§ 8 Die Uppsala-Schule und Theodor Geiger

Lite­ra­tur: Jes Bja­rup, Skan­di­na­vi­scher Rea­lis­mus, 1978; ders., Legal Rea­lism or Kel­sen ver­sus Häger­ström, Rechts­theo­rie Bei­heft 9, 1986, 243–257; ders., The Phi­lo­so­phy of Scan­di­na­vi­an Legal Rea­lism, Ratio Juris 18, 2005, 1–15; Anto­ni­us G. de Groot, Der skan­di­na­vi­sche Rea­lis­mus und sei­ne Bedeu­tung für die recht­li­che Grund­la­gen­for­schung, 1997; Axel Hager­ström, Der römi­sche Obli­ga­ti­ons­be­griff im Lich­te der all­ge­mei­nen römi­schen Rechts­an­schau­ung, 1927; ders., Inqui­ries into the Natu­re of Law and Morals, 1953, ders., Eine Selbst­dar­stel­lung, in: Die Phi­lo­so­phie der Gegen­wart in Selbst­dar­stel­lun­gen, Bd. 7, Leip­zig 1929; 111 ff.; Stig Jör­gen­sen, Scan­di­na­vi­an Legal Phi­lo­so­phy, Rechts­theo­rie Bei­heft 9, 1986, 289–304; Lager­qvist Almé, The »Upp­sa­la School« in Swe­den, Rechts­theo­rie Bei­heft 9, 1986, 323 ff.; Lundstedt, Die Unwis­sen­schaft­lich­keit der Rechts­wis­sen­schaft, 1932; ders., Law and Jus­ti­ce, 1952; ders., Legal Thin­king Revi­sed, 1956; Oli­ve­cro­na, Gesetz und Staat, 1940; Reuss, Lundstedts Rechts­theo­rie und ihre Beur­tei­lung in Deutsch­land, 1973; Enri­co Patta­ro, Il Rea­lis­mo Giurid­ico Scan­di­na­vo, 1975; Alf Ross, Theo­rie der Rechts­quel­len, 1929; ders., Towards a Rea­listic Juris­pru­dence, 1946; ders., On Law and Jus­ti­ce, 1958; Hans Hein­rich Vogel, Der skan­di­na­vi­sche Rechts­rea­lis­mus, 1972.

I.  Die Uppsala-Schule

Es lohn­te sich kaum, über die Upp­sa­la-Schu­le zu berich­ten, wenn nicht Theo­dor Gei­gers »Vor­stu­di­en zu einer Sozio­lo­gie des Rechts« in der Aus­ein­an­der­set­zung mit die­ser skan­di­na­vi­schen Aus­prä­gung posi­ti­vis­ti­scher Phi­lo­so­phie ent­stan­den wären. Obwohl Gei­ger sich deut­lich von der Upp­sa­la-Schu­le absetz­te, hat sie ihn doch zur Rechts­so­zio­lo­gie geführt, ähn­lich wie etwas spä­ter die Nor­we­ger Vil­hem Aubert und Tor­stein Eck­hoff.

II.  Theodor Geiger

Schrif­ten von Theo­dor Gei­ger: Die sozia­le Schich­tung des deut­schen Vol­kes, 1932; Vor­stu­di­en zu einer Sozio­lo­gie des Rechts, 1949, mit einer Ein­lei­tung neu hg. von Paul Trap­pe, 1964; Auf­ga­ben und Stel­lung der Intel­li­genz in der Gesell­schaft, 1949 (Nach­druck 1987); Ideo­lo­gie und Wahr­heit. Eine sozio­lo­gi­sche Kri­tik des Den­kens, 1953 (IuW); Arbei­ten zur Sozio­lo­gie; hg. von Paul Trap­pe, 1962; Arti­kel »Ideo­lo­gie« in: Hand­wör­ter­buch der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, Bd. V, 1956, S. 179–184; Bemer­kun­gen zur Sozio­lo­gie des Den­kens; Archiv für Rechts- und Sozi­al­phi­lo­so­phie; Bd. XLV, 1959, 23- 53

Lite­ra­tur: Hans Albert, Ideo­lo­gie und Wahr­heit. Theo­dor Gei­ger und das Pro­blem der sozia­len Ver­an­ke­rung des Den­kens; in: ders., Kon­struk­ti­on und Kri­tik; 1972, 169–192; Sieg­fried Bach­mann (Hg.), Theo­dor Gei­ger, Sozio­lo­gie in einer Zeit »zwi­schen Pathos und Nüch­tern­heit«. Bei­trä­ge zu Leben und Werk, 1994; Tho­mas Mey­er, Die Sozio­lo­gie Theo­dor Gei­gers. Eman­zi­pa­ti­on von der Ideo­lo­gie, 2001; ders./Rainer Geiß­ler, Theo­dor Gei­ger, in: Dirk Käs­ler (Hg.), Klas­si­ker der Sozio­lo­gie, 1999, 278–295; Wolf­gang Naucke/Paul Trap­pe (Hg.), Rechts­so­zio­lo­gie u. Rechts­pra­xis, 1970.

