§ 30 Die soziale Handlung am Beispiel von Max Webers Handlungslehre

Gliederung

I.       Vom Verhalten zur Handlung
II.      Max Webers Begriff der sozialen Handlung
III.     Bestimmungsgründe sozialen Handelns
IV.    Exkurs: Die Bildung von Idealtypen

 

Schrif­ten Max Webers: Wirt­schaft und Gesell­schaft (1921) 5. Aufl. 1976; Über eini­ge Kate­go­ri­en der ver­ste­hen­den Sozio­lo­gie, in: Gesam­mel­te Auf­sät­ze zur Wis­sen­schafts­leh­re, 4. Aufl. 1973, 427 ff.; Sozio­lo­gi­sche Grund­be­grif­fe, ebd. S. 541 ff.

Lite­ra­tur: Jür­gen Haber­mas, Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns Bd. 1, 1981; Hans Hafer­kamp, Sozia­les Han­deln, 1995; Walt­her Mül­ler-Jentsch, Haber­mas schlud­rig rezi­piert: Ein­füh­rung und Lehr­buch ver­brei­ten Miss­ver­ständ­li­ches über sei­ne Hand­lungs­theo­rie, Sozio­lo­gie 33, 2004, 39–46; Richard Münch, Theo­rie des Han­delns, 1982; Tho­mas Luck­mann, Theo­rie sozia­len Han­delns, 1992; Ingo Schulz-Scha­ef­fer, Die drei Logi­ken der Selek­ti­on. Hand­lungs­theo­rie als Theo­rie der Situa­ti­ons­de­fi­ni­ti­on, Zeit­schrift für Sozio­lo­gie 37, 2008, 362–379.

I.         Vom Verhalten zur Handlung

Mensch­li­ches Ver­hal­ten ist nicht immer schon mensch­li­che Hand­lung. Man­che Posi­ti­vis­ten wer­den hier einen Unter­schied leug­nen. Sie sehen die beleb­te wie die unbe­leb­te Natur glei­cher­wei­se als streng deter­mi­niert. Da sie auch mensch­li­ches Ver­hal­ten als Teil die­ses geschlos­se­nen Sys­tems betrach­ten, ent­fällt die Not­wen­dig­keit, zwi­schen Ver­hal­ten (beha­vi­or) und Han­deln (action) zu unter­schei­den. Es genügt der Begriff des Ver­hal­tens, das als blo­ße Reak­ti­on auf zurei­chen­de Anstö­ße gedeu­tet wird, und das sei­ner­seits zum Anstoß wird für wei­te­re Reak­tio­nen. Wenn man daher blo­ßem Ver­hal­ten das Han­deln als mehr oder weni­ger sinn­haf­tes Ver­hal­ten gegen­über­stellt, so ver­bin­det sich mit die­ser Unter­schei­dung in der Regel eine idea­lis­ti­sche Welt­auf­fas­sung. In der Phi­lo­so­phie mag man idea­lis­ti­schen Auf­fas­sun­gen das Wort reden. Für die Sozio­lo­gie wird hier jedoch eine Hal­tung ver­tre­ten, die Als-ob-Posi­ti­vis­mus genannt wer­den soll. Gemeint ist damit, dass Sozio­lo­gie unbe­scha­det aller Hin­ter­grund­dis­kus­sio­nen dazu ver­ur­teilt ist, so zu tun, als wäre die Welt im Sin­ne des Posi­ti­vis­mus geord­net. Bis zur Erschöp­fung aller Mög­lich­kei­ten muss sie jeden­falls den Ver­such unter­neh­men, die Gesell­schaft empi­risch-nomo­lo­gisch zu erklä­ren.

Obwohl die Abhe­bung eines beson­de­ren Hand­lungs­be­griffs vom beha­vio­ris­ti­schen Begriff des Ver­hal­tens viel­fach mit idea­lis­ti­schen Impli­ka­tio­nen ver­bun­den ist, hat sie doch auch von einem posi­ti­vis­ti­schen Stand­punkt aus ihren Sinn, weil sie die Mög­lich­keit eröff­net, eine gegen­über der unbe­leb­ten und auch gegen­über der ani­ma­li­schen Natur höhe­re Kom­ple­xi­täts­ebe­ne zu the­ma­ti­sie­ren, näm­lich die Ebe­ne des Bewusst­seins und der Refle­xi­vi­tät. Auch der ärgs­te Posi­ti­vist kann nicht leug­nen, dass es bis heu­te nicht gelingt, die jewei­li­ge Reiz­si­tua­ti­on so exakt zu beschrei­ben, dass mensch­li­ches Ver­hal­ten im Ein­zel­fall vor­aus­sag­bar wäre, und er wird kon­ze­die­ren, dass der Grund unter ande­rem in der Kom­ple­xi­tät der Infor­ma­ti­ons- und Steue­rungs­pro­zes­se lie­gen könn­te, die gemein­hin als Bewusst­sein ange­spro­chen wer­den.

