§ 98 Globalisierung als konvergente Modernisierung (I)

I.   Die Konvergenz von Recht als Modernisierungsprozess

Ein bedeu­ten­der Teil der For­schun­gen zur Glo­ba­li­sie­rung befasst sich mit der Kon­ver­genz­the­se, die eine fort­schrei­ten­de Anglei­chung der ver­schie­de­nen poli­ti­schen und tech­ni­schen, sozia­len und kul­tu­rel­len Sys­te­me behaup­tet. Wenn die Glo­ba­li­sie­rung tat­säch­lich auf eine Kon­ver­genz mehr oder weni­ger aller Struk­tu­ren hin­aus­läuft, dann bleibt auch das Recht nicht aus­ge­spart. Die Kon­ver­genz des Rechts über Län­der­gren­zen hin­weg ist ein Dau­er­the­ma der Rechts­ver­glei­chung. Über­all wer­den Kon­ver­gen­zen gesucht und gefun­den. Nir­gends wird behaup­tet, dass die Rechts­ent­wick­lung aus­ein­an­der­drif­tet. Es bleibt nur die Fra­ge, wie weit die Kon­ver­genz gehen wird oder umge­kehrt, wie­viel und wel­che Varie­tät am Ende ver­bleibt.

Die Rechts­so­zio­lo­gie steht vor der Auf­ga­be, die The­se von der Kon­ver­genz des Rechts der Gegen­wart mit der Glo­ba­li­sie­rungs­dis­kus­si­on zu ver­knüp­fen, in der die Fra­ge nach Kon­ver­genz oder Diver­genz kon­tro­vers behan­delt wird.

Das Recht ent­wi­ckelt sich nicht unab­hän­gig von der Gesell­schaft. Es führt jedoch nicht viel wei­ter, ein­fach nur die Phä­no­me­ne der Glo­ba­li­sie­rung mit dem Ergeb­nis von mehr oder weni­ger Kon­ver­genz zu beschrei­ben. Inter­es­san­ter wird die Suche, wenn man die Glo­ba­li­sie­rung selbst als einen Pro­zess ansieht, der von gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren ange­trie­ben wird. Das leis­tet die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie. Sie hat von vorn­her­ein die glo­ba­le Aus­brei­tung moder­ner Struk­tu­ren mit­ge­dacht. Für die Ana­ly­se der Glo­ba­li­sie­rung wird die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie zur Kon­ver­genz­theo­rie, indem sie die Rich­tung des Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zes­ses als Kon­se­quenz aus der Moder­ni­sie­rung der Gesell­schaft erklärt. Sie legt die Fra­ge nahe, ob und wie­weit die Glo­ba­li­sie­rung auf eine Kon­ver­genz des Rechts zuläuft oder, umge­kehrt, wel­chen Raum die Glo­ba­li­sie­rung für einen Rechts­plu­ra­lis­mus lässt.

II. Die Modernisierungstheorie als Grundlage der Konvergenzthese

Lite­ra­tur: David E. Apter, Mar­gi­na­li­za­ti­on, Vio­lence, and Why We Need New Moder­ni­za­ti­on Theo­ries, in: World Soci­al Sci­ence Report, Paris 2010, 32–37; Ulrich Beck, Risi­ko­ge­sell­schaft. Auf dem Weg in eine ande­re Moder­ne, 1986; ders., Macht und Gegen­macht im glo­ba­li­sier­ten Zeit­al­ter. Neue welt­po­li­ti­sche Öko­no­mie, 2002; Ulrich Beck/Wolfgang Bonß (Hg.), Die Moder­ni­sie­rung der Moder­ne, 2001; Ulrich Beck/Christoph Lau, Theo­rie und Empi­rie refle­xi­ver Moder­ni­sie­rung, Sozia­le Welt 56, 2005, 107–135Ulrich Beck/Anthony Giddens/Scott Lash, Refle­xi­ve Moder­ni­sie­rung, 1996; Antho­ny Gid­dens, Kon­se­quen­zen der Moder­ne, 1995; Tho­mas H. Mar­shall, Citi­zenship and Soci­al Class and Other Essays, 1950; ders., Bür­ger­rech­te und sozia­le Klas­sen, 1992 (Class, Citi­zenship and Soci­al Deve­lop­ment, 1973; Wolf­gang Zapf, Moder­ni­sie­rung, Wohl­fahrts­ent­wick­lung und Trans­for­ma­ti­on. Sozio­lo­gi­sche Auf­sät­ze 1987–1994, 1994; ders., Die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie und unter­schied­li­che Pfa­de der Ent­wick­lung, Levia­than 24, 1996, 63–77; ders., Moder­ni­sie­rungs­theo­rie – und die nicht-west­li­che Welt, in: Tho­mas Schwinn (Hg.), Die Viel­falt und Ein­heit der Moder­ne, 2006, 227–235.

Die Kon­ver­genz­theo­rie erklärt die Rich­tung des Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zes­ses als Kon­se­quenz aus der Moder­ni­sie­rung der Gesell­schaft. Die Moder­ni­sie­rungs­the­se lässt sich natür­lich schon bei den Klas­si­kern ent­de­cken. Hier sei nur Karl Marx zitiert. Jeden­falls in sei­nen frü­hen Schrif­ten sah Marx im Kapi­tal die alles bewe­gen­de Kraft, die auf der gan­zen Welt zunächst die mate­ri­el­le Basis und dann auch den sozia­len Über­bau mit Ein­schluss des Rechts revo­lu­tio­nie­ren wer­de. Die Aktua­li­tät sei­ner Ide­en wird deut­lich, wenn man eini­ge Sät­ze aus dem Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest (1847) her­aus­greift:

»Die gro­ße Indus­trie hat den Welt­markt her­ge­stellt, den die Ent­de­ckung Ame­ri­kas vor­be­rei­te­te. Der Welt­markt hat dem Han­del, der Schiff­fahrt, den Land­kom­mu­ni­ka­tio­nen eine uner­meß­li­che Ent­wick­lung gege­ben. … Die Bour­geoi­sie kann nicht exis­tie­ren, ohne die Pro­duk­ti­ons­in­stru­men­te, also die Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se, also sämt­li­che gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se fort­wäh­rend zu revo­lu­tio­nie­ren. … Das Bedürf­nis nach einem stets aus­ge­dehn­te­ren Absatz für ihre Pro­duk­te jagt die Bour­geoi­sie über die gan­ze Erd­ku­gel. … Die wohl­fei­len Prei­se ihrer Waren sind die schwe­re Artil­le­rie, mit der sie alle chi­ne­si­schen Mau­ern in den Grund schießt. … Die Bour­geoi­sie hat durch ihre Exploi­ta­ti­on des Welt­markts die Pro­duk­ti­on und Kon­sum­ti­on aller Län­der kos­mo­po­li­tisch gestal­tet. Sie hat zum gro­ßen Bedau­ern der Reak­tio­nä­re den natio­na­len Boden der Indus­trie unter den Füßen weg­ge­zo­gen. Die uralten Indus­tri­en sind ver­nich­tet und wer­den noch täg­lich ver­nich­tet. … Sie zwingt alle Natio­nen, die Pro­duk­ti­ons­wei­se der Bour­geoi­sie sich anzu­eig­nen, wenn sie nicht zugrun­de gehen wol­len; …. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eige­nen Bil­de.«

Dahin­ter steckt eine Art Kon­ver­genz­theo­rie, die besagt, dass die kapi­ta­lis­tisch wirt­schaf­ten­de Gesell­schaft sich ihre eige­ne Sozi­al­struk­tur und damit auch ihr eige­nes Recht schafft, und zwar ver­mut­lich nach dem Vor­bild der Ent­wick­lung in Euro­pa und in den USA. Der Kapi­ta­lis­mus hat sich gewan­delt. An die Stel­le der Bour­geoi­sie ist das Finanz­ka­pi­tal getre­ten. Doch die Wirt­schaft ist nach wie vor die trei­ben­de Kraft der Glo­ba­li­sie­rung. Man muss des­halb davon aus­ge­hen, dass das Recht der Ent­wick­lung einer Welt­ge­sell­schaft eher nach­hinkt als dass es sie vor­an­treibt.

Alle sozio­lo­gi­sche Groß­theo­rie befasst sich seit­her letzt­lich mit der Moder­ni­sie­rung oder der Kri­tik der Moder­ni­sie­rung. Ich lege hier eine Fort­schrei­bung der struk­tur-funk­tio­nal ori­en­tier­ten Moder­ni­sie­rungs­theo­rie zugrun­de. Sie nimmt ihren Aus­gang bei den Klas­si­kern, die den Durch­bruch der Moder­ni­sie­rung zum The­ma mach­ten. Zu erklä­ren war der Umbruch, der durch die Indus­tria­li­sie­rung in Eng­land und durch die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on aus­ge­löst wur­de. Von den Klas­si­kern wur­de Moder­ni­sie­rung nega­tiv bestimmt als Ablö­sung der tra­di­tio­na­len oder orga­ni­schen Gesell­schaft durch etwas Neu­es. Neu waren Bewusst­sein und Rea­li­tät grö­ße­rer Kon­trol­le des Men­schen über sei­ne natür­li­che und sozia­le Umge­bung mit der Fol­ge, dass Zweck­ra­tio­na­li­tät zur domi­nie­ren­den Ein­stel­lung wur­de. Getrie­ben wur­de die Moder­ni­sie­rung durch Wirt­schaft, Wis­sen­schaft und Tech­nik.

Der Durch­bruch der Moder­ne war nicht das Ergeb­nis einer Reform, son­dern der unge­plan­te Pro­zess der Gene­rie­rung neu­en Wis­sens, sei­ner Aus­brei­tung und Anwen­dung. Es bleibt kei­ne Wahl, als die­sen Pro­zess als einen sol­chen der Evo­lu­ti­on zu ver­ste­hen. Ratio­na­li­tät als Wis­sens­ba­sis der Moder­ne bedeu­tet Fremd­be­ob­ach­tung, Selbst­be­ob­ach­tung und Kon­tin­genz­be­wusst­sein, kurz, sie bedeu­tet Refle­xi­vi­tät mit der Fol­ge per­ma­nen­ter Reform­an­stren­gun­gen und Wider­stands­ak­ti­vi­tä­ten. Doch auch sol­ches Akteur­han­deln lässt sich von außen als evo­lu­tio­när oder, beschei­de­ner, als eigen­dy­na­misch oder funk­tio­nal ver­an­lass­tes Gesche­hen auf­fas­sen. Das ist das The­ma der »klas­si­schen« Moder­ni­sie­rungs­theo­rie, von der gleich die Rede sein wird.

Der Durch­bruch der Moder­ni­sie­rung lös­te dort, wo er sich ereig­ne­te, einen Pro­zess des per­ma­nen­ten sozia­len Wan­dels aus. »Was heu­te modern ist, ist mor­gen schon ver­al­tet.«[1] Alle Moder­ni­sie­rung führt nur wie­der zu wei­te­rer Moder­ni­sie­rung.[2] Als evo­lu­tio­nä­rer Vor­gang hat sie kein Ziel. Sie begrün­det einen Pro­zess des per­ma­nen­ten sozia­len Wan­dels. Ein­mal in Gang gesetzt, ist die Moder­ni­sie­rung zum Selbst­gän­ger gewor­den. Sie pro­du­ziert lau­fend Inno­va­tio­nen, die sich zwang­los ver­brei­ten und den Wan­del antrei­ben. Ein Ende ist nicht abzu­se­hen. Anders sieht es die Fort­schritts­idee, die die Moder­ni­sie­rung seit der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on beflü­gelt hat. Für sie wird die Evo­lu­ti­on zum Evo­lu­tio­nis­mus, vom his­to­ri­schen Vor­gang zum gesoll­ten Pro­gramm. Am Ende steht die Eine Welt, in der alle gro­ßen Unter­schie­de und Span­nun­gen besei­tigt sind und mit ihnen die Grün­de für Krieg und Aus­beu­tung.

Obwohl es sich um einen per­ma­nen­ten Pro­zess han­delt, sind Peri­odi­sie­run­gen hilf­reich. Die ers­te oder klas­si­sche Peri­ode der Moder­ni­sie­rung war die Indus­tria­li­sie­rungs­pha­se, die bis weit in das 20. Jahr­hun­dert hin­ein­rag­te. Der Schwer­punkt der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung ver­la­ger­te sich im 20. Jahr­hun­dert von der Indus­trie auf Dienst­leis­tun­gen und auf Infor­ma­tio­nen. Der Über­gang zur nach­in­dus­tri­el­len Gesell­schaft (Dani­el Bell) bil­det die eigen­dy­na­mi­sche Fort­set­zung der Moder­ni­sie­rung, die man als zwei­te Pha­se der Moder­ni­sie­rung anspre­chen kann. Dazu gehört auch schon die welt­wei­te Inten­si­vie­rung aller Wirt­schafts- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­zie­hun­gen, die als Glo­ba­li­sie­rung geläu­fig ist. Wäh­rend die Indus­tria­li­sie­rungs­pha­se mit der Ratio­na­li­sie­rung von Pro­duk­ti­on und Arbeits­welt, Büro­kra­ti­sie­rung und Säku­la­ri­sie­rung und einer rela­tiv unge­bro­che­nen Auto­ri­täts­gläu­big­keit ein­her­ging, wuch­sen in der post­in­dus­tri­el­len Gesell­schaft das Ver­lan­gen nach per­sön­li­cher und poli­ti­scher Selbst­be­stim­mung und die Wert­schät­zung von Krea­ti­vi­tät.

Die Moder­ni­sie­rung hat par­al­lel auch das poli­ti­sche Sys­tem und mit ihm das Recht erfasst. Tho­mas H. Mar­shall ver­knüpf­te Moder­ni­sie­rungs­pro­zess und Rechts­ent­wick­lung in drei Pha­sen mit­ein­an­der: In der ers­ten Pha­se wur­den die Bür­ger­rech­te eta­bliert, in der zwei­ten kamen die poli­ti­schen Par­ti­zi­pa­ti­ons­rech­te hin­zu, und in der drit­ten wur­den die sozia­len Rech­te ver­wirk­licht, die den Wohl­fahrts­staat eta­blie­ren.

Im letz­ten Drit­tel des 20. Jahr­hun­dert haben sich die dys­funk­tio­na­len Effek­te der Moder­ni­sie­rung immer stär­ker bemerk­bar gemacht. Auf der mate­ri­el­len Ebe­ne sind es tech­ni­sche Groß­ri­si­ken und vor allem der gewal­ti­ge Umwelt­ver­brauch, der dem Wachs­tum Gren­zen zu zie­hen scheint. Auf der mensch­li­chen Ebe­ne bewirkt die Moder­ni­sie­rung den Ver­lust der tra­di­tio­nel­len per­sön­li­chen Bezie­hun­gen und der damit ver­bun­de­nen sozia­len Absi­che­rung und dar­über hin­aus die Mar­gi­na­li­sie­rung gro­ßer Tei­le der (Welt-)Bevölkerung. Die Reak­ti­on auf die­se nicht inten­dier­ten Neben­fol­gen ist ent­we­der Wider­stand oder eine Selbst­kor­rek­tur der Moder­ni­sie­rung unter dem Gesichts­punkt der Nach­hal­tig­keit. Die­se Peri­ode wird als refle­xi­ve oder Zwei­te Moder­ni­sie­rung gekenn­zeich­net (Beck/Lau S. 108). In mei­ner Zäh­lung han­delt es sich schon um die Drit­te Moder­ne.

Der Wider­stand gegen die Moder­ni­sie­rung hat sich an vie­len Stel­len for­miert, als Wider­stand gegen Umwelt­zer­stö­rung oder gegen kul­tu­rel­le Ein­eb­nung und als For­de­rung nach sozia­ler Gerech­tig­keit. Er arti­ku­liert sich in wis­sen­schaft­li­chen Ana­ly­sen und phi­lo­so­phi­schen Refle­xio­nen, in gesell­schaft­li­cher Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und in poli­ti­schen Aktio­nen. Der Phi­lo­soph Mar­tin Hei­deg­ger woll­te die Durch­ra­tio­na­li­sie­rung der Welt, ihre Rechen­haf­tig­keit und Tech­ni­zi­tät für das Welt­un­glück im All­ge­mei­nen und die Kata­stro­phen des 20. Jahr­hun­derts im Beson­de­ren ver­ant­wort­lich machen. Die Dys­funk­tio­na­li­tät der Moder­ni­sie­rung und der Wider­stand sind das The­ma neu­er Moder­ni­sie­rungs­theo­ri­en, etwa der von Antho­ny Gid­dens und Ulrich Beck. Radi­ka­ler noch ist The­se, nach der die Moder­ne abge­schlos­sen und durch eine Post­mo­der­ne ersetzt wor­den sei, wel­che zen­tra­le Merk­ma­le der Moder­ne wie Ratio­na­li­tät und Fort­schritt irrever­si­bel zer­legt habe. Aber die »unvoll­ende­te Moder­ne« (Haber­mas) ver­langt Fort­set­zung. Moder­ni­sie­rung lässt sich nicht auf­hal­ten, son­dern wird durch Wider­stand allen­falls zur Nach­bes­se­rung ver­an­lasst. Damit befasst sich die Fort­schrei­bung der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie, etwa durch Wolf­gang Zapf als Theo­rie der wei­ter­ge­hen­den Moder­ni­sie­rung oder – grund­sätz­li­cher noch – durch David E. Apter.

Die aktu­el­le Ent­wick­lung der wei­ter­ge­hen­den Moder­ni­sie­rung nen­ne ich Neo­mo­der­ne[3]. Sie hat vier Merk­ma­le:

  1. Als nach­ho­len­de Moder­ne erreicht sie noch den letz­ten Win­kel der Erde. Tech­ni­sche Moder­ni­sie­rung auf wis­sen­schaft­li­cher Grund­la­ge, Öko­no­mi­sie­rung und iso­mor­phe Insti­tu­tio­nen las­sen kei­ne Gesell­schaft aus.
  2. Als ungleich­zei­ti­ge Moder­ni­sie­rung eilen Bevöl­ke­rungs­wachs­tum und Bil­dung dem wirt­schaft­li­chen Wachs­tum vor­aus.
  3. Als refle­xi­ve Moder­ne betreibt sie die Selbstre­pa­ra­tur der klas­si­schen Moder­ne.
  4. Als kul­tu­ra­lis­ti­sche Moder­ne betont sie den Eigen­wert von Kul­tur und musea­li­siert, was an kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen vor­han­den ist. Die gan­ze Welt wird ein Muse­um.

Die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie war und ist hef­ti­ger, teil­wei­se pole­mi­scher Kri­tik aus­ge­setzt. Ihr wur­de vor­ge­hal­ten, sie sei als Instru­ment des Kal­ten Krie­ges zur ideo­lo­gi­schen Unter­füt­te­rung der Posi­ti­on des Wes­tens ent­stan­den.[4] Ihr wird vor­ge­wor­fen, die Vor­stel­lung von einer bes­se­ren Gesell­schaft euro­pä­isch-ame­ri­ka­ni­schen Mus­ters zum Ziel der Ent­wick­lung zu erhe­ben; im Gewand des Neo­li­be­ra­lis­mus set­ze sie nur den Kolo­nia­lis­mus und Impe­ria­lis­mus des 19. Jahr­hun­derts fort. Als Begleit­erschei­nun­gen des wirt­schaft­li­chen Impe­ria­lis­mus wer­den dann auch Kul­tur­im­pe­ria­lis­mus und Recht­s­im­pe­ria­lis­mus[5] kri­ti­siert. Schließ­lich wird der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie vor­ge­hal­ten, dass sie der sozia­len Struk­tur nach dem Sche­ma von Basis und Über­bau ein Pri­mat gegen­über der Kul­tur zuschrei­be. Umge­kehrt wird ein Pri­mat der Kul­tur­theo­rie in Anspruch genom­men, dass die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie zum blo­ßen Nar­ra­tiv der Moder­ne abqua­li­fi­ziert.[6]

Frag­los wur­de und wird die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie nor­ma­tiv auf­ge­la­den. Aber zunächst ent­hält sie die empi­ri­sche Aus­sa­ge, dass die Glo­ba­li­sie­rung als Anglei­chungs­pro­zess beschrie­ben wer­den kann. Die nor­ma­ti­ve und die empi­ri­sche Behand­lung des Moder­ni­sie­rungs­the­mas sind unlös­bar mit­ein­an­der ver­schränkt, und den­noch darf eine sozio­lo­gi­sche Betrach­tung, wie sie hier ver­sucht wird, den Ver­such unter­neh­men, die fak­ti­sche Sei­te wert­frei zu ana­ly­sie­ren.

III.    Die klassische Modernisierungstheorie

Lite­ra­tur: Johan­nes Ber­ger, Was behaup­tet die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie wirk­lich – und was wird ihr bloß unter­stellt?, Levia­than 24, 1996, 45–62; Samu­el P. Hun­ting­ton, The Chan­ge to Chan­ge. Moder­ni­za­ti­on, Deve­lop­ment, and Poli­tics, Com­pa­ra­ti­ve Poli­tics 3, 1971, 283–322, S. 288ff; Alex Inke­les, Making Men Modern: On the Cau­ses and Con­se­quen­ces of Indi­vi­du­al Chan­ge in Six Deve­lo­ping Coun­tries, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy 75, 1969, 208–225; Alex Inkeles/David H. Smith, Beco­m­ing Modern. Indi­vi­du­al Chan­ge in Six Deve­lo­ping Coun­tries, Cambridge/Mass. 1974; Dani­el Ler­ner, The Pas­sing of Tra­di­tio­nal Socie­ty: Moder­ni­zing the Midd­le East, Glen­coe, The Free Press, 1958; ders., Arti­kel »Moder­ni­za­ti­on: Soci­al Aspects« in: Inter­na­tio­nal Ency­clo­pe­dia of the Soci­al Sci­en­ces, 1968; Tal­cott Par­sons, Evo­lu­tio­na­ry Uni­ver­sals in Socie­ty, Ame­ri­can Socio­lo­gi­cal Review 29, 1964, 339−357÷356 (= Evo­lu­tio­nä­re Uni­ver­sa­li­en der Moder­ne, in: Wolf­gang Zapf (Hg.), Theo­ri­en des sozia­len Wan­dels, 1971, 55–74); The Evo­lu­ti­on of Socie­ties, New Jer­sey 1977.

Poli­tisch eta­blier­te sich nach 1949 der Begriff der Ent­wick­lungs­hil­fe und in der ame­ri­ka­ni­schen Sozio­lo­gie die dazu pas­sen­de zur Moder­ni­sie­rungs­theo­rie. Tal­cott Par­sons lie­fer­te die Groß­theo­rie. Er benann­te vier »evo­lu­tio­nä­re Uni­ver­sa­li­en«, die einer jeden Gesell­schaft über­le­ge­ne Anpas­sungs­mög­lich­kei­ten geben sol­len: eine Ver­wal­tungs­bü­ro­kra­tie, einen kapi­ta­lis­ti­schen Markt, Demo­kra­tie und ein uni­ver­sa­lis­ti­sches Rechts­sys­tem.[7] Dani­el Ler­ner und Alex Inke­les über­nah­men es, die Moder­ni­sie­rungs­the­se in ver­glei­chen­den Unter­su­chun­gen empi­risch zu tes­ten. Wenn die­se Antriebs­kräf­te über­all die glei­chen sind, dann müss­te die Moder­ni­sie­rung über­all den glei­chen Ver­lauf neh­men und am Ende zu Kon­ver­genz und Homo­ge­ni­sie­rung füh­ren. Die­se Vor­stel­lung wur­de in der ame­ri­ka­ni­schen Sozio­lo­gie nach 1950 zur Moder­ni­sie­rungs­theo­rie. Spe­zi­fi­ziert wur­de die sozio­lo­gi­sche Moder­ni­sie­rungs­theo­rie von Tal­cott Par­sons und Dani­el Ler­ner. Par­sons, so sagen sei­ne Kri­ti­ker, habe die Wer­te und Insti­tu­tio­nen des euro­pä­isch-ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur­krei­ses zu »evo­lu­tio­nä­ren Uni­ver­sa­li­en« erklärt, und damit die Rich­tung vor­ge­ge­ben.

Ler­ner ver­stand unter Moder­ni­sie­rung gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen, die durch Indus­tria­li­sie­rung und Ver­städ­te­rung, durch die Mas­sen­me­di­en und durch poli­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on vor­an­ge­trie­ben wur­den. Den har­ten Kern der Moder­ni­sie­rung sah Ler­ner im Wirt­schafts­wachs­tum beglei­tet von demo­kra­ti­scher Par­ti­zi­pa­ti­on an der Poli­tik, der Ver­brei­tung säku­lar-ratio­na­ler Nor­men, einen Zuwachs an phy­si­scher und psy­chi­scher Mobi­li­tät der Men­schen und einen neu­en Per­sön­lich­keits­typ, der sich in frem­de Rol­len hin­ein­ver­set­zen kann.

Alex Inke­les unter­such­te den Ein­fluss des Moder­ni­sie­rungs­pro­zes­ses auf die Per­sön­lich­keit und befrag­te dazu 6000 Pro­ban­den in sechs Ent­wick­lungs­län­dern. Er stell­te fest, dass eine Rei­he von Per­sön­lich­keits­zü­gen, die mit der Moder­ni­sie­rung in Ver­bin­dung gebracht wer­den – Offen­heit gegen­über sozia­lem Wan­del, Tole­ranz, Ver­trau­en in Wis­sen­schaft und tech­ni­sche Metho­den – sich in sechs ver­schie­de­nen Gesell­schaf­ten par­al­lel ent­wi­ckelt haben. Und zwar spie­geln die Moder­ni­täts­in­di­ka­to­ren recht gut die Schul­aus­bil­dung und die Erfah­rung in der Fabrik­ar­beit.

Vie­le ande­re Auto­ren waren betei­ligt, und über man­che Details wur­de gestrit­ten. Aber es gab doch eine gro­ße Linie der Über­ein­stim­mung. Samu­el P. Hun­ting­ton hat sie 1971 in neun Punk­ten zusam­men­ge­fasst, die hier (gekürzt in gro­ber Über­set­zung = kur­siv) über­nom­men und fort­ge­schrie­ben wer­den.

(1) Moder­ni­sie­rung ist ein revo­lu­tio­nä­rer Pro­zess. Der Über­gang von der tra­di­tio­na­len zur moder­nen Gesell­schaft ver­än­dert alle Aspek­te des Lebens. Dem ist nichts hin­zu­zu­fü­gen.

(2) Moder­ni­sie­rung ist ein kom­ple­xer Pro­zess. Er lässt sich nicht auf eine ein­zi­ge Varia­ble oder Dimen­si­on redu­zie­ren. Auf jeden Fall gehö­ren Indus­tria­li­sie­rung, Urba­ni­sie­rung, sozia­le Mobi­li­sie­rung, Dif­fe­ren­zie­rung, Säku­la­ri­sie­rung, Expan­si­on der Medi­en, zuneh­men­de Alpha­be­ti­sie­rung, Aus­bil­dung und poli­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on dazu.

Die von Hun­ting­ton genann­ten Varia­blen haben sich zwar in ihrem jewei­li­gen Gewicht ver­scho­ben, sind aber nach wie vor aktu­ell.