Theo­dor Gei­ger (1891−1952), ein deut­scher Sozio­lo­gie, muss­te wäh­rend der Nazi­zeit emi­grie­ren und fand eine Blei­be im däni­schen Aar­hus. Gei­ger hat­te auch Jura stu­diert und schon frü­her ein Inter­es­se an der Rechts­so­zio­lo­gie gezeigt. Wäh­rend eines Auf­ent­halts in Stock­holm mach­te er nähe­re Bekannt­schaft mit den Gedan­ken der Upp­sa­la-Schu­le, die zunächst zu einer kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung führ­te (Debat med Upp­sa­la om Moral og Ret, Lund 1946, dt. 1970). Obwohl Gei­ger den empi­ris­ti­schen Aus­gangs­punkt die­ser Schu­le teil­te, hielt er ihr doch vor, sie setz­te an die Stel­le des zu Recht bekämpf­ten Norm­fe­ti­schis­mus, der alle­zeit geneigt sei, dem posi­ti­ven Recht eine Art objek­ti­ver Gel­tung zuzu­schrei­ben, einen nicht min­der ver­fehl­ten Sank­ti­ons-Monis­mus. Denn sie las­se sich durch einen miss­ver­stan­de­nen Rea­lis­mus dazu ver­füh­ren, den Begriff der Norm über­haupt zu leug­nen, statt ihn auf sei­nen Wirk­lich­keits­ge­halt zurück­zu­füh­ren. Zugleich bemän­gel­te Gei­ger, dass die Ver­tre­ter der Upp­sa­la-Schu­le ihre eige­nen Vor­stel­lun­gen über die Not­wen­dig­keit der Eli­mi­nie­rung aller Wer­tun­gen nicht kon­se­quent genug durch­hiel­ten, und kri­ti­sier­te ihre sozio­lo­gi­sche Unzu­läng­lich­keit, da sie psy­chi­schen Gege­ben­hei­ten wie dem Rechts­be­wusst­sein und einem Sozi­al­in­stinkt Raum gäben.

Sei­ne eige­ne Rechts­theo­rie ent­wi­ckel­te Gei­ger in den 1947 zuerst in Kopen­ha­gen – in deut­scher Spra­che – erschie­ne­nen Vor­stu­di­en zu einer Sozio­lo­gie des Rechts, die einem grö­ße­ren Kreis jedoch erst bekannt gewor­den sind, nach­dem sie 1964 von Trap­pe neu her­aus­ge­ge­ben wor­den waren.

Gei­gers Arbei­ten aus der Zeit sei­ner Emi­gra­ti­on sind in Deutsch­land erst durch die Ver­mitt­lung von Paul Trap­pe wahr­ge­nom­men wor­den. Trap­pe hat­te 1959 in Mainz über die Rechts­so­zio­lo­gie Theo­dor Gei­gers pro­mo­viert. 1962 gab er einen umfang­rei­chen Band her­aus, der Arbei­ten zur Sozio­lo­gie von Theo­dor Gei­ger ent­hielt, von denen eini­ge zuvor noch nicht ver­öf­fent­licht wor­den waren. 1964 erschien der von Trap­pe edier­te Neu­druck von Gei­gers Vor­stu­di­en zu einer Sozio­lo­gie des Rechts. Im glei­chen Jahr wur­de Trap­pe nach Kiel beru­fen, wo er zusam­men mit Wolf­gang Nau­cke in Semi­na­ren und Ver­öf­fent­li­chun­gen Grund­la­gen für die in den Fol­ge­jah­ren auf­blü­hen­de Rechts­so­zio­lo­gie leg­te.

Mit Hager­ström und Lundstedt geht es Gei­ger um eine erfah­rungs­wis­sen­schaft­lich begrün­de­te Rechts­leh­re. Die­se muss jedoch nach sei­ner Vor­stel­lung von einem sozio­lo­gi­schen Aus­gangs­punkt her ent­wi­ckelt wer­den, sie muss mit der theo­re­ti­schen Rechts­so­zio­lo­gie zusam­men­fal­len (1970 S. 45). Als Aus­gangs­punkt dient Gei­ger die Gesell­schaft ins­ge­samt als Ord­nungs­ge­fü­ge, aus dem er mit einer dif­fe­ren­zie­ren­den Begriffs­ana­ly­se Recht und Staat als eine spe­zi­fi­sche Ord­nungs­er­schei­nung her­aus­prä­pa­riert. Gesell­schaft besteht für Gei­ger in der Tat­sa­che, dass Men­schen in ihrem Dasein auf­ein­an­der ein­ge­stellt und ange­wie­sen sind, in der Tat­sa­che, sozia­ler Inter­de­pen­denz (S. 46 ff.). Sie äußert sich in einer Koor­di­na­ti­on des Geba­rens (S. 48 f.):

»Gesel­li­ge Ord­nung beruht dar­auf, dass in einem gedach­ten Inte­grat … zwi­schen gewis­sen typi­schen Situa­tio­nen s und ent­spre­chen­den typi­schen Geba­rens­wei­sen g ein fes­tes Ver­hält­nis besteht … Jedes Mal, wenn s ein­tritt, löst die Wahr­neh­mung davon beim Beob­ach­ter die Vor­stel­lung g aus, und zwar in der Wei­se, dass g als die adäqua­te ›Ant­wort‹ der han­deln­den Per­son auf s erscheint. S—g wirkt m. a. W. als Modell oder Mus­ter: beim Han­deln­den als Vor­bild für sein Geba­ren in s, beim Zuschau­er als Erwar­tung eines bestimm­ten Geba­rens von Sei­ten des Han­deln­den«.

