§ 13 Die Rechtssoziologie Gegenwart

I.   Die Entstehung einer »Scientific Community«

Bis zu ihrer Unter­bre­chung durch den Natio­nal­so­zia­lis­mus und durch den 2. Welt­krieg lässt sich die Geschich­te der Rechts­so­zio­lo­gie mit den Namen ein­zel­ner Wis­sen­schaft­ler und ihrer Schu­len beschrei­ben. Mit dem Neu­be­ginn in der zwei­ten Hälf­te die­ses Jahr­hun­derts ent­steht eine sci­en­ti­fic com­mu­ni­ty auch in der Rechts­so­zio­lo­gie, so dass es nicht län­ger adäquat ist, die Ent­wick­lung der Dis­zi­plin mit bestimm­ten For­scher­per­sön­lich­kei­ten zu ver­bin­den. Die Rechts­so­zio­lo­gie ent­wi­ckelt sich nun­mehr in einer Abfol­ge unter­schied­li­cher The­men­schwer­punk­te und im Gegen­satz diver­gie­ren­der wis­sen­schafts­theo­re­ti­scher und poli­ti­scher Grund­po­si­tio­nen und nicht zuletzt auch im Umkreis bestimm­ter Geld­quel­len.

Seit­her hat die Rechts­so­zio­lo­gie, ähn­lich wie Wirt­schafts­wis­sen­schaft, Poli­to­lo­gie, Sozio­lo­gie oder Psy­cho­lo­gie, ein inter­na­tio­na­les Selbst­ver­ständ­nis ent­wi­ckelt. Sie ist nun­mehr im Begriff, im Ver­ein mit den inter­na­tio­nal­recht­li­chen Dis­zi­pli­nen wie Völ­ker­recht, inter­na­tio­na­les Pri­vat­recht und Rechts­ver­glei­chung die­se Inter­na­tio­na­li­tät in die dog­ma­ti­schen Fächer hin­ein­zu­tra­gen.

Die Rechts­so­zio­lo­gie ist inzwi­schen in das Sta­di­um einer »rei­fen« Wis­sen­schaft ein­ge­tre­ten. Das merkt man dar­an, dass sich Lehr­bü­cher und Über­sichts­dar­stel­lun­gen häu­fen. Auch der Ver­such einer Art Kano­ni­sie­rung des Stof­fes durch soge­nann­te Rea­der deu­tet in die­se Rich­tung (o. § 2).

II.  Von Law-and-Something zu Law-and-Society

Lite­ra­tur: Susan Haack, Mani­festo of a Pas­sio­na­te Mode­ra­te, Unfa­shion­ab­le Essays, Chi­ca­go 1998; Bri­an Z. Tama­naha, Rea­listic Socio-Legal Theo­ry: Prag­ma­tism and a Soci­al Theo­ry of Law, Oxford, Cla­ren­don Press, 1997; Micha­el Wra­se, Rechts­so­zio­lo­gie und Law and Socie­ty – Die Deut­sche Rechts­so­zio­lo­gie zwi­schen Kri­se und Neu­auf­bruch, ZfR­Soz 27, 2006, 289-

Zu einer beson­de­ren Blü­te ame­ri­ka­ni­scher Rechts­kul­tur sind die »Law and Something«-Fächer gewor­den. Gewach­sen sind sie vor allem auf dem Boden der Law Reviews, wie sie von jeder Law School, die etwas auf sich hält, unter­hal­ten wer­den. In den USA neig­te man seit jeher dazu, Recht eher für ein Hand­werk als für eine Wis­sen­schaft zu hal­ten. Daher hat man seit den 60er Jah­ren Wis­sen­schaft­lich­keit im Umgang mit dem Recht mehr und mehr durch Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät zu errei­chen ver­sucht. So ist ein gan­zer Strauß von »law and … fiel­ds« ent­stan­den, in dem mehr oder weni­ger alle denk­ba­ren Fächer von der Phi­lo­so­phie über Sozio­lo­gie und Anthro­po­lo­gie bis hin zur Lite­ra­tur­wis­sen­schaft her­an­ge­zo­gen wer­den, um mehr oder weni­ger Rele­van­tes über das Recht zu sagen. Der Strauß ist vol­ler roter und rosa Blü­ten, die von der kri­ti­schen Frak­ti­on, den Cri­ti­cal Legal Stu­dies, dem Rechts­fe­mi­nis­mus und der Cri­ti­cal Race Theo­ry gehal­ten wer­den. Libe­ra­les Blau war ursprüng­lich die Far­be der 1964 aus der Mit­te der Ame­ri­can Socio­lo­gi­cal Asso­cia­ti­on gegrün­de­ten Law and Socie­ty Asso­cia­ti­on. Rela­tiv spät, aber dafür in umso grö­ße­rer Zahl sind die schwar­zen Rosen von Law and Eco­no­my gewach­sen. Von tra­di­tio­nel­len Juris­ten wird die­se Art der Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät, die die Juris­pru­denz nicht als gleich­wer­ti­gen Part­ner akzep­tiert, kri­tisch gese­hen, weil sie die Ent­wick­lung einer auto­no­men Rechts­wis­sen­schaft eher behin­dert.

