§ 38 Das Recht als symbolisches Universum

Lite­ra­tur: Jochen Dre­her, Sym­bo­li­sche For­men des Wis­sens, in: Rai­ner Schüt­zei­chel (Hg.), Hand­buch der Wis­sens­so­zio­lo­gie und Wis­sens­for­schung, 2007, 463–471; ders., Zur Wir­kungs­wei­se von Kol­lek­tiv­sym­bo­lik im Recht – Sym­bo­li­sche Macht und »Klas­sen­jus­tiz«, in: Michel­le Cot­tier u. a. (Hg), Wie wirkt Recht?, 2010, 323–345; Axel Drews/Ute Gerhard/Jürgen Link, Moder­ne Kol­lek­tiv­sym­bo­lik. Eine dis­kurs­theo­re­tisch ori­en­tier­te Ein­füh­rung mit Aus­wahl­bi­blio­gra­phie, Inter­na­tio­na­les Archiv für Sozi­al­ge­schich­te der Deut­schen Lite­ra­tur, 1. Son­der­heft, 1985, 256–363 (ab S. 296 Biblio­gra­phie und Regis­ter); Nel­son Good­man, Spra­chen der Kunst, Ent­wurf einer Sym­bol­theo­rie, 1997 (Lan­guages of Art, 1968); Micha­el Hoff­mann, Was sind »Sym­bo­le«, und wie lässt sich ihre Bedeu­tung erfas­sen?, in: Gert Mel­vil­le (Hg.), Insti­tu­tio­na­li­tät und Sym­bo­li­sie­rung, 2001, 95–117; Chris­ti­ne Mager­ski, Die Wir­kungs­macht des Sym­bo­li­schen. Von Cas­si­rers Phi­lo­so­phie der sym­bo­li­schen For­men zu Bour­dieus Sozio­lo­gie der sym­bo­li­schen For­men,: Zeit­schrift für Sozio­lo­gie 34, 2005, 112–127. Jür­gen Link, Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Grund­be­grif­fe, 6. Aufl. 1997; Hans-Georg Soeff­ner: Zur Sozio­lo­gie des Sym­bols und des Ritu­als, in: ders., Gesell­schaft ohne Bal­da­chin: Über die Labi­li­tät von Ord­nungs­kon­struk­tio­nen, 2000, 180–208; Rudolf Schlögl, Sym­bo­le in der Kom­mu­ni­ka­ti­on, in: Schlögl u. a. (Hg.), Die Wirk­lich­keit der Sym­bo­le, 2004, 9–38; Hans-Georg Soeff­ner, Sym­bo­li­sche For­mung. Eine Sozio­lo­gie des Sym­bols und des Ritu­als, 2010; Tzve­tan Todo­rov, Sym­bol­theo­ri­en, 1995.

Zusammenfassung[1]

  1. Für die Rechts­so­zio­lo­gie braucht man einen engen Sym­bol­be­griff. Der bei Phi­lo­so­phen und teil­wei­se auch bei Sozio­lo­gen ver­brei­te­te Pan­sym­bo­lis­mus hilft hier nicht wei­ter.
  2. Die Beschäf­ti­gung mit den Sym­bo­len lei­det unter der kul­tur­wis­sen­schaft­lich gepräg­ten Nei­gung zur »para­dig­ma­ti­schen« Über­in­ter­pre­ta­ti­on der Sym­bo­le.
  3. Die gän­gi­gen Sym­bo­le für Recht und Staat sind ver­blasst und ver­braucht.
  4. In der Theo­rie hal­ten die Juris­ten in der Tra­di­ti­on von Rudolf Smend die Sym­bo­le hoch. Die juris­ti­sche Pra­xis hat Schwie­rig­kei­ten im Umgang mit den Sym­bo­len, und zwar aus zwei Grün­den:
  1. Mit Sym­bo­len lässt sich noch schlech­ter steu­ern als mit Wor­ten.
  2. Wenn Inter­es­sen­kon­flik­te mit Sym­bo­len aus­ge­tra­gen wer­den, wird dar­aus, was Vil­helm Aubert als Wert­kon­flikt bezeich­ne­te.

I.  Was ist ein Symbol?

1)  Pansymbolismus in Philosophie und Soziologie

Sym­bo­li­scher Inter­ak­tio­nis­mus und phä­no­me­no­lo­gi­sche Sozio­lo­gie haben dem Sym­bol­be­griff eine enor­me Kon­junk­tur beschert. Das »Sym­bol« ist zu einem eben­so belieb­ten wie unbe­stimm­ten Fach­be­griff in allen Kul­tur­wis­sen­schaf­ten gewor­den. Von einer Sym­bol­theo­rie im stren­gen Sin­ne kann jedoch kei­ne Rede sein. Der Sym­bol­be­griff bleibt unklar[2]; klar ist nur, dass Sym­bo­le auf etwas Unbe­stimm­tes ver­wei­sen. Sym­bol­theo­rie ist des­halb in dop­pel­tem Sin­ne eine Theo­rie der Unbe­griff­lich­keit. Sie jagt mit unschar­fen Begrif­fen nach undeut­li­chen Phä­no­me­nen. Den­noch: Es gibt da etwas jen­seits der aus­for­mu­lier­ten Regeln und Nor­men, und des­halb muss die Rechts­so­zio­lo­gie min­des­tens beob­ach­ten, ob nicht doch irgend­wo hand­fes­te Ergeb­nis­se zu Tage geför­dert wer­den.[3] Dazu benö­tigt sie einen engen Sym­bol­be­griff. Der Pan­sym­bo­lis­mus der Phi­lo­so­phen und vie­ler Sozio­lo­gen, der alle Struk­tu­ren auf­löst, hilft ihr nicht wei­ter.

Man kann alles, womit Men­schen Sinn ver­bin­den – Wor­te, Bil­der und ande­re Zei­chen, Hand­lun­gen, natür­li­che Gegen­stän­de und Ver­läu­fe –, zum Sym­bol erklä­ren. In die­sem Sin­ne sagt Cas­si­rer: »Unter einer ›sym­bo­li­schen Form‹ soll jene Ener­gie des Geis­tes ver­stan­den wer­den, durch wel­che ein geis­ti­ger Bedeu­tungs­ge­halt an ein kon­kre­tes sinn­li­ches Zei­chen geknüpft und die­sem inner­lich zuge­eig­net wird.« [4] Auch die mikro­so­zio­lo­gi­sche Theo­rie des sym­bo­li­schen Inter­ak­tio­nis­mus baut auf die spe­zi­fisch mensch­li­che Fähig­keit, äuße­re Zei­chen mit Sinn zu ver­bin­den und mit ihrer Hil­fe Iden­ti­tät und ein wech­sel­sei­ti­ges Ver­ständ­nis zu ent­wi­ckeln. Sie ana­ly­siert, wie aus der Unzahl indi­vi­du­el­ler Inter­pre­ta­tio­nen der Sinn­zu­schrei­bung durch ande­re Men­schen sym­bo­li­sche For­men des Wis­sens ent­ste­hen und zur Sub­stanz des Sozia­len wer­den. Die­se Ansät­ze beto­nen ganz all­ge­mein und grund­sätz­lich den sinn­haf­ten Auf­bau der Welt. Jede Wahr­neh­mung ist mit Inter­pre­ta­ti­on ver­bun­den, der wahr­ge­nom­me­ne Vor­gang wird damit zum Sym­bol. Des­halb ist hier von Pan­sym­bo­lis­mus die Rede. Oft kann man die Benen­nung als sym­bo­lisch ersatz­los strei­chen. Der Sym­bol­be­griff ver­liert auch dann sei­ne ana­ly­ti­sche Kraft, wenn man die Bin­dung an »kon­kre­te sinn­li­che Zei­chen« löst. Dann ist »sym­bo­lisch« nur noch ein Hin­weis auf Gedan­ken, Ide­en, Bewuss­tes oder Unbe­wuss­tes. Auch in dem »Ent­wurf einer Sym­bol­theo­rie« von Nel­son Good­man (1998) hat der Sym­bol­be­griff kei­ne eigen­stän­di­ge Bedeu­tung. Es han­delt sich um eine spe­zi­el­le Zei­chen­theo­rie für die Bild­in­ter­pre­ta­ti­on. Bour­dieus Kon­zept von sym­bo­li­schem Kapi­tal und sym­bo­li­scher Gewalt (Bour­dieu 1983 u. 1993; Moebi­us 2006) hilft zwar bei der Inter­pre­ta­ti­on von Zei­chen und Tex­ten als sym­bo­lisch im enge­ren Sinn. Die Kenn­zeich­nung der Theo­rie selbst als sym­bo­lisch bringt jedoch kei­nen Gewinn. Sie ver­weist nur auf bestimm­te Wis­sens­be­stän­de und stellt sie phy­si­scher Gewalt und rea­lem Besitz gegen­über. Zu all­ge­mein und unspe­zi­fisch bleibt schließ­lich eine makro­so­zio­lo­gi­sche Theo­rie sym­bo­li­scher Sys­te­me, die in der Tra­di­ti­on von Tal­cott Par­sons und Niklas Luh­mann nach »sym­bo­li­schen Gene­ra­li­sie­run­gen« sucht, auf deren Grund­la­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on über unvor­her­seh­bar ver­schie­de­ne The­men über­haupt erst mög­lich sein soll.[5] Damit das Sozia­le nicht im Sym­bo­li­schen auf­geht, ist für die Rechts­so­zio­lo­gie ein enge­rer Sym­bol­be­griff erfor­der­lich. Er soll­te sich auf Bedeu­tun­gen kon­zen­trie­ren, die nicht als seman­ti­sche Abbil­dung erfass­bar sind, son­dern auf eine unbe­stimm­te­re, eben »sym­bo­li­sche« Wei­se ver­mit­telt wer­den. Sym­bo­lisch in die­sem enge­ren Sin­ne ist nur der »Neben­sinn« eines Bedeu­tungs­trä­gers. Der muss aller­dings nicht neben­säch­lich blei­ben, son­dern kann zur Haupt­sa­che wer­den.

2) Der »struktural-funktional reformulierte« Symbolbegriff

Für die Rechts­so­zio­lo­gie muss man die Begrif­fe nur sel­ten neu ent­wer­fen. In der Regel kann man auf das gro­ße Theo­rie­an­ge­bot zurück­grei­fen. So über­neh­me ich hier den »struk­tu­ral-funk­tio­nal refor­mu­lier­ten« Sym­bol­be­griff« von Drews/Gerhard/Link. Er hat eine soli­de Grund­la­ge, weil er auf dem geläu­fi­gen Zei­chen­be­griff auf­baut.

In einem sehr wei­ten Sin­ne ver­steht man unter einem Sym­bol jedes Zei­chen, das zur Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­wen­det wird, ganz gleich, ob Buch­sta­be oder Wort, Ges­te oder Bild. Es wird dar­über gestrit­ten, ob Sym­bo­le stets als Zei­chen anzu­se­hen sind. Sicher ist aber, dass Zei­chen immer auch etwas Sym­bo­li­sches haben kön­nen.

Zei­chen sind mate­ri­el­le Phä­no­me­ne, die kom­mu­ni­ka­ti­ven Zwe­cken die­nen. Mate­ri­ell in die­sem Sin­ne sind auch flüch­ti­ge Erschei­nun­gen wie Lau­te und Ges­ten. Zu erken­nen sind Zei­chen an Merk­ma­len wie Form und Far­be, Ton­hö­he und Ton­dau­er, Mate­ri­al­qua­li­tät usw. Das Signal der Tür­klin­gel ist ein sehr ein­fa­ches Zei­chen. Die meis­ten Zei­chen sind kom­ple­xer. Das gilt beson­ders für Spra­che und Bil­der.

Das Zei­chen selbst, der mate­ri­el­le Bedeu­tungs­trä­ger (der Signi­fi­kant), ist von sei­ner Bedeu­tung (dem Signi­fi­kat) zu unter­schei­den. Damit stellt sich natür­lich die Fra­ge, wor­aus die Bedeu­tung eines Zei­chens resul­tiert. In der Zei­chen­theo­rie gibt es einen für den Sym­bol­be­griff wich­ti­gen Dis­put zu der Fra­ge, ob letzt­lich alle Zei­chen kon­ven­tio­nell sind, d. h., ob sie ihre Bedeu­tung erst durch ihren Gebrauch zum Zwe­cke der Kom­mu­ni­ka­ti­on gewin­nen, oder ob es auch Zei­chen gibt, denen die Bedeu­tung unmit­tel­bar ein­ge­prägt ist. Charles S. Peirce, der ame­ri­ka­ni­sche Klas­si­ker der Zei­chen­theo­rie, teil­te die Zei­chen in drei Klas­sen ein, näm­lich die iko­ni­schen Zei­chen, die eine Ähn­lich­keit zu dem auf­wei­sen, was sie bedeu­ten, die inde­xi­ka­li­schen Zei­chen, bei denen eine Kau­sal­be­zie­hung auf das Bedeu­te­te hin­weist wie der Rauch auf das Feu­er, und die sym­bo­li­schen Zei­chen, die – wie das Alpha­bet – ihre Bedeu­tung erst aus dem Pro­zess der Ver­wen­dung gewin­nen.[6] Fer­di­nand de Saus­su­re dage­gen, der Begrün­der der lin­gu­is­ti­schen Semio­tik, sah die Din­ge bei­na­he umge­kehrt. Er ver­wen­de­te den Zei­chen­be­griff nur für kon­ven­tio­nel­le (Sprach-)Zeichen. Hin­sicht­lich anschau­li­cher Zei­chen sprach er von Sym­bo­len. Auch der all­ge­mei­ne Sprach­ge­brauch ten­diert dahin, »anschau­li­che« Zei­chen als Sym­bo­le zu benen­nen. Aller­dings muss es sich nicht um iko­ni­sche Zei­chen im enge­ren Sin­ne han­deln. Auch kör­per­li­che Objek­te, Ges­ten oder Laut­ma­le­rei kom­men in Betracht. Eben­so nei­gen Rechts­his­to­ri­ker dazu, den Sym­bol­be­griff für anschau­li­che Zei­chen zu reser­vie­ren. Für die Zwe­cke der Rechts­so­zio­lo­gie genügt es fest­zu­hal­ten, dass anschau­li­che Zei­chen, auch wenn sie am Ende viel kon­ven­tio­nel­ler sind, als man auf den ers­ten Blick ver­mu­tet, doch inso­fern etwas Beson­de­res haben, als sie den Betrach­ter leich­ter und inten­si­ver zu Bedeu­tungs­zu­schrei­bun­gen (Inter­pre­ta­tio­nen) ver­an­las­sen als etwa Buch­sta­ben und Zah­len.