Aus blo­ßen Geba­rens­mo­del­len, die mit eini­ger Regel­mä­ßig­keit befolgt wer­den (Brauch), ent­ste­hen Nor­men, wenn sie von der Grup­pe als ver­bind­lich ange­se­hen wer­den, was wie­der­um an Sank­tio­nen zu erken­nen ist, die im Fal­le der Nicht­be­fol­gung ein­tre­ten. Gei­ger beschreibt nun, wie sich sol­che Nor­men durch Bewusst­ma­chung, ver­ba­le For­mu­lie­rung oder gar künst­li­che Sat­zung aus den dif­fu­sen gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keits­zu­sam­men­hang her­aus­he­ben kön­nen (dazu näher § 25). Ver­sam­melt sich schließ­lich die Zustän­dig­keit für die Sank­tio­nie­rung eines Nor­men­ge­fü­ges für eine bestimm­te Gesell­schaft bei einer Zen­tral­in­stanz, so bil­det sich Recht als Son­der­art sozia­ler Ord­nung (S. 126 ff., dazu unten § 26). Recht und Staat wer­den damit von Gei­ger zusam­men gedacht. Der sprin­gen­de Punkt einer empi­ri­schen Rechts­leh­re ist der Umgang mit der juris­ti­schen Vor­stel­lung von der Gül­tig­keit oder Ver­bind­lich­keit von Rechts­nor­men. Als Empi­rist wei­gert sich Gei­ger, die Ver­bind­lich­keit einer Norm aus Wert­vor­stel­lun­gen etwa über das Wesen des Staa­tes, des Rechts oder der Gerech­tig­keit oder ähn­li­chen meta­phy­si­schen Vor­stel­lun­gen abzu­lei­ten. Es kann sich nur um einen Tat­sa­chen­zu­sam­men­hang han­deln. Wie nie­mand zuvor ist es Gei­ger gelun­gen, die­sen Zusam­men­hang zu for­mu­lie­ren: Die Ver­bind­lich­keit der Norm besteht in ihrer Wir­kungs­chan­ce. Der von Gei­ger erziel­te Fort­schritt liegt in zwei­er­lei. Zunächst bestimmt er die Wirk­lich­keit oder Wir­kung einer Norm alter­na­tiv. Eine Norm ist wirk­sam sowohl dann, wenn sie befolgt wird als auch in den Fäl­len, in denen auf die Nicht­be­fol­gung eine Sank­tio­nie­rung folgt (S. 68 ff.) Die Wirk­sam­keit wird dadurch zu einer mess­ba­ren Grö­ße, zur Effek­ti­vi­täts­quo­te, der eine Inef­fek­ti­vi­täts­quo­te ent­spricht (dazu näher § 47). Sodann löst er die Ver­bind­lich­keits­fra­ge dahin, dass die Gel­tung einer (Rechts-)Norm sich stets nur im Sin­ne eines Wahr­schein­lich­keits­ur­teils beant­wor­ten lässt, dass die bis­her beob­ach­te­te Wir­kung der Norm auf die Zukunft pro­ji­ziert (S. 207 ff.).

Man braucht den Wert­ni­hi­lis­mus Gei­gers nicht zu tei­len, um die Bedeu­tung die­ser Bestim­mung zu schät­zen. Auch wenn man das Recht nicht nur als Tat­sa­chen­zu­sam­men­hang ver­ste­hen will, so ist es min­des­tens auch ein sol­cher. Allein auf das Recht als Tat­sa­chen­zu­sam­men­hang zielt aber die Rechts­so­zio­lo­gie. Indem Gei­ger die­sen Tat­sa­chen­zu­sam­men­hang in einer prin­zi­pi­ell bis heu­te gül­ti­gen Wei­se her­aus­prä­pa­riert hat, hat er einen Grund­stein zur Rechts­so­zio­lo­gie gelegt.

Dar­in erschöpft sich Gei­gers Bedeu­tung bei wei­tem nicht. Schon bevor er emi­grier­te, war er in Deutsch­land durch sei­ne empi­ri­schen Unter­su­chun­gen zur sozia­len Schich­tung bekannt gewor­den. Wäh­rend der Emi­gra­ti­on ent­stan­den nicht zuletzt Arbei­ten zur Ideo­lo­gie­kri­tik (u. III).