Heu­te sind die Law-and-Some­thing-Fächer alle in einer gro­ßen Law-and-Socie­ty-Com­mu­ni­ty ver­eint. Sie ist zwar nicht mehr offen mar­xis­tisch bewegt wie noch vor 30 Jah­ren. Aber sie wird – von der Law-and-Eco­no­my-Frak­ti­on abge­se­hen – doch von Strö­mun­gen geprägt, die mit ähn­li­chen wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen arbei­ten wie der Mar­xis­mus, näm­lich von der Cri­ti­cal Legal Theo­ry, der Cri­ti­cal Femi­nist Theo­ry und der Cri­ti­cal Race Theo­ry. Das Ergeb­nis − oder jeden­falls sei­ne Ober­flä­che − ist bekannt als poli­ti­cal cor­rect­ness. Unter der Ober­flä­che ver­birgt sich eine Kon­zen­tra­ti­on auf weni­ge The­men ver­bun­den mit einer erstaun­li­chen Into­le­ranz. Erst in jüngs­ter Zeit regt sich gegen die­se soge­nann­ten Crits der Wider­stand, und zwar sowohl im Lager der Wis­sen­schafts­theo­rie als auch inner­halb der Law-and-Socie­ty-Com­mu­ni­ty selbst. In sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit den »Crits« hat Tama­naha die Unter­schei­dung zwi­schen Tat­sa­chen und Wert­ur­tei­len wie­der ent­deckt. Und dafür hat er von der Law and Socie­ty Asso­cia­ti­on, gegen deren Expo­nen­ten er zu Fel­de zieht, auch noch einen Preis erhal­ten.

Etwa zur glei­chen Zeit, aber unab­hän­gig von Tama­naha, hat die Phi­lo­so­phin Susan Haack ihr »Mani­festo of a Pas­sio­na­te Mode­ra­te« ver­öf­fent­licht. Sie wen­det sich gegen über­trie­be­ne Ver­sio­nen post­mo­der­ner Wis­sen­schafts­theo­rie, ins­be­son­de­re gegen den kul­tu­rel­len Rela­ti­vis­mus von Richard Ror­ty und gegen eine femi­nis­ti­sche Epis­te­mo­lo­gie. Haack und Tama­naha beru­fen sich auf den Prag­ma­tis­mus von Charles S. Peirce, John Dew­ey und Wil­liam James. Peirce nimmt in die­ser Rei­he etwa die glei­che Rol­le ein wie bei uns Max Weber. Haack, die sich selbst eine alte Femi­nis­tin nennt, meint, Wis­sen­schaft kön­ne nicht so kor­rupt sein, wie eini­ge radi­ka­le Sozio­lo­gen und Femi­nis­ten mein­ten, dazu sei sie ein­fach zu erfolg­reich.

Im Aus­land, ins­be­son­de­re in den USA, hat man schon immer die Eti­ket­tie­rung des Faches als Rechts­so­zio­lo­gie ver­mie­den. Zwar spricht man durch­aus gele­gent­lich von Socio­lo­gy of Law oder Legal Socio­lo­gy. Doch meis­tens redet man statt­des­sen all­ge­mei­ner und unver­bind­li­cher von Law and Soci­al Sci­en­ces. Nicht ganz zufäl­lig fir­miert die welt­weit wich­tigs­te ein­schlä­gi­ge Zeit­schrift als »Law and Socie­ty Review«. Zeit­schrift­en­ti­tel nach dem Mus­ter »Law and Some­thing« sind Legi­on. Auf die­se Wei­se gelingt es, ein sehr viel wei­te­res Spek­trum von The­men und Per­so­nen anzu­zie­hen als in Deutsch­land mit dem tra­di­tio­nel­len Label Rechts­so­zio­lo­gie.

Auch in Deutsch­land gibt es Bestre­bun­gen, die sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Befas­sung mit dem Recht unter dem Titel »Recht und Gesell­schaft« neu und brei­ter auf­zu­stel­len (Wra­se). Der Erfolg ist nicht garan­tiert, obwohl der Ruf nach Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät heu­te so laut erklingt wie nie zuvor. Die grö­ße­re Brei­te inter­dis­zi­pli­nä­rer Rechts­for­schung führt frag­los zu einer Berei­che­rung. Auf der ande­ren Sei­te sind damit aber auch nega­ti­ve Kon­se­quen­zen ver­bun­den. Es wer­den vie­le Tri­via­li­tä­ten geho­ben. Man­ches, was in die­sem wei­ten Rah­men pro­du­ziert wird, ist kri­ti­sche Juris­pru­denz, Rechts­po­li­tik oder auch nur Feuil­le­ton.

Die Recht- und-Sonst­was-For­schung ist in ihrer Viel­falt kaum koor­di­niert und wenig ver­netzt. Vie­les steht unver­bun­den neben­ein­an­der und ver­liert dadurch an Wir­kung. Da es den ein­schlä­gi­gen Arbei­ten an der Selbst­wahr­neh­mung als rechts­so­zio­lo­gisch fehlt, ver­zich­ten sie dar­auf, von dem vor­han­de­nen und bewähr­ten Ange­bot der Rechts­so­zio­lo­gie Gebrauch zu machen. Die Fol­ge ist Zer­split­te­rung und der Ver­lust von mög­li­chem Koope­ra­ti­ons­ge­winn. Viel­fach wird längst Bekann­tes repro­du­ziert. Ande­rer­seits wer­den ver­dienst­vol­le Arbei­ten nicht gebüh­rend zur Kennt­nis genom­men oder bald wie­der ver­ges­sen, weil sie nicht in einen grö­ße­ren Zusam­men­hang ein­ge­bet­tet sind. Hier brei­tet sich eine neue Unüber­sicht­lich­keit aus, die es prak­ti­zie­ren­den Juris­ten erschwert, auf sozi­al­wis­sen­schaft­li­che For­schung zurück­zu­grei­fen. Des­halb ist es wich­tig, an der Rechts­so­zio­lo­gie als eigen­stän­di­gem und über­grei­fen­dem Fach fest­zu­hal­ten.

