§ 6 Die Begründung der Rechtssoziologie durch Eugen Ehrlich

Schrif­ten: Über Lücken im Recht, 1888; Die still­schwei­gen­de Wil­lens­er­klä­rung, 1893; Freie Rechts­fin­dung und freie Rechts­wis­sen­schaft, 1903; Die Erfor­schung des leben­den Rechts, 1913; Grund­le­gung der Sozio­lo­gie des Rechts, 1913, 3. Aufl. 1967 (RS); Die rich­ter­li­che Rechts­fin­dung auf Grund des Rechts­sat­zes, 1917; Die juris­ti­sche Logik, 1918, 3. Aufl. 1966; Recht und Leben. Gesam­mel­te Schrif­ten zur Recht­s­tat­sa­chen­for­schung und zur Frei­rechts­leh­re, hg. von Reh­bin­der, 1967; Aus dem Nach­lass [1915]: Die Gesell­schaft, der Staat und ihre Ord­nung, ZfRSoz 13, 1992, 3–15.

Lite­ra­tur: Marc L. M. Her­togh (Hg.), Living Law. Recon­si­de­ring Eugen Ehr­lich, Oxford 2009; ders., Res­cuing Living Law from Juris­pru­dence, Juris­pru­dence 3, 2012, 135–152; Man­fred Reh­bin­der, Die Begrün­dung der Rechts­so­zio­lo­gie durch Eugen Ehr­lich, 2. Aufl. 1986; ders., Neu­es über Leben und Werk von Eugen Ehr­lich, in: FS Schelsky, 1977, 403–418; Hubert Rott­leuth­ner, Drei Rechts­so­zio­lo­gi­en: Eugen Ehr­lich, Hugo Sinz­hei­mer, Max Weber, in: Heyen, His­to­ri­sche Sozio­lo­gie der Rechts­wis­sen­schaft, 1986, 227–252; Gun­ther Teub­ner, Glo­ba­le Buko­wi­na: Zur Emer­genz eines trans­na­tio­na­len Rechts­plu­ra­lis­mus, Rechts­his­to­ri­sches Jour­nal 15, 1996, 255–290; Ste­fan Vogl, Sozia­le Gesetz­ge­bungs­po­li­tik, freie Rechts­fin­dung und sozio­lo­gi­sche Rechts­wis­sen­schaft bei Eugen Ehr­lich, 2003; Klaus Zie­gert, The Socio­lo­gy Behind Eugen Ehrlich’s Socio­lo­gy of Law, The Inter­na­tio­nal Jour­nal of the Socio­lo­gy of Law 7, 1979, 225–270.

I.    Leben und Werk

Ehr­lich (1862−1922) war seit 1896 Pro­fes­sor für römi­sches Recht in Czer­no­witz in der Buko­vina, am Ran­de der alten öster­reich-unga­ri­schen Donau­mon­ar­chie. Dort galt seit 1811 das öster­rei­chi­sche Zivil­ge­setz­buch, das ABGB. Es hat­te die recht­li­chen Gewohn­hei­ten der ver­schie­de­nen Völ­ker­schaf­ten, die dort zusam­men­tra­fen, jedoch nur ober­fläch­lich zurück­drän­gen kön­nen. Man kann sich vor­stel­len, wie Situa­ti­on Ehr­lich her­aus­for­der­te, das Juris­ten­recht mit der Rechts­wirk­lich­keit zu kon­fron­tie­ren.

Wis­sen­schafts­so­zio­lo­gisch inter­es­sant ist die Par­al­le­le zu Ernst-Edu­ard Hirsch. Er war wohl der ers­te, der nach dem zwei­ten Welt­krieg in der Bun­des­re­pu­blik sys­te­ma­tisch Rechts­so­zio­lo­gie betrieb. Er grün­de­te an der Frei­en Uni­ver­si­tät in Ber­lin das inzwi­schen wie­der auf­ge­lös­te Insti­tut für Recht­s­tat­sa­chen­for­schung. Hirsch war von Hau­se aus Han­dels­recht­ler. Er emi­grier­te 1933 in die Tür­kei und wur­de Pro­fes­sor für Han­dels­recht in Istan­bul. Dort befand er sich auf einem ähn­lich inter­es­san­ten sozio­lo­gi­schen Beob­ach­tungs­pos­ten wie sei­ner­zeit Ehr­lich in Czer­no­witz. Die Tür­kei hat­te sich ein neu­es Zivil­ge­setz­buch gege­ben, das weit­ge­hend nach dem Vor­bild des schwei­ze­ri­schen Zivil­ge­setz­buchs und Obli­ga­tio­nen­rechts gear­bei­tet war. So sah sich auch Hirsch in eine Situa­ti­on ver­setzt, in der eine Kodi­fi­ka­ti­on mehr oder weni­ger künst­lich einer völ­lig anders­ar­ti­gen Rechts­kul­tur über­ge­stülpt war.[1] Die Über­la­ge­rung einer Rechts­kul­tur durch eine ande­re, die so sehr zur sozio­lo­gi­schen Betrach­tung her­aus­zu­for­dern scheint, wur­de erst spät zum Gegen­stand sys­te­ma­ti­scher rechts­so­zio­lo­gi­scher Bemü­hun­gen gewe­sen, obwohl es dafür vie­le wich­ti­ge Bei­spie­le gab wie die Rezep­ti­on des römi­schen Rechts, die Aus­brei­tung des fran­zö­si­schen Code Civi­le und den Rechts­ex­port durch die Kolo­ni­al­mäch­te. Als nach 1989 die ehe­mals sozia­lis­ti­schen Län­der weit­ge­hend west­li­che Rechts­mo­del­le über­nah­men, wur­de die­ser Vor­gang zum Gegen­stand der Trans­for­ma­ti­ons­for­schung (§ 98 II. 7) unten).