Für Juris­ten mehr noch als für die Sozio­lo­gen war Gei­ger, beson­ders in den 60er Jah­ren, als sich eigent­lich sonst nichts zu bewe­gen schien, ein gro­ßer Anre­ger. Er war ein eigen­stän­di­ger Den­ker, der kla­re Posi­tio­nen bezo­gen hat­te. Als Aus­gangs­punkt sind sie bis heu­te nütz­lich, wenn man über Ideo­lo­gie, Recht und Moral, über den Rechts­be­griff oder über die Wirk­sam­keit des Rechts dis­ku­tie­ren will. Damit ist Gei­gers Werk nicht erschöpft. Sozio­lo­gen schät­zen nach wie vor sei­ne empi­ri­schen Arbei­ten zur sozia­len Schich­tung und zur Rekla­me.

III.   Ideologiekritik und Wissenssoziologie bei Mannheim und Geiger

Schrif­ten von Karl Mann­heim: Ideo­lo­gie und Uto­pie (1929), 8. Aufl., 1995; Arti­kel »Wis­sens­so­zio­lo­gie«, in: Alfred Vier­kan­dt (Hg.), Hand­wör­ter­buch der Sozio­lo­gie, 1931, 659–680; Wis­sens­so­zio­lo­gie, mit einer Ein­lei­tung hg. von Kurt H. Wolff, 1964; dar­in ins­be­son­de­re: Die Struk­tur­ana­ly­se der Erkennt­nis­theo­rie [1922]; Das Pro­blem einer Sozio­lo­gie des Wis­sens [1925]; Ideo­lo­gi­sche und sozio­lo­gi­sche Inter­pre­ta­ti­on der geis­ti­gen Gebil­de [1926]; Das kon­ser­va­ti­ve Den­ken. Sozio­lo­gi­sche Bei­trä­ge zum Wer­den des poli­tisch-his­to­ri­schen Den­kens in Deutsch­land [1927]; Das Pro­blem der Genera­tio­nen [1928]; Die Bedeu­tung der Kon­kur­renz im Gebie­te des Geis­ti­gen [1929].

Lite­ra­tur: Ulrich Arens, Theo­dor Gei­gers Kri­tik der Wis­sens­so­zio­lo­gie, in Sieg­fried Bach­mann (Hg.), Theo­dor Gei­ger, Sozio­lo­gie in einer Zeit »zwi­schen Pathos und Nüch­tern­heit«. Bei­trä­ge zu Leben und Werk, 1994, 107–115; Lud­wik Fleck, Ent­ste­hung und Ent­wick­lung einer wis­sen­schaft­li­chen Tat­sa­che: Ein­füh­rung in die Leh­re vom Denk­stil und Denk­kol­lek­tiv, 2006 [Orign. 1936]; Michel Fou­cault, Die Ord­nung der Din­ge. Eine Archäo­lo­gie der Human­wis­sen­schaf­ten, 1974; Ronald Hitzler/Jo Reichertz/Norbert Schrö­er (Hg.), Her­me­neu­ti­sche Wis­sens­so­zio­lo­gie, 1999; Wil­helm Hof­mann, Karl Mann­heim zur Ein­füh­rung, 1996; David Kettler/Volker Meja, Karl Mann­heim, in: Dirk Käs­ler (Hg.), Klas­si­ker der Sozio­lo­gie, Band 1, 4. Aufl., 2003; Kurt Lenk, Ideo­lo­gie, Ideo­lo­gie­kri­tik und Wis­sens­so­zio­lo­gie, 9. Aufl. 1984; Niklas Luh­mann, Gesell­schafts­struk­tur und Seman­tik. Stu­di­en zur Wis­sens­so­zio­lo­gie Bd. 1, 1980; Vol­ker Meja/Nico Stehr, Der Streit um die Wis­sens­so­zio­lo­gie, 2. Band Rezep­ti­on und Kri­tik der Wis­sens­so­zio­lo­gie; dies., Zum Streit um die Wis­sens­so­zio­lo­gie, in: dies. (Hg.), Der Streit um die Wis­sens­so­zio­lo­gie. 1. Band 1982, 11–23; Rober K. Mer­ton, Karl Mann­heim and the Socio­lo­gy of Know­ledge [1941], in: ders., Soci­al Theo­ry and Soci­al Struc­tu­re, 1957; ders., Zur Wis­sens­so­zio­lo­gie, in: ders., Ent­wick­lung und Wan­del von For­schungs­in­ter­es­sen, 1985, 217–257 [1945]; Klaus F. Röhl, Theo­dor Gei­ger, Bemer­kun­gen zur Sozio­lo­gie des Den­kens, ARSP XLV, 1959, 23–52, ARSP Bei­heft 116, 2009, 149–165; Max Scheler, Pro­ble­me einer Sozio­lo­gie des Wis­sens, 1926; ders., Die Wis­sens­for­men und die Gesell­schaft, 1926; Nico Stehr/Volker Meja (Hg.), Wis­sens­so­zio­lo­gie, KZfSS, Son­der­heft 221980.