Aller­hand Dis­kus­si­on gibt es über den Gesichts­punkt der poli­ti­schen Par­ti­zi­pa­ti­on. Das gilt beson­ders für die Fra­ge, ob Demo­kra­tie eine mehr oder weni­ger not­wen­di­ge Begleit­erschei­nung der Moder­ni­sie­rung sei. Hun­ting­ton selbst hat das ver­neint. Er mein­te, ent­schei­dend sei weni­ger die Regie­rungs­form als viel­mehr die Effek­ti­vi­tät der Regie­rung. Die USA, Groß­bri­tan­ni­en und die Sowjet­uni­on hät­ten ganz unter­schied­li­che Regie­rungs­for­men. Doch in allen drei Län­dern kön­ne die Regie­rung wirk­lich regie­ren. Alle drei Län­der hät­ten star­ke, anpas­sungs­fä­hi­ge und kohä­ren­te poli­ti­sche Insti­tu­tio­nen, eine effek­ti­ve Büro­kra­tie, gut orga­ni­sier­te poli­ti­sche Par­tei­en, ein hohes Aus­maß an poli­ti­scher Par­ti­zi­pa­ti­on in öffent­li­chen Ange­le­gen­hei­ten, wirk­sa­me Sys­te­me der zivi­len Kon­trol­le über das Mili­tär, beträcht­li­che wirt­schaft­li­che Akti­vi­tä­ten der Regie­rung und eini­ger­ma­ßen funk­tio­nie­ren­de Ver­fah­ren für die Regie­rungs­nach­fol­ge und zur Kon­trol­le poli­ti­scher Kon­flik­te.[8] Ange­sichts schla­gen­der Bei­spie­le auto­ri­tär gelenk­ter Moder­ni­sie­rung muss man Hun­ting­ton wohl bei­pflich­ten. Alles ande­re wäre Wunsch­den­ken. Einen klei­nen Trost hält die Lip­set-The­se bereit, nach der wach­sen­der Wohl­stand demo­kra­ti­sche Ver­hält­nis­se för­dert.[9] Sie scheint empi­risch durch­aus trif­tig zu sein.[10] Sie legt eine Fort­schrei­bung der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie nahe, deren Rich­tung David E. Apter[11] vor­ge­ge­ben hat. Nur Demo­kra­tie kann dau­er­haft den »posi­ti­ven Plu­ra­lis­mus« gewähr­leis­ten, von dem die lau­fen­de Selbst­er­neue­rung der Moder­ne abhängt.

Es fällt auf, dass hier und auch sonst in Hun­ting­tons Auf­zäh­lung das uni­ver­sa­lis­ti­sche Rechts­sys­tem und sei­ne Kon­kre­ti­sie­rung als Rechts­staat nicht genannt wer­den. Das ist viel­leicht ein ers­ter Hin­weis auf die Fra­ge nach der Rol­le des Rechts im Pro­zess der nach­ho­len­den Moder­ni­sie­rung. Beson­ders kon­tro­vers ist die Säku­la­ri­sie­rungs­the­se. Sie erhält des­halb unter VI. 8) einen beson­de­ren Abschnitt.

(3) Moder­ni­sie­rung ist ein sys­te­mi­scher Pro­zess. Moder­ni­siert sich ein gesell­schaft­li­cher Bereich, so sind auch ande­re davon betrof­fen.

Das ist das so genann­te Inter­de­pen­denz­theo­rem, das besagt, dass alle Teil­sys­te­me der Gesell­schaft von der Moder­ni­sie­rung ergrif­fen wer­den und dass sie sich par­al­lel ent­wi­ckeln müs­sen, damit die Gesell­schaft ins­ge­samt den Zustand der Moder­ni­tät errei­chen kann. Die­se Annah­me ist nicht unpro­ble­ma­tisch.[12] Sie hängt ins­be­son­de­re davon ab, wie man den Zustand der Moder­ni­tät defi­niert. Es ist wohl rich­tig, wenn der von Hun­ting­ton zitier­te Dani­el Ler­ner schreibt, die ver­schie­de­nen Ele­men­te der Moder­ni­sie­rung wür­den als zusam­men­ge­hö­rig emp­fun­den, weil sie in gewis­sem Sin­ne his­to­risch zusam­men­ge­hör­ten.«[13] Und tat­säch­lich wer­den alle Teil­sys­te­me der Gesell­schaft mehr oder weni­ger von der Moder­ni­sie­rung affi­ziert. Die Poli­tik wird zum Dienst­leis­ter für die Bür­ger und muss sich auf Trans­pa­renz und Mit­be­stim­mung ein­las­sen. Das Rechts­sys­tem muss die Idee der Gleich­heit ver­ar­bei­ten, sich als Infra­struk­tur für die Wirt­schaft und als Steue­rungs­in­stru­ment für Regie­rung und Ver­wal­tung bereit­hal­ten. Die Moder­ni­sie­rung ver­än­dert Erzie­hung und Bil­dung, die nun­mehr jeder­mann ein­schlie­ßen. Sport und Kunst fol­gen mit eini­gem Abstand nach. Die Medi­en ent­wi­ckeln sich zu einem Sys­tem der Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on. Die Reli­gi­on leis­tet noch am ehes­ten Wider­stand. Im Vor­der­grund aller Moder­ni­sie­rungs­ana­ly­sen steht jedoch die Wirt­schaft. Die Wirt­schaft ist der Antrieb der Moder­ne, indem sie sich selbst auf Wachs­tum pro­gram­miert. Für alle Teil­sys­te­me gilt, dass sie durch Moder­ni­sie­rung irgend­wie leis­tungs­fä­hi­ger wer­den mit der Kon­se­quenz, dass die­se Leis­tung an Hand von Indi­ka­to­ren gemes­sen und ver­gli­chen wer­den kann.

Inter­de­pen­denz bedeu­tet nicht Gleich­zei­tig­keit. Die Moder­ni­sie­rung des Gesund­heits­sys­tems ist seit dem Ende des 2. Welt­kriegs in den Ent­wick­lungs­län­dern schnel­ler vor­an­ge­schrit­ten als Wirt­schaft, Bil­dung und Säku­la­ri­sie­rung. Daher ist der in den durch­mo­der­ni­sier­ten Gesell­schaf­ten beob­ach­te­te Gebur­ten­rück­gang bis­her aus­ge­blie­ben. Die Fol­ge ist ein Bevöl­ke­rungs­wachs­tum mit der Fol­ge eines youth bul­ge[14], einer außer­or­dent­lich gro­ßen Anzahl jun­ger Men­schen – die UNO spricht von 1,8 Mil­li­ar­den –, für die es kei­ne ange­mes­se­ne Beschäf­ti­gung gibt.

(4) Moder­ni­sie­rung ist ein glo­ba­ler Pro­zess. … Das ist in ers­ter Linie die Fol­ge einer Dif­fu­si­on moder­ner Ide­en und Tech­ni­ken von Mit­tel­eu­ro­pa aus, beruht aber zum Teil auch auf endo­ge­nen Ent­wick­lun­gen nicht-west­li­cher Gesell­schaf­ten. Alle Gesell­schaf­ten sind irgend­wann ein­mal tra­di­tio­nal gewe­sen. Heu­te sind alle Gesell­schaf­ten ent­we­der modern oder auf dem Weg in die Moder­ne.

Die Glo­ba­li­tät des Moder­ni­sie­rungs­pro­zes­ses lässt sich nicht mehr in Abre­de stel­len. Offen bleibt, ob die Glo­ba­li­sie­rung eine Kon­se­quenz der Moder­ne bil­det – so etwa Antho­ny Gid­dens, The Con­se­quen­ces of Moder­ni­ty, 1990 – oder ob umge­kehrt die Glo­ba­li­sie­rung selbst als Antrieb fort­schrei­ten­der Moder­ni­sie­rung wirkt – in die­sem Sin­ne etwa Niklas Luh­mann und John Mey­er. Alle Gesell­schaf­ten, die dort noch nicht ange­kom­men sind, befin­den sich auf dem Weg in die Moder­ne. Die Glo­ba­li­sie­rung macht regio­na­le und vor allem natio­na­le Unter­schie­de des Ent­wick­lungs­stan­des mani­fest und damit die nach­ho­len­de Moder­ni­sie­rung zur Auf­ga­be. Zwar lie­fert die Glo­ba­li­sie­rung selbst auch Instru­men­te zu ihrer Unter­wan­de­rung, indem sie das glo­ba­le Kon­zept der Men­schen­rech­te zur Absi­che­rung regio­na­ler Beson­der­hei­ten anbie­tet. Aber die Men­schen­rech­te ent­hal­ten zual­ler­erst das Ver­spre­chen, dass sich jeder aus sei­nen tra­di­tio­nel­len Bin­dun­gen befrei­en darf.

(5) Moder­ni­sie­rung ist ein lang­wie­ri­ger Pro­zess. Wäh­rend die Moder­ni­sie­rung, was Art und Umfang der gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen betrifft, revo­lu­tio­nä­res Aus­maß hat, ist die Moder­ni­sie­rung in ihrem zeit­li­chen Ver­lauf ein evo­lu­tio­nä­rer Pro­zess. Die west­li­chen Gesell­schaf­ten brauch­ten Jahr­hun­der­te um sich zu moder­ni­sie­ren. Heu­te geht es schnel­ler. Aber die Zeit für den Wan­del von der tra­di­tio­nel­len zur moder­nen Gesell­schaft wird immer noch in Gene­ra­tio­nen gemes­sen.

Moder­ni­sie­rung ver­langt einen Per­sön­lich­keits­wan­del, der allen­falls im Gene­ra­tio­nen­rhyth­mus erreich­bar ist. Moder­ni­sie­rung wird aber auch dadurch zum Dau­er­pro­zess, dass unge­wünsch­te Neben­fol­gen auf­tre­ten, die repa­riert wer­den müs­sen. Die drei wich­tigs­ten sind der Ver­lust der sozia­len Siche­rung durch die Fami­lie, der durch ein öffent­li­ches Sozi­al­sys­tem aus­ge­gli­chen wer­den muss, die Ent­ste­hung neu­er Ungleich­hei­ten und die Umwelt­zer­stö­rung. Die Lösung ist bekannt­lich nicht die Rück­kehr in ein ein­fa­ches Leben, son­dern raf­fi­nier­te­re Tech­nik, Zunah­me der büro­kra­ti­schen Regu­lie­rung und wei­te­res Wirt­schafts­wachs­tum.

(6) Moder­ni­sie­rung voll­zieht sich in Pha­sen. Alle Gesell­schaf­ten durch­lau­fen auf dem Weg zur Moder­ne unter­scheid­ba­re Sta­di­en. … Das hat zur Fol­ge, dass sich Gesell­schaf­ten danach ver­glei­chen las­sen, wie weit sie auf dem Wege der Moder­ni­sie­rung gekom­men sind.

Die Iden­ti­fi­zie­rung von Pha­sen[15] ist heu­te nicht mehr wich­tig, weil für das glo­ba­le Moni­to­ring Indi­ka­to­ren ent­wi­ckelt wor­den sind, die eine glei­ten­de ver­glei­chen­de Mes­sung des Moder­ni­sie­rungs­gra­des gestat­ten. Wich­tig bleibt aber, dass sich nach der klas­si­schen Moder­ni­sie­rungs­theo­rie kei­ne Gesell­schaft den Moder­ni­sie­rungs­pro­zess ent­zie­hen kann. Aller­dings müs­sen die Nach­züg­ler nicht alle Pha­sen der Moder­ni­sie­rung aus­führ­lich durch­lau­fen. In der Start­pha­se wer­den For­schung und Ent­wick­lung durch Nach­ah­mung ersetzt. Tech­ni­sche Ent­wick­lun­gen wie Flug­zeug, Mobil­te­le­fon und Satel­li­ten­kom­mu­ni­ka­ti­on erspa­ren zum Teil den lang­wie­ri­gen Auf­bau einer Infra­struk­tur. So haben die Tiger­staa­ten die Ent­wick­lung von der Export­ori­en­tie­rung zum Mas­sen­kon­sum im Eil­tem­po durch­lau­fen, und ande­re wie Viet­nam, Malay­sia und Indo­ne­si­en machen es ihnen nach.

Von den Pha­sen der Moder­ni­sie­rung, die eine bestimm­te Gesell­schaft durch­läuft, sind die Pha­sen des Moder­ni­sie­rungs­pro­zes­ses als Gan­zem zu unter­schei­den. Vol­ker H. Schmidt hat drei sol­cher Pha­sen aus­ge­macht. In der ers­ten lag der Schwer­punkt der Moder­ni­sie­rung in Euro­pa, und hier am Ende in Eng­land. In der zwei­ten Pha­se ver­la­ger­te er sich in die USA. Noch immer spre­chend Kri­ti­ker der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie von einem west­li­chen Modell. Sie haben – so Schmidt – noch nicht wahr­ge­nom­men, dass sich der Schwer­punkt der Ent­wick­lung nach Asi­en ver­la­gert hat.

(7) Moder­ni­sie­rung ist ein Kon­ver­genz­pro­zess. Die tra­di­tio­na­len Gesell­schaf­ten sind so ver­schie­den, dass man­che sagen, sie hät­ten nicht mehr gemein­sam als dass sie nicht modern sei­en. Moder­ne Gesell­schaf­ten dage­gen sind sich in vie­ler­lei Hin­sicht ähn­lich. Moder­ni­sie­rung führt ten­den­zi­ell zu Kon­ver­genz.

Die Kon­ver­genz­the­se stütz­te sich zunächst auf einen öko­no­mi­schen Deter­mi­nis­mus. Sie ging von der Annah­me aus, dass Gesell­schaf­ten mit dem Über­gang von der agra­ri­schen zur indus­tri­el­len Pro­duk­ti­ons­wei­se zuneh­mend kom­ple­xer wer­den, ver­gleich­ba­ren Pro­ble­men gegen­über­ste­hen und sich schließ­lich anglei­chen, indem sie für die auf­tau­chen­den Pro­ble­me ähn­li­che Lösun­gen wäh­len. Die Kon­ver­genz­the­se ist das Kern­stück der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie, und sie ist beson­ders kon­tro­vers. Des­halb wird ihr anschlie­ßend ein beson­de­rer Abschnitt gewid­met.

(8) Moder­ni­sie­rung ist ein unum­kehr­ba­rer Pro­zess. Es mag vor­über­ge­hend Unter­bre­chun­gen und gele­gent­lich par­ti­el­le Rück­fäl­le geben. Aber als säku­la­rer Trend ist die Moder­ni­sie­rung nicht auf­zu­hal­ten. … Das Tem­po der Moder­ni­sie­rung ist von Gesell­schaft zu Gesell­schaft unter­schied­lich. Aber die Rich­tung des Wan­dels ändert sich grund­sätz­lich nicht.

Als Rück­schrit­te auf dem Wege der Moder­ni­sie­rung gel­ten etwa das Pol Pot-Regime in Kam­bo­dscha oder Kho­mei­nis Revo­lu­ti­on im Iran. Die Nazi­dik­ta­tur war sicher eine schlim­me Rück­ent­wick­lung des poli­ti­schen Sys­tems, aber nach den Hun­ting­ton-Kri­te­ri­en war das Sys­tem immer noch »modern«. Die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie kommt mit dem heim­li­chen Ver­spre­chen, dass sol­che »Rück­fäl­le« nur tem­po­rär sei­en.

(9) Moder­ni­sie­rung ist Fort­schritt. … Auf lan­ge Sicht ist Moder­ni­sie­rung nicht nur unver­meid­lich, son­dern auch wün­schens­wert. Kos­ten und Lei­den, beson­ders in der Anfangs­pha­se, sind hoch. Aber ihre sozia­len, poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Errun­gen­schaf­ten sind es wert. Auf län­ge­re Sicht för­dert die Moder­ni­sie­rung die Wohl­fahrt kul­tu­rell wie mate­ri­ell.

Die Fort­schritts­the­se, die eine Leis­tungs­stei­ge­rung aller Sys­te­me pos­tu­liert, an der prin­zi­pi­ell alle teil­ha­ben sol­len, wird ent­ge­gen­ge­hal­ten, sie blen­de die enor­men Lei­den und Kos­ten der Moder­ni­sie­rung eben­so aus wie den Umstand, dass der Fort­schritt nicht alle erreicht. Im Zusam­men­hang des Kon­ver­genz­the­mas ist jedoch eine ande­re Kri­tik wich­ti­ger, die Kri­tik näm­lich, hin­ter der Fort­schritts­an­nah­me ste­cke ein mis­sio­na­ri­scher Uni­ver­sa­lis­mus des Wes­tens. Fried­rich Ten­bruck spricht von der Visi­on der »säku­la­ren Öku­me­ne«. Das Kon­zept der Ent­wick­lungs­hil­fe habe daher, wie alle Fort­schritts­kon­zep­te, ein inner­welt­li­ches Ziel der Geschich­te vor Augen, und mün­de damit in die Visi­on einer geschichts­lo­sen Zukunft ein.[16] Tat­säch­lich woll­te Fran­cis Fuku­y­a­ma 1989 das Ende der Geschich­te vor­her­sa­gen, denn die Evo­lu­ti­on der poli­ti­schen Ideo­lo­gi­en habe mit der welt­wei­ten Aus­brei­tung der libe­ra­len Demo­kra­tie west­li­chen Mus­ters ihr End­sta­di­um erreicht.[17] Kon­ver­genz bedeu­tet aber nicht das Ver­schwin­den von Kon­flik­ten und damit das Ende der Geschich­te, denn Moder­ni­sie­rung ist ein Pro­zess, der viel­leicht alte Pro­ble­me über­win­det, aber dafür neue auf­wirft und damit auch neue Kon­flikt­fron­ten auf­reißt. Anhän­ger der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie füh­ren die Kon­flikt­haf­tig­keit des Pro­zes­ses nicht in ers­ter Linie auf reli­giö­se und kul­tu­rel­le Dif­fe­ren­zen zurück, son­dern auf die Ungleich­hei­ten, die die Moder­ni­sie­rung durch das unter­schied­li­che Tem­po in den ver­schie­de­nen Län­dern hat auf­bre­chen las­sen.[18]

Ein Grund­pro­blem der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie bleibt ihre rela­ti­ve All­ge­mein­heit. Wenn immer die Tat­sa­chen nicht recht mit der Theo­rie über­ein­stim­men wol­len, lässt sich die Theo­rie leicht ver­än­dern, so dass sie schwer­lich wider­leg­bar ist. Das ist ein Pro­blem vie­ler Theo­ri­en, dem der ein­zel­ne Anwen­der nur durch den Ver­such der Auf­rich­tig­keit und Kon­se­quenz begeg­nen kann.

IV.  Die klassische Konvergenzthese

1.      »Industrialism and Industrial Man«

Lite­ra­tur: Clark Kerr u. a., Indus­tria­lism and Indus­tri­al Man [1960], 2. Aufl. 1973; ders., The Future of Indus­tri­al Socie­ties. Con­ver­gence or Con­ti­nuing Diver­si­ty?, 1983.

Als das Schlüs­sel­werk der Kon­ver­genz­theo­rie galt lan­ge »Indus­tria­lism and Indus­tri­al Man« von Kerr u. a. (1962). Die Kern­the­se des Buches lau­te­te, dass eine den Indus­tria­li­sie­rungs­pro­zes­sen inne­woh­nen­de Logik als Antriebs­kraft einer welt­wei­ten Kon­ver­genz wirkt, die im Ergeb­nis zu einer ein­zi­gen moder­nen Gesell­schaft führt. Die Indus­tria­li­sie­rung wur­de als gro­ßer Motor ver­stan­den, der die Welt in Rich­tung auf Urba­ni­sie­rung und Büro­kra­ti­sie­rung, zur Kern­fa­mi­lie und, auf kul­tu­rel­ler Ebe­ne, in Rich­tung auf Säku­la­ri­sie­rung, Plu­ra­lis­mus und Ratio­na­li­sie­rung bewegt. Als End­pro­dukt erwar­te­te Kerr den indus­tri­al man, von dem er sag­te, er sei »sel­dom faced with real, ideo­lo­gi­cal alter­na­ti­ves wit­hin his socie­ty« (S. 283).

Heu­te wür­de Kerr viel­leicht eine Fort­set­zung schrei­ben mit dem Titel »Digi­ta­li­za­ti­on and Com­mu­ni­ca­ti­on Man«. Die »alte« Kon­ver­genz­theo­rie sah in der Indus­tria­li­sie­rung die trei­ben­de Kraft hin­ter der Anglei­chung unter­schied­li­cher sozia­ler Sys­te­me. Sie hat­te die drit­te indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on durch den Ein­zug der elek­tro­ni­schen Daten­ver­ar­bei­tung noch gar nicht im Blick. Die Daten­ver­ar­bei­tung hat zunächst die indus­tri­el­le Pro­duk­ti­on selbst noch ein­mal grund­le­gend ver­än­dert. Welt­weit sind qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­ze und -diens­te ent­stan­den (Tele­fon, Telex, Tele­fax, E-Mail, Video­kon­fe­ren­zen, Daten­ban­ken, Elec­tro­nic Ban­king, Inter­net mit dem World Wide Web). Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie ist genu­in glo­bal, weil sie die Mög­lich­keit bie­tet, Infor­ma­tio­nen kos­ten­güns­tig und ver­lust­frei um die Welt zu trans­por­tie­ren.

Die neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­ni­ken haben die Inter­na­tio­na­li­sie­rung der Pro­duk­ti­on und die glo­ba­le Ver­tei­lung von Gütern erleich­tert. Infor­ma­tio­nen sind selbst zum über­ra­gend wich­ti­gen Wirt­schafts­gut gewor­den. 1962 beschrieb der Öko­nom Fritz Mach­lup den Wan­del zur Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft, in der schon damals 30 % aller Wirt­schafts­tä­tig­kei­ten Infor­ma­tio­nen zum Gegen­stand hat­ten. Heu­te dürf­ten es weit mehr als 50 % sein. Die Infor­ma­ti­ons­tech­nik hat auch Wirt­schafts- und Staats­bü­ro­kra­tie grund­le­gend ver­än­dert. Und schließ­lich hat sie der Welt­ge­sell­schaft mit dem World Wide Web eine gemein­sa­me Wis­sens­ba­sis gelie­fert. Durch den Wan­del zur Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft hat die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie und mit ihr die Kon­ver­genz­the­se einen neu­en Schub bekom­men.

Der damit ver­bun­de­ne Kon­ver­genz­pro­zess sei durch eine inzwi­schen his­to­ri­sche Erin­ne­rung ange­deu­tet. Die Ent­wick­lung im Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­sek­tor führ­te zunächst über inter­na­tio­na­le tech­ni­sche Nor­men und Stan­dards zu einer Anglei­chung oder Ver­ein­heit­li­chung natio­na­ler kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­scher Kapa­zi­tä­ten. Ohne die­se Stan­dar­di­sie­rungs­pro­zes­se wären die Ein­rich­tung welt­wei­ter Net­ze und der welt­wei­te Gebrauch vie­ler tech­ni­scher Pro­duk­te kaum mög­lich gewe­sen. Dies hat zu einer Insti­tu­tio­na­li­sie­rung inter­na­tio­na­ler Nor­mungs­ak­ti­vi­tä­ten unter Feder­füh­rung der wich­tigs­ten Indus­trie­staa­ten geführt. Par­al­lel zur Schaf­fung und Aus­wei­tung inter­na­tio­na­ler Orga­ni­sa­tio­nen mit unmit­tel­bar rechts­po­li­tisch und recht­lich rele­van­ten Hand­lungs­op­tio­nen (EU, UNO) haben sich – teils inner­halb, teils außer­halb sol­cher Orga­ni­sa­tio­nen – inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen für tech­ni­sche Stan­dar­di­sie­rungs­pro­zes­se eta­bliert (z.B. CCITT, CEPT, ISO, EC2) , deren Ziel die Aus­ar­bei­tung tech­ni­scher Nor­men bil­det. Die Nor­mie­rung spielt sich kei­nes­wegs immer fried­lich ab, son­dern nicht sel­ten als Macht­kampf der Glo­bal Play­er, die jeweils ihren eige­nen Stan­dard durch­set­zen wol­len, um dann die Kon­kur­renz aus dem Fel­de zu schla­gen.

Stan­dards oder Nor­men, wenn sie sich nicht als sog. Indus­trie­stan­dards durch­set­zen wie der IBM kom­pa­ti­ble PC und das zuge­hö­ri­ge Betriebs­sys­tem MS DOS und spä­ter Win­dows, haben die Form von Emp­feh­lun­gen oder ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen den betei­lig­ten Part­nern. Wer­den sol­che Stan­dards welt­weit akzep­tiert, so erge­ben sich dar­aus inter­na­tio­nal ein­heit­li­che Ver­hal­tens­mus­ter, die vom wis­sen­schaft­lich-ratio­na­len tech­ni­schen Hand­lungs­kal­kül des west­li­chen Indus­trie­sys­tems geprägt sind. Der Umgang mit sol­chen Tech­no­lo­gi­en setzt ein bestimm­tes Aus­bil­dungs- und Qua­li­fi­ka­ti­ons­ni­veau vor­aus, das bei sei­ner Aneig­nung wie­der­um eine Annä­he­rung an west­li­che Ver­hal­tens­mus­ter för­dert. Die dadurch ermög­lich­te welt­wei­te Ver­füg­bar­keit und der Aus­tausch von Infor­ma­tio­nen im Rah­men inter­ak­ti­ver Indi­vi­dual­kom­mu­ni­ka­ti­on bewir­ken eine trans­na­tio­na­le Dif­fu­si­on der Denk-, Bewer­tungs- und Ver­hal­tens­mus­ter west­li­cher Eli­ten und Pro­fes­sio­nals.

Die Expan­si­on der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie hat ihre Spu­ren im Recht der ent­wi­ckel­ten Län­der hin­ter­las­sen, und sie ent­fal­tet eine wach­sen­de Bedeu­tung auch für Leben und Arbeit in den weni­ger ent­wi­ckel­ten Län­dern der Welt. Nir­gends ist die Mobil­kom­mu­ni­ka­ti­on in den letz­ten Jah­ren so rasant gewach­sen wie in Afri­ka. Neue For­men der Pro­duk­ti­on, der Arbeit und der Ver­tei­lung erzeu­gen neue Kon­zep­te im Arbeits­recht, für Daten­schutz und Ver­brau­cher­recht. Mit der Arbeit ändern sich Kran­ken­ver­si­che­rung, Arbeits­un­fä­hig­keits- und Alters­si­che­run­gen, und mit ihnen das zuge­hö­ri­ge Recht. Loka­le und natio­na­le Regu­lie­run­gen pri­va­ter Trans­ak­tio­nen müs­sen der neu­en Welt inter­na­tio­na­ler Trans­ak­tio­nen ange­passt wer­den.

Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie macht es unmög­lich, die Märk­te für geis­ti­ges Eigen­tum inner­halb natio­na­ler Gren­zen abzu­schot­ten. Urhe­ber­recht­lich geschütz­te Wer­ke wie Com­pu­ter­pro­gram­me, Musik und Lite­ra­tur oder Geschäfts­ge­heim­nis­se kön­nen legal oder ille­gal mit der glei­chen Leich­tig­keit über natio­na­le Gren­zen hin­weg über­tra­gen wer­den. Bis­lang wies die Behand­lung geis­ti­gen Eigen­tums dra­ma­ti­sche Dif­fe­ren­zen zwi­schen den Län­dern auf. Das scheint sich unter dem Ein­fluss der Glo­ba­li­sie­rung zu ändern.