Mensch­li­ches Ver­hal­ten wird von mehr oder weni­ger bewuss­ten Sinn­vor­stel­lun­gen beglei­tet, von Gefüh­len und Vor­stel­lun­gen über Zwe­cke und Zie­le, Mit­tel, Nor­men und Wer­te. Auch der Beha­vio­rist muss zur Kennt­nis neh­men, dass Rei­ze nicht nur Wir­kung zei­gen, son­dern dass die­se Wir­kung gedank­lich vor­weg­ge­nom­men wer­den kann. Zwar wei­gern sich ech­te Beha­vio­ris­ten, die­sen psy­chi­schen Über­bau des Ver­hal­tens selbst zum Gegen­stand ihrer Unter­su­chun­gen zu machen, und zwar anschei­nend des­halb, weil es nicht annä­hernd gelin­gen will, eine Punkt-zu-Punkt-Bezie­hung zwi­schen dem psy­chi­schen Über­bau, Ver­hal­ten und Situa­ti­on her­zu­stel­len. Sie fürch­ten, dass sie ihren posi­ti­vis­ti­schen For­schungs­ko­dex ver­let­zen müss­ten. Der Als-ob-Posi­ti­vist kann da sehr viel unbe­küm­mer­ter vor­ge­hen. Es ist ein­fach unrea­lis­tisch, die Sinn­ori­en­tie­rung mensch­li­chen Ver­hal­tens in die berühm­te schwar­ze Kis­te zu ste­cken. Er beru­higt daher sein posi­ti­vis­ti­sches (Als-ob-) Gewis­sen mit einer Ana­lo­gie zur Phy­sik: Lan­ge, bevor man alle Vor­gän­ge auf atom­phy­si­ka­li­sche Pro­zes­se redu­zie­ren konn­te, erwies es sich als sinn­voll, Erschei­nun­gen wie Schwer­kraft oder Wär­me makro­phy­si­ka­lisch zu beob­ach­ten und zu beschrei­ben. Ähn­lich kann man den Ver­such machen, Sinn­be­zie­hun­gen als sol­che zu beschrei­ben und gewis­se, mög­li­cher­wei­se nur sehr gro­be, Ver­bin­dun­gen zwi­schen Sinn und Ver­hal­ten her­zu­stel­len. So betrach­tet ist es auch aus (quasi-)positivistischer Sicht durch­aus zweck­mä­ßig, zwi­schen blo­ßem Ver­hal­ten und Han­deln als sinn­ori­en­tier­tem Ver­hal­ten zu unter­schei­den und mit der Vor­stel­lung des sozia­len Han­delns als eines (auch) sinn­haf­ten Gesche­hens zu ope­rie­ren. Daher kön­nen wir auch heu­te noch und wie­der mit Max Weber (WuG S. 1) sagen:

»Sozio­lo­gie soll hei­ßen: eine Wis­sen­schaft, wel­che sozia­les Han­deln deu­tend ver­ste­hen und dadurch in sei­nem Ablauf und sei­nen Wir­kun­gen ursäch­lich erklä­ren will.«

Auch den nächs­ten Schritt hat Max Weber (WuG S. 1) vor­ge­zeich­net.

»›Han­deln‹ soll dabei ein mensch­li­ches Ver­hal­ten (einer­lei ob äuße­res oder inner­li­ches Tun, oder Las­sen oder Dul­den) hei­ßen, wenn und sofern als der oder die Han­deln­den mit ihm einen sub­jek­ti­ven Sinn ver­bin­den.«

Das bedeu­tet nicht, dass nur voll bewuss­tes und reflek­tier­tes Ver­hal­ten in Betracht käme. Im Gegen­teil wird das meis­te Ver­hal­ten nur von einem gerin­gen Bewusst­seins­grad beglei­tet, wie ja Sozi­al­sys­te­me über­haupt nur funk­ti­ons­fä­hig sind, wenn die Mas­se der Hand­lun­gen unre­flek­tiert abläuft. In die­sem Sin­ne schreibt Max Weber (WuG S.10):