III.   Verankerung in den Universitäten und in der Juristenausbildung

Obwohl ver­gleichs­wei­se kei­ne ganz jun­ge Wis­sen­schaft mehr, hat die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der Rechts­so­zio­lo­gie, jeden­falls in der Deutsch­land[1], erst in den 70er Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts greif­ba­re For­men ange­nom­men. Ihren lega­lis­ti­schen Aus­druck fin­det sie in den Prü­fungs­ord­nun­gen für das juris­ti­sche Refe­ren­dar­ex­amen, die sämt­lich Rechts­so­zio­lo­gie als Wahl­fach (Grund­la­gen­fach, vgl. o. § 12 IV) für Prü­fung und Aus­bil­dung vor­se­hen.[2] Das Lehr­an­ge­bot an den Uni­ver­si­tä­ten hat mit die­ser Ent­wick­lung nicht ganz Schritt hal­ten kön­nen. Die rechts­wis­sen­schaft­li­chen Abtei­lun­gen wei­sen nur aus­nahms­wei­se beson­de­re Lehr­stüh­le für Rechts­so­zio­lo­gie aus (Ber­lin, Han­no­ver, Bre­men). Fast alle ande­ren Fakul­tä­ten haben (oder hat­ten zeit­wei­se) aber Pro­fes­so­ren, die neben ande­ren Fächern auch die Rechts­so­zio­lo­gie betreu­en. Dage­gen gibt es in den sozio­lo­gi­schen oder sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Abtei­lun­gen der deut­schen Uni­ver­si­tä­ten kaum Wis­sen­schaft­ler, die sich selbst als Rechts­so­zio­lo­gen bezeich­nen.

IV.    Organisationen

Bes­ser ist es um die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Rechts­so­zio­lo­gie bestellt, wenn man sie an der Bil­dung wis­sen­schaft­li­cher Ver­ei­ni­gun­gen mißt. Wäh­rend lan­ge Zeit hin­durch allein der von Kau­pen und Rase­horn ins Leben geru­fe­ne Arbeits­kreis für Rechts­so­zio­lo­gie mit sei­nen Infor­ma­ti­ons­brie­fen für die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den ein­schlä­gig Inter­es­sier­ten sorg­te, sind spä­ter zwei wis­sen­schaft­li­che Ver­ei­ni­gun­gen ent­stan­den, die sich die­ser Auf­ga­be anneh­men. 1976 wur­de Ver­ei­ni­gung für Rechts­so­zio­lo­gie gegrün­det. 2010 wur­de sie in Ana­lo­gie zur ame­ri­ka­ni­schen Law & Socie­ty Asso­ti­on in Ver­ei­ni­gung für Recht und Gesell­schaft umbe­nannt. Die Ver­ei­ni­gung rich­tet ihr Inter­es­se in beson­de­rer Wei­se auf die sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung der Juris­ten, legt dabei aber Wert dar­auf, nicht zu einer Hoch­schul­leh­rer­ver­ei­ni­gung her­kömm­li­chen Stils zu wer­den. Sie ver­an­stal­tet in zwei­jäh­ri­gem Rhyth­mus wis­sen­schaft­li­che Tagun­gen und gibt eine Schrif­ten­rei­he her­aus. Eher for­schungs­be­zo­gen und auf Koope­ra­ti­on mit der all­ge­mei­nen Sozio­lo­gie ange­legt ist die Sek­ti­on Rechts­so­zio­lo­gie in der Deut­schen Gesell­schaft für Sozio­lo­gie. Sie tagt jeweils im Zusam­men­hang mit dem Deut­schen Sozio­lo­gen­tag und hat die Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift für Rechts­so­zio­lo­gie bestellt, die seit 1980 halb­jähr­lich erscheint. Seit 2001 hat der Ber­li­ner Arbeits­kreis Rechts­wirk­lich­keit (BAR), der vor­wie­gend aus jun­gen Wis­sen­schaft­lern auf dem Kar­rie­re­pfad besteht, die trä­ge gewor­de­ne Rechts­so­zio­lo­gie in Deutsch­land auf­ge­mischt. Als wich­ti­ge Ver­öf­fent­li­chungs­rei­hen sind dane­ben zu nen­nen die von Hirsch und Reh­bin­der begrün­de­te Schrif­ten­rei­he zur Rechts­so­zio­lo­gie und Recht­s­tat­sa­chen­for­schung, die 2012 auf 92 Bän­de ange­wach­sen ist, fer­ner seit 1970 das Jahr­buch für Rechts­so­zio­lo­gie und Rechts­theo­rie (bis­her 11 Bän­de), das anschei­e­nend nicht fort­ge­führt wird.

