V. Klassiker, Required Readings und Literaturkanon

Lite­ra­tur: Dan Claw­son (Hg.), Requi­red Rea­ding: Sociology’s Most Influ­en­ti­al Books, Amherst, MA, Uni­ver­si­ty of Mas­sa­chu­setts Press, 1998; Bru­no S. Frey/Katja Rost, Do Ran­kings Reflect Rese­arch Qua­li­ty?, Insti­tu­te for Empi­ri­cal Rese­arch in Eco­no­mics, Uni­ver­si­ty of Zurich, Working Paper 390, 2008; Aus­tin Sarat, President’s Column: Every Good Disci­pli­ne Deser­ves a Canon. Or How Can We Fight If We Aren’t Armed?, Law & Socie­ty News­let­ter, Novem­ber 1998, 1–5; Caroll Seron (Hg.), The Law and Socie­ty Canon«, Ash­ga­te 2005; Caroll Seron/Susan Sil­bey, Pro­fes­si­on, Sci­ence and Cul­tu­re: An Emer­gent Canon of Law and Socie­ty Rese­arch, in: Aus­tin Sarat (Hg.), The Black­well Com­pa­n­ion to Law and Socie­ty, Black­well Publi­shing 2004, 30–61.

Man kann nicht alles lesen. Des­halb stellt sich die Fra­ge, wel­che Bücher Pflicht­lek­tü­re sind, wel­che emp­foh­len wer­den und wel­che man ver­ges­sen kann. Die Fra­ge stellt sich natür­lich nicht nur hin­sicht­lich der unter I. auf­ge­zähl­ten Lehr­bü­cher und Reader, son­dern erst recht hin­sicht­lich der schier uner­mess­li­chen Flut der Mono­gra­phi­en und unselb­stän­di­gen Ver­öf­fent­li­chun­gen, von denen das Lite­ra­tur­ver­zeich­nis am Ende nur eine Aus­wahl bie­tet. Es besteht also Bedarf nach einer »Lese­lis­te«. Aber jede Lis­te ver­lei­tet zu einem Umkehr­schluss: Was nicht auf­ge­nom­men wird, erscheint weni­ger wich­tig oder gar über­flüs­sig. Inso­fern ist sie unver­meid­lich »kano­nisch«.

Ein Kanon im klas­si­schen Sin­ne ist eine abge­schlos­se­ne Samm­lung hei­li­ger oder ver­bind­li­cher Tex­te. Jen­seits der Reli­gio­nen ist ein sol­cher Kanon ver­pönt.[1] Weder die Auto­ri­tät noch die Abge­schlos­sen­heit eines Kanons ver­trägt sich mit der Offen­heit der Wis­sen­schaft. Aber auch eine erklär­ter­ma­ßen offe­ne Lis­te hat neben der schon genann­ten Umkehr­schluss­wir­kung »kano­ni­sche« Zweit­ef­fek­te. Die Auf­nah­me etwa von Luh­manns »Recht der Gesell­schaft« ist dadurch begrün­det, dass Luh­mann durch sei­nen sys­tem­theo­re­ti­schen Ansatz ein unver­gleich­li­cher Zugriff auf bestimm­te The­men, vor allem auf die Evo­lu­ti­on des Rechts, auf sei­ne Posi­ti­vie­rung und auf die Ent­wick­lung einer Welt­ge­sell­schaft gelun­gen ist. Aber wenn der Titel in einer Lese­lis­te ohne sol­chen Kon­text ange­führt wird, so wird er unver­meid­lich nicht nur wegen sei­nes spe­zi­fi­schen Bei­trags zur Ana­ly­se der Pro­ble­me gele­sen, son­dern er wird auch zur Auto­ri­tät und als sol­cher zum Gegen­stand der Ver­eh­rung und wird allein des­halb (hof­fent­lich noch) gele­sen und vor allem zitiert. Es kommt hin­zu, dass sich die Titel der Lis­te wech­sel­sei­tig in ihrer Pro­mi­nenz und Auto­ri­tät ver­stär­ken. Die Nen­nung mehr oder weni­ger aller Namen des »Kanons«, und nur die­ser, wird zum Zitier­ri­tu­al. Schließ­lich kann die Lis­te zur Last wer­den, wenn sie dazu ver­lei­tet, an Stel­le genau­er Ana­ly­se und eige­ner Argu­men­te nur noch »Kano­ni­ker« zu zitie­ren.

Ein »Kanon« ent­steht nicht erst durch eine geziel­te Aus­wahl, son­dern er ent­wi­ckelt sich unge­plant, sobald eine wis­sen­schaft­li­che Fach­ge­mein­schaft her­an­wächst. Er bil­det eine gemein­sa­me Wis­sens­ba­sis und übt eine gemein­schafts­bil­den­de Kraft. Wer das Fach stu­die­ren und dazu gehö­ren will, muss sich die­se Tex­te aneig­nen.