Ehr­lichs Schrif­ten zu den Grund­la­gen der Rechts­an­wen­dung zei­gen ihn als füh­ren­den Ver­tre­ter der sog. Frei­rechts­schu­le (dazu § 10). 1910 grün­de­te er in Czer­no­witz ein Semi­nar für leben­des Recht, das heu­te viel­leicht Insti­tut für Recht­s­tat­sa­chen­for­schung hei­ßen wür­de. 1912 erstat­te­te er für den 31. Deut­schen Juris­ten­tag ein Gut­ach­ten über die Fra­ge: Was kann gesche­hen, um bei der Ausbildung/Vor und nach Abschluss des Uni­ver­si­täts­stu­di­ums das Ver­ständ­nis des Juris­ten für psy­cho­lo­gi­sche, wirt­schaft­li­che und sozio­lo­gi­sche Fra­gen in erhöh­tem Maße zu för­dern? Die 1913 erschie­ne­ne »Rechts­so­zio­lo­gie« Ehr­lichs ist kein sys­te­ma­ti­sches Werk. Ehr­lich hat sei­ne Gedan­ken in loser Form anein­an­der­ge­reiht, sie oft außer­or­dent­lich breit aus­ge­spon­nen und mit einer ver­wir­ren­den Fül­le his­to­ri­scher und zeit­ge­nös­si­scher Details bela­den. Dass es den­noch heu­te mög­lich ist, die Rechts­so­zio­lo­gie Ehr­lichs in aller Kür­ze als ein ver­hält­nis­mä­ßig geschlos­se­nes Sys­tem wie­der­zu­ge­ben, ist Man­fred Reh­bin­der zu ver­dan­ken, der sich aus­führ­lich mit dem Werk Ehr­lichs aus­ein­an­der­ge­setzt und dabei die tra­gen­den Grund­ge­dan­ken her­aus­ge­ar­bei­tet hat.

II.   Das lebende Recht

Das Haupt­werk Ehr­lichs ist die »Grund­le­gung der Sozio­lo­gie des Rechts«, die 1913 in Ber­lin erschien. Die kur­ze Vor­re­de lau­tet:

»Es wird oft behaup­tet, ein Buch müs­se so sein, dass man sei­nen Sinn in einem ein­zi­gen Satz zusam­men­fas­sen kön­ne. Wenn die vor­lie­gen­de Schrift einer sol­chen Pro­be unter­wor­fen wer­den soll­te, so wür­de der Satz etwa lau­ten: Der Schwer­punkt der Rechts­ent­wick­lung lie­ge auch in unse­rer Zeit, wie zu allen Zei­ten, weder in der Gesetz­ge­bung, noch in der Juris­pru­denz oder Recht­spre­chung, son­dern in der Gesell­schaft selbst. Viel­leicht ist in die­sem Satz der Sinn jeder Grund­le­gung einer Sozio­lo­gie des Rechts ent­hal­ten.«

In der Tat hat Ehr­lichs Rechts­so­zio­lo­gie nur ein ein­zi­ges The­ma. Sie will dem Juris­ten, der die Welt von Recht und Rechts­zwang beherrscht sieht, die rela­ti­ve Bedeu­tungs­lo­sig­keit staat­li­chen Rechts vor Augen füh­ren.