Der rechts­so­zio­lo­gi­schen For­schung ste­hen als Dau­er­ein­rich­tung in den Uni­ver­si­tä­ten zur­zeit nur weni­ge mit Assis­ten­ten aus­ge­stat­te­te Pro­fes­so­ren­stel­len zur Ver­fü­gung. Grö­ße­re empi­ri­sche Unter­su­chun­gen kön­nen in der Regel nur über For­schungs­pro­jek­te durch­ge­führt wer­den, die von Fall zu Fall mit Mit­teln der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft, der Stif­tung Volks­wa­gen­werk oder der öffent­li­chen Hand finan­ziert wer­den.[3]

Beson­de­re Ver­diens­te um die Anre­gung, Koor­di­na­ti­on und För­de­rung sol­cher Pro­jek­te hat­te sich das 1973 gegrün­de­te Refe­rat Recht­s­tat­sa­chen­for­schung im Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz erwor­ben, das bis 1996 von Strem­pel glei­tet wur­de.[4] Als Trä­ger sol­cher Pro­jek­te tra­ten vor­über­ge­hend das von Ben­der in Stutt­gart gegrün­de­te Insti­tut für Recht­s­tat­sa­chen­for­schung e.V.[5] sowie eine Sozi­al­wis­sen­schaft­li­che For­schungs­grup­pe im Max-Planck-Insti­tut für aus­län­di­sches und Inter­na­tio­na­les Pri­vat­recht in Ham­burg auf, die 1982 eine neue Hei­mat im Zen­trum für Euro­päi­sche Rechts­po­li­tik (ZERP) an der Uni­ver­si­tät Bre­men fand. 1983 ist an der Uni­ver­si­tät Kon­stanz ein Insti­tut für Recht­s­tat­sa­chen­for­schung ent­stan­den, das aber nie wirk­lich gelie­fert hat.

Die empi­ri­sche For­schung ver­la­gert sich mehr und mehr auf außer­uni­ver­si­tä­re Insti­tu­te und Unter­neh­men wie INFRATEST in Mün­chen, PROGNOS in Basel oder das Insti­tut für Arbeits­markt­for­schung in Nürn­berg, vor allem aber in die Berichts­for­schung[6] durch inter­na­tio­na­le orga­ni­sa­tio­nen, Stif­tun­gen oder Think Tanks. In den USA ist die Ame­ri­can Bar Foun­da­ti­on Trä­ger umfang­rei­cher rechts­so­zio­lo­gi­scher For­schung. In Deutsch­land gibt es seit 2002 das Sol­dan Insti­tut für Anwalts­ma­nage­ment e. V., das Recht­s­tat­sa­chen­for­schung über den Rechts­be­ra­tungs­markt betreibt.

Das inter­na­tio­nal wich­tigs­te Forum der Rechts­so­zio­lo­gie ist die ame­ri­ka­ni­sche Law and Socie­ty Asso­cia­ti­on, auf deren Jah­res­ta­gun­gen jeweils 200 — 300 Vor­trä­ge gehal­ten wer­den. Ihre Vier­tel­jah­res­schrift Law and Socie­ty Review, die seit 1966 erscheint, erreicht eine beacht­li­che Auf­la­ge von über 3.000 Exem­pla­ren. Wegen Qua­li­tät und Viel­zahl der Bei­trä­ge und der Wei­te des The­men­spek­trums ist sie für jeden Rechts­so­zio­lo­gen unent­behr­lich gewor­den. Vie­le sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Bei­trä­ge ver­öf­fent­lich auch das in einer Auf­la­ge von 6.000 Exem­pla­ren ver­brei­te­te Rese­arch Jour­nal der Ame­ri­can Bar Foun­da­ti­on, das seit 1988 als »Law & Soci­al Inqui­ry« fir­miert. Als Fach­zeit­schrif­ten ver­die­nen fer­ner das Jour­nal of Law and Socie­ty (seit 1974; ursprüng­lich Bri­tish Jour­nal of Law and Socie­ty), die ita­lie­ni­sche Socio­lo­gia del Diritto (seit 1974), und das bei Aca­de­mic Press, Lon­don, erschei­nen­de Inter­na­tio­nal Jour­nal of Socio­lo­gy of Law (seit 1972) Erwäh­nung. In Frank­reich erscheint seit 1986 »Droit et Socié­te«, mit dem Unter­ti­tel Revue inter­na­tio­na­le de Théo­rie du Droit et de Socio­lo­gie juri­di­que. Als inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­ti­on der Rechts­so­zio­lo­gie ist schließ­lich Rese­arch Com­mit­tee on Socio­lo­gy of Law, eine Unter­or­ga­ni­sa­ti­on der Inter­na­tio­nal Socio­lo­gi­cal Asso­cia­ti­on, zu nen­nen. Es hat nicht zuletzt dadurch eine gewis­se Bedeu­tung gewon­nen, dass es seit 1989 das Inter­na­tio­na­les Insti­tut für Rechts­so­zio­lo­gie in Oña­ti, einer alten Uni­ver­si­täts­stadt im spa­ni­schen Bas­ken­land, betreibt.