In der Regel exis­tie­ren Zei­chen nicht iso­liert, son­dern sie ste­hen in einer sys­te­ma­ti­schen Bezie­hung zuein­an­der, so die Far­ben der Ver­kehrs­am­pel, die Buch­sta­ben des Alpha­bets oder die ver­schie­de­nen Natio­nal­hym­nen und Flag­gen. Good­man spricht inso­fern von Nota­tio­nen und Sym­bol­sche­men. Vie­le Zei­chen erschei­nen in Seri­en wie die Far­ben und Figu­ren der Spiel­kar­ten, und manch­mal sind sie auch hier­ar­chisch geord­net wie Maße und Gewich­te. Seri­en haben gemein­sa­me Eigen­schaf­ten (Gewür­ze, Auto­ty­pen, Geschlech­ter usw.) mit der Fol­ge, dass der Auf­ruf eines Zei­chens ande­re asso­zi­iert. Bis zu einem gewis­sen Gra­de lässt sich der Zei­chen­vor­rat einer Gesell­schaft nach sol­chen und ande­ren Gesichts­punk­ten ord­nen. So erhält man ein »Lexi­kon«, das aber nie abge­schlos­sen ist und sich auch ad hoc durch Erfin­dung neu­er Zei­chen oder die Zuord­nung neu­er Bedeu­tung zu alten Zei­chen ver­än­dert.

Ganz gleich, ob Zei­chen ihre Bedeu­tung nur durch ihren Gebrauch gewin­nen oder ob die­se in dem Zei­chen selbst irgend­wie vor­ge­prägt ist, kon­kre­ti­siert sich die Bedeu­tung doch in der Regel erst in einem bestimm­ten Kon­text. Grund­ele­ment ist zunächst der »Text«. Zum Kon­text gehö­ren aber auch die betei­lig­ten Zei­chen­ver­wen­der und die Ver­wen­dungs­si­tua­ti­on. Wenn bei den olym­pi­schen Spie­len eine Natio­nal­hym­ne erklingt (Signi­fi­kant), so bedeu­tet das: Jetzt ist Sie­ger­eh­rung; der Sie­ger kommt aus dem Land der Hym­ne (Signi­fi­kat).

Aus dem Zei­chen wird ein Sym­bol, wenn und weil es neben sei­ner eigent­li­chen, direk­ten Bedeu­tung noch Neben­be­deu­tun­gen mit­führt. Euro- und Dol­lar­zei­chen benen­nen kon­kret unter­schied­li­che Wäh­run­gen. Aber mit ihnen sind auch Vor­stel­lun­gen über Geld, Wirt­schaft, Kapi­ta­lis­mus, Euro­pa oder die USA ver­bun­den. Natio­nal­flag­gen kön­nen schlicht zur Iden­ti­fi­zie­rung eines Staa­tes die­nen. Regel­mä­ßig rufen sie aber wei­ter­ge­hen­de Vor­stel­lun­gen auf, etwa über natio­na­le Ein­heit oder über einen Natio­nal­cha­rak­ter. Die direk­te Bedeu­tung eines Zei­chens ist inten­diert und mani­fest, der Neben­sinn kann zwar inten­diert sein, bleibt aber oft latent.

Der Neben­sinn eines Zei­chens erklärt sich aus psy­chi­schen Mecha­nis­men. Sie wer­den in der eher geis­tes­wis­sen­schaft­lich aus­ge­rich­te­ten Sym­bol­theo­rie nach dem Vor­bild von Husserl als App­rä­sen­ta­ti­on bezeich­net. In der Rechts­so­zio­lo­gie genügt es, von Asso­zia­tio­nen oder Kon­no­ta­tio­nen zu spre­chen.

In Sprach- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft unter­schei­det man zwi­schen Deno­tat und Kon­no­tat. Das Deno­tat ist die nach dem Kon­text nahe lie­gen­de, unmit­tel­ba­re Bedeu­tung eines Zei­chens oder Tex­tes. Der »para­dig­ma­ti­sche« Cha­rak­ter eines Zei­chens, d. h. die Zuge­hö­rig­keit zu einer Serie oder einem Sys­tem, lässt ver­wand­te Zei­chen und ihre Bedeu­tung anklin­gen. Wer »Pfef­fer« hört, denkt auch an »Salz«. Die Natio­nal­hym­ne deno­tiert eine Iden­ti­tät, lässt aber auch an Natio­nal­far­ben den­ken. Gegen­be­grif­fe kom­men in den Sinn: »Heiß« pro­vo­ziert »kalt«, der »Mann« die »Frau« usw. Oft weist die All­tags­lo­gik den Weg zu Kon­no­ta­tio­nen; sie arbei­tet mit Ana­lo­gi­en und Umkehr­schlüs­sen, nimmt den Teil für das Gan­ze oder das Gan­ze für einen Teil, oder sie nutzt eine Sach­be­zie­hung als »Index«. Die­ser All­tags­lo­gik ent­spre­chen bekann­te rhe­to­ri­sche Figu­ren (Tro­pen), ins­be­son­de­re Meta­phern, die auf einen Ähn­lich­keits­schluss abzie­len, Syn­ek­do­chen, die auf die Bezie­hung zwi­schen Teil und Gan­zem anspie­len, oder Meto­ny­mi­en, die eine irgend­wie gear­te­te Sach­nä­he (Pro­xi­mi­tät) aus­schöp­fen.

Kei­ne ande­re Zei­chen­klas­se ist so kon­no­ta­tiv wie Bil­der. Die neue Auf­merk­sam­keit für das Bild­li­che (ico­nic turn) hat daher der Beschäf­ti­gung mit den Sym­bo­len eine Son­der­kon­junk­tur beschert. Zwar blei­ben vie­le Bil­der in dem Sin­ne »schwach«, dass man ihnen nicht mehr ent­nimmt, als dar­auf zu sehen ist. Doch es gibt »star­ke« Bil­der in gro­ßer Zahl, deren Bedeu­tung sich nicht in dem zei­chen­haf­ten Ver­weis erschöpft, son­dern die selbst einen Sinn erzeu­gen. Bil­der sind des­halb beson­ders sym­bol­träch­tig.

Größ­te Bedeu­tung für die mit einem Zei­chen ver­bun­de­nen Asso­zia­tio­nen hat die erin­ner­te Geschich­te. So hat in Deutsch­land die Nazi­ver­gan­gen­heit vie­le eigent­lich harm­lo­se Zei­chen sym­bo­lisch in einer Wei­se belas­tet, dass sie teil­wei­se sogar straf­recht­lich ver­bo­ten sind.

Für den Sym­bol­cha­rak­ter eines Zei­chens genügt es nicht, dass es in einem über­tra­ge­nen Sin­ne gebraucht wird, der sich zu einer Zweit­be­deu­tung ver­fes­tigt hat. Auch reprä­sen­ta­ti­ve »Sym­bo­le«, die als »pars pro toto« ste­hen, sind als sol­che blo­ße Zei­chen. Beson­ders Bil­der sind häu­fig in dem Sin­ne reprä­sen­ta­tiv, dass ein Teil auf das grö­ße­re Gan­ze ver­weist (Syn­ek­do­che). Einst deu­te­te der Gal­gen auf die Gerichts­bar­keit hin, heu­te ist es oft die Jus­ti­tia oder auch nur ihre Waa­ge. Hier kommt es auf die Ver­wen­dungs­wei­se an. Wenn Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten zur Kenn­zeich­nung ihrer Rubrik »Recht« das Para­gra­fen­zei­chen oder eine Jus­ti­tia ver­wen­den, so dient die Figur nur der Ori­en­tie­rung des Lesers. Dem glei­chen Zweck die­nen Attri­bu­te, die bestimm­te Lebens­be­rei­che anzei­gen wie die roten Ord­ner des Schön­fel­der und des Sar­to­ri­us auf dem Fern­seh­bild das Recht. Vie­les, was immer noch und immer wie­der als Sym­bol ange­spro­chen wird, ist so tri­via­li­siert, dass eine sym­bo­li­sche Ana­ly­se kei­ne neu­en Ein­sich­ten bringt. Zei­chen wer­den als Sym­bo­le erst rele­vant, wenn nach ihrem Ver­wen­dungs­zu­sam­men­hang ein unbe­stimm­ter Neben­sinn das Deno­tat über­la­gert. Was uns von His­to­ri­kern als Rechts­sym­bol vor­ge­stellt wird – bestimm­te Gegen­stän­de, Ges­ten oder Ritua­le – hat­te zu sei­ner Zeit durch­aus einen klar abgrenz­ba­ren, mani­fes­ten Sinn. Es han­delt sich um non­ver­ba­le Zei­chen, nicht um Sym­bo­le im enge­ren Sin­ne. Selbst­ver­ständ­lich gab es auch in his­to­ri­scher Zeit Sym­bo­le, bei denen der Neben­sinn wich­ti­ger war als das Deno­tat. Bei­spiel sind die Rolands­sta­tu­en, die den fer­nen Kai­ser gegen­wär­tig machen. Aber die His­to­ri­ker legen in der Regel wenig Wert auf die Unter­schei­dung zwi­schen Sinn und Neben­sinn.

Prak­tisch ruft jede Ver­wen­dung eines Zei­chens neben dem Deno­tat auch Kon­no­ta­tio­nen auf. Selbst bei der Ver­wen­dung des Zei­chens p für die Kreis­zahl kann man auf Neben­ge­dan­ken kom­men. Die sym­bo­li­sche Qua­li­tät eines Zei­chens ist kei­ne Fra­ge des Alles oder Nichts, son­dern des Mehr oder Weni­ger. Sie hängt vom Ver­wen­dungs­kon­text ab. Ver­schie­de­ne Betrach­ter kön­nen sie unter­schied­lich beant­wor­ten. Der Über­gang vom Zei­chen zum Sym­bol ist flie­ßend. Sym­bo­le bil­den des­halb kei­ne beson­de­re Klas­se von Zei­chen, son­dern sym­bo­li­sche Wir­kun­gen sind eine Eigen­schaft, die jedem Zei­chen zukom­men kann.

Das Sym­bol ist also ein kon­no­ta­ti­ves Zei­chen. Das ent­spricht der klas­si­schen Ver­wen­dung des Sym­bol­be­griffs.[7] Zwi­schen dem Sym­bol und sei­nem Refe­renz­be­reich ver­mit­teln kei­ne simp­len Ver­wen­dungs­re­geln. Das Sym­bol wird nicht schlicht gele­sen, son­dern es will erst inter­pre­tiert sein. Oft geben Ana­lo­gie und Syn­ek­do­che der Inter­pre­ta­ti­on eine Rich­tung, las­sen ihr aber viel Spiel­raum. Sym­bo­le in die­sem Sin­ne sind nicht bedeu­tungs­los. Ande­rer­seits ist die Bezie­hung zwi­schen Zei­chen und Bedeu­tung nur lose. Das Sym­bol bie­tet Ori­en­tie­rung, aber kein Ziel. Es ver­bin­det Bedeu­tungs­de­fi­zit mit Sinn­über­schuss.

Die Funk­ti­ons­wei­se des Sym­bols ver­deut­licht Link (1997) an der Figur des Emblems. Emble­me waren eine von der Renais­sance bis ins Barock belieb­te Bild-Text-Kom­bi­na­ti­on (die übri­gens von dem Juris­ten Alcia­tus erst­mals in Buch­form publi­ziert wur­den). Das Emblem setzt sich zusam­men aus einem Bild, der sog. Pic­tu­ra, und einer Unter­schrift, der Sub­scrip­tio, die den sym­bo­li­schen Gehalt des Bil­des deu­tet. Manch­mal kommt noch eine Über­schrift (Lem­ma, Inscrip­tio) hin­zu, die den eigent­li­chen Inhalt des Bil­des (das Signi­fi­kat) benennt. Aldus Manu­ti­us (1449−1515), der berühm­tes­te Dru­cker Vene­digs, schmück­te die Titel­blät­ter sei­ner Bücher mit dem Bild eines Ankers, der von einem Del­phin umwun­den wird. Der Sinn erschließt sich erst mit der Sub­scrip­tio »fes­ti­na len­te« (eile mit Wei­le). Hier ein wei­te­res Bei­spiel von Link (1997:175). Er zitiert den Jour­na­lis­ten Hans Georg von Stud­nitz:

Sozio­lo­gisch inter­es­sie­ren nur sol­che Sym­bo­le, die nicht indi­vi­du­ell blei­ben. Wohl jeder Mensch hat eige­ne mar­kan­te Erin­ne­rungs­stü­cke, die für ihn beson­de­re Bedeu­tung haben. Schrift­stel­ler oder bil­den­de Künst­ler erfin­den neue »Sym­bo­le«, die sie mit Bedeu­tung befrach­ten, die aber vom Leser oder Betrach­ter meist eigen­stän­dig inter­pre­tiert wer­den. Sozio­lo­gisch rele­vant sind nur Sym­bo­le, die von einer grö­ße­ren Grup­pe oder gar der Gesell­schaft ver­wen­det und ver­stan­den wer­den. Mead sprach von »signi­fi­kan­ten Sym­bo­len«. Heu­te ist auch von Kol­lek­tiv­sym­bo­len die Rede. [8]

Als kon­no­ta­ti­ve Zei­chen erbrin­gen Sym­bo­le kom­mu­ni­ka­ti­ve Leis­tun­gen, die mit bloß deno­ta­ti­ven Zei­chen nicht zu errei­chen wären:

(1)  Sym­bo­le ver­knüp­fen kom­ple­xe­re Vor­stel­lun­gen mit sinn­lich wahr­nehm­ba­ren und benenn­ba­ren Phä­no­me­nen. So wer­den die­se Vor­stel­lun­gen ver­dich­tet und ver­ein­facht; sie wer­den merk­fä­hig und kom­mu­ni­zier­bar. In kon­kre­ten Lebens­si­tua­tio­nen kön­nen die Vor­stel­lun­gen dann über das Sym­bol auf­ge­ru­fen und rekon­stru­iert oder asso­zia­tiv mit Sinn gefüllt wer­den. In die­ser Funk­ti­on sind Sym­bo­le sehr effek­tiv, gleich­zei­tig aber wenig prä­zi­se. Mit ihrer Hil­fe las­sen sich gro­ße Infor­ma­ti­ons­men­gen bewäl­ti­gen, denn mit jedem Sym­bol wer­den vie­le unaus­ge­spro­che­ne Bot­schaf­ten mit­ge­lie­fert. In die­ser Eigen­schaft las­sen sich Sym­bo­le nur schwer von Ste­reo­ty­pen abgren­zen. Auch die Wis­sen­schaft lie­fert sym­bo­li­sche Ver­dich­tun­gen. Ein Bei­spiel ist der wun­der­ba­re Titel des Buches von Ber­ger und Luck­mann »Die gesell­schaft­li­che Kon­struk­ti­on der Wirk­lich­keit«. Man kann ihn mit Sinn fül­len, selbst wenn man das Buch gar nicht gele­sen hat.