Ein­lei­tend führt Ehr­lich aus, die »selb­stän­di­ge Wis­sen­schaft vom Rech­te, die nicht prak­ti­schen Zwe­cken die­nen will, son­dern rei­ner Erkennt­nis, die nicht von Wor­ten han­delt, son­dern von Tat­sa­chen«, sei die Rechts­so­zio­lo­gie (RS S. 1). Die prak­ti­sche Juris­pru­denz sei dem­ge­gen­über nur eine Tech­nik, die Kunst, das Recht den beson­de­ren Bedürf­nis­sen des Rechts­le­bens dienst­bar zu machen und daher »etwas ganz ande­res als die Wis­sen­schaft vom Recht« (RS S. 198). Die Rechts­so­zio­lo­gie sei dar­um die ein­zig mög­li­che Wis­sen­schaft vom Recht, weil sie nicht bei den Wor­ten ste­hen blei­be, son­dern ihr Augen­merk auf die dem Recht zugrun­de­lie­gen­den Tat­sa­chen rich­te, und weil sie, »wie jede ech­te Wis­sen­schaft«, mit­tels der induk­ti­ven Metho­de, d. h. »durch Beob­ach­ten von Tat­sa­chen, Sam­meln von Erfah­run­gen unse­re Ein­sicht in das Wesen der Din­ge zu ver­tie­fen sucht« (RS S. 6).

Unter der Gesell­schaft, die Ehr­lich dem Staat gegen­über­stellt, ver­steht er nicht eine Ansamm­lung von Indi­vi­du­en, son­dern die Gesamt­heit mensch­li­cher Ver­bän­de. Die ein­fa­che­ren ursprüng­li­chen For­men der Ver­bän­de bil­den die Fami­lie, die Sip­pe, die Haus­ge­mein­schaft. In der Neu­zeit über­wie­gen aber grö­ße­re Ver­bän­de, die häu­fig auf frei­wil­li­gem und bewuss­tem Zusam­men­schluss beru­hen, wie Ver­ei­ne, Kir­chen, Gemein­den oder Par­tei­en, oder im wirt­schaft­li­chen Bereich , ein Land­gut, eine Fabrik oder ein Han­dels­un­ter­neh­men. Recht sei ursprüng­lich nichts ande­res als die inne­re Ord­nung, die Orga­ni­sa­ti­on sol­cher Ver­bän­de, die aus Regeln besteht, die jedem Ver­bands­an­ge­hö­ri­gen sei­ne Stel­lung und sei­ne Auf­ga­ben anwei­sen. Um die­se Ver­bands­ord­nung zu gewähr­leis­ten, bedarf es kei­ner staat­li­chen Gerich­te und Stra­fen. Sie setzt sich durch, weil nie­mand aus­ge­schlos­sen wer­den und so sei­ne Stel­lung inner­halb der Fami­lie, im Beruf, in einem Geschäft, in Kir­che oder Gemein­de, ver­lie­ren möch­te. Alle indi­vi­du­el­len Rech­te sind nur Refle­xe von Ver­bands­recht. »Recht ist vor allem Orga­ni­sa­ti­on«.

Der Rechts­wis­sen­schaft hält Ehr­lich vor, dass sie die Ver­bän­de »in Stü­cke geris­sen« habe, »um ihre Bestand­tei­le als Rechts­sub­jek­te und -objek­te, als ding­li­che und per­sön­li­che Rech­te ein­zeln unter das Ver­grö­ße­rungs­glas zu neh­men. Das mag prak­tisch gebo­ten sein, ist aber jeden­falls unwis­sen­schaft­lich: eben­so wie die alpha­be­ti­sche Ord­nung des Wör­ter­bu­ches prak­tisch gebo­ten, aber unwis­sen­schaft­lich ist. Die sozio­lo­gi­sche Rechts­wis­sen­schaft, durch kei­ner­lei prak­ti­sche Rück­sich­ten gebun­den, muss daher die aus­ein­an­der­ge­ris­se­nen Glie­der wie­der zu einem Gan­zen zu ver­ei­ni­gen suchen« (RS S. 34). Zu die­sem Zweck führ­te Ehr­lich mit sei­nen Stu­den­ten sog. juris­ti­sche Auf­nah­men durch. Er besuch­te etwa einen Bau­ern­hof oder eine Fabrik, um dort die gesam­te Orga­ni­sa­ti­on die­ses Ver­ban­des, wie sie sich in Besitz und Eigen­tum, Voll­mach­ten, Auf­trä­gen, Bestel­lun­gen, Kauf­ver­trä­gen, Arbeits­ver­trä­gen usw. dar­stell­te, zu ver­mit­teln und fest­zu­hal­ten.