»Das rea­le Han­deln ver­läuft in der gro­ßen Mas­se sei­ner Fäl­le in dump­fer Halb­be­wußt­heit oder Unbe­wußt­heit sei­nes ›gemein­ten Sinns‹. Der Han­deln­de ›fühlt‹ ihn mehr unbe­stimmt, als dass er ihn wüß­te oder ›sich klar mach­te‹, han­delt in der Mehr­zahl der Fäl­le trieb­haft oder gewohn­heits­mä­ßig. Nur gele­gent­lich, und bei mas­sen­haft gleich­ar­ti­gem Han­deln oft nur von Ein­zel­nen, wird ein (sei es ratio­na­ler, sei es irra­tio­na­ler) Sinn des Han­delns in das Bewußt­sein geho­ben. Wirk­lich effek­tiv, d. h. voll bewußt und klar, sinn­haf­tes Han­deln ist in der Rea­li­tät stets nur ein Grenz­fall.«

Als sinn­haft in dem hier gemein­ten Sin­ne ist des­halb nicht nur der Ide­al­fall einer voll bewuss­ten und reflek­tier­ten Hand­lung, son­dern jedes von einem Hin­ter­grund- oder Mit­be­wusst­sein beglei­te­te Ver­hal­ten anzu­se­hen. Auch zur nähe­ren Erläu­te­rung des­sen, das mit Sinn gemeint ist, las­sen wir noch ein­mal Max Weber (WuG S. 1 f.) spre­chen:

» ›Sinn‹ ist hier ent­we­der der tat­säch­lich in einem his­to­risch gege­be­nen Fall von einem Han­deln­den oder durch­schnitt­lich und annä­hernd in einer gege­be­nen Mas­se von Fäl­len von den Han­deln­den (oder in einem begriff­lich kon­stru­ier­ten rei­nen Typus, von dem oder den als Typus gedach­ten Han­deln­den) sub­jek­tiv gemein­te Sinn. Nicht etwa irgend­ein objek­tiv ›rich­ti­ger‹ oder ein meta­phy­sisch ergrün­de­ter ›wah­rer‹ Sinn. Dar­in liegt der Unter­schied der empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten vom Han­deln: der Sozio­lo­gie und der Geschich­te gegen­über allen dog­ma­ti­schen: Juris­pru­denz, Logik, Ethik, Aes­the­tik, wel­che an ihren Objek­ten den ›rich­ti­gen‹, ›gül­ti­gen‹ Sinn erfor­schen wol­len.«

II.     Max Webers Begriff der sozialen Handlung

Wenn wir von der Hand­lung (Inter­ak­ti­on) als einem Grund­ele­ment des Sozia­len aus­ge­hen, kön­nen wir die Gesell­schaft begrei­fen als eine Viel­zahl von Men­schen, die bei ihren Hand­lun­gen in irgend­ei­ner Wei­se auf­ein­an­der Rück­sicht neh­men. Damit ist nicht Rück­sicht im mora­li­schen Sin­ne gemeint, son­dern nur der Umstand, dass Men­schen bei ihren Hand­lun­gen die Exis­tenz und die Reak­ti­on ande­rer Men­schen in Rech­nung stel­len. Von einer Inter­ak­ti­on zwi­schen zwei oder mehr Han­deln­den spricht Weber bei einem »sei­nem Sinn­ge­halt nach auf­ein­an­der ein­ge­stell­ten und dadurch ori­en­tier­ten Ver­hal­ten meh­re­rer.«

»Sozia­les Han­deln (ein­schließ­lich des Unter­las­sens und Dul­dens) kann ori­en­tiert wer­den am ver­gan­ge­nen, gegen­wär­ti­gen oder für künf­tig erwar­te­ten Ver­hal­ten ande­rer (Rache für frü­he­re Angrif­fe, Abwehr gegen­wär­ti­gen Angriffs, Ver­tei­di­gungs­maß­re­geln, gegen künf­ti­ge Angrif­fe). Die ›ande­ren‹ kön­nen Ein­zel­ne und Bekann­te, oder unbe­stimmt vie­le und ganz unbe­kannt sein (›Geld‹ z. B. bedeu­tet ein Tausch­gut, wel­ches der Han­deln­de beim Tausch des­halb annimmt, weil er sein Han­deln an der Erwar­tung ori­en­tiert, dass sehr zahl­rei­che, aber unbe­kann­te und unbe­stimmt vie­le ande­re es ihrer­seits künf­tig in Tausch zu neh­men bereit sein wer­den). Nicht jede Art von Berüh­rung von Men­schen ist sozia­len Cha­rak­ters, son­dern nur ein sinn­haft am Ver­hal­ten des ande­ren ori­en­tier­tes eige­nes Ver­hal­ten. Ein Zusam­men­prall zwei­er Rad­fah­rer z. B. ist ein blo­ßes Ereig­nis wie ein Natur­ge­sche­hen. Wohl aber waren ihr Ver­such, dem ande­ren aus­zu­wei­chen und die auf den Zusam­men­prall fol­gen­de Schimp­fe­rei, Prü­ge­lei oder fried­li­che Erör­te­rung ›sozia­len Han­delns‹.« (WuG S. 11)