Ideo­lo­gisch war für Gei­ger eine theo­re­tisch gemein­te a-theo­re­ti­sche Aus­sa­ge:

»Als ideo­lo­gisch sol­len jene Aus­sa­gen bezeich­net wer­den, die ihrer sprach­li­chen Form und dem in ihnen aus­ge­drück­ten Sin­ne nach sich als theo­re­ti­sche Sach­aus­sa­gen geben, die aber a-theo­re­ti­sche, nicht der objek­ti­ven Erkennt­nis­wirk­lich­keit zuge­hö­ren­de Bestand­tei­le ent­hal­ten.« (IuW S. 66)

Die­ser Ideo­lo­gie­be­griff ist kri­tisch, weil er die Aus­sa­gen an der Wirk­lich­keit misst. Zwar ist nicht jede in die­sem Sin­ne fal­sche Aus­sa­ge ideo­lo­gisch: Die ideo­lo­gi­sche Aus­sa­ge ist gewis­ser­ma­ßen »fal­scher als bloß falsch« (IuW S. 34). Gei­ger sagt von sei­nem Ideo­lo­gie­be­griff, er sei ohne die Vor­stel­lung jeden­falls der theo­re­ti­schen Mög­lich­keit wirk­lich­keits­ad­äqua­ter Aus­sa­gen nicht sinn­voll (IuW S. 6).

Die­ser Aus­gangs­punkt setzt ein ganz bestimm­tes Wis­sen­schafts­ver­ständ­nis vor­aus, und zwar ein sol­ches, das wir heu­te als posi­ti­vis­tisch oder, kri­tisch gewen­det, als szi­en­tis­tisch bezeich­nen (§ 14). Gei­ger lässt kei­nen Zwei­fel, dass das Ziel einer jeden theo­re­ti­schen Aus­sa­ge »die Über­ein­stim­mung mit einer objek­tiv gege­be­nen Erkennt­nis­wirk­lich­keit« zu sein hat (IuW S. 35). Theo­re­ti­sche Aus­sa­gen sind für ihn nur sol­che, die als rich­tig oder falsch auf­ge­wie­sen wer­den kön­nen. Die­ser Fall liegt vor, wenn die Aus­sa­ge nichts ande­res ist als die Ver­ar­bei­tung von Beob­ach­tun­gen nach den Regeln der Logik (IuW S. 47).

Pro­to­typ einer ideo­lo­gi­schen Aus­sa­ge ist für Gei­ger das Wert­ur­teil (IuW S. 53). Das ist auf den ers­ten Blick nicht ganz ein­sich­tig, denn Ideo­lo­gie ist ja nach Gei­ger etwas theo­re­tisch gemein­tes A-Theo­re­ti­sches. Wie kön­nen Wert­ur­tei­le theo­re­tisch gemeint sein? Gei­ger ent­wi­ckelt sei­nen Stand­punkt in Aus­ein­an­der­set­zung mit der Upp­sa­la-Schu­le und hier vor allem mit Hager­ström. Die­ser hat­te Wert­ur­tei­le als blo­ße Gefühls­äu­ße­run­gen für theo­re­tisch sinn­los gehal­ten. Gei­ger unter­schei­det dage­gen zwi­schen Wert­be­kennt­nis­sen und Wert­ur­tei­len. Wert­be­kennt­nis­se – der Aus­druck ist nicht von Gei­ger – bezeu­gen nur die eige­ne Gefühls­re­la­ti­on zu einem Gegen­stand. Wert­ur­tei­le dage­gen ver­lan­gen nach Zustim­mung und neh­men damit Rich­tig­keit für sich in Anspruch. Damit erhe­ben sie einen theo­re­ti­schen Anspruch. Da sie die­sen Anspruch nicht ein­lö­sen kön­nen, sind sie theo­re­tisch gemeint, jedoch tat­säch­lich a-theo­re­tisch, und damit ideo­lo­gisch. Das Pro­blem sieht Gei­ger also nicht in der Wer­tung als sol­cher, son­dern dar­in, dass für eine Wer­tung über­in­di­vi­du­el­le Gel­tung bean­sprucht wird.

Mit sei­nem Ideo­lo­gie­be­griff bezog Gei­ger (in den »Bemer­kun­gen«) auch Stel­lung in dem Streit um die Wis­sens­so­zio­lo­gie Karl Mann­heims. Mann­heims Buch »Ideo­lo­gie und Uto­pie« von 1929 hat­te als­bald über 30 Stel­lung­nah­men aus­ge­löst. Der Streit um die Wis­sens­so­zio­lo­gie wur­de nach dem Wert­ur­teils­streit zur zwei­ten gro­ßen Wis­sen­schafts­kon­tro­ver­se. Ver­mut­lich kann man die­sen Streit sei­ner­seits unter ideo­lo­gie­kri­ti­schen Gesichts­punk­ten sehen, denn min­des­tens die­je­ni­gen, die sich als Sozio­lo­gen betei­lig­ten, muss­ten um die Zukunft des noch längst nicht eta­blier­ten Faches und erst recht um die eige­ne Posi­ti­on im aka­de­mi­schen Betrieb besorgt sein. Aus der Sicht Gei­gers ging es viel­leicht dar­um, ob die Sozio­lo­gie der Nach­kriegs­zeit die geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Rich­tung Mann­heims ein­schla­gen oder der von ihm selbst bevor­zug­ten empi­ri­schen Sozio­lo­gie ame­ri­ka­ni­schen Mus­ters fol­gen wür­de. Doch wich­ti­ger war noch ein ande­rer Antrieb, den er selbst ideo­lo­gisch genannt haben wür­de. Er mein­te näm­lich, die Natio­nal­so­zia­lis­ten hät­ten sich als­bald auf Mann­heims Leh­re gestürzt.