Bemer­kens­wert ist der Eifer, mit dem Aus­tin Sarat sich als »advo­ca­te for disci­pli­ni­za­ti­on« für eine Kano­ni­sie­rung des Faches ein­setzt. Zwar spricht er nicht von legal socio­lo­gy oder socio­lo­gy of law, son­dern von »law and socie­ty scho­l­ar­ship«. Aber der Sprach­ge­brauch in den USA ist eben anders. Schon als Prä­si­dent der Law and Socie­ty Asso­cia­ti­on hat­te Sarat sich für eine »Kano­ni­sie­rung« des Faches aus­ge­spro­chen. Bemer­kens­wert auch, dass er dafür Juris­ten (Jack Bal­kin und San­ford Levin­son) zitiert: »Every disci­pli­ne, becau­se it is a disci­pli­ne, has a canon, a set of stan­dard texts, approa­ches, pro­blems, examp­les, or sto­ries that its mem­bers repeated­ly employ or invo­ke, and which help defi­ne the disci­pli­ne as a disci­pli­ne.«. Seit­her hat Sarat durch die Her­aus­ga­be von zahl­rei­chen Readern und des »The Black­well Com­pa­n­ion to Law and Socie­ty« selbst erheb­lich zur Abgren­zung und Befes­ti­gung die­ses Kanons bei­ge­tra­gen.

Was im Ein­zel­nen zum Kanon der Rechts­so­zio­lo­gie gehört, zeigt sich in der Lite­ra­tur­ver­zeich­nis­sen von Lehr­bü­chern, in Lite­ra­tur­emp­feh­lun­gen zu Lehr­ver­an­stal­tun­gen und in gewohn­heits­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Zita­tio­nen. Biblio­me­tri­sche Ver­fah­ren haben, jeden­falls in der deut­schen Rechts­so­zio­lo­gie, bis­her noch kei­ne Bedeu­tung gewon­nen, und zwar allein schon aus dem Grun­de, weil das Fach dazu zu klein ist.[2]

Für eine Her­aus­ge­ber­be­spre­chung der Zeit­schrift für Rechts­so­zio­lo­gie hat­te Wolf­gang Lud­wig-May­er­ho­fer 2007 eini­ge Zah­len aus dem SSCI zusam­men­ge­stellt. Er hat mir freund­lich gestat­tet, sei­ne Zah­len zu ver­wen­den. Bis Som­mer 2007 wur­den ins­ge­samt 49 Auf­sät­ze aus der ZfR­Soz zusam­men 118 mal in SSCI-Jour­nals zitiert. Die Spit­zen­rei­ter waren:

  • Gun­ther Teubner/Helmut Will­ke, Kon­text und Auto­no­mie: Gesell­schaft­li­che Steue­rung durch refle­xi­ves Recht (Bd. 6, 1984, 4–35): 18 Zita­tio­nen [Goog­le Scho­l­ar 123]
  • E. All­an Lind, Pro­ce­du­ral Jus­ti­ce and Cul­tu­re: Evi­dence for Ubi­qui­tous Pro­cess Con­cerns (Bd. 15, 1994, 24–36): 9 Zita­tio­nen [Goog­le Scho­l­ar 29]
  • Niklas Luh­mann, Eini­ge Pro­ble­me mit »refle­xi­vem« Recht (Bd. 6, 1985, 1–18): 7 Zita­tio­nen [Goog­le Scho­l­ar 19]
  • Alfons Bora, Gren­zen der Par­ti­zi­pa­ti­on? Risi­ko­ent­schei­dun­gen und Öffent­lich­keits­be­teil­gung im Recht (15, 1994, 126–152): 6 Zita­tio­nen [Goog­le Scho­l­ar 13]
  • Klaus Eder, Pro­ze­du­ra­le Legi­ti­mi­tät. Moder­ne Rechts­ent­wick­lung jen­seits von for­ma­ler Ratio­na­li­sie­rung (Bd 7, 1986, 1–30): 5 Zita­tio­nen [Goog­le Scho­l­ar 11]
  • Marc Galan­ter, Why the »Haves« Come Out Ahead: Spe­cu­la­ti­ons on the Limits of Legal Chan­ge (Bd. 9, 197475, 95–160): 755 Zita­tio­nen
  • Wil­liam L. F./Richard Abel/Austin Sarat, The Emer­gence and Trans­for­ma­ti­on of Dis­pu­tes: Naming, Bla­ming, Clai­ming… (Bd. 15, 198081, 631–654): 257 Zita­tio­nen
  • John Hagan, Extra-Legal Attri­bu­tes and Cri­mi­nal Sen­ten­cing: An Assess­ment of a Socio­lo­gi­cal View­point (Bd. 8, 19731974, 357–384): mit 212 Zita­tio­nen
  • Abra­ham S. Blum­berg, The Prac­tice of Law as a Con­fi­dence Game: Orga­ni­za­tio­nal Coop­tati­on of a Pro­fes­si­on (Bd. 1, Heft 2, 1967, 14–40): 159 Zita­tio­nen
  • Harold G. Grasmick/Robert J. Bur­sik, Jr., Con­sci­ence, Signi­fi­cant Others, and Ratio­nal Choice: Exten­ding the Deter­rence Model (B. 24, 1990, 837–862): 158 Zita­tio­nen
  • Dani­el S. Nagin, Endu­ring Indi­vi­du­al Dif­fe­ren­ces and Ratio­nal Choice Theo­ries of Crime (Bd. 27, 19921993, 467–496: 139 Zita­tio­nen
  • Tom R. Tyler, What is Pro­ce­du­ral Jus­ti­ce?: Cri­te­ria Used by Citi­zens to Assess the Fair­ness of Legal Pro­ce­du­res (Bd. 22, 1988, 103–135): 125 Zita­tio­nen
  • Gun­ther Teub­ner, Sub­stan­ti­ve and Refle­xi­ve Ele­ments in Modern Law (Bd. 17, 19821983, 239–286): 118 Zita­tio­nen
  • Donald T. Campbell/H. Lau­rence Ross, The Con­nec­ti­cut Crack­down on Spee­ding: Time Series Date in Qua­si-Expe­ri­men­tal Ana­ly­sis (Bd. 3, 19681969, 33–54): 117 Zita­tio­nen
  • Kirk R. Williams/Richard Haw­kins, Per­cep­tu­al Rese­arch on Gene­ral Deter­rence: A Cri­ti­cal Review (Bd. 20, 1986, 545–572): 114 Zita­tio­nen

Maß­stab für die Auf­nah­me eines Titels in den »Kanon« soll­te in ers­ter Linie die wis­sen­schaft­li­che Qua­li­tät sein. Sie setzt sich zusam­men aus der Ori­gi­na­li­tät der Gedan­ken und aus der metho­di­schen Soli­di­tät der Beweis­füh­rung und Aus­ar­bei­tung. Es wird sich zwar meis­tens Kon­sens dar­über her­stel­len las­sen, dass eine Arbeit in die­sem Sin­ne Qua­li­tät hat. Aber es gibt so viel Qua­li­täts­ar­beit, dass eine Aus­wahl auf der Basis einer objek­ti­ven Rei­hung von vorn­her­ein aus­schei­det. So wird man dann auf Indi­ka­to­ren zurück­grei­fen, die als Qua­li­täts­zei­chen geeig­net sein könn­ten. In Betracht kommt ins­be­son­de­re der Ein­fluss einer Arbeit auf die Wis­sen­schaft. Es kommt es nicht unbe­dingt dar­auf an, dass der neu­es­te Stand des Faches reprä­sen­tiert ist. Statt­des­sen darf die Lese­lis­te, von der jetzt die Rede sein soll, auch Titel ent­hal­ten, die von der Sache her schon über­holt sind, aber auf die Ent­wick­lung des Faches beson­de­ren Ein­fluss gehabt haben. Ein Bei­spiel ist Ste­wart Macau­lays berühm­ter Auf­satz über »Non-con­trac­tu­al Rela­ti­ons in Busi­ness«[3] (den ich eigent­lich in der Renn­lis­te erwar­tet hät­te).

Ob empi­ri­sche Ver­fah­ren geeig­net sind, einen »Kanon« der Fach­li­te­ra­tur abzu­gren­zen, wird von man­chen in Zwei­fel gezo­gen, einer­seits, weil Zita­ti­ons­ana­ly­sen gele­gent­lich zu über­ra­schen­den Ergeb­nis­sen füh­ren, weil Zitier­mus­ter oft von Netz­wer­ken bestimmt wer­den und weil ein­mal ein­ge­fah­re­ne Zitier­mus­ter die Ten­denz zur Selbst­ver­stär­kung haben (Bru­no S. Frey/Katja Rost). Aber man kann sie sicher nicht igno­rie­ren. Am Ende gehört es zum Selbst­be­wusst­sein eines Wis­sen­schaft­lers, dass er sich kei­nen »Kanon« vor­schrei­ben lässt, son­dern sei­nem eige­nen Urteil ver­traut, aber selbst­ver­ständ­lich auf die Pra­xis und das Urteil ande­rer Rück­sicht nimmt.