(2)  Drews, Ger­hard und Link (1985, S. 267) sehen »die wich­tigs­te sozio­kul­tu­rel­le Funk­ti­on der Kol­lek­tiv­sym­bo­lik … in der Dis­kurs­in­te­gra­ti­on und damit auch Prak­ti­ken­in­te­gra­ti­on«. Sym­bo­le »schla­gen die Brü­cke über Gren­zen der Arbeits­tei­lung hin­weg (sie inte­grie­ren vor allem die ›prak­ti­schen‹ und die ›theo­re­ti­schen‹ Berei­che der Kul­tur)«. Für das Recht bedeu­tet das etwa, dass die Ver­ständ­nis­schwie­rig­kei­ten zwi­schen dem pro­fes­sio­nel­len Rechts­stab und dem Publi­kum durch Sym­bo­le über­brückt oder ver­deckt wer­den. Sym­bo­le, so kann man viel­leicht sagen, bil­den die klei­ne Mün­ze »sym­bo­lisch gene­ra­li­sier­ter Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en«.[9]

(3)  Sym­bo­le kön­nen Bedürf­nis­se befrie­di­gen. Dazu wer­den sym­bo­li­sche Güter pro­du­ziert und kon­su­miert.

(4)  Der fluk­tu­ie­ren­de Bedeu­tungs­ge­halt von Sym­bo­len hat zur Fol­ge, dass man mit ihnen han­tie­ren kann, ohne sich auf einen bestimm­ten Inhalt fest­zu­le­gen. Damit kann die Ver­wen­dung von Sym­bo­len unver­ein­ba­re Inter­es­sen und Kon­flik­te in einer Grup­pe über­de­cken. Inso­weit haben Sym­bo­le eine ganz ähn­li­che Funk­ti­on wie Wer­te. Das hat dann manch­mal zur Fol­ge, dass man mit oder gegen bestimm­te Sym­bo­le kämpft und dar­über die sach­li­chen Zie­le ver­drängt wer­den. Dann trägt der Kampf der Sym­bo­le die Züge eines Wert­kon­flikts.

(5)  Sym­bo­li­sche Reprä­sen­ta­ti­on ist mehr als Bezeich­nung. Das Sym­bol steht nicht bloß als Hin­weis, son­dern ver­kör­pert gleich­sam das Signi­fi­kat. So kön­nen Sym­bo­le auch zeit­lich und räum­lich ent­fern­te Sach­ver­hal­te, Situa­tio­nen oder Gegen­stän­de prä­sent machen. Die Gelieb­te wird in ihrer Locke gegen­wär­tig, der Kai­ser in der Rolands­sta­tue und der Hei­li­ge in der Reli­quie. Sym­bo­le schaf­fen eine vir­tu­el­le Rea­li­tät.

(6)  Ein Sym­bol ste­hen pars pro toto für ein grö­ße­res Gan­zes, so wie der Kai­ser für das Reich oder der Dol­lar für den Kapi­ta­lis­mus. Die­se Funk­ti­on macht Sym­bo­le zu belieb­ten Angriffs­zie­len für Ter­ro­ris­ten.

(7)  Sym­bo­le bil­den Anker­punk­te für die dif­fu­sen Vor­lie­ben und Ängs­te, Unzu­frie­den­hei­ten und Vor­ur­tei­le des Publi­kums. Den Mas­sen­me­di­en, sel­te­ner auch Poli­ti­kern oder Künst­lern, gelingt es immer wie­der, Sym­bo­le zu prä­gen, mit denen sie die Befind­lich­kei­ten der Men­schen ein­fan­gen und bis zu einem gewis­sen Gra­de auch steu­ern. Als Pic­tu­ra dient manch­mal ein Bild (»Das Boot ist voll.«). Es genügt jedoch eine irgend­wie per­zep­tiv pro­mi­nen­te Wort­prä­gung. »Grün« signa­li­siert einen posi­ti­ven Umwelt­be­zug.

 

Abbil­dung 1: »Sozia­le Gerech­tig­keit« ist seit dem Bun­des­tags­wahl­kampf von 2002 zum Super­sym­bol für For­de­run­gen aller Unzu­frie­de­nen gewor­den.

(8)  Sym­bo­le hel­fen bei der Zusam­men­füh­rung und Abgren­zung von grö­ße­ren Grup­pen.[10] Stu­den­ten tru­gen Cou­leur, Berg­leu­te ihre Trach­ten und Fuß­ball­freun­de schmü­cken sich mit den Ver­eins­far­ben. Bewuss­te Mos­lem­frau­en tra­gen ihr Kopf­tuch und ande­re mehr oder weni­ger gedan­ken­los das Kreuz an der Hals­ket­te. Punks zeig­ten ihre Gesin­nung durch Iro­ke­sen­fri­su­ren und nie­ten­be­setz­te Leder­klei­dung, Rechts­ex­tre­me durch Sprin­ger­stie­fel und gescho­re­ne Köp­fe. Für die Gerich­te ist das inzwi­schen eine Bin­sen­wahr­heit: »Neben der wer­ben­den Wir­kung nach außen erfül­len Kenn­zei­chen eine wich­ti­ge grup­pen­in­ter­ne Funk­ti­on als sicht­ba­res Sym­bol geteil­ter Über­zeu­gun­gen. Ihre Ver­wen­dung erlaubt es Gleich­ge­sinn­ten, ein­an­der zu erken­nen und sich als eine von den ›ande­ren‹ abgrenz­ba­re Grup­pe zu defi­nie­ren.« (BGH JZ 2009, 161163). Bei der Ver­wen­dung vie­ler Sym­bo­le scheint es wich­ti­ger zu sein, dass man sei­ne Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit demons­triert und sich gegen ande­re abgrenzt, als dass man im Detail über­ein­stimmt. Der Gebrauch sol­cher Sym­bo­le ist wie das Mit­sum­men oder Pfei­fen einer Melo­die, deren Text man nicht ken­nen muss.

(9)  Mit Sym­bo­len kann man »bil­li­ge Signa­le« set­zen. Mit den rich­ti­gen Zei­chen lässt sich ohne viel Auf­wand Ein­satz etwa gegen Atom­kraft oder für die Umwelt aus­drü­cken.

(10) Das Sym­bol ist oft Zei­chen eines tie­fe­ren abs­trak­ten Sinns, der bis zu einem gewis­sen Gra­de irra­tio­nal, unbe­wusst oder jeden­falls schwer ergründ­bar ist. Sym­bo­le kön­nen damit die All­tags­welt tran­szen­die­ren und außer­all­täg­li­che Bedeu­tungs­wel­ten erfahr­bar und ver­mit­tel­bar machen (Dre­her 2007:465 unter Bezug­nah­me auf Schütz).

II.  Vom Zeichen zum Text

Lite­ra­tur: Mur­ray Edel­man, Poli­tik als Ritu­al, 1976; L. B. Edelman/Marc Galan­ter, Arti­kel »Law: Over­view« in: Inter­na­tio­nal Ency­clo­pe­dia of the Soci­al & Beha­vio­ral Sci­en­ces, Bd. 12, 8538–8544; Ron­nie Lip­pens Arti­kel »Sym­bols in Law«, in: David S. Clark (Hg.), Ency­clo­pe­dia of Law and Socie­ty, 2007, Bd. 3, 1448–1450

Der Sym­bol­be­griff, so wie er hier ein­ge­engt wor­den ist, bleibt immer noch von gro­ßer Reich­wei­te, denn er deckt nicht nur die sym­bo­li­sche Sei­te von iso­lier­ten Zei­chen, son­dern auch die von kom­ple­xe­ren Bil­dern und gan­zen »Tex­ten«. Für eine Rechts­so­zio­lo­gie der Sym­bo­le ist des­halb ein erwei­ter­ter Text­be­griff hilf­reich.

Zur Kom­mu­ni­ka­ti­on wer­den meis­tens meh­re­re Zei­chen aktua­li­siert, z. B. zwei Ver­kehrs­schil­der (Über­hol­ver­bot und Geschwin­dig­keits­be­schrän­kung) an einer Stra­ße, meh­re­re Töne als Akkord oder Melo­die, Buch­sta­ben als Wor­te, Wor­te als Sät­ze usw. Oft wer­den Zei­chen aus ver­schie­de­nen Sys­te­men kom­bi­niert, ins­be­son­de­re Wort und Bild. Jede zusam­men­ge­hö­ri­ge, iso­lier­ba­re Grup­pe aktua­li­sier­ter Zei­chen bil­det einen »Text«. Klei­ne­re »Tex­te« wie­der­um kann man auch als kom­ple­xe Zei­chen auf­fas­sen. Und kom­ple­xe­re Zei­chen fügen sich wie­der­um zu grö­ße­ren »Tex­ten« zusam­men. Auch zeit­lich gestreck­te Abläu­fe wie Rechts­ge­schäf­te, juris­ti­sche Ver­fah­ren oder Akte der Gesetz­ge­bung kann man als »Tex­te« lesen und auf ihre sym­bo­li­sche Bedeu­tung hin ana­ly­sie­ren. In der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft spricht man hin­sicht­lich der Zusam­men­ge­hö­rig­keit der ver­schie­de­nen Ele­men­te eines »Tex­tes« von einem Syn­tag­ma. Der Begriff ist in der Rechts­so­zio­lo­gie nicht üblich, und er wird hier nur des­halb ein­ge­führt, um auf das Fremd­wort vor­zu­be­rei­ten, das wei­ter unten aus dem Eng­li­schen über­nom­men wird.

Es geht also nicht nur um den Sym­bol­wert von Roben und Gerichts­ge­bäu­den, Para­gra­fen­zei­chen und Jus­ti­tia, son­dern um den sym­bo­li­schen Sinn von Rechts­ak­ten, Ver­fah­ren und Geset­zen. Am kom­ple­xen Ende die­ser Ska­la trifft sich die Rechts­so­zio­lo­gie mit der Poli­tik­wis­sen­schaft, wenn sie die Sym­bolana­ly­se nach dem Vor­bild Mur­ray Edel­mans[11] auf die Makro­phä­no­me­ne der Poli­tik aus­dehnt, indem sie die­se nicht nur im Hin­blick auf mani­fes­te Hand­lungs­zie­le und objek­ti­ve Fol­gen und Neben­fol­gen ana­ly­siert, son­dern stets auch danach fragt, ob sie latent bestimm­te Deu­tun­gen der Welt nahe legen und ver­stär­ken. Damit löst sich der Sym­bol­be­griff vom Zei­chen­be­griff. Es geht um die Sinn­be­zü­ge eines gan­zen Arran­ge­ments von Tex­ten und Bil­dern, Objek­ten und Ver­fah­ren, Cha­rak­te­ren und Geschich­ten jen­seits ihrer Zei­chen­haf­tig­keit und instru­men­tel­len Funk­tio­na­li­tät.

Ein sym­bo­li­scher Neben­sinn ist mehr oder weni­ger mit allen Rechts-»texten« ver­bun­den. Daher kann man letzt­lich wie L. P. Edel­man und Galan­ter das gan­ze Rechts­sys­tem als ein Sys­tem von Sym­bo­len behan­deln. Aber wenn man flä­chen­de­ckend alle Ele­men­te des Sys­tems als »sym­bo­lisch« inter­pre­tiert, ver­liert der Begriff sei­ne ana­ly­ti­sche Kraft. Man endet im Pan­sym­bo­lis­mus. Man muss daher Ele­men­te her­aus­grei­fen, bei denen »das Sym­bo­li­sche« über­stei­gert ist. Auf die­se Wei­se kann und muss es für die Rechts­so­zio­lo­gie bei einem enge­ren Sym­bol­be­griff ver­blei­ben, der ein­zel­ne Ele­men­te des Rechts­sys­tems als »sym­bo­lisch« her­aus­hebt.

Stets bleibt der empi­ri­sche Nach­weis wegen der Unbe­stimmt­heit alles Sym­bo­li­schen schwie­rig. Prak­tisch kom­men nur qua­li­ta­ti­ve Metho­den in Betracht. Um ihren sym­bo­li­schen Neben­sinn zu ermit­teln, kann man Tex­te im enge­ren Sin­ne, Rechts­ak­te oder Ver­fah­ren aus der Per­spek­ti­ve der Betei­lig­ten situa­ti­ons­be­zo­gen und kon­kret oder aus einer Vogel­per­spek­ti­ve gene­ra­li­sie­rend inter­pre­tie­ren. In Anleh­nung wie­der­um an die Begriff­lich­keit der Lin­gu­is­tik ist vor allem im Eng­li­schen auch von syn­tag­ma­ti­scher Inter­pre­ta­ti­on einer­seits und para­dig­ma­ti­scher Inter­pre­ta­ti­on ande­rer­seits die Rede (Lip­pens 2007). Die syn­tag­ma­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on sucht die sym­bo­li­sche Bedeu­tung eines »Tex­tes« in sei­nem Kon­text. Die para­dig­ma­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on stellt den »Text« dage­gen in einen kul­tu­rel­len Zusam­men­hang und gewinnt die sym­bo­li­sche Bedeu­tung sozu­sa­gen aus dem kol­lek­ti­ven Gedächt­nis der Gesell­schaft. Die Mas­se der the­ma­tisch ein­schlä­gi­gen Lite­ra­tur geht »para­dig­ma­tisch« vor. Sie hat eher geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Cha­rak­ter und neigt zu einer his­to­risch inspi­rier­ten Über­in­ter­pre­ta­ti­on. Die lan­ge Geschich­te etwa von Schwarz-Rot-Gold als Staats­sym­bol ist in den Köp­fen der Fuß­ball­fans, die sich damit schmü­cken, irrele­vant. Dage­gen kann syn­tag­ma­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on auf der Grund­la­ge metho­den­be­wuß­ter Beob­ach­tung durch­aus hand­fes­te Ergeb­nis­se lie­fern.