Was die Wir­kungs­ge­schich­te betrifft, so hat Mann­heim weit­aus tie­fe­re Spu­ren hin­ter­las­sen hat als Gei­ger. Die Kon­junk­tur von Ideo­lo­gie­kri­tik als wis­sen­schaft­li­chem The­ma ist seit der Wen­de von 1989 ver­ebbt ist. Dafür reden heu­te mehr oder weni­ger alle von Wis­sens­so­zio­lo­gie. Mann­heim ist über­all prä­sent, obwohl er eben­so wenig wie Gei­ger eine Schu­le gebil­det hat. Ein Grund dafür ist, dass der Main­stream der Sozio­lo­gie sich heu­te mehr oder weni­ger auf Wis­sens­so­zio­lo­gie umge­stellt hat. Zwar hat die neue Wis­sens­so­zio­lo­gie, wie sie mit dem Werk von Mead, Ber­ger und Luck­mann ver­bun­den ist, mit der alten wenig mehr als den Namen gemein­sam. Aber allein das genügt schon, um das Werk Mann­heims min­des­tens als Teil der Dog­men­ge­schich­te in Erin­ne­rung zu behal­ten. Sie ist eben heu­te die klas­si­sche Wis­sens­so­zio­lo­gie. Dar­über hin­aus war Mann­heim mit dem in sei­ner Theo­rie ange­leg­ten Anti­fun­da­men­ta­lis­mus ein Vor­läu­fer post­mo­der­ner Erkennt­nis­theo­rie und eines gesell­schafts­theo­re­ti­schen Plu­ra­lis­mus.

IV.  Ideologiekritik als rechtsoziologisches Konzept

Lite­ra­tur: J. M. Bal­kin, Cul­tu­ral Soft­ware, A Theo­ry of Ideo­lo­gy, New Haven, Conn. 1998; Patri­cia Ewick (Hg.), Con­scious­ness and Ideo­lo­gy, 2006 (Reader); Carol J. Green­house, Cour­ting Dif­fe­rence: Issu­es of Inter­pre­ta­ti­on and Com­pa­ri­son in the Stu­dy of Legal Ideo­lo­gies, Law and Socie­ty Review 22, 1988, 687–707; Alan Hunt, The Ideo­lo­gy of Law: Advan­ces and Pro­blems in Recent App­li­ca­ti­ons of the Con­cept of Ideo­lo­gy to the Ana­ly­sis of Law, Law and Socie­ty Review, 19, 1985, 11–37

In der Rechts­so­zio­lo­gie hat man zunächst ein Ideo­lo­gie­kon­zept über­nom­men, das auf die Deut­sche Ideo­lo­gie von Karl Marx und Fried­rich Engels zurück­geht. Danach ist eine Ideo­lo­gie ein phi­lo­so­phi­sches, reli­giö­ses oder sons­ti­ges Gedan­ken­ge­bäu­de, das die rea­len Ver­hält­nis­se in der Gesell­schaft ver­hüllt und die Men­schen mit einem fal­schen Bewusst­sein aus­stat­tet, dass sie an der Wahr­neh­mung von Macht und Aus­beu­tung hin­dert. In Zei­ten der Wis­sen­so­zio­lo­gie hat der Ideo­lo­gie­be­griff sei­ne Kon­tu­ren ver­lo­ren.

V.  Exkurs: Neue Wissenssoziologie

Lite­ra­tur: Peter L. Berger/Thomas Luck­mann, Die gesell­schaft­li­che Kon­struk­ti­on der Wirk­lich­keit. Eine Theo­rie der Wis­sens­so­zio­lo­gie, 1977; Georg Kne­er, Jen­seits von Rea­lis­mus und Anti­rea­lis­mus. Eine Ver­tei­di­gung des Sozi­al­kon­struk­ti­vis­mus gegen­über sei­nen post­kon­struk­ti­vis­ti­schen Kri­ti­kern, in: Zeit­schrift für Sozio­lo­gie 38 (2009), 5–25; Hubert Knob­lauch, Wis­sens­so­zio­lo­gie, 2005; Rai­ner Schüt­zei­chel (Hg.), Hand­buch der Wis­sens­so­zio­lo­gie und Wis­sens­for­schung, 2007; Hans-Georg Soeffner/Ehrhardt Cremers, Inter­ak­ti­ons­typ »Recht-Spre­chen«. Kurs­ein­heit 1 und 2, Fern­uni­ver­si­tät Hagen, 1988