»Requi­red Rea­dings« bezeich­net eigent­lich die Pflicht­lek­tü­re, mit der sich Stu­den­ten (in den USA) auf jede Unter­richts­stun­de vor­be­rei­ten müs­sen. Die Lis­te ist teils enger als der Kanon, teils aber auch spe­zi­el­ler. Eine deut­sche Ent­spre­chung fehlt eben­so wie eine glat­te Über­set­zung. Im über­tra­ge­nen Sin­ne kann man dar­un­ter die Mini­mum-Lek­tü­re ver­ste­hen, der man sich unter­zie­hen soll­te, wenn man Rechts­so­zio­lo­gie als Stu­di­en­fach wählt, aber nicht gleich wis­sen­schaft­lich auf die­sem Gebiet arbei­ten will. In die­sem Sin­ne ist die fol­gen­de Lese­lis­te zu ver­ste­hen.

Es liegt auf der Hand, dass eine Lese­lis­te unter­schied­lich aus­fällt, je nach­dem, ob sie für Juris­ten bestimmt ist, die sich im Rah­men ihres Stu­di­ums oder danach mit der Rechts­so­zio­lo­gie ver­traut machen wol­len, oder ob der Adres­sat die Rechts­so­zio­lo­gie selbst als Wis­sen­schaft betrei­ben will. Für Juris­ten ist es viel wich­ti­ger, dass sie all­ge­mein­so­zio­lo­gi­sche Tex­te lesen, um sich mit der Denk­wei­se des Faches ver­traut zu machen.

Rela­tiv ein­fach ist die Fra­ge nach Klas­si­kern zu beant­wor­ten. Sicher gibt es Klas­si­ker der Rechts­so­zio­lo­gie. Ein Autor wird zum Klas­si­ker, wenn sein Werk für die Ent­wick­lung des Faches so grund­le­gend war, dass es auch heu­te noch immer wie­der ange­führt wird, um die aktu­el­len Stand der Theo­rie bes­ser zu ver­ste­hen, obwohl sich die­ser wei­ter ent­wi­ckelt hat. Für die Rechts­so­zio­lo­gie gibt es in die­sem Sin­ne wohl drei Klas­si­ker, näm­lich Émi­le Durk­heim, Eugen Ehr­lich, Max Weber und, jeden­falls aus deut­scher Sicht, Theo­dor Gei­ger. Luh­mann wird sicher irgend­wann ein­mal die­se Rei­he erwei­tern. Aber noch dis­ku­tiert man mit ihm wie mit einem Zeit­ge­nos­sen. Klas­si­ker haben die Eigen­schaft, dass sie mehr zitiert als gele­sen wer­den. Sol­che Zita­te sind für die Ver­stän­di­gung wich­tig, denn man kann davon aus­ge­hen, dass die Klas­si­ker inner­halb der Dis­zi­plin so geläu­fig sind, dass allein die Nen­nung bei dem Hörer oder Leser den Kern ihres Theo­rie­ge­bäu­des auf­leuch­ten lässt. Aber jeden­falls Stu­den­ten sind nicht ver­pflich­tet, mehr als ein­zel­ne Kapi­tel zu lesen.

 


[1] Für das Recht Die­ter Con­rad, Zum Norm­cha­rak­ter von »Kanon« in rechts­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve, in: Alei­da Ass­mann (Hg.), Kanon und Zen­sur, 1987, S. 47–61.

[2] Daher besteht kein Anlass, sich hier mit dem Wert sol­cher Ver­fah­ren aus­ein­an­der­zu­set­zen. Das besor­gen all­ge­mein Robert Adler/John Ewing/Peter Tay­lor, Cita­ti­on Sta­tis­tics, 2008, ULR http://​www​.mat​h​uni​on​.org/​f​i​l​e​a​d​m​i​n​/​I​M​U​/​R​e​p​o​r​t​/​C​i​t​a​t​i​o​n​S​t​a​t​i​s​t​i​c​s​.​pdf 1.

[3] ASR 28, 1963, 55–69. Wie unzu­läng­lich die­ser Auf­satz die Pro­ble­ma­tik ana­ly­siert, zeigt Jür­gen Oechs­ler, Wil­le und Ver­trau­en im pri­va­ten Aus­tausch­ver­trag. Die Rezep­ti­on der Theo­rie des Rela­tio­nal Con­tract im deut­schen Ver­trags­recht in rechts­ver­glei­chen­der Kri­tik, Rabel­sZ 60, 1996, 91–124.

  1. 4.2009
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