.

2)   Vergleichende Forschung

Das Spe­zi­fi­kum der Welt­ge­sell­schaft, wenn es denn eine sol­che gibt, besteht dar­in, dass sie alle ande­ren Gesell­schaf­ten ein­schließt und damit selbst ein­zig­ar­tig und unver­gleich­bar ist. Doch auch die Unver­gleich­bar­keit lässt sich nur durch Ver­gleich erken­nen. Nach der klas­si­schen induk­ti­ven Metho­de wer­den die Wer­te ver­schie­de­ner Varia­blen, die als abhän­gig oder unab­hän­gig gedacht sind, unter ver­schie­de­nen his­to­ri­schen, kul­tu­rel­len oder natio­na­len Bedin­gun­gen beob­ach­tet und ver­gli­chen. Ver­glei­chen­de For­schung, die aus­drück­lich als sol­che bezeich­net wird, hat ledig­lich die Beson­der­heit, dass die Daten von sehr gro­ßen Ein­hei­ten genom­men wer­den, sei es aus unter­schied­li­chen Kul­tu­ren, sei es aus ver­schie­de­nen his­to­ri­schen Epo­chen. So spre­chen Sozio­lo­gen von kom­pa­ra­ti­ver oder kom­pa­ra­ti­vis­ti­scher For­schung, wenn es um den inter­na­tio­na­len, inter­kul­tu­rel­len oder his­to­ri­schen Ver­gleich geht.

Die wich­tigs­te Ver­gleichs­ein­heit sind natio­na­le Rechts­sys­te­me. Des­halb besteht die Gefahr des metho­do­lo­gi­schen Natio­na­lis­mus. Gemeint ist die unbe­frag­te Vor­aus­set­zung, der Natio­nal­staat sei die mehr oder weni­ger natur­ge­mä­ße Form für die Orga­ni­sa­ti­on von Poli­tik und Gesell­schaft. Sie hat zur Fol­ge, dass der Natio­nal­staat ganz unbe­fan­gen als grund­le­gen­de Unter­su­chungs­ein­heit ver­wen­det wird, obwohl kaum noch sozia­le Phä­no­me­ne durch Lan­des­gren­zen defi­niert sind. In Arbei­ten über die Inte­gra­ti­on von Aus­län­dern ist die War­nung vor »metho­di­schem Natio­na­lis­mus« wohl ange­zeigt (Wim­mer/Glick-Schil­ler), denn es besteht die Gefahr, dass die Men­schen, um die es geht, schon bei der Ope­ra­tio­na­li­sie­rung der For­schungs­fra­gen bestimm­ten Grup­pen oder Pro­blem­la­gen zuge­ord­net wer­den. Ihr Selbst­ent­wurf, ihre Iden­ti­täts­ent­wick­lung und ihre Inte­gra­ti­on im Ein­wan­de­rungs­land wird auf die­se Wei­se (nur) vor dem Hin­ter­grund ande­re natio­na­ler Her­kunfts­kul­tu­ren beleuch­tet, so als ob die Natio­na­li­tät – ähn­li­ches gilt für eth­ni­sche Zuge­hö­rig­keit oder Reli­gi­on – ohne Wei­te­res für die sozia­le Iden­ti­tät her­aus­ra­gen­de Bedeu­tung haben müss­te. Ähn­lich könn­te, wenn es um die Glo­ba­li­sie­rung geht, der Län­der­ver­gleich den Blick auf trans­na­tio­na­le und glo­ba­le Phä­no­me­ne ver­de­cken. Doch es führt nicht wei­ter, der ver­glei­chen­den For­schung all­ge­mein eine ideo­lo­gi­sche Vor­be­las­tung zu attes­tie­ren. Man müss­te sich sonst auch auf eine Dis­kus­si­on ein­las­sen, ob nicht ana­log in der Rechts­so­zio­lo­gie ein metho­do­lo­gi­scher Plu­ra­lis­mus ver­brei­tet ist und ob nicht Wirt­schafts- und Völ­ker­recht längst von einem metho­do­lo­gi­schen Glo­ba­lis­mus[9] ergrif­fen sind. Die Wahl der Natio­nal- oder Ter­ri­to­ri­al­staa­ten als Ver­gleichs­ein­heit hat ganz prag­ma­ti­sche Grün­de, denn noch immer machen die hier inter­es­sie­ren­den Insti­tu­tio­nen und mit ihnen die Sta­tis­ti­ken als wich­ti­ge Daten­quel­len an den Lan­des­gren­zen halt. Man braucht des­halb auf Län­der­ver­glei­che nicht zu ver­zich­ten. Man muss nur beden­ken, war­um sol­che Ver­glei­che ange­stellt wer­den. Ohne­hin gibt es kei­ne ech­te Alter­na­ti­ve. Man kommt ohne hand­li­che Unter­su­chungs­ein­hei­ten gar nicht aus. Als sol­che bie­ten sich die Natio­nal­staa­ten an. Sie haben im Zeit­al­ter der Glo­ba­li­sie­rung allen Unken­ru­fen zum Trotz nicht an Bedeu­tung ver­lo­ren.

In der Zeit nach 1945 sind nur ganz weni­ge Natio­nal­staa­ten von der Land­kar­te ver­schwun­den, und das, wie im Fal­le von Tibet, nur mit Gewalt. Umge­kehrt hat sich die Zahl der Natio­nal­staa­ten von wenig über 100 auf heu­te 196 lau­fend erhöht. Allein in Ost­eu­ro­pa hat sich nach 1989 ent­lang der alten Län­der­gren­zen ein Dut­zend neu­er Natio­nal­staa­ten eta­bliert. Glo­ba­li­sie­rung und Staa­ten­bil­dung haben sich nicht als gegen­läu­fi­ge Pro­zes­se erwie­sen, auch wenn die Staa­ten ihre Qua­li­tät ver­än­dert haben. Wahr­schein­lich hat der aus den Erfah­run­gen natio­na­lis­ti­scher Krie­ge und Dik­ta­tu­ren ent­sprun­ge­ne Anti­na­tio­na­lis­mus die gro­ße Rol­le von Natio­na­li­tät und Eth­ni­zi­tät im Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zess eher ver­dun­kelt.