Die sozia­le Inter­ak­ti­on ist etwas, was man beob­ach­ten und mes­sen kann. Man kann beob­ach­ten, wie häu­fig und wie lan­ge bestimm­te Men­schen in Rich­tung auf­ein­an­der han­deln, von wem die Initia­ti­ve aus­geht, wel­che Regel­mä­ßig­kei­ten sich dabei zei­gen usw. Ja, eigent­lich ist die (sozia­le) Hand­lung das ein­zi­ge, was sich, unge­ach­tet vie­ler metho­di­scher Pro­ble­me, direkt beob­ach­ten läßt.

III.   Bestimmungsgründe sozialen Handelns

Max Weber defi­nier­te die Sozio­lo­gie als »eine Wis­sen­schaft, wel­che sozia­les Han­deln deu­tend ver­ste­hen und dadurch in sei­nem Ablauf und sei­nen Wir­kun­gen ursäch­lich erklä­ren will«. Für die Deu­tung des sozia­les Han­deln beglei­ten­den, mög­li­cher­wei­se auch lei­ten­den Sinns schlug er eine Ein­tei­lung in vier Hand­lungs­ty­pen vor. Danach kön­nen die Bestim­mungs­grün­de sozia­len Han­delns sein:

»1. Zweck­ra­tio­nal: durch Erwar­tun­gen des Ver­hal­tens von Gegen­stän­den der Außen­welt und von ande­ren Men­schen und unter Benut­zung die­ser Erwar­tun­gen als ›Bedin­gun­gen‹ oder als ›Mit­tel‹ für ratio­nal, als Erfolg, erstreb­te und abge­wo­ge­ne eige­ne Zwe­cke,

2.  Wert­ra­tio­nal: durch bewuß­ten Glau­ben an den—ethischen, ästhe­ti­schen, reli­giö­sen oder wie immer sonst zu deu­ten­den – unbe­ding­ten Eigenwert eines bestimm­ten sich Ver­hal­tens rein als sol­chen, unab­hän­gig vom Erfolg,

3.  Affek­tu­ell, ins­be­son­de­re emo­tio­nal: durch aktu­el­le Affek­te und Gefühls­la­gen,

4. Tra­di­tio­nal: durch ein­ge­leb­te Gewohn­heit.« (WuG S. 12)

Zu 1.: Zweck­ra­tio­nal ist eine Hand­lung, wenn der Han­deln­de ein Ziel vor Augen hat und die ent­spre­chen­den Mit­tel zur Errei­chung die­ses Zie­les ein­setzt.

»Zweck­ra­tio­nal han­delt,« so sag­te Weber, »wer sein Han­deln nach Zweck, Mit­teln und Neben­fol­gen ori­en­tiert und dabei sowohl die Mit­tel gegen die Zwe­cke, wie die Zwe­cke gegen die Neben­fol­gen, wie end­lich auch die ver­schie­de­nen mög­li­chen Zwe­cke gegen­ein­an­der ratio­nal abwägt: also jeden­falls weder affek­tu­ell (und ins­be­son­de­re nicht emo­tio­nal), noch tra­di­tio­nal han­delt.« (WuG S. 13)

Man kann zweck­ra­tio­na­les Han­deln auf­glie­dern in die Ziel­aus­wahl und die Mit­tel­aus­wahl. Hin­sicht­lich der Ziel­aus­wahl ist cha­rak­te­ris­tisch, dass hier aus der Sicht des Akteurs ein Wahl­akt, eine Ent­schei­dung zwi­schen ver­schie­de­nen Zwe­cken, vor­liegt, auch wenn von außen gese­hen das Hand­lungs­ziel nicht indi­vi­du­ell frei gewählt, son­dern von ver­brei­te­ten Bedürf­nis­sen und Wert­vor­stel­lun­gen beein­flußt wird. Die Mit­tel­aus­wahl dage­gen ist nicht durch Wer­te, son­dern durch den Kau­sal­zu­sam­men­hang vor­ge­ge­ben. Weber kommt es dar­auf an, wel­chen Sinn der Han­deln­de sei­nem Han­deln bei­legt. Wenn er in Fol­ge man­gel­haf­ter Kennt­nis­se unge­eig­ne­te Mit­tel zur Erlan­gung des gewünsch­ten Zwecks wählt, so han­delt er im Sin­ne Webers den­noch ratio­nal.[1] Ein Ver­hal­ten, das dar­auf abzielt, bei gege­be­nem Zweck mög­lichst objek­tiv geeig­ne­te Mit­tel zum Ein­satz zu brin­gen, wird auch instru­men­tel­les Ver­hal­ten genannt. Zweck­ra­tio­na­les Han­deln in die­sem Sin­ne fin­det man vor allem in der Wirt­schaft, in Wis­sen­schaft und Tech­nik.