Die fak­ti­sche Quel­le der in den Ver­bän­den wirk­sa­men Regeln sieht Ehr­lich in Übung, Besitz, Herr­schaft und Wil­lens­er­klä­rung, wobei mit Wil­lens­er­klä­rung ins­be­son­de­re Ver­trä­ge, letzt­wil­li­ge Ver­fü­gun­gen und Sat­zun­gen gemeint sind. Von die­sen Erschei­nun­gen spricht Ehr­lich als den Tat­sa­chen des Rechts. Aus ihnen soll sich die Orga­ni­sa­ti­on der Ver­bän­de her­lei­ten, und zwar zunächst die­je­ni­ge des ein­zel­nen kon­kre­ten Ver­ban­des. Reich­lich ver­wir­rend erhal­ten schon die­se kon­kre­ten Rechts­ver­hält­nis­se, also etwa die zwi­schen bestimm­ten Ehe­leu­ten ver­ein­bar­te Güter­ge­mein­schaft oder die von einem Unter­neh­men geschlos­se­nen Ver­trä­ge den Namen Rechts­norm. In jedem ein­zel­nen Ver­band herrscht also in die­sem Sin­ne ein ande­res Recht. Natür­lich über­sieht Ehr­lich nicht, dass bei aller Man­nig­fal­tig­keit der kon­kre­ten Ver­bands­ord­nun­gen doch auch eine erstaun­li­che Gleich­för­mig­keit besteht. Er betont aber, dass die Gleich­ar­tig­keit der Ord­nun­gen, die man in ähn­li­chen Ver­bän­den fin­det, nicht etwa pri­mär durch von außen an die Ver­bän­de her­an­ge­tra­ge­ne staat­li­che Geset­ze bewirkt wird, son­dern durch die Gleich­ar­tig­keit der wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Lebens­be­din­gun­gen, die zu gleich­ar­ti­gen Rechts­ge­stal­tun­gen füh­ren.

Das gesell­schaft­li­che Recht nann­te Ehr­lich das leben­de Recht. Sei­ne Auf­ga­be als Rechts­so­zio­lo­ge sah er in der Erfor­schung die­ses leben­den Rechts. Er grün­de­te in Czer­no­witz ein »Semi­nar für Erfor­schung des leben­den Rechts« und mach­te sich an die Auf­nah­me des »leben­den Rechts« der Buko­vina.

III. Entscheidungs- und Eingriffsnormen

Neben die­sem gesell­schaft­li­chen Recht ste­hen sozu­sa­gen als Recht zwei­ter Ord­nung die Ent­schei­dungs­nor­men: Sie schüt­zen das Ver­bands­le­ben von außen, fes­ti­gen und hal­ten es auf­recht, gestal­ten es aber nicht. Sie bil­den Regeln des Han­delns für die Gerich­te (die nicht unbe­dingt staat­lich sein müs­sen). Rechts­strei­tig­kei­ten sind für Ehr­lich die Krank­heits­fäl­le des Ver­bands­le­bens. In einem sol­chen Fall soll in ers­ter Linie die tat­säch­li­che inne­re Ord­nung des Ver­ban­des ermit­telt und gegen den Ver­let­zer eine Rechts­fol­ge ver­hängt wer­den. Bei­des zusam­men ergibt dann die Ent­schei­dungs­norm. Aber nur sel­ten kön­nen die Ent­schei­dungs­nor­men der­art auf die Ver­bands­ord­nung zurück­grei­fen. Meis­tens ist gera­de die Lücken­haf­tig­keit der Ver­bands­ord­nung Streit­ur­sa­che. Ent­schei­dungs­nor­men schlich­ten fer­ner den Streit meh­re­rer Ver­bän­de unter­ein­an­der. Außer­dem regeln sie Fra­gen, die mit der Aus­tra­gung des Streits selbst zu tun haben: Scha­den­er­satz, Berei­che­rung, Pro­zess­recht, Voll­stre­ckung. Ent­schei­dungs­nor­men sind teils das Ergeb­nis der Juris­ten­tä­tig­keit, teils sind sie staat­li­chen Ursprungs. Die Juris­ten gelan­gen zu Ent­schei­dungs­nor­men, indem sie die kon­kre­ten Nor­men des gesell­schaft­li­chen Rechts, die sich jeweils nur auf einen bestimm­ten Ver­band oder eine Mehr­heit von ähn­li­chen Ver­bän­den bezie­hen, in Wor­te klei­den und sie dabei ver­all­ge­mei­nern und ver­ein­heit­li­chen. Die abs­trak­ten, in Wor­te gefass­ten Rechts­re­geln nennt Ehr­lich im Gegen­satz zum gesell­schaft­li­chen Recht Rechts­sät­ze. Wenn sich Juris­ten um die For­mu­lie­rung neu­er Rechts­sät­ze bemü­hen, so geschieht das auf der Suche nach neu­en Ent­schei­dungs­nor­men. Da die Ent­schei­dungs­nor­men nach Auf­fas­sung von Ehr­lich aber nur Schutz­funk­tio­nen haben, ist die Grund­hal­tung der Juris­ten hier­bei vor­nehm­lich kon­ser­va­tiv. Die Juris­pru­denz, so sagt Ehr­lich, sei »viel­mehr eine erhal­ten­de als eine trei­ben­de Kraft« (RS S. 217).