III.  Symbolischer Nebensinn von Rechtstexten, Rechtsakten und Verfahren

1)     Die Miranda-Warning als Symbol

In den 1960er Jah­ren erließ der nach sei­nem Vor­sit­zen­den so genann­te War­ren-Court eine Rei­he von Ent­schei­dun­gen zu den ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Anfor­de­run­gen an das Straf­ver­fah­ren, dar­un­ter Miran­da v. Ari­zo­na (U.S. 436, 1966). Seit­her muss die Poli­zei in den USA den Beschul­dig­ten bei einer Ver­haf­tung über sei­ne Rech­te beleh­ren, und zwar darüber,dass

  • er ver­haf­tet ist,
  • er das Recht hat zu schwei­gen,
  • ab sofort jede Aus­sa­ge gegen ihn ver­wen­det wer­den kann,
  • er das Recht auf einen Anwalt hat,
  • er eine Pflicht­ver­tei­di­ge­rin erhält, wenn er kei­nen Anwalt bezah­len kann.

Belas­ten­de Aus­sa­gen, die vor die­ser Beleh­rung gemacht wur­den, dür­fen im Ver­fah­ren nicht ver­wer­tet wer­den. Durch die­se Regel sol­len erzwun­ge­ne oder von der Poli­zei erschli­che­ne Geständ­nis­se aus­ge­schlos­sen wer­den. Die Öffent­lich­keit hat­te wenig Ver­ständ­nis für die »libe­ra­len« Rich­ter, die mit die­ser und ande­ren Ent­schei­dun­gen die Ver­bre­chens­be­kämp­fung erschwer­ten. In der Pra­xis zeig­te sich jedoch, dass auch nach einer Miran­da-Beleh­rung die Geständ­nis­be­reit­schaft nicht abnahm. Den­noch ist Miran­da zu einem wir­kungs­vol­len Sym­bol gewor­den. Es mar­kiert die Sta­tus­pas­sa­ge vom frei­en Bür­ger zum Häft­ling. Die Poli­zei unter­wirft sich mit der Beleh­rung einem dra­ma­ti­schen Rol­len­wech­sel vom gna­den­lo­sen Ver­fol­ger zum Beschüt­zer der Rech­te des Beschul­dig­ten. Es ist kein Zufall, dass die Miran­da-War­nung zum Reper­toire aller ame­ri­ka­ni­schen Kri­mi­nal­fil­me gehört.

2)    Statusdegradation durch Rechtsverfahren

Harold Gar­fin­kel (1956) hat beschrie­ben, wie der Ange­klag­te im Gerichts­ver­fah­ren zere­mo­ni­ell wirk­sam vom Bür­ger zum Außen­sei­ter degra­diert wird.[12] Typi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­läu­fe, wel­che die Iden­ti­tät eines Indi­vi­du­ums so ver­än­dern, dass es am Ende inner­halb sei­ner Grup­pe einen nied­ri­ge­ren Sta­tus ein­nimmt, nennt Gar­fin­kel eine »degra­da­ti­on cere­mo­ny«. Gar­fin­kel beschreibt sie als eine uni­ver­sell ver­brei­te­te Struk­tur, in der mora­li­sche Ent­rüs­tung zur Beschä­dung der Betrof­fe­nen führt. Not­wen­dig ist dazu ein »Anklä­ger«, der öffent­lich für sich in Anspruch nimmt, als mora­li­scher Reprä­sen­tant der Grup­pe auf­zu­tre­ten. Aus die­ser Posi­ti­on her­aus muss er den »Böse­wicht« an Hand eines Ereig­nis­ses als Außen­sei­ter dar­stel­len Das Straf­ver­fah­ren, in dem Pro­fes­sio­nel­le – Staats­an­wäl­te und Rich­ter – dem Ange­klag­ten öffent­lich Vor­wür­fe machen, bil­det gera­de­zu den Pro­to­typ einer Degra­da­ti­ons­ze­re­mo­nie. Aber öffent­li­che Denun­zie­rung in ande­ren sozi­al eta­blier­ten Abläu­fen kön­nen ähn­lich wir­kungs­voll sein. Das Sym­bo­li­sche liegt in dem Neben­sinn des Denun­zie­rungs­ver­fah­rens, das ohne Rück­sicht auf den tat­säch­li­chen Hin­ter­grund des Vor­wurfs die Betrof­fe­nen zu Abweich­lern stem­pelt. Damit gehört die Sta­tus­de­gra­da­ti­on zum Wir­kungs­me­cha­nis­mus des sog. Label­ling.

3)   »Mugging«

Poli­tik und Medi­en gelingt es immer wie­der, mit Hil­fe bestimm­ter Meta­phern oder Stan­dard­for­meln ein sozia­les Phä­no­men zu mora­li­sie­ren und zum Pro­blem zu machen. Ein Bei­spiel ist die Stim­mungs­ma­che gegen Asy­lan­ten in Deutsch­land (»Das Boot ist voll.«), ein ande­res die Erzeu­gung von »Scroun­ger­pho­bia« (Kri­mi­na­li­täts­furcht) durch die Sti­li­sie­rung bestimm­ter Ver­bre­chen (»Mug­ging«) in Eng­land.

Im August 1972 benutz­ten eng­li­sche Tages­zei­tun­gen erst­mals den bis dahin nur in den USA geläu­fi­gen Aus­druck »mug­ging«, um über einen Fall von Stra­ßen­raub in Lon­don zu berich­ten. Obgleich das Phä­no­men nicht neu war und die Kri­mi­nal­sta­tis­tik kei­ne dra­ma­ti­sche Zunah­me zeig­te, gewann der Begriff als­bald Signal­wir­kung. Er wur­de zum Sym­bol für eine Flut von Gewalt­ver­bre­chen, die angeb­lich Lon­dons Stra­ßen unsi­cher mach­ten, und Poli­zei und Jus­tiz erklär­ten den »mug­gers« den Krieg. Stuart Hall u. a. beschrei­ben, wie es den Medi­en gelang, mit Hil­fe des neu­en Begriffs eine Art mora­li­scher Panik zu ent­fa­chen.[13] Tat­säch­lich waren die Ver­bre­chen, um die es ging, nicht wirk­lich neu, und die Kri­mi­nal­sta­tis­tik zeig­te auch kei­nen unge­wöhn­li­chen Anstieg. Allein mit Hil­fe eines neu­en sym­bol­träch­ti­gen Namens für ein eigent­lich gar nicht neu­es Phä­no­men gelang es, den Ein­druck einer dra­ma­ti­schen Ent­wick­lung zu erwe­cken. Die Fol­ge war eine Inten­si­vie­rung der Straf­ver­fol­gung durch »mug­ging squads« der Poli­zei und schär­fe­re Stra­fen bei Gericht. Durch die Erzeu­gung einer mora­li­schen Panik – so die Auto­ren – sei­en die Medi­en zum Instru­ment für die Ver­stär­kung der herr­schen­den Ideo­lo­gie und mit ihr des staat­li­chen Ein­flus­ses auf den All­tag gewor­den. [14]

IV.  Die symbolische Seite von Gesetzen

Lite­ra­tur: Vil­helm Aubert, Eini­ge sozia­le Funk­tio­nen der Gesetz­ge­bung, KZfSS Son­der­heft 11, 1967, 284–309; Joseph R. Gus­field, Sym­bo­lic Cru­sa­de, 1963 (mehr­fach nach­ge­druckt); ders.: Moral Pas­sa­ge: The Sym­bo­lic Pro­cess in Public Desi­gna­ti­ons of Devi­an­ce, Soci­al Pro­blems 15, 1967, 175–188, teil­wei­se abge­druckt in: Macaulay/Friedman/Mertz, Law in Action, 2007, 528–539; Rai­ner Hegen­barth, Sym­bo­li­sche und instru­men­tel­le Funk­tio­nen moder­ner Geset­ze, ZRP 1981, 201–204; Micha­el Jasch, Das Straf­recht im Wohn­zim­mer: Zur Ent­wick­lung sym­bo­li­scher Straf­ge­set­ze, in: Josef Ester­mann (Hg.), Inter­dis­zi­pli­nä­re Rechts­for­schung zwi­schen Rechts­wirk­lich­keit, Rechts­ana­ly­se und Rechts­ge­stal­tung, Bern 2010, S. 82–98; Harald Kin­der­mann, Sym­bo­li­sche Gesetz­ge­bung, JbRSoz 13, 1988, 222–245; Mar­ce­lo Neves, Sym­bo­li­sche Kon­sti­tu­tio­na­li­sie­rung, 1998; Jens Newig, Sym­bo­li­sche Umwelt­ge­setz­ge­bung, 2003; ders.: Sym­bo­li­sche Gesetz­ge­bung: Umwelt­po­li­tik unter gesell­schaft­li­chen Macht- und Infor­ma­ti­ons­asym­me­tri­en, Zeit­schrift für Poli­tik­wis­sen­schaft 14, 2004, 813–852; ders., Sym­bo­li­sche Gesetz­ge­bung zwi­schen Macht­aus­übung und gesell­schaft­li­cher Selbst­täu­schung, in: Michel­le Cot­tier (Hg.), Wie wirkt Recht?, 2010, 301–322; Peter Noll, Sym­bo­li­sche Gesetz­ge­bung, Zeit­schrift für Schwei­ze­ri­sches Recht, Neue Fol­ge Bd. 100, 1981, 347–364.

Geset­ze haben oft über ihren tech­ni­schen und instru­men­tel­len Gehalt hin­aus einen Neben­sinn, der als sym­bo­li­sche Wir­kung ange­spro­chen wird. Wird ein Gesetz von vorn­her­ein in dem Bewusst­sein auf den Weg gebracht, dass es im Sin­ne einer Zweck-Mit­tel-Bezie­hung wir­kungs­los blei­ben wer­de, will man damit aber eine Ein­stel­lung zu einem Pro­blem oder auch nur poli­ti­sche Hand­lungs­fä­hig­keit signa­li­sie­ren, ist es ange­bracht, von sym­bo­li­scher Gesetz­ge­bung zu reden. Mit Hegen­barth (S. 201) kann man aber wohl sagen, dass »unab­hän­gig vom Inhalt der Rege­lung allein schon die Tat­sa­che der Nor­mie­rung eines Lebens­be­rei­ches eine Erfolg … ver­spre­chen­de Mög­lich­keit [sei], das Ver­trau­en in die staat­li­che Hand­lungs­fä­hig­keit zu stär­ken. Inso­fern [habe] Gesetz­ge­bung neben der instru­men­tel­len immer auch eine ›sym­bo­li­sche‹ Funk­ti­on, näm­lich die Erwe­ckung des Ein­drucks akti­ver und umfas­sen­der staat­li­cher Für- und Vor­sor­ge.« Was immer gilt, ist jedoch rela­tiv unin­ter­es­sant. Auf das Mehr oder Weni­ger im Ein­zel­fall kommt es an.

Joseph Gus­field hat in einer zum Klas­si­ker avan­cier­ten Stu­die gezeigt, dass die Tem­pe­r­anz­ler­be­we­gung in den USA nicht bloß gesund­heit­li­che Pro­phy­la­xe im Sinn hat­te. Die Pro­hi­bi­ti­on war zugleich Aus­druck für den Anspruch einer bestimm­ten Schicht, der vor allem Frau­en der wei­ßen Mit­tel­klas­se ange­hör­ten, mora­li­sche Über­le­gen­heit und auch poli­ti­sche Kraft zu demons­trie­ren. In der Tat gelang es ihr, mit der Pro­hi­bi­ti­ons­ge­setz­ge­bung jeden­falls vor­über­ge­hend zu zei­gen, dass die­ser mora­li­sche Anspruch allen ande­ren so weit über­le­gen sei, dass er als Rechts­ge­setz uni­ver­sel­le Gel­tung bean­spru­chen konn­te.

Newig (2003:51 ff.) nennt drei Erschei­nungs­for­men sym­bo­li­scher Gesetz­ge­bung:

(1)  Ali­bi-Geset­ze demons­trie­ren dem Publi­kum allein durch die Tat­sa­che der Nor­mie­rung eines Lebens­be­reichs poli­ti­schen Hand­lungs­wil­len.

(2)  Kom­pro­miss-Geset­ze bedie­nen mehr oder weni­ger orga­ni­sier­te Grup­pen mit wider­strei­ten­den Inter­es­sen, indem sie der einen Grup­pe Hoff­nung auf die Durch­set­zung ihrer Inter­es­sen machen und die ande­re Grup­pe dadurch beru­hi­gen, dass sie ihr die prak­ti­sche Undurch­setz­bar­keit der Gegen­in­ter­es­sen signa­li­sie­ren.

(3)  Ein pro­gram­mier­tes Voll­zugs­de­fi­zit ent­steht, wenn der Gesetz­ge­ber durch unkla­re Tat­be­stän­de, durch Ver­zicht auf hand­hab­ba­re Sank­tio­nen, durch Ver­wei­ge­rung der durch Imple­men­ta­ti­on des Geset­zes erfor­der­li­chen Infra­struk­tur oder der not­wen­di­gen finan­zi­el­len Res­sour­cen von vorn­her­ein die Inef­fek­ti­vi­tät des Geset­zes in Kauf nimmt.