Als Gegen­be­griff zum instru­men­tel­len Han­deln ist häu­fig der des expres­si­ven Han­delns nütz­lich (§ 85 VII unten). Sehr häu­fig wird ein Ver­hal­ten geschätzt, weil es Selbst­zweck ist, indem es durch sich selbst Befrie­di­gung ver­schafft. Das gilt etwa für Essen und Trin­ken, sexu­el­le Betä­ti­gung, aber auch für vie­le Frei­zeit­be­schäf­ti­gun­gen und der­glei­chen mehr. Expres­si­ves Han­deln lässt sich in Webers Vier­tei­lung schwer unter­brin­gen.

Zu 2.: Die wert­ra­tio­na­le Hand­lungs­wei­se ori­en­tiert sich nach Gebo­ten oder nach bestimm­ten For­de­run­gen ethi­scher, ästhe­ti­scher, reli­giö­ser oder sonst wert­haf­ter Art, die der Han­deln­de an sich gestellt glaubt:

»Rein wert­ra­tio­nal han­delt,« sagt Weber, »wer ohne Rück­sicht auf die vor­aus­zu­se­hen­den Fol­gen han­delt im Dienst sei­ner Über­zeu­gung von dem, was Pflicht, Wür­de, Schön­heit, reli­giö­se Wei­sung, Pie­tät, oder die Wich­tig­keit einer ›Sache‹ gleich viel wel­cher Art ihm zu gebie­ten schei­nen … vom Stand­punkt der Zweck­ra­tio­na­li­tät aus aber ist Wert­ra­tio­na­li­tät immer, und zwar je mehr sie den Wert, an dem das Han­deln ori­en­tiert wird, zum abso­lu­ten Wert stei­gert, des­to mehr: irra­tio­nal, weil sie ja um so weni­ger auf die Fol­gen des Han­delns reflek­tiert, je unbe­ding­ter allein des­sen Eigen­wert (rei­ne Gesin­nung, Schön­heit, abso­lu­te Güte, abso­lu­te Pflicht­mä­ßig­keit) für sie in Betracht kommt.« (WuG S.·12)

Die Unter­schei­dung von Zweck­ra­tio­na­li­tät und Wert­ra­tio­na­li­tät ist nicht ganz scharf, denn Wer­te und Zwe­cke sind glei­cher­ma­ßen Ziel­vor­stel­lun­gen des Han­delns. Aller­dings bezeich­net ein Zweck einen kon­kre­ten Zustand in der Außen­welt, wäh­rend Wer­te abs­trak­te­re Gesichts­punk­te für die Ord­nung von Zwe­cken dar­stel­len. Aber die Abgren­zung ist nicht immer scharf. Bei der Zweck­ra­tio­na­li­tät liegt der Akzent auf der Mit­tel­wahl. Der Zweck ist dem Han­deln­den nicht wei­ter pro­ble­ma­tisch. Bei der Wert­ra­tio­na­li­tät liegt der Akzent dage­gen auf der glau­bens­vol­len Hin­ga­be oder bei der kämp­fe­ri­schen Recht­fer­ti­gung der Ziel­vor­stel­lung. Die Fra­ge nach den dar­aus abzu­lei­ten­den Zwe­cken oder gar nach Mit­teln ist sekun­där.

Wert­ra­tio­na­les Han­deln ist dadurch gekenn­zeich­net, dass der Akteur sich bewußt den Ent­schei­dun­gen bestimm­ter Auto­ri­tä­ten beugt, der Ent­schei­dung Got­tes, des Rechts oder der Geset­ze, aber auch dem eige­nen Gewis­sen. Ent­schei­dungs­pro­ble­me stel­len sich etwa in einer Fra­ge wie der, ob man Gott mehr gehor­chen sol­le als den Men­schen. In wert­ra­tio­na­lem Ver­hal­ten kom­men beson­ders sol­che sozia­len Nor­men zum Tra­gen, die im Ver­lau­fe des Sozia­li­sa­ti­ons­pro­zes­ses nach­hal­tig inter­na­li­siert wor­den sind. Moder­ne Sozio­lo­gen ver­mei­den aller­dings oft den Aus­druck wert­ra­tio­nal und spre­chen statt­des­sen von sym­bo­li­scher Bedeu­tung (vgl. §·23, 2). Bei­spie­le wert­ra­tio­na­len Ver­hal­tens las­sen sich beson­ders im Fami­li­en­recht auf­fin­den, etwa in älte­ren Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs, die kate­go­risch außer­ehe­li­chen Geschlechts­ver­kehr selbst unter Ver­lob­ten als Unzucht miß­bil­lig­ten.[2] Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt[3] hat in sei­nem Urteil zur Frei­ga­be der Abtrei­bung den Gegen­satz von zweck­ra­tio­na­lem und wert­ra­tio­na­lem Han­deln vor Augen, wenn es for­mu­liert:

»Das Gesetz ist nicht nur Instru­ment zur Steue­rung gesell­schaft­li­cher Pro­zes­se nach sozio­lo­gi­schen Erkennt­nis­sen und Pro­gno­sen, es ist auch blei­ben­der Aus­druck sozi­al­ethi­scher und — ihr fol­gend — recht­li­cher Bewer­tung einer Hand­lung: es soll sagen, was für den Ein­zel­nen Recht und Unrecht ist.«

Wert­ra­tio­nal sind die abso­lu­ten Straf­theo­ri­en, zweck­ra­tio­nal dage­gen die rela­ti­ven, die Gene­ral- und Spe­zi­al­prä­ven­ti­on als Straf­zweck pro­kla­mie­ren. Der Streit um die Todes­stra­fe ist über­wie­gend wert­ra­tio­nal geführt wor­den.

Neue For­men wert­ra­tio­na­len Ver­hal­tens, die in den letz­ten Jah­ren an Bedeu­tung gewon­nen haben, fin­den sich im Femi­nis­mus, im Pazi­fis­mus oder bei den Grü­nen. Kenn­zei­chen die­ser Bewe­gun­gen, das ihnen zugleich ihre Schwung­kraft zu geben scheint, ist die rigo­ro­se Aus­rich­tung auf spe­zi­fi­sche Wer­te: Gleich­be­rech­ti­gung der Frau, Frie­den und Ver­nei­nung der Atom­kraft, Schutz der natür­li­chen Umwelt usw., denen alles Han­deln unter­ge­ord­net wird.

Die Bedeu­tung die­ser Hand­lungs­ty­pen für die Rechts­so­zio­lo­gie ergibt sich nicht zuletzt dar­aus, dass Weber selbst das moder­ne Recht der west­li­chen Indus­trie­ge­sell­schaf­ten als ein Sys­tem aus ratio­na­len Hand­lun­gen erklär­te. Ratio­nal han­deln danach in ers­ter Linie die Juris­ten als Ver­wal­ter des Rechts. Das Recht erwar­tet aber auch vom Publi­kum weit­hin ratio­na­les Ver­hal­ten. Rechts­so­zio­lo­gie ist daher mit der Fra­ge befaßt, ob und wie­weit inner­halb des Rechts­sys­tems tat­säch­lich wert- oder zweck­ra­tio­nal gehan­delt wird. Das ist kei­nes­wegs durch­ge­hend der Fall. Juris­ti­sches Han­deln stellt sich als eine eigen­tüm­li­che Mischung aus wert- und zweck­ra­tio­na­lem Ver­hal­ten dar. Hans Albert hat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das juris­ti­sche (eben­so wie das theo­lo­gi­sche) Han­deln dadurch gekenn­zeich­net ist, dass es einem Offen­ba­rungs­mo­dell der Erkennt­nis folgt.[4] Das soll hei­ßen, dass es für Juris­ten dar­auf ankommt, »die Wahr­heit aus den Ver­laut­ba­run­gen von Instan­zen zu ent­neh­men, die mit unbe­zwei­fel­ba­rer Auto­ri­tät für die Lösung der betref­fen­den Pro­ble­me aus­ge­stat­tet sind“. Sowohl Zwe­cke als auch Mit­tel sind dem Juris­ten nor­ma­ler­wei­se auto­ri­ta­tiv vor­ge­ge­ben und ste­hen nicht zur Dis­po­si­ton. Dies ist selbst dort zu beob­ach­ten, wo Gestal­tungs­spiel­räu­me in Geset­zen oder feh­len­de Vor­schrif­ten, etwa in der Leis­tungs­ver­wal­tung, Raum für eige­ne Ent­schei­dun­gen geben. Die Wahl der Zwe­cke kann auch in die­sem Bereich nur im Rah­men der ver­fas­sungs­recht­li­chen Ziel­set­zun­gen erfol­gen, und eben­so ist die Wahl der Mit­tel, z. B. durch das Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prin­zip, nor­ma­tiv limi­tiert. Auf der ande­ren Sei­te bean­sprucht juris­ti­sches Han­deln in einem erheb­li­chen Umfang, zweck­ra­tio­na­les Ver­hal­ten zu sein. In der juris­ti­schen Metho­den­leh­re wird sol­ches Ver­hal­ten mit den Stich­wor­ten teleo­lo­gi­sche Aus­le­gung und Fol­genana­ly­se ange­spro­chen (vergl. § 19). Aber auch die for­ma­len Ele­men­te des Rechts und bis zu einem gewis­sen Gra­de das Gel­ten­las­sen von Vor­ent­schei­dun­gen des Gesetz­ge­bers, höhe­rer Gerich­te und ande­rer Instan­zen kann durch­aus als Mit­tel zum Zweck etwa von Ent­schei­dungs­fä­hig­keit und Rechts­si­cher­heit ver­stan­den wer­den. Schließ­lich ent­hält das Recht auch man­che tra­di­tio­na­len Ele­men­te wie z. B. den Eid. Das sind aber zunächst nur gro­be Hin­wei­se auf das theo­re­ti­sche Selbst­ver­ständ­nis der Rechts­wis­sen­schaft, das zwi­schen Wert- und Zweck­ra­tio­na­li­tät hin- und her­schwankt. Eine wei­te­re Fra­ge wäre die nach hand­lungs­wirk­sa­men Ein­stel­lun­gen der Juris­ten. Sie wird vor allem in der Rich­ter­so­zio­lo­gie gestellt (§§ 60 f.).