Die Nor­men, die einer Ent­schei­dung zugrun­de gelegt wer­den, wer­den durch ihre abs­trak­te Fas­sung anwend­bar auf alle glei­chen oder gleich­ar­ti­gen Fäl­le. Und sol­che Anwen­dung wird auch all­ge­mein gefor­dert. Abwei­chun­gen von einer ein­mal zugrun­de geleg­ten Ent­schei­dungs­norm erschei­nen als Will­kür und Lau­ne. Das Fest­hal­ten an einer ein­mal gefun­de­nen Ent­schei­dungs­norm erleich­tert nicht nur die Ent­schei­dungs­tä­tig­keit, son­dern befrie­digt auch das gesell­schaft­li­che Bedürf­nis nach Vor­aus­seh­bar­keit von Rechts­ent­schei­dun­gen. Das alles fasst Ehr­lich zusam­men unter dem Gesetz der Ste­tig­keit der Ent­schei­dungs­nor­men, das den Rechts­sät­zen zu einem unge­mein zähen Leben und zu einer unge­heu­ren Aus­deh­nungs­fä­hig­keit ver­hilft. Neben den Ent­schei­dungs­nor­men kennt Ehr­lich noch eine zwei­te Art staat­li­cher Rechts­sät­ze, die er Ein­griffs­nor­men nennt. Den Unter­schied zwi­schen Ent­schei­dungs­nor­men und Ein­griffs­nor­men erblickt Ehr­lich dar­in, dass der Staat mit den Ent­schei­dungs­nor­men nur auf Antrag, sozu­sa­gen nur als Schieds­rich­ter, tätig wird, wäh­rend er mit den Ein­griffs­nor­men selbst die Initia­ti­ve ergreift.

Von der Mög­lich­keit, mit Hil­fe von Ent­schei­dungs­nor­men staat­li­che Zwe­cke durch­zu­set­zen, hält Ehr­lich nicht viel:

»Die Wir­kung der staat­li­chen Ent­schei­dungs­nor­men wird im all­ge­mei­nen sehr über­schätzt. Es kommt alles auf die Tätig­keit der Par­tei­en an, und die­se ver­sagt nicht sel­ten voll­stän­dig. Das Gesetz bleibt oft in wei­ten Krei­sen unbe­kannt, zuwei­len ist es prak­tisch unbrauch­bar, dann man­gelt es oft den Par­tei­en, die es begüns­tigt, an mate­ri­el­len Mit­teln, um ihren Anspruch durch­zu­set­zen, oder auch infol­ge der Lage­rung der tat­säch­li­chen Macht­ver­hält­nis­se an dem dazu erfor­der­li­chen Selbst­ver­trau­en oder Ver­trau­en in die Behör­den. Aus die­sem Grun­de blei­ben Arbei­ter­schutz­ge­set­ze, soweit sie nur Ent­schei­dungs­nor­men ent­hal­ten, regel­mä­ßig wir­kungs­los.« (RS S. 297)

Dage­gen bil­ligt er den Ein­griffs­nor­men grö­ße­re Effek­ti­vi­tät zu:

»Der unmit­tel­ba­re Ein­griff des Staa­tes wirkt erheb­lich stär­ker als die Ent­schei­dungs­norm. In der Geschich­te der Arbei­ter­schutz­ge­set­ze tritt das sehr sinn­fäl­lig zu Tage. Ursprüng­lich waren sie nur als Norm erlas­sen, die den Gerich­ten und Ver­wal­tungs­be­hör­den als Grund­la­ge der Ent­schei­dung von Strei­tig­kei­ten aus Lohn­ver­trä­gen und kör­per­li­cher Ver­let­zung die­nen soll­ten. Das war noch so beim fran­zö­si­schen Gesetz über den Zwölf­stun­den­tag und beim deut­schen Haft­pflicht­ge­setz. Die­se Geset­ze waren ganz unwirk­sam. Erst das Gewer­be­in­spek­to­rat, als staat­li­che Orga­ni­sa­ti­on zur Durch­füh­rung der Arbei­ter­schutz­ge­setz­ge­bung, hat ihnen durch unmit­tel­ba­re Ein­grif­fe Leben ver­lie­hen.« (RS S. 299 f.)