Es besteht aller­dings ein Unter­schied zwi­schen der ver­glei­chen­den Unter­su­chung natio­na­ler Rechts­sys­te­me und der Ana­ly­se glo­ba­ler Rechts­phä­no­me­ne. Kohn (1989) unter­schei­det vier Typen inter­na­tio­nal ver­glei­chen­der For­schung. Nur die ers­ten drei sind kom­pa­ra­tiv im her­kömm­li­chen Sinn. Der vier­te Typ, den Kohn als »trans­na­tio­nal« kenn­zeich­net, kommt dem sehr nahe, was hier unter einer glo­ba­len Per­spek­ti­ve ver­stan­den wer­den soll.

a) Natio­nen als Gegen­stand der Unter­su­chung: Ver­glei­chen­de For­schung kann zunächst Unter­schie­de zwi­schen Natio­nen beschrei­ben.

»In the first type of cross-natio­nal rese­arch, whe­re nati­ons are the object of stu­dy, the investigator’s inte­rest is pri­ma­ri­ly in the par­ti­cu­lar coun­tries stu­di­ed: how Ger­ma­ny com­pa­res to the United Sta­tes, Fran­ce to the Soviet Uni­on, or India to Paki­stan. Alter­na­tively, the inves­ti­ga­tor may be inte­rested in com­pa­ring par­ti­cu­lar insti­tu­ti­ons in the­se coun­tries: the soci­al secu­ri­ty sys­tems of the United Sta­tes and Aus­tra­lia, the edu­ca­tio­nal sys­tems of the Ger­man Demo­cra­tic Repu­blic and the Federal Repu­blic of Ger­ma­ny. At their best … such stu­dies can lead to well infor­med inter­pre­ta­ti­ons that app­ly far bey­ond the par­ti­cu­lar coun­tries stu­di­ed. What dis­tin­guis­hes such rese­arch, though, is its pri­ma­ry inte­rest in under­stan­ding their par­ti­cu­lar coun­tries. In this rese­arch, one wants to know about Fin­land and Poland for their own sakes; the inves­ti­ga­tor does not select them for stu­dy just becau­se they hap­pen to be a use­ful set­ting for pur­suing some gene­ral hypo­the­sis.«

Die klas­si­sche juris­ti­sche Rechts­ver­glei­chung, die stets als eine Erfah­rungs­wis­sen­schaft ange­se­hen wor­den ist, und damit der empi­ri­schen Sozi­al­for­schung sehr nahe steht, gehört in die­se ers­te, teil­wei­se auch in die fol­gen­de Kate­go­rie. Sol­che Rechts­ver­glei­chung ver­hilft noch nicht ohne wei­te­res zu einer glo­ba­len Per­spek­ti­ve. Aber sie ist als Grund­la­ge uner­setz­lich.

b) Natio­nen als Kon­text der Unter­su­chung: Ande­re Unter­su­chun­gen gehen der Fra­ge nach, ob sozia­le Pro­zes­se, die in einer Nati­on oder einem Typ von Natio­nen ablau­fen, sich von den sozia­len Pro­zes­sen in ande­ren Natio­nen oder in ande­ren Typen von Natio­nen unter­schei­den. Sie neh­men bei­spiels­wei­se das Recht und die von ihm gepräg­ten sozia­len Insti­tu­tio­nen als abhän­gi­ge Varia­ble, um zu erklä­ren, wel­che poli­ti­schen, kul­tu­rel­len oder sozia­len Kräf­te auf das Recht ein­wir­ken und wie sie sei­nen Insti­tu­tio­nen Gestalt geben und ihr Funk­tio­nie­ren beein­flus­sen.[10]

Wäh­rend die unter a) genann­ten Unter­su­chun­gen das Ziel haben, unse­re Kennt­nis­se über bestimm­te Län­der zu ver­bes­sern, wer­den bei die­ser zwei­ten Art von Unter­su­chun­gen ver­schie­de­ne Län­der ver­gli­chen, um zu klä­ren, wel­che Bedeu­tung der natio­na­le Kon­text für das Funk­tio­nie­ren sozia­ler Insti­tu­tio­nen hat. Es geht etwa um die Fra­ge, unter wel­chen poli­ti­schen und geis­tes­ge­schicht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen eine unab­hän­gi­ge Jus­tiz ent­ste­hen kann. Oder dar­um, war­um sich die Regeln über die Ent­schä­di­gung von Ver­kehrs­un­fall­op­fern oder von Umwelt­schä­den in Japan ganz erheb­lich von denen unter­schei­den, die in den USA ange­wen­det wer­den.[11] Ein wei­te­res Bei­spiel bie­tet die ver­glei­chen­de Unter­su­chung von Rechts­kul­tu­ren unter dem Gesichts­punkt des nach Art und Umfang sehr unter­schied­li­chen Geschäfts­an­falls der Gerich­te.[12]

c) Natio­nen als Unter­su­chungs­ein­heit: Ein drit­ter Typ inter­na­tio­nal ori­en­tier­ter For­schung folgt dem metho­di­schen Modell des quan­ti­ta­ti­ven Ver­gleichs, indem er die Län­der als Grund­ein­hei­ten ein­setzt:

»… inves­ti­ga­tors seek to esta­blish rela­ti­ons­hips among cha­rac­te­ris­tics of nati­ons qua nati­ons. In such rese­arch one no lon­ger speaks of coun­tries by name, but ins­te­ad clas­si­fies coun­tries along one or more dimen­si­ons – their gross natio­nal pro­duct, or average level of edu­ca­tio­nal attain­ment, or posi­ti­on along some sca­le of inco­me ine­qua­li­ty.« (Kohn 1989:22)

Ste­ven Spit­zers Arbeit über Durk­heims Theo­rie der Ent­wick­lung des Straf­rechts, in der Daten aus 48 Gesell­schaf­ten ver­gli­chen wer­den, ist ein gutes Bei­spiel für die­se Art der For­schung.[13] Die­ses Modell erlebt eine enor­me Kon­junk­tur in den Lan­der­ra­tings, die von IGO und INGO in gro­ßer Zahl erstellt wer­den.

d) Trans­na­tio­na­le For­schung ver­gleicht nicht ein­zel­ne Staa­ten unter­ein­an­der, son­dern staats­un­ab­hän­gi­ge Phä­no­me­ne mit sol­chen, die auf Staats­ebe­ne statt­fin­den. Sie setzt nicht bei ein­zel­nen Natio­nen an, son­dern bei Akti­vi­tä­ten, die sich ohne (gro­ße) Rück­sicht über Län­der­gren­zen aus­brei­ten und deren Aus­gangs­punkt in einem bestimm­ten Land eher unwich­tig ist. Län­der wer­den als Tei­le von trans­na­tio­na­len Sys­te­men behan­delt, um die­se über­ge­ord­ne­ten Sys­te­me zu ver­ste­hen. Dazu wer­den trans­na­tio­na­le Sys­te­me iden­ti­fi­ziert, inner­halb derer auch Län­der als kor­po­ra­ti­ve Akteu­re agie­ren oder deren Sub­sys­te­me sie bil­den. Beim Ver­gleich mit staat­li­chen Akti­vi­tä­ten geht es nicht um bestimm­te ein­zel­ne Staa­ten, son­dern um einen Ver­gleich der trans­na­tio­na­len Ebe­ne mit der staat­li­chen, die­se reprä­sen­tiert durch einen Ide­al­typ des Staa­tes.

3)   Die Sphäre der Globalität

Alle reden von Glo­ba­li­sie­rung. Aber in den meis­ten Tex­ten wird zwi­schen trans­na­tio­nal und glo­bal nicht wei­ter unter­schie­den. Das ist kein Wun­der, denn der Begriff der Glo­ba­li­sie­rung gilt als schwer defi­nier­bar. Das liegt nicht zuletzt dar­an, dass er nur sel­ten wert­frei beschrei­bend ver­wen­det wird. In die­sem Sin­ne mein­te Ulrich Beck:

»Glo­ba­li­sie­rung ist sicher das am meis­ten gebrauch­te – miss­brauch­te – und am sel­tens­ten defi­nier­te, wahr­schein­lich miss­ver­ständ­lichs­te, nebu­lö­ses­te und poli­tisch wir­kungs­volls­te (Schlag- und Streit-)Wort der letz­ten, aber auch der kom­men­den Jah­re.« (Was ist Glo­ba­li­sie­rung, 1997, S. 42)

Doch wie so oft bei sehr all­ge­mei­nen Begrif­fen, kommt es auf eine prä­zi­se Vor­ab­de­fi­ni­ti­on gar nicht an. In der Regel ergibt sich aus dem Kon­text hin­rei­chend klar, was gemeint ist. Wenn man den­noch auf eine Rund­um­de­fi­ni­ti­on Wert legt, so emp­fiehlt sich die­je­ni­ge des bri­ti­schen Sozio­lo­gen Antho­ny Gid­dens. Er ver­steht unter Glo­ba­li­sie­rung

»eine Inten­si­vie­rung welt­wei­ter sozia­ler Bezie­hun­gen, durch die ent­fern­te Orte in sol­cher Wei­se mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den, dass Ereig­nis­se an einem Ort durch Vor­gän­ge geprägt wer­den, die sich an einem vie­le Kilo­me­ter ent­fern­ten Ort abspie­len, und umge­kehrt.« (Kon­se­quen­zen der Moder­ne, 1995, S. 85)

Eine hand­fes­te Unter­schei­dung zwi­schen glo­bal und trans­na­tio­nal ist nicht in Sicht. Eini­ge Unter­schei­dungs­ver­su­che will ich immer­hin andeu­ten.

Trans­na­tio­na­li­tät defi­niert sich immer noch im Ver­gleich zur Natio­na­li­tät. Sie ist gege­ben, solan­ge die grenz­über­schrei­ten­den sich neben wei­ter bestehen­den natio­na­len Insti­tu­tio­nen bil­den. Glo­ba­li­tät wäre gege­ben, wenn die grenz­über­schrei­ten­den Phä­no­me­ne die ent­spre­chen­den natio­na­len ablö­sen oder wenn sich neue grenz­über­schrei­ten­de Phä­no­me­ne ent­wi­ckeln, die auf natio­na­ler Ebe­ne kei­ne Ent­spre­chung haben. Denk­bar ist auch eine Hand­lungs­sphä­re, in der der vor­glo­ba­le Zustand nicht ein­mal mehr als Kon­trast­vor­stel­lung prä­sent ist. Hier erst wäre defi­ni­tiv der Zustand der Glo­ba­li­tät erreicht. Mit Hil­fe der neu­en elek­tro­ni­schen Medi­en scheint die­se Sphä­re mehr oder weni­ger schon rea­li­siert zu sein; und zwar nicht in ers­ter Linie wegen ihrer glo­ba­len Reich­wei­te, son­dern wegen der ihnen eigen­tüm­li­chen Fähig­keit, einen neu­en, ima­gi­nä­ren Raum zu kre­ieren. Der Raum der neu­en Medi­en ist mehr als die gan­ze Welt. Man­che hal­ten den ima­gi­nä­ren Raum der Medi­en, wie er sich par­al­lel zum natür­li­chen und indus­tria­li­sier­ten Raum aus­brei­tet, sogar für den eigent­li­chen Ort der Glo­ba­li­tät. Strö­me an Kapi­tal, Infor­ma­ti­on und Kul­tur, so stellt man sich vor, durch­flie­ßen und gene­rie­ren einen »hyper­re­al esta­te of glo­bal ter­ri­to­ries«.