Neves fügt die­sen For­men eine vier­te hin­zu:

(4)  Sym­bo­li­sche Kon­sti­tu­tio­na­li­sie­rung: »Der Ver­fas­sungs­text spielt eine wich­ti­ge Rol­le als sym­bo­li­sche Fas­sa­de einer poli­tisch-recht­li­chen Are­na, deren Spie­le und Kämp­fe weit­ge­hend nach ande­ren Spiel­re­geln ablau­fen als die­je­ni­gen der demo­kra­ti­schen und rechts­staat­li­chen Ver­fas­sungs­spra­che.« (Neves 1999:15)

Appel­la­ti­ve Geset­ze, d. h. sol­che, die Pro­gram­me und Wert­be­kennt­nis­se for­mu­lie­ren, aber kei­ne kon­kret umsetz­ba­ren Ein­zel­zie­le vor­se­hen, sind dage­gen per se noch kein sym­bo­li­sches Recht. Der Begriff der sym­bo­li­schen Gesetz­ge­bung wird ent­wer­tet, wenn man, wie z. B. Gus­field (1967), alle Wir­kun­gen eines Geset­zes, die nicht in »rechts­nor­ma­tiv-sach­li­cher Effek­ti­vi­tät« (Newig 2003:68), also in Befol­gung der Vor­schrif­ten oder in der Ver­fol­gung von Norm­brü­chen lie­gen, als sym­bo­lisch bezeich­net. Geset­ze haben auch dann instru­men­tel­le Wir­kung, wenn sie nicht oder nicht voll­stän­dig durch­ge­setzt wer­den. Hin­ter einem Gesetz steht regel­mä­ßig ein mehr oder wenig deut­lich dekla­rier­tes Rechts­gut. Frü­her sprach man davon, es rich­te Wer­te­ta­feln auf. Heu­te kann man immer noch sagen, es die­ne der posi­ti­ven wie der nega­ti­ven Gene­ral­prä­ven­ti­on. Des­halb ist es auch ver­fehlt, Pro­gramm­sät­ze und Soft Law, die offen als sol­che aus­ge­wie­sen wer­den, zur sym­bo­li­schen Gesetz­ge­bung zu rech­nen. Auch im Zusam­men­hang mit Men­schen­rechts­de­kla­ra­tio­nen wird zu oft und zu undif­fe­ren­ziert von bloß sym­bo­li­scher Bedeu­tung gespro­chen. »Sym­bo­lisch« sind Geset­ze nur, wenn und soweit der mit ihnen ver­bun­de­ne Neben­sinn die Vor­herr­schaft gewinnt, wenn er auf Kos­ten der instru­men­tel­len Funk­ti­on »hyper­troph« wird (Neves 1998). Das ist bei Ver­fas­sun­gen und Men­schen­rechts­de­kla­ra­tio­nen der Fall, wenn und soweit die­se wegen ihrer abs­trak­ten Unbe­stimmt­heit eine kon­trä­re Real­po­li­tik bemän­teln. Als Bei­spiel dient Neves sein Hei­mat­land Bra­si­li­en.[15]

In den letz­ten Jahr­zehn­ten hat man sym­bo­li­sche Gesetz­ge­bung vor allem im Bereich der Umwelt­rechts und des Straf­rechts gesucht und gefun­den. Für drei Umwelt­ge­set­ze hat Newig (2003) die rechts­po­li­ti­sche Situa­ti­on vor dem Geset­zes­be­schluss ein­ge­hend ana­ly­siert, näm­lich

  • für das Ozon­ge­setz von 1995 (§§ 40a bis 40e, 62a BIm­SchG – 2002 wie­der auf­ge­ho­ben), dem die »Som­mer­smog­de­bat­te« vor­aus­ging,
  • für das Abfall­ver­mei­dungs­ge­bot in § 4 Abs. 1 KrW-/Ab­fG von 1994 und
  • für die im Juli 1983 ins­be­son­de­re zur Bekämp­fung des »Wald­ster­bens« erlas­se­ne Groß­feue­rungs­an­la­gen­ver­ord­nung.

Newig kommt zu dem Ergeb­nis, dass die bei­den erst­ge­nann­ten Geset­ze als sym­bo­li­sche ein­ge­ord­net wer­den kön­nen, weil hier die (anti­zi­pier­te) rechts­nor­ma­tiv-sach­li­che Ziel­set­zung hin­ter sym­bo­lisch-poli­ti­schen Zie­len zurück­tritt. Dage­gen han­de­le es sich bei der Groß­feue­rungs­an­la­gen­ver­ord­nung »um eine im öko­lo­gi­schen Sin­ne effek­tiv ange­leg­te Maß­nah­me« (S. 291) mit unbe­streit­ba­rem Erfolg. Im Straf­recht wer­den etwa die §§ 129 a und b StGB – Bil­dung einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung, § 130 Abs. 3 StGB – Volks­ver­het­zung – und die Auf­he­bung der Ver­jäh­rung für Völ­ker­mord und Mord als »sym­bo­lisch« ein­ge­schätzt. Dis­ku­tiert wird auch immer wie­der, ob Tei­le des Sexu­al­straf­rechts nur sym­bo­li­sche Qua­li­tät haben.

V.   Staatssymbole und Rechtssymbole

Lite­ra­tur: Hans Hat­ten­hau­er, Deut­sche Natio­nal­sym­bo­le. Geschich­te und Bedeu­tung, 4. Aufl. 2006; Ute Krü­de­wa­gen, Die Selbst­dar­stel­lung des Staa­tes. Eine Unter­su­chung der Selbst­dar­stel­lung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka, 2003; Phi­lip Manow, Im Schat­ten des Königs. Die poli­ti­sche Ana­to­mie demo­kra­ti­scher Reprä­sen­ta­ti­on, 2008; Ulrich Sar­ci­nel­li, Poli­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on in Deutsch­land. Zur Poli­tik­ver­mitt­lung im demo­kra­ti­schen Sys­tem, 2. Aufl. 2009; Rüdi­ger Voigt (Hg.), Sym­bo­le der Poli­tik, Poli­tik der Sym­bo­le, 1989; Ger­hard Vowe, Im Schat­ten des Levia­than. Das Leit­bild des libe­ra­len Staa­tes, in: Tho­mas Knieper/Marion G. Mül­ler (Hg.), Kom­mu­ni­ka­ti­on visu­ell, 2001, 93–117.

Kei­ne Form der poli­ti­schen Herr­schaft erschöpft sich in Rechts­nor­men, tech­ni­schen Macht­mit­teln und Res­sour­cen. Jede benö­tigt eine sym­bo­li­sche Ein­klei­dung. Das gilt auch für die Demo­kra­tie. Mon­ar­chi­sche Herr­schaft hat­te es leich­ter, sich sym­bo­lisch zu insze­nie­ren, denn sie konn­te kon­kre­te Per­so­nen mit Insi­gni­en der Macht wie Thron, Zep­ter und Kro­ne oder »herr­schaft­li­chen« Bau­ten aus­stat­ten.

Seit alt­rö­mi­scher Zeit dient der Adler als Sou­ve­rä­ni­täts­sym­bol (Hat­ten­hau­er, S. 115 ff.), und er hat noch immer nicht aus­ge­dient. Es ist schwer zu sagen, was die Men­schen frü­her beim Anblick des Adlers in Bil­dern und Stan­dar­ten gedacht und gefühlt haben. Heu­te ist aus dem Adler auf der Stirn­wand des Bun­des­ta­ges die »fet­te Hen­ne« gewor­den, und der Adler auf der Rück­sei­te der Euro­mün­ze ist blo­ße Deko­ra­ti­on. Im Hoch­mit­tel­al­ter dien­te die Dar­stel­lung Mari­ens in einem hor­tus con­cl­usus, im Para­dies­gar­ten, als Meta­pher für staat­li­che Sou­ve­rä­ni­tät. Ter­ti­um com­pa­ra­tio­nis war die Jung­fräu­lich­keit Mari­ens, die die unbe­schränk­te und zeit­lich unbe­grenz­te Gewalt des Staa­tes sym­bo­li­sier­te. Aus der Jung­frau Maria wur­den im 17. Jahr­hun­dert Frau­en­gestal­ten mit natio­na­lem Cha­rak­ter, Vene­tia, Hel­ve­tia und Hol­lan­dia, spä­ter auch Ger­ma­nia. Aber die­se natio­na­le Auf­la­dung des Sou­ve­rä­ni­täts­sym­bols war kei­ne gro­ße Erfolgs­ge­schich­te.[16] Natio­nal­be­wusst­sein ver­bin­det sich eher mit Flag­gen und Hym­nen, Natio­na­lis­mus mit nega­ti­ven Ste­reo­ty­pen gegen­über ande­ren Natio­nen.

Die Demo­kra­tie hat zunächst zwei Merk­ma­le, die eine sym­bol­haf­te Dar­stel­lung ver­gleichs­wei­se erschwe­ren, näm­lich die Ablö­sung von der Reli­gi­on und damit ver­bun­den die Ablö­sung von der Per­son des Herr­schers. An die bild­be­setz­ten Stel­len Got­tes und des Mon­ar­chen tritt der abs­trak­te Gedan­ke der Sou­ve­rä­ni­tät, etwas spä­ter die kaum weni­ger abs­trak­te Idee einer recht­li­chen Ver­fas­sung des Staa­tes. Der »mon­ar­chis­ti­sche Bil­der­zau­ber«, so jeden­falls die Theo­rie, wird durch demo­kra­ti­sche Ver­nunft und Nüch­tern­heit ersetzt (Manow, S. 8).

Ein Bild beglei­tet die Begrün­dung des moder­nen Staa­tes, näm­lich das Titel­bild auf Tho­mas Hob­bes´ Levia­than. Aber danach gibt es kei­ne Bil­der mehr, jeden­falls kei­ne, die den Rang eines iko­ni­schen Ste­reo­typs erreicht haben (Vowe). Der Ent­wurf von Tho­mas Hob­bes war weder libe­ral noch demo­kra­tisch, aber doch säku­lar, und sein Titel­bild ist den­noch zur Iko­ne gewor­den. Das Bei­spiel des Levia­than zeigt, dass der Ver­zicht auf die Ablei­tung des Staa­tes von einem gott­be­gna­de­ten Herr­scher nicht aus­reicht, um die Bil­der­lo­sig­keit zu erklä­ren. Er erklärt nur die Ableh­nung bestimm­ter zur Iden­ti­fi­zie­rung ein­la­den­der Iko­nen wie Rolands­sta­tu­en, Kai­ser- oder Welt­ge­richts­bil­der, nicht jedoch den Ver­zicht auf Bil­der und Sym­bo­le schlecht­hin.

Stein­hau­er (2003) meint, die Bild- und Sym­bolangst des moder­nen Rechts­staats rüh­re aus dem Kampf um das Kriegs-, Völ­ker- bzw. Welt­bür­ger­recht her. Ahn­her­ren sei­en »Juris­ten wie Sua­rez, Vasquez, Arria­ga und Gro­ti­us, die unter dem Druck der Kon­fron­ta­ti­on mit einer nicht­christ­li­chen Welt, des Auf­stiegs der nicht­ka­tho­li­schen Mäch­te im Nor­den und der wei­te­ren kon­fes­sio­nel­len Spal­tun­gen [ver­sucht hät­ten], recht­li­che Begrün­dun­gen aus ihrem sym­bo­li­sier­ten Zusam­men­hang zu lösen«. Die Ver­ab­schie­dung Got­tes mit dem berühm­ten »eti­amsi dar­e­mus« aus den Pro­le­go­me­na zu »De jure bel­li ac pacis« for­de­re letzt­lich den Ver­zicht auf Bil­der. Die­se Begrün­dung ist zwar ide­en­ge­schicht­lich plau­si­bel, sozio­lo­gisch gese­hen aber doch eine para­dig­ma­ti­sche Über­in­ter­pre­ta­ti­on.

Bei reli­gi­ös, cha­ris­ma­tisch oder auch nur auto­ri­tär legi­ti­mier­ten Staa­ten drän­gen sich die Bil­der gera­de­zu auf. Die libe­ra­le Staats­idee, wie sie vor allem von John Locke for­mu­liert wur­de, und die Ide­en von Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit, also die Ide­en der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, ver­wei­ger­ten sich bestimm­ten Staats­iko­nen und begrün­de­ten so eine nega­ti­ve Iko­no­gra­fie. Man darf des­halb aber nicht im Umkehr­schluss auf eine wesens­not­wen­di­ge Iko­no­pho­bie oder gar einen Iko­no­klas­mus des libe­ra­len Staa­tes schlie­ßen.

Vowe ist der Erklä­rung nach­ge­gan­gen, der Ide­en­haus­halt des libe­ra­len Rechts­staats sei so abs­trakt, dass es schwer fal­le, geeig­ne­te Bil­der zu fin­den. Er hat auf­ge­zeigt, dass es eine gan­ze Rei­he von Ansät­zen zur Bebil­de­rung gibt und gege­ben hat. In der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on stan­den das Drei­eck für Gleich­heit, der Hän­de­druck für Brü­der­lich­keit und der Pileus, die Filz­kap­pe, die der römi­sche Skla­ve als Zei­chen der Frei­las­sung erhielt, für die Frei­heit. Sie wur­de an Sym­bol­kraft über­strahlt von der phry­gi­schen Müt­ze, die vom Zei­chen der Frei­heit zum Sym­bol jako­bi­ni­scher Schre­ckens­herr­schaft wur­de. In Betracht kamen die exem­pla­ri­sche Dar­stel­lung his­to­ri­scher Ereig­nis­se, Par­la­ments­bil­der oder die per­so­ni­fi­zier­te Dar­stel­lung libe­ra­ler Tugen­den. Abs­tra­hie­ren­de Funk­ti­ons­sche­ma­ta gibt es als emble­ma­ti­schen Tor­bo­gen oder als moder­ne Info­gra­fik. Für den Föde­ra­lis­mus steht Ben­ja­min Fran­klins »Join or Die«. Vowe kommt zu dem Ergeb­nis, die Ent­wick­lung eines libe­ra­len Leit­bil­des im engs­ten Sin­ne des Wor­tes sei ein­fach poli­tisch nicht erfor­der­lich gewe­sen. Das Wort habe mehr Gewalt über die Geschich­te gezeigt als das Bild. Aber viel­leicht darf man doch auch hin­zu­fü­gen, dass es an einem genia­len Ent­wurf gefehlt hat. Eben­so wie die in ihrer Prä­gnanz und Geschlos­sen­heit ein­zig­ar­ti­ge Staats­theo­rie von Tho­mas Hob­bes ist auch das kon­ge­nia­le Titel­bild von Adam Bos­se[17] uner­reicht geblie­ben. Und es lässt sich auch nicht über­se­hen, dass die­ser Levia­than, unge­ach­tet sei­ner enor­men Anzie­hungs­kraft auf Intel­lek­tu­el­le, doch nur eine gerin­ge Mas­sen­wirk­sam­keit hat­te und hat. Erst die Ver­hül­lung des Ber­li­ner Reichs­tags­ge­bäu­des durch Chris­to und Jean­ne-Clau­de und anschlie­ßend die Errich­tung der glä­ser­nen Kup­pel durch Nor­man Fos­ter haben sowohl hin­sicht­lich der künst­le­ri­schen Qua­li­tät wie auch der Popu­la­ri­tät eines Staats­sym­bols eine Ände­rung gebracht.