Aber auch Ein­griffs­nor­men müs­sen häu­fig ver­sa­gen:

»Man wird sich an den Gedan­ken gewöh­nen müs­sen, dass gewis­se Din­ge durch Gesetz über­haupt nicht bewirkt wer­den kön­nen (RS S. 302) … Die staat­li­chen Befeh­le sind am wirk­sams­ten, inso­fern sie bloß nega­tiv sind: wenn es sich nicht dar­um han­delt, die Men­schen zu einem Tun son­dern zu einem Unter­las­sen zu zwin­gen, wenn sie ver­bie­ten, bekämp­fen, zer­stö­ren, aus­rot­ten wol­len. In die­ser Wei­se hat der Staat im Lau­fe der Zeit unzäh­li­ge Kämp­fe geführt wider reli­giö­se Rich­tun­gen und poli­ti­sche Strö­mun­gen, wider Ver­ei­ne und sons­ti­ge Gemein­schaf­ten, zu denen er sich irgend­wie in Gegen­satz gestellt hat. Das ist der Inhalt fast des gan­zen staat­li­chen Straf­rechts, und ins­be­son­de­re des ein­zi­gen, das tat­säch­lich eini­ger­ma­ßen gesell­schaft­li­chen Ein­fluß hat. In die­ses Gebiet gehört ganz über­wie­gend die staat­li­che Poli­zei­ge­setz­ge­bung, die Sicher­heits-, Gesund­heits-, Gewer­be­po­li­zei …«

Viel zag­haf­ter muss der Staat vor­ge­hen, wo er die Men­schen zu einem posi­ti­ven Tun ver­an­las­sen möch­te.

»Die Men­schen­mas­sen zu lei­ten und zu len­ken ist unter allen Umstän­den unge­heu­er schwie­rig … In den weni­gen Fäl­len, wo der Staat gro­ße posi­ti­ve Leis­tun­gen durch­setzt , so vor allem in der Hee­res- und in der Steu­er­ver­wal­tung, da ist auf­grund einer viel­tau­send- oder min­des­tens viel­hun­dert­jäh­ri­gen Erfah­rung eine ganz beson­ders geschul­te und geschick­te Tech­nik dafür ent­stan­den … Wo staat­li­ches Recht sonst noch posi­tiv wirkt, da han­delt es sich wohl aus­nahms­los um den unmit­tel­ba­ren Ver­kehr der Behör­den mit der Bevöl­ke­rung in den Fäl­len, in denen die­se wenigs­tens eini­ger­ma­ßen ein­sieht, dass es in ihrem eige­nen Inter­es­se liegt, sich dem staat­li­chen Recht zu fügen. Dar­auf beruht zum größ­ten Teil das Pro­zeß­recht. Der bedeu­tends­te Erfolg des Staa­tes in der letz­ten Zeit, der in die­ses Gebiet gehört, ist wohl die Sozi­al­ver­si­che­rung. Das Unglück des Staa­tes ist, dass ihm alles, was er ein­rich­tet, zur Behör­de wird, selbst Anstal­ten für den Unter­richt, Kunst, Wis­sen­schaft und Wohl­fahrt, selbst Schu­len, Muse­en, Aus­stel­lun­gen, Eisen­bah­nen, Tabak­re­gie und Spi­tä­ler: sie ver­lie­ren dadurch nicht bloß die Schmieg­sam­keit, sich den wech­seln­den Bedürf­nis­sen des Lebens anzu­pas­sen, son­dern auch den Anhang in der Bevöl­ke­rung, der sich zum Werk­zeug gesell­schaft­li­chen Fort­schritts machen könn­te.« (RS S. 303 f.)

Ehr­lich beton­te, das staat­li­che Recht sei sta­tisch, die Ver­bands­ord­nung dage­gen in stän­di­ger Bewe­gung. Da staat­li­ches Recht auch nur beschränkt wirk­sam sei, wer­de es stän­dig vom gesell­schaft­li­chen Recht über­holt:

»Es ist klar, dass die­ser nie ras­ten­den Ent­wick­lung des gesell­schaft­li­chen Rechts gegen­über das star­re unbe­weg­li­che staat­li­che Recht nur zu oft im Rück­stand bleibt. Das Recht, wie es auch sein mag, ist stets eine Form der Herr­schaft des Toten über den Leben­den«. (RS S. 323)