»This new ›third natu­re‹ of cyberspatial/televisual/informational glo­ba­li­ty fuses the local and the glo­bal in new ever­y­day life-worlds« [14]

Dabei geht es nicht um ein Second-Life im Cyber­space. Auch die »Nicht-Orte« der Glo­ba­li­tät haben ihren Platz in der rea­len Welt. Dort müs­sen die Infor­ma­tio­nen pro­du­ziert und auf­ge­nom­men und in rea­le Trans­ak­tio­nen umge­setzt wer­den.

Wich­ti­ger ist wohl, dass Glo­ba­li­sie­rung auch in Trans­ak­tio­nen, die ober­fläch­lich betrach­tet, loka­ler Natur sind, im Hin­ter­grund viel­fach spür­bar bleibt. Ja, »das Loka­le« ist gera­de­zu zum Gegen­be­griff der Glo­ba­li­sie­rung gewor­den.[15] Man­che wei­gern sich aber, das Glo­ba­le und das Loka­le als Gegen­sät­ze zu sehen. Sie spre­chen von einer Ver­mi­schung oder Hybri­di­sie­rung, die etwas Neu­es ent­ste­hen lässt, in dem der Ursprung sei­ne Bedeu­tung ver­lo­ren hat.

Die Raum­me­ta­pher ist im Glo­ba­li­täts­dis­kurs beliebt[16], aber doch eher ver­un­kla­rend. Eine ein­fa­che Abgren­zung, die wohl auch im unre­flek­tier­ten Sprach­ge­brauch mit­schwingt, wäre rein quan­ti­ta­tiv: Glo­bal ist, was über­all auf der Welt zutrifft wie z. B. die Kli­ma­er­wär­mung oder die Prä­senz des Funk­ver­kehrs, wäh­rend für Trans­na­tio­na­li­tät die Los­lö­sung von bestimm­ten ein­zel­nen Natio­nen genügt. In vie­len Berei­chen hat Trans­na­tio­na­li­tät sich längst zur Glo­ba­li­tät ver­dich­tet. Aber wenn man Glo­ba­li­sie­rung als Pro­zess betrach­ten will, muss man doch wie­der auf trans­na­tio­na­le Phä­no­me­ne zurück­kom­men. »Trans­na­tio­nal« bezeich­net dann die akti­ve, hand­lungs­be­zo­ge­ne Sei­te des Pro­zes­ses. Glo­bal dage­gen sind die Kon­se­quen­zen trans­na­tio­na­ler Akti­vi­tä­ten, auf die Men­schen reagie­ren. Ein Wis­sen­schaft­ler betä­tigt sich trans­na­tio­nal, wenn er an einer inter­na­tio­na­len Kon­fe­renz teil­nimmt. Er reagiert auf ein glo­ba­les Phä­no­men, wenn er in Deutsch­land ein bil­li­ges Hemd kauft, das in Ban­gla­desch her­ge­stellt wur­de. Tech­nisch for­mu­liert kann man sagen, dass glo­ba­le Struk­tu­ren faits soci­aux im Sin­ne Durk­heims bil­den, und zwar sozio­lo­gi­sche Tat­be­stän­de, die sich nicht ein­fach aus natio­na­len oder loka­len Tat­be­stän­den addie­ren, son­dern ein Eigen­le­ben ent­wi­ckeln. Trans­na­tio­na­li­tät spricht dem­ge­gen­über die hand­lungs­theo­re­ti­sche Per­spek­ti­ve an, mit der man die Gene­se des Glo­ba­len erklä­ren kann. Ech­te Struk­tu­ra­lis­ten oder Sys­tem­theo­re­ti­ker wer­den natür­lich einen sol­chen Reduk­tio­nis­mus ver­wer­fen und die Emer­genz des Glo­ba­len beto­nen. Doch die­se Fra­ge ist sekun­där im Ver­gleich zu der ande­ren, wie man denn die­se Sphä­re der Glo­ba­li­tät, die, wenn man so will, die Welt­ge­sell­schaft aus­macht, cha­rak­te­ri­sie­ren kann. Heu­te wird nie­mand mehr in Abre­de stel­len, dass die Glo­ba­li­tät neben einer öko­no­mi­schen auch eine poli­ti­sche und eine kul­tu­rel­le und schließ­lich auch eine recht­li­che Dimen­si­on besitzt. Umso mehr strei­tet man dar­über, ob öko­no­mi­sche Kon­kur­renz das wich­tigs­te glo­ba­le Struk­tur­prin­zip bil­det und ob die Sphä­re der Glo­ba­li­tät von Hier­ar­chi­en oder Hege­mo­ni­en bestimmt wird.