Wenn es heu­te weit­ge­hend an bild­haf­ten Staats­sym­bo­len fehlt, so ist das vor allem eine Fol­ge der Moder­ni­sie­rung.

»Der Faschis­mus ver­sucht, die neu ent­stan­de­nen pro­le­ta­ri­sier­ten Mas­sen zu orga­ni­sie­ren, ohne die Eigen­tums­ver­hält­nis­se, auf deren Besei­ti­gung sie hin­drän­gen, anzu­tas­ten. Er sieht sein Heil dar­in, die Mas­sen zu ihrem Aus­druck (bei­lei­be nicht zu ihrem Recht) kom­men zu las­sen. […] Der Faschis­mus läuft fol­ge­recht auf eine Ästhe­ti­sie­rung des poli­ti­schen Lebens hin­aus. […] Alle Bemü­hun­gen um Ästhe­ti­sie­rung der Poli­tik gip­feln in einem Punkt. Die­ser Punkt ist der Krieg. Der Krieg, und nur der Krieg, macht es mög­lich, Mas­sen­be­we­gun­gen größ­ten Maß­stabs unter Wah­rung der über­kom­me­nen Eigen­tums­ver­hält­nis­se ein Ziel zu geben. … So steht es um die Ästhe­ti­sie­rung der Poli­tik, wel­che der Faschis­mus betreibt. Der Kom­mu­nis­mus ant­wor­tet ihm mit der Poli­ti­sie­rung der Kunst.«[18]

Begin­nend schon im 19. Jahr­hun­dert, haben die Ver­brei­tungs­me­di­en sich zu Mas­sen­me­di­en ent­wi­ckelt. Sie bie­ten an, was der Markt for­dert. Die Pres­se­frei­heit tut ein Übri­ges. Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten und spä­ter Film und Fern­se­hen zei­gen nicht län­ger unbe­se­hen affir­ma­ti­ve Bil­der. Sie las­sen sich nicht mehr von Staat und Kir­che in Dienst neh­men, es sei denn, sie wer­den dazu gezwun­gen, wie von Hit­ler, Sta­lin oder Sad­dam Hus­sein.

»Kein poli­ti­scher Reprä­sen­tant, der auf der Höhe der tech­no­lo­gi­schen Ein­fluss­mög­lich­kei­ten ope­riert, expo­niert sich noch als Denk­mal … Die Kame­ra­män­ner, Regis­seu­re, Wer­be­fach­leu­te und Demo­sko­pen über­neh­men die Rol­le der Mei­ßel­schlä­ger und Farb­vir­tuo­sen ver­gan­ge­ner Jahr­hun­der­te. An die Stel­le des ori­gi­na­len Bild­nis­ses oder Denk­mals tritt ein sorg­sam fabri­zier­tes und gepfleg­tes ›Image‹. Die­ses ist quan­ti­ta­tiv und qua­li­ta­tiv nach dem Bild des Kon­sums geschaf­fen. … Durch die Trans­sub­stan­tia­ti­on in die Kate­go­ri­en der Kon­su­m­äs­the­tik hat die Visua­li­sie­rung der Macht einen Grad von All­ge­mein­heit ange­nom­men, der sie den klas­si­schen Küns­ten und damit auch den klas­si­schen Bil­der­stür­men, die jeweils die mate­ri­el­le Ver­ein­ze­lung zur Vor­aus­set­zung haben, uner­reich­bar macht.« (Mar­tin Warn­ke, Bil­der­stür­me, in: ders., (Hrsg.), Bil­der­sturm. Die Zer­stö­rung des Kunst­werks, Mün­chen, 1973, S. 7–13, S. 9)

Sym­bo­le der Macht sehen heu­te anders aus. Monu­men­ta­le Grö­ße wirkt aber immer noch. Die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung zeig­te am 13. 8. 2008 ein Bild des Drei-Schluch­ten Stau­sees als eines »in Beton gegos­se­nen Sym­bols der Macht«. Es ist kein Zufall, dass auf der Stau­mau­er des Boul­der-Damms in Colo­ra­do ein Denk­mal auf­ge­stellt wur­de, das die Ver­ei­nig­ten Staa­ten reprä­sen­tie­ren soll.

Abbil­dung 2 Aus­schnitt aus der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung vom 13. 8. 2008

Deutsch­land wird eine »Sym­bol­neu­ro­se« attes­tiert (Krü­de­wa­gen 2003:83). Ande­re west­li­che Natio­nen, die in einer demo­kra­ti­schen Rechts­staats­tra­di­ti­on leben, sind nicht so sym­bol­scheu wie die Deut­schen. Die USA hat­ten kei­ne Hem­mun­gen, ihre Haupt­städ­te nach der grie­chi­schen Polis zu model­lie­ren. USA-Besu­cher berich­ten immer wie­der mit Erstau­nen oder Bewun­de­rung, mit wel­cher Selbst­ver­ständ­lich­keit, ja Inbrunst, die Ame­ri­ka­ner ihr Natio­nal Anthem sin­gen, und die Stars and Stri­pes sind tat­säch­lich zu einer moder­nen Iko­ne gewor­den. Der deut­sche Ver­such zur Selbst­dar­stel­lung des Drit­ten Reichs, der eher römi­sche For­men auf­nahm und sie ins Monu­men­ta­le stei­ger­te, hat reprä­sen­ta­ti­ve Archi­tek­tur[19] jedoch in Ver­ruf gebracht. Erst die Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft 2006 hat den Bann gebro­chen. Die The­se von der Bil­der­lo­sig­keit des moder­nen Staa­tes west­li­cher Prä­gung muss des­halb rela­ti­viert wer­den. Aber man kann wohl doch fest­hal­ten, dass das visu­el­le Erken­nungs­zei­chen des moder­nen Staa­tes weit­ge­hend auf ein kaum noch inter­pre­ta­ti­ons­fä­hi­ges Logo in Gestalt einer Fah­ne geschrumpft ist.

Soweit geht es eher um Staats­sym­bo­le als um Rechts­sym­bo­le. Natür­lich hän­gen Staat und Recht zusam­men. Aber die Staats­sym­bo­le, vor allem also Bun­des­flag­ge und Bun­des­sad­ler, ver­wei­sen kaum auf das Recht.

VI.   Das Bild des Rechts

Lite­ra­tur: Bo Carlsson/Mattias Bai­er, A Visu­al Self-Image of Law, Soci­al and Legal Stu­dies 2002, 185–210; Antoi­ne Masson/Kevin O’Connor (Hg.): Rep­re­sen­ta­ti­ons of Jus­ti­ce, 2007; Fabi­an Stein­hau­er, Who´s afraid of black, red and gold? Zur Geburt der Iko­no­pho­bie aus dem Geist des Kriegs­rechts, in: Wer­ner W. Ernst (Hg.): Auf­spal­tung und Zer­stö­rung durch dis­zi­pli­nä­re Wis­sen­schaf­ten, 2003, 79–109.

Das Recht steht in bestän­di­gem Kampf um die Aner­ken­nung sei­ner Legi­ti­mi­tät und Über­le­gen­heit über ande­re gesell­schaft­li­che Sinn­sys­te­me. Dazu muss es alle sei­ne Aktio­nen als Rea­li­sie­run­gen der abs­trak­ten Idee der Gerech­tig­keit dar­stel­len, und dabei hel­fen anschau­li­che Sym­bo­le. Des­halb lohnt sich die Fra­ge nach den Bil­dern und Sym­bo­len, die typi­scher­wei­se mit dem Recht ver­knüpft wer­den. Was tut das Rechts­sys­tem, um sich sym­bo­lisch zu prä­sen­tie­ren? Wel­che Sym­bo­le asso­zi­iert das Publi­kum mit dem Recht?

Das Rechts­sys­tem tut rela­tiv wenig, um sich dem Publi­kum sym­bo­lisch dar­zu­stel­len. Die größ­te Rol­le spielt wohl die Gerichts­ar­chi­tek­tur, die daher auch lite­ra­risch erheb­li­che Auf­merk­sam­keit gefun­den hat. Moder­ne Gerichts­ge­bäu­de fal­len eher funk­tio­na­lis­tisch aus. Doch im Stadt­bild über­wie­gen noch immer die tra­di­tio­nel­len »Tem­pel des Rechts«. Mit der typi­schen Sitz­an­ord­nung im Gerichts­saal und der Gefäng­nis­ar­chi­tek­tur schafft die Jus­tiz mehr oder weni­ger gezielt auch visu­el­le Ein­drü­cke. Dabei hel­fen die Roben der Rich­ter und Anwäl­te und die Uni­for­men des Per­so­nals, dass der Jus­tiz zuge­rech­net wird, also auch der Poli­zei. Für alle, die sich dar­an erin­nern, dass der »Zugang zum Recht« ein­mal ein gro­ßes wis­sen­schaft­li­ches und rechts­po­li­ti­sches The­ma war, hat die inzwi­schen in den meis­ten Gerich­ten übli­che Zugangs­kon­trol­le star­ke sym­bo­li­sche Wir­kung.

Die Bil­der­welt des Publi­kums wird indes­sen nur zum klei­ne­ren Teil durch die Selbst­dar­stel­lung der Jus­tiz, vor allem aber durch die Medi­en geprägt. Das Publi­kum ord­net dem Recht eine Rei­he von Bil­dern zu, die eigent­lich nicht als visu­el­le Reprä­sen­ta­ti­on des Rechts gedacht sind, aber doch als aktu­el­le Rol­len­at­tri­bu­te, als his­to­ri­sche Remi­nis­zen­zen oder als Sym­bo­le mit dem Recht ver­bun­den sind. Zu den Rol­len­at­tri­bu­ten zäh­len die roten Geset­zes­samm­lun­gen und die grau­en Kom­men­tar­bän­de aus dem Beck-Ver­lag sowie die Akten, die gewöhn­lich die Tische im Gericht­saal bede­cken. Wenn ein Rechts­an­walt abge­bil­det wird, sieht man in Deutsch­land im Hin­ter­grund ein Regal mit der NJW, gleich­falls aus dem Beck-Ver­lag, oder in den USA eine Bücher­wand mit den Bän­den eines Court Repor­ter. Als Bild­zei­chen die­nen der Para­graph, die Waa­ge mit oder ohne Jus­ti­tia und, auch in den Augen des deut­schen Publi­kums[20], Ham­mer und Perü­cke. All die­se »Sym­bo­le« die­nen eigent­lich nur noch als Erken­nungs­zei­chen und sind im Übri­gen ver­braucht. Selbst die his­to­ri­schen Bil­der von Leib- und Lebens­stra­fen, Gal­gen und Guil­lo­ti­ne, die man mit dem Recht ver­bin­det, sind in ihrer sym­bo­li­schen Wir­kung ver­blasst. Allen­falls mit Bil­dern eines elek­tri­schen Stuhls gelingt es noch, beim Publi­kum eine gewis­se Wir­kung zu erzie­len.

Seit gerau­mer Zeit schmückt die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung an jedem Mitt­woch ihre Sei­te »Recht und Steu­ern« mit einer Vignet­te von Andrea Koop­mann.

Abbil­dung 3: Aus der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung vom 13. 8. 2008

Hier hat das Para­gra­phen­zei­chen sei­nen Sym­bol­wert voll­ends ver­lo­ren und ist zum blo­ßen Deko­ra­ti­ons­ele­ment gewor­den.

VII.                         Der Umgang des Rechts mit Symbolen

Die juris­ti­sche Theo­rie ist kei­nes­wegs sym­bol­feind­lich. Die Ver­fas­sung gilt ihr als Sym­bol der staat­li­chen Ein­heit; mit ihren lapi­da­ren For­mu­lie­run­gen, denen in ihrer All­ge­mein­heit nie­mand wider­spre­chen mag, ver­deckt und über­brückt sie zugleich poli­ti­sche Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten. Die­se sym­bo­li­schen Funk­tio­nen hat der Ver­fas­sungs­recht­ler Rudolf Smend (1928) als die inte­grie­ren­de Wir­kung der Ver­fas­sung beschrie­ben.[21] Beson­ders in den Grund­rech­ten sah Smend maß­geb­li­che Fak­to­ren der Staats­her­vor­brin­gung, weil sie die Ein­zel­nen zu einer Erleb­nis-, Kul­tur- und Wer­te­ge­mein­schaft und schließ­lich zu einem Volk von natio­na­ler Eigen­heit inte­grier­ten.

[Der Grund­rechts­ka­ta­log] »will … ein Wert- und Güter-, ein Kul­tur­sys­tem nor­mie­ren, und er nor­miert es als natio­na­les, als das Sys­tem gera­de der Deut­schen, das all­ge­mei­ne­re Wer­te natio­nal posi­ti­viert, eben dadurch aber den Ange­hö­ri­gen die­ser Staats­na­ti­on etwas gibt, einen mate­ria­len Sta­tus, durch den sie sach­lich ein Volk … sein sol­len.« (Ver­fas­sung und Ver­fas­sungs­recht, S. 264)

Neben den Grund­rech­ten der Ver­fas­sung schrieb Smend auch den Staats­sym­bo­len eine inte­grie­ren­de Kraft zu. Die Fül­le des­sen, was zu inte­grie­ren ist, sei so unge­heu­er, dass sie vom Ein­zel­nen nicht mehr über­se­hen wer­den kön­ne. Hier kom­men nicht­sprach­li­che Sym­bo­le (Fah­nen, Hym­nen, Orden usw.) ins Spiel.