Ehr­lich war der Auf­fas­sung, dass all­ge­mein nur ein sehr klei­ner Teil der Rechts­nor­men durch staat­li­chen Zwang Gel­tung erhal­te. Aber er räum­te doch ein, dass es immer­hin einen Bereich gebe, der ohne sol­chen Zwang nicht bestehen kön­ne, näm­lich das Heer- und Steu­er­we­sen. Er sah den Staat his­to­risch ent­stan­den als einen mili­tä­ri­schen Ver­band, der Steu­ern ein­trei­ben muss­te, um sich zu finan­zie­ren, und meint, durch die­se Ent­wick­lung sei­en der Staat und ein gro­ßer Teil der Gesell­schaft zuein­an­der in Gegen­satz getre­ten. Neue vom Staat geschaf­fe­ne Nor­men wür­den daher nicht frei­wil­lig akzep­tiert, son­dern müss­ten durch eine zen­tral gelenk­te, auf mili­tä­ri­sche und poli­zei­li­che Zwangs­ge­walt gestütz­te Rechts­pfle­ge und Ver­wal­tung durch­ge­setzt wer­den. Immer­hin kon­ze­diert Ehr­lich dem Staat, dass er sich in sei­nem Behör­den­ap­pa­rat und den dar­auf bezüg­li­chen Vor­schrif­ten eine erheb­li­che eige­ne Orga­ni­sa­ti­on geschaf­fen habe, dass er die auf sei­nem Gebie­te befind­li­chen Men­schen­grup­pen zu einem Staats­volk zusam­men­ge­schweißt und nach vie­len Rich­tun­gen eine ein­heit­li­che Rechts­ent­wick­lung ein­ge­lei­tet habe und den gesell­schaft­li­chen Ein­rich­tun­gen erhöh­ten Frie­den gewäh­re. Das wach­sen­de Gefühl für die Ein­heit­lich­keit der Gesamt­ge­sell­schaft bedin­ge, wenn auch nur vor­über­ge­hend, ein unge­heu­res Anwach­sen der Staats­tä­tig­keit. Ins­ge­samt sei der Anteil des Staa­tes an der Rechts­fin­dung aber »ziem­lich beschei­den« (RS S. 313). Er ste­he im Gegen­satz zu der all­ge­mein ver­brei­te­ten Vor­stel­lung von der All­macht des Staa­tes. Die­se Vor­stel­lung hat nach Ansicht Ehr­lichs zur Fol­ge gehabt, dass ein Wider­stand dage­gen als ver­werf­lich gel­te und dass ins­be­son­de­re die Rich­ter sich nicht über das staat­li­che Gesetz hin­weg­set­zen dürf­ten. Er beeilt sich aller­dings hin­zu­zu­fü­gen, dass Rechts­so­zio­lo­gie bloß die­se Tat­sa­che zu notie­ren habe, dass sie also kei­nes­falls den Rich­ter ermu­ti­gen wol­le, das Gesetz zu ver­nach­läs­si­gen. Sie müs­se nur fest­stel­len, dass der Rich­ter in Aus­übung sei­nes Amtes häu­fig unbe­wusst, manch­mal aber auch bewusst, unter der Herr­schaft ande­rer Mäch­te ste­he als bloß der des Geset­zes (RS S. 313 f.).

IV. Zur Bedeutung der Rechtssoziologie Ehrlichs

Ehr­lich hat­te sehr wohl erkannt, dass ein­ge­tre­ten war, wovor Savi­gny zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts im Hin­blick auf den Vor­schlag zur Kodi­fi­ka­ti­on des bür­ger­li­chen Rechts gewarnt hat­te: Das Recht hat sich von Sit­te und Gewohn­heit, von der Moral im Sin­ne Durk­heims oder dem leben­den Recht im Sin­ne Ehr­lichs abge­kop­pelt. Schrift­lich­keit, Pro­fes­sio­na­li­sie­rung, Zen­tra­li­sie­rung in der Hand des Ter­ri­to­ri­al­staa­tes, die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Fixie­rung von Rechts­set­zungs- und vor allem von Rechts­än­de­rungs­ver­fah­ren haben das Recht von sei­ner gesell­schaft­li­chen Basis gelöst und es zum Macht- und Herr­schafts­in­stru­ment des moder­nen Staa­tes wer­den las­sen. Ehr­lich sah aber in die­sem Vor­gang nur nega­tiv eine Ent­fer­nung des Rechts von sei­ner gesell­schaft­li­chen Grund­la­ge. Er erkann­te nicht die neu­ar­ti­ge Qua­li­tät des moder­nen Rechts: Das Recht ist in der Neu­zeit jeden­falls rela­tiv auto­nom gewor­den. Es folgt nicht zwangs­läu­fig dem sozia­len Wan­del, son­dern kann selbst sozia­len Wan­del brem­sen, beschleu­ni­gen oder sogar in Gang set­zen.