Das bedeu­tet für die Rechts­so­zio­lo­gie: Sie kann von den ver­schie­de­nen Glo­bal­phä­no­me­ne aus­ge­hen wie mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­ne, inter­na­tio­na­len Finanz­märk­te, Umwelt­ver­schmut­zung, Wan­de­rungs­be­we­gun­gen oder Krieg und die Reak­tio­nen ver­schie­de­ner par­ti­ku­la­rer Rechts­sys­te­me beob­ach­ten. Die Reak­tio­nen der Rechts­sys­te­me müs­sen sel­ber kei­ne glo­ba­le Gestalt anneh­men. Auch par­ti­ku­la­res oder loka­les Recht kann als Ant­wort auf glo­ba­le Her­aus­for­de­run­gen ent­ste­hen (u. § 95 IV,5). Sol­ches Recht kann gera­de zur Abwehr glo­ba­ler Phä­no­me­ne ein­ge­setzt wer­den, wie dies wohl bei Migran­ten- und Flücht­lings­strö­men der Fall ist.

Die Rechts­so­zio­lo­gie kann aber auch von trans­na­tio­na­len Akti­vi­tä­ten aus­ge­hen und beob­ach­ten, wie sich dar­aus glo­ba­le Rechts­phä­no­me­ne ent­wi­ckeln. Das letz­te und eigent­li­che Objekt einer Rechts­so­zio­lo­gie der Glo­ba­li­tät wäre eine auf­kom­men­de Welt­rechts­kul­tur, und sei es als Ide­al­typ, um den Abstand der Kon­ver­genz­pro­zes­se dar­an zu mes­sen. Bei der Suche wird man auf einen evo­lu­tio­nä­ren Pro­zess sto­ßen, der auf einer viel brei­te­ren Grund­la­ge als nur im Rechts­be­reich statt­fin­det. Das Recht bil­det inso­weit nur einen Teil der all­ge­mei­nen gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung, die man sich als einen welt­wei­ten Lern­pro­zess vor­stel­len kann, in dem bestimm­te for­mel­le und inhalt­li­che Rechts­kon­zep­te sich durch­set­zen.

IV.   Transnationale Systeme gab es immer schon

Lite­ra­tur: Ray­mond Aron, The Indus­tri­al Socie­ty, Lon­don 1966; Timo­thy Brook, Ver­meers Hut, Das 17. Jahr­hun­dert und der Beginn der glo­ba­len Welt, 2008 (viel gelob­te lite­ra­ri­sche Dar­stel­lung); And­re G. Frank/Barry K. Gills, The 5.000-Year World Sys­tem. An Inter­di­sci­pi­na­ry Intro­duc­tion, in: dies. (Hg.), The World Sys­tem. Five Hund­red Years or Five Thousand?, Lon­don 1993; David Har­vey, The Con­di­ti­on of Post­mo­der­ni­ty, Cam­bridge, Mass 1990; Bet­ti­na Heintz/Jens Gre­ve, Die Ent­de­ckung der »Welt­ge­sell­schaft«, in: Bett­ti­na Heintz (Hg.), Welt­ge­sell­schaft Son­der­heft Jan Neder­veen Pie­ter­se, Glo­ba­li­za­ti­on als Hybri­di­za­ti­on, in: Mike Fea­therstone u. a. (Hg.), Glo­bal Moder­nities, Lon­don 1995, S. 45–68; der Zeit­schrift für Sozio­lo­gie 2005, 89–119; Jür­gen Osterhammel/Niels P. Peters­son, Geschich­te der Glo­ba­li­sie­rung, Dimen­sio­nen, Pro­zes­se, Epo­chen, 4. Aufl., Mün­chen 2007 [2003]; Fried­rich H. Ten­bruck, Gesell­schafts­ge­schich­te oder Welt­ge­schich­te?, Köl­ner Zeit­schrift für Sozio­lo­gie und Sozi­al­psy­cho­lo­gie 41, 1989, 417–439.

Der Begriff einer Welt­ge­sell­schaft ver­weist auf die Welt als einen ein­zi­gen Ort mit sys­te­mi­schen Eigen­schaf­ten und bezeich­net so eine Ebe­ne der Ana­ly­se, die zahl­rei­che natio­na­le, supra- und sub­na­tio­na­le Ein­hei­ten und indi­vi­du­el­le Akteu­re umfasst, die in einem viel­schich­ti­gen Netz­werk inter­agie­ren, im Gegen­satz zu einem staats­zen­trier­ten Kon­zept inter­staat­li­cher Sys­te­me. In einem gewis­sen Sinn bestand die Welt immer schon aus klei­ne­ren Ein­hei­ten – Stäm­men, Gemein­schaf­ten, Natio­nen – die in Bezie­hung auf­ein­an­der agier­ten und reagier­ten, wenn auch oft nur durch Span­nun­gen und Kon­flik­te. Ten­bruck (S. 418) mein­te sogar, dass alle eini­ger­ma­ßen belang­vol­len Ent­wick­lun­gen in der Gesell­schaft durch zwi­schen­ge­sell­schaft­li­che Bezie­hun­gen wie Migra­tio­nen oder mili­tä­ri­sche, öko­no­mi­sche oder kul­tu­rel­le Expan­si­on bedingt sei­en.

Für die Rechts­so­zio­lo­gie ist es rela­tiv unwich­tig, ob die Glo­ba­li­sie­rung ein neu­ar­ti­ges Phä­no­men ohne his­to­ri­sches Vor­bild dar­stellt und ob ein Wen­de­punkt (tur­ning point) aus­zu­ma­chen, der den Beginn des Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zes­ses mar­kiert. Jeden­falls hat sich die Wahr­neh­mung des Phä­no­mens und damit die inten­si­ve wis­sen­schaft­li­che und öffent­li­che Dis­kus­si­on erst nach 1970 ent­wi­ckelt.