»Die Sym­bo­li­sie­rung dage­gen, geschicht­lich begrün­det in der Aus­drucks­not ursprüng­li­che­rer Zei­ten mit undif­fe­ren­zier­ter Wert­welt, hat aus die­ser Not die Tugend beson­ders wirk­sa­mer und zugleich elas­ti­scher Reprä­sen­ta­ti­on eines Wert­ge­halts gemacht: einen sym­bo­li­sier­ten Wert­ge­halt kann jeder so erle­ben, ›wie ich ihn ver­ste­he‹, ohne Span­nung und Wider­spruch, wie ihn For­mu­lie­rung und Sat­zung unver­meid­lich her­vor­ru­fen, und zugleich erlebt er ihn als tota­le Fül­le in einer Wei­se, die auf kei­nem ande­ren Wege zu errei­chen ist.« (Ver­fas­sung und Ver­fas­sungs­recht, S. 49)

Sym­bo­le – so die Leh­re Smends – ermög­li­chen die Sicht­bar­ma­chung geis­tig-sitt­li­cher Phä­no­me­ne. Dar­in folgt ihm bis heu­te die staats­recht­li­che Lite­ra­tur.[22]

1979 über­schrieb Dolf Stern­ber­ger einen Kom­men­tar zum 30. Jah­res­tag des Grund­ge­set­zes mit »Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus«. Der Begriff, der ursprüng­lich von Robert Michels stammt, hat als­bald Kar­rie­re gemacht und dient bis heu­te zur Kenn­zeich­nung der sym­bo­li­schen Wir­kun­gen der Ver­fas­sung. Aus der Feder eines Poli­tik­wis­sen­schaft­lers klingt es zyni­scher. In einem Buch, das von Sozi­al­wis­sen­schaft­lern nicht weni­ger häu­fig zitiert wird, als von Juris­ten die Arbei­ten Smends, beschrieb Thur­man Arnold die beson­de­re Funk­ti­on des Rechts dahin, es schaf­fe aus der Rea­li­tät unver­ein­ba­rer Wert­vor­stel­lun­gen eine Illu­si­on der Ein­heit:

»And her­ein lies the great­ness of the law. It pre­ser­ves the appearan­ce of unity while tole­ra­ting and enfor­cing ide­als which run in oppo­si­te direc­tions. … It ful­fils its func­tions best, when it rep­res­ents the maxi­mum of com­pe­ting sym­bols« (The Sym­bols of Government, 1935, 247249)

Der Ver­such, eine Ver­fas­sung für Euro­pa auf den Weg zu brin­gen, der im Jah­re 2005 zunächst geschei­tert ist, wur­de von vie­len auch mit dem Bedürf­nis begrün­det, Euro­pa zu einer eige­nen Iden­ti­tät zu ver­hel­fen. Die­ser Ver­such ist nicht nur an den Inhal­ten, son­dern vor allem an dem Sym­bol­wert des Ver­fas­sungs­be­griffs geschei­tert. Die Ver­fas­sung steht noch immer für einen Natio­nal­staat, und das Publi­kum will sich Euro­pa nicht als Staat vor­stel­len.

Die juris­ti­sche Pra­xis dage­gen hat Pro­ble­me im Umgang mit Sym­bo­len, weil sich durch Sym­bo­le und gegen Sym­bo­le noch schlech­ter steu­ern lässt als mit Spra­che gegen Spra­che und ande­re Hand­lun­gen. Sym­bo­le in dem gemein­ten Sinn sind unbe­re­chen­bar. Sie haben vor allem Spreng­kraft. Das hat sich nicht nur am Flag­gen­streit der Wei­ma­rer Repu­blik und an den Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Natio­nal­hym­ne der Bun­des­re­pu­blik gezeigt. Heu­te sind es Kreu­ze in Klas­sen­zim­mern, Kopf­tü­cher bei Beam­tin­nen oder Mina­ret­te im Stadt­bild, deren juris­ti­sche Behand­lung höchst strei­tig ist. Das Kru­zi­fix ist zum Pro­blem­fall gewor­den, nach­dem es mit dem Kopf­tuch Kon­kur­renz erhal­ten hat. Anschei­nend ändert sich die Inter­pre­ta­ti­on sol­cher Sym­bo­le, wenn ein Geg­ner auf­taucht. Jetzt wer­den sie als fun­da­men­ta­lis­tisch inter­pre­tiert oder jeden­falls als mög­li­cher Anlass zu Kon­flik­ten. Nicht Sym­bolangst, son­dern Kon­flikt­scheu erklärt das Ver­bot reli­giö­ser Sym­bo­le und Klei­dungs­stü­cke in staat­li­chen Schu­len.

Viel­leicht war es Sym­bolangst, wenn deut­sche Gerich­te die Dar­stel­lung des Haken­kreu­zes selbst dann nach § 86a StGB bestraf­ten, wenn es in eine kri­ti­sche Dar­stel­lung ein­ge­bet­tet war. Hörn­le (2006) hat die­se Hand­ha­bung des § 86a StGB durch die Recht­spre­chung mit einer Tabui­sie­rung des Haken­kreu­zes und ähn­li­cher Sym­bo­le zu erklä­ren ver­sucht; Haken­kreu­ze sei­en als Sym­bo­le, die star­ke Gefüh­le aus­lös­ten, tabui­siert, d.h., man wol­le sie schlecht­hin nicht mehr sehen. Anlass war die Ver­ur­tei­lung eines Ver­sand­händ­lers, der T-Shirts, Auf­nä­her und Anste­cker ver­trie­ben hat­te, auf denen teils durch­ge­stri­che­ne, teils von einer Faust teil­wei­se ver­deck­te, zer­bro­che­ne Haken­kreu­ze abge­bil­det waren, wegen Ver­brei­tung natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Kenn­zei­chen.[23]

Pro­ble­ma­tisch ist der juris­ti­sche Umgang mit Sym­bo­len, weil ihre Inter­pre­ta­ti­on extrem kon­text­ab­hän­gig ist. Im Kopf­tuchur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts heißt es: »Das Kopf­tuch ist – anders als das christ­li­che Kreuz … – nicht aus sich her­aus ein reli­giö­ses Sym­bol. Erst im Zusam­men­hang mit der Per­son, die es trägt, und mit deren sons­ti­gem Ver­hal­ten kann es eine ver­gleich­ba­re Wir­kung ent­fal­ten. Das von Mus­li­min­nen getra­ge­ne Kopf­tuch wird als Kür­zel für höchst unter­schied­li­che Aus­sa­gen und Wert­vor­stel­lun­gen wahr­ge­nom­men.« (BVerfGE 108, 282305). Das Gericht hat zwar Sach­ver­stän­di­ge sowohl zu der Fra­ge nach den Moti­ven der Kopf­tuch­trä­ge­rin­nen als auch nach mög­li­chen Inter­pre­ta­tio­nen und Reak­tio­nen durch Schul­kin­der gehört, aber dann doch auf den Gesichts­punkt einer »abs­trak­ten« Gefähr­dung abge­stellt.

Rechts­ex­tre­mis­ten über­neh­men häu­fig Sym­bo­le ande­rer poli­ti­scher Strö­mun­gen. Das Paläs­ti­nen­ser­tuch galt frü­her als Zei­chen lin­ken poli­ti­schen Den­kens. Heu­te wird es von der rech­ten Sze­ne als Sym­bol für Anti­se­mi­tis­mus genutzt. Auch die schwar­ze Fah­ne, ursprüng­lich ein Erken­nungs­zei­chen der »Anti­fa­schis­ti­schen Akti­on«, hat die Rech­te inzwi­schen für sich umge­deu­tet. Für his­to­risch belas­te­te Kenn­zei­chen gibt es viel­fach auch neu­tra­le Ver­wen­dun­gen, etwa als Schmuck­stück oder Grab­stein, und die Geschich­te ist schnell ver­ges­sen. Das zeigt sich an einer neue­ren Ent­schei­dung des BGH[24], bei der es um die Straf­bar­keit der öffent­li­chen Ver­wen­dung des sog. Kel­ten­kreu­zes ging. Ein sti­li­sier­tes Kel­ten­kreuz war von der seit 1982 ver­bo­te­nen Volks­so­zia­lis­ti­schen Bewe­gung Deutschlands/Partei der Arbeit (VSBD/PdA) ver­wen­det wor­den. Heu­te dürf­te außer­halb der rechs­t­ex­tre­men Sze­ne kaum noch jemand die­se Orga­ni­sa­ti­on ken­nen und das Sym­bol mit ihr in Ver­bin­dung brin­gen. Den­noch hat der BGH allein wegen der ursprüng­li­chen Ver­knüp­fung des Zei­chens mit einer rechts­ra­di­ka­len Orga­ni­sa­ti­on des­sen öffent­li­che Ver­wen­dung ent­ge­gen der bis dahin ganz herr­schen­den Ansicht für objek­tiv tat­be­stands­mä­ßig i. S. von § 86a Abs. 1 Nr. 1 in Verb. mit § 86 Abs. 1 Nr. 2 StGB erklärt mit der Fol­ge, dass sich gewis­ser­ma­ßen die Beweis­last umkehrt. Die Straf­bar­keit soll nur bei Hand­lun­gen ent­fal­len, die unter Berück­sich­ti­gung der Umstän­de des Ein­zel­fal­les dem Schutz­zweck der Norm ein­deu­tig nicht zuwi­der­lau­fen, oder wenn eine sorg­fäl­ti­ge Prü­fung ergibt, dass der Täter sich nicht bewusst gewe­sen ist, ein Kenn­zei­chen einer ver­bo­te­nen Orga­ni­sa­ti­on zu ver­wen­den. Kon­se­quenz die­ser Ent­schei­dung ist, dass etwa der Gebrauch ger­ma­ni­scher Runen, die von vie­len Nazior­ga­ni­sa­tio­nen als Kenn­zei­chen ver­wen­det wur­den, grund­sätz­lich straf­bar ist, zumal nach § 86a Abs. 2 Satz 2 StGB auch zum Ver­wech­seln ähn­li­che Kenn­zei­chen ver­bo­ten sind. Rea­lis­ti­scher urteilt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Der Ange­klag­te hat­te die Bun­des­flag­ge als »schwarz-rot-senf« bezeich­net und war wegen Ver­un­glimp­fung staat­li­cher Sym­bo­le nach § 90a I Nr. 2 StGB ver­ur­teilt wor­den. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hob das Urteil auf und mein­te, man dür­fe nicht ohne Wei­te­res davon aus­ge­hen, dass die his­to­ri­sche Ver­knüp­fung mit dem Flag­gen­streit aus der Zeit der Wei­ma­rer Repu­blik der Bevöl­ke­rung prä­sent sei und daher in der kon­kre­ten Situa­ti­on auch so erfasst wor­den sei.[25]

Wenn das Volk der Sou­ve­rän ist, braucht es kein Bild des abwe­sen­den Kai­sers, der durch sein Bild spricht. Doch wenn es für den Staat und sein Recht kei­ne Letzt­be­grün­dung mehr gibt, bleibt eine Leer­stel­le. Stein­hau­er (2003) meint des­halb, es gehe es jetzt nicht mehr bloß dar­um, dass »durch Bil­der bis hin zu den ers­ten Göt­tern« ver­mit­tel­te Macht nicht mehr trag­fä­hig sei. Viel­mehr müss­ten »die seman­ti­schen Leer­stel­len der Grund­norm­fik­ti­on, der abschlie­ßen­den Anti­no­mi­en vor allem auf­grund ihrer Funk­ti­on als Kon­tin­genz­for­mel bild­lich frei­ge­hal­ten wer­den«. Man habe Sor­ge, die Got­tes­fik­ti­on kön­ne sich durch ihre Ver­an­schau­li­chung ver­wirk­li­chen, so dass man sich plötz­lich am Text der Prä­am­bel zum Grund­ge­setz fest­hal­ten las­sen müs­se. Aber auch die­se Begrün­dung trägt nur die Ableh­nung bestimm­ter Sym­bo­le. Gera­de das Feh­len einer kon­sen­tier­ten Letzt­be­grün­dung ruft nach einem hin­rei­chend unbe­stimm­ten, aber deu­tungs­fä­hi­gen Sym­bol. Als sol­ches dient heu­te die »Men­schen­wür­de«.

 


[1] Die­ser Abschnitt ent­spricht weit­ge­hend dem Auf­satz »Die Macht der Sym­bo­le« in: Michel­le Cot­tier u. a. (Hg.), Wie wirkt Recht?, 2010, 267–299.

[2] Zum Sym­bol­be­griff all­ge­mein Oli­ver R. Scholz, Arti­kel »Sym­bol II. 19. und 20. Jh.«, in: His­to­ri­sches Wör­ter­buch der Phi­lo­so­phie, 1998, 723–738, zur kul­tur­phi­lo­so­phi­schen Ver­wen­dung Heinz Paet­zold, Die Rea­li­tät der sym­bo­li­schen For­men. Die Kul­tur­phi­lo­so­phie Ernst Cas­si­rers im Kon­text, 1994. In der Sozio­lo­gie beginnt die Kar­rie­re des Begriffs bei Geor­ge Her­bert Mead (Mind, Self, Socie­ty, 1934; deutsch: Geist, Iden­ti­tät und Gesell­schaft, 1968); zum aktu­el­len Stand Dirk Hülst, Sym­bol und sozio­lo­gi­sche Sym­bol­theo­rie, 1999; für die Kunst­ge­schich­te Roel­of van Stra­ten, Ein­füh­rung in die Iko­no­gra­phie, 2. Aufl., 1997, 57 ff.