Sicher hat Ehr­lich auch rich­tig beob­ach­tet, wie einer­seits die Mas­se der Rechts­ver­hält­nis­se tat­säch­lich ohne irgend­wel­che direk­te Nach­hil­fe des Staa­tes glatt abge­wi­ckelt wird und wie ande­rer­seits die­je­ni­gen, die in die Müh­le der Jus­tiz gera­ten, zu einem gro­ßen Teil nicht mehr in die Gesell­schaft inte­griert sind. Aber man könn­te aus die­sen Tat­sa­chen auch den umge­kehr­ten Schluss zie­hen, dass staat­li­che Geset­ze erstaun­lich wirk­sam sind, so dass ihnen nur sel­ten mit Sank­tio­nen Nach­druck ver­lie­hen wer­den muss. Anschei­nend ist es gefähr­lich, mit so gro­ßen Hypo­the­sen zu arbei­ten. Man wird sich mit viel beschei­de­ne­ren Aus­sa­gen begnü­gen müs­sen. Es ist aller­dings das Ver­dienst Ehr­lichs, die Rechts­so­zio­lo­gie auf die von Juris­ten, und nicht nur von ihnen, unter­schätz­te Mög­lich­keit gesell­schaft­li­cher Selbst­re­gu­lie­rung ver­wie­sen zu haben. Vor­über­ge­hend zeich­ne­te sich ein neu­er Schwer­punkt rechts­so­zio­lo­gi­scher For­schung unter der kaum über­setz­ba­ren Über­schrift »indi­ge­nous law« ab, der die­sen Gedan­ken Ehr­lichs wie­der auf­nahm. Er wur­de vor allem von Rechts­an­thro­po­lo­gen bear­bei­tet. Seit die Zivi­li­sa­ti­on ihr ange­stamm­tes For­schungs­feld in den pri­mi­ti­ven Gesell­schaf­ten dezi­miert hat, über­tra­gen sie ihren plu­ra­lis­ti­schen Ansatz auf die moder­ne Indus­trie­ge­sell­schaft und suchen außer­halb des offi­zi­el­len staat­li­chen Rechts nach auto­no­men Rege­lungs­for­men, dem leben­den Recht im Sin­ne Eugen Ehr­lichs. So beruft sich auf ihn auch der moder­ne Rechts­plu­ra­lis­mus (§ 46 III unten). Der Blick rich­tet sich auch auf alter­na­ti­ve Kon­flikt­re­ge­lungs­ver­fah­ren in Ver­ei­nen, Ver­bän­den oder Wirt­schafts­be­rei­chen (§ 87 V unten) und bringt der Ten­denz nach auch eine posi­ti­ve Neu­be­wer­tung von Ansät­zen gesell­schaft­li­cher Selbst­re­gu­lie­rung in einer schein­bar ganz zen­tra­lis­ti­schen Rechts­kul­tur mit sich. Die Optik die­ses Ansat­zes ist jedoch kaum weni­ger ver­zerrt, als es die­je­ni­ge Ehr­lichs war. Die Selbst­re­gu­lie­rungs­kräf­te der moder­nen Indus­trie­ge­sell­schaft, soweit vor­han­den, lie­gen nicht mehr unmit­tel­bar bei der Grup­pe, der Groß­fa­mi­lie oder der Nach­bar­schaft, son­dern sie flie­ßen aus ihrer recht­lich orga­ni­sier­ten Glie­de­rung in Ver­bän­de, Par­tei­en, Gewerk­schaf­ten und zahl­rei­che teil­au­to­no­me Ein­hei­ten wie Kom­mu­nen und Kir­chen, Unter­neh­men, Rund­funk­an­stal­ten und Uni­ver­si­tä­ten. Auch auf der glo­ba­len Ebe­ne sind die maß­geb­li­chen Akteu­re recht­lich vor­struk­tu­riert, die wich­tigs­ten unter ihnen immer noch als Ter­ri­to­ri­al­staa­ten und als von die­sen abge­lei­te­te Orga­ni­sa­tio­nen. Die Suche nach der »Glo­bal Buko­wi­na« hat zwar kein gesell­schaft­li­ches Recht im Sin­ne Ehr­lichs, aber doch erstaun­li­che Hybrid­for­men zuta­ge geför­dert (§ 96 unten).

[Stand der Bear­bei­tung Janu­ar 2013]

Danach neu: Klaus F. Röhl/Stefan Machu­ra, 100 Jah­re Rechts­so­zio­lo­gie: Eugen Ehr­lichs Rechts­plu­ra­lis­mus heu­te, Juris­ten­zei­tung , 2013, 1117–1128.

 


[1] Hirsch, Rezep­ti­on als sozia­ler Pro­zeß. Erläu­tert am Bei­spiel der Tür­kei, 1981.

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