Zu 3.: Im Unter­schied zur kon­se­quen­ten, plan­vol­len Ori­en­tie­rung des ratio­na­len Han­delns ist das affek­tu­el­le oder emo­tio­na­le Sich­ver­hal­ten das Ergeb­nis einer spon­ta­nen Reak­ti­on des Han­deln­den:

»Affek­tu­ell han­delt, wer sein Bedürf­nis nach aktu­el­ler Rache, aktu­el­lem Genuß, aktu­el­ler Hin­ga­be, aktu­el­ler kon­tem­pla­ti­ver Selig­keit oder nach Abre­ak­ti­on aktu­el­ler Affek­te … befrie­digt.« (WuG S. 12)

Die­ses Kon­zept des affek­tu­el­len Han­delns ist nicht völ­lig klar.[5] Webers Wort­wahl und sei­ne Erläu­te­rung deu­ten auf eine bloß momen­ta­ne Durch­bre­chung (zweck- oder wert-)rationalen Han­delns. Neben sol­chen Affek­ten im enge­ren Sin­ne gibt es auch lang­fris­tig wirk­sa­me Gefüh­le, so dass man auch von emo­tio­na­lem Ver­hal­ten spre­chen kann. Affek­tu­el­les oder emo­tio­na­les Ver­hal­ten ist oft im Kon­flikt­fall anzu­tref­fen. Daher ist die­ser Hand­lungs­typ beson­ders bei der Ana­ly­se von Kon­flikt­ver­läu­fen hilf­reich (§ 81 unten). Er wird aber auch an ande­rer Stel­le gebraucht, so z. B. in der The­se, dass neue Rechts­nor­men eher wir­kungs­los blei­ben, wenn sie affek­tu­ell gepräg­te Ver­hal­tens­wei­sen beein­flus­sen wol­len, als wenn sie instru­men­tel­les Ver­hal­ten regeln (§ 48).

Zu 4.: Emo­tio­na­les und tra­di­tio­na­les Ver­hal­ten ähneln sich in der Wei­se, dass bei­de sich oft an der Gren­ze und auch jen­seits des­sen bewe­gen, was man ein sinn­haft ori­en­tier­tes Han­deln nen­nen kann:

»Das tra­di­tio­na­le Ver­hal­ten ist sehr oft nur ein dump­fes, in der Rich­tung der ein­mal ein­ge­leb­ten Ein­stel­lung ablau­fen­des Reagie­ren auf gewohn­te Rei­ze. Die Mas­se alles ein­ge­leb­ten All­tags­han­delns nähert sich die­sem Typus, … « (WuG S. 12)

Als Bei­spiel kön­nen die übli­chen Gruß­for­meln die­nen, die wir täg­lich gedan­ken­los ver­wen­den. Tra­di­tio­na­les Ver­hal­ten ist in ers­ter Linie erlern­tes Ver­hal­ten. Aber es gibt natür­lich auch eine bewuss­te Pfle­ge der Tra­di­ti­on, etwa in stu­den­ti­schen Kor­po­ra­tio­nen. Wenn bewuss­te Tra­di­ti­ons­pfle­ge die Tra­di­ti­on zum Wert hoch­sti­li­siert, fällt sie aller­dings unter den Typus des wert­ra­tio­na­len Han­delns.