Die neue kon­struk­ti­vis­ti­sche Wis­sens­so­zio­lo­gie (nWS) der Kon­stan­zer Schu­le erhebt inzwi­schen den Anspruch einer sozio­lo­gi­schen Uni­ver­sal­theo­rie. Der Ansatz ist ein­fach: Gesell­schaft spielt sich als Wis­sen in den Köp­fen der Men­schen ab. Alle Sozio­lo­gie ist Wis­sens­so­zio­lo­gie. Nicht zufäl­lig trägt Luh­manns Buch »Gesell­schafts­struk­tur und Seman­tik« (1995) den Unter­ti­tel »Stu­di­en zu einer Wis­sens­so­zio­lo­gie der moder­nen Gesell­schaft.« Die­ses Wis­sen ist nicht Infor­ma­ti­on, die unab­hän­gig von kon­kre­ten Men­schen vor­han­den ist und auf die­se ein­wirkt, son­dern es wird als leben­di­ges Wis­sen in sozia­len Hand­lungs­voll­zü­gen jeweils neu zusam­men­ge­setzt. Die nWS wen­det sich des­halb gegen die Tren­nung von Wis­sen und Sozia­lem und will bei­des »wie zwei Sei­ten der­sel­ben Medail­le« (Knob­lauch S. 136) inte­grie­ren. Das ist und bleibt eine schö­ne Illu­si­on.

Zu dem Wis­sen in den Köp­fen der Men­schen gibt es kei­nen direk­ten Zugang. Es lässt sich immer nur aus Äußer­lich­kei­ten, Hand­lun­gen oder Zei­chen erschlie­ßen. Als Metho­de dient die »Rekon­struk­ti­on«. Sie ist ver­wandt, ja mehr oder weni­ger iden­tisch mit den ver­ste­hen­den Metho­den der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten. Rekon­stru­iert wer­den soll, wie ganz kon­kret die sozia­le Hand­lung zustan­de kommt. Alles, was auf den Han­deln­den ein­wirkt, soll noch im Moment der Unent­schie­den­heit fest­ge­hal­ten wer­den. Dage­gen wäre prin­zi­pi­ell nichts ein­zu­wen­den; im Gegen­teil, spä­tes­tens seit Max Weber ist klar, dass Sozio­lo­gie dar­auf ange­wie­sen ist, den Sinn sozia­len Han­delns ver­ste­hend zu erschlie­ßen. Pro­ble­ma­tisch ist jedoch die Beto­nung der Kon­tin­genz und damit die Ver­nach­läs­si­gung, ja Ver­drän­gung der fait soci­aux, der ver­fes­tig­ten sozia­len Struk­tu­ren, in den die Men­schen frem­dem Wis­sen begeg­nen, und als Fol­ge der Ver­zicht auf eine quan­ti­ta­tiv ori­en­tier­te Empi­rie. Metho­de der Wahl ist eine mikro­so­zio­lo­gi­sche Eth­no­me­tho­do­lo­gie.

Die fait soci­aux, ver­ding­lich­te Sozi­al­struk­tu­ren, sind nicht aus Stein und Beton, man kann sie nicht sehen und anfas­sen, son­dern nur als Zei­chen wahr­neh­men, aber sie sind des­halb nicht weni­ger mas­siv. Wer­te, Mora­len oder Rechts­ord­nun­gen sind natür­lich kei­ne Natur­ge­wal­ten, son­dern wir­ken nur, wenn sie als rele­vant wahr­ge­nom­men wer­den. Aber sie las­sen sich nicht ohne Kos­ten igno­rie­ren oder weg­in­ter­pre­tie­ren. Die Grund­fra­ge der »alten« Wis­sens­so­zio­lo­gie lau­tet nach Ber­ger und Luck­mann (S. 20): »Wie ist es mög­lich, dass sub­jek­tiv gemein­ter Sinn zu objek­ti­ver Fak­ti­zi­tät wird?« Aber von die­ser Fra­ge hat sich die nWS ver­ab­schie­det. »Objek­ti­ve Fak­ti­zi­tät« scheint es gar nicht mehr zu geben. Alles wird ver­flüs­sigt und resub­jek­ti­viert. Die Auf­merk­sam­keit gilt nicht irgend­wel­chen Struk­tu­ren, son­dern dem kon­ti­nu­ier­li­chen Pro­zess, in dem sich die Gesell­schaft selbst immer wie­der erneu­ert. Hand­lun­gen, Kom­mu­ni­ka­tio­nen, die lau­fen­de Aneig­nung, Refor­mu­lie­rung und Ver­än­de­rung von Wis­sens­be­stän­den, kurz, das Flie­ßen und nicht der Fluss ist das The­ma.