Trans­na­tio­na­le Bezie­hun­gen gab es immer schon. Wenn man in die Geschich­te zurück­blickt, wird man – viel­leicht mit Über­ra­schung – fest­stel­len, wie inter­na­tio­nal, ja glo­bal die Welt immer gewe­sen ist. Grie­chen und Römer haben Welt­po­li­tik getrie­ben, Alex­an­der II. gar die gan­ze sei­ner­zeit bekann­te Welt erobert. Daher lässt Pie­ter­se die Glo­ba­li­sie­rung schon im Alter­tum begin­nen. Das Latei­ni­sche war eine lin­gua fran­ca wie heu­te das Eng­li­sche. Die katho­li­sche Kir­che sah sich von Beginn an als Welt­kir­che. Die Zis­ter­zi­en­ser über­zo­gen Euro­pa mit einem Netz von Kir­chen und Klös­tern. Die nie­der­län­di­sche Ost Indi­en Kom­pa­nie und die eng­li­sche Hud­son Bay Com­pa­ny waren trans­na­tio­na­le Unter­neh­mun­gen größ­ten Stils. Ray­mond Aron, der unter den ers­ten war, die das Kon­zept einer trans­na­tio­na­len Gesell­schaft in die poli­ti­sche Theo­rie ein­führ­ten, erin­nert an das Gol­de­ne Zeit­al­ter des Libe­ra­lis­mus:

»Befo­re 1914 eco­no­mic exch­an­ges throug­hout Euro­pe enjoy­ed a free­dom that the gold stan­dard and the mone­ta­ry con­ver­ti­bi­li­ty safe­guar­ded even bet­ter than legis­la­ti­on. Labor par­ties were grou­ped into an Inter­na­tio­nal, the Greek tra­di­ti­on of the Olym­pic Games had been revi­ved … reli­gious, moral and even poli­ti­cal beliefs were fun­da­ment­al­ly ana­lo­gous on eit­her side of the fron­tiers.« (1966, 105)

Auch wenn man nicht soweit zurück­geht wie André Gun­ter Frank (1993), der den Beginn eines Welt­sys­tems um 5000 Jah­re zurück­da­tiert, oder die gan­ze Welt­ge­schich­te nach dem Vor­bild Oswald Speng­lers als Auf­stieg und Unter­gang unter­schied­li­cher Kul­tu­ren und Zivi­li­sa­tio­nen beschreibt, ist immer­hin die Fra­ge berech­tigt, ob der heu­ti­ge Zustand der Welt wirk­lich so neu­ar­tig ist. Er ist es. Es ist letzt­lich die tech­ni­sche Ent­wick­lung, die die Gegen­wart vor ganz neue, eben glo­ba­le Pro­ble­me stellt. Einer­seits hat die enor­me Ent­wick­lung von Trans­port- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik eine enor­me Ver­dich­tung von Raum und Zeit (»space and time com­pres­si­on«, Har­vey 1989:240) zur Fol­ge, die allen glo­ba­len Phä­no­me­nen eine neue Qua­li­tät ver­leiht. Ande­rer­seits hat es die tech­ni­sche Ent­wick­lung mit sich gebracht, dass mensch­li­ches Han­deln unmit­tel­bar glo­ba­le Wir­kun­gen hat oder haben kann. Ein Atom­krieg, der die gan­ze Welt ver­nich­tet, ist immer­hin zur Mög­lich­keit, die glo­ba­le Schä­di­gung der Umwelt zur Rea­li­tät gewor­den. Das alles bedeu­tet indes­sen kei­nes­wegs, dass staat­li­ches Recht obso­let gewor­den wäre. Doch ähn­lich wie für die Poli­tik gilt auch für das Recht: Die Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven, die sich der Rechts­set­zung eröff­nen, und die Kos­ten, die bei der Ver­fol­gung ver­schie­de­ner Hand­lungs­wei­sen zu tra­gen sind, haben sich geän­dert. Die in der Rechts­so­zio­lo­gie ver­brei­te­te Vor­stel­lung, dass die Rol­le staat­li­chen Rechts im all­täg­li­chen Leben stän­dig ansteigt, wider­spricht nicht unbe­dingt der Annah­me, dass gleich­zei­tig trans­na­tio­na­le Rechts­be­zie­hun­gen wich­ti­ger wer­den. Für die Han­dels­be­zie­hun­gen hat Frei errech­net, dass der Welt­han­del im Ver­hält­nis zum Bin­nen­han­del im 19. Jahr­hun­dert umfang­rei­cher war als 1975.[17] Ent­schei­dend ist jedoch gar nicht die quan­ti­ta­ti­ve Rela­ti­on zwi­schen Bin­nen­wirt­schaft und Welt­wirt­schaft, son­dern der Umstand dass heu­te mehr oder weni­ger bei jeder bin­nen­wirt­schaft­li­chen Akti­vi­tät »die Welt« als Kom­pa­gnon, Kon­kur­renz oder Alter­na­ti­ve prä­sent ist. Inzwi­schen hat noch der letz­te Betriebs­rat gelernt, dass bei allen Ent­schei­dun­gen die Mög­lich­keit der Pro­duk­ti­ons­ver­la­ge­rung ins Aus­land bedacht wer­den muss. Ganz ana­log wie der Welt­markt von der Bin­nen­wirt­schaft Struk­tur­an­pas­sun­gen ver­langt, muss das Bin­nen­recht auf die Kon­di­ti­on der Glo­ba­li­tät reagie­ren.