Das tra­di­tio­na­le Ver­hal­ten ist eine Form von Regel­ra­tio­na­li­tät. Pro­fes­sor Cau­tious geht nie ohne Regen­schirm aus dem Haus. Als Cau­tious in Isra­el zu Besuch war, nahm er den Schirm sogar mit in die Wüs­te, ein Fall strik­ter Regel­ra­tio­na­li­tät, die sub­op­ti­mal ist. Bes­ser wäre es, die Hand­lung wür­de zweck­ra­tio­nal geplant. Doch auch das ver­ur­sacht Mühe und Kos­ten, wenn stän­dig neu ent­schie­den wer­den muss. Zuwei­len ist da stu­res Befol­gen von Nor­men güns­ti­ger.

Die Typen des tra­di­tio­na­len, wert­ra­tio­na­len und zweck­ra­tio­na­len Han­delns bil­den nach Weber eine evoluto­ri­sche Rei­he mit zuneh­men­der Ratio­na­li­tät. Sie äußert sich durch zuneh­men­de Pro­ble­ma­ti­sie­rung von Gewiss­hei­ten. Die­se Hand­lungs­ty­pen fügen sich damit in die gro­ße Hypo­the­se Webers von der zuneh­men­den Ratio­na­li­sie­rung des Rechts und der Gesell­schaft. Obwohl das affek­tu­el­le Han­deln eine ganz ande­re Dimen­si­on auf­zeigt, ist es doch eine sinn­vol­le Ergän­zung der drei ande­ren Typen. Auf allen drei Stu­fen kann die Ratio­na­li­tät durch affek­tu­el­les Han­deln durch­bro­chen wer­den. Affek­tu­el­les Han­deln muss immer in Rech­nung gestellt wer­den, auch wenn es nir­gends als vor­herr­schen­de Hand­lungs­ori­en­tie­rung dau­er­haft wirk­sam ist.

Für die Rechts­so­zio­lo­gie hat Weber selbst in sei­ner Herr­schafts­so­zio­lo­gie eine bedeu­ten­de Anwen­dung sei­ner Hand­lungs­theo­rie gelie­fert. Dar­über wird sogleich in § 31 berich­tet.

Natür­lich gibt Webers Typo­lo­gie des sozia­len Han­delns nicht den letz­ten Stand der sozio­lo­gi­schen Theo­rie­dis­kus­si­on wie­der. Den­noch ist sie nach wie vor bedeut­sam. Eine ande­re, gleich­falls schon his­to­ri­sche, aber für die Rechs­so­zio­lo­gie immer noch wich­ti­ge Hand­lungs­theo­rie wird in § 34 behan­delt. Hier sei nur noch auf die Hand­lungs­theo­rie von Jür­gen Haber­mas hin­ge­wie­sen, der Webers Typo­lo­gie ver­wirft, weil sie der Zweck­ra­tio­na­li­tät einen so hohen Stel­len­wert ein­räumt, vor allem aber, weil er Webers Hand­lungs­be­griff als mono­lo­gisch ein­ord­net. Dage­gen hat Haber­mas einen »kom­mu­ni­ka­ti­ven« Hand­lungs­be­griff ent­wor­fen, der zwi­schen stra­te­gi­schem (erfolgs­ori­en­tier­tem) und ver­stän­di­gungs­ori­en­ter­tem Han­deln unter­schei­det.

IV. Exkurs: Die Bildung von Idealtypen

[Jetzt § 7 IV]

 

 


[1] Dage­gen nann­te Vilf­re­do Pare­to (All­ge­mei­ne Sozio­lo­gie, 1955, orig. Flo­renz 1916) die objek­tiv zweck­mä­ßi­ge Hand­lung eine logi­sche, die nur sub­jek­tiv zweck­mä­ßi­ge Hand­lung dage­gen eine unlo­gi­sche; dazu näher Kiss, Sozio­lo­gi­sche Theo­ri­en II, 105 ff.

[2] BGHSt — Gro­ßer Senat — E 6, 46 ff.

[3] BVerfGE 39, 1 ff., 59.

[4] Erkennt­nis und Recht, JbRSoz 2, 1972, 80–96, 82 f.

[5] Ein jün­ge­rer Auf­satz, der nach dem Titel Klä­rung erhof­fen lässt, kon­zen­triert sich auf die Typi­sie­rung mimi­schen Aus­drucks­ver­hal­tens und des­sen wech­sel­sei­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on. Max Weber wird nicht erwähnt (Chris­ti­an von Sche­ve, Die emo­tio­na­le Struk­tur sozia­ler Inter­ak­ti­on: Emo­ti­ons­ex­pres­si­on und sozia­le Ord­nungs­bil­dung, Zeit­schrift für Sozio­lo­gie 39, 2010, 346–362).

[Stand der Bear­bei­tung 22. März 2013]

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