2.      Konvergenz von sozialistischen und kapitalistischen Systemen

Lite­ra­tur: Chris­ti­an Bou­lan­ger (Hg.), Recht in der Trans­for­ma­ti­on. Rechts- und Ver­fas­sungs­wan­del in Mit­tel- und Ost­eu­ro­pa 2002; Raj Koll­mor­gen u. a. (Hg.), Hand­buch Trans­for­ma­ti­ons­for­schung, 2015; Mari­na Kurk­chiyan, The Impact of the Tran­si­ti­on on the Role of Law in Rus­sia. in: Fred Bruinsma/David Nel­ken (Hg.), Explo­ra­ti­ons in Legal Cul­tures (The­men­band der Zeit­schrift Recht der Wer­ke­li­jk­heid), 2007, 75–93; dies., The Ille­gi­ti­ma­cy of Law in Post-Soviet Socie­ties, in: Galligan/Kurkchiyan (Hg.), Law and Infor­mal Prac­tices, 2003, 25–46; Wolf­gang Mer­kel, Sys­tem­trans­for­ma­ti­on, 2. Aufl. 2010.

Die Kon­ver­genz­theo­rie erhielt in den 1960er und frü­hen 1970er Jah­ren Auf­trieb, als der Kal­te Krieg sei­nen Höhe­punkt erreich­te und ers­te Gedan­ken an eine Ent­span­nungs­po­li­tik auf­ka­men. Die Annä­he­rung der bei­den Groß­mäch­te wur­de als Fol­ge der Kon­ver­genz der sozia­lis­ti­schen und der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts- und Gesell­schafts­ord­nung gedeu­tet. In Rich­tung auf eine Kon­ver­genz, so wur­de argu­men­tiert, führ­ten in den kapi­ta­lis­ti­schen Sys­te­men deren sozi­al­po­li­ti­sches Enga­ge­ment mit der Fol­ge einer Ent­wick­lung zum Wohl­fahrts­staat, staat­li­che Wirt­schafts­för­de­rung und -pla­nung sowie eine fort­schrei­ten­de Tech­no­kra­ti­sie­rung der wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zes­se. Bei den sozia­lis­ti­schen Sys­te­men sah man Dezen­tra­li­sie­rungs­ten­den­zen, markt­wirt­schaft­li­che Expe­ri­men­te, die Über­nah­me west­li­cher Kon­sum­mus­ter, den Über­gang zu einem inten­si­ve­ren Wirt­schafts­wachs­tum, ein Mehr an plu­ra­lis­ti­scher Wil­lens­bil­dung und die Über­nah­me west­li­cher Pla­nungs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­tho­den für die Wirt­schaft. Man nahm fer­ner an, dass die Gefähr­dung der Zivi­li­sa­ti­on durch Atom­waf­fen, Umwelt­be­las­tung, Bevöl­ke­rungs­druck und mate­ri­el­le Unter­ver­sor­gung in die glei­che Rich­tung wirk­ten. So stell­te man sich vor, dass letzt­lich tech­no­lo­gisch-orga­ni­sa­to­ri­sche Abläu­fe und sozi­al­öko­no­mi­scher Moder­ni­sie­rungs­druck zu einer Anglei­chung der Funk­tio­nen und Zie­le in den welt­an­schau­lich unter­schied­lich fun­dier­ten Indus­trie­ge­sell­schaf­ten führ­ten. Gegen die­se Sicht­wei­se wur­de gel­tend gemacht, sie über­zeich­ne die Struk­tur­ver­än­de­run­gen und unter­schät­ze die poli­ti­schen Fak­to­ren im Ost-West-Ver­hält­nis. Von mar­xis­ti­scher Sei­te hielt man dage­gen, die funk­tio­na­lis­ti­sche Sicht­wei­se leug­ne den Klas­sen­cha­rak­ter bei­der Sys­te­me und damit die Gesetz­mä­ßig­keit des Über­gangs vom Kapi­ta­lis­mus zum Sozia­lis­mus.[19] Aber die­se Kri­tik ersetz­te doch nur eine Kon­ver­genz­hy­po­the­se durch eine ande­re.

Im Ein­zel­nen dif­fe­rier­ten die ver­schie­de­nen Auto­ren in ihrer Ein­schät­zung von Aus­maß, Rich­tung und pri­mä­rer Ursa­che von Kon­ver­genz erheb­lich. Vier Spiel­ar­ten las­sen sich unter­schei­den: Am wei­tes­ten gin­gen die­je­ni­gen, die für alle Berei­che der Gesell­schaft eine Ten­denz zur Kon­ver­genz annah­men.[20] Ande­re mein­ten, dass Sozia­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus als Spiel­ar­ten der Indus­trie­ge­sell­schaft mit­ein­an­der ver­schmel­zen wür­den.[21] Wind­hoff sah die Kon­ver­genz auf den wirt­schaft­li­chen Sek­tor beschränkt.[22] Last not least wur­de aber auch die Annah­me ver­tre­ten, dass eine ein­sei­ti­ge Anpas­sung an die sozia­le Markt­wirt­schaft zu erwar­ten sei.[23]

Die­se Dis­kus­si­on wur­de durch Glas­nost und Pere­stroi­ka und die anschlie­ßen­de Ent­wick­lung in den Län­dern Ost­eu­ro­pas auf dra­ma­ti­sche Wei­se über­holt. Dadurch hat sich die Rich­tung der Fra­gen geän­dert. Das Pro­blem ist nicht län­ger die Suche nach einer Kon­ver­genz der sozia­len Sys­te­me, son­dern umge­kehrt die Fra­ge, wie viel Plu­ra­lis­mus in Kul­tur und Recht am Ende bestehen blei­ben kön­nen.

3.      Konvergenz als »Ende der Geschichte«

Den wacke­li­gen Gip­fel der Kon­ver­genz­theo­rie bil­det die The­se vom Ende der Geschich­te.

Schon 1974 hat­te Arnold Geh­len in einem Auf­satz über das »Ende der Geschich­te« geschrie­ben: »Der alte, über­spann­te, groß­her­zi­ge Uto­pis­mus mit sei­ner Opfer­be­reit­schaft für nicht­pro­fi­ta­ble Zwe­cke ver­schwin­det«. Damit schi­cke sich die Groß­ge­schich­te an abzu­zie­hen. Der Mensch wer­de sich damit abfin­den, dass er sei­ne Grund­si­tua­ti­on fest­ge­legt vor­fin­de. Die­se Beschrän­kung wer­de ihm durch die »Gra­ti­fi­ka­ti­on des Dog­ma­tis­mus« ent­gol­ten, die er genie­ßen kön­ne, wenn die meis­ten Pro­ble­me vor­ent­schie­den und die Hand­lungs­zie­le defi­niert sei­en. Doch nach dem Ende der Geschich­te und des Fort­schritts gel­te es, »die Wirk­lich­keit der offen­sicht­lich empö­ren­den Not anzu­grei­fen – das wäre Fort­schritt«.

1989 erreg­te Fran­cis Fuku­y­a­ma, ein Beam­ter im ame­ri­ka­ni­schen Außen­mi­nis­te­ri­um, gro­ßes Auf­se­hen mit der The­se, die Geschich­te nähe­re sich ihrem Ende, wir sei­en Zeu­gen nicht bloß der Reform­po­li­tik eines Michail Gor­bat­schow, des Endes des Kal­ten Krie­ges oder einer beson­de­ren Epo­che der Nach­kriegs­ge­schich­te, wir erleb­ten viel­mehr das Ende der Geschich­te schlecht­hin, denn die Evo­lu­ti­on der poli­ti­schen Ideo­lo­gi­en habe mit welt­wei­ter Aus­brei­tung der libe­ra­len Demo­kra­tie west­li­chen Mus­ters ihr End­sta­di­um erreicht. Dage­gen stand und steht die Auf­fas­sung, dass sich ins­be­son­de­re die Staa­ten Ost­asi­ens auf­grund ihrer ein­zig­ar­ti­gen kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen für eine Demo­kra­tie west­li­chen Mus­ters auf Dau­er als unzu­gäng­lich erwei­sen wür­den. Auch wenn die­se Staa­ten sich die tech­ni­schen und wirt­schaft­li­chen Errun­gen­schaf­ten des Wes­tens zum Vor­bild genom­men und zu ihrer Durch­set­zung vie­le der insti­tu­tio­nel­len Arran­ge­ments kopiert hät­ten, so füll­ten sie die­se Insti­tu­tio­nen doch mit ande­rem Inhalt. An die Stel­le der libe­ra­len Demo­kra­tie des Wes­tens tre­te eine »asia­ti­sche Demo­kra­tie«, als deren Kenn­zei­chen der Vor­rang per­so­nen­be­zo­ge­ner Loya­li­tä­ten vor Insti­tu­tio­nen und Geset­zen, der Respekt vor Auto­ri­tät und Hier­ar­chi­en, von einer über­mäch­ti­gen, kon­ser­va­ti­ven Par­tei domi­nier­te Par­tei­en­sys­te­me und ein star­ker, in wirt­schaft­li­che und gesell­schaft­li­che Abläu­fe inter­ve­nie­ren­de Staat genannt wer­den.[24] Ande­re hal­ten jedoch die Beru­fung auf »asia­ti­sche Wer­te« für einen »Ver­such des kon­ser­va­ti­ven und auto­ri­tä­ren poli­ti­schen Esta­blish­ments …, durch einen kon­ser­va­ti­ven Wer­te­dis­kurs die Kon­trol­le über Gesell­schaft und Poli­tik zurück zu gewin­nen«[25]. Ähn­li­che Argu­men­te lie­gen für die Aus­brei­tung der Demo­kra­tie in der Isla­mi­schen Welt nahe. Über 20 Jah­re nach dem Zusam­men­bruch des sozia­lis­ti­schen Ost­blocks, nach dem isla­mi­schen Auf­bruch und Ara­bel­li­on ergibt sich immer noch kein ein­heit­li­ches Bild. Die Glo­ba­li­sie­rung der Demo­kra­tie bleibt ein gro­ßes The­ma, das beson­de­re Behand­lung ver­dient (u. § 100 I).

Aus der Sicht der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie bedeu­tet Kon­ver­genz nicht das Ver­schwin­den von Kon­flik­ten und damit das Ende der Geschich­te, denn Moder­ni­sie­rung ist ein Pro­zess, der viel­leicht alte Pro­ble­me über­win­det, aber dafür neue auf­wirft und damit auch neue Kon­flikt­fron­ten auf­reißt. Die Geschich­te ist noch immer für Über­ra­schun­gen gut. Wirt­schafts­kri­sen, Ter­ro­ris­mus und tech­ni­scher Wan­del, Kli­ma­ver­än­de­run­gen und Krie­ge brin­gen den geord­ne­ten Ver­lauf der Din­ge immer wie­der durch­ein­an­der.

Nichts­des­to­we­ni­ger ist die Geschich­te in einem ande­ren Sinn zu einem Ende gekom­men. Bis in das 20 Jahr­hun­dert konn­ten wir erwar­ten, tat­säch­lich noch etwas Neu­es zu ent­de­cken, eine neue Kul­tur, eine neue Gesell­schaft oder gar eine neue, bis­lang unbe­kann­te Rechts­kul­tur. Glo­ba­li­sie­rung heißt inso­fern, dass nichts mehr zu ent­de­cken bleibt. Auf der Kar­te der Gesell­schaf­ten fin­den sich kei­ne wei­ßen Fle­cken mehr. Der Glo­bus ist zur geschlos­se­nen Gesell­schaft gewor­den. Allen­falls könn­ten wir unse­re Phan­ta­sie anspan­nen, um uns außer­ir­di­sche Gesell­schaf­ten vor­zu­stel­len, aber nur in der Rol­le eines Film­pro­du­zen­ten oder -betrach­ters, nicht als Rechts­so­zio­lo­gen. Die Welt­ge­sell­schaft ist die ein­zi­ge Gesell­schaft ohne sozia­le Umwelt. Das hat Fol­gen, die auf den ers­ten Blick wider­sprüch­lich wir­ken. Auf der einen Sei­te begin­nen Kon­zep­te mit uni­ver­sel­lem Anspruch wie die Idee der rule of law oder der Men­schen­rech­te die glo­ba­le Gesell­schaft zu uni­for­mie­ren. Auf der ande­ren Sei­te pro­vo­ziert die Abwe­sen­heit einer äuße­ren Umwelt die Welt­ge­sell­schaft, durch Dif­fe­ren­zie­rung in neue Sub­sys­te­me ihre eige­ne, inne­re Umwelt her­vor­zu­brin­gen, als Ersatz oder neben der exis­tie­ren­den Sub­struk­tur aus Natio­nen.

V.   Erscheinungsformen der Konvergenz

1.      Konvergenz kultureller Einstellungen: Inglehart und der World Value Survey

Lite­ra­tur: Ronald Inglehart/Christian Wel­zel, Moder­ni­za­ti­on, Cul­tu­ral Chan­ge and Demo­cra­cy, New York: Cam­bridg Uni­ver­si­ty Press, 2005; dies., Chan­ging Mass Prio­ri­ties: The Link Bet­ween Moder­ni­za­ti­on and Demo­cra­cy, Per­spec­tives on Poli­tics 8, 2010, 554–567; Pip­pa Norris/Ronald Ing­le­hart, Cos­mo­po­li­tan Com­mu­ni­ca­ti­ons, Cul­tu­ral Diver­si­ty in a Glo­ba­li­zed World, Cam­bridge; Caro­li­ne Y. Robert­s­on/Cars­ten Win­ter (Hg.), Kul­tur­wan­del und Glo­ba­li­sie­rung, 2000; Bernd Wag­ner, Glo­ba­li­sie­rung und kul­tu­rel­le Dif­fe­renz, Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te 2002 Heft 12; UNESCO World Report, Inves­ting in Cul­tu­ral Diver­si­ty and Dia­lo­gue, 2009 [2000].

Ronald Ing­le­hart hat mit dem World Value Sur­vey ein Instru­ment zur glo­bal ver­glei­chen­den Mes­sung kul­tu­rel­ler Ein­stel­lun­gen ent­wi­ckelt, das davon aus­geht, dass der Pro­zess der sozia­len und öko­no­mi­schen Ent­wick­lung, die als Moder­ni­sie­rung geläu­fig ist, zu einer kul­tu­rel­len Kon­ver­genz führt. Dazu ord­net er alle Län­der in einer Vier­fel­der­ta­fel, die auf der Hoch­ach­se unten tra­di­tio­nel­le Wer­te und oben säku­lar-ratio­na­le Wer­te anzeigt, wäh­rend auf der hori­zon­ta­len Ach­se links Über­le­bens­wer­te (sur­vi­val values) und rechts Selbsten­fal­tungs­ungs­wer­te (self-expres­si­on-values) notiert wer­den. Die Hoch­ach­se mar­kiert den Über­gang von der tra­di­tio­nel­len zur moder­nen Gesell­schaft, die Längs­ach­se soll dem Über­gang von der Indus­trie­ge­sell­schaft zur post­mo­der­nen Gesell­schaft Rech­nung tra­gen, der durch die Ver­la­ge­rung des Wer­te­ho­ri­zonts von mate­ria­lis­ti­schen zu post­ma­te­ria­lis­ti­schen Wer­ten gekenn­zeich­net sei. Seit 1981 wur­den für den World Value Sur­vey bis­her fünf Befra­gungs­wel­len abge­schlos­sen.

Pip­pa Nor­ris und Ronald Ing­le­hart sind in ihrem Buch »Cos­mo­po­li­tan Com­mu­ni­ca­ti­ons. Cul­tu­ral Diver­si­ty in a Glo­ba­li­zed World« (das im Voll­text im Inter­net zur Ver­fü­gung steht), der The­se nach­ge­gan­gen, dass die Glo­ba­li­sie­rung der Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on letzt­lich zur kul­tu­rel­len Kon­ver­genz füh­ren wer­de. Sie kom­men zu dem Ergeb­nis, dass noch in vie­len Regio­nen Gesell­schaf­ten ver­blei­ben, die nicht über den vol­len Zugang zu den Medi­en ver­fü­gen, und dass es auch auf indi­vi­du­el­ler Ebe­ne Bar­rie­ren gibt, aus den Medi­en neue Wer­te und Ver­hal­tens­wei­sen zu ler­nen. Die Bedro­hung der kul­tu­rel­len Diver­si­tät durch die Mas­sen­me­di­en wer­de daher oft über­trie­ben. Aber das wür­de bedeu­ten, dass auf lan­ge Sicht eben doch eine wei­te­re Kon­ver­genz zu erwar­ten wäre.

Aus: Ronald Inglehart/Christian Wel­zel 2005:554: »Source: Data from World Values Sur­vey. The oval at the lower right shows the mean size of the stan­dard devia­ti­on on each of the two dimen­si­ons wit­hin the 53 socie­ties (the shape is oval becau­se the S.D. on the hori­zon­tal axis is lar­ger than on the ver­ti­cal axis).«

2.      Homogenisierung und Hybridisierung

Lite­ra­tur: Ben­ja­min Bar­ber, Jihad vs. McWorld. How Glo­ba­lism and Tri­ba­lism are Resha­ping The World, 1995; Peter Bur­ke, Cul­tu­ral Hybri­di­ty, 2009; Jan Neder­veen Pie­ter­se, Glo­ba­li­za­ti­on als Hybri­di­za­ti­on, in: Mike Fea­therstone u. a. (Hg.), Glo­bal Moder­nities, 1995, 45–68; ders., Der Melan­ge-Effekt. Glo­ba­li­sie­rung im Plu­ral, in: Ulrich Beck (Hg.), Per­spek­ti­ven der Welt­ge­sell­schaft, 1998, 87–124; ders., Glo­ba­li­za­ti­on and Cul­tu­re. Glo­bal Mélan­ge, 2. Aufl., 2009; Ulf Han­n­erz, The World in Creo­li­za­ti­on, Afri­ca 57, 1987, 546–559; ders., Trans­na­tio­nal Con­nec­tions: Cul­tu­re, Peop­le, Pla­ces, 1996; Zdrav­ko Mli­nar, Indi­vi­dua­ti­on and Glo­ba­li­za­ti­on: The Trans­for­ma­ti­on of Ter­ri­to­ri­al Soci­al Orga­ni­za­ti­on, in: ders. (Hg.), Glo­ba­li­za­ti­on and Ter­ri­to­ri­al Iden­ti­ties, 1992, 15–34Geor­ge Rit­zer, Die McDo­nal­di­sie­rung der Gesell­schaft, 1997 [The McDo­nal­di­za­ti­on of Socie­ty, 1993]; Tho­mas Schwinn, Kon­ver­genz, Diver­genz oder Hybri­di­sie­rung?, Köl­ner Zeit­schrift für Sozio­lo­gie und Sozi­al­psy­cho­lo­gie 58, 2006, 201–232; Pni­na Werbner/Tariq Modood, Deba­ting Cul­tu­ral Hybri­di­ty, 1997.

Die drit­te indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on hat nicht ledig­lich Pro­duk­ti­ons­me­tho­den und Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on noch ein­mal grund­le­gend ver­än­dert, son­dern vor allem das Zeit­al­ter der Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on ein­ge­lei­tet. Ver­bes­ser­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en näh­ren einen Pro­zess der kul­tu­rel­len Dif­fu­si­on und Syn­chro­ni­sa­ti­on. Die Unmen­ge der grenz­über­schrei­ten­den Kom­mu­ni­ka­tio­nen ver­än­dert die Wis­sens­be­stän­de und führt ver­mut­lich auch zu Ein­stel­lungs­än­de­run­gen, die wie­der­um Kon­se­quen­zen für das Ver­hal­ten nach sich zie­hen. Die Annah­me liegt nahe, dass die­se Ent­wick­lung letzt­end­lich zu einer ein­heit­li­chen Welt­kul­tur füh­ren wird, die nur noch durch regio­na­le Akzen­te dif­fe­ren­ziert ist und viel­leicht noch auf bei­den Ebe­nen eini­ge sek­ten­haf­te Grup­pie­run­gen dul­det. Die­se Annah­me fin­det einen Aus­druck in den viel zitier­ten Schlag­wor­ten »Cocaco­li­za­ti­on« (Mli­nar), »McDo­nal­di­sie­rung« (Rit­zer) oder »McWorld« (Bar­ber), die für sich genom­men dar­auf hin­deu­ten, die Viel­falt der Kul­tu­ren kön­ne zu einem gro­ßen Ein­heits­brei mit west­li­chem Aro­ma zusam­men­schmel­zen. In der Samm­lung fehlt eigent­lich nur noch »McLaw«. Aber das hat sicher auch schon jemand gesagt oder gedacht.

Geor­ge Rit­zer hat in sei­nem Best­sel­ler eine bestimm­te Form der Betriebs­or­ga­ni­sa­ti­on, wie sie bei­spiel­haft und erfolg­reich von McDo­nalds vor­ge­macht wur­de, zum Ratio­na­li­täts­mus­ter der Glo­ba­li­sie­rung ver­all­ge­mei­nert. Rit­zer ana­ly­siert die Kom­po­nen­ten die dazu­ge­hö­ri­ge Stra­te­gie als geprägt durch Effi­zi­enz, Bere­chen­bar­keit, Vor­her­sag­bar­keit und Kon­trol­le. Rit­zer geht es eigent­lich nur um die Aus­brei­tung der Manage­ment­me­tho­den, auf die der Erfolg der gro­ßen Fast­food-Ket­te zurück­ge­führt wird. Aber sein Buch­ti­tel ist zur Meta­pher für eine viel­fach beklag­te Homo­ge­ni­sie­rung der Welt­kul­tur gewor­den, wie sie kein Moder­ni­sie­rungs­theo­re­ti­ker pos­tu­liert.

Dif­fe­ren­zier­ter ist die von Pie­ter­se aus­ge­ar­bei­te­te Theo­rie der Glo­ba­li­sie­rung als eines Hybri­di­sie­rungs­pro­zes­ses, der schon im Alter­tum begon­nen hat und der nicht nur die Kul­tur erfasst, son­dern sich auf vie­len Ebe­nen ereig­net. Enger auf Spra­che und Kul­tur bezo­gen ist das Kon­zept der Kreo­li­sie­rung von Hann­erz. Man weist ger­ne dar­auf hin, wie die Wirt­schaft an der Ver­brau­cher­front nach dem Mot­to »think glo­bal­ly – act local­ly« han­delt. In die­sem Sin­ne gehört es zur glo­ba­len Stra­te­gie der gro­ßen Fast­food-Ket­ten, ihr Ange­bot und des­sen Deko­ra­ti­on an den orts­üb­li­chen Geschmack anzu­pas­sen, die damit kei­nes der Attri­bu­te der Moder­ni­tät ver­lie­ren (Schwinn S. 210ff). Aber Hybri­di­sie­rung beschränkt sich nicht dar­auf, der Moder­ne zu einem Lokal­ko­lo­rit zu ver­hel­fen. Ihr Ergeb­nis ist nicht blo­ße Homo­ge­ni­sie­rung, son­dern eine »Melan­ge« (Pie­ter­se), die von Ort zu Ort unter­schied­lich aus­fal­len und durch­aus Neu­ig­keits­wert haben kann. Wei­ter­ge­hend wür­de ich sagen, die Moder­ni­sie­rung pro­du­ziert neue Viel­falt. Aller­dings meint Pie­ter­se, dass man aus welt­ge­schicht­li­cher Per­spek­ti­ve doch »von einer sich durch­set­zen­den Ähn­lich­keit« spre­chen kön­ne: »Die Rück­sei­te der kul­tu­rel­len Hybrid­bil­dung ist die kul­tur­über­grei­fen­de Kon­ver­genz.« (Pie­ter­se 1998:113f.). Dass die gro­ßen Kul­tur­krei­se – und auch die klei­nen kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen – dem Moder­ni­sie­rungs­pro­zess jeweils eine beson­de­re Fär­bung ver­lei­hen, lässt sich zwang­los aus der Pfad­ab­hän­gig­keit erklä­ren und ändert am Ergeb­nis wenig. In die­sem Sin­ne tra­gen das moder­ne Rechts­sys­tem in Japan, das Com­mon Law und die in Euro­pa wach­sen­de neue Rechts­ord­nung ihren je eige­nen Cha­rak­ter.

Nicht alle Ele­men­te der Moder­ne sind glei­cher­ma­ßen varia­ti­ons­fä­hig. Die Wis­sen­schaft als Kern der Ratio­na­li­sie­rung ver­trägt nur ober­fläch­li­che Varia­tio­nen. Post­mo­der­ne Vari­an­ten, die glau­ben, den ratio­na­len Kern geknackt zu haben, sind damit aus der Wis­sen­schaft in das Feuil­le­ton abge­wan­dert. Der Sozio­lo­ge Tho­mas Schwinn meint, dass auch ethisch-nor­ma­ti­ve Wer­te nicht in glei­chem Maße hybri­di­sier­bar sei­en wie die all­tags­äs­the­ti­sche Ober­flä­chen­kul­tur. Auch wenn sie sich nicht ver­nunft­mä­ßig begrün­den lie­ßen, so sei die Ratio­na­li­sie­rungs­fä­hig­keit von Nor­men doch stär­ker als bei ästhe­ti­schen Urtei­len. »Das lässt sich able­sen an der inter­na­tio­na­len recht­li­chen Kodi­fi­zie­rung von Men­schen­rechts- und öko­lo­gi­schen Stan­dards, die sich je einer spe­zi­fi­schen Kreo­li­sie­rung ent­zie­hen.« (S. 221) Einem Juris­ten wür­de man das so schnell nicht abneh­men. Aber Schwinn kann doch dar­auf ver­wei­sen, dass die Men­schen­rech­te tat­säch­lich jeden­falls auf der Ebe­ne von Welt­ge­sell­schaft und Welt­kul­tur als uni­ver­sel­le insti­tu­tio­na­li­siert sind.

Die Moder­ni­sie­rung lässt reich­lich Raum für Viel­falt. Das bedeu­tet aber nicht, dass alle Viel­falt erhal­ten bleibt. Man darf sich die Hybri­di­sie­rung nicht kon­flikt­frei und vor allem nicht ver­lust­frei vor­stel­len (Ten­bruck). Es dro­hen auch Assi­mi­la­ti­on oder Unter­gang, etwa für wenig ver­brei­te­te Spra­chen (und sicher auch für tra­di­tio­nel­le Rech­te). Aber nur die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie mit ihrer Kon­ver­genz­the­se bie­tet einen brauch­ba­ren makro­so­zio­lo­gi­schen Rah­men für die zahl­lo­sen Assi­mi­lie­rungs-, Hybri­di­sie­rungs- und Dif­fe­ren­zie­rungs­pro­zes­se.

3.      Konvergenz der Wissenswelten

Hier genügt ein Hin­weis auf den im Inter­net ver­füg­ba­ren Band von Jür­gen Renn (Hg.), The Glo­ba­li­za­ti­on of Know­ledge in Histo­ry, 2012. Obwohl Rogers, der Klas­si­ker eder Dif­fu­si­ons­theo­rie (u. X.), dar­in nur ein­mal bei­läu­fig erwähnt wird, kann man die 32 Abhand­lun­gen die­ses Ban­des als Stu­di­en über die glo­ba­le Dif­fu­si­on von kul­tu­rel­lem, tech­nisch prak­ti­schem und auch reli­giö­sem Wis­sen lesen.

4.      Die Hegemonie der englischen Sprache

Lite­ra­tur: Ulrich Ammon, The Hege­mo­ny of English, in: UNESCO/International Soci­al Sci­ence Coun­cil (Hg.), World Sci­ence Report 2010, S. 154f; Hart­mut Haber­land, Eng­lisch als ›Welt‹-Sprache im High­tech-Kapi­ta­lis­mus, Das Argu­ment 305, 2013, 830–839.