V.    Zur Situation der Rechtssoziologie

Lite­ra­tur: Hazel Genn/Martin Partington/Sally Whee­ler, The Nuffield Inqui­ry on Empi­ri­cal Legal Rese­arch, 2006

Etwa seit 1960 erleb­te die Rechts­so­zio­lo­gie einen Auf­schwung, der bald drei­ßig Jah­re andau­er­te. Der Antrieb kam aus einer neu­en, frag­los auch durch den Mar­xis­mus ver­stärk­ten Sen­si­bi­li­tät für die Rol­le des Rechts bei der Befes­ti­gung von Ungleich­heit unter den Men­schen, von Macht und Herr­schaft. Sie ver­band sich mit der Idee, dass eben die­ses Recht als Hebel zur Ein­lei­tung eines sozia­len Wan­dels die­nen kön­ne. Die gro­ßen Erfolgs­the­men der Rechts­so­zio­lo­gie waren daher Zugang zu Recht und Gericht, Klas­sen­jus­tiz, und, vor allem von den USA aus­ge­hend, Ras­sen- und Geschlech­ter­dis­kri­mi­nie­rung. Hin­zu kamen bald die Suche nach den Spu­ren des Kolo­nia­lis­mus über­all in der Welt und die Fra­ge nach der Rol­le des Rechts in dik­ta­to­ri­schen Sys­te­men, vor allem in Nazi-Deutsch­land. Bei jün­ge­ren The­men wie dem Umgang mit Tech­no­lo­gie im wei­tes­ten Sin­ne, Pro­ble­men von Emi­gra­ti­on und Immi­gra­ti­on, Umwelt­zer­stö­rung und schließ­lich Glo­ba­li­sie­rung konn­te die Rechts­so­zio­lo­gie schon kei­ne füh­ren­de Rol­le mehr spie­len, son­dern nur noch ande­ren Dis­zi­pli­nen hin­ter­her­lau­fen.

Die Rechts­so­zio­lo­gie befin­det sich in einer Schwä­che­pha­se. Aber das ist kein iso­lier­tes Pro­blem der Rechts­so­zio­lo­gie, son­dern gilt auch für die all­ge­mei­ne Sozio­lo­gie. Das Inter­es­se hat sich auf ande­re Fächer wie Poli­tik­wis­sen­schaft und vor allem die Kul­tur­wis­sen­schaf­ten (u. § 15) ver­la­gert. Der Rechts­so­zio­lo­gie wird, eben­so wie der Mut­ter­dis­zi­plin, vor­ge­hal­ten, sie beschäf­ti­ge sich in ers­ter Linie mit sich selbst.[7] Die Fol­ge ist eine insti­tu­tio­nel­le Kri­se. In den juris­ti­schen Fakul­tä­ten ist die Rechts­so­zio­lo­gie all­ge­mein auf dem Rück­zug. Lehr­stüh­le wer­den umge­wid­met oder gestri­chen, Lehr­ver­an­stal­tun­gen wer­den sel­ten, kom­pe­ten­te Fach­ver­tre­ter muss man suchen, und die Zahl der Dritt­mit­tel­pro­jek­te schrumpft.

2007 fand in Ber­lin die mit 2400 Teil­neh­mern aus über 70 Län­dern bis­her größ­te rechts­so­zio­lo­gi­sche Tagung statt. Ein­ge­la­den hat­ten die ame­ri­ka­ni­sche Law & Socie­ty Asso­cia­ti­on, das inter­na­tio­na­le Rese­arch Com­mit­tee on Socio­lo­gy of Law, die (eng­li­sche) Socio-Legal Stu­dies Asso­cia­ti­on, die Japa­ne­se Asso­cia­ti­on of Socio­lo­gy of Law, die Ver­ei­ni­gung für Rechts­so­zio­lo­gie und die Sek­ti­on Rechts­so­zio­lo­gie der Deut­schen Gesell­schaft für Sozio­lo­gie. Am Ran­de der Tagung konn­te man von deut­schen Teil­neh­mern hören: Die Rechts­so­zio­lo­gie ist tot. Die Mit­glie­der­zahl der weit­ge­hend per­so­nen­iden­ti­schen Ver­ei­ni­gung für Rechts­so­zio­lo­gie und der Sek­ti­on Rechts­so­zio­lo­gie der DGS sta­gniert. An den Hoch­schu­len ist die alte Gar­de der Rechts­so­zio­lo­gen abge­tre­ten. Ihre Lehr­stüh­le sind umge­wid­met. Ein­schlä­gi­ge Schrif­ten­rei­hen sind nach und nach ein­ge­schla­fen. Die Zeit­schrift für Rechts­so­zio­lo­gie kämpft seit Jah­ren um ver­öf­fent­li­chungs­fä­hi­ge Manu­skrip­te. Die Kla­ge über den Nie­der­gang der Rechts­so­zio­lo­gie ist nicht auf Deutsch­land beschränkt. Auch für Eng­land kon­sta­tiert der sog. Nuffield-Report eine Kri­se der Rechts­so­zio­lo­gie. Ähn­li­che Berich­te waren auf der Kon­fe­renz aus Japan zu hören. Nur in den USA scheint es noch anders zu sein.

Bei der größ­ten Rechts­so­zio­lo­gie-Tagung aller Zei­ten wird der Nie­der­gang der Dis­zi­plin beklagt. Das ist nicht unbe­dingt ein Wider­spruch. Wis­sen­schaft­li­che Anstren­gun­gen, die unter dem Dach der Rechts­so­zio­lo­gie Platz hät­ten, sind umfang­rei­cher denn je. Poli­tik­wis­sen­schaft, (Sozial-)Psychologie, Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, Eth­no­lo­gie, Anthro­po­lo­gie, Geschich­te, Sprach­wis­sen­schaf­ten, Medi­en­wis­sen­schaf­ten haben das Recht als For­schungs­ge­gen­stand ent­deckt. Das Inter­es­se an Kri­mi­no­lo­gie ist unge­bro­chen. Das Erfolgs­ge­heim­nis der ame­ri­ka­ni­schen Law & Socie­ty Asso­cia­ti­on besteht wohl dar­in, dass sie eine Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Bin­de­strich-Fach Rechts-Sozio­lo­gie ver­mie­den hat.