[3] An der Uni­ver­si­tät Kon­stanz gibt es seit dem Jah­re 2000 einen Son­der­for­schungs­be­reich »Norm und Sym­bol« (http://​www​.uni​-kon​stanz​.de/​F​u​F​/​s​f​b​4​85/). Nach sei­ner Selbst­be­schrei­bung unter­sucht er »die Funk­ti­on von Nor­men und Sym­bo­len für den Auf­bau und die Sta­bi­li­tät sozia­ler Ord­nung.« Aus die­sem Pro­jekt stammt der Band von Rudolf Schlögl/Bernhard Giesen/Jürgen Oster­ham­mel (Hg.), Die Wirk­lich­keit der Sym­bo­le, 2004; dar­in ins­be­son­de­re rele­vant: Max-Ema­nu­el Geis, Sym­bo­le im Recht, 439–460, sowie Dani­el Kraus­nick, Sym­bol­theo­rie aus juris­ti­scher Per­spek­ti­ve, Die Wirk­lich­keit der Sym­bo­le, 2004, 135–156. Aus juris­ti­scher Sicht nicht weni­ger wich­tig ist der Son­der­for­schungs­be­reich 496 »Sym­bo­li­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on und gesell­schaft­li­che Wer­te­sys­te­me vom Mit­tel­al­ter bis zur fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on« an der Uni­ver­si­tät Müns­ter. Aus die­ser Quel­le stam­men die Rei­ner Schul­ze her­aus­ge­ge­be­nen Sam­mel­bän­de »Rechts­sym­bo­lik und Wer­te­ver­mitt­lung«, 2004, und »Sym­bo­li­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on vor Gericht in der frü­hen Neu­zeit«, 2005; sowie von Gerd Alt­hoff, Die Macht der Ritua­le. Sym­bo­lik und Herr­schaft im Mit­tel­al­ter, 2003, sowie von Alt­hoff als Her­aus­ge­ber der Band »Zei­chen — Ritua­le – Wer­te«, 2004.

[4] Ernst Cas­si­rer, Sub­stanz­be­griff und Funk­ti­ons­be­griff, Werk­aus­ga­be Band 6, 2000 [1910], 161. Neue­re Arbei­ten über die Bedeu­tung Cas­si­rers für das Recht bemü­hen sich um eine Rekon­struk­ti­on sei­ner Rechts­phi­lo­so­phie und hel­fen der Rechts­so­zio­lo­gie nicht wei­ter (Deniz Cos­kun, Law as a Sym­bo­lic Form. Ernst Cas­si­rer and the Anthro­po­cen­tric View of Law, 2007; Ste­phan Kirs­te, Ernst Cas­si­rers Ansät­ze zu einer Theo­rie des Rechts als sym­bo­li­sche Form, ARSP Bei­heft 115, 2007, 177–187). Phi­lo­so­phie­rend auch Oswald Schwem­mer, Die Macht der Sym­bo­le, Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te Nr. 20 vom 15. 5. 2006.

[5] Hel­mut Will­ke, Sym­bo­li­sche Sys­te­me, 2005.

[6] Charles S. Peirce, Collec­ted Papers, Bd. 2 § 8 (Har­vard Uni­ver­si­ty Press, Cam­bridge, Mass.).

[7] Win­fried Nöth, Hand­buch der Semio­tik, 2. Aufl. 2000, 181 f.

[8] Dre­her, S. 469; Soeff­ner, S. 201; Link, S. 192.

[9] Die­se Kapa­zi­tät von Sym­bo­len, ganz unter­schied­li­che Mei­nun­gen und Inter­es­sen zu über­de­cken, führt nahe an Luh­manns Figur der »sym­bo­li­schen Gene­ra­li­sie­rung« her­an. Gemeint ist eine Ver­all­ge­mei­ne­rung von Deu­tungs­ele­men­ten, die erfor­der­lich sind, damit man sich in der Kom­mu­ni­ka­ti­on über unend­lich vie­le und unvor­her­seh­ba­re The­men über­haupt ver­ste­hen kann. Dazu gehö­ren »sym­bo­lisch gene­ra­li­sier­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en«, denen die Funk­ti­on zuge­schrie­ben wird, »die Annah­me einer Kom­mu­ni­ka­ti­on erwart­bar zu machen in Fäl­len, in denen die Ableh­nung wahr­schein­lich ist« (GdG 316). Mit Geld kann man ande­ren Men­schen Leis­tun­gen abkau­fen, die sie auf blo­ße Anfra­ge nicht her­ge­ben wür­den. Die Dro­hung mit phy­si­scher Gewalt eig­net sich dazu, ande­ren Men­schen belie­bi­ge Hand­lun­gen abzu­pres­sen oder abs­trak­ter, die »Schwel­le der Nicht­ak­zep­tanz von Kom­mu­ni­ka­ti­on« anzu­he­ben (GdG 203 f.). Das Glei­che leis­ten je in ihrem Bereich, Lie­be oder Wahr­heit. Damit sind die »sym­bo­lisch gene­ra­li­sier­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en« ein schö­nes Bei­spiel für den alten Äqui­va­lenz­funk­tio­na­lis­mus. Aber sie haben wenig mit dem zu tun, was man gewöhn­lich unter Sym­bo­len ver­steht.

[10] Dazu in dem Band von Rüdi­ger Voigt (Hg.), Sym­bo­le der Poli­tik, Poli­tik der Sym­bo­le, 1989 die Auf­sät­ze von Dirk Wendt (Fein­bild. Sei­ne bio­lo­gi­schen und psy­cho­lo­gi­schen Ursa­chen, S. 73–87), Ger­hard Brunn (Ger­ma­nia und die Ent­ste­hung des deut­schen Natio­nal­staa­tes. Zum Zusam­men­hang von Sym­bo­len und Wir-Gefühl, S. 101–122, und von Eike Hen­nig (Die Bedeu­tung von Sym­bol und Stil für den Neo­na­zis­mus und die Rechts­ex­tre­mis­mus­for­schung in der Bun­des­re­pu­blik, S. 179–196).

[11] Der oben ange­führ­te Text »Poli­tik als Ritu­al« bie­tet eine von Edel­man selbst getrof­fe­ne Aus­wahl aus sei­nen Büchern »The Sym­bo­lic Uses of Poli­tics«, 1964 (6. Aufl. 1974) und »Poli­tics as Sym­bo­lic Action«, 1971 (2. Aufl. 1972). Hin­rei­chend kon­kre­te Aus­sa­gen über den sym­bo­li­schen Gebrauch von Recht fin­de ich dar­in nicht. Im Übri­gen kann man nicht akzep­tie­ren, dass Edel­man die Poli­tik, so wie sie sich der Öffent­lich­keit dar­stellt, als sym­bo­li­sche Mogel­pa­ckung dekla­riert.

[12] Harold Gar­fin­kel, Con­di­ti­ons of Suc­cess­ful Degra­da­ti­on Cere­mo­nies, Ame­ri­can Jour­nal of Socio­lo­gy 61, 1956, 420–424; deutsch: Bedin­gun­gen für den Erfolg von Degra­die­rungs­ze­re­mo­ni­en, in: Lüders­sen (Hg.): Semi­nar: Abwei­chen­des Ver­hal­ten III. Die gesell­schaft­li­che Reak­ti­on auf Kri­mi­na­li­tät Bd. 2, 1977, S. 31–40.

[13] Stuart Hall/Charles Critcher/Tony Jefferson/John Clarke/Brian Roberts, Poli­cing the Cri­sis: Mug­ging, the Sta­te, and Law and Order, Lon­don, Macmil­lan, 1978 [1994].

[14] Mar­tin Innis/Nigel Fiel­ding, From Com­mu­ni­ty To Com­mu­ni­ca­ti­ve Poli­cing: »Signal Cri­mes« And The Pro­blem Of Public Reas­suran­ce, Socio­lo­gi­cal Rese­arch Online 7, 2002.

[15] Als Bei­spiel dient Mar­ce­lo Neves (1998) sein Hei­mat­land Bra­si­li­en. Eine Zusam­men­fas­sung des Buches von 1998 unter dem Titel »Von der sym­bo­li­schen Gesetz­ge­bung zur sym­bo­li­schen Kon­sti­tu­tio­na­li­sie­rung« (1999) ist im Inter­net ver­füg­bar.

[16] Tho­mas Mais­sen, Wie die Jung­frau zum Staat kam, Ruper­to Caro­la, For­schungs­ma­ga­zin der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg 12006, 17–23. Bei Hein­rich Schmidt/Margarethe Schmidt, Die ver­ges­se­ne Bil­der­spra­che christ­li­cher Kunst, 1981, habe ich aller­dings kei­nen Hin­weis dar­auf gefun­den habe, dass der hor­tus con­cl­usus als Sou­ve­rä­ni­täts­sym­bol dien­te. Zur Ger­ma­nia Ger­hard Brunn (Ger­ma­nia und die Ent­ste­hung des deut­schen Natio­nal­staa­tes. Zum Zusam­men­hang von Sym­bo­len und Wir-Gefühl, in: Rüdi­ger Voigt (Hg.), Sym­bo­le der Poli­tik, Poli­tik der Sym­bo­le, 1989, 101–122; Zum Adler näher Hat­ten­hau­er S. 115 ff.

[17] Das Bild wur­de bis­her Wen­zel Hol­lar zuge­schrie­ben. Nach Unter­su­chun­gen von Horst Bre­de­kamp (Tho­mas Hob­bes visu­el­le Stra­te­gi­en, 1999, S. 31) dürf­te Abra­ham Bos­se der Künst­ler sein. Phi­lip Manow meint, eine wich­ti­ge Inspi­ra­ti­on für das Titel­bild und für die Vor­stel­lung Hob­bes’ vom Natur­zu­stand sei­en die zu sei­ner Zeit ver­brei­te­ten Vor­stel­lun­gen und Bil­der von den »Wil­den« in Ame­ri­ka gewe­sen (Sexua­li­tät und Sou­ve­rä­ni­tät — Neue Nach­rich­ten vom Vor- und Nach­le­ben des Levia­than-Fron­tispi­zes, Levia­than 35, 2007, 470–494).

[18] Wal­ter Ben­ja­min, Das Kunst­werk im Zeit­al­ter sei­ner tech­ni­schen Repro­du­zier­bar­keit, Nach­wort [1936], hier zitiert nach der Edi­ti­on Suhr­kamp 28, 1963, S. 42 u. 44.

[19] Zur Selbst­dar­stel­lung der Demo­kra­tie in ihren Bau­wer­ken Hein­rich Wefing, Par­la­ments­ar­chi­tek­tur, , 1995; ders. (Hg.), »Dem Deut­schen Vol­ke«: der Bun­des­tag im Ber­li­ner Reichs­tags­ge­bäu­de, 1999; ders., Kulis­se der Macht. Das Ber­li­ner Kanz­ler­amt, 2001.

[20] Eine Psy­cho­lo­gin, die deut­sche Kin­der über deren Wis­sen vom Gericht befragt hat, erfuhr, dass vie­le Kin­der anneh­men, der Rich­ter hal­te einen Ham­mer und tra­ge even­tu­ell eine Perü­cke (Petra Wolf, Was wis­sen Kin­der und Jugend­li­che von Gerichts­ver­hand­lun­gen, 1997).

[21] Rudolf Smend, Ver­fas­sung und Ver­fas­sungs­recht, 1928 (dort zum Unter­schied zwi­schen der Inte­gra­ti­on durch Sym­bo­le und durch Nor­men S. 260 ff.); ders., Staats­recht­li­che Abhand­lun­gen, 2. Aufl. 1968. Bemer­kens­wert André Bro­docz, Die sym­bo­li­sche Dimen­si­on der Ver­fas­sung. Ein Bei­trag zur Insti­tu­tio­nen­theo­rie, 2003; ders., Die Sym­bo­li­sche Dimen­si­on kon­sti­tu­tio­nel­ler Insti­tu­tio­nen. Über kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Ansät­ze in der Ver­fas­sungs­theo­rie, in: Bir­git Schwel­ling (Hg.), Poli­tik­wis­sen­schaft als Kul­tur­wis­sen­schaft, 2004, 131–150: Der Autor nimmt für sich in Anspruch, eine »Theo­rie der sym­bo­li­schen Inte­gra­ti­on durch Nor­men« ent­wor­fen zu haben. Der Name von Rudolf Smend kommt weder in dem Buch noch in dem Auf­satz vor. Was uns im Übri­gen als sym­bo­li­sche Dimen­si­on der Ver­fas­sung und des Rechts und damit als des­sen kul­tu­rel­le Ein­bet­tung vor­ge­stellt wird, dass hat man frü­her in der Rechts­so­zio­lo­gie unter dem Titel »Legi­ti­ma­ti­ons­vor­stel­lun­gen des Publi­kums« behan­delt. Einen Fort­schritt kann ich nicht erken­nen.

[22] Chris­ti­an Bicken­bach, Rudolf Smend, JuS 2005, 588–591; Armin von Bogdan­dy, Euro­päi­sche Ver­fas­sung und euro­päi­sche Iden­ti­tät, JZ 2004, 53; Peter Häber­le, Ver­fas­sung als Kul­tur, JöR 2001, 125; Wil­helm Hen­nis, Inte­gra­ti­on durch Ver­fas­sung, JZ 1999, 485; Eck­art Klein, Die Staats­sym­bo­le, in: Josef Isensee/Paul Kirch­hof (Hrsg.), Hand­buch des Staats­rechts Bd. 1, 2. Aufl. 1998, § 17; Her­bert Krü­ger, All­ge­mei­ne Staats­leh­re, 1966, 266; Ste­fan Korioth/Armin von Bogdan­dy, Euro­päi­sche und natio­na­le Iden­ti­tät; Inte­gra­ti­on durch Ver­fas­sungs­recht?, VVDStRL 62 (2003) 156–188; Roland Lhot­ta (Hg.), Die Inte­gra­ti­on des moder­nen Staa­tes. Zur Aktua­li­tät der Inte­gra­ti­ons­leh­re von Rudolf Smend, 2005. Vgl. fer­ner die Kom­men­tie­run­gen zu Art. 22 GG (»Die Bun­des­flag­ge ist schwarz-rot-gold.«).

[23] Inzwi­schen hat der BGH (NJW 2007, 1602 = NStZ 2007, 466 mit Anm. Hörn­le S. 698–699) die Ver­ur­tei­lung auf­ge­ho­ben.

[24] BGH B vom 1. 10. 2008 – 3 StR 16408, NJW 2009, 929 = JZ 2009, 191 mit Anm. von Andre­as Ste­gen­bau­er.

[25] B. vom 15. 9. 2008 – 1 BvR 156505, NJW 2009, 908 mit abl. Bespre­chung von Marei­ke Preis­ner, NJW 2009, 897 f. Preis­ner weist aller­dings zutref­fend dar­auf hin, dass das BVerfG im kon­kre­ten Fall bei der Dar­stel­lung des Sach­ver­halts einen Kon­text mit­ge­teilt hat, aus dem sich ein Bewusst­sein des his­to­ri­schen Bezu­ges von »schwarz-rot-senf« sowohl beim Red­ner wie beim Publi­kum ergibt.

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