Die Viel­falt der Spra­chen war das Resul­tat der weit­ge­hen­den räum­li­chen Iso­la­ti­on mensch­li­cher Gesell­schaf­ten. Glo­ba­li­sie­rung der Kom­mu­ni­ka­ti­on durch neue Tech­no­lo­gi­en ver­langt nach einer glo­ba­len Spra­che. Als sol­che hat sich das Eng­li­sche durch­ge­setzt. Durch den bri­ti­schen Kolo­nia­lis­mus erhielt das Eng­li­sche einen Start­vor­teil. Ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schafts­macht, zwei Welt­krie­ge, in denen Eng­land und die USA domi­nier­ten, und schließ­lich der Zusam­men­bruch des Ost­blocks haben die Expan­si­on der eng­li­schen Spra­che beschleu­nigt. Das Eng­li­sche ist zur Spra­che der inter­na­tio­na­len Wirt­schaft, der Wis­sen­schaft, der Com­pu­ter­welt, des Luft­ver­kehrs und der Unter­hal­tungs­in­dus­trie gewor­den. Nicht zuletzt ist es auch die Spra­che des inter­na­tio­na­len Rechts. Es ist die Spra­che der Glo­ba­li­sie­rung schlecht­hin.

Das mit­tel­al­ter­li­che Latein als die lin­gua fran­ca sei­ner Zeit war inso­fern ega­li­tär, als jeder es erst ler­nen muss­te. Eng­lisch ist dage­gen die Mut­ter­spra­che nicht nur der Eng­län­der und Ame­ri­ka­ner, son­dern auch der meis­ten Aus­tra­li­er und Neu­see­län­der, vie­ler Kana­di­er, Inder und ande­rer mehr. Sie haben damit einen Heim­vor­teil, der kaum auf­zu­ho­len ist. Im Übri­gen gilt das Prin­zip der Vor­teils­ak­ku­mu­la­ti­on (accu­mu­la­ted advan­ta­ge).[26] Am Bei­spiel der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten: 94 % aller im Thom­son Soci­al Sci­ence Cita­ti­on Index regis­trier­ten Arti­kel und 85 % der begut­ach­te­ten sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Zeit­schrif­ten erschei­nen in eng­li­scher Spra­che, eben­so über 75 % der Publi­ka­tio­nen, die in der Inter­na­tio­nal Biblio­gra­phy of the Soci­al Sci­en­ces ver­zeich­net sind.[27] Der Infor­ma­ti­ons­fluss der Wis­sens­ge­sell­schaft ist auf Eng­lisch getrimmt. Ulrich Ammon spricht daher von der Hege­mo­nie des Eng­li­schen. Das bedeu­tet auch, wer in den Schwel­len- und Ent­wick­lungs­län­dern Sozi­al­wis­sen­schaf­ten betreibt, ist weit­ge­hend dar­auf ange­wie­sen, für den Stand der For­schung »west­li­che«, vor allem ame­ri­ka­ni­sche und euro­päi­sche Lite­ra­tur in eng­li­scher Spra­che zu zitie­ren.

Der ein­zel­ne Spre­cher ist in der Lage, zwei oder gar drei Spra­chen zu beherr­schen. Des­halb haben in der All­tags­welt ande­re Spra­chen eine gute Chan­ce zu über­le­ben, wenn die Sprach­ge­mein­schaft im Welt­maß­stab nicht zu klein ist. Nicht nur das, Sprach­räu­me wer­den Kul­tur­räu­me blei­ben. Eng­lisch ist auch die Spra­che des inter­na­tio­na­len Rechts. Aber die natio­na­len Rechts­sys­te­me, auch inso­weit, als sie inhalt­lich kon­ver­gie­ren, blei­ben wei­ter ihren Natio­nal­spra­chen ver­haf­tet.

5.      Konvergenz der Ethnien und Rassen

Lite­ra­tur: Peg­gy Pas­coe, What Comes Natu­ral­ly, Mis­ce­ge­na­ti­on Law and the Making of Race in Ame­ri­ca, Oxford 2009.

Über Ras­sen redet man in Deutsch­land nicht mehr ger­ne. Aber es ist unüber­seh­bar, dass es unter­schied­li­che Ras­sen gibt, und die Dis­kri­mi­nie­rung wegen der Zuge­hö­rig­keit zu einer Ras­se ist ein gro­ßes The­ma des Rechts und der Rechts­so­zio­lo­gie.

Es ist nur dar­an zu erin­nern, dass es in his­to­ri­scher Zeit Rechts­nor­men gab, die eine Hei­rat oder auch nur den Geschlechts­ver­kehr zwi­schen Men­schen unter­schied­li­cher Ras­sen unter­sag­ten. Das Ver­bot »ras­si­scher Misch­ehen« durch die Nürn­ber­ger Geset­ze von 1935 wird man nicht ver­ges­sen. In den Süd­staa­ten der USA wur­den Geset­ze, die eine Ver­bin­dung zwi­schen Schwarz und Weiß ver­bo­ten, erst 1967 end­gül­tig auf­ge­ho­ben. 2010 erhielt die Rechts­his­to­ri­ke­rin Peg­gy Pas­coe von der Law and Socie­ty Asso­cia­ti­on den James Wil­lard Hurst Pri­ze in Legal Histo­ry für ihr Buch »What Comes Natu­ral­ly: Mis­ce­ge­na­ti­on Law and the Making of Race in Ame­ri­ca«, in dem sie 300 Rechts­ge­schich­te dar­auf­hin durch­mus­tert, wie das Recht die Vor­stel­lun­gen der Men­schen dar­über beein­flusst hat, was »natür­lich« ist.

Die Kon­ver­genz des Rechts in Rich­tung auf den Abbau ras­sen­dis­kri­mi­nie­ren­der Regeln schrei­tet vor­an. Es braucht kei­ne Wis­sen­schaft für die Ver­mu­tung, dass sich im Zuge der Glo­ba­li­sie­rung Eth­ni­en und Ras­sen auch bio­lo­gisch ver­mi­schen. Wie­weit die­ser Pro­zess schon vor­an­ge­schrit­ten ist und wie weit er am Ende rei­chen wird, kann hier nicht erör­tert wer­den. Als Bei­spiel sehe man sich die Zusam­men­set­zung der Bevöl­ke­rung von Beli­ze (des frü­he­ren bri­tisch-Hon­du­ras) an. Von den 313.000 Ein­woh­nern (2010) sind fast die Hälf­te Mes­ti­zen und über 25 % Kreo­len. Auch die 9 % Gari­fu­na sind aus der Ver­schmel­zung ver­schie­de­ner Ras­sen ent­stan­den.

Es fehlt hand­fes­te For­schung zu der Fra­ge, ob und wie­weit die Glo­ba­li­sie­rung zu einer Kon­ver­genz von Ras­sen und Eth­ni­en führt. Die Fra­ge­stel­lung ist tabui­siert, weil mit ihr der Begriff des Schmelz­tie­gels und damit Har­mo­nie­vor­stel­lun­gen asso­zi­iert wer­den, von denen man befürch­tet, dass sie sozia­le und kul­tu­rel­le Hete­ro­ge­ni­tät und damit ver­bun­de­ne Dis­kri­mi­nie­run­gen auf eine bio­lo­gi­sche Ebe­ne ver­drängt.

6.      Konvergenz als globale Regionalisierung

Lite­ra­tur: Peter Bey­er, Reli­gi­on and Glo­ba­li­za­ti­on, Lon­don, 1994; Jona­than Fried­man, Being in the World: Glo­ba­li­za­ti­on and Loca­li­za­ti­on, in: Mike Fea­therstone (Hg.) Glo­bal Cul­tu­re, 1990, 311–328; Roland Robert­s­on, Glo­ca­li­za­ti­on: Time-Space and Homo­gen­ei­ty-Hete­ro­gen­ei­ty in: Mike Featherstone/Scott Lash/Roland Robert­s­on (Hg.), Glo­bal Moder­nities, Lon­don 1995, 25–44.

Inter­es­sant wird in unse­rem Zusam­men­hang ein zwei­ter Gedan­ke Geh­lens: An die Stel­le der Groß­ge­schich­te tre­ten alte Lokal­geg­ner­schaf­ten, die auf einem nied­ri­ge­ren Niveau eine neue Dra­ma­tik gewin­nen. Die­ser Gedan­ke lässt sich als Hin­weis auf einen neu­en Plu­ra­lis­mus der Kul­tu­ren und damit auch des Rechts ver­ste­hen, mit dem eine Regio­na­li­sie­rung und oder Eth­ni­sie­rung von Kon­flik­ten ein­her­geht. »Leba­ni­za­ti­on« ist nur ein Stich­wort, der Krieg im ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wi­en das augen­fäl­ligs­te Bei­spiel. Trans­na­tio­na­le Inte­gra­ti­on und natio­na­le Des­in­te­gra­ti­on sind simul­ta­ne glo­ba­le Pro­zes­se.

»Eth­nic and cul­tu­ral frag­men­ta­ti­on and moder­nist homo­ge­ni­za­ti­on are not two argu­ments, two oppo­sing views of what is hap­pe­ning in the world today, but two con­sti­tu­ti­ve trends of glo­bal rea­li­ty.« (Fried­man S. 311)

Par­al­lel zu den gesell­schaft­li­chen Glo­ba­li­sie­rungs­ten­den­zen zei­gen sich sowohl in den hoch­in­dus­tria­li­sier­ten als auch in den Schwel­len- und Ent­wick­lungs­län­dern Ten­den­zen einer Regio­na­li­sie­rung gesell­schaft­li­cher Inter­es­sen­la­gen und Kon­flik­te auf­grund sozi­al­räum­li­cher Dis­pa­ri­tä­ten, unglei­cher Risi­ko­ver­tei­lun­gen, kul­tu­rel­ler oder reli­giö­ser Son­der­ent­wick­lun­gen usw., sei es dass sol­che Ten­den­zen neu ent­ste­hen oder sich (wie­der) ver­stär­ken.

Die Frag­men­tie­rung bleibt nicht regio­nal, sie zieht sich oft quer durch die Bevöl­ke­rung. Sie hat ihre Wur­zeln nicht nur in Stam­mes­tum oder eth­ni­schen Dif­fe­ren­zen, son­dern auch in unter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen von sozia­ler oder poli­ti­scher Orga­ni­sa­ti­on. Bei­spie­le hier­für auf euro­päi­scher Ebe­ne sind das Bas­ken­land, Flan­dern, Sizi­li­en, die Bre­ta­gne; in der alten Bun­des­re­pu­blik exis­tier­te ein aus­ge­präg­tes Süd-Nord-Gefäl­le in der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung mit den damit ver­bun­de­nen Benach­tei­li­gun­gen mit­tel- und nord­deut­scher Wirt­schafts­zen­tren. Im neu­en Deutsch­land wird das Süd-Nord-Gefäl­le durch eines von West nach Ost über­la­gert. Aus­lö­ser für sozia­le Kon­flik­te auf regio­na­ler Ebe­ne ist oft der Abzug bis­he­ri­ger auto­no­mer Funk­tio­nen, auf der loka­len Ebe­ne dabei vor allem die Ein­rich­tung »sper­ri­ger Infra­struk­tur« (Flug­ha­fen­bau, Atom­kraft­wer­ke, Stutt­gart 21)

In der Regio­na­lis­mus-Debat­te der Poli­tik­wis­sen­schaf­ten sind die hier ange­spro­che­nen Aspek­te schon län­ger Gegen­stand eines eige­nen For­schungs­fel­des mit den the­ma­ti­schen Schwer­punk­ten »Kampf unter­drück­ter Min­der­hei­ten«, »regio­na­le Pro­test­be­we­gun­gen«, »sozi­al­räum­li­che Ungleich­hei­ten und inter­ner Kolo­nia­lis­mus«, »loka­le Iden­ti­tät und Inte­gra­ti­on«. Unter der Über­schrift »Euro­pa der Regio­nen« kommt dem Regio­na­lis­mus im euro­päi­schen Kon­text auch eine poli­tisch-insti­tu­tio­nel­le Bedeu­tung zu. An der poli­ti­schen Umset­zung des Regio­na­lis­mus-Kon­zepts wird aber auch deut­lich, dass Glo­ba­li­sie­rung auf der einen und Regio­na­li­sie­rung auf der ande­ren Sei­te nicht mit­ein­an­der unver­ein­ba­re oder wider­sprüch­li­che Ent­wick­lun­gen sein müs­sen, son­dern mög­li­cher­wei­se sogar mit­ein­an­der ver­schränk­te oder sich ergän­zen­de Pro­zes­se sind, auf jeden Fall aber Ent­wick­lun­gen, deren Par­al­le­li­tät gera­de typisch ist für die gegen­wär­ti­ge Pha­se der sozio­öko­no­mi­schen und kul­tu­rel­len Ent­wick­lung nicht nur in der Drit­ten Welt, son­dern auch in den ent­wi­ckel­ten Indus­trie­na­tio­nen. In die­sen Zusam­men­hang stel­len sich dann Fra­gen der Rechts­steue­rung von Inte­gra­ti­ons­pro­ble­men bei regio­na­len Son­der­ent­wick­lun­gen, Fra­gen des Abbaus von sozi­al­räum­li­chen Dis­pa­ri­tä­ten im Sin­ne einer rechts­po­li­tisch gesteu­er­ten Ent­wick­lung oder Fra­gen des Kon­flikt­ma­nage­ments bei lokal begrenz­ten gesell­schaft­li­chen Kon­flikt­po­ten­tia­len.

Dezen­tra­li­sie­rung war ein welt­wei­ter Trend der letz­ten Jahr­zehn­te. Die nach 1989 ein­set­zen­de (drit­te) Demo­kra­ti­sie­rungs­wel­le lös­te einen Schub zur Dezen­tra­li­sie­rung aus. Ein­heits­staa­ten wie Spa­ni­en erhiel­ten eine föde­ra­le Struk­tur. In Bun­des­staa­ten wie Russ­land und Mexi­ko ver­schob sich die Macht – in deut­schen Begrif­fen gespro­chen – vom Bund auf die Län­der. Föde­ra­tio­nen wie die Tsche­cho­slo­wa­kei, Jugo­sla­wi­en und die Sowjet­uni­on lös­ten sich auf. In eini­gen Staa­ten kam es zu einer extre­men Dezen­tra­li­sie­rung: Der Zen­tral­staat zer­fiel in Regio­nen, in denen nun­mehr War­lords das Sagen hat­ten.

Die Dezen­tra­li­sie­rung wur­de aber auch von der neo­li­be­ra­len Wirt­schafts­po­li­tik ange­trie­ben, die ja im Prin­zip einen Wech­sel von der Makro­steue­rung zur Mikro­steue­rung bedeu­tet. Man spricht von einer »devo­lu­ti­on revo­lu­ti­on«, näm­lich der Über­tra­gung von Kom­pe­ten­zen und Res­sour­cen von Zen­tral­re­gie­run­gen auf loka­le Instan­zen. Die Welt­bank und ande­re Ent­wick­lungs­hil­fe­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­schrie­ben sich einer Poli­tik des Finanz­fö­de­ra­lis­mus und för­der­ten auch in Ent­wick­lungs­län­dern eine Dezen­tra­li­sie­rung poli­ti­scher Ent­schei­dun­gen und staat­li­cher Dienst­leis­tungs­an­ge­bo­te. Es wird beklagt, dass die­se Refor­men in Ver­bin­dung mit Markt­öff­nung und Dere­gu­lie­rung die Fähig­kei­ten der Staa­ten zu einer koor­di­nier­ten Wirt­schafts­po­li­tik geschwächt hät­ten.

7.      Weltkultur

Lite­ra­tur: John W. Mey­er u. a., Welt­kul­tur. Wie die west­li­chen Prin­zi­pi­en die Welt durch­drin­gen, 2005 (Über­set­zung von acht Auf­sät­zen von Mey­er und Koau­to­ren, die zwi­schen 1997 und 2001 ver­öf­fent­licht wur­den; eine Rezen­si­on des Ban­des von Micha­el Höl­scher in der Online-Zeit­schrift H-Soz-u-Kult 19. 5. 2006); John W. Meyer/John Boli-Ben­net­t/Cha­se-Dunn Chris­to­pher, Con­ver­gence and Diver­gence in Deve­lop­ment, Annu­al Review of Socio­lo­gy 1, 1975, 223–246; John W. Meyer/Brian Rowan, Insti­tu­tio­na­li­zed Orga­ni­za­ti­ons: For­mal Struc­tu­re as Myth and Cere­mo­ny, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy 83, 1977, 340–363.

a)    Isomorphie der Institutionen

Die Iso­mor­phie der Insti­tu­tio­nen ist ein Begriff aus der neo­in­sti­tu­tio­na­lis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­ons­theo­rie. Heu­te beob­ach­tet man mehr oder weni­ger über­all auf der Welt eine lan­ge Rei­he von recht­lich gepräg­ten Insti­tu­tio­nen, die ein­an­der min­des­tens der äuße­ren Form nach ähn­lich sind. Die wich­tigs­te Kon­ver­genz die­ser Art ist die Auf­tei­lung der Welt in Natio­nal­staa­ten nach dem zwei­ten Welt­krieg. Fast alle Staa­ten haben geschrie­be­ne Ver­fas­sun­gen[28] ange­nom­men, poli­ti­sche Wah­len ein­ge­führt, Par­la­men­te instal­liert, die förm­li­che Geset­ze erlas­sen, und offi­zi­el­le Gerich­te für die Ent­schei­dung von Strei­tig­kei­ten ein­ge­rich­tet. Mehr oder weni­ger über­all gibt es Uni­ver­si­tä­ten mit juris­ti­schen Fakul­tä­ten, eine Anwalt­schaft, Gefäng­nis­se und Poli­zei.

Die­se Gleich­för­mig­keit hat frag­los etwas mit Moder­ni­sie­rung und Glo­ba­li­sie­rung zu tun. Für die genaue­re Bestim­mung des Zusam­men­hangs sind ver­schie­de­ne Erklä­run­gen geläu­fig. Die schlich­tes­te läuft auf blo­ße Nach­ah­mung hin­aus. Funk­tio­na­le Erklä­run­gen ver­ste­hen die jeweils gewähl­ten insti­tu­tio­nel­len Arran­ge­ments als Lösung prak­ti­scher Pro­ble­me. Das ist wohl die heim­li­che Theo­rie der Ent­wick­lungs­hil­fe, wenn sie dar­auf abstellt, dass die rule of law not­wen­di­ge Bedin­gung für wirt­schaft­li­chen und huma­ni­tä­ren Fort­schritt sei. Es lässt sich auch (hof­fent­lich) nicht ganz aus­schlie­ßen, dass west­li­che Ide­en von Rechts­staat und Demo­kra­tie, Bil­dung und Daseins­vor­sor­ge auf Grund ihrer Über­zeu­gungs­kraft gewirkt haben. In der Rechts­so­zio­lo­gie ist von impo­si­ti­on of law die Rede, wenn macht­über­le­ge­ne Län­der ande­ren ihr Rechts­mo­dell auf­drän­gen. Eine anspruchs­vol­le­re Theo­rie, die alle die­se Erklä­run­gen bis zu einem gewis­sen Gra­de in sich auf­neh­men kann, bie­tet die Mey­er-Schu­le in Stan­ford. Sie erklärt die welt­wei­te Gleich­för­mig­keit der Insti­tu­tio­nen nicht pri­mär aus Dif­fu­si­ons-, Pla­nungs- oder Nach­ah­mungs­pro­zes­sen, son­dern aus einer vor­gän­gi­gen glo­ba­len Welt­kul­tur (world poli­ty), wel­che die insti­tu­tio­nel­le Umge­bung aller Akteu­re, sei­en sie Indi­vi­du­en, Orga­ni­sa­tio­nen oder Staa­ten, prägt.

Der For­scher­grup­pe des »Stan­ford Cen­ter for Rese­arch in Deve­lop­ment in Tea­ching« um John W. Mey­er war auf­ge­fal­len, dass Bil­dungs­ein­rich­tun­gen – geglie­der­te Schul­sys­te­me, Uni­ver­si­tä­ten, typi­sier­te Abschlüs­se usw. – sich jeden­falls äußer­lich welt­weit ähn­lich gewor­den waren. Auf der Suche nach einer Erklä­rung stell­ten sie zunächst fest, dass Orga­ni­sa­tio­nen – und zwar nicht nur Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten – in ihrer kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung den Anfor­de­run­gen ihrer insti­tu­tio­nel­len Umge­bung fol­gen, um sich damit Legi­ti­mi­tät und Res­sour­cen zu ver­schaf­fen. Die insti­tu­tio­nel­le Umge­bung von Orga­ni­sa­tio­nen besteht aus ver­fes­tig­ten Kom­ple­xen von Nor­men, Erwar­tun­gen und Leit­bil­dern. Eine Schu­le, als Orga­ni­sa­ti­on betrach­tet, ent­spricht also dem, was man all­ge­mein von einer Schu­le erwar­tet und was über­wie­gend auch in Geset­zen fest­ge­schrie­ben ist. Das ist an sich bei­na­he tri­vi­al. Neu war aber die The­se, mit der die Ähn­lich­keit von Insti­tu­tio­nen über Län­der­gren­zen hin­weg erklärt wur­de, die The­se näm­lich, dass die insti­tu­tio­nel­le Umge­bung von Orga­ni­sa­tio­nen von einer ein­heit­li­chen world poli­ty geprägt wer­de. Kern die­ser Welt­kul­tur ist instru­men­tel­le Ratio­na­li­tät,

»die Struk­tu­rie­rung des täg­li­chen Lebens ent­lang von stan­dar­di­sier­ten unper­sön­li­chen Regeln, die die sozia­le Ord­nung auf unper­sön­li­che Zwe­cke hin aus­rich­ten. Im Zuge von Ratio­na­li­sie­rungs­pro­zes­sen kon­sti­tu­iert sich Auto­ri­tät aus­drück­lich als for­ma­le und zuneh­mend büro­kra­ti­sier­te Rechts­ord­nung; Tausch­pro­zes­se rich­ten sich an Regeln der ratio­na­len Kal­ku­la­ti­on und Buch­füh­rung sowie an Regeln zur Kon­sti­tu­ti­on von Märk­ten aus und beinhal­ten wei­ter­ge­hen­de Pro­zes­se wie Mone­ta­ri­sie­rung, Kom­mer­zia­li­sie­rung und büro­kra­ti­sche Pla­nung.«[29].

Im Ursprung ist die glo­ba­le Welt­kul­tur aber reli­giö­sen, und hier wie­der­um vor­nehm­lich christ­li­chen Ursprungs. Die insti­tu­tio­nel­len Regeln, die die­se Ratio­na­li­sie­rung vor­an­trei­ben,

»lie­gen auf einer sehr all­ge­mei­nen (jetzt oft glo­ba­len) Ebe­ne …«. Sie lei­ten sich aus einer »herr­schen­den uni­ver­sa­lis­ti­schen his­to­ri­schen Kul­tur« ab. Aus den »tran­szen­den­ten Gott­hei­ten (Jeho­va, Gott, Allah)« sind »tran­szen­den­ta­le Begrif­fe« gewor­den: Gleich­heit, Frei­heit, Rech­te, Fort­schritt. Sie gel­ten in jeder moder­nen oder sich moder­ni­sie­ren­den Gesell­schaft mit der Fol­ge, »dass die kon­kre­ten insti­tu­tio­nel­len Zie­le und Defi­ni­tio­nen in der Pra­xis fast über­all auf­fal­lend ähn­lich sind« … »Zum Bei­spiel pfle­gen Leh­rer unter­schied­li­che Unter­richts­sti­le, Unter­neh­men unter­schied­li­che Manage­ment­me­tho­den und staat­li­che Regime unter­schied­li­che ideo­lo­gi­sche Stand­punk­te – aber alles inner­halb der kon­sti­tu­ti­ven Fest­le­gung des­sen, was ein Leh­rer, ein Wirt­schafts­un­ter­neh­men oder ein Natio­nal­staat über­haupt ist.«.

Bezo­gen auf den Natio­nal­staat heißt es etwa:

»Natio­nal­staa­ten sind das Pro­dukt von außen kom­men­der, uni­ver­sa­lis­ti­scher und ratio­na­li­sier­ter kul­tu­rel­ler Model­le und wer­den von die­sen als letzt­lich ähn­li­che Akteu­re kon­sti­tu­iert und kon­stru­iert. Dies führt zu einem hohen Grad an Iso­mor­phie und iso­mor­phem Wan­del zwi­schen Natio­nal­staa­ten, eben­so wie zu einem hohen Grad von Dif­fu­si­on zwi­schen ver­schie­de­nen Natio­nal­staa­ten einer­seits und zwi­schen den Zen­tren des glo­ba­len Dis­kur­ses und ein­zel­nen Natio­nal­staa­ten ande­rer­seits.« (Mey­er 2005, 158f.)

» … daß der Natio­nal­staat sich der Ein­bet­tung in und Kon­struk­ti­on durch eine exter­ne, mehr oder weni­ger glo­ba­le, ratio­na­li­sier­te Kul­tur ver­dankt. Unter Kul­tur ist dabei weni­ger ein Bün­del von Wer­ten und Nor­men zu ver­ste­hen als viel­mehr ein Bün­del kogni­ti­ver Model­le, die defi­nie­ren, über wel­che Merk­ma­le, Zwe­cke, Res­sour­cen, Tech­no­lo­gi­en, Steue­rungs­in­stru­men­te und Sou­ve­rä­ni­tät ein ordent­li­cher Natio­nal­staat zu ver­fü­gen hat. In der heu­ti­gen, weit­ge­hend staats­lo­sen Welt­ge­sell­schaft sind sol­che exter­nen kul­tu­rel­len Vor­ga­ben in gro­ßem Umfang vor­han­den und spie­len bei der Kon­sti­tu­ti­on von Natio­nal­staa­ten und ihren Akti­vi­tä­ten eine wich­ti­ge Rol­le. … Über­le­gun­gen wie die­se kön­nen dazu bei­tra­gen, eine gan­ze Rei­he von Merk­ma­len moder­ner Natio­nal­staa­ten zu erklä­ren: ihre weit­ge­hen­de Stan­dar­di­sie­rung über­all in der Welt; die Iso­mor­phie ihrer Wand­lungs­pro­zes­se, sowohl was ihre grund­le­gen­den orga­ni­sa­tio­na­len Struk­tu­ren als auch, was die von ihnen ver­folg­ten Akti­vi­tä­ten angeht. Die Ent­kopp­lung zwi­schen offi­zi­el­len Struk­tu­ren und Pro­gram­men einer­seits und tat­säch­li­cher Pra­xis und Rea­li­tät ande­rer­seits – dies viel­leicht beson­ders aus­ge­prägt in den Peri­phe­ri­en der Welt­ge­sell­schaft; und das extrem schnel­le Wachs­tum natio­nal­staat­li­cher Struk­tu­ren und Poli­tik­fel­der, sogar in die­sen Peri­phe­ri­en.« (2005, 133f.).