Der Nuffield-Report, eine auf­wen­di­ge Unter­su­chung über die Situa­ti­on in Eng­land, beginnt die Zusam­men­fas­sung sei­ner Ergeb­nis­se mit der Fest­stel­lung:

»Empi­ri­cal legal rese­arch is increa­singly important to and valued by poli­cy makers, law refor­mers, the judi­cia­ry, aca­de­mics and prac­titio­ners.«

Das Pro­blem, so fährt der Bericht fort, lie­ge dar­in, dass es an Kapa­zi­tä­ten für die empi­ri­sche Rechts­for­schung feh­le. Die­sen Aus­gangs­punkt hat Volk­mar Gess­ner (in einem unver­öf­fent­lich­ten »Com­ment on the Bri­tish Inqui­ry Report«) mit guten Grün­den als Wunsch­den­ken zurück­ge­wie­sen. Gess­ner geht soweit, jun­gen Wis­sen­schaft­ler von einer Spe­zia­li­sie­rung auf empi­ri­sche Rechts­for­schung abzu­ra­ten, denn das sei eine kar­rie­re­schäd­li­che Sack­gas­se. Mit Gess­ner mei­nen wir, dass umge­kehrt feh­len­de Nach­fra­ge das Pro­blem der empi­ri­schen Rechts­for­schung ist. Gess­ner bestä­tigt zunächst, was ich frü­her als »Dilem­ma der Recht­s­tat­sa­chen­for­schung« bezeich­net habe: Es gibt kei­nen glat­ten Über­gang von den Daten zu recht­li­chen Kon­se­quen­zen, vom Sein zum Sol­len. Man weiß also nicht so recht, was man mit den Daten anfan­gen soll. Das gilt umso mehr, als sich die Sozi­al­wis­sen­schaf­ten sich nicht als Hilfs­wis­sen­schaf­ten der Juris­pru­denz und Poli­tik ver­ste­hen, son­dern bei der Daten­samm­lung ihren eige­nen For­schungs­in­ter­es­sen und dis­zi­pli­nä­ren Gewohn­hei­ten fol­gen, die eher auf Erklä­rung und Kri­tik als auf Ent­schei­dungs­hil­fe gerich­tet sind.

Wei­ter nennt Gess­ner sechs spe­zi­fi­sche Grün­de für feh­len­de Nach­fra­ge nach empi­ri­scher Rechts­for­schung.

  1. Die Daten, die von der Sozi­al­for­schung ange­bo­ten wer­den, sind im Ver­gleich zu den Ergeb­nis­sen der Natur­wis­sen­schaf­ten weich und oft wider­sprüch­lich. Juris­ten sind gewohnt, im foren­si­schen Bereich mit kla­ren Ergeb­nis­sen zu arbei­ten und auf ihrem eige­nen Feld jeden­falls mit herr­schen­den Mei­nun­gen. Sie ent­wi­ckeln daher ein ver­ständ­li­ches Miss­trau­en gegen­über den mehr ten­ta­ti­ven Ergeb­nis­sen, die ihnen von der empi­ri­schen Sozi­al­for­schung ange­bo­ten wer­den.
  2. Für Rich­ter, die täg­lich Fäl­le in gro­ßer Zahl zu ent­schei­den haben, ist es wenig hilf­reich, wenn ihr ohne­hin oft lücken­haf­tes Ent­schei­dungs­pro­gramm durch Sozi­al­for­schung zusätz­lich pro­ble­ma­ti­siert wird.
  3. Die Ver­wal­tung hat zwar einen grö­ße­ren Hand­lungs­spiel­raum als die Jus­tiz und einen ent­spre­chend höhe­ren Wis­sens­be­darf über sozia­le Pro­ble­me und mög­li­che Lösun­gen. Doch sie greift dafür in ers­ter Linie auf ihre eige­nen Erfah­run­gen zurück, das von Max Weber so genann­te Dienst­wis­sen.
  4. In der Poli­tik liegt der Bedarf für Recht­s­tat­sa­chen­for­schung mehr oder weni­ger auf der Hand. Doch die Poli­tik gibt sich in der Regel mit amt­li­chen Sta­tis­ti­ken zufrie­den. Zwar wer­den aus den Minis­te­ri­en immer wie­der auch ent­spre­chen­de Unter­su­chun­gen in Auf­trag gege­ben. Aber die Poli­tik rezi­piert nur sol­che Ergeb­nis­se, die ihre Plä­ne bestä­ti­gen.
  5. In der Rechts­wis­sen­schaft fehlt bei der Behand­lung kon­kre­ter Rechts­fra­gen eine Bezug­nah­me auf empi­ri­sche Daten, die wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards genü­gen.
  6. Rechts­so­zio­lo­gen erge­hen sich lie­ber in Theo­rie­kon­struk­ti­on, als dass sie har­te und müh­sa­me empi­ri­sche For­schung trei­ben.