[1] Band­ura hat 2008 eine Auf­stel­lung von 178 Unter­su­chun­gen zusam­men­ge­stellt, die mit Hil­fe von zusam­men­ge­setz­ten Indi­ka­to­ren Län­der­ver­glei­che anstel­len und mit einem Ran­king enden: Romi­na Band­ura (2008): A Sur­vey of Com­po­si­te Indi­ces Mea­su­ring Coun­try Per­for­mance: 2008 Update. Office of Deve­lop­ment Stu­dies United Nati­ons Deve­lop­ment Pro­gram­me, New York. (UNDP/ODS Working Paper). Vgl. auch die Sei­te http://​com​po​si​te​-indi​ca​tors​.jrc​.ec​.euro​pa​.eu/​F​A​Q​.​htm.

[3] Klaus F. Röhl u. a., Der Ver­gleich im Zivil­pro­zeß. Unter­su­chun­gen an einem groß­städ­ti­schen Amts­ge­richt, 1983.

[4] 198384 gab es ein grö­ße­res Pro­jekt, in dem mei­ne Mit­ar­bei­te­rin­nen eine klas­si­sche Begleit­for­schung zu einer Neue­rung im zivil­recht­li­chen Güte­ver­fah­ren vor dem Schieds­mann, die dar­in bestand, dass für den Geg­ner eine Erschei­nens­pflicht ange­ord­net war, wenn der Antrag­stel­ler sich (frei­wil­lig) an den Schieds­mann gewen­det hat­te (Röhl (Hg.), Das Güte­ver­fah­ren vor dem Schieds­mann, 1987). Zuletzt war ich mit 2004 auf die­sem Gebiet mit einer Unter­su­chung über die obli­ga­to­ri­sche Streit­schlich­tung vor dem Schieds­mann aktiv (Röhl/Weiß, Die obli­ga­to­ri­sche Streit­schlich­tung, 2005). Nun­mehr ging es dar­um, dass pro­spek­ti­ve Klä­ger ver­pflich­tet wur­den, sich zunächst eine Güte­stel­le zu wen­den, bevor sie kla­gen durf­ten.

[5] Leti­tia M. Saucedo/Raquel Aldana (2007): The Illu­si­on of Trans­for­ma­ti­ve Con­flict Reso­lu­ti­on: Media­ting Domestic Vio­lence in Nica­ra­gua.

[6] Sal­ly Eng­le Mer­ry, Rights, Reli­gi­on, and Com­mu­ni­ty: Approa­ches to Vio­lence Against Women in the Con­text of Glo­ba­li­za­ti­on, Law and Socie­ty Review, 35, 2001, 39–88.

[7] Ver­trags­wel­ten: Das Recht in der Frag­men­tie­rung von Pri­va­te Gover­nan­ce Regimes, Rechts­his­to­ri­sches Jour­nal 17, 1998, 234–265, hier zitiert nach der im Inter­net ver­füg­ba­ren Fas­sung, dort S. 10. Auch wenn man berück­sich­tigt, dass der Auf­satz schon vor der Jahr­tau­send­wen­de ver­fasst wur­de, ist sol­che Kata­stro­phen­be­schwö­rung in einem wisen­schaft­li­chen Auf­satz nicht akzep­ta­bel. Jün­ge­re Ver­öf­fent­li­chun­gen Teub­ners sind dif­fe­ren­zier­ter.

[8] Sym­pto­ma­tisch die kur­ze Ein­füh­rung von Andre­as Fischer-Lesca­no/­Tan­ja Hit­zel-Cas­sa­gnes/E­va Kocher/Ulrich Mücken­ber­ger für das Schwer­punkt­heft »Trans­na­tio­na­les Recht der Zeit­schrift »Kri­ti­sche Jus­tiz (Heft 1/2010) mit dem Titel »Die Viel­falt trans­na­tio­na­ler Rechts­krea­ti­on ›from below‹ «.

[9] Gegen einen sol­chen wen­det sich Eric A. Pos­ner , The Perils of Glo­bal Lega­lism, Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go Press, 2009.

[10]·Robert A. Kagan, What Socio-Legal Scho­l­ars Should Do When The­re is Too Much Law to Stu­dy, Jour­nal of Law and Socie­ty 22, 1995, 140–148, S. 143.

[11] Takao Tana­se, The Manage­ment of Dis­pu­tes: Auto­mo­bi­le Acci­dent Com­pen­sa­ti­on in Japan, Law and Socie­ty Review 24, 1990, S. 651–691; Frank K. Upham, Law and Soci­al Chan­ge in Post­war Japan, Cam­bridge, Mass.: Har­vard Uni­ver­si­ty Press, 1987; V. Lee Hamilton/Joseph San­ders, Ever­y­day Jus­ti­ce: Responsa­bi­li­ty and the Indi­vi­du­al in Japan and the United Sta­tes, Yale Uni­ver­si­ty Press, 1992.