Im Detail ist die Her­lei­tung der world poli­ty natür­lich viel kom­ple­xer. Dar­auf und damit auch auf Zustim­mung oder Ableh­nung will ich mich hier nicht ein­las­sen. Unbe­streit­bar scheint jeden­falls die welt­wei­te Iso­mor­phie der Insti­tu­tio­nen zu sein. Gäbe es noch eine unbe­rühr­te Insel – so Mey­er – , dann wür­den die inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen von den Ver­ein­ten Natio­nen bis Attac, von der Welt­bank bis Green­peace sie schnell in einen Natio­nal­staat mit Gewal­ten­tei­lung, Behör­den und Instan­zen, Min­der­hei­ten­schutz, Schu­len und Reli­gi­ons­frei­heit ver­wan­deln. Wer Mit­glied der UNO wer­den und an der Ent­wick­lungs­hil­fe der Welt­bank und ande­rer Ein­rich­tun­gen teil­ha­ben will, kann dies nur als Natio­nal­staat tun mit einer Regie­rung an der Spit­ze, die in ihrer Orga­ni­sa­ti­on die west­li­chen Büro­kra­tie­mus­ter spie­gelt. Der Staat muss min­des­tens pro for­ma Reso­lu­tio­nen und Leit­li­ni­en zu Men­schen­rech­ten oder Umwelt­schutz usw. akzep­tie­ren. Ein Heer von Bera­tern, »inter­es­se­lo­sen« Wis­sen­schaft­lern und Exper­ten, IGOs und INGOs tritt in Akti­on und sorgt für die Dif­fu­si­on west­li­cher Nor­men und Insti­tu­tio­nen.

b)     Weltweiter Governance Transfer

Lite­ra­tur: Jörg Flecker/Gerd Schienstock, Glo­ba­li­sie­rung, Kon­zern­struk­tu­ren und Kon­ver­genz der Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on, For­schungs­be­richt 1993; Stef­fen Gang­hof, Kon­di­tio­na­le Kon­ver­genz. Ide­en, Insti­tu­tio­nen und Stand­ort­wett­be­wer­bin der Steu­er­po­li­tik von EU- und OECD-Län­dern, Zeit­schrift für Inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen 12, 2005, 7–40; ders., Die Kon­ver­genz von Steu­er­sys­te­men: Zur Rol­le von Moder­ni­sie­rungs-und Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zes­sen, in: Trans­fer, Dif­fu­si­on und Kon­ver­genz von Poli­ti­ken, 2007, 407–429; Katha­ri­na Hol­zin­ger u. a. (Hg.), Trans­fer, Dif­fu­si­on und Kon­ver­genz von Poli­ti­ken, PVS Son­der­heft 38, 2007; Mar­tin See­leib-Kai­ser, Wohl­fahrts­sys­te­me unter Bedin­gun­gen der Glo­ba­li­sie­rung, Zeit­schrift für Sozi­al­re­form 1999, 45, 3–23; ders., Glo­ba­li­sie­rung und Sozi­al­po­li­tik. Ein Ver­gleich der Dis­kur­se und Wohl­fahrts­sys­te­me in Deutsch­land, Japan und den USA, 2001; Kota­ro Oshi­ge, Kon­ver­genz der Inter­es­sen­ver­tre­tun­gen durch Glo­ba­li­sie­rung?, Ein Ver­gleich der Funk­ti­ons­me­cha­nis­men der Arbeit­neh­mer­inter­es­sen­ver­tre­tungs­sys­te­me in Deutsch­land und Japan am Bei­spiel der Elek­tro­in­dus­trie, 1999; Lud­ger Pries, De-Regu­lie­rung als Kon­ver­genz der Indus­tri­el­len Bezie­hun­gen im Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zess?, Peri­phe­rie 22, 2002, 58–83; Rei­mut Zohln­hö­fer, Glo­ba­li­sie­rung der Wirt­schaft und natio­nal­staat­li­che Anpas­sungs­re­ak­tio­nen. Theo­re­ti­sche Über­le­gun­gen, Zeit­schrift für Inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen 12, 2005, 41–75.

Die empi­risch ori­en­tier­te Poli­tik­wis­sen­schaft behan­delt das The­ma unter dem Gesichts­punkt des Trans­fers von Gover­nan­ce Model­len.[30] Ein Bei­spiel für sol­chen Trans­fer wäre der welt­wei­te Sie­ges­zug der Mehr­wert­steu­er.

Mit dem Trans­fer von Gover­nan­ce Model­len befasst sich der Son­der­for­schungs­be­reich 700 »Gover­nan­ce in Räu­men begrenz­ter Staat­lich­keit« an der FU Ber­lin[31]. In acht Working Papers ist schon im Titel von »Gover­nan­ce Trans­fer« die Rede. Es geht um den Trans­fer von Men­schen­rech­ten, Demo­kra­tie, Rule of Law und Good Gover­nan­ce. Die Auto­ren legen ein Export­mo­dell zugrun­de, das anschei­nend nicht so glatt funk­tio­niert. Im Namen der Expor­teu­re wird beklagt: »The dif­fe­ren­ces we find bet­ween the gover­nan­ce trans­fers of our nine ROs indi­ca­te that the pro­cess of dif­fu­si­on we may obser­ve is ›loca­li­zed‹ (Acha­rya 2004[32]), mea­ning that it is dri­ven or at least miti­ga­ted by regi­on-spe­ci­fic, domestic fac­tors.« Wenn es dann heißt: »The lite­ra­tu­re does not pro­vi­de a theo­reti­cal approach that would be capa­ble of exp­lai­ning our dou­ble fin­ding of gro­wing simi­la­ri­ties and per­sis­ting dif­fe­ren­ces in gover­nan­ce trans­fer by regio­nal orga­ni­za­ti­ons.« (S. 23), möch­te man ihnen vor­schla­gen, bei beim Neo­in­sti­tu­tio­na­lis­mus, bei der Rechts­an­thro­po­lo­gie und vor allem bei der Dif­fu­si­ons­for­schung Rat zu holen.

c)    Die Entkoppelung von Recht und Realität

Für die Rechts­so­zio­lo­gie ist ein drit­ter Argu­men­ta­ti­ons­strang inter­es­sant, der 1977 von Mey­er und Rowan ein­ge­führt wor­den ist. Ihre The­se war, dass Orga­ni­sa­tio­nen aller Art sich nach außen for­mal und ratio­nal geben, dass sie intern aber nicht, wie es das Gebot der Ratio­na­li­tät eigent­lich for­dert, büro­kra­tisch mit Wei­sung und Kon­trol­le arbei­ten, son­dern sich von der For­ma­li­tät abkop­peln (deco­u­pling) und mit infor­mel­len Ver­trau­ens­be­zie­hun­gen arbei­ten. Iso­mor­phie der Insti­tu­tio­nen heißt des­halb nicht, dass die Orga­ni­sa­tio­nen über­all gleich sind, son­dern dass sie äußer­lich einem über­ge­ord­ne­ten Ratio­na­li­täts­im­pe­ra­tiv ent­spre­chen. Die­ses For­ma­li­täts­ge­bot sei der Mythos, der den Orga­ni­sa­tio­nen hel­fe, in ihrer Umge­bung zu über­le­ben, indem er ihnen Legi­ti­mi­tät ver­schaf­fe und zu Res­sour­cen ver­hel­fe.

Die Dif­fe­renz zwi­schen der for­ma­len Struk­tur von Orga­ni­sa­tio­nen und ihrem prak­ti­schen Funk­tio­nie­ren ist ein alter Hut der Orga­ni­sa­ti­ons­for­schung. Auch die Idee, dass Orga­ni­sa­tio­nen sich unter glei­chen Umwelt­be­din­gun­gen ein­an­der anglei­chen, war in der neo­in­sti­tu­tio­na­lis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­ons­theo­rie nicht neu. Neu war aber die Ver­or­tung die­ser Umwelt­be­din­gun­gen auf der abge­ho­be­nen Ebe­ne der world poli­ty und damit ver­bun­den die Radi­ka­li­sie­rung der Dif­fe­renz zwi­schen For­mal­struk­tur und Rea­li­tät von Insti­tu­tio­nen: Staa­ten und Insti­tu­tio­nen pas­sen sich äußer­lich den glo­ba­len »Vor­ga­ben« an, set­zen sie aber nur for­mal oder sym­bo­lisch um und fül­len sie mit eige­nen Inhal­ten.

Oft besteht nur eine sehr äußer­li­che Ähn­lich­keit der Insti­tu­tio­nen, die tat­säch­lich von Land zu Land und teil­wei­se von Ort zu Ort ganz unter­schied­lich funk­tio­nie­ren. His­to­risch betrach­tet sind sich die Län­der der Welt ähn­li­cher gewor­den, und zwar die Rechts­sys­te­me sogar noch stär­ker als die Kul­tu­ren. Die­se Kon­ver­genz bedeu­tet aber kei­ne Homo­ge­ni­tät. Homo­ge­ni­tät schei­tert an der Dif­fe­renz zwi­schen Rechts­an­spruch und Rechts­wirk­lich­keit, die über­all unter­schied­lich aus­fällt, und an der kul­tu­rel­len Fär­bung, die die Insti­tu­tio­nen in ihrer Umge­bung jeweils anneh­men.

Bis zu einem gewis­sen Gra­de ist die glo­ba­le Iso­mor­phie schö­ner Schein. Die­ses Nega­tiv­bild ist aller­dings stark von Afri­ka, Mit­tel­ame­ri­ka und eini­gen Nach­fol­ge­staa­ten der UdSSR geprägt. Aber man darf Insti­tu­tio­nen, die zunächst nur auf dem Papier ste­hen, nicht gleich völ­lig abschrei­ben. Frü­her oder spä­ter erschei­nen NGOs oder (im Aus­land aus­ge­bil­de­te) Juris­ten, die sich auf das Papier beru­fen. Aber auch die Men­schen, die mit Orga­ni­sa­tio­nen zu tun haben, deren Rea­li­tät weit von den for­ma­len Vor­ga­ben abweicht, ler­nen schnell, sich oppor­tu­nis­tisch von Fall zu Fall auf die­se Vor­ga­ben zu beru­fen.

8.      Selbstverstärkung der Modernisierung durch Rechenhaftigkeit und Ranking

Lite­ra­tur: Kevin E. Davis/Michael B. Kru­se, Taking the Mea­su­re of Law: The Case of the Doing Busi­ness Pro­ject; Law & Soci­al Inqui­ry, 32, 2007, 1095–1119; Kevin E. Davis/Kingsbury Benedict/Sally Eng­le Mer­ry, Indi­ca­tors as a Tech­no­lo­gy of Glo­bal Gover­nan­ce, Law and Socie­ty Review 46, 2012, 71–104; Klaus F. Röhl, Res­sort- und Berichts­for­schung als Daten­quel­le, in: Mat­thi­as Mahl­mann (Hg.), Gesell­schaft und Gerech­tig­keit, Fest­schrift für Hubert Rott­leuth­ner, 2011, 357–393; Peter Thiery/Jenniver Sehring/Wolfgang Muno, Wie misst man Recht?, in: Josef Ester­mann (Hg.), Inter­dis­zi­pli­nä­re Rechts­for­schung zwi­schen Rechts­wirk­lich­keit, Rechts­ana­ly­se und Rechts­ge­stal­tung, 2010, 211–230; Uwe Vormbusch, Die Kal­ku­la­ti­on der Gesell­schaft, in: Andrea Mennicken/Hendrik Voll­mer (Hg.), Zah­len­werk, 2007, 43–64. Vgl. auch Rechts­so­zio­lo­gie-online § 37 Die Dis­zi­pli­nie­rung des moder­nen Men­schen.

Die Moder­ni­sie­rung wird von Ratio­na­li­tät und Effi­zi­enz­stre­ben ange­trie­ben. Die von der Wirt­schaft aus­ge­hen­de Effi­zi­enz­ori­en­tie­rung erreicht heu­te mehr oder weni­ger alle Berei­che der Gesell­schaft. Vie­le Ursa­chen kom­men hier zusam­men. Eine ist natür­lich die Mone­ta­ri­sie­rung oder Öko­no­mi­sie­rung im enge­ren Sin­ne. Für die Wirt­schaft bedeu­tet Ratio­na­li­tät Rechen­haf­tig­keit, wie sie mit der dop­pel­ten Buch­füh­rung mög­lich wur­de. Heu­te ist über­all die EDV ver­füg­bar und will mit Zah­len gefüt­tert wer­den. Eine wei­te­re Ursa­che ist die Ver­so­zi­al­wis­sen­schaft­li­chung des Den­kens. Für die empi­ri­sche Sozi­al­for­schung gibt es nichts, was nicht mess­bar wäre. Jeden Tag wer­den wir mit Zah­len, z. B. in der Form von Pro­gno­sen, Prei­sen, Risi­ko­be­wer­tun­gen, Kos­ten­nut­zen­ana­ly­sen, Schul­no­ten, Bilan­zen, Sport­er­geb­nis­sen oder Test­no­ten kon­fron­tiert. Pri­va­tes und öffent­li­ches Zusam­men­le­ben voll­zieht sich in num­me­ri­sier­ten Umwel­ten. Das orga­ni­sa­tio­na­le Rech­nen jen­seits der Wirt­schaft hat inzwi­schen als Sozio­kal­ku­la­ti­on einen Namen.[33] Zah­len und Rechen­prak­ti­ken sind all­ge­gen­wär­tig. Sie ver­spre­chen einen ratio­na­len Zugang zum Ver­ständ­nis der Welt.

Man hat sich dar­an gewöhnt, dass alles in Zah­len und in Men­gen­bil­dern aus­ge­drückt wird und bemerkt gar nicht, dass die Durch­num­me­rie­rung der Welt auch ver­än­der­te ver­hal­tens- und leis­tungs­be­zo­ge­ne Erwar­tun­gen zum Aus­druck bringt. Zah­len for­dern zum Ver­gleich her­aus. In Torten­gra­fi­ken, Bal­ken­dia­gram­men oder Kur­ven drängt sich der Ver­gleich gera­de­zu auf. Ver­glei­che füh­ren, ob sie dar­auf ange­legt sind oder nicht, zu einer Bewer­tung. Und Bewer­tun­gen haben Auf­for­de­rungs­cha­rak­ter.

Ein Aus­fluss der Rechen­haf­tig­keit ist das Sco­ring, Ran­king oder Bench­mar­king, das inzwi­schen auch auf glo­ba­ler Ebe­ne Ein­zug gehal­ten hat. Für die makro­so­zia­len und vor allem für makro­öko­no­mi­sche Daten gibt es eine erstaun­li­che Anzahl offi­zi­el­ler oder semiof­fi­zi­el­ler Quel­len, die meis­tens in Gestalt jähr­li­cher Reports und Ran­kings erschei­nen. UNO, Welt­bank, Inter­na­tio­na­ler Wäh­rungs­fonds, die OECD, Stif­tun­gen und NGOs offe­rie­ren Sta­tis­ti­ken und Berich­te, meis­tens in Gestalt von Län­der­ver­glei­chen. Ins­ge­samt gibt es wohl über 200 sol­cher Berich­te. Romi­na Band­ura hat eine Auf­stel­lung von 178 Unter­su­chun­gen zusam­men­ge­stellt, die mit Hil­fe von zusam­men­ge­setz­ten Indi­ka­to­ren Län­der­ver­glei­che anstel­len und mit einem Ran­king enden.[34]

Der Human Deve­lop­ment Report der UNO bie­tet für zur­zeit 169 Län­der der Welt ein Ran­king und Rating nach ihrem Ent­wick­lungstand. Fünf inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen und eine Schwei­zer Manage­ment-Hoch­schu­le ver­öf­fent­li­chen jähr­lich ver­glei­chen­de und bilan­zie­ren­de Unter­su­chun­gen mehr oder weni­ger aller wich­ti­gen Volks­wirt­schaf­ten auf ihre Stand­ort­qua­li­tät. Dabei spie­len recht­li­che Indi­ka­to­ren eine gro­ße Rol­le. Mit der Welt­bank ver­bun­de­ne Wis­sen­schaft­ler wol­len mit dem World­wi­de Gover­nan­ce Indi­ca­tors (WGI) Pro­ject den Zustand von Good Gover­nan­ce über­all auf der Welt mes­sen. Ähn­li­ches ver­sucht der Trans­for­ma­ti­ons­in­dex (BTI) der Ber­tels­mann-Stif­tung. Trans­pa­r­en­cy Inter­na­tio­nal stellt seit 1995 sei­nen Cor­rup­ti­on Per­cep­ti­ons Index zusam­men, der sich 2011 auf 182 Län­der erstreck­te. Die Free­dom in the World Coun­try Ratings von Free­dom Hou­se tei­len die Welt danach ein, wie­weit sie demo­kra­tisch oder noch auto­ri­tär regiert wird. Als Gegen­stück gibt es auch einen Fai­led Sta­tes Index, der sich damit befasst, ob Ter­ri­to­ri­en über die not­wen­di­gen recht­li­chen Insti­tu­tio­nen ver­fü­gen, die für einen sta­bi­len Staat erfor­der­lich sind. Mehr oder weni­ger alle ver­wen­de­ten Indi­ka­to­ren ste­hen auf der Posi­tiv­lis­te der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie. Auf den Spit­zen­plät­zen sind über­all die­sel­ben 30 bis 50 Län­der ver­sam­melt, die als modern gel­ten kön­nen. Auf der Mit­te der Ska­la beginnt die Lis­te der Kan­di­da­ten mit Nach­hol­be­darf. Auf den hin­te­ren 50 Plät­zen sind in allen Ratings die­sel­ben Län­der ver­sam­melt, die deut­lich unter­ent­wi­ckelt sind.

Die Ran­kings wir­ken. Nach und nach ent­deckt die Wis­sen­schaft das Antriebs­po­ten­ti­al des ver­glei­chen­den Berichts­we­sens. Davis, Kings­bu­ry und Mer­ry haben es aus­führ­lich als neue Gover­nan­ce­tech­nik ana­ly­siert. Dar­auf sei ver­wie­sen und dar­aus nur zitiert, dass die Welt­bank für sich in Anspruch nimmt, sie habe vie­le Län­der allein durch die Zusam­men­stel­lung und Ver­brei­tung der Indi­ka­to­ren für Wirt­schafts­freund­lich­keit in ihren Doing-Busi­ness Reports ver­an­lasst, ihr Rechts­sys­tem zu moder­ni­sie­ren.

VI.   Kritik der Konvergenzthese

1.      Kritik der Kritik

Die (alte) Moder­ni­sie­rungs­theo­rie gilt man­chen Sozio­lo­gen nur noch als his­to­risch rele­vant.[35] Sie wur­de bei­sei­te­ge­scho­ben nicht eigent­lich aus theo­re­ti­schen Grün­den, son­dern weil sie als Welt­deu­tung ver­stan­den wur­de, die für Intel­lek­tu­el­le im letz­ten Drit­tel des 20. Jahr­hun­derts nicht akzep­ta­bel war.[36] Beerbt wur­de sie von Dif­fe­ren­zie­rungs­theo­ri­en und von Welt­ge­sell­schafts­theo­ri­en.[37] Nie­mand bestrei­tet, dass die Glo­ba­li­sie­rung einen umfas­sen­den Wand­lungs­pro­zess anschiebt. Aber zum guten Ton gehört die Aus­sa­ge, dass die Glo­ba­li­sie­rung nicht ein­sei­tig auf die von der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie pro­gnos­ti­zier­te Kon­ver­genz hin­aus­lau­fe, son­dern viel eher als ein gro­ßer Dif­fe­ren­zie­rungs­pro­zess zu ver­ste­hen sei, min­des­tens aber, dass Kon­ver­genz und Diver­genz gleich­zei­tig als gegen­läu­fi­ge Ent­wick­lun­gen zu beob­ach­ten sei­en.

Wie so oft bei gro­ßer Theo­rie redet man viel anein­an­der vor­bei, indem man sich eine geg­ne­ri­sche Theo­rie­ver­si­on her­aus­sucht, an der man sich abar­bei­tet. Wer nach Dif­fe­ren­zen oder Varie­tä­ten sucht, wird sie fin­den. Die Suche nach Ähn­lich­kei­ten ist schwie­ri­ger, denn sie muss Ver­gleichs­maß­stä­be ange­ben. Die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie hat sich auf eine Rei­he von Para­me­tern fest­ge­legt, an denen Kon­ver­genz gemes­sen wird. Als sol­che wer­den genannt und in ver­schie­de­nen Reports ver­wen­det: Brut­to­so­zi­al­pro­dukt je Ein­woh­ner, rela­ti­ver Rück­gang der land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on, Urba­ni­sie­rung, Anstieg der Lebens­er­war­tung, Bil­dungs­be­tei­li­gung, Erwerbs­be­tei­li­gung von Frau­en, Abnah­me der Kin­der­zahl und Ver­klei­ne­rung der Fami­lie, Frei­heit­lich­keit, Demo­kra­ti­sie­rung und Rechts­staat­lich­keit, Effek­ti­vi­tät des Regie­rungs­han­delns und Kor­rup­ti­ons­kon­trol­le, Infra­struk­tur und Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit. Kon­kur­rie­ren­de Theo­ri­en haben nichts Ver­gleich­ba­res zu bie­ten. Sie sind aber hilf­reich, um Rele­van­zen und Bewer­tun­gen zu kon­trol­lie­ren und kri­ti­sie­ren.

2.      Weltgesellschaftstheorien

Luh­mann hat die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie in die abs­trak­te The­se ver­packt, dass die funk­tio­na­le Dif­fe­ren­zie­rung der Gesell­schaft sich über alle Län­der­gren­zen hin­weg durch­set­zen und schließ­lich zu einer Welt­ge­sell­schaft füh­ren wer­de. Für unter­schied­li­che Gesell­schafts­zu­stän­de, die als Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung der Sys­te­me erschei­nen, bleibt viel Platz. Zusätz­li­che Para­me­ter, mit deren Hil­fe die Moder­ni­sie­rung als Kon­ver­genz gemes­sen wer­den könn­te, las­sen sich ihnen aber nicht ent­neh­men. Das gilt auch für die Theo­ri­en der refle­xi­ven Moder­ne. Sie bil­den inso­fern kei­ne Kon­kur­renz zur Theo­rie der wei­ter­ge­hen­den Moder­ni­sie­rung.

Eine hand­fes­te Gegen­the­se zur Kon­ver­genz­the­se folgt aus der Welt­sys­tem­theo­rie von Wal­ler­stein.[38] Danach ver­ur­sacht der Moder­ni­sie­rungs­pro­zess eine wach­sen­de Diver­genz nicht nur in öko­no­mi­scher, son­dern auch in kul­tu­rel­ler Hin­sicht; die Kräf­te des Welt­mark­tes wie­sen den drei von die­ser Theo­rie pos­tu­lier­ten Welt­re­gio­nen – Zen­trum, Semi­pe­ri­phe­rie und Peri­phe­rie – unter­schied­li­che wirt­schaft­li­che Rol­len zu, denen wie­der­um beson­de­re poli­ti­sche und kul­tu­rel­le Struk­tu­ren ent­sprä­chen. Doch auch die­se Theo­rie ist als Gegen­po­si­ti­on zur Moder­ni­sie­rungs­theo­rie nicht wirk­lich wei­ter­füh­rend. Was als Diver­genz zwi­schen Zen­trum und Peri­phe­rie her­aus­ge­stellt wird, sind aus der Sicht der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie – die damit dem Anlie­gen Wal­ler­steins natür­lich nicht gerecht wird – nur unter­schied­li­che Gra­de der Moder­ni­sie­rung.

3.      Pfadabhängigkeit der Modernisierung

Lite­ra­tur: Jür­gen Bey­er, Pfad­ab­hän­gig­keit ist nicht gleich Pfad­ab­hän­gig­keit, 34, 2005, 5–21; Paul A. David, Clio and the Eco­no­mics of QWERTY, The Ame­ri­can Eco­no­mic Review 75, 1985, 332–337; Dou­glass C. North, Insti­tu­ti­ons, Insti­tu­tio­nal Chan­ge and Eco­no­mic Per­for­mance, 1990; Ray­mund Wer­le, Pfad­ab­hän­gig­keit, in: Arthur Benz u. a. (Hg.), Hand­buch Gover­nan­ce, Wies­ba­den 2007, 119–131.

Das Kon­zept der Pfad­ab­hän­gig­keit wen­det sich nicht direkt gegen die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie, leis­tet aber eine ger­ne akzep­tier­te Dif­fe­ren­zie­rung. Die Pfad­ab­hän­gig­keit bewirkt, dass Wirt­schafts­ver­fas­sung und Demo­kra­tie, Rechts- und Sozi­al­staat, Fami­lie und Kul­tur je nach den his­to­ri­schen und situa­ti­ven Gege­ben­hei­ten unter­schied­li­chen »Pfa­den« fol­gen und sich vari­an­ten­reich ent­wi­ckeln kön­nen. Sie begrün­det damit einen gewis­sen Wider­stand gegen die Kon­ver­genz gesell­schaft­li­chen Wan­dels.

Das Kon­zept der Pfad­ab­hän­gig­keit kommt aus der Wirt­schafts­wis­sen­schaft, wo auf­ge­fal­le­nen war, dass sich von meh­re­ren Alter­na­ti­ven nicht immer die effi­zi­en­tes­ten durch­set­zen. Der Gedan­ke wur­de popu­lär, nach­dem Paul A. David ihn dazu nutz­te, um am Bei­spiel der Qwer­ty-Tas­ta­tur zu zei­gen, war­um eine Tech­no­lo­gie auch dann noch lang­fris­tig über­le­ben kann, wenn der für ihre Ent­wick­lung ver­ant­wort­li­che Grund längst weg­ge­fal­len ist, so dass sich eigent­lich unter Effi­zi­enz­ge­sichts­punk­ten eine ver­füg­ba­re bes­se­re Tech­no­lo­gie durch­set­zen müss­te. Spä­ter mach­te Dou­glass North Pfad­ab­hän­gig­kei­ten zur Grund­la­ge für eine Theo­rie des insti­tu­tio­nel­len Wan­dels.

Grob gespro­chen geht es bei der Pfad­ab­hän­gig­keit dar­um, dass his­to­risch gege­be­ne Situa­ti­ons­be­din­gun­gen Ein­fluss dar­auf haben, wie sich aus einem neu­en Impuls etwas ent­wi­ckelt, kurz gesagt: Geschich­te bleibt wich­tig (histo­ry mat­ters). Gemeint ist nicht nur die poli­ti­sche Geschich­te, son­dern Geschich­te in einem umfas­sen­de­ren Sinn, so dass man sagen muss, auch cul­tu­re mat­ters und reli­gi­on mat­ters. Die Pfad­ab­hän­gig­keit begrün­det einen gewis­sen Wider­stand gegen Wand­lungs­pro­zes­se über­haupt, so dass manch­mal von einem insti­tu­tio­nal lock-in die Rede ist. Die Über­nah­me des Kon­zepts in die Sozio­lo­gie hat wohl zu einer Pfad­ab­hän­gig­keit im sozio­lo­gi­schen Den­ken geführt der­art, dass es die gesell­schaft­li­chen Behar­rungs­ten­den­zen im All­ge­mei­nen über­schätzt (Wer­le S. 129).

4.      Kulturalistische Kritik an der Konvergenzthese

Lite­ra­tur: Arjun Appa­du­rai, Dis­junc­tu­re and Dif­fe­rence in the Glo­bal Cul­tu­ral Eco­no­my, in: Mike Fea­therstone (Hg.), Glo­bal Cul­tu­re, 1990, 295–310; James A. Field, Trans­na­tio­na­lism and the New Tri­be, Inter­na­tio­nal Orga­ni­za­ti­on 25, 1971, 353–372; Knut Hick­ethi­er, Hol­ly­wood, der euro­päi­sche Film und die kul­tu­rel­le Glo­ba­li­sie­rung, in: Bernd Wag­ner (Hg.), Kul­tu­rel­le Glo­ba­li­sie­rung. Zwi­schen Welt­kul­tur und kul­tu­rel­ler Frag­men­tie­rung, 2001, 113–131; Edward W. Said, Ori­en­ta­lism: Wes­tern Con­cep­ti­ons of the Ori­ent, Lon­don 1978 (mehr­fach nach­ge­druckt).