Wis­sens­be­stän­de sind immer von Men­schen geschaf­fen. Sie gewin­nen jedoch ihre eige­ne, objek­ti­ve Exis­tenz. Sie wer­den in Ver­brei­tungs­me­di­en gespei­chert und kön­nen noch nach Jahr­tau­sen­den wie­der­ge­won­nen wer­den. Auch die Men­schen sind wäh­rend ihrer Leb­zeit für ande­re Spei­cher- und Ver­brei­tungs­me­di­um. Men­schen sind aller­dings kei­ne pro­gram­mier­ten Robo­ter. Aber ihre Indi­vi­dua­li­tät sieht man nur, wenn man sehr nahe her­an­geht. Aus der Distanz beneh­men sie sich eher wie eine Her­de. Jeder Mensch ist als Indi­vi­du­um etwas Beson­de­res. Sozio­lo­gisch ist der Zusam­men­hang zwi­schen Den­ken und Han­deln aber nur inter­es­sant, soweit die Men­schen als Mit­glie­der von Grup­pen und Insti­tu­tio­nen han­deln.

Man kann die nWS als eine Anstren­gung wür­di­gen, das Sozia­le in sei­ner Dyna­mik zu erfas­sen. Es ist ja rich­tig: »Das Sozia­le« ist ein Pro­zess; es ist stän­dig in Bewe­gung. Nor­men, Wer­te und selbst Kogni­tio­nen wer­den immer nur in kon­kre­ten Hand­lungs­si­tua­tio­nen rele­vant, und jede noch so unbe­deu­ten­de Hand­lung trägt, wie mini­mal auch immer, zu ihrer Ver­mitt­lung, Bestä­ti­gung oder Ver­än­de­rung bei. Aber wenn man das Was­ser im Fluss genau anse­hen will, dann muss man es anhal­ten und dann fließt es nicht mehr. Oder man muss den Fluss aus der Distanz betrach­ten.

Soeff­ner und Cremers zei­gen anschau­lich am Bei­spiel von Gerichts­ver­hand­lun­gen, wie man mit den wis­sens­so­zio­lo­gi­schen Instru­men­ten arbei­tet. Die Inter­ak­ti­on bei Gericht läuft anders ab als im All­tag, weil hier die auf Gerichts­sei­te Betei­lig­ten in bestimm­ten Rol­len han­deln, die durch Rechts­re­geln und pro­fes­sio­nel­le Stan­dards geprägt sind. Die Pro­fes­sio­nel­len sind per­sön­lich nicht betrof­fen, und das Ver­fah­ren ist für sie Rou­ti­ne, so dass sie rela­tiv distan­ziert und ohne gro­ße Gefühls­be­tei­li­gung agie­ren kön­nen. Für Ange­klag­te, Par­tei­en und auch für vie­le Zeu­gen han­delt es sich dage­gen um eine außer­or­dent­li­che Situa­ti­on, in der für sie meist viel auf dem Spiel steht. In der Rechts­so­zio­lo­gie spricht man des­halb von einer ver­zerr­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on und manch­mal sogar von Zwangs­kom­mu­ni­ka­ti­on. Soeff­ner und Cremers war­nen jedoch vor »zwangs­kom­mu­ni­ka­ti­ven Deter­mi­nis­mus«, denn die Beob­ach­tung und Ana­ly­se von Gerichts­ver­fah­ren zei­ge immer wie­der die »rela­ti­ve Offen­heit« der Situa­ti­on selbst vor Gericht. In der Tat, das Gerichts­ver­fah­ren ist kein Auto­ma­tis­mus, die Betei­lig­ten sind kei­nes­wegs sprach­los, der Ablauf ist oft höchst leben­dig, und das Ergeb­nis des ein­zel­nen Ver­fah­rens nur schwer vor­her­seh­bar. Aber die­se Offen­heit zeigt sich nur aus der Nähe. Aus der Distanz betrach­tet sind Ver­lauf und Ergeb­nis weit­ge­hend fixiert.

Wenn es sich nur um eine Rezep­ti­on und Prak­ti­zie­rung der von Mead, Ber­ger und Luck­mann begrün­de­ten Mikro­so­zio­lo­gie han­del­te, wäre gegen die nWS nichts ein­zu­wen­den. Im Gegen­teil, sie wäre eine wert­vol­le Berei­che­rung im Strauß der sozio­lo­gi­schen Metho­den. Tat­säch­lich tritt die nWS aber, ähn­lich wie die Kul­tur­wis­sen­schaf­ten, mit einem impe­ria­len Anspruch auf, der sich nicht ein­lö­sen lässt. Die mikro­so­zio­lo­gi­sche Annä­he­rung ist frag­los span­nend und rele­vant. Aber sie darf nicht beim Ein­zel­fall ste­hen blei­ben. Dar­auf kom­men ich in § 35 unter der Über­schrift »Struk­tur und Pro­zess« zurück.

Von der Wis­sens­so­zio­lo­gie ist die Wis­sen­schafts­for­schung zu unter­schei­den. Sie unter­sucht mit empi­ri­schen und theo­re­ti­schen Mit­teln das gesell­schaft­li­che Teil­sys­tem Wis­sen­schaft und sei­ne Wech­sel­wir­kung mit ande­ren Teil­sys­te­men. Aller­dings bedient sich die Wis­sen­schafts­for­schung gegen­wär­tig mit Vor­lie­be wis­sens­so­zio­lo­gi­scher Metho­den (sog. Labor­for­schung).

[Stand der Bear­bei­tung: Dezem­ber 2009]

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