Juris­ten belas­sen es bei Lip­pen­be­kennt­nis­sen zur Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät und kon­zen­trie­ren sich lie­ber auf die dog­ma­ti­schen Fächer. Wenn es denn schon die sog. Grundlagen­fächer sein müs­sen, bevor­zu­gen sie Rechts­phi­lo­so­phie und Rechts­ge­schich­te. Soweit sie sich noch für sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Arbeit inter­es­sie­ren, ste­hen pra­xis­be­zo­ge­ne Anwen­dun­gen wie Rechtstatsachen­forschung, Verwaltungs­wissen­schaft und Kri­mi­no­lo­gie im Vor­der­grund.

Unter jun­gen Sozi­al­wis­sen­schaft­lern gilt es als kar­rie­re­schäd­lich, eige­ne Arbei­ten, auch wenn sie ein­schlä­gig wären, der Rechts­so­zio­lo­gie zuzu­ord­nen. Die Vor­be­hal­te gegen­über einer Selbst­zu­ord­nung zur Rechts­so­zio­lo­gie haben ver­schie­de­ne Ursa­chen. Die wich­tigs­te besteht wohl dar­in, dass Rechts­so­zio­lo­gie vor­nehm­lich von Juris­ten betrie­ben wur­de und wird. Das gilt ganz beson­ders in Deutsch­land. In den sozio­lo­gi­schen Fakul­tä­ten ist Rechts­so­zio­lo­gie nie als eigen­stän­di­ges For­schungs­ge­biet akzep­tiert wor­den, obwohl doch Émi­le Durk­heim, Max Weber und Niklas Luh­mann, die wohl meist zitier­ten Sozio­lo­gen über­haupt, als Rechts­so­zio­lo­gen gel­ten kön­nen. Anschei­nend hofft man, eine grö­ße­re Distanz vom Recht zu gewin­nen, indem man die Bezeich­nung Rechts­so­zio­lo­gie ver­mei­det. Die Juris­ten wie­der­um haben die Rechts­so­zio­lo­gie kei­nes­wegs umarmt. Im Gegen­teil, sie haben die Rechts­so­zio­lo­gie als Kri­tik­wis­sen­schaft in Erin­ne­rung, die weit­ge­hend mar­xis­tisch inspi­riert war.

Die Stu­die­ren­den zei­gen zwar durch­aus ein Anfangs­in­ter­es­se, das vor allem aus der rechts­kri­ti­schen Atti­tü­de der Rechts­so­zio­lo­gie gespeist wird. Ihr Inter­es­se wird jedoch von den Zwän­gen der Examens­vor­be­rei­tung schnell erdros­selt. Die »gesell­schaft­li­chen Bezü­ge des Rechts« gehö­ren zwar wei­ter­hin zum Stoff der ers­ten juris­ti­schen Staats­prü­fung. Aber das ist nur »law in the books«, denn die Prü­fer sind Juris­ten, die sich nicht hin­rei­chend kom­pe­tent füh­len und daher auf jede Nach­fra­ge ver­zich­ten.

Die Fach­i­den­ti­tät der Rechts­so­zio­lo­gie, die vor zwan­zig Jah­ren erreicht war, scheint zu schwin­den. Zum Glück zeigt die Beschrän­kung des Blicks auf die als sol­che orga­ni­sier­te Rechts­so­zio­lo­gie (und auf deut­sche Ver­hält­nis­se) nur das hal­be Bild. Die ande­re Hälf­te bleibt durch die Eng­füh­rung des Faches unter dem Titel Rechts­so­zio­lo­gie ver­deckt. An vie­len Stel­len lässt sich ein neu­es, gestei­ger­tes Inter­es­se an inter­dis­zi­pli­nä­rer Rechts­for­schung beob­ach­ten. Schon immer wur­den in der Poli­ti­schen Sozio­lo­gie, in Poli­tik­wis­sen­schaft und Poli­to­lo­gie, in Sozi­al­psy­cho­lo­gie, Anthro­po­lo­gie und Eth­no­lo­gie rechts­so­zio­lo­gi­sche Fra­ge­stel­lun­gen bear­bei­tet, oft ohne Anschluss an die Rechts­so­zio­lo­gie. Hin­zu­ge­kom­men ist der umfang­rei­che Glo­ba­li­sie­rungs­dis­kurs, in dem das Recht eine zen­tra­le Rol­le ein­nimmt. Vie­le ein­schlä­gi­ge For­schun­gen ver­ste­hen sich als »kul­tur­wis­sen­schaft­lich«. Auch Frau­en­for­schung oder Gen­der Stu­dies lie­fern rele­van­te Bei­trä­ge. Sozi­al­bio­lo­gie oder gar Rechts­bio­lo­gie erle­ben eine gewis­se Renais­sance. Wich­ti­ge sozi­al­his­to­ri­sche Arbei­ten, wie sie etwa die Insti­tu­tio­nen­öko­no­mik bei­ge­bracht hat, sind von der Rechts­so­zio­lo­gie bis­her nicht aus­rei­chend wahr­ge­nom­men wor­den. Ähn­li­ches gilt für die Tech­nik­ge­schich­te. Die­sem viel­fäl­ti­gen Ange­bot ent­spricht in alten und neu­en Stu­di­en­gän­gen eine Nach­fra­ge nach einem »Modul«, das sich inter­dis­zi­pli­när mit dem Recht befasst.