[12] Robert A. Kagan, The Rou­ti­ni­za­ti­on of Debt Collec­tion: An Essay on Soci­al Chan­ge and Con­flict in the Courts, Law and Socie­ty Review 18, 1984, 323–371; Erhard Blankenburg/Ralf Rogow­ski, Ger­man Labour Courts and the Bri­tish Indus­tri­al Tri­bu­nal Sys­tem: A Socio-Legal Com­pa­ri­son of Degrees of Judi­cia­li­sa­ti­on, Jour­nal of Law and Socie­ty 13, 1986, 67; Erhard Blankenburg/J.R.A. Ver­wo­erd, The Courts as Final Resort? Some Com­pa­ri­son Bet­ween the Legal Cul­tures of the Nether­lands and the Federal Repu­blic of Ger­ma­ny, Nether­lands Inter­na­tio­nal Law 35, 1988, 9–28; Erhard Blan­ken­burg (Hg.), Pro­zeß­flut? Stu­di­en zur Pro­zeß­tä­tig­keit euro­päi­scher Gerich­te in his­to­ri­schen Zeit­rei­hen und im Rechts­ver­leich, 1989; ders., The Infra­st­ruc­tu­re for Avo­i­ding Civil Liti­ga­ti­on: Com­pa­ring Cul­tures of Legal Beha­viour in The Nether­lands and West Ger­ma­ny, Law and Socie­ty Review 28, 1994, 789–808; David S. Clark, Civil Liti­ga­ti­on Trends in Euro­pe and Latin Ame­ri­ca Sin­ce 1945: The Advan­ta­ge of Intra­coun­try Com­pa­ri­sons, Law and Socie­ty Review 24, 1990, 549–569; Marc Galan­ter, Case Con­gre­ga­ti­ons and Their Care­ers, Law & Socie­ty Review 24, 1990, S.371–395; Hele­en F. P. Jetswaart, The Inter­na­tio­nal Com­pa­ri­son of Court Casel­oads: The Expe­ri­ens of the Euro­pean Working Group, Law and Socie­ty Review 24, 1990, 571–593; Chris­tia­ne Eli­sa­beth Sim­sa, Die gericht­li­che und außer­ge­richt­li­che Regu­lie­rung von Ver­kehrs­un­fäl­len in Deutsch­land und den Nie­der­lan­den, 1995.

[13] Ste­ven Spit­zer, Punish­ment and Soci­al Orga­ni­za­ti­on: A Stu­dy of Durkheim’s Theo­ry of Penal Evo­lu­ti­on, Law & Socie­ty Review 9, 1975, 613–637. Charles Ragin (New Direc­tions in Com­pa­ra­ti­ve Rese­arch, in: Kohn (Hg.), 1989, 57–76) hat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass eine Kur­ve über die Häu­fig­keits­ver­tei­lung der Anzahl ver­glei­chen­der empi­ri­scher Unter­su­chun­gen, in der die Grö­ße der ver­wen­de­ten Stich­pro­ben ver­zeich­net ist, eine U-Form auf­wei­sen wür­de. Vie­le Unter­su­chun­gen benut­zen Stich­pro­ben von zwei oder drei Fäl­len oder arbei­ten sogar nur mit einem ein­zi­gen Fall, also nur impli­zit ver­glei­chend. Auf der ande­ren Sei­te gibt es eine beacht­li­che Anzahl von Unter­su­chun­gen, die Daten aus vier­zig oder fünf­zig oder mehr Staa­ten oder ver­gleich­ba­ren Ein­hei­ten ver­wen­den. Gleich­wohl exis­tie­ren rela­tiv weni­ge Unter­su­chun­gen mit einem mitt­le­ren Sam­ple von viel­leicht fünf bis drei­ßig Fäl­len. Als eine ein­fa­che Erklä­rung die­ser Häu­fig­keits­ver­tei­lung weist Ragin auf die Schwie­rig­kei­ten in die Tie­fe gehen­der For­schung mit mehr als eini­gen weni­gen die­ser makro-sozia­len Ein­hei­ten hin. Daher beschrän­ken sich vie­le For­scher auf eine klei­ne Aus­wahl. Die­je­ni­gen, die mit einer grö­ße­ren Anzahl von Stich­pro­ben arbei­ten, stüt­zen sich auf Sekun­där­da­ten von Orga­ni­sa­tio­nen. Sie nut­zen das zusam­men­ge­tra­ge­ne umfang­rei­che Ange­bot an Daten über poten­ti­ell alle Natio­nen in inter­na­tio­na­len Kom­pen­di­en, wie sie von den sta­tis­ti­schen Abtei­lun­gen der Natio­nal­staa­ten, der Ver­ein­ten Natio­nen und der zahl­rei­chen inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen pro­du­ziert wer­den. Wie auch immer, Ragin bie­tet auch eine tie­fer anset­zen­de Erklä­rung für die Vor­lie­be ver­glei­chen­der Sozi­al­for­schung für Extre­me in der Sam­ple­grö­ße — sehr klein oder so groß wie mög­lich. Die­se Erklä­rung betont im Beson­de­ren die kon­kur­rie­ren­den Zie­le ver­glei­chen­der Sozi­al­for­schung, wie sie in Kohns Typen der über­na­tio­na­len For­schung skiz­ziert sind, und den metho­di­schen Hia­tus zwi­schen qua­li­ta­ti­ver und quan­ti­ta­ti­ver For­schung.

[14] Timo­thy W. Luke, New World Order or Neo-World Orders: Power, Poli­tics and Info­ma­tio­na­li­zing Glo­ca­li­ties, in: Mike Featherstone/Scott Lash/Roland Robert­s­on (Hg.), Glo­bal Moder­nities, Lon­don 1995, 91–107, S. 91.

[15] Dazu aus der Sicht der Eth­no­lo­gie Johan­na Pfaff-Czarne­cka, Loka­le Iden­ti­tä­ten, Loka­lis­mus und glo­ba­le Hori­zon­te (Vor­trags­ma­nu­skript, 2003).

[16] Z. B. Lud­ger Pries, Die Trans­na­tio­na­li­sie­rung der sozia­len Welt. Sozi­al­räu­me jen­seits von Natio­nal­ge­sell­schaf­ten, 2008; ders. (Hg.), New Trans­na­tio­nal Soci­al Spaces. Inter­na­tio­nal Migra­ti­on and Trans­na­tio­nal Com­pa­nies in the Ear­ly Twen­ty-First Cen­tu­ry, 2001.

[17] Dani­el Frei, Die Ent­ste­hung eines glo­ba­len Sys­tems unab­hän­gi­ger Staa­ten, in: Karl Kai­ser/Hans-Peter Schwarz (Hg.), Welt­po­li­tik 1985, 19–30.

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