Kul­tu­ra­lis­ti­sche Kri­tik macht gel­tend, dass die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie die Bedeu­tung der Kul­tur für die Ent­wick­lung der Gesell­schaft prin­zi­pi­ell ver­ken­ne. Meis­tens wird mehr oder weni­ger still­schwei­gend ein holis­ti­scher Kul­tur­be­griff zugrun­de gelegt. Holis­tisch ist ein Kul­tur­be­griff, der sich vie­le gro­ße oder eher klei­ne­re Kul­tur­krei­se vor­stellt, die von­ein­an­der ver­schie­den sind, in sich aber geschlos­sen, homo­gen und rela­tiv sta­tisch erschei­nen. Er ver­bin­det sich mit dem Kul­tur­re­la­ti­vis­mus[39], der jede Kul­tur als ein­zig­ar­tig ansieht, so dass sie ihren Wert in sich trägt. Das typi­sche Argu­ment lau­tet dann, die Über­tra­gung einer moder­nen Insti­tu­ti­on in eine prä­mo­der­ne Gesell­schaft wer­de ent­we­der miss­lin­gen oder deren indi­ge­ne Kul­tur zer­stö­ren. Als Fol­ge wird eine glo­ba­le Homo­ge­ni­sie­rung kon­sta­tiert. Zur Abwehr dient die For­de­rung nach der Pfle­ge kul­tu­rel­ler Diver­si­tät. Kul­tu­rel­le Diver­si­tät wird neben Bio­di­ver­si­tät zu einem Wert an sich. Sol­che Kri­tik kann die Kon­ver­genz­the­se aber nicht wider­le­gen, son­dern nur bekla­gen.

Oft beschränkt sich die Behand­lung des Zivi­li­sa­ti­ons- oder Kul­tur­kon­flikts auf eine kri­ti­sche Dis­kus­si­on der ame­ri­ka­ni­schen Domi­nanz auf dem Unter­hal­tungs­markt. Die­se Domi­nanz war lan­ge unbe­streit­bar. Auf der inter­na­tio­na­len Büh­ne blie­ben ame­ri­ka­ni­sche Fil­me und Fern­seh­pro­gram­me ohne ernst­haf­te Kon­kur­renz. Erst in jüngs­ter Zeit zeigt sich, aus­ge­hend von Euro­pa, Indi­en und Chi­na, eine grö­ße­re Viel­falt.

Für die Über­le­gen­heit der ame­ri­ka­ni­schen Unter­hal­tungs­in­dus­trie ist eine Rei­he von Fak­to­ren ver­ant­wort­lich, dar­un­ter die schie­re Grö­ße von Pro­duk­ti­on und Ver­triebs­in­fra­struk­tur sowie die eng­li­sche Spra­che. Der Erfolg auf dem glo­ba­len Markt ist aber nicht nur eine Fol­ge ihrer wirt­schaft­li­chen Potenz. Die enor­me Anzie­hungs­kraft auf frem­des Publi­kum hat auch etwas mit der Vita­li­tät und Attrak­ti­vi­tät der ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur zu tun. Man­che Kri­ti­ker unter­stel­len, dass ame­ri­ka­ni­sche Unter­hal­tung sich des­we­gen über­all auf der Welt so gut ver­kau­fe, weil ame­ri­ka­ni­sche Auto­ren sich schon immer mit Bana­li­tä­ten zufrie­den gege­ben hät­ten. Das mag in einem gewis­sem Aus­maß zutref­fen, ist aber sicher nicht die gan­ze Wahr­heit. Die USA sind ein Land, das von Immi­gran­ten ver­schie­dens­ter Her­kunft domi­niert wird, und ein Weg, die­se Viel­falt in Ein­klang zu brin­gen, ist die Suche nach einem Unter­hal­tungs­me­di­um, das vom kleins­ten gemein­sa­men Nen­ner aus­geht. Der popu­lis­ti­sche Impuls, gebo­ren aus der Not­wen­dig­keit, die unter­schied­lichs­ten Men­schen anzu­spre­chen, hat ver­mut­lich dabei gehol­fen, eine »Kunst« zu schaf­fen, die über grö­ße­re Attrak­ti­vi­tät ver­fügt als die Pro­duk­te des for­ma­lis­tisch eli­tä­ren Kul­tur­be­triebs in Euro­pa. Das ame­ri­ka­ni­sche Enter­tain­ment ist aber auch mit kul­tu­rel­len Wer­ten durch­setzt, die für Men­schen auf der gan­zen Welt attrak­tiv sind – Frei­heit, Wohl­stand, Selbst­be­stim­mung, Opti­mis­mus und Gleich­heit. Die­ser ame­ri­ka­ni­schen »Lebens­phi­lo­so­phie« kann viel von der inter­na­tio­na­len Popu­la­ri­tät ame­ri­ka­ni­scher Unter­hal­tung zuge­schrie­ben wer­den.

Mit Sicher­heit spie­len die Mas­sen­me­di­en eine Rol­le bei der Repro­duk­ti­on oder Destruk­ti­on natio­na­ler Kul­tur und Iden­ti­tät. Den­noch muss eine Unter­su­chung kul­tu­rel­ler Kon­ver­genz his­to­risch viel frü­her anset­zen, als mit der Erfin­dung des Fern­se­hers, die den Trans­fer von Wis­sen, Fähig­kei­ten und Ein­stel­lun­gen zwi­schen Zen­trum und Peri­phe­rie ver­viel­fach­te. Schon vor­her wur­den auch tra­di­tio­nel­le Gesell­schaf­ten von der Idee des Wan­dels ange­steckt, des indi­vi­du­el­len Wan­dels durch Bekeh­rung oder Erzie­hung und des Wan­dels der Umwelt durch die Tech­nik (Field S. 361). Davon abge­se­hen muss man sehr vor­sich­tig vor­ge­hen, wenn man Schlüs­se aus polit­öko­no­mi­schen Struk­tu­ren der Kul­tur­in­dus­trie auf die Art und Wei­se der Rezep­ti­on ihrer Pro­duk­te in ver­schie­de­nen Kul­tu­ren zie­hen will. Appa­du­rai (S. 295) hat dies so prä­zi­siert:

»Most often, the homo­ge­ni­za­ti­on argu­ment sub­spe­cia­tes into eit­her an argu­ment about Ame­ri­ca­ni­za­ti­on, or an argu­ment about ›com­mo­di­tiza­ti­on‹, and very often the argu­ments are clo­se­ly lin­ked. What the­se argu­ments fail to con­si­der is that at least as rapidly as forces from various metro­po­lies are brought into new socie­ties they tend to beco­me indi­ge­ni­zed in one or the other way: this is true of sci­ence and ter­ro­rism, specta­cles and con­sti­tu­ti­on.«

Field beschreibt die­sen Pro­zess der Adap­ti­on und Assi­mi­la­ti­on ein­strö­men­der kul­tu­rel­ler Mus­ter durch die ein­hei­mi­sche Kul­tur dahin, dass sich infol­ge der mit der Schrump­fung und Ver­net­zung der Welt ein­her­ge­hen­den Ver­brei­tung west­li­chen Wis­sens nicht eine ein­heit­li­che, glo­ba­le Kul­tur gebil­det hat, son­dern zwei Ebe­nen von Kul­tur aus­dif­fe­ren­ziert wur­den:

»two cul­tures – bet­ter perhaps, two levels of cul­tu­re – one glo­bal and the other local, natio­nal, or pro­vin­ci­al. Some rough ear­lier ana­lo­gues could be seen in the exten­si­on of Roman and Mos­lem rule, in the impo­si­ti­on of Spa­nish con­trol sys­tems on the indi­ge­nous popu­la­ti­on of the Ame­ri­cas, and in the Bri­tish domi­na­ti­on of India. But the lat­ter-day phe­no­me­non was nota­b­ly less poli­ti­cal and depen­ded more on con­ta­gi­on than on con­quest.« (Field S. 367)

Indes­sen kann die loka­le Ebe­ne mit ihrer Diver­si­tät die ein­heit­li­che glo­ba­le Kul­tur nicht abschüt­teln.[40]

5.      Kampf der Kulturen

Lite­ra­tur: David E. Apter, Glo­ba­li­sa­ti­on and the Poli­tics of Nega­ti­ve Plu­ra­lism, Inter­na­tio­nal Soci­al Sci­ence Jour­nal 59, 2008, 255–268; ders., Mar­gi­na­li­za­ti­on, Vio­lence, and Why We Need New Moder­ni­za­ti­on Theo­ries, in: World Soci­al Sci­ence Report, Paris 2010, S. 32–37; Samu­el P. Hun­ting­ton, The Clash of Civi­li­za­ti­ons?, For­eign Affairs 72, 1993, 22–49; ders., Kampf der Kul­tu­ren. Die Neu­ge­stal­tung der Welt­po­li­tik im 21. Jahr­hun­dert, 2002 (engl. Ori­gi­nal 1997); Amart­ya Sen, Die Iden­ti­täts­fal­le. War­um es kei­nen Krieg der Kul­tu­ren gibt, 2007; Fried­rich H. Ten­bruck, Der Traum der säku­la­ren Öku­me­ne. Sinn und Gren­ze der Ent­wick­lungs­vi­si­on, Anna­li di Sociologia/Soziologisches Jahr­buch 3, 1987, 11–36.

Die Befürch­tung einer Homo­ge­ni­sie­rung von Kul­tur im Zuge der Glo­ba­li­sie­rung hat als Gegen­re­ak­ti­on hat die Sor­ge um kul­tu­rel­le Iden­ti­tä­ten, Diver­si­tät und Ein­ma­lig­keit her­vor­ge­ru­fen. Man befürch­tet, dass die exzes­si­ve Kom­mu­ni­ka­ti­on frem­der kul­tu­rel­ler Pro­duk­te eine ein­hei­mi­sche Kul­tur beschä­di­gen oder gar zer­stö­ren kön­ne. Man­che Beob­ach­ter zeich­nen das Bild der kul­tu­rel­len Kon­ver­genz daher nicht als wech­sel­sei­ti­ge Berei­che­rung, son­dern stel­len sich die Welt als kul­tu­rel­les Schlacht­feld vor. Unter der Über­schrift »The Clash of Civi­li­za­ti­ons« hat Samu­el P. Hun­ting­ton (1993) die The­se ver­tre­ten, in der Welt von mor­gen wür­den Kon­flik­te zwar nicht län­ger aus kon­kur­rie­ren­den poli­ti­schen Ide­en oder wirt­schaft­li­chen Riva­li­tä­ten ent­ste­hen. Dafür wer­de es aber zum Zusam­men­stoß von Zivi­li­sa­tio­nen kom­men, in ers­ter Linie wohl zwi­schen der euro­pä­isch ori­en­tier­ten Indus­trie­ge­sell­schaft und den ver­schie­de­nen nicht west­li­chen Zivi­li­sa­tio­nen.

Hun­ting­ton unter­schied sechs gro­ße Zivi­li­sa­tio­nen, die ihrer­seits in zahl­rei­che loka­le Kul­tu­ren unter­glie­dert sind, den Wes­ten, den Islam, den Kon­fu­zia­nis­mus, den Hin­du­is­mus, die sla­wisch-ortho­do­xe Welt, die japa­ni­sche Zivi­li­sa­ti­on und den Lati­no­ame­ri­ka­nis­mus. Er ließ offen, ob auch Afri­ka als Zivi­li­sa­ti­on in die­sem Sin­ne gel­ten kann. Der Kal­te Krieg wer­de durch eine neue Form des inter­na­tio­na­len Kon­flikts abge­löst, weil das Bewusst­sein der Men­schen, einer bestimm­ten Zivi­li­sa­ti­on zuzu­ge­hö­ren, wach­se oder wie­der­erwa­che und sie von ande­ren Zivi­li­sa­tio­nen abgren­ze.

Hun­ting­ton ist von der Kri­tik behan­delt wor­den, als hät­te er etwas Unan­stän­di­ges gesagt. Ich hal­te mich an Ten­bruck, wenn er der »all­sei­ti­gen Öff­nung, Durch­drin­gung und Ver­mi­schung der Kul­tu­ren«, die durch die »glo­ba­le Prä­sens der Mas­sen­me­di­en in neue Dimen­sio­nen« hin­ein­ge­trie­ben wer­de, ein neu­ar­ti­ges Kon­flikt­po­ten­ti­al zuschreibt:

»Das ergibt im Dau­er­ef­fekt nicht ein ›Kul­tur­kon­zert‹ mit Aus­tausch, Berei­che­rung und Befruch­tung auf Gegen­sei­tig­keit, son­dern eine Kon­fron­ta­ti­on, wel­che den Fort­be­stand der ein­zel­nen Kul­tu­ren in ihrer selb­stän­di­gen Indi­vi­dua­li­tät und Leben­dig­keit bedroht. Eine nüch­ter­ne Betrach­tung der Lage lehrt, daß hier mit ver­schie­dens­ten kul­tu­rel­len Kolo­nia­li­sie­run­gen, Selbst­be­haup­tungs­be­we­gun­gen, Deklas­sie­run­gen zu Sub­kul­tu­ren wie auch mit dem Sprach­ver­lust, der Ein­schmel­zung, ja dem Ende von Kul­tu­ren gerech­net wer­den muß. Neu dar­an aber ist, daß all dies ohne Erobe­rung vor sich geht wie ein glo­ba­ler Kul­tur­kampf, des­sen Trä­ger und deren Zie­le kaum zu erfas­sen sind. Hier voll­zieht sich Geschich­te in einer neu­en Form, für die uns noch die Kate­go­ri­en feh­len. Doch eines ist sicher: daß dar­in nur eini­ge Kul­tu­ren und Kul­tur­mus­ter sich behaup­ten wer­den.« (Ten­bruck S. 14, aus­führ­li­cher noch S. 30f.)

Die Kon­flikt­haf­tig­keit des Moder­ni­sie­rungs­pro­zes­ses ist nicht zu über­se­hen. Kon­se­quen­te Anhän­ger der Theo­rie füh­ren sie jedoch nicht in ers­ter Linie auf reli­giö­se und kul­tu­rel­le Dif­fe­ren­zen zurück, son­dern auf die Ungleich­hei­ten, die die Moder­ni­sie­rung durch das unter­schied­li­che Tem­po in den ver­schie­de­nen Län­dern hat auf­bre­chen las­sen.[41] Danach waren etwa die Pro­tes­te gegen Moham­med-Vide­os oder Kari­ka­tu­ren nicht in ers­ter Linie als reli­giö­ser oder kul­tu­rel­ler Kon­flikt, son­dern als Auf­leh­nung der Moder­ni­sie­rungs­ver­lie­rer zu inter­pre­tie­ren.

6.      Eisenstadt: Die Vielfalt der Moderne

Lite­ra­tur: Shmu­el N. Eisen­stadt, Com­pa­ra­ti­ve Civi­li­za­ti­ons and Mul­ti­ple Moder­nities, Lei­den 2003 (Auf­satz­samm­lung, dar­in »Mul­ti­ple Moder­nities in an Age of Glo­ba­li­za­ti­on« von 1999 sowie »Mul­ti­ple Moder­nities« von 2000); ders., Mul­ti­ple Moder­nen im Zeit­al­ter der Glo­ba­li­sie­rung, in: Tho­mas Schwinn (Hg.), Die Viel­falt und Ein­heit der Moder­ne, 2006, 37–61; ders., Mul­ti­ple moder­nities: Ana­ly­se­rah­men und Pro­blem­stel­lung, in: Thors­ten Bonacker/Andreas Reck­witz (Hg.), Kul­tu­ren der Moder­ne, 2007, 19–45; ders., Die Viel­falt der Moder­ne, 3. Aufl., 2011; Heinz-Jür­gen Nie­den­zu, Shmu­el N. Eisen­stadt: Moder­ni­za­ti­on: Pro­test and Chan­ge, in: Samu­el Salz­born (Hg.), Klas­si­ker der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, 2016, 245–249; Vol­ker H. Schmidt, Die ost­asia­ti­sche Moder­ne – eine Moder­ne ›eige­ner‹ Art?, Ber­li­ner Jour­nal für Sozio­lo­gie 20, 2010, 123–152; ders., Glo­bal Moder­ni­ty. A Con­cep­tu­al Sketch, Basing­s­to­ke 2014; Tho­mas Schwinn, Mul­ti­ple Moder­nities: Kon­kur­rie­ren­de The­sen und offe­ne Fra­gen, Zeit­schrift für Sozio­lo­gie 38, 2009, 454–476; Ulrich Wil­lems (Hg.), Moder­ne und Reli­gi­on. Kon­tro­ver­sen um Moder­ni­tät und Säku­la­ri­sie­rung, 2013.

Die Berück­sich­ti­gung der Pfad­ab­hän­gig­keit führt zu einer Ver­fei­ne­rung der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie, lässt deren zen­tra­le Aus­sa­ge aber unbe­rührt. Dage­gen wird das Kon­zept der mul­ti­plen Moder­nen von Shmu­el N. Eisen­stadt von vie­len so ver­stan­den, als rüh­re es an die Sub­stanz der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie.

»Im Gegen­satz zur Ansicht, moder­ne Gesell­schaf­ten sei­en der natür­li­che End­punkt der bis­he­ri­gen Evo­lu­ti­on mensch­li­cher Gesell­schaft, geht die­se Sicht davon aus, dass die Moder­ne eine im Wes­ten ent­stan­de­ne Zivi­li­sa­ti­on ist, die sich zum Teil ana­log zu der Kris­tal­li­sie­rung und Expan­si­on der gro­ßen Reli­gio­nen — Chris­ten­tum, Islam, Bud­dhis­mus, Kon­fu­zia­nis­mus – in der gan­zen Welt aus­ge­brei­tet hat. Die zwei­te Annah­me mul­ti­pler Moder­nen ist, dass die­se Zivi­li­sa­ti­on, mit ihrem spe­zi­fi­schen kul­tu­rel­len Pro­gramm und sei­nen insti­tu­tio­nel­len Aus­wir­kun­gen sich stän­dig ver­än­dern­de kul­tu­rel­le und insti­tu­tio­nel­le Mus­ter her­vor­ge­bracht hat, die unter­schied­li­che Reak­tio­nen auf die Her­aus­for­de­run­gen und Mög­lich­kei­ten, die in den Kern­merk­ma­len moder­ner zivi­li­sa­to­ri­scher Prä­mis­sen ent­hal­ten sind, dar­stel­len. Mit ande­ren Wor­ten, die Expan­si­on der Moder­ne brach­te kei­ne uni­for­me und homo­ge­ne Zivi­li­sa­ti­on her­vor, son­dern, in der Tat, mul­ti­ple Moder­nen.« (Eisen­stadt 2006:37)

Eisen­stadt geht zwar davon aus, dass es sozu­sa­gen einen Kern der Moder­ne gibt, der aber unter­schied­li­che Aus­prä­gun­gen fin­det, die nicht bloß als Vari­an­ten einer ziel­ge­rich­te­ten Ent­wick­lung ver­stan­den wer­den dür­fen, son­dern jeweils eigen­stän­di­ge Gesell­schafts­for­ma­tio­nen bil­den. Die Basis der Moder­ne ver­legt Eisen­stadt in die (von Karl Jas­pers so getauf­te) Ach­sen­zeit, also in die Zeit von 800 bis 200 v. Chr., in der mythi­sche Kul­tu­ren durch abs­trakt-tran­szen­den­te Reli­gio­nen abge­löst wur­den und in der sich die vier gro­ßen Kul­tur­krei­se gebil­det haben, die bis heu­te die Welt prä­gen, die grie­chisch-römi­sche Anti­ke, das Juden­tum, der Bud­dhis­mus und der Kon­fu­zia­nis­mus. Eisen­stadt dehnt die Ach­sen­zeit noch auf die Ent­ste­hung des Islam aus und bedenkt die japa­ni­sche als eine Kul­tur ohne aus­ge­präg­te tran­szen­den­te Kon­zep­ti­on. Das führt zu einer Beto­nung der Nach­wir­kung die­ser Kul­tur­krei­se auch für den Moder­ni­sie­rungs­pro­zess.

Mit die­sem Modell hat Eisen­stadt viel Zustim­mung erfah­ren. Das Pro­blem liegt dar­in, dass das, was Eisen­stadt selbst als »Kern der Moder­ne« bezeich­net, ver­schwom­men bleibt.

Stich­wor­te aus Eisen­stadt 2006: »Aner­ken­nung der Mög­lich­keit …, zwi­schen man­nig­fal­ti­gen, über fest­ge­leg­te und askrip­ti­ve hin­aus­ge­hen­de Rol­len« zu wäh­len und »Teil umfas­sen­der trans­lo­ka­ler, womög­lich auch sich wan­deln­der Gemein­schaf­ten zu sein« (S. 38f.); Refle­xi­vi­tät und Auto­no­mie. Grö­ße­ren Wert legt Eisen­stadt auf die mit der Moder­ne ver­bun­de­nen »Span­nun­gen« (Suche nach Wie­der­her­stel­lung von Gewiss­heit, Span­nung zwi­schen »Kon­trol­le und Auto­no­mie, oder Dis­zi­plin und Frei­heit« (S. 39), Zweck­ra­tio­na­li­tät und Wert­ra­tio­na­li­tät (S. 40), zwi­schen »abso­lu­tie­ren­den« und plu­ra­lis­ti­schen Ten­den­zen (S. 40).»Verlust der Grund­la­gen aller Gewiss­heit und die Suche nach ihrer Wie­der­her­stel­lung« (S. 39), »zen­tra­le Rol­le des Poli­ti­schen« (S. 42), »Natio­nal­staa­ten und revo­lu­tio­nä­re Staa­ten als cha­ris­ma­ti­sche Trä­ger des Leit­bil­des der Moder­ni­tät« (S. 51), »Aner­ken­nung der Mög­lich­keit …, zwi­schen man­nig­fal­ti­gen, über fest­ge­leg­te und askrip­ti­ve hin­aus­ge­hen­de Rol­len« zu wäh­len und »Teil umfas­sen­der trans­lo­ka­ler, womög­lich auch sich wan­deln­der Gemein­schaf­ten zu sein« (S. 38f.)

Mit Blick auf die Glo­ba­li­sie­rung cha­rak­te­ri­siert Eisen­stadt die »klas­si­sche Epo­che der Moder­ne« auf eine Art, dass man ihn für einen Anhän­ger der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie hal­ten könn­te:

»… vier unter­schied­li­che Pro­zes­se: ers­tens, weit­rei­chen­de, mit der Ent­wick­lung neu­er Tech­no­lo­gi­en und der Her­aus­bil­dung neu­er Mus­ter der poli­ti­schen Öko­no­mie eng ver­bun­de­ne struk­tu­rel­le Trans­for­ma­tio­nen hin zur Wis­sens- und Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft … ; zwei­tens, gleich­zei­ti­ge umfang­rei­che Ver­än­de­run­gen der all­ge­mei­nen sozia­len Struk­tu­ren sowie der Klas­sen- und Sta­tus­be­zie­hun­gen; drit­tens, kon­ti­nu­ier­li­che Demo­kra­ti­sie­rungs­ten­den­zen auf der gesam­ten Welt …; vier­tens, ein umfas­sen­der ideo­lo­gi­scher und kul­tu­rel­ler Wan­del.« (S. 46.)

Was Eisen­stadt als »Kern der Moder­ne« bezeich­net, lässt sich aber nicht empi­risch fest­ma­chen. Eben­so wenig wird die Qua­li­tät der Vari­an­ten deut­lich for­mu­liert. Des­halb fällt es leicht, über­all Varia­ti­on, Dif­fe­renz oder gar Diver­genz zu fin­den. Eisen­stadts Para­de­bei­spiel für eine eigen­stän­di­ge Varia­ti­on der Moder­ni­tät ist das moder­ne Japan (Kap. 3 S. 110ff). Aber wenn man sich auf ope­ra­tio­na­li­sier­ba­re Para­me­ter fest­legt, mit denen Moder­ni­sie­rung gemes­sen wird[42], so ent­spricht die Ent­wick­lung Japans, und auch die der asia­ti­schen Tiger­staa­ten, sehr genau den Pro­gno­sen der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie. Das hat Vol­ker H. Schmidt vor­ge­rech­net.

Wenig über­zeu­gend ist auch die Aus­zeich­nung fun­da­men­ta­lis­ti­scher Bewe­gun­gen als Vari­an­te der Moder­ne, die inso­fern modern sein sol­len, als sie anti­mo­der­ne Ide­en ver­kün­den (Kap. 4 S. 174ff). Eisen­stadt betont, dass sie »die Grund­the­ma­tik der Moder­ne« nicht ver­las­sen. Er beschei­nigt ihnen, sie sei­en »zutiefst refle­xiv«  und »sich des­sen bewusst, dass es kei­ne defi­ni­ti­ven Ant­wort auf die Span­nun­gen der Moder­ne gibt, selbst wenn jede auf ihre Art ein­deu­ti­ge, unbe­streit­ba­re Ant­wor­ten auf die unlös­ba­ren Dilem­mas der Moder­ne anzu­bie­ten ver­sucht.« (2006:59) So zei­gen sich im Pro­zess der Glo­ba­li­sie­rung für Eisen­stadt viel­fäl­ti­ge Reak­tio­nen auf die »Grund­an­ti­no­mi­en des moder­nen Pro­gramms«. Ich wer­de sie gleich noch als Rück­kopp­lungs­schlei­fen ein­ord­nen. Der andau­ern­den Schub­kraft die­ses Pro­gramms tun sie kei­nen Abbruch.

Eisen­stadt stellt auch die Inter­de­pen­denz­be­haup­tung der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie in Fra­ge, denn »in allen oder fast allen Gesell­schaf­ten zei­gen die ver­schie­de­nen insti­tu­tio­nel­len Sphä­ren – Wirt­schaft, Poli­tik, Fami­lie – stets rela­tiv von­ein­an­der unab­hän­gi­ge Merk­ma­le« (S. 11). Rich­tig ist sicher, dass die Insti­tu­tio­nen eines jeden Lan­des – außer den genann­ten auch Recht und Reli­gi­on, Bil­dungs­sek­tor und Arbeits­markt, Gesund­heits­sys­tem und sozia­le Siche­rung – nicht nur in ihrer je ein­zel­nen Aus­prä­gung, zu spe­zi­fi­schen Pake­ten »ver­schnürt« sind, die dem Lauf der Moder­ni­sie­rung jeweils Tem­po und Rich­tung vor­ge­ben.[43] Doch dar­in zeigt sich nur die Pfad­ab­hän­gig­keit der Ent­wick­lung. Das Inter­de­pen­denz­theo­rem behaup­tet nicht mehr, als dass alle Insti­tu­tio­nen der Gesell­schaft vom Moder­ni­sie­rungs­pro­zess affi­ziert wer­den. Es behaup­tet kei­nen Gleich­schritt und kei­ne Homo­ge­ni­sie­rung. Eisen­stadts Viel­falts­the­se ist letzt­lich nur eine empha­ti­sche Aus­ar­bei­tung des Theo­rems von der Pfad­ab­hän­gig­keit der Ent­wick­lung.

Die gro­ße Zustim­mung, die Eisen­stadt gefun­den hat[44], dürf­te dar­auf beru­hen, dass er die Moder­ni­sie­rung aus der Ver­klam­me­rung mit einer ame­ri­ka­ni­schen Leit­kul­tur befreit, ohne einen glo­bal wirk­sa­men Moder­ni­sie­rungs­trend in Abre­de zu stel­len. Damit hat er mehr zur Stüt­zung der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie bei­ge­tra­gen, als zu ihrer Über­win­dung.