Empi­ri­sche For­schung ist in der Rechts­so­zio­lo­gie in den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten sel­te­ner gewor­den. Das hat sei­ne Ursa­che wohl auch dar­in, dass das Fach weit­ge­hend auf hand­lungs­theo­re­ti­sche Hypo­the­sen, die sich unmit­tel­bar für die empi­ri­sche Foschung anbie­ten, ver­zich­tet und mehr und mehr zu sys­tem­theo­re­ti­schen und kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­re­ti­schen Ana­ly­sen über­gan­gen ist.[8] So ist die Empi­rie weit­ge­hend zur Domä­ne der Markt- und Mei­nungs­for­schung und der von mir so genann­ten Berichts­for­schung gewor­den. Immer­hin gibt es es eine gewis­se Kon­junk­tur bei der mikro­so­zio­lo­gi­schen Beob­ach­tung des Rechts als sozia­ler Pra­xis, und aus der Wen­dung zur Kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­rie sind medi­en­so­zio­lo­gi­sche Unter­su­chun­gen der Rechts­kom­mu­ni­ka­ti­on ent­stan­den. Rechts­so­zio­lo­gi­sche For­schung ist also nicht aus­ge­stor­ben. Sie läuft nur viel­fach unter frem­dem Namen.

[Stand Janu­ar 2012]

 


[1] Zusam­men­fas­sen­de Dar­stel­lun­gen über die Rechts­so­zio­lo­gie in ande­ren Län­dern geben: Jac­ques Com­mail­le, The Socio­lo­gy of Law in Fran­ce, in: Plett/Ziegert, Empi­ri­sche Rechts­for­schung zwi­schen Wis­sen­schaft und Poli­tik, 1984, 174–179; ders., Rap­port sur la socio­lo­gie du droit en Fran­ce, Socio­lo­gia del Diritto XII, 1985, 131–143; ders., La Socio­lo­gie du droit en Fran­ce. Les ambi­gui­tes d’une spe­cia­li­sas­ti­on, Socio­lo­gia del Diritto XVI, 1989, 19–42; Anne Deville, Situa­ti­on de la socio­lo­gie juri­di­que en Bel­gi­que, Socio­lo­gia del Diritto XII, 1985, 145–155; Hakan Hyden, Socio­lo­gy of Law in Scan­di­na­via, Jour­nal of Law and Socie­ty 13, 1986, 131–143; Tho­mas Knöp­fel, Ent­wick­lung und gegen­wär­ti­ger Stand der Rechts­so­zio­lo­gie in Spa­ni­en, Ber­lin 1982; Jean Van Hout­te (Hg.), Socio­lo­gy of Law in Dutch Speaking Coun­tries, Dor­drecht 1985.

[2] Über­sicht bei Kurt Seel­mann, Zur Lage der Wahl­fach­grup­pe Rechts­phi­lo­so­phie und Rechts­so­zio­lo­gie im juris­ti­schen Stu­di­um und im Refe­ren­dar­ex­amen, JuS 1980, 157–160.

[3] Zur Pro­blem­la­ge rechts­so­zio­lo­gi­scher Auf­trags­for­schung vgl. Kon­stan­ze Plett/Klaus A. Zie­gert, Empi­ri­sche Rechts­for­schung und Poli­tik, 1984.

[4] Vgl. Die­ter Strem­pel, Zur Recht­s­tat­sa­chen­for­schung in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land — Bericht über die Tätig­keit des Refe­rats »Recht­s­tat­sa­chen­for­schung« im Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz, Recht und Poli­tik 1981, S. 180–183; ders., Recht­s­tat­sa­chen­for­schung und Rechts­po­li­tik, zugleich ein Bericht über For­schungs­pro­jek­te des BMJ, ZRP 1984, S. 195–198. For­schungs­er­geb­nis­se wur­den in einer vom Minis­te­ri­um her­aus­ge­ge­be­nen Rei­he »Recht­s­tat­sa­chen­for­schung« ver­öf­fent­licht. Das Minis­te­ri­um hat sei­ne Akti­vi­tä­ten nach Abschluss der gro­ßen Unter­su­chungs­rei­he »Struk­tur­ana­ly­se der Rechts­pfle­ge« 1996 prak­tisch ein­ge­stellt.

[5] Dazu Wolf­gang Heinz (Hg.), Recht­s­tat­sa­chen­for­schung heu­te, Kon­stan­zer Schrif­ten zur Recht­s­tat­sa­chen­for­schung Bd. 1, Kon­stanz 1986.

[6] Klaus F. Röhl, Res­sort- und Berichts­for­schung als Daten­quel­le, in: Mat­thi­as Mahl­mann (Hg.), Gesell­schaft und Gerech­tig­keit, Fest­schrift für Hubert Rott­leuth­ner, 2011, S. 357–393.

[7] Zu die­sem The­ma das Heft »Sozio­lo­gie« in der Rei­he »Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te« (APuZ 34−35÷2005) mit Bei­trä­gen von Ulrich Beck, Karl Otto Hond­rich, Jür­gen Kocka u. a.

[8] Josef Ester­mann, Die Ver­bin­dung von Recht und Sozio­lo­gie als Chi­mä­re, in: Michel­le Cottier/Josef Estermann/Michael Wra­se (Hg.), Wie wirkt Recht?, 2010, 101–112, Fn. 1 und 4.

*