7.      Kritik der Säkularisierungsthese

Lite­ra­tur: Hamed Abdel-Samad, Der Unter­gang der isla­mi­schen Welt, Eine Pro­gno­se, Mün­chen 2010; José Casa­no­va, Public Reli­gi­ons in the Modern World, Chi­ca­go 1994; ders., Wel­che Reli­gi­on braucht der Mensch? Theo­ri­en reli­giö­sen Wan­dels im glo­ba­len Zeit­al­ter der Kon­tin­genz, in: Bet­ti­na Holl­stein u. a. (Hg.), Hand­lung und Erfah­rung, 2011, 169–189; Karl Gabri­el, Jen­seits von Säku­la­ri­sie­rung und Wie­der­kehr der Göt­ter, in: Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te 58, 2008, Heft 52, 9–15; Stef­fen Grae­fe, Der neue radi­ka­le Hin­du­is­mus, 2010; Tho­mas Großböl­ting, Der ver­lo­re­ne Him­mel, Glau­be in Deutsch­land seit 1945, 2013; Hans Joas, Führt Moder­ni­sie­rung zu Säku­la­ri­sie­rung?, in: Gerd Nollmann/Hermann Stras­ser (Hg.), Wor­an glau­ben?, Reli­gi­on zwi­schen Kul­tur­kampf und Sinn­su­che, 2007, 27–45; Pip­pa Norris/Ronald Ing­le­hart, Sac­red and Secu­lar, Reli­gi­on and Poli­tics World­wi­de, 2. Aufl., Cam­bridge 2011; Gert Pickel, Reli­gi­ons­mo­ni­tor. Reli­gio­si­tät im inter­na­tio­na­len Ver­gleich; Det­lef Pollack, Rekon­struk­ti­on statt Dekon­struk­ti­on: Für eine His­to­ri­sie­rung der Säku­la­ri­sie­rungs­the­se, Zeit­his­to­ri­sche For­schun­gen, Online-Aus­ga­be, 7, 2010, H. 3; Det­lef Pollack/Olaf Mül­ler, Reli­gi­ons­mo­ni­tor Deutsch­land, Ber­tels­mann-Stif­tung, 2013; Det­lef Pollack/Gergely Ros­ta, Reli­gi­on in der Moder­ne, Ein inter­na­tio­na­ler Ver­gleich, 2015.

Zum Kern der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie gehört die Säku­la­ri­sie­rungs­the­se. Sie behaup­tet drei­er­lei, näm­lich ers­tens die Ent­zau­be­rung der Welt in dem Sin­ne, dass reli­giö­se Deu­tun­gen nicht län­ger die Öffent­lich­keit domi­nie­ren; zwei­tens Ent­kirch­li­chung, d. h. den Rück­gang der orga­ni­sier­ten Reli­gi­ons­mit­glied­schaft, und drit­tens Pri­va­ti­sie­rung, also die Tren­nung von Reli­gi­on und Poli­tik, so dass reli­giö­se Bekennt­nis zur Pri­vat­sa­che wird. Die Säku­la­ri­sie­rungs­the­se gehör­te im 20. Jahr­hun­dert zum Grund­be­stand aller Theo­ri­en des sozia­len Wan­dels.

Eine Kon­ver­genz der Reli­gio­nen ist nicht in Sicht. Nicht ein­mal die christ­li­chen Kon­fes­sio­nen schaf­fen den Schritt zur Öku­me­ne, und Schii­ten und Sun­ni­ten bekämp­fen sich wie einst die Kon­fes­sio­nen im 30jährigen Krieg. Allen­falls der Kon­fu­zia­nis­mus, eher Phi­lo­so­phie als Reli­gi­on, ver­si­ckert zum Teil in die west­li­che Kul­tur. In Asi­en, Afri­ka und Süd­ame­ri­ka, wo sich das Chris­ten­tum immer noch aus­brei­tet, kommt es in gro­ßem Umfang zu Hybri­di­sie­run­gen, die christ­li­che Inhal­te mit ein­hei­mi­scher Kul­tur und Reli­gio­si­tät bis hin zum Okkul­tis­mus ver­bin­den. Dage­gen hat sich der Islam durch sei­ne Poli­ti­sie­rung von ande­ren Reli­gio­nen abge­grenzt und zwingt dadurch auch die ande­ren, durch Abgren­zung zu reagie­ren. Der Auf­bruch des Islam hat sich etwa zeit­gleich mit dem Zusam­men­bruch des Ost­blocks ereig­net, hat aber zunächst nicht annä­hernd so viel Auf­merk­sam­keit gefun­den, weil er nicht an eine bestimm­te Jah­res­zahl oder ein sin­gu­lä­res Ereig­nis gekop­pelt war, bis er 2001 in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung mit dem Anschlag auf das World Tra­de Cen­ter ver­bun­den wur­de.

Reli­gi­ons­sta­tis­ti­ken sind noto­risch unzu­ver­läs­sig, weil sie oft poli­tisch geschönt wer­den, so wenn in der Tür­kei der Anteil der Mus­li­me mit 99 % und in Chi­na der Anteil der Chris­ten mit 1 % ange­ge­ben wird. Davon abge­se­hen geht die äuße­re Zuge­hö­rig­keit zu einer Reli­gi­on nicht immer mit dem Eigen­bild der Gezähl­ten ein­her. Mit die­sem Vor­be­halt sei­en eini­ge Zah­len genannt: Die Zahl der Chris­ten welt­weit wird mit etwa 2 Mil­li­ar­den ange­ge­ben, davon 1 Mil­li­ar­de Katho­li­ken. Mus­li­me soll es gleich­falls etwa 1 Mil­li­ar­de geben, Hin­dus 900 Mil­lio­nen. Die Inter­net­sei­te adher​ents​.com zitiert nach eige­nen Anga­ben aus 43.941 Sta­tis­ti­ken.

Wahr­schein­li­cher als die Kon­ver­genz der Reli­gio­nen bleibt eine Säku­la­ri­sie­rung der Gesell­schaft wie sie in Euro­pa weit fort­ge­schrit­ten ist.[45] Aber vie­le hal­ten die Säku­la­ri­sie­rungs­the­se für wider­legt, nach­dem José Casa­no­va auf die seit den 1980er Jah­ren zu beob­ach­ten­de Renais­sance der Reli­gio­nen auf­merk­sam gemacht hat­te.[46] Da die­se The­se im Rah­men der Rechts­so­zio­lo­gie nicht adäquat erör­tert wer­den kann, sei dazu aus einer Ver­öf­fent­li­chung Casa­no­vas zitiert:

»Ich stel­le hier­mit nicht die Tat­sa­che in Fra­ge, dass ein radi­ka­ler his­to­ri­scher Pro­zess der Säku­la­ri­sie­rung statt­ge­fun­den hat …; eben­so wenig bezweif­le ich die Tat­sa­che, dass wir in einem säku­la­ren Zeit­al­ter leben. … im Sin­ne der glo­ba­len Expan­si­on eines säku­la­ren Inter­pre­ta­ti­ons­rah­mens … wer­den nicht nur die ›säku­la­ren‹ Gesell­schaf­ten des Wes­tens, son­dern die gan­ze Welt zuneh­mend säku­lar und ›ent­zau­bert‹ in dem Sinn, dass die kos­mi­sche Ord­nung zuneh­mend durch die moder­ne Wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie defi­niert wird, dass die sozia­le Ord­nung zuneh­mend durch die Ver­knüp­fung von ›demo­kra­ti­schen‹ Staa­ten, Markt­öko­no­mi­en und media­len Öffent­lich­kei­ten defi­niert wird, und dass die moder­ne Ord­nung zuneh­mend durch die Kal­ku­la­tio­nen von Rech­te besit­zen­den indi­vi­du­el­len Akteu­ren defi­niert wird, die Men­schen­rech­te, Frei­heits­rech­te, Gleich­heit und das Stre­ben nach Glück ein­for­dern.« (2011 S. 187)

Auto­ren aus dem Exzel­lenz­clus­ter »Reli­gi­on und Poli­tik« der Uni­ver­si­tät Müns­ter (Pollack/Rosta) ver­tei­di­gen dage­gen die Säku­la­ri­sie­rungs­the­se. Funk­tio­na­le Dif­fe­ren­zie­rung – das ist der Kern der Moder­ni­sie­rung – redu­zie­re prin­zi­pi­ell die Rele­vanz der Reli­gi­on. Der moder­ne Plu­ra­lis­mus brin­ge kei­ne Auf­wer­tung der Reli­gio­nen. Auch Indi­vi­dua­li­sie­rung füh­re nicht zu neu­er Reli­gio­si­tät. Es wird zwar immer wie­der dar­auf hin­ge­wie­sen, dass feh­len­de Bin­dung an eine Kir­che nicht mit dem völ­li­gen Feh­len von Reli­gio­si­tät gleich­zu­set­zen sei, son­dern durch eine Indi­vi­dua­li­sie­rung der Reli­gi­on ersetzt wer­de.[47] Pri­va­te Reli­gio­si­tät bleibt aber sozi­al so irrele­vant, dass sie die Säku­la­ri­sie­rung nicht auf­hält.

Man­che erwar­ten, dass die Poli­ti­sie­rung der Reli­gio­nen oder jeden­falls des Islam, wie sie gegen­wär­tig beob­ach­tet wird, die Säku­la­ri­sie­rung impli­ziert. 57 isla­mi­sche Staa­ten haben sich in der OIC zusam­men­ge­schlos­sen. Bemer­kens­wert ist dar­an, dass es über­haupt isla­mi­sche Staa­ten gibt, denn damit ist das zen­tra­le isla­mi­sche Dog­ma ver­las­sen, nach­dem es jen­seits der Umma, also der Gemein­de mit dem Kali­fat, kei­ne wei­te­re Orga­ni­sa­ti­on der Gesell­schaft geben soll. Der Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zess der Ara­bel­li­on schwankt zwi­schen reli­giö­sen und säku­la­ren Model­len. Allein die Tat­sa­che, dass hier eine Wahl zu tref­fen ist und als demo­kra­ti­sches Mini­mum ein Tole­ranz­ge­bot insti­tu­tio­na­li­siert wer­den muss, ist ein Schritt zur Säku­la­ri­sie­rung. Immer­hin hat ein mus­li­mi­scher Wis­sen­schaft­ler, Hamed Abdel-Samad, den Unter­gang der isla­mi­schen Welt vor­her­ge­sagt.

Was den Anschein einer Wie­der­kehr der Reli­gio­nen erweckt, sind sekun­dä­re Alli­an­zen auf den gro­ßen sozia­len und poli­ti­schen Kon­flikt­fel­dern. In wei­ten Tei­len der Welt steckt hin­ter der Poli­ti­sie­rung der Reli­gio­nen die Auf­leh­nung der Moder­ni­sie­rungs­ver­lie­rer, der zunächst zu einer Gegen­be­we­gung gegen die Säku­la­ri­sie­rung führt. Reli­giö­ser Fun­da­men­ta­lis­mus und die Ver­bin­dung von Reli­gi­on und Natio­na­lis­mus sind sei­ne Kenn­zei­chen, der isla­mi­sche Auf­bruch und das Erstar­ken des Hin­du­is­mus in Indi­en sei­ne Erschei­nungs­for­men.

VII. Konvergenz als Einfalt der Vielfalt

1.      Verschränkung von Konvergenz und Divergenz

Die (alte) Moder­ni­sie­rungs­theo­rie wur­de von Dif­fe­ren­zie­rungs­theo­ri­en beerbt, die sich gegen die gro­ßen Ent­wick­lungs­trends einer ver­meint­lich uni­ver­sel­len Glo­ba­li­sie­rungs­lo­gik wen­den und die Kon­ver­genz­the­se in Fra­ge stel­len. In den Blick­punkt des Inter­es­ses rück­te die Fra­ge, wie sich Kon­ver­genz und Diver­genz als simul­ta­ne und wech­sel­sei­tig ver­schränk­te Pro­zes­se begrei­fen las­sen. Nie­mand bestrei­tet, dass die Glo­ba­li­sie­rung einen umfas­sen­den Wand­lungs­pro­zess anschiebt. Aber zum guten Ton, wie ihn z. B. das Pro­gramm des Sozio­lo­gen­tags in Bochum 2012 anstimm­te, gehört die Aus­sa­ge, dass die Glo­ba­li­sie­rung nicht ein­sei­tig auf die von der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie pro­gnos­ti­zier­te Kon­ver­genz hin­aus­lau­fe, son­dern viel eher als ein gro­ßer Dif­fe­ren­zie­rungs­pro­zess zu ver­ste­hen sei, min­des­tens aber, dass Kon­ver­genz und Diver­genz gleich­zei­tig als gegen­läu­fi­ge Ent­wick­lun­gen zu beob­ach­ten sei­en.

Zur Kri­tik der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie taugt die Ent­ge­gen­set­zung von Kon­ver­genz und Diver­genz wenig. Kon­ver­genz bezeich­net eine gerich­te­te Ent­wick­lung. Anders als der Kon­ver­genz­be­griff der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie gibt der Diver­genz­be­griff kei­ne Ten­den­zen an, son­dern beschränkt sich auf die Ver­nei­nung von Kon­ver­genz. Dass die Welt jen­seits der Dif­fe­renz von ent­wi­ckel­ten und weni­ger ent­wi­ckel­ten Gesell­schaf­ten in bestimm­ter Wei­se aus­ein­an­der­drif­tet, behaup­ten auch die Kri­ti­ker der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie nicht ernst­haft. Sie insis­tie­ren nur auf Viel­falt oder Diver­si­tät. Diver­genz ist also nicht das­sel­be wie Diver­si­tät oder Viel­falt. Mit letz­te­rer hat die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie kein Pro­blem. Für eine fort­ge­schrie­be­ne = moder­ni­sier­te Moder­ni­sie­rungs­theo­rie bedeu­tet Kon­ver­genz nicht Homo­ge­ni­sie­rung, son­dern struk­tu­rel­le Viel­falt. Tra­di­tio­nel­le Gesell­schaf­ten waren sehr viel homo­ge­ner als moder­ne. Erst die Moder­ni­sie­rung hat die Welt plu­ra­lis­tisch gemacht. Neue Viel­falt wird lau­fend durch die Moder­ni­sie­rung selbst pro­du­ziert, und zwar auf min­des­tens vier unter­schied­li­chen Wegen, näm­lich durch die Pfad­ab­hän­gig­keit sozia­len Wandels(o. VI. 3), durch eine »Melan­ge« vor­han­de­ner Kul­tur­ele­men­te (Hybri­di­sie­rung, o. V. 2), durch die Abkopp­lung (deco­u­pling, John Mey­er) loka­ler Pra­xis von glo­ba­ler Insti­tu­tio­na­li­sie­rung (o. V. 7) c) sowie durch stän­di­ge Rück­kopp­lungs­pro­zes­se.

Die Glo­ba­li­sie­rung steckt vol­ler Rekur­si­vi­tät. Sie löst loka­le Ver­än­de­run­gen aus, die wie­der­um auf die glo­ba­le Ebe­ne zurück­wir­ken. Wer sol­che Schlei­fen zu Para­do­xi­en hoch­sti­li­siert, ist schnell dabei, gegen­läu­fi­ge Ent­wick­lun­gen zu ent­de­cken. Die Suche nach Ähn­lich­kei­ten ist schwie­ri­ger, denn sie muss Ver­gleichs­maß­stä­be ange­ben. Die Moder­ni­sie­rungs­theo­rie hat sich auf Para­me­ter fest­ge­legt, an denen Kon­ver­genz gemes­sen wer­den soll. Die Dif­fe­ren­zie­rungs­theo­ri­en haben nichts Ver­gleich­ba­res vor­zu­wei­sen. Des­halb läuft die Kri­tik der Moder­ni­sie­rungs­theo­rie, wie sie von Eisen­stadt for­mu­liert wor­den ist, ins Lee­re (o. VI. 7).

Das bedeu­tet nicht, dass die Moder­ni­sie­rung ver­lust­frei zu haben wäre. Der Preis für die Teil­ha­be an der Welt­ge­sell­schaft ist eine Rela­ti­vie­rung von Kul­tur und Reli­gi­on, der Ver­lust par­ti­ku­la­rer Iden­ti­tä­ten. Er ist auch schon dort zu zah­len, wo die Moder­ni­sie­rung erst begon­nen hat. Beson­ders die Gesell­schaf­ten, denen die Moder­ni­sie­rung von außen auf­ge­drängt wird, lei­den unter der bei­na­he gewalt­sa­men Zer­stö­rung gewach­se­ner Struk­tu­ren. Glo­ba­li­sie­rung wird so zur neu­en Form der Ent­frem­dung. Der Weg zurück zum Natur­zu­stand, der bekannt­lich erst im Zustand der Ent­frem­dung zum The­ma wird, führt zur Suche nach beson­de­ren Lebens­for­men, die sich zur Iden­ti­täts­bil­dung anbie­ten. Die wich­tigs­ten sind wohl Reli­gi­on, eth­ni­sche Zuge­hö­rig­keit und als deren spe­zi­el­le Aus­prä­gung Indi­ge­ni­tät.

»Indi­gen« sind nach der Defi­ni­ti­on der Ver­ein­ten Natio­nen die Erst­be­woh­ner eines Ter­ri­to­ri­ums, die frei­wil­lig kul­tu­rel­le Beson­der­hei­ten zu bewah­ren ver­su­chen suchen, sich selbst als abgrenz­ba­re Gemein­schaft wahr­neh­men und Erfah­run­gen mit Unter­drü­ckung, Mar­gi­na­li­sie­rung und Dis­kri­mi­nie­rung gemacht haben. Für einen Über­blick auf das Inter­na­tio­nal Indi­ge­nous Peop­les Move­ment sei ver­wie­sen auf Lorie Graham/Nicole Frie­de­richs, Indi­ge­nous Peop­les, Human Rights, and the Envi­ron­ment, (erscheint inYa­le Human Rights and Envi­ron­ment Dia­lo­gues Report).

Gro­ße Bestän­de an Kul­tur­mus­tern fin­den sich in der Ver­gan­gen­heit. Sie haben den Vor­zug dass sie sich als Tra­di­ti­on selbst legi­ti­mie­ren. So pro­du­ziert die Moder­ni­sie­rung den loka­len Neo­tra­di­tio­na­lis­mus, der ins­be­son­de­re im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka gro­ße Bedeu­tung erlangt hat. Die­sen bedient auf glo­ba­ler Ebe­ne die Eth­no­lo­gie.[48] Die Indus­trie­staa­ten, die mit der Moder­ni­sie­rung vor­an­ge­gan­gen sind, haben ihren Neo­tra­di­tio­na­lis­mus, der sich vor allem in Natio­na­lis­mus und zuge­hö­ri­gen Sym­bo­len äußer­te, schon hin­ter sich.[49]

Damit ist die Rück­kopp­lung zwi­schen glo­bal und lokal aber immer noch nicht been­det. Die Glo­ba­li­sie­rung lie­fert wie­der­um die Instru­men­te zu ihrer Unter­wan­de­rung, indem sie das glo­ba­le Kon­zept der Men­schen­rech­te zur Absi­che­rung regio­na­ler Beson­der­hei­ten anbie­tet. So ist im Zuge der Glo­ba­li­sie­rung die Beru­fung auf Plu­ra­li­tät im All­ge­mei­nen und auf Indi­ge­ni­tät im Beson­de­ren selbst zu einem Kon­ver­genz­phä­no­men gewor­den. In der Fol­ge geht die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung uni­ver­sa­lis­ti­scher Rechts­vor­stel­lun­gen auf der glo­ba­len Ebe­ne ört­lich mit einer Rück­wen­dung zu natio­na­len, indi­ge­nen oder reli­giö­sen Rechts­tra­di­tio­nen ein­her. Rechts­plu­ra­lis­mus ist ange­sagt. Er fin­det sich in dem Revi­val der Scha­ria oder in den Ver­söh­nungs­kom­mis­sio­nen, die in Süd­afri­ka auf die Ubun­tu-Tra­di­ti­on und in Ruan­da auf das alte Rechts­sys­tem des Gaca­ca zurück­grei­fen. Was als ori­gi­nä­re Iden­ti­tät einer Rechts­kul­tur auf­tritt, ist in die­ser Per­spek­ti­ve nichts Authen­ti­sches, Ursprüng­li­ches, son­dern ein Aspekt von und ein Pro­dukt der Glo­ba­li­sie­rung, eben Neo­tra­di­tio­na­lis­mus. Die Beto­nung des Eigen­werts par­ti­ku­la­rer Rechts­kul­tu­ren als Reak­ti­on auf die Glo­ba­li­sie­rung ist ihrer­seits eine glo­ba­le Erschei­nung.

Die Iro­nie der Ent­wick­lung liegt dar­in, dass Kon­ver­genz sich auf einem über­ge­ord­ne­ten Niveau als Kon­ver­genz zur Viel­falt ereig­net. Der Ver­gleich ist schief, aber doch erhel­lend: Über­all wol­len Jugend­li­che sich ihrer Beson­der­heit, Diver­si­tät oder Indi­vi­dua­li­tät ver­si­chern, indem sie sich auf­fäl­lig irgend­wie anders als der Main­stream ver­hal­ten oder auch nur aus­se­hen, und sie ver­su­chen es mit Tat­toos, Pier­cings, bun­ten Haar­trach­ten oder Phan­ta­sie­mo­den. Das Ergeb­nis ist eine neue Uni­for­mi­tät der Indi­vi­dua­li­tät.

»We appe­ar to live in a world in which the expec­ta­ti­on of uni­que­ness has beco­me increa­singly insti­tu­tio­na­li­zed and glo­bal­ly widespread.«[50]

Robert­s­on[51] spricht von der Uni­ver­sa­li­sie­rung der Par­ti­ku­la­ri­tät, Schwinn[52] von einer Stan­dar­di­sie­rung der Dif­fe­ren­zen:

»Kul­tu­ren wer­den ver­schie­den in sehr uni­for­men Wegen.«

Viel­falt oder Plu­ra­li­tät sind zum Stan­dard der Moder­ni­tät gewor­den.

2.      Von der organischen zur normativen Solidarität

Auf dem Sozio­lo­gen­tag 2012 in Bochum wur­de die Anschluss­fra­ge gestellt, was die Viel­falt der Gesell­schaft zusam­men­hält.

»Wäh­rend die – von Vie­len als wach­send wahr­ge­nom­me­ne – Plu­ra­li­tät sozia­ler Lebens­äu­ße­run­gen und -for­men also einer­seits als Bedro­hung des ›sozia­len Bands‹ the­ma­ti­siert wird, erscheint sie ande­rer­seits gera­de­zu als Vor­aus­set­zung und grund­le­gen­der Mecha­nis­mus der Stif­tung (neu­er) sozia­ler Bin­dun­gen.« (Pro­gramm S. 14)

Es geht um nichts weni­ger als um Nach­fol­ge­kan­di­da­ten für die von Durk­heim so genann­te orga­ni­sche Soli­da­ri­tät. Die Pro­gramm­au­to­ren der DGS haben die »die ›klas­si­sche‹ (Par­sons­sche) Sicht­wei­se, sozia­le Kohä­si­on wer­de vor allem durch nor­ma­ti­ve Inte­gra­ti­on gesi­chert« auf das Alten­teil geschickt (Pro­gramm S. 18). Damit lie­gen sie falsch. Sicher gibt es unter­halb der nor­ma­ti­ven Ebe­ne unzäh­li­ge Kon­stel­la­tio­nen, in denen sich orga­ni­sche Soli­da­ri­tät bewährt, weil Viel­falt vie­ler­lei Arbeits­tei­lung und Aus­tausch nach sich zieht. Aber ohne den nor­ma­ti­ven Rah­men, ohne den insti­tu­tio­na­li­sier­ten Impe­ra­tiv der Diver­si­tät und Tole­ranz, gibt es in grö­ße­ren Gesell­schaf­ten kei­nen posi­ti­ven Plu­ra­lis­mus. Auch Rechts­plu­ra­lis­mus funk­tio­niert nicht ohne einen uni­ver­sa­lis­ti­schen Rah­men.

Der fak­ti­sche Plu­ra­lis­mus, der nicht zuletzt als Fol­ge der Glo­ba­li­sie­rung über­all zu beob­ach­ten ist, kann je nach dem Zustand der Gesell­schaft der Moder­ni­sie­rung einen wei­te­ren Schub geben und zu Wohl­stand und Reich­tum füh­ren oder er kann die Ent­wick­lung blo­ckie­ren und Kon­flikt und Selbst­zer­stö­rung her­vor­brin­gen. Die unter­schied­li­chen Gesell­schafts­zu­stän­de las­sen sich als posi­ti­ver und nega­ti­ver Plu­ra­lis­mus kenn­zeich­nen.

Die Viel­falt, wie sie als Melan­ge aus der Glo­ba­li­sie­rung und ihren Rück­kopp­lungs­pro­zes­sen ent­steht, ist für moder­ne Gesell­schaf­ten zwar eine lau­fen­de Quel­le von Que­re­len, etwa um die Gren­zen der Zuwan­de­rung oder den Raum, den man einer impor­tier­ten Reli­gi­ons­pra­xis geben soll. Aber davon wird eine moder­ne Gesell­schaft nicht zer­ris­sen, son­dern eher berei­chert. Das gilt auch für die durch das Abstrei­fen von Tra­di­tio­nen mög­lich gewor­de­ne Viel­falt der Fami­li­en­for­men ein­schließ­lich sol­cher, in denen tra­di­tio­nell unter­drück­te sexu­el­le Ori­en­tie­run­gen zu ihrem Recht kom­men. Moder­ne Gesell­schaf­ten sind in der Lage, einen posi­ti­ven Plu­ra­lis­mus zu leben. Beson­ders in den Ent­wick­lungs- und Trans­for­ma­ti­ons­län­dern zeigt sich der fak­ti­sche aber als nega­ti­ver Plu­ra­lis­mus. Im Schat­ten der unvoll­stän­di­gen Moder­ni­sie­rung gibt es vie­le destruk­ti­ve Kon­flik­te.

Von nega­ti­vem Plu­ra­lis­mus ist die Rede, wo die Siche­rung der Viel­falt gegen Selbst­zer­stö­rung nicht gewähr­leis­tet ist. Unter den Bedin­gun­gen der Glo­ba­li­sie­rung ist die­ser Zustand vor allem bei den Moder­ni­sie­rungs­ver­lie­rern anzu­tref­fen. Sie machen über die Hälf­te der Welt­be­völ­ke­rung aus. Moder­ni­sie­rungs­ver­lie­rer gibt es auch in moder­ni­sier­ten Gesell­schaf­ten. Aber dort wird jeden­falls soweit für sie gesorgt, dass ein offe­ner und destruk­ti­ver Kon­flikt ver­mie­den wird. Die gro­ße Mas­se Moder­ni­sie­rungs­ver­lie­rer kon­zen­triert sich jedoch in den Ent­wick­lungs- und Trans­for­ma­ti­ons­län­dern, wo sie auf sich selbst ange­wie­sen sind.

Die Moder­ni­sie­rungs­ver­lie­rer sind nicht ein­fach nur arm, son­dern sie sind in gewis­ser Wei­se funk­ti­ons­los gewor­den, weil sie im Zuge der Moder­ni­sie­rung ihre über­kom­me­ne Exis­tenz­grund­la­ge ver­lo­ren, im moder­nen Wirt­schafts­pro­zess aber kei­nen neu­en Platz gefun­den haben. Sie zah­len als Preis der Moder­ni­sie­rung mit einer Rela­ti­vie­rung ihrer Kul­tur und dem Ver­lust gewach­se­ner Iden­ti­tä­ten. An vie­len Plät­zen hat die Ver­än­de­rung der natür­li­chen Umwelt durch die Aus­brei­tung von Infra­struk­tur und Tech­nik und oft auch durch Umwelt­zer­stö­rung ihnen ihre natür­li­chen Lebens­grund­la­gen genom­men. Unter den so Mar­gi­na­li­sier­ten pro­vo­ziert die Glo­ba­li­sie­rung loka­le und par­ti­ku­la­re Gegen­be­we­gun­gen, die gera­de in ihrer Geg­ner­schaft zu den glo­ba­li­sie­ren­den Ten­den­zen neue sozia­le Iden­ti­tä­ten her­vor­brin­gen. Sie suchen ihr Heil in reli­giö­sen oder eth­ni­schen, ras­si­schen oder ideo­lo­gi­schen Zuge­hö­rig­kei­ten. Kon­se­quenz sind gesell­schaft­li­che Spal­tun­gen und Kon­fron­ta­tio­nen, die den nega­ti­ven Plu­ra­lis­mus aus­ma­chen.

»Nega­ti­ve plu­ra­lism refers to any tota­li­zing affi­lia­ti­on which results in the trans­for­ma­ti­on of inte­rests into princip­le and results in clea­va­ge poli­tics and increa­singly dif­fe­ren­tia­ted socie­ties. An examp­le of such tota­li­zing affi­lia­ti­ons is race. Ano­t­her is reli­gi­on.« (David E. Apter, The Poli­ti­cal King­dom in Ugan­da, A Stu­dy of Bureau­cra­tic Natio­na­lism, 3. Aufl., Lon­don [u.a.] 1997, Fn. 85 auf S. LXXV)

Die­se Defi­ni­ti­on lässt sich leicht in die bekann­te Unter­schei­dung zwi­schen Wert­kon­flikt und Inter­es­sen­kon­flikt über­set­zen. In einer moder­nen Gesell­schaft ist die gesell­schaft­lich orga­ni­sier­te Inter­es­sen­wahr­neh­mung selbst­ver­ständ­lich. Die Moder­ni­sie­rungs­ver­lie­rer suchen ihre Zuflucht aber nicht in Inter­es­sen­ver­bän­den, son­dern in tra­di­tio­nel­len oder neo­tra­di­tio­nel­len For­ma­tio­nen, die Wer­te über Inter­es­sen stel­len, indem sie deren reli­giö­se, eth­ni­sche oder ras­si­sche Basis zu einem kom­pro­miss­feind­li­chen Prin­zip stei­gern.

Als mora­li­sches und als rechts­phi­lo­so­phi­sches Pro­blem ist die Fra­ge nach den Gren­zen des Plu­ra­lis­mus alt­be­kannt. Es genügt hier, an das Pro­blem der Selbst­de­struk­ti­on der Tole­ranz oder der Demo­kra­tie zu erin­nern. Die Phi­lo­so­phen wis­sen auch Rat, etwa John Rawls mit For­de­rung nach einem »over­lap­ping con­sen­sus«[53]. Aber Phi­lo­so­phie hält kei­ne Gesell­schaft zusam­men. In der Rea­li­tät gibt kei­ne durch­schla­gen­de Lösung. Man kann nur beob­ach­ten, dass in einem Teil der Welt die Gesell­schaft an der neu­en Viel­falt nicht zer­bricht, son­dern mehr oder weni­ger gut inte­griert bleibt, wäh­rend in vie­len ande­ren Tei­len aus der Viel­falt Kon­flikt­li­ni­en wach­sen.

Will man die­se Beob­ach­tung theo­re­ti­sie­ren, so bie­ten sich die Über­le­gun­gen der Über­le­gun­gen der Mey­er-Schu­le an. Den Zusam­men­halt garan­tiert die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung eines posi­ti­ven Plu­ra­lis­mus, wenn und soweit sie gelingt. Die Ant­wort ist aller­dings auch bei­na­he tri­vi­al. Immer­hin impli­ziert sie drei­er­lei.

  1. Es geht um eine sozia­le Fra­ge, nicht um ein mora­li­sches oder phi­lo­so­phi­sches Pro­blem.
  2. Anschei­nend begeg­net die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung des Plu­ra­lis­mus auf der Ebe­ne der Welt­kul­tur gerin­ge­ren Wider­stän­den und ist dort wei­ter fort­ge­schrit­ten als in natio­na­len und regio­na­len Gesell­schaf­ten.
  3. Die natio­na­le und regio­na­le Insti­tu­tio­na­li­sie­rung eines posi­ti­ven Plu­ra­lis­mus kor­re­liert posi­tiv mit den Indi­ka­to­ren, die für Moder­ni­sie­rung ste­hen.

Posi­ti­ver Plu­ra­lis­mus beruht auf der Wert­schät­zung von Diver­si­tät als (mate­ri­el­le und ide­el­le) Berei­che­rung und als Quel­le lau­fen­der Inno­va­ti­on. Er ist ein­ge­bet­tet in einen insti­tu­tio­nel­len Rah­men, der einer kon­flikt­haf­ten Selbst­zer­stö­rung vor­beugt. Mora­lisch gehört dazu das Tole­ranz­ge­bot und poli­tisch For­men der Par­ti­zi­pa­ti­on, wie sie in Demo­kra­tie und Rechts­staat vor­ge­se­hen sind.

Auf der Ebe­ne der Welt­kul­tur ist der posi­ti­ve Plu­ra­lis­mus fest insti­tu­tio­na­li­siert. Dafür ste­hen, ganz abge­se­hen von den Ach­tungs­an­sprü­chen und Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­re­geln der Men­schen­rechts­er­klä­rung die UNESCO-Kon­ven­ti­on über den Schutz und die För­de­rung der Viel­falt kul­tu­rel­ler Aus­drucks­for­men und die United Nati­ons Decla­ra­ti­on on the Rights of Indi­ge­nous Peop­les von 2007. Man kann ver­fol­gen, wie der Impe­ra­tiv kul­tu­rel­ler und reli­giö­ser Plu­ra­li­tät und als sei­ne Kehr­sei­te Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te in zahl­lo­sen natio­na­len und inter­na­tio­na­len Doku­men­ten und Trak­ta­ten ver­fes­tigt ist. Reprä­sen­ta­tiv ist wohl der UNESCO World Report, Inves­ting in Cul­tu­ral Diver­si­ty and Dia­lo­gue, 2009 [2000]. Man könn­te die­se Insti­tu­tio­na­li­sie­rung eines posi­ti­ven Plu­ra­lis­mus in der Welt­kul­tur als nor­ma­ti­ve Soli­da­ri­tät benen­nen, um dann nach der Reich­wei­te der nor­ma­ti­ven Soli­da­ri­tät zu fra­gen.

[1] Johan­nes Ber­ger, Die Ein­heit der Moder­ne, in: Tho­mas Schwinn (Hg.), Die Viel­falt und Ein­heit der Moder­ne, 2006, 201–225, S. 201.

[2] Fried­rich H. Ten­bruck, Der Traum der säku­la­ren Öku­me­ne. Sinn und Gren­ze der Ent­wick­lungs­vi­si­on, Anna­li di Sociologia/Soziologisches Jahr­buch 3, 1987, 11–36, S. 28.

[3] Der Begriff ist nicht ganz neu, hat aber als Epo­chen­be­zeich­nung noch kei­ne Kon­tur gewon­nen. Edward A. Tyria­kin schreibt über »Neo-Moder­ni­sie­rung: Leh­ren für die und aus der post­so­zia­lis­ti­schen Trans­for­ma­ti­on« in: Klaus Mül­ler, (Hg.), Post­so­zia­lis­ti­sche Kri­sen, 1998, 31–52. Ein Buch von Micha­el Schmidt-Salo­mon »Erkennt­nis aus Enga­ge­ment« (1999) trägt den Unter­ti­tel »Grund­le­gun­gen zu einer Theo­rie der Neo­mo­der­ne«.

[4] Nils Gil­man, Man­da­rins of the Future. Moder­ni­za­ti­on Theo­ry in Cold War Ame­ri­ca, Bal­ti­more 2003.

[5] Reprä­sen­ta­tiv für sol­che Kri­tik ist Ugo Mattei/Laura Nader, Plun­der. When the Rule of Law is Ille­gal, Malden MA 2008. Dazu mei­ne aus­führ­li­che Bespre­chung auf Rsoz­blog: Über das Buch »Plun­der« von Mat­tei und Nader .

[6] Thors­ten Bonacker/Andreas Reck­witz, Das Pro­blem der Moder­ne: Moder­ni­sie­rungs­theo­ri­en und Kul­tur­theo­ri­en, in: dies. (Hg.), Kul­tu­ren der Moder­ne, 2007, 7–18.

[7] Einen Ver­such zur Prä­zi­sie­rung unter­nimmt Johan­nes Ber­ger, Die Ein­heit der Moder­ne, in: Tho­mas Schwinn (Hg.), Die Viel­falt und Ein­heit der Moder­ne, 2006, 201–225, S. 208f.

[8] Samu­el P. Hun­ting­ton, Poli­ti­cal Order in Chan­ging Socie­ties, New Haven 1968, S. 1. Für Dani­el Ler­ner war die Demo­kra­tie nur die »Krö­nung« der poli­ti­schen Moder­ni­sie­rung, weil sie eine gewis­se Rei­fe des poli­ti­schen Sys­tems und auch die Bil­dung moder­ner Per­sön­lich­kei­ten vor­aus­set­ze (The Pas­sing of Tra­di­tio­nal Socie­ty, 1958, 64). Vgl. auch Ilja Sru­bar, War der rea­le Sozia­lis­mus modern? Ver­such einer struk­tu­rel­len Bestim­mung, Köl­ner Zeit­schrift für Sozio­lo­gie und Sozi­al­psy­cho­lo­gie 43, 1991, 415–432. Sru­bar ver­neint die Fra­ge, da dem Sozia­lis­mus die für die Moder­ne not­wen­di­ge Kon­stel­la­ti­on von pri­va­ter und öffent­li­cher Sphä­re gefehlt habe. Zur Moder­ne gehö­re näm­lich die Dif­fe­ren­zie­rung von pri­va­tem Markt und öffent­li­chem Staat, der mit­tels einer ratio­na­len Büro­kra­tie vor­her­seh­ba­res Han­deln ermög­li­che.

[9] Sey­mour Mar­tin Lip­set, Some Soci­al Requi­si­tes of Demo­cra­cy: Eco­no­mic Deve­lop­ment and Poli­ti­cal Legi­ti­ma­cy, The Ame­ri­can Poli­ti­cal Sci­ence Review 53, 1959, 69–105; ders., The Soci­al Requi­si­tes of Demo­cra­cy Revi­si­ted, Ame­ri­can Socio­lo­gi­cal Review 59, 1994, 1–22.

[10] Wolf­gang Mer­kel, Sys­tem­trans­for­ma­ti­on, 2. Aufl., 2010, 70ff.

[11] David E. Apter, Mar­gi­na­li­za­ti­on, Vio­lence, and Why We Need New Moder­ni­za­ti­on Theo­ries, in: World Soci­al Sci­ence Report, Know­ledge Divi­des, Paris 2010, S. 32–37.

[12] Bestrit­ten wird es etwa von Eisen­stadt (Die Viel­falt der Moder­ne, 3. Aufl., 2011, S. 11).Vgl. auch Tho­mas Schwinn, Mul­ti­ple Moder­nities: Kon­kur­rie­ren­de The­sen und offe­ne Fra­gen. Ein Lite­ra­tur­be­richt in kon­struk­ti­ver Absicht, Zeit­schrift für Sozio­lo­gie 38, 2009, 454–476, S. 458.

[13] Dani­el Ler­ner, The Pas­sing of Tra­di­tio­nal Socie­ty, 1958, 438.

[14] Jus­tin Yifu Lin, Youth Bul­ge: A Demo­gra­phic Divi­dend or a Demo­gra­phic Bomb in Deve­lo­ping Coun­tries?, World-Bank-Blog 2012; Phi­lip Pli­ckert, Die gro­ße Migra­ti­ons­wel­le kommt noch, FAZ vm 8. 8. 2016 S. 18.

[15] Ein viel zitier­tes Modell stammt von Walt W. Ros­tow (The Sta­ges of Eco­no­mic Growth, A Non-Com­mu­nist Mani­festo, 1960, hier zitiert nach der 3. Aufl., Cam­bridge [Eng­land], New York 1990). Es unter­schei­det fünf Pha­sen: Die tra­di­tio­nel­le Gesell­schaft, eine Über­gangs­pe­ri­ode, den Durch­bruch zu andau­ern­dem Wachs­tum, der in Eng­land in den letz­ten Jahr­zehn­ten des 18. Jahr­hun­derts statt­fand, in Mit­tel­eu­ro­pa und in den USA jedoch erst Jahr­zehn­te spä­ter. Es fol­gen eine Kon­so­li­die­rungs­pe­ri­ode und schließ­lich das Zeit­al­ter des Mas­sen­kon­sums. Die­se Pha­sen sind aber nicht auf die nach­ho­len­de Moder­ni­sie­rung zuge­schnit­ten.

[16] A. a. O. (Fn. 1159) S. 27.

[17] Fran­cis Fuku­y­a­ma, Das Ende der Geschich­te, Euro­päi­sche Rund­schau, 1989, Nr. 4, 3–25 (Ori­gi­nal in: The Natio­nal Inte­rest, Sum­mer 1989); vgl. auch Arnold Geh­len, Ende der Geschich­te? Zur Lage des Men­schen im Post­his­toire, in: Oskar Schatz (Hg.): Was wird aus dem Men­schen? Ana­ly­sen und War­nun­gen pro­mi­nen­ter Den­ker, 1974, 61–75 = Geh­len, Ein­bli­cke, 1975, 115–133.

[18] Wolf­gang Zapf, Moder­ni­sie­rungs­theo­rie – und die nicht-west­li­che Welt, in: Tho­mas Schwinn (Hg.), Die Viel­falt und Ein­heit der Moder­ne, 2006, 227–235, S. 234; Tho­mas Schwinn, Kon­ver­genz, Diver­genz oder Hybri­di­sie­rung?, Köl­ner Zeit­schrift für Sozio­lo­gie und Sozi­al­psy­cho­lo­gie 58, 2006, 201–232, S. 214.

[19] Leon Gou­ré u.a., Con­ver­gence of Com­mu­nism and Capi­ta­lism. The Soviet View, Uni­ver­si­ty of Mia­mi: Cen­ter for Advan­ced Inter­na­tio­nal Stu­dies; 1973; Her­bert Meiß­ner, Kon­ver­genz­theo­rie und Rea­li­tät, 1969.

[20] Pitrim A. Soro­kin, Sozio­lo­gi­sche und kul­tu­rel­le Annä­he­run­gen zwi­schen den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und der Sowjet­uni­on, Zeit­schrift für Poli­tik 7 (Neue Fol­ge), 1960, 341–370; Jan­Tin­ber­gen, Cen­tral Plan­ning, New Haven: Yale Uni­ver­si­ty Press, 1964

[21] Ray­mond Aron, Die indus­tri­el­le Gesell­schaft, 1964.

[22] Bernd Wind­hoff, Dar­stel­lung und Kri­tik der Kon­ver­genz­theo­rie: Gibt es eine Annä­he­rung der sozia­lis­ti­schen und kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­sys­te­me?, 1971.

[23] Walt W. Ros­tow, Sta­di­en wirt­schaft­li­chen Wachs­tums, 1960; Fritz Stern­berg, Wer beherrscht die 2. Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts? Mün­chen, 1963. In einem Arti­kel in der FAZ vom 23. 9. 1992 S. N 5 hat Ulrich Beck auf drei »ver­kann­te Pro­phe­ten« auf­merk­sam gemacht, die den Unter­gang des Kom­mu­nis­mus vor­aus­ge­sagt haben, näm­lich Tal­cott Par­sons, Ralf Dah­ren­dorf und Han­nah Arendt, und zwar Par­sons in einem Auf­satz über die »Evo­lu­tio­nä­ren Uni­ver­sa­li­en der Gesell­schaft« aus dem Jah­re 1964, Dah­ren­dorf in »Sozia­le Klas­sen und Klas­sen­kon­flikt« (1957) und Arendt in »Macht und Gewalt« (1969). Beck hät­te auch noch das Buch des damals ganz jun­gen His­to­ri­kers Emma­nu­el Todd nen­nen kön­nen (Vor dem Sturz. Vom Ende der Sowjet­herr­schaft, 1977).

[24] Clark D. Neher, Asi­an Style Demo­cra­cy, Asi­an Sur­vey (Ber­ke­ley) 34, 1994, 949–961.

[25] Tho­mas Mey­er, Theo­rie der sozia­len Demo­kra­tie, 2005, S. 459.

[26] Robert K. Mer­ton hat es das Mat­thä­us-Prin­zip getauft, nach Mat­thä­us 13,12: Wer da hat, dem wird gege­ben. (The Mat­thew Effect in Sci­ence, Sci­ence 1968, 56–63; ders., The Mat­thew Efect in Sci­ence, II, ISIS 79, 1988, 606–623.

[27] Yves Gingras/Sébastien Mos­bah-Nat­an­son, UNESCO/International Soci­al Sci­ence Coun­cil (Hg.), World Sci­ence Report 2010, 149–153, S. 151.

[28] Zur glo­ba­len Kon­ver­genz von Ver­fas­sun­gen David S. Law/Mila Vers­teeg, The Evo­lu­ti­on and Ideo­lo­gy of Glo­bal Con­sti­tu­tio­na­lism, 2010, http://​ssrn​.com/​a​b​s​t​r​a​c​t​=​1​6​4​3​628, auch in Cali­for­nia Law Review, Vol. 99, 2011,1163–1253. Die Auto­ren ver­su­chen ein Ran­king aller erreich­ba­ren Ver­fas­sun­gen, aller­dings nur unter dem Aspekt sub­jek­ti­ver Indi­vi­du­al­rech­te.

[29] Zita­te aus John W. Mey­er u. a., Welt­kul­tur. Wie die west­li­chen Prin­zi­pi­en die Welt durch­drin­gen, 2005, S. 32, 34, 37, 40.

[30] Aus juris­ti­scher Per­spek­ti­ve Mart­ti Kos­ken­nie­mi, Glo­bal Gover­nan­ce and Public Inter­na­tio­nal Law, Kri­ti­sche Jus­tiz 37, 2004, 241–254.

[31] Der SFB gibt im Nomos Ver­lag »Schrif­ten zur Gover­nance­for­schung« her­aus und hat von 2006 bis heu­te über 60 Working Papers ver­öf­fent­licht.

[32] Gemeint ist Ami­tav Acha­rya, How Norms Spread: Who­se Norms Mat­ter? Norm Loca­li­za­ti­on and Insti­tu­tio­nal Chan­ge in Asi­an Regio­na­lism, in: Inter­na­tio­nal Orga­ni­za­ti­on, 58, 2004, 239–275.

[33] Eine his­to­ri­sche Per­spek­ti­ve auf die schein­bar theo­riefreie Reprä­sen­ta­ti­on der Welt in Zah­len gibt Mary Poo­vey, A Histo­ry of the Modern Fact: Pro­blems of Know­ledge in the Sci­en­ces of Wealth and Socie­ty, Univ. of Chi­ca­go Press, 1998 (mehr­fach nach­ge­druckt).

[34] A Sur­vey of Com­po­si­te Indi­ces Mea­su­ring Coun­try Per­for­mance: 2008 Update. Office of Deve­lop­ment Stu­dies United Nati­ons Deve­lop­ment Pro­gram­me, New York. (UNDP/ODS Working Paper). Vgl. auch die Sei­te http://​com​po​si​te​-indi​ca​tors​.jrc​.ec​.euro​pa​.eu/​F​A​Q​.​htm.

[35] Wolf­gang Knöbl, Die Kon­tin­genz der Moder­ne, Wege in Euro­pa, Asi­en und Ame­ri­ka, 2007, S. 23 ff. Ande­re erhe­ben sich auf eine Meta­ebe­ne, indem sie von »sozio­lo­gi­schen Moder­ni­täts­nar­ra­ti­ven« spre­chen, oder ver­wei­gern die Dis­kus­si­on.

[36] Jef­frey C. Alex­an­der, Modern, Anti, Post, and Neo: How Soci­al Theo­ries have Tried to Under­stand the „New World“ of „Our Time“, Zeit­schrift für Sozio­lo­gie 23, 1994, 165–197.

[37] Knöbl, S. 28 ff.

[38] Imma­nu­el Wal­ler­stein, The Capi­ta­list World-Eco­no­my, Cam­bridge, Mass. 1979; ders., Kapi­ta­lis­ti­sche Land­wirt­schaft und die Ent­ste­hung der euro­päi­schen Welt­wirt­schaft im 16. Jahr­hun­dert, 1986; ders., Cul­tu­re as the Ideo­lo­gi­cal Batt­le­ground, in: Mike Fea­therstone (Hg.), Glo­bal Cul­tu­re, Natio­na­lism, Glo­ba­li­za­ti­on, and Moder­ni­ty, Lon­don, New­bury Park 1990, 31–55.

[39] Eric D. Blu­men­son, Cul­tu­ral Rela­ti­vism (Arti­kel für die ENCYCLOPEDIA OF GLOBAL JUSTICE, Sprin­ger), 2012 [http://​ssrn​.com/​a​b​s​t​r​a​c​t​=​2​1​9​2​655]. Zur Kri­tik des Kul­tur­re­la­ti­vis­mus sei ver­wie­sen auf Tho­mas Sukopp, Wider den radi­ka­len Kul­tur­re­la­ti­vis­mus – Uni­ver­sa­lis­mus, Kon­tex­tua­lis­mus und Kom­pa­ti­bi­lis­mus, Auf­lä­rung und Kri­tik 2, 2005, 136–154; zum Stand der Theo­rie­dis­kus­si­on in der Eth­no­lo­gie auf Karl-Heinz Kohl, Eth­no­lo­gie – die Wis­sen­schaft vom kul­tu­rell Frem­den, 3. Aufl., 2011, S. 130ff.

[40] Ein soeben ange­kün­dig­tes Buch Anne Grü­ne (For­ma­tier­te Welt­kul­tur?, Zur Theo­rie und Pra­xis glo­ba­len Unter­hal­tungs­fern­se­hens, 2016) hat­te (ich noch nicht zur Ver­fü­gung. Es fragt nach der kul­tu­rel­len Prä­ge­kraft des welt­wei­ten Trans­fers von Fern­seh­shows und soll – nach dem Wer­be­text – zei­gen, »dass zwar die glo­ba­le Beach­tung glei­cher media­ler Kon­zep­te zur syn­chro­nen Moder­ni­sie­rung von Seh­ge­wohn­hei­ten führt, dabei jedoch die loka­len Dis­kurs­mus­ter erhal­ten blei­ben. Unter­hal­tung ist also nur auf den ers­ten Blick glo­bal. Obwohl die ›for­ma­tier­te Welt­kul­tur‹ kul­tu­rel­le Anschluss­fä­hig­keit erzeugt, ver­harrt die Welt­ge­sell­schaft in loka­len Selbst­ge­sprä­chen.«

[41] Wolf­gang Zapf, Moder­ni­sie­rungs­theo­rie – und die nicht-west­li­che Welt, in: Tho­mas Schwinn (Hg.), Die Viel­falt und Ein­heit der Moder­ne, 2006, 227–235, S. 234; Tho­mas Schwinn, Kon­ver­genz, Diver­genz oder Hybri­di­sie­rung?, Köl­ner Zeit­schrift für Sozio­lo­gie und Sozi­al­psy­cho­lo­gie 58 , 2006, 201–232, S. 214.

[42] Als sol­che wer­den genannt und in ver­schie­de­nen Reports gemes­sen: Brut­to­so­zi­al­pro­dukt je Ein­woh­ner, rela­ti­ver Rück­gang der land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on, Urba­ni­sie­rung, Anstieg der Lebens­er­war­tung, höhe­re Bil­dungs­be­tei­li­gung, höhe­re Erwerbs­be­tei­li­gung von Frau­en, Abnah­me der Kin­der­zahl und Ver­klei­ne­rung der Fami­lie, Frei­heit­lich­keit, Demo­kra­ti­sie­rung und Rechts­staat­lich­keit, Effek­ti­vi­tät des Regie­rungs­han­delns und Kor­rup­ti­ons­kon­trol­le, Infra­struk­tur und Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit.

[43] Tho­mas Schwinn, Kon­ver­genz, Diver­genz oder Hybri­di­sie­rung?, Köl­ner Zeit­schrift für Sozio­lo­gie und Sozi­al­psy­cho­lo­gie 58 , 2006, 201–232, S. 207.

[44] Zur Kri­tik etwa Johan­nes Ber­ger, Die Ein­heit der Moder­ne, in: Tho­mas Schwinn (Hg.), Die Viel­falt und Ein­heit der Moder­ne, 2006, 201–225.

[45] Eliza­beth Heger Boyle und John W. May­er haben die The­se for­mu­liert, das Recht mit sei­nen uni­ver­sa­lis­ti­schen Prin­zi­pen kön­ne bis zu einem gewis­sen Gra­de an die Stel­le der Reli­gi­on tre­ten (Moder­nes Recht. Über­win­dung, Nach­fol­ge oder Über­nah­me der Funk­ti­on von Reli­gi­on, in: John W Mey­er (Hg.), Welt­kul­tur, Wie die west­li­chen Prin­zi­pi­en die Welt durch­drin­gen, 2005, S. 179–210. Eng­lisch unter dem Titel » Modern Law as a Secu­la­ri­zed and Glo­bal Model: Impli­ca­ti­ons for the Socio­lo­gy of Law« in der Zeit­schrift »Sozia­le Welt« 1998, 213–232).

[46] Auf Casa­no­va beru­fen sich z. B. Bertram Turner/Thomas G. Kirsch, Law and Reli­gi­on in Per­mu­ta­ti­on of Order: An Intro­duc­tion, in: dies. (Hg.), Per­mu­ta­ti­ons of Order, Reli­gi­on and Law as Con­tested Sover­eign­ties, Farn­ham, Sur­rey 2009, S. 1–24, S. 2.

[47] Tho­mas Luck­mann, Die unsicht­ba­re Reli­gi­on, 1967; Annet­te Wil­ke, Säku­la­ri­sie­rung oder Indi­vi­dua­li­sie­rung von Reli­gi­on? Theo­ri­en und empi­ri­sche Befun­de, Zeit­schrift für Reli­gi­ons­wis­sen­schaft 21, 2013, 29–76.

[48] Karl-Heinz Kohl, Die Eth­no­lo­gie und die Rekon­struk­ti­on tra­di­tio­nel­ler Ord­nun­gen, in: Johan­nes Fried/Michael Stolleis (Hg.), Wis­sens­kul­tu­ren. Über die Erzeu­gung und Wei­ter­ga­be von Wis­sen, 2009, S. 159–180.

[49] Eric Hobsbawm/Terence Ran­ger (Hg.), The Inven­ti­on of Tra­di­ti­on, Cam­bridge [Cambridgeshire]/New York 1983.

[50] Roland Robert­s­on, Glo­ca­li­za­ti­on: Time-Space and Homo­gen­ei­ty-Hete­ro­gen­ei­ty, in: Mike Featherstone/Scott Lash/Roland Robert­s­on (Hg.), Glo­bal Moder­nities, Lon­don 1995, 25–44, S. 28.

[51] Roland Robert­s­on, Glo­ba­li­za­ti­on, Soci­al Theo­ry and Glo­bal Cul­tu­re, Lon­don 1992, S. 130.

[52] Tho­mas Schwinn, Kon­ver­genz, Diver­genz oder Hybri­di­sie­rung? Vor­aus­set­zun­gen und Erschei­nungs­for­men von Welt­kul­tur, Köl­ner Zeit­schrift für Sozio­lo­gie und Sozi­al­psy­cho­lo­gie 58 , 2006, 201–232, S. 226.

[53] Dazu Röhl/Röhl, All­ge­mei­ne Rechts­leh­re, 3. Aufl. 2008, S. 300f.

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